Jakob Lorber

Großes Evangelium Johannes - Band 7

Ein Buch der Offenbarungen Jesu durch Jakob Lorber

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre. Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber. Nach der Siebten Auflage.

Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, Hindenburgstraße 5, D-74321 Bietigheim-Bissingen.

Inhaltsverzeichnis

Zum Gesamtverzeichnis

1. Ein Sonnenaufgang und seine Entsprechung

2. Die heranziehenden Handelsleute

3. Die abergläubischen Sklavenhändler.

4. Die Bekehrung des Sklavenhändlers.

5. Die Befreiung der Sklaven.

6. Über Handel und Wucher.

7. Agrikola verhört einen Tempelobersten.

8. Die verbrecherischen Tempelsatzungen.

9. Das Bekenntnis des scheinbaren Verbrechers.

10. Das Geständnis des Obersten.

11. Das Urteil des Agrikola.

12. Das Mahl in der Herberge.

13. Agrikolas Hinweis auf Jesus.

14. Die neuen Gäste in der Herberge und ihre Bewirtung.

15. Eine Erklärung der Materialisationen.

16. Die Arbeit der Naturgeister bei der Metallbildung. Das Geheimnis des Wunders.

17. Die Urstoffe der Schöpfung.

18. Die sieben Urgeister Gottes. Die Erlösung.

19. Die Kriege Jehovas.

20. Die Disharmonie der sieben Geister im Menschen.

21. Wunder über Wunder.

22. Der jungen Jüdin Wißbegier in bezug auf Jesus.

23. Des Römers Messiasfrage.

24. Raphael kleidet die Armen.

25. Der jungen Jüdin Vermutung über die Person Jesu.

26. Der Jüdin Ausflucht.

27. Jesu Hinweis auf messianische Weissagungen.

28. Erklärung der drei ersten Gebote.

29. Das vierte Gebot.

30. Die Kritik der Helias über das vierte Gebot.

31. Das fünfte Gebot.

32. Das sechste Gebot.

33. Das siebente Gebot.

34. Das achte Gebot.

35. Das neunte und zehnte Gebot.

36. Die Wichtigkeit der Gedankenüberwachung.

37. Armut und Reichtum.

38. Über menschliche Kritik. Jesu Rat, sich aller Zweifel zu entäußern. Der innere Verkehr mit Jesus.

39. Die Ansichten des jungen Sklaven. Rußlands Zukunft.

40. Lazarus und Raphael bedienen die Fremden.

41. Raphael und die Griechen.

42. Ein Wunder Raphaels.

43. Agrikolas Frage nach dem Wesen Raphaels. Der Segen der Geduld.

44. Die nächtliche Lichterscheinung der 10 Wolkensäulen.

45. Die veränderte Himmelserscheinung und die Verlegenheit der Templer.

46. Nikodemus bei Lazarus auf dem Ölberge.

47. Nikodemus unterhält sich mit Lazarus über die Lichterscheinung.

48. Nikodemus vor Jesus.

49. Die Erscheinung vom alten und neuen Jerusalem.

50. Jesus erklärt die Lichterscheinungen.

51. Die Vergangenheit und Zukunft der Juden.

52. Schicksal oder Willensfreiheit ?

53. Über das Maß des Guten und Schlimmen.

54. Die Erklärung der dritten Lichterscheinung.

55. Die rechte Erkenntnis der Weisheit Gottes durch die Wiedergeburt.

56. Das Wesen der Engel. Liebe und Weisheit, Herz und Verstand.

57. Die Jakobsleiter. Vom Wesen der Träume. Die Seele im Jenseits.

58. Seele und Leib. Jenseitiger Zustand einer verweltlichten Seele. Der Mond und seine Bewohner.

59. Die wahre Anbetung Gottes.

60. Die Griechen auf dem Wege zum allein wahren Gott.

61. Die Ernährung der Engel. Hinweis auf das 6. und 7. Buch Mosis.

62. Der Wert der Willensfreiheit des Menschen. Die jenseitige Erfahrungen der Propheten. Vom Seligwerden.

63. Das Volk und die Templer.

64. Der Dank der befreiten Sklaven.

65. Das Schauvermögen der Seele nach dem Tode.

66. Das Wesen der Seele und des Geistes. Die Seele im Jenseits.

67. Die verschiedenen Stufen der Seligkeit vollendeter Seelen.

68. Das Wesen der Engel.

69. Die Macht der Engel.

70. Vom Wesen der Luft.

71. Das Wesen des Geistes.

72. Das Wesen des Äthers.

73. Das Reingeistige in der Materie.

74. Die Wirkung des Geistes auf die Materie.

75. Der Geist, die innerste Kraft.

76. Die Befreiung vom Materiellen.

77. Der Prozeß der inneren Umwandlung im Menschen.

78. Bericht des Talwirtes über die Vorgänge im Tempel.

79. Das Volk enthüllt die Greuel der Pharisäer.

80. Die Anfrage des Bethlehemers an die Schriftgelehrten.

81. Die Geschichte des Judenvolkes.

82. Des Nikodemus Rede an das Volk.

83. Der Rat der Pharisäer.

84. Die Zersplitterung im Hohen Rate.

85. Das rechte Fasten und Beten.

86. Die verkappten Tempeldiener bei Lazarus.

87. Die Tempelherren pilgern zu Nikodemus.

88. Die Rede des Nikodemus an die Templer.

89. Die Erzählung des Römers von der Macht des Nubiers.

90. Der Römer warnt die Templer vor der Macht Jesu.

91. Lebensversorgung durch Ergebenheit in Jesu Willen. Die materielle und die geistige Sündflut.

92. Vom Wohltun. Die Führung der Menschen durch die göttliche Vorsehung.

93. Das Böse und sein Gericht.

94. Die Zulässigkeit der Todesstrafe.

95. Die drei Magier aus Indien und ihre Wunder.

96. Raphael entlarvt die Magier.

97. Die Verteidigungsrede des Hauptmagiers.

98. Das Geständnis des Hauptmagiers.

99. Der nicht erhörte Ruf der Indier nach Gott.

100. Der wahre Weg zu Gott.

101. Von den indischen Religionssystemen.

102. Die große Ahnung der drei Magier. Die wunderbare Herbeischaffung des Diamanten.

103. Der Weg zur Lebensvollendung.

104. Die Schuld der Magier.

105. Die Frage des Magiers nach dem Wege der Offenbarung.

106. Die Führung des indischen Volkes.

107. Die Offenbarung in Indien.

108. Das Sehnen der Magier nach dem wahren Gott.

109. Alles zu seiner Zeit! Jesus und die leibliche Ordnung.

110. Der heftige Nordwind und sein Zweck. Das tote Meer.

111. Die Zweifel des indischen Magiers.

112. Die verschiedene Gestaltung alles Geschaffenen.

113. Die Notwendigkeit der Verschiedenheit alles Geschaffenen.

114. Die Erde als Organismus.

115. Der gute Zweck der Giftbäume in Indien. Die Entwicklung der Erde. Die Wanderung der Meere.

116. Die Frage nach der Wahrheit.

117. Wesen und Sitz der Wahrheit. Das Forschen der drei Magier nach der Wahrheit.

118. Die Beratung der Magier.

119. Die vulkanischen Vorgänge in der Gegend des Toten Meeres.

120. Agrikolas Fragen nach der Führung der Menschen.

121. Die Führung der Menschheit.

122. Die Magier erkennen Jesus.

123. Die Aufnahme von Jesu Wort in Indien.

124. Berufene und Auserwählte.

125. Des Magiers Zweifel über das Gleichnis von den Pfunden.

126. Die allgemeine Vorbildung der Kinder.

127. Das Reich Gottes.

128. Die Örtlichkeit der Himmel.

129. Das jenseitige Wirkungsfeld der Apostel und der Kinder Gottes.

130. Der Abzug nach Emmaus.

131. Auf dem Wege nach Emmaus.

132. Jesus und die Bettlerin.

133. Die Bettelkinder aus Emmaus.

134. Jesus bei der armen Familie.

135. Agrikola und die Hirten.

136. Das Gespräch Jesu mit Nikodemus über die Armen.

137. Die neugierigen Bürger von Emmaus.

138. Die Ankunft der sieben Oberägypter. Die erkenntnistiefe Rede des Ägypters an Jesus. Vom rechten Genießen der Nahrung.

139. Die beiden Römer erkennen Jesus. Jesu Mahnung, Ihn nicht voreilig vor der Welt zu bekennen.

140. Die Bestimmung des Menschen. Der Zweck der Menschwerdung Jesu.

141. Gottes herablassende Liebe zu den Menschen. Des Menschen Stellung zu Gott. Die wahre Demut. Die wahre Anbetung Gottes. Sündenvergebung.

142. Form und Geist der Geschöpfe.

143. Auf dm Hügel bei Emmaus.

144. Pharisäer besuchen Nikodemus.

145. Der Oberägypter enthüllt die Gedanken der Pharisäer.

146. Die Züchtigung des reichen Barabe.

147. Das Versprechen der Pharisäer.

148. Raphael enthüllt die Sünden der Pharisäer.

149. Raphaels überzeugendes Wunder.

150. Das innere Wesen des Menschen.

151. Die göttliche Führung der Menschen.

152. Die Verschiedenheit der Gaben des Geistes.

153. Die Sühne der Pharisäer.

154. Jesus und die Pharisäer.

155. Die drei Grade der inneren Lebensvollendung.

156. Über das Kloster- und Einsiedlerleben. Zweck der Versuchungen.

157. Wie wahre Reue und Buße beschaffen ist.

158. Von der gerechten Klugheit und Vorsicht.

159. Die geistige Sehe der Oberägypter.

160. Glauben und Schauen. Der geistige Entwicklungsgang des Oberägypters.

161. Die innere Offenbarung des Oberägypters.

162. Abraham erscheint vor den Templern.

163. Moses und Elias ermahnen die neubekehrten Pharisäer.

164. Ein Schnelligkeitswunder Raphaels.

165. Jesus sendet den Sklavenhändler Hibram in seine Heimat.

166. Die Aussendung der 70 Arbeiter als Boten des Heilandes. (Ev. Luk. Kap. 10)

167. Die Aufgabe der 70 Ausgesandten.

168. Ratschläge Jesu zu Agrikolas Heimreise. Die Stärkung des Glaubens und Vertrauens durch Übung. Die Reife für den Empfang von Gnadengaben.

169. Jesu Mahnworte an die nordische Jugend. Von den Engeln Himmel und Hölle. Das Wesen der inneren Geistesehe.

170. Die Handelskarawane aus Damaskus.

171. Jesus erklärt das zweite Kapitel Jesaja.

172. Jesus erklärt die Zukunftsbilder Jesajas.

173. Über die scheinbar ungerechten Führungen der Menschen.

174. Erklärung von Jesaja 2,6-22. Die Gnadeneröffnungen des neuen Lichtes.

175. Erklärung des 3. Kapitels Jesaja. Die Zustände einer geordneten Gemeinde.

176. Der Zusammenbruch der falschen Religionsgebäude, gedeutet aus Jesaja 3,6-27

177. Die Rangsucht. Hochmut und Demut.

178. Jesus schlichtet den Streit zwischen den Damaszenern und den Wirten von Emmaus.

179. Ein kleines Evangelium an die Damaszener.

180. Jesus erweckt ein verstorbene Witwe.

181. Die Rückkehr auf den Ölberg. Die Trägheit als größtes Übel.

182. Ein merkwürdiger Sonnenaufgang.

183. Die Ursache der Nebensonnen.

184. Jesus erklärt die Erscheinung der Nebensonnen.

185. Jesu Anordnung für den Besuch des Tempels. Jesus und seine Widersacher. (Joh.09,01 ff.)

186. Die Heilung des Blindgeborenen vor dem Tempel. (Joh.09,01-34)

187. Jesus spricht mit dem Geheilten und den Pharisäern. (Joh.09,35-41)

188. Jesus beleuchtet die Widersprüche der Pharisäer.

189. Ein Paharisäer entwickelt seine Weltanschauung.

190. Das ewige Leben der Seelen.

191. Ein neuer Plan der Templer, Jesus zu fangen.

192. Mt.21,23-32: Pharisäer fragen nach Vollmacht Jesu. Gleichnis d. ungleichen Söhne.

193. Das Gleichnis von den Weingärtnern ;(Mt.21,33)

194. Die Frage der Pharisäer nach dem Reiche Gottes.

195. Das Gleichnis vom König und seinem Hochzeitsmahle.

196. Die Zinsgroschenfrage.

197. Jesus und die Sadduzäer. Die Ehe im Himmel.

198. Jesus fragt die Pharisäer, was sie von Christus halten. Das Wesen des Menschen. Vom dreieinigen Wesen Gottes.

199. Jesu Rede über die Schriftgelehrten.

200. Das Wehe Jesu über die Pharisäer.

201. Jesus beruhigt das Volk.

202. Die Willensfreiheit des Menschen.

203. Die Zukunft Jerusalems.

204. Jesus mit den Seinen auf dem Ölberge.

205. Joseph verweigert einem Griechen seine Dienste.

206. Jesu Verhältnis zu den Priestern als Jüngling.

207. Jesus gibt als Jüngling Proben Seiner Allmacht.

208. Die Einkehr bei dem griechischen Wirte.

209. Die Belehrung auf dem Berggipfel.

210. Die Reise nach Tyrus.

211. Das Wiedersehen mit Cyrenius.

212. Im Palaste des Cyrenius.

213. Über die wahre Gottesverehrung. Jesus als Vorbild der Menschen.

214. Die Willensfreiheit des Menschen.

215. Die Erziehung der Menschheit.

216. Die Kritik des Römers über die irdischen Zustände.

217. Gottes Absicht mit den Menschen.

218. Ein Bericht der Geister über das Jenseits.

219. Das Leben Julius Cäsars im Jenseits.

220. Vom Glauben und Schauen.

221. Adam und Eva, die ersten Menschen der Erde. Die Präadamiten.

222. Der Scheinwert äußeren Kulturfortschritts.

223. Der Weg zur geistigen Vollendung.

224. Die Ankunft in Nazareth.

225. Der Tod des Rabbi.

226. Der Brand im Nachbarhause.

227. Die Barmherzigkeit einiger Bürger.

228. Im Walde des Nachbarn.

229. Das Freudenmahl beim Nachbar.

1. Kapitel. Ein Sonnenaufgang und seine Entsprechung

1. Alle kehrten nun ihre Augen nach dem Aufgange hin und bewunderten das gar herrliche Morgenrot. Es zeigten sich äußerst anmutige Nebelgruppen über dem Horizont, die immer heller und heller wurden, und jeder sagte, daß er schon lange keinen so herrlichen Morgen gesehen habe.

2. Und Ich sagte nun zu den vielen Umstehenden: „Seht, solch ein Aufgang der Sonne hat eine große Ähnlichkeit mit dem geistigen Lebensmorgen des Menschen und mit dem Aufgange der geistigen Sonne der Himmel in seiner Seele!

3. Wenn der Mensch das Wort Gottes hört, so fängt es in seiner Seele zu morgendämmern an. Wenn er den vernommenen Worten glaubt und traut, so wird es schon heller in ihm. Er fängt dann an, eine stets größere Freude an der Lehre zu bekommen, und wird tätig danach. Da werden diese Taten gleich jenen lieblichen Morgenwölkchen von der Liebe gerötet, und es wird dadurch schon heller und heller im Menschen. Aus solcher Freude des Menschen zum Guten und Wahren aus Gott gelangt der Mensch zur stets helleren Erkenntnis Gottes, und sein Herz erbrennt in voller Liebe zu Gott, und das gleicht ganz diesem nun schon strahlend hellen Morgenrot. Die Erkenntnisse über Gott und daraus auch über sich und seine große Bestimmung steigern sich derart, wie nun auch durch die schon große Helle des Morgenrotes alle die schönen Gegenden der Erde ringsherum wohl erkenntlich werden.

4. Es wird aber immer noch heller und heller. Die der aufgehenden Sonne zunächst stehenden Wölkchen – gleich den Taten aus reiner Liebe zu Gott – werden hellstrahlendes Gold. Endlich erglüht es im Morgen, und seht, die Sonne selbst steigt in aller Lichtglorie und Majestät über den Horizont herauf, und wie der neue Tag also aus der Nacht durch die Lichtkraft der Sonne neu geboren wird, so auch der Mensch durch die Kraft des Wortes Gottes und aus dem dann durch die stets steigende Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn darin besteht die geistige Wiedergeburt im Menschen, daß er Gott stets mehr und mehr erkennt und sonach auch stets mehr und mehr liebt.

5. Hat er es dann in seinem Herzen zu einer wahren Glut gebracht, so wird es heller und heller in ihm, die Glut wird zur hellsten Lichtflamme, und Gottes Geist geht gleich der Morgensonne auf, und im Menschen ist es vollkommen Tag geworden. Aber es ist das kein Tag wie ein Tag dieser Erde, der mit dem Abend wieder sein Ende hat, sondern das ist dann ein ewiger Lebenstag und die volle Neu- oder Wiedergeburt des Geistes Gottes in der Menschenseele.

6. Wahrlich sage Ich euch: Bei wem solch ein Tag in seiner Seele anbrechen wird, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit, und bei dem Austritt aus seinem Leibe wird er einem Gefangenen im Kerker gleichen, der begnadigt worden ist, und dessen Kerkermeister mit freundlicher Miene kommt, die Kerkertür öffnet und zum Gefangenen spricht: ,Erhebe dich; denn dir ist Gnade geworden, und du bist frei! Hier ziehe an das Kleid der Ehre, verlasse diesen Kerker, und wandle hinfort frei vor dem Angesichte dessen, der dir solche Gnade erwies!‘

7. Wie sich ein Gefangener sicher im höchsten Grade über solche Gnade freuen wird, so und noch mehr wird sich ein im Geiste wiedergeborener Mensch freuen, so Mein Engel zu ihm kommen und sagen wird: ,Unsterblicher Bruder, erhebe dich aus deinem Kerker, ziehe an das Lichtgewand der Ehre in Gott, und komme und wandle hinfort frei und selbständig in der Fülle des ewigen Lebens im Angesichte Gottes, dessen große Liebe dir solche große Gnade erweist; denn von nun an wirst du ewig keinen solchen schweren und sterblichen Leib mehr zu tragen haben!‘

8. Meinet ihr wohl, daß eine Seele da eine Betrübnis fühlen wird, so Mein Engel also zu ihr kommen wird?“

9. Sagte der Mir nahe stehende Römer: „Herr, wer wird da sogestaltig noch eine Betrübnis fühlen können? Das ist ganz sicher nur jenen Weltmenschen eigen, die in der Eigenliebe, Selbstsucht und in der größten Unkenntnis Gottes und ihrer Seele leben; denn diese wissen von einem Leben der Seele nach dem Tode des Leibes nichts, – und haben sie davon auch je etwas gehört, so glauben sie es nicht, wie mir gar viele solche nur zu bekannt sind. Ich bin bis jetzt nur ein Heide und bin es noch meinem Äußeren nach; aber an die Unsterblichkeit der Menschenseele habe ich schon von meiner Kindheit an geglaubt, und nach den gehabten Erscheinungen war für mich das Leben der Seele nach des Leibes Abfall etwas völlig unbezweifelt Gewisses. Wenn man aber das den andern Weltmenschen kundgibt, so lachen sie darüber, zucken mit den Achseln und halten am Ende alles für das Spiel einer lebhaften Phantasie und Einbildungskraft.

10. Nun, für derlei Menschen, die dazu noch sehr gerne leben, mag der Tod des Leibes wohl etwas ganz Entsetzliches sein; doch uns – und besonders von nun an, wo wir von Dir aus als dem Herrn alles Lebens die höchste Zuversicht über die Seele und über ihr ewiges Fortleben nach des Leibes Tode haben – kann eben der Tod des Leibes kein Bangen mehr verursachen, besonders wenn ihm keine zu großen Leibesschmerzen vorangehen, durch die der Leib bis auf den Tod gemartert und gequält wird. Aber auch dann muß die Erscheinung des das Tor des harten Gefängnisses öffnenden Kerkermeisters sicher eine höchst willkommene sein! – Das ist so meine Meinung und auch mein fester Glaube; ein anderer aber kann da meinen und glauben, was er will!“

11. Sagten alle: „Ja, also meinen und glauben auch wir; denn wen sollte das Leben in dieser Welt, die eigentlich die Hölle in ihrer vollsten Blüte und Reichhaltigkeit ist, noch freuen können?!“

12. Sagte Ich: „Ja, also ist es! Darum sage Ich euch denn auch: Wer das Leben dieser Welt liebt, der wird das wahre Leben der Seele verlieren; wer es aber nicht liebt und in der Art, wie es ist, flieht, der wird es gewinnen, das heißt, das wahre, ewige Leben der Seele.

13. Lasset euch nicht blenden von der Welt, und horchet nicht auf ihre Verlockungen; denn alle ihre Güter sind eitel und vergänglich! So ihr euch aber in dieser Welt schon Schätze sammelt, so sammelt euch vor allem solche, die kein Rost angreift und die Motten nicht verzehren! Das sind Schätze für den Geist zum ewigen Leben, zu deren vollstem Erwerb ihr alles aufbieten möget. Wem aber auch irdische Schätze verliehen sind, der verwende sie gleich dem Bruder Lazarus, und er wird dafür Schätze des Himmels ernten. Denn wer viel hat, der gebe viel, und wer wenig hat, der gebe wenig!

14. Wer einem Durstigen in rechter Nächstenliebe aus seinem Brunnen auch nur einen Trunk frischen Wassers reicht, dem wird es jenseits vergolten werden; denn wer da seinem Nächsten Liebe erweist, der wird auch drüben Liebe finden. Es kommt hier wahrlich nicht darauf an, wieviel jemand gibt, sondern hauptsächlich darauf kommt es an, wie jemand seinem armen Nächsten etwas gibt. Ein aus wahrer Liebe freundlicher Geber gibt doppelt, und es wird ihm auch jenseits also vergolten werden.

15. Wenn du viel hast, so kannst du, wie gesagt, auch viel geben. Hast du das mit Freuden und mit vieler Freundlichkeit gegeben, so hast du dem Armen doppelt gegeben. So du aber selbst nicht viel hast, hast aber deinem noch ärmeren Nächsten dennoch auch von deinem Wenigen mit Freude und Freundlichkeit einen Teil gegeben, so hast du zehnfach gegeben, und es wird dir jenseits auch also wiedergegeben werden. Denn was ihr den Armen also tut in Meinem Namen, das ist so gut, als hättet ihr solches Mir Selbst getan.

16. Wollt ihr aber bei jeder Gabe und edlen Tat erfahren, ob und wie Ich Selbst daran ein Wohlgefallen habe, so sehet nur in das Antlitz dessen, dem ihr in Meinem Namen also, wie Ich's nun erklärt habe, Gutes erwiesen habt, und es wird euch den wahren Grad Meines Wohlgefallens klar und deutlich anzeigen.

17. Was die wahre Liebe tut, das allein ist vor Gott wohlgetan; was aber da irgend pur nach dem Maße des Verstandes getan wird, das hat wenig Wert für den Nehmer und noch weniger für den Geber. Ich sage es euch: Seliger ist es zu geben als zu nehmen.

18. Nun aber gehen wir ein wenig fürbaß und sehen uns die Gegend gen Bethania an! Da werden wir große Zuzüge von allerlei Handelsleuten erschauen, da heute der große Markt beginnt und fünf Tage hindurch fortdauert.“

2. Kapitel. Die heranziehenden Handelsleute

1. Darauf begaben wir uns auf die Stelle hin, von der man gar gut die Gegend von Bethania sehen konnte, aber auch eine Menge Wege und Straßen, die nach Jerusalem führten. An den Wegen und Straßen waren die Maut- und Zollhäuser erbaut, bei denen die Fremden den verlangten Zoll zu entrichten hatten. Die meisten Zöllner von dieser Seite mit mehreren ihrer Diener und Knechte waren seit gestern bei uns.

2. Es fragte sie aber der Schriftgelehrte, ob sie nun nicht lieber da unten wären und viel Geldes einnähmen.

3. Sagte ein Zöllner: „Mein Freund, diese Frage hättest du dir füglich ersparen können! Denn wäre uns an dieser höchst materiellen Gewinneinnahme mehr gelegen als an der höchst geistigen, so wäre sicher schon ein jeder von uns auf seinem Platze; denn wie wir gekommen sind, so hätten wir auch schon lange wieder gehen können, und niemand hätte uns etwas in den Weg legen können. Aber da uns dieser große Lebensgewinn hier lieber ist als der materielle bei unseren Zollhäusern da unten, so bleiben wir hier und kümmern uns um die vorüberziehenden Handelskarawanen gar nicht. Was aber die kleine Wegmaut anbelangt, nun, so haben wir daheim schon noch Leute, die das besorgen werden.

4. Es wird aber ja nun in eurem Tempel die Krämerei auch bald angehen. Würde es dir gefallen, so ich zu dir sagete: ,Freund, sieh da hinab; es wird schon sehr lebendig vor des Tempels Hallen! Kümmern dich die dort zu erwartenden großen Gewinne nicht? Es wird da des blanksten Goldes und Silbers und der Edelsteine und Perlen in großer Menge geben, und euch muß von allem der Zehent gegeben werden. Wird man euch davon etwas geben, so ihr nicht gegenwärtig seid?‘

5. Wir Zöllner und Sünder vor euch aber wissen nun von euch, daß ihr eurem Tempel für immer den Rücken zugewendet habt, und so wäre solch eine Frage, von uns an euch gestellt, nun sicher so unklug wie möglich. Wir aber haben nun ohnehin den vollwahren Entschluß gefaßt, daß wir aus Liebe zum Herrn jedermann das Zehnfache zurückvergüten werden, so wir mit unserem Wissen ihn je irgendwann übervorteilt haben, und so mögen darum heute alle die vielen Handelsleute wenigstens an unseren Zoll- und Mauthäusern ganz frei vorüberziehen, und wir alle werden darum noch lange nicht verhungern. Darum lassen wir sie nun nur ganz ruhig vorüberziehen!“

6. Auf diese ganz energische Antwort des Zöllners sagte der Schriftgelehrte gar nichts mehr und bewunderte im stillen die Großmut des Zöllners und seiner Gefährten.

7. Lazarus aber sagte: „Alle diese Fremden werden gegen Abend ganz sicher da herauf kommen, und ich werde noch Sorge treffen müssen, daß erstens der Keller noch besser bestellt wird und ebenso auch die Küche und die Speisekammer. Dazu werde ich auch noch mehr Tische und Bänke im Freien herrichten lassen müssen, – sonst wird es mir knapp gehen!“

8. Sagte Ich zu Lazarus: „Laß das alles; denn solange Ich hier bin, da bist du schon mit allem am besten und reichlichsten versorgt! Und kämen ihrer noch so viele, so sollen sie dennoch alle bestens versorgt werden. – Sehen wir nun nur ganz ruhig dem tollen Welttreiben da unten zu! Wie viele stark beladene Kamele, Pferde, Esel und Ochsen traben auf den Wegen und Straßen einher und tragen große Schätze und Güter ihrer Herren, und sie werden alles verkaufen!

9. Aber dort auf der breiten Straße, die aus Galiläa nach Jerusalem führt, sehen wir mit Ochsen bespannte Wagen und Karren; die führen Sklaven aus den Gegenden am Pontus hierher zum Verkaufe. Es sind Jünglinge und Mädchen im Alter von 14-18 Jahren von schönstem körperlichen Wuchs. Ihre Zahl beträgt hundertzwanzig männliche und hundertsiebzig weibliche Personen. Nun, diesen Verkauf wollen wir verhindern und dann für dieser Armen Bildung und Freiheit sorgen! Derlei Menschenmärkte dürfen innerhalb der Stadtmauer nicht statthaben; dieser Berg aber befindet sich schon außerhalb der Stadtmauer und ist dennoch sehr nahe bei der Stadt, und so werdet ihr bald sehen, wie diese Wagen- und Karrenbesitzer gerade am Fuße dieses Berges ihre Verkaufshütten aufrichten werden und darauf bald ihre Anbieter und Ausrufer allenthalben überallhin auszusenden suchen werden! Allein da werden wir ihnen zuvorkommen und ihnen solche ihre Ware ganz abnehmen und dann aber auch den schnöden Verkäufern ein Wörtlein sagen, das ihnen solch einen Handel auf lange hin verleiden soll!“

10. Sagte hier Agrikola: „Herr, wie wäre es denn, so ich diesen Menschenverkäufern alle die männlichen und weiblichen Sklaven abkaufte, und das um den verlangten Betrag, sie dann mitnähme nach Rom, sie dort ordentlich erziehen ließe und ihnen dann die volle Freiheit und das Bürgerrecht Roms schenkte?“

11. Sagte Ich: „Deine Idee und dein Wille sind gut; aber Meine Idee und Mein Wille werden da noch besser sein! Wozu da Geld hingeben für etwas, das man ganz Rechtens auch ohne Geld haben und in Besitz nehmen kann?! Bist du damit nicht einverstanden? Solchen Menschen noch einen Gewinn geben, hieße sie in ihrem Bösen noch bestärken; wenn sie aber mehrere solche Erfahrungen machen werden, so werden sie sich dann schon hüten, zu solch unmenschlichen Erwerbsarten ihre fernere Zuflucht zu nehmen.“

12. Sagte hier Agrikola: „Herr, es ist hierbei nur noch auf eins zu sehen! Mir kommt es vor, daß da in dieser Beziehung von Rom aus für alle Länder ein eigenes Gesetz in bezug auf den Menschenhandel besteht, laut dessen ohne Bewilligung eines römischen Oberstatthalters kein Sklave aus irgendeinem fremden, nicht römischen Reiche in Roms Länder eingeführt werden darf; die Bewilligung kostet aber ganz entsetzlich viel. Nun, da geschieht es aber sehr häufig, daß derlei Sklavenhändler ihre Sklaven auf geheimen Wegen und oft auch mit falschen Bewilligungsdokumenten in ihren Händen in unsere Länder hereinschmuggeln. Wenn das bei diesen nun ankommenden Sklavenhändlern der Fall sein dürfte, dann wäre es ein leichtes, ihnen ihre Ware abzunehmen; doch im Falle, daß sie im Besitze einer oberwähnten teuren Befugnis wären, da wäre auf dem natürlichen Wege nicht viel anderes zu machen, als den Händlern ihr verlangtes Geld zu geben und sie dann ungehindert weiterziehen zu lassen, weil sie in diesem Falle unter dem Schutze des Gesetzes stehen.“

13. Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig geurteilt; aber weißt du, Ich bin Der, der der Ewigkeit und der Unendlichkeit Gesetze vorschreibt, und so wirst du daraus schon begreifen, daß Ich Mich nun da, wo das Gegenteil not tut, nicht an die Gesetze Roms binden werde, obwohl Ich ihnen sonst als Mensch völlig untertan bin.

14. Diese Menschen, die nun die bezeichneten Sklaven hierher auf den Markt bringen, sind zwar sehr gewinnsüchtig, aber dabei im höchsten Grade abergläubisch. Dieser ihr stockblinder Aberglaube ist ihr größter Feind; und da weiß Ich schon zum voraus, was da zu geschehen hat, um diese Menschen derart zu strafen, daß sie nicht nur ihre Ware, sondern noch mehreres allerwilligst hinzu hergeben werden, um nur mit heiler Haut davonzukommen. Wenn sie bald dasein werden, so werdet ihr alle dann schon sehen und wohl erfahren, was Gottes Weisheit und Macht alles zu bewirken gar wohl imstande ist.

15. Jetzt aber gehen wir wieder ins Haus und stärken unsere Glieder mit einem guten Morgenmahle; denn die Tische sind bereits alle wohl bestellt. Währenddessen werden unsere Sklavenhändler auch vollends an Ort und Stelle sein, und wir wollen ihnen dann einen Besuch abstatten!“

16. Sagte zu Mir der Schriftgelehrte: „Herr, den Tempel wirst Du heute etwa doch nicht besuchen? Denn heute geht es wahrlich zu arg darin zu!“

17. Sagte Ich: „Was kümmert Mich nun diese Mördergrube da unten in der Hölle! Dort und da ist der rechte Tempel Jehovas, wo im Menschen ein Herz ist, das Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt! – Gehen wir nun zum Morgenmahle!“

18. Darauf begaben wir uns alle ins Haus, setzten uns an die Tische, auf denen schon alles in der vollen Bereitschaft war, was jedem nach seiner Art am besten mundete, und am besten Weine hatte es auch keinen Mangel. Die Römer bewunderten nun erst am vollen Tage die herrlichen Trinkgefäße aus dem reinsten Golde, wie auch ihre silbernen Speiseschüsseln. Auch die sieben Pharisäer gingen nun näher hin und konnten sich nicht genug verwundern über die Reinheit und vollste Güte der Trinkgefäße und Eßgeschirre. Lazarus aber ermahnte sie zum Essen, weil sonst die Fische kalt würden, und so griffen denn die sieben auch sogleich zu und aßen und tranken mit vielem Rühmen über die Güte der Speisen und des Weines. Auch die etlichen siebzig Armen mit dem Weibe in ihrer Mitte erschöpften sich im Lobe über die Speisen und über den Wein, und ebenso auch die Zöllner und ihre Gefährten.

19. Ein Römer sagte: „Nun bin ich volle sechzig Jahre alt, und noch nie sind so gute Speisen und ein solch wahrer Götterwein in meinen Mund gekommen!“

20. Und so gab es hier des Lobens und Dankens nahezu kein Ende.

3. Kapitel. Die abergläubischen Sklavenhändler.

1. Als wir da noch saßen, aßen und tranken, da kam aus dem reinen und völlig wolkenlosen Himmel ein mächtiger Blitz, dem ein alles erdröhnen machender Donner folgte. Alle entsetzten sich und fragten Mich, was denn nun das zu bedeuten habe.

2. Sagte Ich: „Das werdet ihr bald sehen! Diese Erscheinung hat schon den Anfang für unsere Sklavenhändler gemacht; denn während wir hier aßen und tranken, kamen sie unten am Berge an, und alle ihre Wagen und Karren stehen schon unten. Sie hätten sogleich ihre Ware abgesetzt, wenn nicht dieser Blitz sie davor gewarnt hätte.

3. Es haben die Völker am nördlichsten Pontus auch eine Art Gotteslehre, die aber natürlich im höchsten Grade mangelhaft ist; und selbst diese liegt ganz in den Händen gewisser Wahrsager, die vom anderen Volke ganz abgesondert für sich leben, ihre eigenen Gründe und sehr zahlreiche Herden haben und zumeist auf den Bergen in schwer zugänglichen Hochtälern wohnen. Diese Wahrsager stammen zumeist von den Indiern ab und sind darum in steter Kenntnis von allerlei Magie und Zauberei, gehen jedoch nie oder nur höchst selten zu den in den großen Tiefebenen wohnenden größeren Völkern; aber diese wissen weit und breit von ihnen und gehen bei für sie wichtigen Angelegenheiten zu den erwähnten Wahrsagern und lassen sich von ihnen weissagen, natürlich gegen nicht geringe Opfer. Bei solchen Gelegenheiten sagen dann und wann diese Weisen der Berge den Fragern auch von höheren und mächtigen unsichtbaren Wesen, von denen sie und alle Elemente beherrscht werden, und daß eben sie als die Weisen der Berge ihre nächsten Diener und Beherrscher der unteren Naturmächte sind. Dieses setzt natürlich die blinden Wallfahrer stets in größtes Erstaunen, besonders, so daneben ein solcher Wahrsager den Fragern noch irgendein Zauberwunder zum besten gibt.

4. Unsere Sklavenhändler sind mit ihrer Ware eben von dorther, und das nun schon zum siebenten Male, obwohl in Jerusalem erst zum ersten Male, da sie sonst solche ihre Ware entweder in Lydien, Kappadokien, auch schon in Tyrus und Sidon, oder auch in Damaskus verkauft haben. Diesmal haben sie sich einmal nach Jerusalem gewagt und würden auch diesmal nicht hierher gekommen sein, wenn sie nicht Mein Wille gezogen hätte.

5. Bevor sie aber daheim mit ihrer Ware abfuhren, befragten sie auch einen Wahrsager, ob sie mit ihrem Handel glücklich sein würden. Und er sagte mit tiefernster Miene: ,Wenn ihr keinen Blitz sehen und keinen Donner hören werdet, so werdet ihr eure Ware wohl an den Mann bringen.‘ Das war alles, was ihnen der Wahrsager sagte. Die Sklavenhändler hielten das für eine gute Prophezeiung, da sie meinten, daß in dieser späten Jahreszeit kein Donnerwetter mehr kommen werde. Doch dieser gewaltige Blitz mit dem heftigsten Donner hat sie nun eines andern belehrt, und sie stehen nun ratlos unten am Berge. Doch bevor wir hinabgehen, werden noch ein paar solcher Blitze folgen, durch die unsere Sklavenhändler noch mehr eingeschüchtert werden, und wir werden dann mit ihnen leicht reden!“

6. Sagte hier einer Meiner alten Jünger: „Wer weiß, was sie für eine Zunge reden?“

7. Sagte Ich: „Das geht dich vorderhand gar nichts an; Mir ist keine Zunge in der ganzen Welt fremd! Doch diese Menschen reden zum größten Teil Indiens Zunge, die da der urhebräischen gleichkommt.“

8. Da sagte der Jünger nichts mehr, und es kam auch der zweite Blitz mit dem heftigsten Donner, bald darauf der dritte; doch alle schlugen in die Erde und richteten keinen Schaden an.

9. Nach dem dritten Blitz aber kam schnell ein gar wunderschöner Jüngling ins Zimmer, verneigte sich tief vor Mir und sagte mit lieblicher und doch männlich- fester Stimme: „Herr, hier bin ich nach Deinem Rufe, um zu vollziehen Deinen heiligen Willen!“

10. Sagte Ich: „Du kommst von Cyrenius und von der Jarah?“

11. Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, nach Deinem heiligen Willen!“

12. Hier erkannten die alten Jünger den Raphael, gingen hin und grüßten ihn.

13. Der Jüngling aber sagte zu ihnen: „O ihr Glücklichen, die ihr stets um den Herrn in Seiner allerhöchsten Wesenheit sein könnet! – Aber bevor wir an ein großes und wichtiges Werk schreiten, gebt auch mir etwas zu essen und zu trinken!“

14. Da wetteiferten alle, dem Jünglinge zu essen und zu trinken zu geben. Die Römer luden ihn zu sich, und auch alle andern boten alles auf, um dem Jüngling zu dienen; denn alle konnten die Anmut des Jünglings nicht genug bewundern. Sie hielten ihn für einen überschönen Sohn einer irdischen Mutter, der auf irgendein ihm bekanntgemachtes Verlangen Mir nachgereist sei. Nur die alten Jünger wußten, wer der Jüngling war. Er aß und trank wie ein Heißhungriger, und es nahm alle wunder, wie der Junge gar soviel in seinen Magen bringen konnte.

15. Raphael aber lächelte und sagte: „Meine Freunde! Wer viel arbeitet, der muß auch viel essen und trinken! Ist es nicht also?“

16. Sagte Agrikola: „Oh, allerdings, du wahrhaft himmlisch schönster Junge! Aber sage mir doch, wer dein Vater und wer deine Mutter ist, und aus welchem Lande du abstammst!“

17. Sagte Raphael: „Laß dir nur Zeit! Ich verbleibe nun einige Tage hier und in dieser Zeit wirst du mich schon noch näher kennenlernen. Jetzt haben wir eine große Arbeit vor uns, und da, lieber Freund, heißt es sich sehr zusammennehmen!“

18. Sagte Agrikola: „Aber, du mein allerliebster und schönster junger Freund, was wirst du wohl arbeiten mit deinen durch und durch jungfräulich zarten Händen? Du hast noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, und du willst dich nun bald an eine große und schwere Arbeit machen?“

19. Sagte Raphael: „Ich habe nur darum noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, weil mir eine jede dir noch so schwer vorkommende Arbeit etwas ganz Leichtes ist. Die Folge wird dich schon eines Bessern belehren!“

20. Sagte darauf Ich: „Nun ist die Zeit da, diese Gefangenen da unten zu erlösen und frei zu machen; und so gehen wir! Wer aber hierbleiben will, der bleibe hier!“

21. Es baten Mich aber alle, daß sie mitgehen dürften, und Ich ließ es ihnen zu. Und so gingen wir schnell den Berg hinab und waren bald bei unseren Sklavenhändlern, um die schon eine Menge Volkes versammelt war, um die armen Sklaven und ihre Verkäufer anzugaffen.

22. Ich aber winkte dem Raphael, daß er das müßige Volk hinwegschaffen solle, und er stob das Volk wie Spreu auseinander. Jeder lief, was er nur laufen konnte, um von mehreren Löwen der grimmigsten Art, die sie unter sich bemerkten, nicht zerrissen zu werden.

4. Kapitel. Die Bekehrung des Sklavenhändlers.

1. Als das Volk sich also bald gänzlich verlaufen hatte, da erst trat Ich mit Raphael, Agrikola und Lazarus zu dem Haupthändler hin und sagte zu ihm in seiner Zunge: „Wer gab euch zuerst das Recht, Menschen und eure Kinder als eine Ware auf den Märkten der Welt zu verkaufen und sie dadurch zu Sklaven eines tyrannischen, geilen Käufers zu machen?“

2. Sagte der Oberhändler: „Willst du sie mir abkaufen, dann zeige ich dir, daß ich dazu das Recht habe; kaufst du sie aber nicht, so sage ich dir, so du's haben willst, erst vor dem Pfleger des Landes, daß ich mein Recht dazu habe. Bin ich dereinst doch selbst als ein Sklave verkauft worden; aber mein Herr, dem ich treust diente, schenkte mir darauf die Freiheit und vieles Geld. Ich zog wieder in mein Heimatland und handle nun selbst mit derselben Ware, als welche ich selbst vor zwanzig Jahren einem andern dienen mußte. Ich wurde als ein Sklave glücklich; warum diese da nicht?! Dazu ist das in unseren Ländern eine schon gar alte Sitte, und unsere Weisen haben uns darob noch nie zur Rede gestellt. Gegen unsere Landesgesetze sündigen wir dadurch nicht, und für die eures Landes zahlen wir ein Lösegeld; und so haben wir uns vor niemandem unseres guten Rechtes wegen zu verantworten!“

3. Sagte Ich: „Du warst aber doch vor dreißig Tagen im Gebirge und opfertest dreißig Schafe, zehn Ochsen, zehn Kühe und zehn Kälber, und dein Wahrsager sagte zu dir: ,Wenn du auf deiner Reise keinen Blitz sehen und keinen Donner hören wirst, so wirst du glücklich sein!‘ Du aber legtest dir die Sache gut aus, indem du meintest, daß es in so später Jahreszeit kein Ungewitter mit Blitz und Donner mehr gäbe, und begabst dich mit deinen Mithändlern auf die weite Reise. Aber nun hat es denn doch gedonnert und zum voraus geblitzt! Was wirst du nun machen?“

4. Hier sah mich der Haupthändler groß an und sagte: „Wenn du nur ein Mensch bist, gleichwie ich einer bin, so kannst du das nicht wissen! Denn erstens bist du noch nie in unserem Lande gewesen, und zweitens weiß auf der ganzen Welt kein Mensch um den Ort, wo der erste und berühmteste Wahrsager wohnt. Verraten haben kann es dir auch kein Mensch denn wir verraten uns um alle Schätze der Welt nicht. Wie also kannst du mein tiefstes Geheimnis wissen? Freund, sage mir nur das, und alle diese Sklaven gehören dir!“

5. Sagte Ich: „Hat euch nicht euer Wahrsager einmal gesagt, daß es noch einen größeren Gott gebe, von dem er bloß aus alten, geheimen Schriften gehört habe? Doch das sei für Sterbliche zu groß und unbegreiflich, und sie sollten sich darum nicht weiter um diese Sache bekümmern! – Hat nicht also geredet euer Wahrsager?“

6. Nun ward der Haupthändler ganz außer sich und sagte: „Ich habe es gesagt und sage es noch einmal: Du bist kein Mensch, sondern – Du bist ein Gott! Und was soll ich, ein schwacher Wurm der Erde, mich gegen Dich setzen, der Du mich mit einem Hauche vernichten kannst?! Es ist wahr, ich mache irdisch ein schlechtes Geschäft! Aber hätte ich noch tausendmal so viele Sklaven, als ich hier habe, und das wahrlich um teures und großes Geld, so wären sie alle Dein eigen! Denn weißt Du, großer und unbegreiflich erhabener Freund, wir in unserem Lande wissen es zum größten Teile, wo uns das harte Bärenleder am Fuße drückt; aber helfen können wir uns nicht! Hilf Du uns, Freund, – und nicht nur diese, sondern tausendmal so viele, und so viele Du noch darüber haben willst, gehören Dir; denn Du bist kein Mensch, sondern Du bist ein völlig wahrster Gott!“

7. Sagte Ich zu den Umstehenden: „Nehmt euch alle ein Exempel daran! Das sind Sklavenhändler von sehr finsterer Art, und wie bald haben sie Mich erkannt! Und da oben stehet der Tempel, den David und Salomo mit großen Unkosten Mir erbauen ließen, – aber welch ein ungeheurer Unterschied zwischen diesen Sklavenhändlern, die nur der Menschen Leiber verkaufen, und diesen Seelenverkäufern an die Hölle!“

8. Seht, diese Sklavenhändler sind Eliasse gegen diese elenden Seelenmeuchelmörder da oben! Darum wird es dereinst auch Sodom und Gomorra vor Mir besser ergehen als dieser elenden Höllenbrut da oben. Denn wäre in Sodom und Gomorra das geschehen, was hier geschieht, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan und wären Selige geworden. Allein, hier bin Ich Selbst da, und sie trachten Mir nach dem Menschenleben!

9. Seht, hier an Meiner Seite steht Mein Lieblingsengel Raphael, und Ich sage es euch: Es besteht mehr Ähnlichkeit zwischen ihm und diesen Sklavenhändlern denn zwischen ihm und diesen Gottesdienern da oben! Ich sage es euch: Dieser Sklavenhändler ist schon ein Engel; aber die da oben sind Teufel!“

10. Hier wandte Ich Mich wieder an den Sklavenhändler und sagte zu ihm: „Freund, wieviel verlangst du für alle diese deine Sklaven? Rede!“

11. Sagte der Haupthändler: „Mein Gott, was soll ich, ein schwacher, sterblicher Mensch, von Dir wohl verlangen? Alle diese und noch tausendmal so viele gebe ich Dir, wenn Du mich nur der Gnade für wert hältst, mir zu sagen, wo es uns so ganz eigentlich fehlt und gebricht!“

12. Sagte Ich: „So gib sie alle frei, und Ich werde euch darob die ewige Freiheit eurer Seelen und das ewige Leben geben!“

13. Sagte hierauf der Haupthändler: „Der Handel ist gemacht und geschlossen; denn mit Göttern ist leicht handeln. Gebt alle Sklaven frei; denn wir haben nun den besten Handel gemacht! Daß unsere Sklaven nicht schlecht daran sein werden, davon bin ich zum voraus überzeugt. Wir selbst aber haben den größten Gewinn gemacht; denn wir haben uns dadurch von Gott das ewige Leben erkauft. – Seid ihr, meine Gefährten, alle einverstanden?“

14. Sagten alle: „Ja, Hibram, wir haben noch nie einen größeren Gewinn gemacht! Aber unser Wahrsager hat sich diesmal sehr geirrt; denn gerade der Blitz und der Donner haben uns zum größten Glücke verholfen! – Machet sie frei, die Gebundenen, und sie seien ein unentgeltliches Eigentum dieses reinen Gottes! Wir aber wollen uns sogleich auf den Rückweg machen!“

15. Sagte Ich: „O nein, die Gebundenen nehme Ich wohl an, – aber ihr selbst werdet euch noch drei Tage hier aufhalten, jedoch ohne eure Kosten; denn für euch werde Ich der Zahler sein zeitlich und ewig!“

5. Kapitel. Die Befreiung der Sklaven.

1. Hier gab Ich dem Raphael wieder einen Wink zur Befreiung der Gefangenen, und sie wurden in einem Augenblick frei und ganz vollkommen bekleidet, während sie früher nackt waren. Es machte aber diese plötzliche Befreiung der jungen Sklaven aus leicht begreiflichen Gründen eine übergroße Sensation, und der Haupthändler, seinen Augen nicht trauend, ging hin und befühlte die nun ganz gut bekleideten Sklaven und sah, daß ihre Kleidung aus ganz echten Kleiderstoffen verfertigt war, und daß diese Sklaven wirklich die seinen waren.

2. Da hob er die Hände auf und sagte (der Sklavenhändler): „Jetzt erst erkenne ich klar, daß ihr nun wahrhaft in den Händen der Götter seid! Bittet aber auch ihr sie, daß sie euch gnädig sein möchten! Wenn ihr aber im wahren Glücke sein werdet, dann gedenket eurer Alten daheim, die in hartem Lande hausen und mit schwerer Mühe und Arbeit sich die dürftige und magere Leibeskost verschaffen müssen und in dürftigen und sehr elenden Hütten aus Lehm und Stroh wohnen! Sammelt euch allerlei Kenntnisse, und kommet dann wieder zu uns, auf daß es durch euch dann auch einmal bei uns licht und gut werde; denn von nun an sollen keine Menschen mehr aus unseren Ländern ausgeführt und verkauft werden!“

3. Hierauf wandte sich Hibram zu Raphael, dessen Schönheit und Zartheit er nicht genug bewundern konnte, und sagte: „O du unbegreiflich selten schönster Junge! Bist denn auch du ein Gott, daß dir so eine wundersame Tat möglich war? Wie vermochtest du die Binden, mit denen diese Sklaven gebunden waren, so schnell zu lösen, und woher nahmst du die vielen und sehr kostbaren Kleider für die Jünglinge und für die Mägde?“

4. Sagte Raphael: „Ich bin kein Gott, sondern nur durch die Gnade Gottes Sein Diener! Ich vermag aus mir selbst ebensowenig wie du; aber wenn der allmächtige Wille Gottes mich durchdringt, dann vermag ich alles, und es ist mir dann nichts unmöglich. – Was wirst du aber mit den zweihundert noch daheim gelassenen Sklaven machen, die für den Handel noch nicht hinreichend gemästet sind?“

5. Sagte Hibram: „Auch darum weißt du, allmächtiger Junge?! Was anders soll ich nun tun, als sie zu nützlichen und guten Menschen erziehen und sie fürderhin als meine wahren Kinder betrachten! Dich aber werde ich bitten, daß du mir auch für sie Kleider verschaffen wollest, die ich dann für sie mitnehmen werde.“

6. Sagte Raphael: „Das ist nun noch nicht nötig; wenn du aber nach etlichen Tagen von hier abziehen und redlichen Sinnes verbleiben wirst, so wirst du samt deinen Gefährten daheim schon alles antreffen, dessen du und deine Gefährten bedürfen werden.“

7. Damit war Hibram ganz zufrieden und desgleichen seine Gefährten, und alle dankten ihm und noch mehr Mir, dem Herrn; denn das erkannten nun alle diese Händler, daß Ich allein der Herr sei. Darauf aber gedachten sie der ziemlich vielen Wagen und Karren – die freilich mit den Wagen dieser Zeit nicht zu vergleichen waren – und der schon sehr ermüdeten Zugtiere.

8. Und Hibram sagte zu Raphael: „Mein allmächtiger Wunderjunge! Wo werden wir wohl unsere Wagen, Karren und die Zugtiere unterbringen und woher ein Futter nehmen?“

9. Sagte Raphael: „Da, innerhalb dieser Mauer, die diesen Berg umschließt, der im Besitze jenes Mannes ist, der nun mit dem Herrn spricht, sind Hütten und Stallungen in Menge, ebenso das Futter für eure Zugtiere im Vorrat vorhanden, und da könnet ihr all das Eure wohl unterbringen.“

10. Damit war der Händler Hibram ganz zufrieden, und seine Knechte versorgten nun Wagen, Karren und Tiere.

11. Sagte Ich: „Da nun auch dieses Werk wohl beendet ist, so wollen wir alle uns denn wieder auf den Berg begeben, und die befreiten Sklaven sollen zuerst mit Speise und Trank gestärkt werden. Und wenn du, Hibram, alles in der Ordnung haben wirst, dann komme auch du mit deinen Gefährten und Knechten und nehmet als Meine Gäste auch Speise und Trank!“

12. Damit waren alle im höchsten Grade zufrieden, und die befreiten Sklaven wußten sich vor Freude nicht zu helfen. Alle wollten nun zu Mir hingehen und Mir danken. Da sie aber ihrer großen Anzahl wegen nicht auf einmal Platz haben konnten, so stellten sie sich in schönster Ordnung in einem Kreise um Mich herum und baten Mich in ihrer Zunge, daß ich sie ansehen und anhören möge. Da sah Ich sie alle freundlich an und bedeutete ihnen, daß sie nun reden möchten.

13. Darauf sagten sie mit vieler Rührung (die Sklaven): „O du guter Vater! Wir danken dir, daß du uns gerettet und unsere harten Binden gelöst hast. Wir haben nichts, um es dir je zu vergelten; aber wir wollen dir in der Folge dienen, als wären wir deine Füße, Hände, Augen, Ohren, Nase und Mund. Oh, laß dich auch von uns lieben, guter Vater! Bleibe uns fortan ein Vater in deiner Güte und Liebe, und verlasse uns nimmerdar!“

14. Darauf ging Ich im Kreise zu jedem einzelnen, umarmte ihn und drückte ihn an Meine Brust und sprach dabei die Worte: „Der Friede mit dir, Mein Sohn, Meine Tochter!“

15. Da weinten alle die zarten, blondlockigen Jünglinge und die noch zarteren und gar sehr lieblichen Jungfrauen und benetzten mit ihren Freudentränen Meine Hände und Füße.

6. Kapitel. Über Handel und Wucher.

1. Nach dieser gar feierlichen und jedes Herz rührenden Handlung, die keiner von allen Anwesenden ohne Tränen in den Augen ansehen konnte, sagte Ich zu Raphael: „Nun führe du sie hinauf und versorge sie vor uns; so wir aber dann nachkommen werden, dann erst werde für uns gesorgt!“

2. Nun führte Raphael die Freien hinauf, und als sie in den großen Saal kamen, da waren schon drei große und lange Tische gedeckt, und diese noch ganz wahren Kinder aßen die für sie bereiteten Speisen mit vieler Lust und Freude und tranken auch etwas Wein mit Wasser und wurden dabei voll Freude und voll guter Dinge.

3. Wir aber verweilten noch am Wege und sahen uns da die vielen herankommenden Kaufleute und Krämer an, die mit allerlei Waren, Tieren und Früchten auf der großen Straße in die Stadt zogen.

4. Da sagte der Römer zu Mir: „Herr, das sind doch sehr viele Juden! Wissen sie denn noch nichts von Dir? Es ist doch sehr sonderbar, wie gleichgültig die Menschen an uns vorüberziehen!“

5. Sagte Ich: „So wie diese da werden noch viele an Mir vorüberziehen, werden Mich nicht ansehen und nicht erkennen, sondern sie werden in ihrem Welttume fortwühlen, bis der Tod sie ins Grab werfen wird und ihre Seele in die Hölle! Derlei Händler, Kaufleute, Krämer und Mäkler sind zu weit von allem Geistigen entfernt und sind das unter der besseren Menschheit, was da sind die Schmarotzerpflanzen auf den Ästen der edlen Fruchtbäume und das Unkraut unter dem Weizen. Lassen wir sie ziehen, ihrem Grabe und Tode entgegen!“

6. Sagte Agrikola: „Aber mein Herr und mein Gott! Es muß aber doch unter den Menschen der wechselseitige Kauf- und Verkaufhandel bestehen, da sonst bei den Menschen schlechter und magerer Länder das Leben ganz und gar nicht möglich wäre! Ich kenne in Europa Länder, die unbeschreibbar gebirgig sind, nichts als Felsen über Felsen; den dort lebenden Menschen muß durch den Handel der meiste Lebensbedarf zugeführt werden. Hebe diesen notwendigen Verkehr auf, und ein ganzes, großes Volk stirbt vor Hunger! Da mußt Du selbst als Herr Himmels und aller Welten einsehen, daß derlei Menschen nur durch einen gewissen Handelsverkehr leben und bestehen können. Mich wundert es daher sehr, daß Deine höchste, göttliche Weisheit das platterdings verdammt! Denn weißt Du – sonst alle erdenklichste Achtung vor Deiner reinsten Göttlichkeit! –, aber für dieses Dein Urteil kann ich Dir mit meinem sonst ganz gesunden Menschenverstande keinen Beifall zollen!“

7. Sagte Ich: „Freund, was du weißt und verstehst, das – erlaube es Mir – habe Ich schon lange eher verstanden, bevor noch eine Urzentralsonne in einer Hülsenglobe leuchtete!

8. Wahrlich, Ich sage es dir: Ich eifere nicht gegen den gerechten und höchst wohltätigen Verkehr zwischen Menschen und Menschen, – denn so will Ich es ja Selbst haben, daß ein Mensch von dem andern in einer gewissen Beziehung abhängen soll, und da ist ein gerechter Verkehr zwischen Menschen und Menschen ja ohnedies in der höchsten Ordnung der Nächstenliebe; aber das wirst du hoffentlich denn doch wohl auch einsehen, daß Ich dem pur allerlieblosesten Wucher kein lobend Wort reden kann! Der redliche Kaufmann soll für seine Mühe und Arbeit seinen entsprechenden Lohn haben; aber er soll nicht für zehn Groschen hundert Groschen und noch mehr gewinnen wollen! Verstehst du dieses? Ich verdamme nur den Wucher, aber nicht den notwendigen, rechtlichen Verkehr. Verstehe solches wohl, auf daß du nicht in eine üble Versuchung fallest!“

9. Hier bat Mich der Römer um Vergebung und gestand ein, daß er sich sehr und gar grob geirrt habe.

10. Hier trat Lazarus zu Mir und sagte: „Herr, da wir nun ohnehin uns in die Höhe begeben werden, da hier wohl nicht besonders viel mehr zu machen sein wird, so möchte ich von Dir nun erfahren, was denn da mit dem wunderbaren Jünglinge ist! Wer und woher ist er denn? Seiner Tracht nach scheint er ein Galiläer zu sein; aber wann ist er denn zu solch einer Weisheit und Wundertatkraft gelangt? Der Mensch ist seinem Ansehen nach kaum sechzehn Jahre alt – und übertrifft Deine alten Jünger! Wolle mir darüber doch auch eine Auskunft geben!“

11. Sagte Ich: „Steht es denn nicht in der Schrift: ,In derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes vom Himmel zur Erde steigen sehen, und sie werden den Menschen dienen‘? Wenn dir solches bekannt ist, so wirst du bald und leicht einsehen, was es mit dem Jünglinge für eine Bewandtnis hat. Behalte das nun vorderhand für dich; denn alle die andern müssen selbst darauf kommen! Meine alten Jünger kennen ihn schon, dürfen ihn aber auch nicht vor der Zeit ruchbar machen.

12. Du meintest, daß wir uns nun bald in deine Herberge begeben sollen, – doch dazu wird es nach einer Stunde auch noch Zeit sein! Nun aber wollen wir noch hier an dieser Straße verharren; denn es wird bald etwas vorkommen, das unsere Gegenwart sehr benötigen wird!“

13. Fragte Mich Lazarus, sagend: „Herr, haben wir Schlimmes zu erwarten?“

14. Sagte Ich: „Freund, in dieser Welt und unter diesen Menschen ist wenig Gutes zu erwarten! Siehe, die Zuzüge der Marktleute werden nun schon schwächer, und so werden die Knechte der Pharisäer nun bald einen armen Sünder, der sich vor einer Stunde im Tempel ob seines Hungers an den Schaubroten vergriffen hat, dort an den freien Platz unter der hohen Mauer bringen, um ihn ob seines Frevels zu steinigen! Das aber wollen wir verhüten. Und so weißt du nun schon, warum wir noch hier verweilen.“

15. Es vernahm solches aber auch Agrikola, trat zu Mir hin und sagte: „Herr, ich vernahm Deine Worte, die wahrlich nicht sehr erbaulich klangen! Haben denn die Templer auch ein JUS GLADII? Ich weiß doch um alle die Privilegien, die Rom seinen Völkern gegeben hat; doch von einem solchen Privilegium weiß ich nichts! Ah, um diese Sache werde ich mich wohl um ein sehr bedeutendes näher erkundigen! – Sage Du, Herr und Meister, was an dieser Sache liegt!“

16. Sagte Ich: „Als die Römer Herren von der Juden Länder wurden, durchprüften sie haarklein der Juden Gotteslehre und ihre Satzungen von Moses und von den Propheten und fanden auch, daß dem Tempel, das heißt den Priestern, von Moses aus das Recht eingeräumt ist, gewisse gar große Verbrecher zu Tode zu steinigen. Doch die Priester selbst haben kein Recht, jemanden zum Tode zu verurteilen, sondern sie haben den Verbrecher den Gerichten zu überantworten, und diese haben dann nach der Priester treuem Zeugnisse zu urteilen und den großen Verbrecher den Steinigern zu übergeben. Allein dies geschah hier nicht, sondern das tun nun die Priester eigenmächtig und zahlen dem Herodes eine Pacht, auf daß auch sie eine Art eigenmächtiges Jus gladii haben, mit dem sie den größten Mißbrauch treiben, wie es nun soeben der Fall sein wird. Aber nun heißt es, ganz gehörig auf der Lauer zu sein; denn nun werden sie auch gleich dasein!“

7. Kapitel. Agrikola verhört einen Tempelobersten.

1. Ich hatte dieses kaum ausgesprochen, da nahte sich schon eine bedeutende Schar, die den Unglücklichen grausamst in ihrer Mitte daherschleppte.

2. Ich aber sagte zu Agrikola: „Nun gehen wir beide diesen Schergen, die von einem Tempelobersten angeführt werden, entgegen!“

3. Wir kamen ihnen gerade noch am Ausgange des großen Tores entgegen, und Ich legte dem Römer die zu redenden Worte in den Mund, und der sagte zu dem Obersten mit der gewaltigen, ernstesten Stimme und Miene eines Römers (der Römer): „Was gibt es hier?“

4. Sagte der Oberste: „Wir haben das alte Recht von Moses, auch das Jus gladii, und können es gegen einen gar großen Frevler auch aus eigener Macht in Vollzug setzen!“

5. Sagte der Römer: „Ich bin aber als erster kaiserlicher Gesandter aus Rom nun hierhergekommen, um eure vielen Mißbräuche der euch von Rom gegebenen Privilegien zu untersuchen! Wo habt ihr das Urteil eines Weltrichters?“

6. Diese Frage kam dem Tempelobersten sehr ungelegen, und er sagte (der Oberste): „Zeige du mir zuvor, daß du wirklich ein Gesandter aus Rom bist; denn es könnte sich bald jemand als ein Römer verkleiden und uns im Namen des Kaisers neue Gesetze vorschreiben!“

7. Hier zog Agrikola eine Pergamentrolle aus einer goldenen Büchse hervor, die mit allen Insignien versehen war, die den Obersten keinen Augenblick im Zweifel ließen, daß der Vorweiser eines solchen Dokumentes ein mächtig-hoher Römer sei.

8. Hierauf aber fragte Agrikola, mit großem Ernste sagend: „Nun, ich habe dir das verlangte Dokument auf dein Begehren sogleich vorgewiesen; wo hast du nun das von mir verlangte weltrichterliche Urteil über diesen Verbrecher?“

9. Sagte der Oberste: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß der Tempel von Moses aus das alte Recht hat, einen großen Frevler am Tempel mit dem Tode zu bestrafen, und dieses Recht ist nun auch von Rom aus sanktioniert, und somit handelt der Tempel recht, wenn er zum abschreckenden Beispiele einen solchen Verbrecher an Gott und Seinem Tempel durch den Tod mittels der Steinigung, die Moses verordnet hat, bestraft!“

10. Sagte Agrikola, immer ernster werdend: „Stand dieser Tempel auch schon zu den Zeiten Mosis?“

11. Sagte der Oberste: „Das eben nicht; aber Moses war ein Prophet und wußte in seinem Geiste sicher davon, daß Salomo, der weise und große König, Gott einen Tempel erbauen werde, und es ist sonach ein Frevel gegen den Tempel und seine höchst geheiligten Einrichtungen ebensosehr strafbar wie ein Frevel gegen Gott Selbst!“

12. Sagte Agrikola: „Warum hat denn hernach Moses selbst für derlei Vorfälle eigene Richter aufgestellt und gab solch ein Gericht nicht in die Hände der Priester? Wie seid denn ihr nun auch zu Richtern über Tod und Leben eines Menschen geworden? Moses hat euch nur zu Priestern gemacht, und Rom hat nun dafür, daß es gleich euren Weltrichtern zu eures Königs Saul Zeiten sich dasselbe Recht nahm, euch allen auch ein weltliches Richteramt gegeben, und das mit der ausdrücklichen Weisung, daß wie immer geartete Verbrecher, besonders die, die den Tod verdient haben, allzeit dem Weltrichter des Ortes zu übermitteln sind, und daß kein Priester sich dann weiter darum zu kümmern habe, was das Gericht über den Verbrecher verfügen mag. Euch kommt es daher niemals zu, je jemanden zu richten, zu verurteilen und am Ende gar selbst Hand an ihn zu legen!

13. Daher lasset nun diesen euren Verbrecher augenblicklich los! Ich selbst werde ihn vernehmen und daraus ersehen, ob sein Verbrechen wohl den Tod verdient hat oder nicht; und wehe euch, wenn ich da eine Ungerechtigkeit von eurer Seite gegen diesen Menschen finde!“

14. Auf diese scharfe Androhung ließen die Tempelschergen und Knechte den Verbrecher los und stellten ihn vor Agrikola hin.

15. Und der Oberste sagte: „Da ist der Bösewicht! Erforsche ihn selbst! Ich und alle diese Knechte aber sind hoffentlich Zeugen zur Genüge und können wider sein hartnäckiges Leugnen auftreten!“

16. Sagte Agrikola: „Ganz wohl; aber ich habe eben hier einen höchst wahrhaftigen Zeugen an meiner Seite und erkläre euch hiermit zum voraus, daß ich jede Lüge, sowohl von seiten dieses Verbrechers, wie auch von eurer Seite, auf das allerschärfste ahnden werde! Aber noch schärfer werde ich mit denen verfahren, die über diesen Armen etwa gar ein boshaftes und somit höchst strafbares Urteil gefällt haben!“

17. Auf diese eben nicht sehr freundliche Anrede des Römers wurde der Oberste samt seinen Knechten von einer großen Angst befallen, und der Oberste machte Miene, sich zu entfernen, und auch die Knechte sagten: „Was haben wir dabei zu tun? Wir haben keinen Willen, sondern wir müssen selbst dem Willen des Tempels gehorchen. Der Oberste soll diese Sache mit dir, hoher Gebieter, selbst aus- und abmachen! Wenn ein Verbrecher zu bestrafen ist, so sind wir die tätlichen Vollstrecker des Urteils; warum aber jemand im Grunde des Grundes verurteilt worden ist, davon wissen wir selbst nichts anderes und weiteres, als was uns von den Richtern nur stets ganz kurz mitgeteilt worden ist. Wie könnten wir da nun gegen oder für diesen Verbrecher zeugen? Darum laß uns, du hoher Gebieter, weiterziehen!“

18. Sagte darauf Agrikola: „Das geht hier durchaus nicht an, sondern ihr bleibet des Obersten wegen, also wie auch der hier verbleiben muß, bis ich den Verbrecher werde vernommen haben!“

8. Kapitel. Die verbrecherischen Tempelsatzungen.

1. Als alle solche Sentenz vernommen hatten, blieben sie stehen, und Agrikola fragte zuerst den Obersten, sagend: „Was hat dieser Mensch denn verbrochen, darum er vor euch den Tod verdient hätte?“

2. Sagte der Oberste sehr verlegen: „Er hat gestern nachmittag mit frecher Hand gewagt, die höchst geheiligten Schaubrote anzugreifen und sogar davon zu essen, was allein nur der Hohepriester ungestraft tun kann, unter Gebet und Absingung der Psalmen. Man ergriff ihn bei der frechen Tat und verurteilte ihn nach dem Gesetz zum verdienten Tode, und da bedarf es keines weiteren Verhörs, weil da schon die Tat ohnehin der größte Beweis für die Schuld des Verbrechers ist.“

3. Sagte Agrikola: „So, – das ist eine gar löbliche Gerichtsbarkeit! Muß denn nicht laut unseren Gesetzen bei jedem Verbrecher vor allem darauf gesehen werden, inwieweit bei einem oder dem andern Verbrechen ein Verbrecher zurechnungsfähig ist?! Wenn ein blöder Mensch ein noch so großes Verbrechen begeht, das bei einem mehr intelligenten Menschen nach den Gesetzen offenbar den Tod nach sich ziehen würde, so ist der offenbar Blöde in Gewahrsam zu nehmen, damit er der menschlichen Gesellschaft fürderhin nicht so leicht gefährlich werde, und ist, wenn er sich gebessert hat, entweder freizulassen oder im nicht völligen Besserungsfalle als Galeerensklave zu verwenden, damit er da seine Sünden abbüße und dabei den Menschen doch noch etwas nütze.

4. Ferner ist bei einem Verbrecher ja auch darauf zu sehen, durch welche Umstände gedrungen ein Mensch oft bei den Haaren zu einem Verbrechen hingezogen wurde, welche Umstände dann das Verbrechen auch gar sehr mildern können. Denn es ist gewiß ein großer Unterschied, ob jemand vom Dache fällt und dadurch einen zufällig darunter weilenden Menschen tötet, oder ob jemand vorsätzlich einen Menschen tötet. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch eine Menge Nebenumstände, die ein jeder gerechte Richter wohl zu beherzigen hat, weil sie auf ein und dasselbe Verbrechen entweder mildernd oder erschwerend einwirken können.

5. Wenn zum Beispiel jemand als Kläger zu euch käme und sagte: ,Durch diesen Menschen ist mein Bruder getötet worden!‘, und wenn ihr dann, ohne den verklagten Menschen weiter zu prüfen, ihn sogleich zum Tode verurteiltet, welch elende Richter wäret ihr da! Ist denn in unserem Gesetz nicht ausdrücklich jedem Richter strengstens geboten, sich vor allem über das CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS genauest zu erkundigen und dann erst zu urteilen?! Habt ihr das bei diesem Verbrecher getan?“

6. Sagte der Oberste: „Wir aber haben im Tempel kein römisches, sondern allein nur das Mosaische Gesetz, und das lautet ganz anders!“

7. Sagte Agrikola. „So? Wenn euer Moses solche richterlichen Gesetze gab, wie ihr sie in eurem Tempel beobachtet, dann müßte euer Moses der dümmste und grausamste Gesetzgeber gewesen sein, gegen den wir Römer reine Götter wären! Doch ich kenne die sanften Gesetze Mosis nur zu gut, und wir haben unsere Staatsgesetze zumeist nach ihm geformt, und ihr Templer seid vor Gott und vor allen Menschen die strafwürdigsten Lügner, so ihr mir ins Gesicht behaupten wollt, daß eure allerdümmsten, tyrannisch grausamsten Tempelsatzungen von Moses aufgestellt sind! Das sind eure Satzungen, die ihr eigenmächtig und gottvergessen ganz sinn- und gewissenlos zusammengeschrieben habt, und ihr quält nun das arme Volk nach solchen euren scheußlichen Gesetzen ganz nach eurer Willkür! Könnet ihr so etwas als ein von einem höchst weisen Gotte geheiligtes Gesetz anerkennen?“

8. Sagte der Oberste: „Habe ich doch die Satzungen des Tempels nicht gemacht! Sie sind einmal da, und wir haben uns an sie zu halten, ob sie nun von Moses oder von jemand anders herrühren!“

9. Sagte Agrikola: „Ganz gut, wir Römer werden solch einem Unfuge schon zu steuern wissen! Aber nun heißt es: AUDIATUR ET ALTERA PARS“!

10. Hierauf wandte er sich mit einer freundlicheren Miene an den Verbrecher: „Gib du mir nun ganz der Wahrheit gemäß an, wie es mit deinem Verbrechen steht! Leugne nichts, sondern bekenne alles; denn ich kann dich retten, aber auch töten, so dein Verbrechen irgendwie den Tod verdient hat!“

9. Kapitel. Das Bekenntnis des scheinbaren Verbrechers.

1. Hier richtete sich der Verbrecher auf und sagte voll Mutes ganz frei und ohne allen Hinterhalt: „Mein großer und mächtiger und gerechter Herr und Richter! Ich bin ebensowenig irgendein Verbrecher wie du und der, welcher mit dir ist!

2. Ich bin ein armer Tagewerker und muß mit meinen Händen erhalten und ernähren Vater und Mutter, welche beiden Eltern stets krank und nahe ganz arbeitsunfähig sind. Dazu habe ich noch eine jüngere Schwester, die erst siebzehn Jahre und acht Monde alt ist. Auch diese muß ich ernähren, weil sie sich selbst nichts verdienen kann, da sie daheim die kranken Eltern pflegen muß. Diese meine gar liebe und brave Schwester, obschon sehr arm, ist aber von Natur aus sehr schön und reizend und ist als das den Templern leider nicht unbekannt, und es haben sich einige schon eine große Mühe gegeben, um sie zu verführen; aber sie richteten dennoch nichts aus und machten mir und den Eltern Drohungen, sagend: ,Na warte, du stolzes Bettelvolk, du sollst uns bald zahmer und demütiger werden!‘

3. Ich suchte am nächsten Tage in den mir schon bekannten Häusern Arbeit, und man sagte mir, daß ich von den Priestern darum für einen großen Sünder erklärt worden sei, weil ich mit meiner leiblichen Schwester Blutschande triebe. Man wies mir die Tür, und ich wußte mir nicht zu helfen.

4. Ich ging darauf zu etlichen Heiden und stellte ihnen meine große Not vor. Diese beschenkten mich mit etlichen Pfennigen, damit ich für uns doch etwas Brot kaufen konnte. Doch die etlichen Pfennige waren bald verzehrt, und ich und die Meinen hatten schon zwei Tage nichts zu essen, und ich konnte mir auch nichts mehr verdienen und auch von niemand mehr etwas erbitten, woran aber auch diese Feiertage viel schuldeten, weil man in dieser Zeit auch auswärts keine Arbeit bekommen kann. Da dachte ich mir: ,So du als schuldloser Jude das tätest, was einst David tat, als es ihn sehr hungerte, so wäre das vor Gott ja doch keine so grobe Sünde!?‘

5. Und ich ging gestern am späten Nachmittag, von großer Not getrieben, in den Tempel, kam zu den Schaubroten, griff nach einem ersten und für meinen Hunger besten Laibe und wollte mich sättigen und einen Teil meinen ebenso hungrigen Eltern und der nicht minder hungrigen Schwester bringen; aber da entdeckten mich alsbald die lauernden Wächter, schrien Frevel über Frevel und schleppten mich unbarmherzigst vor die Priester. Diese erkannten mich bald und schrien: ,Ha, das ist ja der stolze Bettler, der Blutschänder und nun Frevler an den Schaubroten! Darum werde er morgen noch vor der Mitte des Tages gesteinigt!‘

6. Darauf schleppte man mich unter allerlei Mißhandlungen und fürchterlichsten Beschimpfungen in ein finsteres Loch, darin ich bis heute schmachtete. Wie man mich von dort bis hierher geschleppt hat, das hast du, hoher Richter, selbst gesehen. Wie es aber den armen Eltern und meiner armen Schwester ergehen wird oder schon ergangen ist, das wird Jehova wissen!

7. Hoher Richter! Das ist alles, was ich dir von meinem Verbrechen als völlig wahr sagen kann! Oh, richte mich nicht so hart, wie mich besonders dieser Oberste gerichtet hat! Denn offen gesagt, eben der war es auch, der meine keusche Schwester verführen wollte, – was ich beschwören kann vor Gott und vor allen Menschen! Ich kann dir dafür auch getreuest wahre Zeugen angeben, die diesen gewiß traurigen Vorfall mit Eid bestätigen werden!“

8. Sagte Agrikola, ganz ergrimmt über den Templer: „Mein Freund! Wer so offen spricht wie du, bei dem bedarf es wahrlich nicht vieler anderer Beweise! Zudem habe ich hier an meiner Seite einen gar gewichtigen Zeugen zur Steuer der Wahrheit deiner Aussage. Es wird aber sogleich jemand dasein, der deine Eltern und deine Schwester ganz gestärkt hierherschaffen wird – und dann noch jemand anders, den ich für diesen Templer sehr vonnöten haben werde!“

10. Kapitel. Das Geständnis des Obersten.

1. Hier war auf Meinen innern Ruf Raphael auch schon da, zu dem Ich innerlich sagte: „Horche nun auf das Verlangen des Römers; denn Ich gebe ihm Gedanken, Worte und Willen!“

2. Als Agrikola den Raphael bemerkte, sagte er: „Ich dachte mir es ja, daß du nicht lange auf dich warten lassen wirst!“

3. Sagte Raphael: „Was du willst, weiß ich bereits! Es wird alles binnen weniger Augenblicke in der Ordnung sein; denn die verlangten Menschen wohnen nicht weit von hier, und ich werde sie darum auch bald herbeigeschafft haben.“

4. Sagte nun der Oberste: „Wozu das?“

5. Sagte Agrikola: „Du wirst reden, wenn du gefragt wirst; jetzt schweige!“

6. Hier entfernte sich der Engel schnell und brachte die beiden Alten und die junge, sehr ärmliche, aber der Gestalt nach wahrlich sehr schöne Schwester, und zugleich kamen hinter ihnen zehn römische Soldaten und ein von Pilatus abgeordneter Richter.

7. Raphael sagte zu Agrikola: „Freund, also wird es recht sein!“

8. Sagte Agrikola: „Das sicher; denn also wollte ich es ja haben!“

9. Hierauf trat Raphael zurück und stand in der vollsten Bereitschaft, auf Meinen Wink zu handeln.

10. Agrikola wandte sich nun zu den dreien und fragte sie, ob sie den mißhandelten Menschen wohl kennten.

11. Sagte die Schwester: „O Jehova, was ist denn mit meinem armen Bruder geschehen? Er ging gestern nachmittag irgendwohin, Brot zu holen, da wir schon zwei volle Tage nichts gegessen hatten, kam aber nicht wieder. Wir hatten eine große Angst um ihn und beteten, daß ihm ja nichts Arges begegnen möge. Und nun treffen wir ihn nach der Nachricht jenes lieben, jungen Boten hier in einem Zustande, der nichts Gutes hinter sich haben kann!“

12. Die Schwester wollte noch weiter forschen, doch Agrikola ermahnte sie mit freundlicher Stimme, sagend: „Lasse, du lieblichste Tochter Zions, nun alles weitere Fragen; denn dein Bruder befindet sich nun schon ohnehin in den besten Händen! Ich werde dir aber nun jenen Tempelobersten, der sein Gesicht soeben von uns abgewandt hat, vorstellen, und du mußt mir der vollsten Wahrheit nach bekennen, ob und wie du ihn kennst!“

13. Sagte die Schwester: „O Herr, erspare dir diese Mühe; denn diesen Elenden habe ich zu meinem Entsetzen bei meinem Hergehen von weitem schon erkannt!“

14. Sagte Agrikola: „Das macht nichts; desto besser für euch alle!“

15. Hierauf berief der Römer mit sehr gebieterischer Stimme den Obersten, sagend: „Nun tritt offenen Angesichtes näher und rede! Was kannst du nun auf solch eine gegen dich gerichtete Anklage erwidern? Bekenne offen die Wahrheit, oder ich werde sie dich am glühenden Kreuze bekennen lassen, auf daß du der Römer Gerechtigkeit näher kennenlernen sollst; denn wir Römer machen auch mit keinerlei Priestern irgendwelche Ausnahmeumstände! Tritt her und rede!“

16. Hier wandte sich der Tempeloberste um und sagte mit bebender Stimme: „Herr voll Macht und Würde! Was soll ich hier noch erwidern können?! Es ist leider also, wie der Arme ehedem über mich ausgesagt hat, und ich habe die Strafe verdient, die du immer über mich erlassen wirst! Könnte ich je frei werden, so würde ich mein unmenschlich großes Vergehen an dieser armen Familie tausendfach gutmachen; aber ich habe keine Befreiung von einer gerechten Strafe verdient, und so wird es schwer sein, an dieser armen und höchst braven Familie das wieder gutzumachen, was ich ihr Übles zugefügt habe.“

17. Sagte Agrikola: „Ich bin kein Richter gleich euch nach dem Maße der Leidenschaft, sondern ein Richter nach dem Maße des Rechtes; ich sage aber hier, daß nun deine Hauptrichter diese vier von dir so unmenschlich tief Beleidigten sind! Wie dich diese verurteilen werden, also werde auch ich dich verurteilen! Was aber dieser Arme und Hungrige im Tempel gegen eure Schaubrote sich versündigt hat, das soll Gott richten! Vergibt ihm Der, so vergeben ihm auch wir; denn gegen uns hat er keine Sünde begangen!“

18. Hierauf wandte sich Agrikola an die arme Familie und sagte: „Bestimmet nun, was ich diesem großen Übeltäter tun soll! Denn er hat euch nicht nur in eurem Hause doppelt geschadet, da er eure keusche Tochter hat schänden wollen und, weil ihm das mißlang, dann durch seinen bösen Mund dahin wirkte, daß euer Sohn nirgends mehr eine Arbeit bekam, sondern er hat euern Sohn auch deswegen, weil er sich aus Hunger an einem Laib Schaubrot vergriff, zum Steinigungstode verurteilt, – und wäre dieser größte aller Menschenfreunde nicht dagewesen, so wäre dieser euer Sohn nun schon tot, und ihr hättet ihn nie wieder zu Gesichte bekommen!

19. Dort vorne stehen noch die tierischen Tempelhäscher und Schergen, die ihn gesteinigt hätten, – dieser Tempeloberste aber ist eben auch vorzugsweise jener allerunbarmherzigste und ungerechteste Richter, der euren Sohn zum Steinigungstode verurteilt hat! Mir ist das Gesetz über den Vergriff an den Schaubroten nicht unbekannt; die Todesstrafe hat Moses nur für den Fall des verstockten Mutwillens erlassen und nicht für den Fall einer wahren Hungersnot, wo ein jeder Jude das Recht hat, sich auch mit den Schaubroten zu sättigen, so es ihn zu gewaltig hungert, wie desgleichen auch euer großer König David getan hat, als es ihn hungerte, weil er das Gesetz Mosis besser verstand als sein damaliger Oberpriester. Damit aber spreche ich auch euren Sohn von aller Schuld frei, und an euch ist es nun, ein Urteil über diesen gewaltigen Verbrecher an euch auszusprechen!“

20. Sagte der Vater des Sohnes und der schönen Tochter: „Herr und mächtiger Richter! Wir alle danken dem großen Gott und dir und deinem Freunde, daß wir so wunderbar aus solch einer großen Gefahr gerettet worden sind. Wie aber Gott das Gute und Rechte am Ende allzeit beschützt, so bestraft Er auch allzeit das wahrhaft Böse eines verstockten Sünders, so er ohne Reue und Buße in seiner Bosheit verharrt. Bessert er sich aber ernstlich, so vergibt ihm Gott auch seine noch so großen und vielen Sünden. Darum richte ich diesen Menschen auch nicht, sondern überlasse ihn lediglich dem Willen Gottes; denn Gott allein ist ein gerechtester Richter. – Das ist unser Urteil über diesen unsern großen Feind. Wir alle vergeben ihm von Herzen alles, was er an uns Übles getan hat.“

11. Kapitel. Das Urteil des Agrikola.

1. Als der Tempeloberste solches Urteil über sich aus dem Munde des ehrlichen, armen Vaters vernommen hatte, brach er in Tränen aus und sagte: „O großer Gott, wie gut sind deine wahren Kinder, und wie entsetzlich schlecht sind wir als eine wahrhafte Schlangenbrut der Hölle! O Gott, strafe mich ganz nach meinem bösesten Verdienste!“

2. Sagte Agrikola: „So dich diese nicht gerichtet haben, die dazu das eigentliche Recht hätten, so richte auch ich dich nicht; aber darum habe ich den Richter kommen lassen, daß er es dir und dem ganzen Tempel strengstens untersage, je ein Todesurteil über jemand zu verhängen; – ansonst bist du und der ganze Tempel nicht straffrei. Diese Häscher und Schergen aber sollen für ihren freien Mutwillen mit diesem Armen jeglicher mit hundert Rutenhieben gezüchtigt werden, damit auch sie fühlen, wie wohl ein solch unmenschlicher Mutwille einem Armen tut. Die Soldaten mögen sie sogleich ins Zuchthaus bringen und sie stäupen! Es geschehe!“

3. Nun fingen diese an zu heulen und zu bitten.

4. Sagte Agrikola: „Hat euch dieser Arme nicht auch gebeten, daß ihr ihn nicht also mißhandeln sollet, – und ihr achtetet nicht seines Flehens, da euch doch nur befohlen ward, ihn zu bewachen? Daher, weil ihr etwas getan habt, wozu ihr nicht einmal ein scheinbares Recht hattet, wird euch auch nicht ein einziger Rutenhieb erlassen, sondern den Peinigern noch streng bedeutet, daß ein jeder Hieb mit der größten Schärfe geführt wird. Und nun weiter; denn für euch gibt es weder bei Gott und noch weniger bei mir ein Erbarmen!“

5. Hier umschlossen die Krieger die im ganzen fünfzehn Tempelhäscher und Schergen und stießen sie vor sich hin.

6. Der Tempeloberste aber fragte mit zitternder Ehrfurcht den Römer, sagend: „Hoher und mächtiger Gebieter! Was soll ich denn nun eigentlich mit diesem Richter abmachen?“

7. Sagte Agrikola: „Das habe ich dir schon angezeigt; so du es aber noch nicht begriffen hast, da sage ich es dir noch einmal: Du gehst mit dem Richter ins Amthaus und wirst dort von ihm eine wohlgemessene Weisung erhalten, wie sich der Tempel in aller Zukunft mit seinen Mosaischen Strafen zu verhalten hat! Jede Übertretung solch einer Weisung wird von Rom aus auf das schärfste geahndet werden! Mit solch einer von Pilatus auf meinen Befehl unterfertigten Weisung begibst du dich dann in den Tempel und machst sie kund!“

8. Sagte der Oberste: „Was soll ich aber dem Pilatus sagen, so er mich näher um dich fragen möchte?“

9. Sagte Agrikola: „Das wird Pilatus nicht tun, da ich schon vor ein paar Tagen bei ihm war, er mich nur zu gut kennt und wohl weiß, warum ich nun diese unsere Länder im Namen des Kaisers bereise. Und nun magst auch du gehen!“

10. Hier verbeugten sich der Richter und der Oberste tief vor Agrikola, und der Richter ermahnte den Obersten, ihm zu folgen.

11. Aber der Oberste sagte: „Nur eine Frage an den Gesandten des Kaisers laß mich noch stellen!“

12. Sagte der Richter: „So frage eilig; denn wir Richter haben in dieser Zeit wenig Weile!“

13. Hierauf wandte sich der Oberste nochmals an Agrikola und sagte: „Mächtiger Gesandter des Kaisers! Siehe, ich bin sehr reich, und es ekelt mich vor meinen Schätzen! Da ich aber dieser armen Familie ein gar so himmelschreiendes Unrecht zugefügt habe, so möchte ich durch die vollkommenste Abtretung aller meiner Schätze an sie dieses Unrecht an ihr nach aller Möglichkeit sühnen. Dürfte ich nun bei diesem Richter unter einem einen Schenkbrief ausfertigen lassen und solchen ihr dann samt allen meinen Schätzen einhändigen, auf daß sie dann niemand fragen kann, woher sie solche erhalten hat?“

14. Sagte Agrikola: „Du wirst der armen Familien noch in großer Menge finden, an denen du die langversäumten Werke der Nächstenliebe üben kannst; doch diese arme Familie ist schon so gut wie allerbestens versorgt. Und somit kannst du nun schon gehen! Tue in der Folge recht und fürchte Gott, so wirst du zu keiner solchen Begegnung mehr gelangen! Es sei!“

15. Hierauf verneigten sich die beiden nochmals und gingen von dannen.

16. Wir aber kehrten mit der geretteten Familie wieder zu den Unseren zurück, die schon voll Neugierde harrten, um zu erfahren, was sich da alles zugetragen hatte. Denn sie waren von uns so weit entfernt, daß sie uns wohl noch sehen, aber von all dem Vorgegangenen nichts vernehmen konnten. Auch unser Sklavenhändler Hibram hatte sich mit seinen Gefährten vorgedrängt, um zu erfahren, was etwa da vorgefallen sei.

17. Aber Ich sagte zu Lazarus: „Freund, nun ist vor allem nötig, diesen vieren eine Leibesstärkung zu verschaffen, – alles andere werden wir dann schon oben besprechen; denn diese haben nun schon über zwei Tage lang nichts gegessen. Die beiden Alten waren sehr krank und schwach, doch sie sind geheilt. Dieser sonst kräftige jüngere und sehr mißhandelt aussehende Mensch ist eben derjenige, der da hätte gesteinigt werden sollen, und diese gar liebliche Jungfrau ist seine Schwester, und beide sind Kinder dieses armen, aber ehrlichen Elternpaares. Und nun weißt du schon, mit wem du es zu tun hast!“

18. Sagte auch Agrikola: „Und was sie verzehren werden, solange ich mich hier aufhalten werde, das kommt auf meine Rechnung, sowie ich auch wünsche, daß sie an meinem Tische bestens verpflegt werden sollen! Hierauf nehme ich sie ohnehin mit nach Rom. Also werde ich auch die Sklaven alle auf meine Rechnung nehmen und werde fortan für ihr gutes Fortkommen in natürlicher und geistiger Hinsicht alle meine Sorge aufbieten!“

19. Sagte Lazarus: „Freund, einige aber möchte wohl auch ich behalten; denn sieh, ich habe weder ein Weib noch Kinder und möchte wohl auch etliche an Kindesstelle aufnehmen!“

20. Sagte Agrikola: „Das steht dir ganz frei; so viele du willst, überlasse ich dir gerne!“

21. Damit war Lazarus ganz zufrieden, und wir traten den Weg auf den Berg an und waren auch bald an Ort und Stelle.

12. Kapitel. Das Mahl in der Herberge.

1. Als wir oben ankamen, da waren die Sklaven alle in guter Ordnung aufgestellt und grüßten Mich schon von weitem, sagend: „Heil dir, lieber, guter Vater; denn du hast uns erlöst und frei gemacht von unseren harten Banden! Du hast uns ein neues, gar schönes Gewand gegeben, daß wir nun gar lieblich anzusehen sind, und hast uns gesättigt mit überguter Speise und gar kräftig und süß schmeckendem Tranke! O du guter, lieber Vater du, komme, komme, damit wir dir mit unserer Liebe danken können!“

2. Als Ich ganz zu ihnen kam, da drängten sich alle zu Mir und küßten und kosten Mich.

3. Die Jünger aber bedeuteten ihnen, daß sie sich nicht gar so sehr und heftig um Mich drängen sollten.

4. Ich aber sagte zu den Jüngern: „Lasset ihnen ihre allerunschuldigste Freude; denn wahrlich, Ich sage euch: Wer Mich nicht liebt wie eins dieser wahren Kinder hier, der wird nicht zu Mir kommen! Denn wen nicht der Vater (in Mir) zieht, der kommt nicht zum Sohne (zur Weisheit aus Gott). Diese aber zieht der Vater, und darum drängen sie sich denn auch also um Mich. Diese wissen noch nicht, wer Ich bin, doch den Vater haben sie in Mir schon um vieles besser erkannt denn ihr bis zur Stunde. Wie gefällt euch das?“

5. Da sagten die Jünger nichts mehr und fühlten es wohl, daß sie Mich noch nie mit solcher Liebe in ihren Herzen aufgenommen hatten wie nun diese Kinder aus dem sonst so kalten Norden.

6. Als Mich diese Kinder also abgekost und Mir für alles gedankt hatten, da traten sie wieder in einer ganz guten Ordnung zurück, und wir gingen ins Haus und setzten uns an die Tische in der Ordnung wie am vergangenen Tage, nur nahmen die vier Armen nach dem guten Willen des Agrikola am Tische der Römer Platz. Die Sklavenhändler mit Hibram aber nahmen neben den sieben Pharisäern Platz, und als also alles geordnet war, da wurden Speisen aufgetragen und Wein und Brot in schwerer Menge, so daß die Sklavenhändler sich über eine so reiche Mahlzeit nicht genug wundern konnten. Raphael saß neben Mir, um gewisserart schnell bei der Hand zu sein, so Ich seines Dienstes benötigte.

7. Es waren aber die vier Armen aus sehr leicht begreiflichen Gründen höchst dürftig in schon sehr schadhafte Kleider gehüllt, was den Lazarus, der auch neben Mir saß, sehr dauerte.

8. Er sagte darum zu Mir (Lazarus): „Herr, ich habe daheim der Kleider in Menge! Wie wäre es denn, so ich jemanden nach Bethania entsendete und für diese Armen Kleider herbeischaffen ließe? Vielleicht käme auch die Schwester Maria, die hier sicher auch eine große Freude hätte!“

9. Sagte Ich: „Freund, deine Sorge für die Armen ist Mir immer sehr lieb, und Ich habe darum Wohnung bei dir genommen; aber diesmal werde schon Ich auch für diese also sorgen, wie Ich ehedem für die Kinder, die nun draußen herum sich erheitern, gesorgt habe! Die beiden Schwestern aber haben daheim nun ohnehin mit den vielen Fremden zu tun und sind in deinem Hause notwendig; wenn Ich aber wieder von hier gehen werde, so werde Ich ohnehin vorher zu dir nach Bethanien kommen und da deine Schwestern sehen und sprechen. Diese vier Armen aber wirst du bald in besseren, und zwar in römischen Kleidern ersehen. Doch lassen wir sie nun zuvor ihren inneren Leib und ihre Glieder stärken, – darauf soll dann schon auch für ihren äußeren Leib gesorgt werden! – Bist du damit zufrieden?“

10. Sagte Lazarus: „Herr, ganz vollkommen; denn nur das ist gut und völlig recht, was Du willst und anordnest! Aber nun heißt es essen und trinken, und wenn wir alle gestärkt sein werden, dann werden wir wieder über gar viele verschiedene Dinge reden können.“

11. Darauf aßen und tranken alle ganz wohlgemut und konnten die gute und freundliche Bewirtung und die wohlschmeckenden Speisen wie auch den lieblichen und das Herz erheiternden Wein nicht genug loben. Die Sklavenhändler waren ganz und gar außer sich vor Freude und bekannten, daß sie selbst bei ihren früheren Reisen in die südlicheren Länder der Erde noch nie so etwas außerordentlich Gutes genossen hätten.

12. Ein Pharisäer am selben Tische aber sagte dazu: „Ja ja, meine lieben fernen Freunde, im Hause des Vaters leben oft die ungeratenen Kinder besser als irgendwo, weit vom väterlichen Hause entfernt!“

13. Sagte Hibram: „Wie sollen wir das verstehen?“

14. Sagte der freilich nun ganz bekehrte Pharisäer, auf Mich hinzeigend: „Siehe, dort sitzet der ewig wahrste Vater unter uns, Seinen ungeratenen Kindern, die wir, was alle Menschen dieser Erde, sind! Die da zu Ihm kommen, Ihn erkennen und Ihn lieben, sind Seine besseren Kinder, und Er sorgt dann durch Seine Weisheit und durch Seinen allmächtigen Willen allenthalben für sie, daß es ihnen dann schon auf dieser Erde wohl ergeht, nach diesem Leibesleben aber noch besser im Reiche der ewigen Geister, die nimmerdar sterben, sondern ewig fortleben. Und siehe, das meinte ich darunter, daß es selbst den ungeratenen Kindern nirgends besser geht als im Hause ihres wahren Vaters! – Verstehst du nun solches?“

15. Sagte Hibram: „Ja ja, das verstehe ich nun schon, und du hast da vollkommen gut und wahr geredet; doch jener Mann ist eigentlich ja Gott, und da ist Er zu erhaben, als daß Er ein Vater von uns schlechten Menschen wäre! Ich möchte das sogar für eine gar große Vermessenheit halten, Ihn Vater zu nennen!“

16. Sagte der Pharisäer: „Da hast du einesteils freilich wohl nicht ganz unrecht; doch er Selbst lehrt uns solches und bedrohet jeden, der das nicht in seinem Gemüte glauben würde, mit der Ausschließung von dem seligsten, ewigen Leben und zeigt uns, daß Er allein aller Menschen Schöpfer und wahrhaftigster Vater ist, und so müssen wir solches auch glauben, aber auch nach Seinem uns bekanntgegebenen heiligsten Willen also auf dieser Welt leben, daß wir dadurch erst würdig werden, Seine Kinder zu sein. Wenn Er Selbst uns aber solches lehrt, so müssen wir das dann wohl auch mit aller Liebe und Dankbarkeit annehmen und das tun, was Er uns lehrt; denn Er allein weiß, wie es mit uns Menschen steht, und wozu Er uns ins Dasein gerufen hat.“

17. Mit dieser ganz guten Belehrung waren unsere Sklavenhändler denn auch vollkommen zufrieden und aßen und tranken darauf weiter und unterhielten sich mit den Pharisäern, so gut es ihre Zungen zuließen. Aber mit der Zeit verstanden sie sich immer besser, weil der eine Pharisäer in der urhebräischen Sprache so ziemlich bewandert war, in der die nordischen Abkömmlinge Indiens in einer noch wenig verdorbenen Art ihren Gedanken Raum und Form gaben.

13. Kapitel. Agrikolas Hinweis auf Jesus.

1. An den anderen Tischen ging es noch ganz still her; denn alle lauschten nur, ob Ich Selbst etwa bald über etwas den Mund öffnen würde. Da nun aber auch Ich Mich mehr der Ruhe hingab, so fingen die Zungen an den andern Tischen sich ein wenig mehr zu regen an. Die Römer fingen an, sich mit der armen Familie etwas vertrauter zu machen, und Agrikola fragte die gar lieblich aussehende Tochter, ob sie sämtlich keine besseren Kleider hätten als die am Leibe.

2. Die Tochter aber sagte: „Edler, hoher Herr! Wohl habe ich daheim in unserer elenden Wohnung ein härenes Oberkleid; aber es ist noch schlechter als der linnene Leibrock, den ich nun anhabe. Wir sind ehedem nicht gar so entsetzlich arm gewesen, als die Eltern noch gesund waren und arbeiten konnten. Als sie dann, schon vor ein paar Jahren, recht schwer krank wurden, da ging es dann immer schlechter und schlechter. Der Bruder konnte mit allem Fleiße nicht mehr so viel verdienen, daß wir uns außer dem kärglichen Mundvorrat noch etwas anderes hätten anschaffen können, und so sind wir nun ohne unser Verschulden in diese große Armut geraten, und es wäre mit uns allen wohl in längstens noch zwei Tagen rein aus geworden, wenn du und jener Freund dort uns nicht gerettet hättet auf eine nahe ganz wunderbare Weise; denn ich begreife es noch immer nicht, wie jener schöne Jüngling dort unsere ärmlichste Wohnung also hat finden können, als wäre er, Gott weiß es, wie sehr bekannt in all den geheimsten Winkeln dieser großen Stadt. Wer etwa jener gar herrliche Mann und jener wunderholde Jüngling an seiner Seite doch sind? Möchtest du mir das nicht nur ein wenig aufklären?“

3. Sagte Agrikola: „Ja, du meine allerliebste Arme, du wahrhaft schönste Tochter Zions, das steht wahrlich nicht bei mir; denn siehe, ich bin ein sicher gar großer und mächtiger Herr im ganzen römischen Reich, und doch bin ich gar nichts gegen jenen herrlichen Mann und gegen jenen schönen Jüngling! Ich könnte wohl heute an den Kaiser von Rom einen beglaubigten Boten mit meinem Handschreiben absenden, und er würde mir gar viele Legionen senden, und ich könnte damit das ganze große Asien mit Krieg, und das siegreich, überziehen, – aber was wäre das gegen die unendliche Macht jenes herrlichen Mannes?! Wenn Er etwas will, so ist das schon eine vollbrachte Tat!

4. Meine liebe Tochter Zions! Verstehst du wohl, was das sagen will? Sieh, deine Eltern waren krank, wie du sagst, über zwei Jahre hinaus! Und bloß der Wille jenes herrlichen Mannes hat sie in einem Augenblick gesund gemacht, und eben jener herrliche Mann wußte auch jenem Jünglinge ganz genauest eure Wohnung anzuzeigen, in der er euch ganz unfehlbar hat finden müssen. Also hat auch jener herrliche Mann vor ungefähr drei Stunden angezeigt, was diesem deinem Bruder bevorsteht, und darauf erst ward es mir ermöglicht, deinen Bruder und euch durch Seine alleinige Gnade zu retten, und so habe nicht ich, sondern nur Er ganz allein hat euch alle gerettet; denn ich war nur Sein förmlichst blindes Werkzeug.

5. So hast du zuvor draußen auch die vielen, gar wunderherrlich schönen Jünglinge und Mägdlein gesehen. Siehe, diese herrlich schönsten Wesen hätten alle als elende Sklaven verkauft werden sollen! Und siehe wieder, jener herrliche Mann hat sie alle befreit und sie vom Fuße bis zum Kopfe gar schön bekleiden lassen, und das alles in einem Augenblick, weshalb sie Ihn alle denn auch als einen gar lieben Vater begrüßten. Wenn aber das nun ganz wahrhaftig also der Fall ist, was ist da meine gesamte Macht gegen nur einen Hauch Seines Willens?! Daher habet nun auch ihr vorzüglich auf jenen herrlichen Mann euer ganzes Augenmerk zu richten; denn was jener Mann bloß nur durch Seinen Willen zu bewirken imstande ist, davon haben sich die Menschen noch nie etwas träumen lassen. Was ich dir aber hier ganz offenherzig gesagt habe, das ist die höchste Wahrheit. Was aber sagst du nun dazu?“

6. Sagten alle die vier: „Ja, wenn jener herrliche Mann das alles also vermag, wie du als ein allerglaubwürdigster Zeuge uns das kundgegeben hast, so muß jener herrliche Mann ja gar ein großer Prophet sein! Denn sieh, wir Juden erwarten einen Messias, der gar sehr mächtig in Wort und Tat werden soll! Doch bevor Jener kommen wird, soll Ihm vorangehen der große Prophet Elias und nach der Meinung vieler Menschen auch dessen Jünger Eliseus (Elisa). Und sieh, am Ende ist das gar der Elias oder sein Jünger Eliseus!“

7. Sagte Agrikola: „Diese eure Sage ist mir eben nicht gar zu sehr bekannt, wohl aber die von eurem Messias, dessentwegen ich nun hauptsächlich von Rom hierher nach Jerusalem gekommen bin. Habt ihr denn noch nichts gehört von dem nun schon überall über die Maßen berühmt-bekannten Heiland aus Galiläa?“

8. Sagte der Alte: „Allerehrwürdigster Freund und Herr! Wir armen Tagwerksleute kommen des Jahres höchstens zehnmal in den Tempel; dort verrichten wir unser kleines Opfer und hören irgendeine Predigt an, die wir nicht verstehen. Wenn es dann auch irgendwo etwas Neues und so Außerordentliches gäbe, so erfahren wir in unserer Abgeschiedenheit sicher nur höchst wenig oder auch wohl gar nichts davon.

9. Zudem waren wir nun ja über zwei volle Jahre bettlägerig. Der Sohn mußte Tag für Tag, sogar den Sabbat nicht ausgenommen, arbeiten, um uns nur den dürftigsten Lebensunterhalt zu verschaffen. An den Sabbaten arbeitete er bei einem Griechen oder Römer, die natürlich unseren Sabbat nicht feierten und irgend heiligten, und das war gewisserart noch ein wahres Glück für uns; denn ohne das hätten wir jeden Sabbat, besonders in diesen zwei letzten Jahren, vollkommen fasten können.

10. Wenn du, hoher Herr und Freund, das zusammenfassest, so wirst du das ganz leicht einsehen, wie eine ganz arme Familie, selbst mitten in dieser großen Stadt wohnend, von allen noch so großen und außerordentlichen Erscheinungen und Vorkommnissen ebensowenig erfahren kann, als lebte sie irgendwo ganz am Ende der Welt! Wenn wir nun aus dem dir gezeigten Grunde von dem berühmten und sonst schon weithin bekannten Galiläer nahe soviel wie nichts wissen, so kann uns das wahrlich nicht zu einer Schuld gerechnet werden.

11. So viel haben wir vor einem Jahre in Erfahrung gebracht, daß etwa ein Prophet namens Johannes in einer Wüste am Jordan wider die Pharisäer gepredigt habe und ihnen tüchtige Wahrheiten gesagt haben soll. Was aber dann weiter mit ihm geschehen ist, davon haben wir nichts erfahren. Vielleicht ist nun dieser herrliche Mann jener Prophet?“

12. Sagte Agrikola: „Das ist dieser euer herrlicher Mann nicht; aber ihr werdet Ihn zu eurem Glücke schon noch heute näher kennenlernen. Darum esset und trinket, daß ihr gehörig stark werdet, um die große Enthüllung, die euch werden wird, zu ertragen; denn es ist keine Kleinigkeit, jenen euren herrlichen Mann näher kennenzulernen!“

13. Auf das aßen und tranken die Armen wieder ganz gemütlich fort. Während des Essens und öftermaligen Trinkens fielen ihnen die schönen und schweren Speiseschüsseln auf, und noch mehr die goldenen Weinkrüge und Trinkbecher.

14. Die Tochter betrachtete diese Dinge mit stets größerer Aufmerksamkeit und sagte am Ende zu Agrikola: „Aber höre, du großer und mächtiger Herr, ist das nicht purstes Silber und Gold? Das hast du sicher von Rom hierher mitgebracht? Oh, das muß ja gar entsetzlich viel gekostet haben!“

15. Sagte Agrikola: „Ja, meine schöne Tochter Zions, das würde wohl sehr viel kosten, so man das Silber und Gold kaufen und dann daraus diese Gefäße machen lassen müßte! Aber diese Gefäße hier haben mich gar nichts gekostet und Den, der sie auf eine wundervollste Weise hergestellt hat, auch nichts, und dennoch sind sie alle von einem unschätzbar großen Wert. Denn sieh, Dem, der allmächtig ist, ist nichts unmöglich! – Verstehst du das?“

16. Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das verstehe ich schon; aber allmächtig ist ja nur Gott allein! War denn Gott Selbst hier, oder hat Er einen Engel hierher gesandt, der hier solch ein Wunder gewirkt hat? Denn solche Dinge sind unter dem jüdischen Volke stets geschehen!“

17. Sagte Agrikola: „Mein liebstes und wahrlich schönstes Kind! Ja, ja, Gott Selbst war hier, ist noch da und gibt Sich denen wunderbar zu erkennen, die Ihn wahrhaft und rein lieben! Wenn du im Herzen recht voll Liebe zu Ihm wirst, dann wird Er Sich dir und euch allen schon auch zu erkennen geben! – Glaubst du, Holdeste, mir solches?“

18. Sagte die nun immer schöner werdende junge Jüdin: „Aber Gott ist ja ein Geist, den kein Mensch je sehen kann und dabei behalten das Leben; denn also steht es im Moses geschrieben: ,Gott kann niemand sehen und leben.‘“

19. Sagte Agrikola: „Da hast du wohl recht; aber es steht auch in den andern Propheten geschrieben, daß der ewige Geist Gottes – also Gott Selbst – in der Zeit um der Menschen willen Fleisch anziehen werde und Selbst als ein Mensch unter ihnen wandeln und sie Selbst die rechten Wege des Lebens lehren werde. Und so kann nun ein rechter Mensch Gott schauen und hören und dabei nicht nur dieses irdische Leben behalten, sondern noch das ewige Leben der Seele hinzuerhalten, so daß er dann fürder ewighin keinen Tod mehr sieht und fühlt. Wenn dieser Leib mit der Zeit auch abfällt, so lebt aber dennoch die Seele des Menschen ewig fort und genießt dabei die höchste Seligkeit. – Wie gefällt dir denn nun das?“

20. Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das gefiele uns allen wohl gar überaus; doch für solch eine nie erhörte Gnade sind wir sicher zu gering und auch zu große Sünder! Denn erstens konnten wir schon lange den Sabbat nicht ordentlich heiligen und gehörten schon lange in die Reihe der großen Sünder, und zweitens konnten wir uns davon auch nicht reinigen, weil wir dazu die Mittel niemals besaßen. Und so wird Gott, so Er nun auch irgend leiblich zu den Menschen kommt, uns sicher nicht ansehen. Er kam wohl zu Abraham, Isaak und Jakob; aber das waren ungeheuer fromme und sündenfreie Menschen. Was sind da wir dagegen? Lieben könnte ich Gott also schon über alle die Maßen; aber Er ist viel zu heilig und kann die Liebe eines Sünders nicht annehmen.“

21. Hier sagte Ich über den Tisch zu der Jüdin: „O liebe Tochter, Gott sieht nicht auf die Sünden der Menschen, besonders deiner Art, sondern allein auf das Herz! Wer Gott wahrhaft liebt, dem werden alle Sünden erlassen, und hätte er derselben so viele, als wie da ist des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere. Deine Sünden aber liegen nur in deiner Einbildung und nicht in der Wirklichkeit. Gott aber ist alles das nur ein Greuel, was vor der Welt groß ist; du bist aber gar klein vor der Welt und somit vor Gott kein Greuel. Liebe Gott nur recht stark, und Er wird dich dann auch lieben und dir geben das ewige Leben! – Verstehest du das?“

22. Sagte die Jüdin: „Das habe ich verstanden; aber führet mich doch dahin, wo nun Gott ist, damit ich Ihn sehe, liebe und anbete!“

14. Kapitel. Die neuen Gäste in der Herberge und ihre Bewirtung.

1. Es wollte nun die schöne Jüdin noch mehr mit Mir verkehren; aber es kamen des Lazarus Diener in den Saal herein und sagten, daß eine Menge fremder Menschen den Berg heraufkämen, und sie (die Diener) wüßten nicht, wo alle die Ankommenden unterzubringen sein würden.

2. Sagte Lazarus zu Mir: „Herr, was wird hier zu tun sein? Ich vertraue nun allein auf Dich!“

3. Sagte Ich: „Wie viele können ihrer sein, die da nun ankommen und auch später noch ankommen können?“

4. Sagte Lazarus: „Herr, nach den vergangenen Jahren zu urteilen, könnten da wohl fünf-, sechs- bis siebenhundert Köpfe ankommen; heute aber wird der Zudrang offenbar am stärksten sein!“

5. Sagte Ich: „Gut nun, gehe du mit diesem Meinem Diener hinaus, und er wird dir im Freien schon alles also herrichten, daß da alle die ankommenden Gäste ganz gut unterzubringen sein werden! Die Jugend aber lasset in den kleinen Saal treten, auf daß sie nicht der Gaff- und Geilsucht der Fremden zu sehr ausgesetzt sei!“

6. Als Lazarus solches vernommen hatte, ging er mit Raphael sogleich ins Freie hinaus, wo Raphael zuerst die vielen Jungen in den anstoßenden kleinen Saal brachte und darauf zu Lazarus sagte: „Hast du wohl Tische und Bänke in genügender Anzahl?“

7. Sagte Lazarus: „Ja, du mein liebster und gar mächtiger Freund voll Heiles aus Gott, damit hat es nun eben den größten Anstand! In Bethania hätte ich daran wohl einen großen Vorrat; aber den kann ich nun nicht so bald herschaffen! Was wird da nun zu machen sein?“

8. Sagte Raphael: „Mache dir nichts daraus! Da du auf den Herrn vertraust und Ihn über alles liebst, so wird dir hier gleich geholfen sein. Sieh, ich bin im Namen des Herrn ein guter Zimmermann und Schreiner, und so wird gleich alles dasein, was du nun nötig hast!“

9. Als Raphael das noch kaum ausgesprochen hatte, da standen auch schon Tische und Bänke in der rechten Menge da, und über jedem Tisch war ein Zelt gespannt und so recht lieblich anzusehen.

10. Nun kamen aber die fremden Gäste auch schon an und fragten, ob sie wohl hier bewirtet werden könnten.

11. Sagte Lazarus: „O allerdings, es werden die Diener sogleich kommen und einem jeden geben nach seinem Verlangen!“

12. Sagte Raphael zu Lazarus: „Wirst du wohl mit deinen Dienern auslangen für so viele Gäste?“

13. Sagte Lazarus: „Zur Not etwa wohl; aber sie werden alle vollauf zu tun haben!“

14. Sagte Raphael: „Gut, sollte es an ihnen gebrechen, so werde dann schon auch ich ihnen helfen!“

15. Sagte nun Lazarus: „Siehe, du heilvoller Diener Gottes, das, was du mir nun im Namen des Herrn hier gemacht hast, ist ein Wunder über Wunder; aber es nimmt mich nun schon nahe nichts mehr wunder, da ich den Herrn kenne und schon Zeuge von gar vielen Wundern war, von denen eines größer war als das andere!“

16. Sagte Raphael: „Das ist nun ganz ein und dasselbe; denn alles, was du siehst und fühlst und denkst, ist ein noch größeres Wunder des Herrn, und ein jeder Mensch selbst ist das größte! Ob der Herr nun einen schnellsten Blitz erschafft, der in einem Momente aus einer Wolke auf die Erde herabfährt, oder ob Er eine Sonne erschafft, die dann äonenmal äonen von Erdenjahren vielen Erden leuchtet, so ist das der Weisheit und der Macht des Herrn wohl ganz ein und dasselbe, und so hast du auch ganz recht, daß du dir aus diesem gegenwärtigen Wunder eben nicht gar soviel machst. Es wäre das nun vor den vielen sehr neugierigen Fremden auch eben nicht sehr klug. – Aber jetzt kannst du schon zusehen, daß alle die vielen Gäste bedient werden, sonst fangen sie an, einen großen Lärm zu schlagen!“

17. Sagte Lazarus: „Ja, du heilvoller Diener des Herrn, du hast recht; denn es haben noch die wenigsten etwas! Was werden wir da tun?“

18. Sagte Raphael: „Nun, was tun? Helfen wollen wir deinen Dienern, sonst bekommen die vielen und sich noch immer mehrenden Gäste noch lange nichts!“

19. Hier verließ Raphael auf ein paar Augenblicke Lazarus, und in solch einem kürzesten Zeitraume waren alle Tische, an denen sich Gäste befanden, mit Wein, Brot, Salz und auch anderen Speisen bestens versehen.

20. Es fiel solche Bedienung freilich wohl manchen Gästen auf; aber die Gäste dachten sich, daß sie ob ihrer Gespräche auf das Herschaffen des Weines und Brotes und der anderen Speisen nicht gehörig achtgegeben hätten, und so aßen und tranken sie fort. Was ihnen aber dennoch auffiel, das war die außerordentliche Güte des Weines, da sie zuvor wohl noch niemals etwas Ähnliches über ihren Gaumen gebracht hatten.

21. Es kamen darum einige, von ihren Tischen aufstehend, zu Lazarus hin und fragten ihn, was das für ein Wein wäre, und ob er solchen auch in einem größeren Quantum verkaufen würde.

22. Sagte Lazarus: „Diesen Wein bekomme ich selbst wahrhaft ordentlich durch die Gnade Gottes. Bei diesem Umstande könnet ihr ihn nach Maß und Ziel trinken; aber zum Weiterverkauf besitze ich gar keinen Wein!“

23. Darauf gingen die Gäste wieder an ihre Plätze.

24. Die aber einmal da waren, die gingen nicht mehr fort, und dennoch kamen noch immer neue hinzu, so daß es Lazarus schon ordentlich zu schwindeln begann und er zu Raphael sagte: „Mein liebster, von Gottes Heil erfüllter Freund, wenn das noch lange fortgeht, so werden wir am Ende doch noch zu wenig Sitze und Tische haben!“

25. Sagte Raphael: „Nun, da werden wir denn noch einige hinzustellen müssen!“

26. Und kaum hatte Raphael das ausgesprochen, so standen auch schon Tische, Bänke und Zelte da, und doch merkte von vielen Hunderten von Gästen niemand, wie die vielen Tische, Bänke und Zelte entstanden waren. Die Gäste kamen und wurden auch auf die gleiche Weise bedient.

27. Als so nach ein paar Stunden die Fremden, die auch in früheren Jahren stets diese Herberge zu besuchen pflegten, sich alle eingefunden hatten und hinreichend gesättigt worden waren, wandte sich Lazarus an Raphael und fragte ihn: „Liebster, von Gottes Heile voller Diener des Herrn, sage mir denn nun doch ein wenig nur, wie dir solches zu bewirken möglich ist, und das alles in einem Augenblick! Ich wollte von den Tischen, Bänken und Zelten noch nichts sagen; aber woher die entsprechenden Gefäße, das Salz, der Wein und die Speisen, und die Speisen aber also, daß der Perser für sich und also der Ägypter, der Grieche und, kurz, ein jeder, woher er auch sei, seine nationale Landeskost allerbestens bereitet vor sich hat? Wie ist dir denn doch das alles, und das in einem Augenblicke, möglich?“

28. Sagte Raphael: „Mein liebster Freund, so ich dir auch die Möglichkeit alles dessen noch so genau erklärte, so würdest du davon dennoch nur wenig oder nahe gar nichts begreifen. Ich kann dir daher vorderhand nur das sagen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind!“

15. Kapitel. Eine Erklärung der Materialisationen.

1. (Raphael:) „Ich bin eigentlich für mich selbst aus mir ebensowenig etwas zu tun imstande wie du; aber ich bin ein purer Geist und habe hier nur einen aus den Stoffen der Luft zusammengezogenen Leib. Als Geist aber kann ich ganz mit dem Willensgeiste des Herrn erfüllt werden und dann also wirken wie der Herr Selbst. Wenn ich also mit dem Geiste des Herrn erfüllt bin, dann habe ich keinen andern Willen als den des Herrn und kann unmöglich etwas anderes wollen, als was der Herr allein will. Was aber der Herr will, das ist dann auch schon da.

2. Siehe, alles, was auf dieser oder auch auf einer andern Erde ist und wächst, das ist – samt der Erde – ebenso ein Wunder, hervorgehend aus dem Willen des Herrn, nur daß der Herr da der Bildung der Intelligenz wegen bei den Geschöpfen eine gewisse notwendige Stufenfolge beobachtet und eines aus dem andern so nach und nach pur aus Seinem Willen entstehen läßt. Wenn der Herr solches der Bildung und Festigung der intelligenten und belebten Geschöpfe wegen nicht tun würde, so könnte Er vermöge Seiner Allmacht auch eine Welt im selben Augenblick ins Dasein rufen, wie Er einen Blitz ins Dasein und Wirken ruft.

3. Sieh, in der Luft der Erde sind in einem aufgelösten Zustand alle Substanzen und alle Stoffe einer ganzen Erde enthalten! Du kannst sie zwar mit deinen irdischen Sinnen nicht wahrnehmen, aber für einen vollkommenen Geist ist das etwas ganz ebenso Leichtes, wie es dir ein leichtes ist, einen Stein vom Boden aufzuheben und zu unterscheiden, daß er kein Fisch und nicht ein Stück Brotes ist. Und es ist dem Geiste dann auch ein leichtes, zum Beispiel die zu diesem oder einem anderen Gegenstande nötigen Stoffe zusammenzufassen, nämlich aus der Luft, und sie in einem Augenblick als das darzustellen, was sie in naturgeordnetem Zustande erst nach und nach geworden wären.

4. Wie aber einem vollkommenen Geiste das möglich ist, das ist nun freilich eben jene Sache, die der natürliche Mensch, solange er im Geiste nicht völlig wiedergeboren ist, unmöglich fassen und begreifen kann. Und das kann ich dir denn auch nicht näher erklären. Doch will ich dir aber in Kürze eine kleine Hinweisung auf so manche Erscheinung in der Natur geben.

5. Siehe, in allen Keimen der Pflanzen und Bäume wohnt in einer kleinen und zarten Hülse eine sonderheitliche Intelligenz in der Gestalt eines deinem Auge nicht mehr sichtbaren Fünkleins! Dieses Fünklein ist das eigentliche erste Naturleben des Samens und hernach der ganzen Pflanze. Nun denke dir aber die beinahe zahllose Menge der verschiedenartigsten Pflanzen und Bäume, die natürlich auch alle verschiedenartige Samen tragen, in deren Keimhülschen auch ebenso verschiedene geistige Intelligenzfünklein wohnen!

6. Wenn du nun verschiedene Samen ins Erdreich legst, so werden sie durch die Wärme und durch die vom Erdreich aufgesogene Feuchtigkeit der Luft erweicht, das geistige Fünklein wird tätig und erkennt ganz bestimmt jene Stoffe in der es umgebenden Luft, fängt an, sie durch seine ihm eigene Willenskraft anzuziehen und bildet aus ihnen eben jene Pflanze mit ihrer Gestalt und Frucht, für die zu bilden es eben die geeignete Intelligenz und die ihr entsprechende Willenskraft vom Herrn aus besitzt.

7. Könntest du mit deinem Verstande, mit deinen Sinnen und mit deinem Willen wohl auch die für ein gewisses Samenkorn bestimmten Stoffe aus der das Samenkorn umgebenden Luft herausfinden? Sicher nicht; denn du ißt und trinkst ja auch, um dich zu ernähren, und hast doch keine Ahnung, wie dein dir bisher noch völlig unbekannter Geist, als der geheime Liebewille Gottes im Herzen deiner Seele wohnend, durch seinen dir noch völlig unbekannten Willen und durch seine hohe Intelligenz aus den zu dir genommenen Speisen eben jene Stoffe, die zur Bildung deiner sehr verschiedenartigen Leibesteile unerläßlich notwendig sind, ausscheidet und sie dahin zieht, wo sie eben notwendig sind.

8. Wenn du das dir nun Gesagte so recht tiefsinnig betrachtest, so wirst du eben dieselben Wunder allenthalben ersehen, als wie diese da sind, die ich vor deinen Augen nach dem Willen des Herrn in einem Augenblick gewirkt habe, – nur daß ich als ein vollkommener Geist das durch den Willen des Herrn in einem Momente aus der Luft zusammenzuziehen vermag, was ein natürlich noch ganz unvollkommener Geist mit seiner beschränkten Intelligenz und ebenso beschränkten Willensmacht nur so nach und nach vermag.“

16. Kapitel. Die Arbeit der Naturgeister bei der Metallbildung. Das Geheimnis des Wunders.

1. (Raphael:) „Siehe, du siehst den Stoff, aus dem das ganz reine Gold besteht, sicher nicht als in dieser Luft enthalten herumschwimmen; ich aber sehe ihn und kann ihn von den zahllos vielen anderen Stoffen sehr wohl unterscheiden. Weil ich aber das wohl kann und auch meinen Willen als entsprechend gleichartig nach allen Richtungen ausdehnen kann, so kann ich auch eben diesen in der Luft enthaltenen reinsten Goldstoff sogleich auf einen sichtbaren Haufen zusammenziehen, oder ich kann ihn auch ebenso leicht sich in eine beliebige Form, als wie etwa da ist ein Trinkgefäß, festest zusammenfügen lassen, und du wirst entweder alsogleich einen beliebig großen Goldhaufen oder ein Goldgefäß vor dir sehen, und es wird solches ebenso ein ganz natürliches und kein gewisserart nichtig wunderbares Gold sein, als wie natürlich jenes Gold ist, das die Menschen aus den Bergen graben, von den fremden Stoffen reinigen, es dann im Feuer schmelzen und daraus allerlei kostbare Sachen und Dinge verfertigen.

2. Denn die gewissen Naturgeister in der Materie der Berge, die eben mit dem in der Luft freien Goldstoffe am nächsten verwandt sind, ziehen vermöge ihrer sehr geringen Intelligenz und der mit ihr verbundenen Willenskraft – was die Apotheker die Anziehungskraft nennen – das freie Gold aus der Luft an sich, und so das mehrere Hunderte von Jahren fort und fort geschieht, so wird an einer solchen Stelle dann recht viel Gold sichtbar werden.

3. Daß aber solch eine Ansammlung des Goldes in der Natur nur sehr langsam vor sich geht, daran schuldet die sehr geringe Intelligenz und die ebenso geringe Willensmacht solcher Naturberggeister in ihrem notwendig gerichteten Zustande.

4. Ich aber als ein höchst freier und vollkommener, mit den höchsten Intelligenzen ohne Zahl und Maß sowie dazu mit der Fülle der Willensmacht aus Gott versehener Geist kann nun das in einem Augenblick bewirken – wie ich das schon gezeigt habe –, was die einseitig schwach intelligenten und ebenso willensbeschränkten Naturgeister nur nach und nach zustande bringen.

5. Habe nun wohl acht, wie ich solch ein Wunder vor dir bewirken werde! Ich will es dir zuliebe aber mit dem Wunder etwas langsamer machen, damit du leichter merken kannst, wie sich das Gold aus der freien Luft gerade auf deiner Hand ansammeln wird. Sieh, ich will nun, und schon siehst du auf deiner Handfläche einen dünnen Goldanflug! Sieh nur zu, wie sich das Gold mehrt und mehrt! Nun bedeckt deiner Hand Fläche schon eine ganz gewichtige Goldscheibe. Über diese fängt nun ein ganz wohlgeformter Rand an sich zu erheben. Er wächst nun fort, und sieh, du hast jetzt in wenigen Augenblicken schon ein fertiges Gefäß aus reinstem und – sage – ganz natürlichem Golde auf deiner Hand, das nur eines vollkommenen Geistes Macht wieder in seinen Urstoff auflösen kann, sonst aber auch nicht leichtlich eine andere Kraft in der Natur. Aber ich werde dir dieses Gefäß belassen, wie es ist, und du kannst es verwerten oder dir von einem Goldschmiede auch etwas anderes daraus machen lassen oder es auch also behalten.

6. Du hast nun gesehen, wie ich auf eine langsamere Weise vor dir ein Wunder gewirkt habe; aber nun strecke deine andere Hand aus, und ich werde dir ein gleiches Wunder augenblicklich bewirken! Sieh, ich will, und du hast nun in einem Augenblick ein ganz gleiches Gefäß in deiner linken Hand!

7. Wie ich aber das vermag durch die mir innewohnende Kraft, so vermag ich auch alles andere, was ich dir für die vielen Gäste dargestellt habe. Aber du brauchst darum das Mahl diesen Gästen nicht zu schenken; denn sie sind alle reiche Handelsleute und sollen auch bezahlen, was sie gegessen und getrunken haben. Sie werden sich darauf bald wieder in ihre nun unterdessen verschlossenen Verkaufsbuden begeben und die Käufer durch ihr Geschrei anlocken. Laß nun nur deine Diener das Geld einsammeln!“

8. Hierauf berief Lazarus die Diener und sagte, daß sie von jedem Gaste nicht mehr als einen Groschen verlangen sollten. Und die Diener taten das, und jeder Gast zahlte gern den verlangten Groschen und bedankte sich noch obendrauf für die gute Verpflegung, und alle erbaten sich die Freiheit, am Abend sowie an den noch kommenden zwei Tagen wiederkommen zu dürfen, was ihnen natürlich von Lazarus freundlichst gestattet wurde.

9. Als so die vielen Gäste sich vom Berge hinab in die Stadt verliefen, da wollten die Diener die Tische nach gewohnter Sitte abräumen. Aber Raphael bedeutete ihnen, daß sie sich diese Arbeit ersparen sollten; denn so dieselben Gäste am Abend wiederkommen würden, so brauche niemand sich anders um sie zu kümmern, als daß die Diener ihnen nach dem Abendmahle das Geld abverlangen und darauf wieder alle Tische so wie jetzt gedeckt lassen. Bei dem blieb es denn auch, und es wurden also die noch folgenden zwei Tage hindurch alle die vielen Gäste mit Speise und Trank versorgt, ohne daß Lazarus auch nur einen Fisch, ein Stück Brotes und einen Becher Weines von seinem Vorrate herzugeben vonnöten hatte.

17. Kapitel. Die Urstoffe der Schöpfung.

1. Als aber nun alle Gäste sich verlaufen hatten, da fragte unser Freund Lazarus den Raphael, sagend: „Höre, du Gottes Heils vollster Menschengeist, du sagtest ehedem, daß es in der Luft eine unzählbare Menge von allerlei Urstoffen und Substanzen als freischwebend und ungebunden gibt, die durch die Weisheit und durch den Willen eines vollkommenen Geistes als solche erkannt und zu einem festeren Körper zusammengezogen und verbunden werden können! Durch die mir gegebenen Beispiele wurde mir diese Sache notwendig sehr einleuchtend; aber daneben fiel mir eine noch ganz andere äußerst wichtige Frage auf, und diese besteht darin: Sieh, die Urstoffe und Substanzen mögen immerhin also in der Luft dieser Erde vorhanden sein, wie du mir das wahrlich sehr einleuchtend gezeigt hast; aber wie erzeugen sie sich denn ursprünglich? Wie kommen sie denn in so zahlloser Mannigfaltigkeit in die Luft unserer Erde, wahrscheinlich auch in noch größerer Mannigfachheit in die Luft der zahllos vielen anderen Erden und Welten, die mich und die vielen anderen Jünger der Herr Selbst gnädigst hat kennen gelehrt? Erkläre mir denn auch das noch!“

2. Sagte Raphael: „Ei, ei, daß dir das noch nicht von selbst einleuchten mag! Gibt es denn außer Gott etwas, das etwa nicht aus Ihm hervorgegangen wäre? Ist nicht alles, was von Ewigkeit her den unendlichen Raum erfüllt, Sein Gedanke, Seine Idee, Seine Weisheit, Sein Wille?

3. Siehe, Seine Gedanken in der nie versiegbaren endlosesten Fülle von einer Ewigkeit zur andern sind die eigentlichen Ursubstanzen und die Urstoffe, aus denen alles, was da auf Erden und in den Himmeln gemacht ist, durch die ungeteilte ewige Macht des göttlichen Willens besteht. Kein Gedanke und keine Idee aber kann selbst in Gott ohne Seinen Willen entstehen und fortbestehen. Dadurch aber, daß ein jeder Gedanke und eine jede Idee als aus der höchsten Intelligenz Gottes durch Seinen Willen hervorgehend eben auch in sich selbst als eine sonderheitliche Intelligenz den entsprechenden Teil des Gotteswillens in sich birgt, kann denn auch jeder solche den Gotteswillen in sich tragende Einzelgedanke Gottes oder eine ebenso beschaffene größere Idee des Herrn nimmerdar ebensowenig je ein Ende nehmen wie Gott Selbst, weil Er einen einmal gedachten Gedanken und eine noch tiefer gefaßte Idee nimmerdar vergessen kann in Seiner allerlichthellsten Selbstbewußtseinssphäre. Weil aber das bei Gott die purste Unmöglichkeit ist, einen einmal gehabten Gedanken oder eine einmal gefaßte Idee zu vergessen, so ist auch jeder noch so kleine Gedanke und eine noch so geringfügig scheinende Idee Gottes für ewig in ihrer urgeistigen Beschaffenheit unzerstörbar.

4. Da aber ferner – wie schon früher angedeutet – ein jeder Gedanke und eine jede Idee Gottes auch teilweise als ein göttlicher Intelligenzfunke notwendigerweise auch den göttlichen Willen in sich trägt und tragen muß, weil er ohne den nie gedacht worden wäre, so kann denn auch jeder solche Einzelgedanke und jede solche Einzelidee Gottes entweder für sich oder durch mehrere weise miteinander verbundene Gedanken – was dann eine Idee ist – als ein für sich Bestehendes sich selbst in seiner Art und Sphäre ausbilden, sich vervollkommnen in und für sich als das, was er ist, sich ins Unendliche vermehren und durch weise Verbindung mit anderen Urstoffen und Substanzen auch edler und vollkommener werden.

5. So ist eine werdende Sonne zuerst ein purer, lichtschimmriger Lichtäther oder ein Sich-Ergreifen von zahllos vielen Gedanken und Ideen Gottes infolge des in ihnen eigens zugrunde liegenden und entsprechenden Willensanteiles aus Gott. Diese ziehen dann eben durch den in ihnen zugrunde liegenden Gotteswillen das ihnen Gleiche aus dem endlosen Äther fort und fort an sich, und so wird der früher lichtschimmrige Äther schon dichter und bekommt nach und nach die Dichtigkeit dieser Erdluft. Diese verdichtet sich nach und nach auch mehr und mehr, und es wird Wasser zum Vorscheine kommen; aber auch dieses verdichtet sich nach und nach, und es wird daraus Schlamm, Lehm, Steine und somit ein schon festeres Erdreich.

6. Die nun also fester und fester aneinandergebundenen, ursprünglich geistigen Ursubstanzen und Urstoffe fangen an, sich in solch einem unfreien Zustande stets mehr und mehr unbehaglich zu fühlen, werden sehr tätig, um sich freier zu machen, und es fängt in einem solchen Weltkörper, besonders in seinen festen und schweren Partien, sehr feurig zu werden an. Durch diesen Feuereifer der gedrückten ursprünglichen freien Ursubstanzen und Urstoffe werden die festeren Teile eines solchen neuen Weltkörpers zerrissen, ja es wird da das Innerste oft zum Äußern und umgekehrt das Äußere zum Innersten, und erst nach gar vielen solchen Kämpfen wird ein solcher neuer Weltkörper in eine ruhigere Ordnung gesetzt, und die in ihm gefangenen Urgedanken und Urideen Gottes finden dann einen andern Weg, sich von dem großen Drucke frei und los zu machen.

7. Und sieh, da entstehen bald allerlei Pflanzen und Tiere, und das so fort bis zum Menschen hin, in welchem gar sehr viele solcher Urgedanken und Urideen Gottes dann erst ihre volle Erlösung von ihrem alten Gerichte finden. Diese erkennen dann erst Gott als den Urgrund alles Seins und alles Lebens und kehren sodann als selbständige, freieste Wesen – das heißt, so sie nach Seinem erkannten Willen gelebt haben – zu Ihm zurück.

8. Aber es ist in dieser rein, frei und selbständig geistigen Umkehr auf den zahllos vielen und höchst verschiedenartigen Weltkörpern auch ein ebenso großer Unterschied wie in und zwischen den Weltkörpern selbst. Die allervollkommenste Rückkehr von einem Weltkörper zu Gott aber ist und bleibt nur von dieser Erde möglich, weil hier ein jeder Mensch in seiner Seele und in seinem Geiste Gott vollkommen ähnlich werden kann, wenn er nur will; denn wer hier nach Gott strebt, der wird auch zu Gott kommen. – Verstehest du solche Dinge?“

9. Sagte Lazarus: „Das verstehe ich nun wohl, da ich in Hinsicht auf den gesamten Weltenbau schon vom Herrn aus die allerbedeutendsten Vorkenntnisse innehabe; aber es bleibt mir doch noch so manches unverständlich und somit zu fragen übrig.“

10. Sagte Raphael: „Oh, mein lieber Freund, das ist auch bei mir selbst der Fall! Denn es liegt in Gott noch gar endlos vieles verborgen, von dem wir, die nach Gott höchsten und reinsten Geister selbst nichts wissen; denn Gott hat für die guten und reinen Geister ewigfort einen derartig großen Vorrat, daß Er sie auch ewigfort mit nie geahnten neuen Schöpfungen aus Seiner Liebe und Weisheit auf das unaussprechlichste überraschen und dadurch ihre Seligkeit stets mehren und erhöhen kann. Und sieh, so könnte es wohl geschehen, daß du mich bald dieses und jenes fragen würdest, worüber ich dir dann keinen Aufschluß geben könnte!“

11. Sagte Lazarus: „O ja, das glaube ich dir recht gerne; doch worüber dich mein noch sehr beschränkter Menschenverstand zu fragen vermag, darüber kannst du mir auch schon ganz sicher einen Aufschluß geben!

12. Sieh, so las ich einst ein altes Buch mit dem Titel ,Kriege Jehovas‘, und darin ist, freilich in einer höchst mystischen Sprache, die Rede vom Falle der urgeschaffenen Engel!

13. Anfangs habe Gott – natürlich endlos lange vor aller Weltenerschaffung – sieben große Geister entsprechend den sieben Geistern in Gott erschaffen. Er gab ihnen eine große Macht und eine ebenso große Weisheit, daß dadurch auch sie vermochten, Gott gleich, kleinere ihnen völlig ähnliche Geister in höchster Unzahl zu erschaffen, und es ward also der ewige Raum mit zahllosen Geisterheeren angefüllt.

14. Der größte und mächtigste dieser sieben urgeschaffenen Geister war offenbar nach der alten Schrift Luzifer. Er aber überhob sich in seiner Macht und Größe, wollte nicht nur Gott gleich, sondern sogar über Gott sein und herrschen. Da ward Gott zornig, ergriff den Verräter und stieß ihn für ewig von Sich ins Gericht. Die sechs großen Geister aber blieben mit ihren zahllos vielen Untergeistern bei Gott und dienen Ihm allein von Ewigkeit zu Ewigkeit, wogegen die Untergeister Luzifers als arge Teufel mit ihm für ewig als von Gott verworfene Wesen mit Luzifer im ewigen Feuer des Zornes Gottes brennen und stets die größten Qualen zu leiden haben ohne irgendeine Linderung. – Nun, was sagst du als sicher auch ein solcher erster Engel Gottes dazu?“

18. Kapitel. Die sieben Urgeister Gottes. Die Erlösung.

1. Sagte Raphael: „Das ist ja nur ein entsprechendes Bild von eben dem, was ich dir ehedem von der Erschaffung oder sukzessiven Bildung eines ganzen Weltkörpers mitgeteilt habe.

2. Die urgeschaffenen großen Geister sind ja eben die Gedanken in Gott und die aus ihnen hervorgehenden Ideen.

3. Unter der mystischen Zahl Sieben wird verstanden das vollkommen ursprünglich Göttliche und Gottähnliche in jedem von Ihm ausgehenden Gedanken und in jeder von Ihm gefaßten und wie aus Sich hinausgestellten Idee.

4. Das erste in Gott ist die Liebe. Diese läßt sich finden in allen geschaffenen Dingen; denn ohne sie wäre kein Ding möglich.

5. Das zweite ist die Weisheit als das aus der Liebe hervorgehende Licht. Auch diese kannst du in jedem Wesen in seiner Form ersehen; denn für je mehr Licht ein Wesen empfänglich ist, desto entfalteter, entschiedener und schöner wird auch seine Form sein.

6. Das dritte, das aus der Liebe und Weisheit hervorgeht, ist der wirksame Wille Gottes. Durch ihn bekommen die gedachten Wesen erst eine Realität, daß sie dann wirklich sind und da sind, – ansonst wären alle Gedanken und Ideen Gottes eben das, was deine hohlen Gedanken und Ideen sind, die niemals ins Werk gesetzt werden.

7. Das vierte, das wieder aus den dreien hervorgeht, ist und heißt die Ordnung. Ohne diese Ordnung könnte kein Wesen irgend eine bleibende und stetige Form und somit auch nie einen bestimmten Zweck haben. Denn so du einen Ochsen vor den Pflug spanntest, und er würde seine Form und Gestalt verändern, zum Beispiel in einen Fisch oder in einen Vogel, würdest du da wohl mit ihm je einen Zweck erreichen? Oder du wolltest eine Frucht essen, und sie würde dir vor dem Mund zu einem Steine werden, – was würde dir die Frucht nützen? Oder du gingest irgendwohin auf festem Wege, und der Weg würde dir unter den Füßen zu Wasser, – könnte dir da selbst der festeste Weg etwas nützen? Siehe, alles das und zahllosfach anderes wird verhütet durch die göttliche Ordnung als den vierten Geist Gottes!

8. Der fünfte Geist Gottes aber heißt der göttliche Ernst, ohne den kein Ding als etwas Bestehendes möglich wäre, weil er gleich ist der ewigen Wahrheit in Gott und erst allen Wesen den wahren Bestand, die Fortpflanzung, das Gedeihen und die endliche Vollendung gibt. Ohne solchen Geist in Gott stünde es mit allen Wesen noch sehr schlimm. Sie wären gleich den Fata-Morgana-Gebilden, die wohl etwas zu sein scheinen, solange sie zu sehen sind; aber nur zu bald ändern sich die sie erzeugt habenden Bedingungen, weil in ihnen kein Ernst waltet, und die schönen und wunderbaren Gebilde zerrinnen in nichts! Sie sind zwar auch sehr wohlgeordnet anzusehen, aber weil in dem sie hervorbringenden Grunde kein Ernst waltet, so sind sie nichts als leere und höchst vergängliche Gebilde, die unmöglich einen Bestand haben können.

9. Siehe, da haben wir nun schon einmal die fünf großen Urgeister Gottes, und wir wollen denn noch zu den zwei letzten übergehen, und so höre mich noch weiter an!

10. Wo die höchste Liebe, die höchste Weisheit, der allmächtige Wille, die vollkommenste Ordnung und der unwandelbar festeste Ernst vorhanden sind, da muß doch offenbar auch die höchste und ewig nie erreichbare Geduld vorhanden sein; denn ohne sie müßte sich alles überstürzen und endlich in ein unentwirrbares Chaos der alten Weisen übergehen.

11. Wenn ein Baumeister ein Haus aufbaut, so darf er doch nebst seinen anderen dazu erforderlichen Eigenschaften auch die Geduld nicht außer acht lassen; denn fehlt ihm diese, so – glaube es mir – wird er mit seinem Hause niemals zurechtkommen.

12. Ich sage es dir: Wenn Gott diesen Geist nicht hätte, so leuchtete schon gar endlos lange keine Sonne einer Erde im endlosesten Raume, und in der Welt der Geister sähe es ganz absonderlich, gänzlich wesenlos aus. Die Geduld ist die Mutter der ewigen, unwandelbaren Barmherzigkeit Gottes, und wäre dieser sechste Geist nicht in Gott, wo und was wären dann alle Geschöpfe dem allein allmächtigen Gott gegenüber?!

13. Wenn wir nun denn auch irgend fehlen und uns dadurch offenbar dem vernichtenden Fluche der göttlichen Liebe, Weisheit, des göttlichen Willens, dem Sein Ernst offenbar wegen der vorangegangenen Ordnung folgt, preisgeben, so stoßen wir an die göttliche Geduld, die mit der Zeit dennoch alles ins Gleichgewicht bringt und bringen muß, denn ohne sie wären alle noch so vollkommenen Geschöpfe dem ewigen Gerichte des Verderbens anheimgestellt.

14. Die göttliche Geduld würde mit den vorangehenden fünf Geistern in Gott wohl einen oder auch zahllos viele Menschen auf den Weltkörpern erschaffen und sie auch gleichfort erhalten; aber da würde ein Mensch oder auch zahllos viele Menschen im schweren Fleische eine endlose Zeit fortleben, und von einem endlichen Freiwerden der Seele aus den Banden der Materie wäre da schon ewig lange keine Rede. Zugleich würden sich Tiere, Pflanzen und Menschen gleichfort mehren und am Ende in einer solchen Anzahl auf einem raumbeschränkten Weltkörper so eng zusammengedrängt wohnen, daß da einer dem andern nicht mehr ausweichen könnte. Das ist aber nur zu verstehen, wenn ein Weltkörper unter dem Walten der endlosen göttlichen Geduld je noch dahin reif werden würde, daß er Pflanzen, Tiere und Menschen tragen und ernähren könnte. Ja, es ginge mit den alleinigen dir bis jetzt bekanntgegebenen sechs Geistern sogar mit der Erschaffung einer materiellen Welt unendlich saumselig her, und es wäre sehr zu bedenken, ob da je eine Welt zum materiellen Vorscheine käme.

15. Aber die Geduld ist, wie schon gesagt, die Mutter der göttlichen Barmherzigkeit, und so ist der siebente Geist in Gott eben die Barmherzigkeit, die wir auch die Sanftmut nennen wollen. Diese bringt alles zurecht. Sie ordnet alle die früheren Geister und bewirkt die rechtzeitige Reife einer Welt sowohl, wie aller Geschöpfe auf ihr. Für alles hat sie einen bestimmten Zeitraum gestellt, und die reif gewordenen Geister können demnach bald und leicht der vollen Erlösung gewärtig werden und in ihre ewige Freiheit und vollste Lebensselbständigkeit eingehen.

16. Dieser siebente Geist in Gott bewirkte denn auch, daß Gott Selbst das Fleisch annahm, um dadurch alle die gefangenen Geister aus den harten Banden des notwendigen Gerichtes der Materie in möglichster Kürze der Zeit zu erlösen, darum auch dieses Sein Werk – die Erlösung – die Neuumschaffung der Himmel und der Welten und somit das größte Werk Gottes genannt werden kann, weil in diesem alle die sieben Geister Gottes völlig gleichgewichtig wirken, was vordem nicht so sehr der Fall war und auch nicht sein durfte zufolge des Geistes der Ordnung in Gott. Denn früher wirkte dieser dir nun bekanntgegebene siebente Geist in Gott nur insoweit mit den anderen Geistern mit, daß alle die Gedanken und Ideen Gottes zu Realitäten wurden; von nun an aber wirkt er mächtiger, und die Folge davon ist eben die vollkommene Erlösung.

17. Und siehe nun, das sind die von dir unverstandenen sieben Geister Gottes, und all das Erschaffene aus den sieben Geistern Gottes entspricht in allem und jedem diesen sieben Geistern Gottes und birgt sie in sich. Und die ewig fortwährende Erschaffung und das ebenso fortwährende Erschaffen ist das, was die Urweisen dieser Erde die ,Kriege Jehovas‘ nannten.“

19. Kapitel. Die Kriege Jehovas.

1. (Raphael:) „Wie die sieben Geister oder besonderen Eigenschaften in Gott dahin gleichsam in einem fortwährenden Kampfe stehen, daß die eine stets auch die andere zur Tätigkeit herausfordert, also kannst du den gleichen Kampf mehr oder weniger auch in allen Geschöpfen Gottes ganz und gar leicht erkennen.

2. Die Liebe für sich ist blind, und ihr Bestreben ist, alles an sich zu ziehen. Aber in diesem Bestreben entzündet sie sich, und es wird Licht und somit Verständnis und Erkenntnis in ihr.

3. Siehst du nun nicht, wie das Licht gegen das vereinzelte Bestreben der puren Liebe kämpft und sie zur Ordnung und Besinnung bringt?!

4. Aus diesem Kampf oder Krieg aber erwacht zu gleicher Zeit der Wille als der tätige Arm der Liebe und ihres Lichtes, der das, was das Licht weise geordnet hat, ins Werk setzt.

5. Aber da wird aus der Erkenntnis der Liebe durch ihr Licht und durch die Kraft der beiden eben auch gleichzeitig die Ordnung hervorgerufen, und diese kämpft fort wider alles Unordentliche durch das Licht und durch den Willen der Liebe, und du hast darin wieder einen ewig beständigen Krieg Jehovas in Ihm sowie in allen Geschöpfen.

6. Das wäre nun aber schon alles recht also, wenn man nur dafür gutstehen könnte, daß das, was die vier Geister noch so schön geordnet ins Werk setzten, damit schon einen Bestand hätte. Aber alle die noch so herrlichen Werke der ersten vier Geister gleichen noch sehr den Spielwerken der Kinder, die zwar mit großer Lust und Freude so manches ganz meisterlich geordnet ins Werk setzen, doch kurze Zeit darauf an ihrem Produkte keine Freude mehr haben und es dann noch eifriger wieder zerstören, als sie es ehedem ins Dasein gesetzt haben. Und wahrlich, Freund, da sähe es mit dem Bestande all des Geschaffenen noch sehr übel aus!

7. Um aber das zu verhüten, erhebt sich aus den vier Geistern, und zwar infolge des großen Wohlgefallens an der vollendeten Gelungenheit der Werke, der Ernst als ein fünfter Geist in Gott sowie in Seinen Geschöpfen, und dieser Geist kämpft dann gleichfort wider die Zerstörung und Vernichtung der einmal hervorgebrachten Werke, gleichwie auch ein verständig ernst gewordener Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus erbaut hat und einen Weinberg angelegt, alles auf die Erhaltung und Nutzung des Hauses und des Weinberges verwenden wird, nicht aber etwa auf die baldige Wiederzerstörung des Hauses und des Weinberges, wie ich dir solches ehedem bei den hervorgebrachten Werken der Kinder gezeigt habe. Und siehe, das ist – wie schon gesagt – schon wieder ein Krieg Jehovas!

8. Aber das erbaute Haus zeigt mit der Zeit dennoch Mängel, und der Weinberg will noch immer nicht die erwünschte Ernte bringen, und der Erbauer fühlt Reue wegen seiner Mühe und wegen seines Ernstes in seinem Tätigkeitseifer, und er möchte darum das Werk auch gleichwohl zerstören und dafür ein ganz anderes und neues errichten; aber da tritt dann der sechste Geist solchem Ernste entgegen und heißt – wie schon gezeigt – die Geduld. Und siehe, die erhält dann das Haus und den Weinberg! Und das ist schon wieder ein neuer Krieg Jehovas!

9. Nun, die Geduld für sich, wie auch mit den früheren Geistern vereint, würde aber weder am Hause noch am Weinberge besondere Verbesserungen vornehmen, sondern so hübsch alles gehen und stehen lassen; aber da kommt der siebente Geist, nämlich die Barmherzigkeit, die in sich enthält die Sanftmut, die Besorgtheit, den Fleiß, die Liebtätigkeit und Freigebigkeit. Und siehe, der Mensch bessert dann sein Haus so gut aus, daß dann an ihm keine Mängel von nur irgendeiner Bedeutung mehr vorhanden sind, und gräbt und düngt den Weinberg, so daß er ihm bald eine reiche Ernte abwirft! Und sieh nun abermals, das ist dann wieder ein Kampf oder ein Krieg Jehovas im Menschen gleichwie in Gott und im Engel!

10. Und also ist das wahre, vollkommene Leben in Gott, im Engel und im Menschen gleichfort ein Kampf der dir nun gezeigten sieben Geister. Aber dieser Kampf ist in Gott wie im Engel kein solcher, als wäre in einem oder dem andern der sieben Geister ein Bestreben, die anderen Geister zu unterdrücken und untätig zu machen, sondern der Kampf geht ewig dahinaus, daß ein Geist den andern gleichfort nach aller seiner Kraft und Macht unterstützt und sonach ein jeder Geist in dem andern vollkommen enthalten ist. Es ist also die Liebe in allen den anderen sechs Geistern und ebenso das Licht oder die Weisheit in der Liebe und in den anderen fünf Geistern und also fort, so daß in jedem einzelnen Geiste auch alle anderen ganz vollauf wirken und stets wirkend gegenwärtig sind und sich fort und fort im schönsten Ebenmaße unterstützen.“

20. Kapitel. Die Disharmonie der sieben Geister im Menschen.

1. (Raphael:) „Also sollte es auch im Menschen sein; aber es ist leider nicht so. Wohl ist diese Fähigkeit jedem Menschen gegeben, jedoch ohne je völlig ausgebildet und durchgeübt zu werden. Nur wenige Menschen gibt es, die alle die sieben Geister in sich zur vollen und gleichen Tätigkeit bringen und dadurch wahrhaft Gott und uns Engeln Gottes gleich werden; aber, wie gesagt, gar viele sind davon abgewandt und kümmern sich wenig darum und erkennen sonach das wahre Geheimnis des Lebens in sich ganz und gar nicht. Solche blinden und halbtoten Menschen können dann den ihnen zugrunde liegenden Zweck des Lebens nicht erkennen, weil sie sich nur von einem oder dem andern der sieben Geister leiten und beherrschen lassen.

2. So lebt der eine pur aus dem Geiste der Liebe und achtet der anderen Geister gar nicht. Was ist dann ein solcher Mensch anders als ein freßgieriges und nie genug habendes Raubtier? Solche Menschen sind stets voll Eigenliebe, voll Neid und voll Geiz und sind gegen alle ihre Nebenmenschen hartherzig.

3. Andere wieder haben eine erleuchtete Liebe und sind somit auch recht weise und können ihren Nebenmenschen ganz gute Lehren geben; aber ihr Wille ist schwach, und sie können darum nichts völlig ins Werk setzen.

4. Wieder andere gibt es, bei denen die Geister der Liebe, des Lichtes und des Willens ganz tätig sind; doch mit dem Geiste der Ordnung und des rechten Ernstes sieht es ganz schwach aus. Diese Art Menschen werden auch recht klug und manchmal sogar recht weise reden und auch hie und da etwas Vereinzeltes ins Werk setzen; aber der recht und ganz aus allen sieben Geistern weise Mensch wird nur zu bald aus ihren Worten, Reden und Werken ersehen, daß darin keine Ordnung und kein Zusammenhang waltet.

5. Und wieder gibt es Menschen, die Liebe, Licht, Willen und Ordnung besitzen; aber es fehlt ihnen der Geist des Ernstes. Sie sind darum ängstlich und furchtsam und können ihren Werken selten eine ganz volle Wirkung verschaffen.

6. Wieder andere sind dabei auch voll Ernst und Mut; aber mit der Geduld sieht es schwach aus. Solche Menschen überstürzen sich gewöhnlich und verderben mit ihrem geduldlosen Eifer oft mehr, als sie irgend gut machen. Ja, Freund, ohne eine gerechte Geduld gibt es nichts; denn wer keine gerechte Geduld hat, der spricht sich selbst ein gewisses Todesurteil! Denn der Mensch muß warten, bis die Traube vollends reif wird, wenn er eine gute Ernte machen will. Ist er damit widerwillig, nun, so muß er es sich denn am Ende doch selbst zuschreiben, so er statt einen edelsten Wein nur einen untrinkbaren Säuerling geerntet hat.

7. Die Geduld ist also in allem und jedem ein notwendiger Geist: erstens zur Beherrschung und zur Zurechtbringung des oft ins Unendliche gehen wollenden Geistes, den ich Ernst nannte – weil dieser Geist in Verbindung mit der Liebe, Weisheit und dem Willen in den größten Hochmut ausartet, der bekanntlich beim Menschen dann keine Grenze findet –, und zweitens, weil die Geduld zunächst, wie ich dir schon gezeigt habe, die Mutter des Geistes der Barmherzigkeit ist, welcher Geist als rückdurchwirkend erst allen vorhergehenden Geistern die göttlich-geistige Vollendung verleiht und der Menschenseele zur vollen und wahren Wiedergeburt im Geiste verhilft.

8. Darum hat der Herr Selbst nun euch allen die Liebe zu Gott und zum Nächsten vor allem ans Herz gelegt und dazu gesagt: ,Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist, und seid sanftmütig und demütig, so wie auch Ich von ganzem Herzen sanftmütig und demütig bin!‘

9. Der Herr gebot euch Menschen sonach, den siebenten Geist vor allem darum auszubilden, weil eben in diesem letzten Geiste alle vorhergehenden enthalten sind und durchgebildet werden. Wer demnach diesen letzten Geist mit allem Eifer bildet und stärkt, der bildet und stärkt auch die vorangehenden Geister und wird dadurch am ehesten und sichersten vollendet. Wer aber seine Bildung mit einem oder auch mehreren der früheren Geister beginnt, der gelangt schwer oder oft auch gar nicht zur ganzen und vollen Lebensvollendung, weil diese ersteren Geister als pur für sich den siebenten Geist nicht in sich enthalten, aber für sich alle die ihm notwendig vorangehenden.

10. Und siehe nun, darin besteht dann auch fortwährend insolange der Fall der Engel oder der Gedanken und Ideen aus Gott – die wir auch als die von Gott beständig ausgehenden Kräfte benamsen können –, als wie lange sie in ihrer Gesamtheit im Wesen des Menschen nicht den siebenten Geist in sich zur wahren und höchsten Vollendung gebracht haben. Denn alle die früheren Geister sind beinahe allen Geschöpfen teilweise mehr oder weniger frei gegeben; aber der siebente Geist muß erst von dem Menschen durch seinen höchsteigenen Fleiß und Eifer gewonnen werden.

11. Und wie durch solche Gewinnung alle die früheren sechs Geister erst ihre wahre Bedeutung und den wahren Lebenszweck erreichen, so erreicht denn auch der ganze Mensch durch ihn erst die vollste Lebensfreiheit und Selbständigkeit. – Und nun frage ich dich aber, ob du das alles auch wohl verstanden hast?“

12. Sagte Lazarus: „Ja, du von Gottes Geist erfüllter Diener des Herrn, ich kann dir für solche deine große Geduld und Gnade wahrlich ewig nie genug danken! Nun verstehe ich erst der alten Bücher Weisheit! Nur ist es ewig schade, daß ich das nun ganz allein verstehe, der ich ein zu schlechter Schreiber bin, um mir solche Lehren in ein Buch aufzuzeichnen. Das solltest du wohl auch den andern Jüngern des Herrn kundgeben, auf daß sie es, weil einige unter ihnen des Schreibens wohl kundig sind, für alle Zeiten und Völker aufzeichneten; denn sie werden davon noch nichts wissen.“

13. Sagte Raphael: „Sorge du dich nur darum nicht; denn in eben der Stunde, als ich dir alles das von den Wundern, von den Kriegen Jehovas und von den sieben Geistern Gottes erklärte, hat im Saale der Herr Selbst ganz auf ein Haar das gleiche und dasselbe allen ebenso verständlich erklärt, wie ich selbst dir nun solches erklärt habe, und Johannes und Matthäus haben sich davon die Hauptpunkte auch notiert! So du aber ein leeres und unbeschriebenes Buch hast, so will ich dir das denn auch selbst im Momente von Wort zu Wort aufzeichnen.“

14. Sagte Lazarus: „Ein solches Buch besitze ich nun wohl; soll ich es dir hierherbringen?“

15. Sagte Raphael: „Hat keine Not! Gehen wir aber nun auch ins Haus, und da wirst du dein Buch schon vollgeschrieben finden!“

16. Darob hatte Lazarus eine gar große Freude, und beide kamen bald zu uns in den großen Speisesaal.

21. Kapitel. Wunder über Wunder.

1. Als Lazarus mit Raphael zu uns kam, da hörte er noch die allseitigen großen Verwunderungen über Meine Lehre – über die Wunder, über die Kriege Jehovas, über die sieben Urgeister in Gott und über den sogenannten Fall der Engel, und der Römer Agrikola bedauerte Lazarus, weil er nicht anwesend war bei einer so heiligen und überwichtigen Lehre aus Meinem Munde.

2. Darauf sagte Lazarus zu ihm: „Ich danke dir für diese deine besondere Aufmerksamkeit! Doch was euch der Herr durch Seine übergroße Gnade hier im Hause allergütigst erklärte, ganz dasselbe erklärte und zeigte mir draußen dieser überweise und durch den Willen des Herrn auch gar übermächtige Jüngling.

3. Hier zum Beweise diese zwei Becher aus reinstem Golde, von denen – um mir das Wirken eines vollkommenen Geistes um so anschaulicher und begreiflicher zu machen – der eine langsam vom Boden bis zum obersten Rande, der zweite aber augenblicklich mir in meiner Hand erschaffen wurde! Die Veranlassung dazu war die wunderbar plötzliche Herstellung der vielen Bänke, Tische, Zelte und der Tischgeschirre, der Tischdecken und der verschiedenen Speisen und Getränke. Es wurden nahe an acht- bis neunhundert Menschen von allen Weltgegenden in ihrer Art und Weise bestens bedient, und dennoch ist den Fremden aus meinen Vorräten nicht so viel vorgesetzt worden, wie da unter einem Nagel Platz hätte! Weil alles das unter meinen Augen geschah, so war es denn doch begreiflich, daß ich mich erkundigte, wie ihm alles das zu bewirken möglich wäre. Und er erklärte mir alles so gut und rein, daß ich alles, was er mir aufhellte, ganz wohl begriffen habe.

4. Darauf kamen wir auf das alte Buch der Kriege Jehovas, auf die sieben Geister Gottes und auf den Fall der Engel mit ihrem Fürstenengel Luzifer zu sprechen. Und sieh, dieser anscheinende Jüngling enthüllte mir alles und machte dazu noch, daß seine ganze, über eine Stunde lange Rede über diese hochwichtigen Dinge in ein Buch gezeichnet wurde, das ich dir als einen zweiten Beweis dafür, daß ich alles das, was ihr vernommen habt, auch vernommen habe, sogleich vorweisen werde, und du kannst darin selbst eine vergleichende Nachlese halten!“

5. Sagte Agrikola: „Da wirst du wahrlich sehr wohl daran tun, und es war ganz klug und weise von dir, daß du den wunderbaren Jungen dazu beredet hast; denn es war diese Lehre zu hochwichtig, als daß sie nicht wortgetreu hätte aufgezeichnet werden sollen. Es haben auch hier zwei Jünger des Herrn geschrieben, doch nur, wie es lautete, die Hauptpunkte der großen Rede. Gehe darum hin, wo du das Buch hast, und bringe es hierher, auf daß wir es alle sehen und vergleichen mögen!“

6. Hier wandte sich Lazarus an Mich uns sagte: „O Herr, sage Du es mir auch, ob es an der Zeit ist, den Römern das Buch vorzuweisen!“

7. Sagte Ich: „O allerdings, gehe nur und bringe es! Es wird niemandem schaden, wenn er solche gar wichtige Lehre noch einmal vernimmt.“

8. Hierauf ging Lazarus in sein Gemach und brachte, selbst voll Staunens und großer Freude, das Buch, legte es vor den Römer auf den Tisch und sagte dazu: „Siehe, Freund, hier ist das wunderbar geschriebene Buch! Lies es laut vom Anfange bis zum Ende vor, auf daß alle Anwesenden noch einmal vernehmen können, was Wichtiges der Raphael und der Herr uns geoffenbart haben!“

9. Sagte Agrikola: „Das werde ich auch alsogleich tun, wenn die Schrift nur gut leserlich ist!“

10. Hierauf öffnete der Römer das Buch, fand die Schrift in griechischer Zunge äußerst klar und deutlich und las das geschriebene Wort allen Anwesenden vor vom Anfange bis ans Ende, was denn auch nahe eine Stunde dauerte, und alle, die hier zuallermeist der griechischen Zunge mächtig waren, konnten sich nicht genug verwundern, wie Meine frühere Belehrung ganz von Wort zu Wort darin enthalten war.

22. Kapitel. Der jungen Jüdin Wißbegier in bezug auf Jesus.

1. Hier erst fing die junge schöne Jüdin an, den Agrikola ernster zu fragen, wer Ich und der wunderbare Jüngling denn so ganz eigentlich seien, und warum Mich alle stets mit ,Herr und Meister‘ anredeten. Das sähe sie schon ein, daß Ich ein Grundweiser sei; aber sie wüßte dennoch nicht, woher Ich wäre, und wer Ich sei.

2. Da antwortete ihr Agrikola und sagte: „Meine schöne Tochter! Sei du nur auf alles recht aufmerksam, samt deinen Eltern und deinem Bruder, und du wirst schon dahinterkommen, wer jener herrliche Mann ist, und woher Er gekommen ist, wie desgleichen auch dieser Jüngling!“

3. Sagte die Jüdin: „Wisset denn ihr selbst das auch noch nicht ganz und gar sicher, wer jener herrliche Mann so ganz eigentlich ist? So ihr es aber wisset, – warum saget ihr es mir denn nicht?“

4. Sagte Agrikola: „O meine liebste Tochter, euer weiser König Salomo sagte einst: ,Alles in dieser Welt hat seine Zeit, und zwischen Zeit und Zeit soll der Mensch Geduld haben; denn solange die Traube nicht reif ist, soll man sie nicht vom Weinstocke nehmen!‘ Und siehe, also wirst auch du noch nicht völlig reif sein, das Nähere über jenen herrlichen Mann zu erfahren; wenn du aber reif werden wirst, dann wird dir auch schon das Nähere kundgemacht werden. Aber wie gesagt, gib du nur auf alles genau acht, was jener herrliche Mann reden und tun wird, und es wird dir dann dein Herz sagen, wer jener herrliche Mann ist! – Hast du mich nun wohl verstanden?“

5. Sagte die Jüdin: „Ja, ja, ich habe dich ganz verstanden! Der arme Mensch ist noch allzeit auf die Geduld zum Besserwerden hingehalten; der reiche und von aller Welt angesehene Mensch aber kann sich für eine zu lange Geduld schon irgendein anderes Auskunftsmittel verschaffen. Ja, ja, das ist mir schon ziemlich lange her bekannt! Nun, nun, ich werde deinen gütigen Rat, hoher Herr, wohl ganz befolgen; ob ich aber dabei etwas gewinnen werde, das ist eine ganz andere Frage!“

6. Hier bat der Vater der Tochter den Agrikola sehr um Vergebung und sagte: „Herr, Herr, vergib es dem armen Kinde; denn es ist manchmal bei aller seiner Gutherzigkeit ein wenig zu wißbegierig und wird, so man ihm dann und wann irgend aus guten Gründen etwas vorenthält, leicht unwillig. Aber wenn dann der oft eitle Neugiersturm vorüber ist, so wird es darauf gleich wieder voll Geduld und Sanftmut und fügt sich dann ganz gern in alles noch so Bittere. Darum wolle du, guter und hoher Herr, diesem unserem Kinde diese kleine Ausartung ein wenig zugute halten!“

7. Sagte Agrikola: „Ah, was fällt euch da bei?! Dieser eurer lieben Tochter Rede gefiel mir ja eben nur ganz besonders gut, weil sie ganz offen und unbefangen die Wahrheit redete. Ich bleibe von jetzt an noch mehr euer Freund, als ich es zuvor war. Darum könnet ihr in dieser Hinsicht schon ganz beruhigt sein. Aber die Tochter soll in ihrer Weise nur weiterreden, und wir werden dadurch doch noch aufs ganz Wahre kommen.“

8. Damit waren die armen Alten ganz zufriedengestellt, und die Tochter durfte nun reden, wie ihr die Zunge und der Verstand gewachsen waren.

9. Sie wandte sich nun gleich wieder an den Römer und sagte zu ihm (die Jüdin): „O lieber, großer Herr und Freund, du bist wohl ein gar sehr guter Mensch, und alle deine Gefährten scheinen es auch zu sein; aber du kannst in deinem großen Weltglück es doch nie ganz fühlen, was die Armut in ihrer oft ganz hilflosen und großen Not fühlt! Wenn man sich als ein junges und von der Gottesnatur nicht vernachlässigtes Mädchen nicht in alles das begibt, was die Großen und Reichen wünschen, so ist man dann schon so gut wie ganz verloren. Kein Mensch schaut da mehr auf unsereins, man wird beschimpft und für ein eitel dummes und stolzes Wesen gehalten, und kommt man dann in irgendeiner Not zu jemand um Hilfe, so wird man zur Tür hinausgewiesen und darf sich dann nicht mehr vor einer solchen Tür sehen lassen. Das ist und bleibt für unsereins denn doch immer etwas im hohen Grade Unangenehmes und benimmt einem am Ende alles Vertrauen selbst zu der besseren Menschheit. Denn Menschen sind wir alle und sind behaftet mit allerlei Schwächen und Unvollkommenheiten. Ist das wahr oder nicht?“

10. Sagte Agrikola: „Du hast zwar ganz wahr und recht gesprochen; aber es gibt dennoch noch etwas, dessen du bei deiner Armut- und Notschilderung vergessen hast! Sieh, wen Gott liebhat, den prüft er zuvor ganz gehörig durch, bevor Er ihm vollauf hilft! Und das scheint denn Gott der Herr mit euch getan zu haben. Als aber eure Not aufs höchste gestiegen war, da kam zu euch denn auch Seine Hilfe, und nun ist euch erst wahrhaft geholfen. Denn ich habe euch im Namen Gottes, eures und meines Herrn, zugesagt und werde mein euch gegebenes Wort auch halten, und das rein aus Liebe und Dankbarkeit zu eurem wahren Gott und ja nicht etwa wegen irgendeiner besonderen Liebe und Neigung zu dir, dieweil du eine sehr schöne Jüdin bist. Denn meine Liebe zu Gott ist um sehr vieles größer, als ich sie je zu allen mir vorgekommenen Schönheiten und Herrlichkeiten der Welt empfunden habe. Also wegen deiner Versorgtheit darfst du von nun an in gar keine Bangigkeit mehr geraten; daß dir aber eine nähere Bekanntschaft mit jenem Herrlichen noch eine Weile vorenthalten wird, das hat einen ganz weisen Grund, und wir sind darum nicht irgend hart gegen dich, so wir dir nicht gleich alles sagen, was wir alle als ganz sicher und vollkommenst wahr von Ihm wissen.

11. Daß hinter Ihm etwas ganz Außerordentliches steckt, das kannst du dir schon vorstellen; doch worin das Außerordentliche besteht, das wirst du bald und leicht zum größten Teil von selbst herausfinden, wenn du nur, wie ich dir geraten habe, recht aufmerksam bist, und zwar auf alles, was Er reden und tun wird. Ich habe dich aber ja schon gleich anfangs da auf diese Gefäße auf diesem unserm Tische aufmerksam gemacht, wie Er sie bloß durch Seinen Willen gleichsam erschaffen hat. Dann warst Du nun auch Zeugin, wie Er während der Erklärung Seiner Wundertaten jene beiden Goldbecher aus der Luft heraus ins Dasein rief, die nun noch vor Ihm stehen und jenen beiden völlig ähnlich sind, die der Hauswirt Lazarus hereinbrachte, indem er erzählte, wie sie jener Jüngling, der nun an jenem kleinen Tische mit dem Lazarus ißt und trinkt, auf die gleiche Weise wunderbar aus der Luft ins Dasein rief also, wie hierinnen jener herrliche Mann dasselbe tat. Wenn du solches alles gehört und gesehen hast, so sollte dir, wie auch deinen Eltern und deinem Bruder, schon so ein wenig mehr Licht über jenen herrlichen Mann kommen, der so überweise reden und so außerordentliche Taten zustande bringen kann.“

12. Sagte die Jüdin: „Ja, ja, da hast du schon ganz recht und wahr geredet; aber eben darin liegt für uns vier ja der eigentliche Haken, über den wir nicht gar so leichten Fußes und Sinnes hinwegzuspringen imstande sind; denn für einen noch so großen Propheten spricht er zu klar und weise und tut zu unerhört Außerordentliches. Ihr Römer habt es da leicht, weil ihr solch einen außerordentlichen Menschen gleich für einen Gott ansehen, annehmen und ihn als solchen verehren und anbeten könnt; aber das geht bei uns Juden nicht, weil wir nur an einen alleinigen Gott glauben, den niemand sehen und leben kann. Die Weisheit dieses herrlichen Mannes übersteigt freilich wohl alle bisherigen Begriffe der Menschen und ebenso auch seine Taten, und er muß darum sehr viel des reingöttlichen Geistes in sich haben; aber darum können wir Juden ihn doch nicht als einen Gott annehmen! – Was sagst denn nun du dazu?“

23. Kapitel. Des Römers Messiasfrage.

1. Sagte Agrikola: „Ja, du meine liebe Tochter Jerusalems, auf solch eine Äußerung von dir läßt sich vorderhand freilich wohl nicht gar zu vieles einwenden; aber es wird schon noch eine Stunde kommen, in der du von jenem herrlichen Manne ganz anders urteilen und reden wirst.

2. Hast du denn als Jüdin noch nie von einem Messias der Juden reden hören, der da kommen solle und werde, um zu erlösen Sein Volk aus den ehernen Händen der Tyrannei der Sünde, die nun alle Welt mit der ewigen Vernichtung überhart bedroht? Könnte denn nicht so zufälligerweise eben jener herrliche Mann der verheißene Messias der Juden und zugleich aller Menschen auf der ganzen Erde sein? – Was meinst denn du dazu?“

3. Sagte die Jüdin: „O Freund, solch eine Weissagung klingt wohl gar sehr tröstlich, doch alle unsere Weissagungen sind so gestellt, daß sie erstens von den Priestern nicht verstanden werden und zweitens von uns Laien noch um sehr vieles weniger! Dazu ist das alles in den Weissagungen der Propheten so unbestimmt gestellt, daß kein Mensch unseresgleichen daraus klug werden kann, wann ein solcher Messias kommen wird, wie Er aussehen, was für Eigenschaften Er besitzen und woran man Ihn am ehesten und leichtesten erkennen wird.

4. Einmal ist Er ein Kind, das andere Mal ein Lamm, der Löwe von Juda, und wieder ein Hoherpriester in Ewigkeit – und das nach der Weise Melchisedeks –, Nachkomme Davids, ein König der Juden ohne Ende, und so ist Er noch unter verschiedenen anderen Namen und Bedeutungen verheißen, so daß man sich am Ende gar nicht mehr auskennen kann, als was und in welcher menschlichen Form, Art und Würde Er in diese Welt zu uns Juden kommen wird.

5. Übrigens aber hätte ich auch wahrlich schon ganz und gar nichts dawider, so eben jener herrliche Mann dort der wahre Messias wäre; nur verstehe ich das nicht, daß eben unsere Priester, die doch zuallernächst – des Volkes wegen, das ihnen zuerst glaubt – davon in der vollsten Kenntnis sein sollten, sich um diesen schier wahren Messias ganz und gar nicht zu kümmern scheinen! Denn er war ja mit dir unten am großen Stadttor, als du Hoher mit dem Tempelobersten wegen meines Bruders gerechtet hast, und siehe, jener schien ihn gar nicht zu kennen! Wie kommt denn das?“

6. Sagte Agrikola: „Das kommt daher, weil die Templer zu sehr herrsch- und habgierig sind und für nichts anderes irgendeinen Sinn haben als nur fürs irdische Wohlleben aller Art und Gattung, wie du solches selbst erfahren hast. Um das zu erreichen, nehmen die Templer ihre Zuflucht zu allen möglichen Lügen und Betrügereien und sind, wie ich mich selbst überzeugte, Feinde jeder Wahrheit und somit auch jedes Wahrhaftigen. Sie führen den Namen Mosis und der andern Propheten wohl im Munde, aber deren Lehren und Gesetze verachten sie und geben ihre schlechten und selbstsüchtigen Satzungen für die des Moses und der andern Propheten dem Volke, das sie dadurch quälen, daß sie ihm allerlei unnötige Lasten aufbürden und es geistig und physisch bedrücken.

7. Dieser unser herrlicher Mann aber ist die Liebe, die Wahrheit und die höchste Weisheit selbst und zeugt von der großen Schlechtigkeit solcher Pharisäer, die sich da als Priester und Schriftgelehrte dem Volke vorstellen und sich als seiende Diener Gottes, an den sie nicht glauben, und den sie auch gar nicht kennen und auch nicht erkennen wollen, über alles Maß hoch verehren und schon förmlich anbeten lassen, und so sind sie Ihm feind und wollen von Ihm nichts hören und wissen, was nur zu offen am Tage liegt.

8. Ich selbst habe mich vor ein paar Tagen alsbald nach meiner Ankunft überzeugt, wie sie Ihn, als Er im Tempel lehrte, steinigen wollten, weil Er ihnen die volle Wahrheit gepredigt hat. Wenn du nun das weißt, so wirst du schon auch den Grund einsehen, warum eure Tempelpriester diesen herrlichen Mann nicht als den verheißenen Messias und Heiland der Welt annehmen wollen, – was aber für die Hauptsache nichts ausmacht; denn ob diese eure Templer das annehmen oder nicht, so bleibt Er dennoch Der, der Er der vollsten Wahrheit nach ist. – Begreifst du, meine holde Tochter, nun das wohl?“

9. Sagte die Jüdin: „O ja, das begreife ich nun schon ganz gut; du wirst schon ganz recht haben! Für die da unten könnten nun schon Moses und Elias sichtbar aus den lichten Himmeln herabkommen und ihnen ihre großen Schändlichkeiten zeigen und sie zur wahren Buße ermahnen und sie dann hierher führen und ihnen zeigen in jenem herrlichen Manne den verheißenen und gekommenen Messias, so würden sie selbst diesen zwei größten Propheten nicht glauben, sondern sie nur verfolgen und lästern! Oh, das ist uns eine nur zu bekannte Sache! Aber nun lassen wir ab von unserem Gespräch; denn ich merke es, daß auch jemand anders etwas reden möchte, und der herrliche Mann scheint etwas im Sinne zu haben, und auf das müssen wir wohl sehr achthaben!“

24. Kapitel. Raphael kleidet die Armen.

1. Hier winkte Ich dem Raphael und beschied ihn dahin, daß er der Jüdin, ihrem Bruder und auch ihren Eltern entsprechende Kleider verschaffen solle.

2. Darauf ging Raphael schnell an den Tisch zu den vieren und sagte zu ihnen: „Was für Kleider habt ihr daheim in eurer Wohnstube?“

3. Sagte die Jüdin: „O du liebster und gar überaus himmlisch schöner und ebenso mächtiger Diener jenes gar herrlichen Mannes! Du weißt ohnehin, wie gar schlecht wir schon seit langem mit unserer Bekleidung bestellt sind, und das wahrlich ohne unsere Schuld. Und so meine ich, daß wir dir für diese deine immerhin gütige Frage eine Antwort ganz schuldig bleiben können, und das um so mehr, weil ich dir schon ohnehin angezeigt habe, wie es mit unserer Bekleidung steht. Gehe hin und überzeuge dich!“

4. Sagte Raphael: „Darum habe ich dich auch nicht gefragt; denn euer Kleiderbesitztum in eurer Wohnstube kenne ich ganz genau; aber ich kenne noch etwas, das du wegen deines etwas unzeitigen Ehrgefühls gerne verschweigen möchtest. Doch siehe, bei uns ist kein Verschweigen möglich, da wir um gar alles nur zu genau wissen. Du hast aus Liebe zu deinen Alten und zu deinem Bruder deine guten und sogar sehr kostbaren Kleider einem griechischen Pfandleiher gegen hundert Groschen auf ein Jahr lang versetzt und hast den Pfandschein daheim, und siehe, davon hast du mir eben nicht gar besonders vieles gesagt! So du nun jene Kleider besäßest, – wärest du damit nicht zufrieden? Für deine Alten und für deinen Bruder könnte dann schon hier gesorgt werden!“

5. Hier ward die junge Jüdin etwas verlegen, sagte aber nach einer kleinen Weile dennoch: „Ja, ja, du hast wohl die volle Wahrheit geredet; aber was soll das mir nun noch nützen? Jene guten Kleider waren ja auch nur ein Geschenk von einem reichen Anverwandten, der leider gestorben ist und uns nachher keine weitere Unterstützung hat angedeihen lassen können. Die mir noch bei seinen Lebzeiten geschenkten Kleider aber waren auch das ganze Erbe, das uns allen zugute kam; alles andere erbten seine drei Söhne, die aber sehr harte Menschen sind und Arme nicht mehr ansehen wollen.

6. Ich selbst aber habe jene kostbaren Kleider nie an meinem Leibe getragen, da sie sich erstens für ein armes Mädchen nicht geschickt hätten und mir fürs zweite auch zu groß gewesen wären. Unsere große Not aber zeigte mir damit einen andern Ausweg. Weil ich sie des Andenkens wegen schon auch nicht verkaufen wollte, so versetzte ich sie mit dem Gedanken, daß es etwa in einem Jahre doch möglicherweise irgend also sich fügen werde, daß ich sie zurücklösen könnte. Aber bei unserem stets wachsenden Elende wäre trotz des Pfandscheins in meinen Händen von einem Zurücklösen wohl ohnehin nie mehr die Rede gewesen, und so habe ich denn auch lieber nichts davon gesagt; und es zwang mich auch noch der Umstand, daß das Versetzen bei uns zu keiner besonders preiswürdigen Tugend gehört, davon eben keine Erwähnung zu machen. Und jetzt weißt du, allerschätzbarster, jugendlicher Freund, aber auch schon alles; es fragt sich jetzt nur, was da zu machen ist!“

7. Sagte der Engel mit freundlicher Miene: „Was anderes als auslösen! Doch es würde das dir, du meine liebe Schwester in Gott dem Herrn, viele Gänge und Unbequemlichkeiten machen, und so will ich das an deiner Stelle tun. Ist dir das recht also?“

8. Sagte die Jüdin: „Ja, recht wäre es mir gar sehr; aber fürs erste habe ich den Pfandschein nicht hier bei mir, und fürs zweite wohnt der Grieche gar weit von hier und kommt nur alle Monde einmal nach Jerusalem, macht da seine Geschäfte ab und zieht dann wieder dahin, wo er zu Hause ist, ich glaube gar in Tyrus oder Sidon. Er kann jetzt wohl auch hier in Jerusalem sein, was ich nicht wissen kann, da er ganz gewiß nur zu den Osterfesten nach Jerusalem kommt und da seine Hauptgeschäfte abmacht.“

9. Sagte Raphael: „Das macht alles nichts! Weil es dir also recht ist, so werde ich mit deinem Pfandscheine deinen Griechen schon bald irgendwo finden, deine Kleider auslösen und sie dir selbst hierherbringen. Wie bald möchtest du sie wohl haben?“

10. Sagte die Jüdin: „O holdseligster Freund, wenn du das auf ganz natürlichem Wege verrichten willst, so wirst du wohl mehrere Tage zu tun haben, bis du dieses Geschäft mit dem Griechen wirst abmachen können; aber da dir auch Wunderbares möglich ist, so könntest du so etwas vielleicht auch in einer viel kürzeren Zeit zustande bringen!“

11. Sagte darauf Raphael: „Nun, so zähle denn die Augenblicke, die ich dazu benötigen werde, um dir zuerst deinen Pfandschein zu holen! Nun, hast du die Augenblicke schon zu zählen angefangen?“

12. Sagte die Jüdin: „Wie kann ich das, solange du noch hier weilst?“

13. Sagte Raphael lächelnd: „Ich war aber nun schon fort und habe hier deinen Pfandschein auch schon in meinen Händen. Sieh ihn an, ob er wohl der rechte ist!“

14. Hier fingen alle im höchsten Grade zu staunen an über solch eine nie erhörte Schnelligkeit, und Agrikola und noch andere Römer sagten: „Aber Freund, du warst ja keinen Augenblick abwesend! Wie war dir das möglich? Du hast den Pfandschein wahrscheinlich schon früher, als du diese Familie in ihrer Wohnung abgeholt hast, gleich deshalb mitgenommen, um nun damit einen nützlichen Gebrauch zu machen? Denn das ist doch wohl nicht zu glauben, daß du in einem nicht denkbar schnellsten Augenblick hin und zurück hättest kommen können!?“

15. Sagte Raphael: „In dieser materiellen Welt und bei den Menschen ist gar vieles nicht möglich, was Gott und Seiner Macht doch möglich ist! Du weißt aber nun aus dem Munde dieser Jüdin, daß jener Grieche, der ihre Kleider als Pfand für die ihr dargeliehenen hundert Groschen besitzt, nun in Tyrus sich befindet, obschon sein Geschäftsdiener wohl hier ist und seine Geschäfte besorgt. Seine Geschäftsbude ist aber doch gut bei zwei Stunden Weges außerhalb der Stadt in der Richtung gen Bethlehem hin, und ich werde dieser Armen Kleider ebenso schnell herbeischaffen, wie ich ihr nun diesen Pfandschein herbeigeschafft habe, und du wirst dann nicht sagen können, daß ich etwa auch schon früher ihre Kleider abgeholt habe. Zähle du nun die Augenblicke, die ich zu dieser Arbeit brauchen werde! Hast du sie schon gezählt?“

16. Sagte Agrikola: „Wie soll ich sie wohl gezählt haben, da du dich von hier noch nicht entfernt hast?“

17. Sagte Raphael: „So sieh hin! Dort auf der Bank neben der Tür, in ein Tuch gut eingebunden, befinden sich schon die völlig ausgelösten Kleider dieser armen Jüdin; sie soll sie in Augenschein nehmen und euch sagen, ob dies nicht vollkommen ihre ihr wohlbekannten Kleider sind!“

18. Hier erhob sich alsbald die Jüdin, nahm unter der größten Verwunderung die Kleider in Augenschein und erkannte sie auch sogleich als vollkommen die ihrigen.

19. Da aber ihre Mutter noch schlechter bekleidet war als sie selbst, so sagte sie zu Raphael (die Jüdin): „Höre, du mein überwunderbarer, junger Freund, ich frage dich gar nicht, wie es dir möglich war, mir gar so urplötzlich diese Kleider herbeizuschaffen, die ein Weib zur Übergenüge bekleiden können, doch für mich und diese meine Mutter nicht ausreichen würden! Daher gebe ich sie ihr, auf daß sie sich völlig bekleide; ich selbst aber will diese ihre Kleider nehmen, die sie nun am Leibe hat, und sie werden genügen, um meines Leibes Blößen zu bedecken auf so lange hin, bis ich durch die Güte dieses weltmächtigen Römers zu einem besseren Kleide kommen werde. Lasset mich aber mit der Mutter in ein einsames Zimmer treten, in welchem wir uns umkleiden können!

20. Zuvor aber frage ich dich, du wahrhaft unbegreifbar wundermächtiger Jüngling, ob diese sonst kostbaren Kleidungsstücke nun wohl als rein anzusehen sind; denn sie befanden sich zuvor in den Händen eines Heiden, die vor uns Juden unrein sind. Ich wollte aber lieber gar kein besseres Kleid an den Leib dieser meiner Mutter tun, so sie durch dasselbe nur auf einen Tag lang unrein werden könnte.“

21. Sagte Raphael: „Mein Kind, was du mit dem Kleide nun tun willst, das ist wohlgeraten und wohlgetan! Tue also nach deinem Herzen, und es wird dir das gute Früchte tragen! Wegen der Reinheit der Kleidungsstücke aber habe keine Sorge; denn was sich in meinen Händen befand, das ist auch völlig rein. Lazarus aber wird dir und deiner Mutter schon ein Zimmer anweisen, in welchem ihr euch umkleiden könnet.“

22. Darauf dankten beide, nahmen die Kleider, und Lazarus führte sie sogleich in ein kleines Gemach, allwo sie sich umkleiden konnten.

23. Als nun die Mutter ganz köstlich bekleidet war, nahm die Tochter der Mutter abgelegte, schon stark schadhafte Kleider und bekleidete sich damit und hatte eine große Freude an der Freude ihrer nun wohlbekleideten Mutter und achtete nicht darauf, daß sie selbst gar armselig bekleidet war.

24. Als die beiden bald wieder zu uns in den Speisesaal kamen, siehe, da war die Tochter ebenso köstlich bekleidet wie ihre Mutter, und sie fing an, sich sehr zu wundern, daß sie nun auch also gar köstlich bekleidet war gleichwie ihre Mutter. Aber noch höher stieg ihre nimmer aufhören wollende Verwunderung, als sie am Tische der Römer auch den Vater und den Bruder gar festlich bekleidet antraf.

25. Kapitel. Der jungen Jüdin Vermutung über die Person Jesu.

1. Hier erst fing der Tochter innerlich ein helleres Licht über Mich aufzugehen an, so daß sie mit der Mutter darob zu Mir hintrat und sagte (die junge Jüdin): „O Herr und Meister, mein Herz sagt es mir, daß nur Du allein hier solches tust, was keinem Menschen, keinem Propheten und ohne Deinen Willen auch keinem Engel, sondern nur einem Gott allein möglich ist, und somit bist Du auch ein Gott! Darum sei auch Dir allein alle unsere Verehrung und Liebe unser ganzes Leben hindurch! Alle Ehre und alles Lob Dir ganz allein!“

2. Sagte Ich: „Wer da glaubt und tut nach Meinem Worte, der wird selig werden! Aber ihr glaubet nun, dieweil ihr Zeichen gesehen habt, und saget, daß Ich ein Gott sei; hättet ihr aber keine Zeichen gesehen, so hättet ihr auch nicht geglaubt und nicht gesagt, daß Ich ein Gott sei. Nun, wie kommt denn das?

3. Sehet, das kommt daher, weil in euch bis jetzt noch keine Wahrheit ist und auch nicht sein kann, weil ihr eben bis jetzt noch nie eine Wahrheit vernommen habt! Ich aber sage es euch nun: Befleißet euch alle der reinen Wahrheit; denn nur sie allein kann euch vollkommen frei machen am Leibe und an der Seele, – am Leibe, weil euch die Wahrheit sagen wird, warum euch ein Leib zu tragen gegeben worden ist, und an der Seele, weil euch eben die Seele aus der Wahrheit in ihr selbst sagen wird, daß sie für die vollste Freiheit und ewige Selbständigkeit da ist!

4. Nun, Meine arme und holde Tochter, Ich hätte dir das nun wahrlich nicht gesagt, so Ich es nicht wüßte, daß du ein in allem möglichen ganz besonders wohlerzogenes Kind bist. Aber Ich sage es dir, daß Ich Menschen, die manchmal in ihrem besseren Erkennen so ein wenig hartnäckig sind, lieber habe als jene, die oft nach wenigen Zeichen und Beweisen schnell wie ein Schilfrohr im Sturme umwenden und sich nach des Richters (Sturmes) Zuge kehren, was dann für sie offenbar beweist, daß sie eben keine irgend besondere Selbstkraft besitzen. Wenn aber jemand die Selbstkraft nicht besitzt und kein gutes Urteil fällen kann in seinem Verstande, ist er zum Reiche Gottes ebensowenig geschickt wie derjenige, der einen Acker pflügt und sich dabei fortwährend nach rückwärts umsieht.

5. Und siehe, du holde Gestalt, also steht es nun noch mit dir! Du hast Mich ehedem wohl für einen Gott erklärt, wozu dich die Zeichen und Meine Weisheit nötigten; aber du verwarfst im selben Augenblick den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn du dachtest dir: ,Wer also weise reden und solche unbegreiflichen Wunderzeichen wirken kann, der ist dann bei dir schon ein Gott!‘ Aber nun reut es dich schon geheim im Herzen, daß du solches ausgesprochen hast, weil du dir gleich darauf wieder die Gesetze Mosis ins Gedächtnis gerufen hast, und du hast nun eine Furcht in dir, daß du in einer Gemütsübersprudelung des alten Jehova vergessen und Mir die nur dem wahren Gott gebührende Ehre geben konntest. Und siehe, das heißt die Hand an den Pflug legen und dabei nach rückwärts schauen!

6. Wenn du Mich aber schon für einen Gott ansiehst, so mußt du Mich ganz für einen Gott wohlerkenntlich ansehen und dir keinen andern Gott neben Mir denken; denn so du Mich nun für einen Gott erklärst, dabei aber auch an den alten Gott denkst und dich vor Ihm darob fürchtest, weil du dich dadurch am Gesetze Mosis versündigt zu haben wähnst, so ist solch ein Bekenntnis von dir an Mich ein eitles, und du bist dadurch um nicht vieles besser als eine Heidin, die wohl auch an den Gott Mosis glaubt, aber dabei auch an den Jupiter, Apollo, Merkur und noch viele andere Götter mehr.

7. Siehe, als du zu Mir hertratst, da dachtest du, daß Ich einer der erwähnten Götter der Heiden wäre, und gabst Mir jener hohen Römer wegen die Ehre! Aber sogleich gedachtest du des Gottes Mosis, der da sagt: ,Du sollst nur an einen Gott glauben und keine fremden Götter neben Mir haben!‘ Es übermannte dich die Reue, das laut ausgesprochen zu haben, und siehe, das war sonach offenbar nicht recht von dir! Denn so du an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubst, so kannst du Mich nicht als einen Gott begrüßen. Glaubst du aber ernstlich, daß nun Ich ein Gott bin, so mußt du den alten Gott fahren lassen, da es nur einen Gott geben kann, und nicht zwei oder noch mehrere Götter, gleichwie es auch nur einen unendlichen Raum und nur einen ewigen Zeitenlauf gibt, in dem alles ist und geschieht.

8. Nur wenn du glauben könntest, daß Ich und der alte Gott etwa ein und dasselbe sind – obwohl es geschrieben steht, daß niemand Gott schauen und leben kann –, dann bliebe doch wenigstens dein Gewissen ruhiger, und deine Furcht vor dem alten Gott wäre dadurch offenbar eine mindere! – Sage Mir aber nun, was du tun wirst!“

26. Kapitel. Der Jüdin Ausflucht.

1. Hier dachte die Junge eine Weile nach, was sie denn jetzt darauf sagen solle; denn sie fühlte sich ganz getroffen.

2. Da wollte ihr aber gleich ihre gefaßtere Mutter aus der Verlegenheit helfen und sagte zur Tochter (die Mutter): „Ei, was denkst du nun gar so ängstlich und verlegen nach, was du reden sollst? Hat denn je jemand den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gesehen? Niemand weiß etwas anderes von Ihm, als was er aus den von lauter Menschen geschriebenen Schriften von Ihm gelesen oder von den Priestern reden gehört hat. Die Priester aber, die den alten Gott am meisten kennen und Seine Gebote am eifrigsten in allem und jedem befolgen sollten, tun gerade das Gegenteil und legen durch solches ihr Tun und Lassen vor jedem denkenden Menschen den Beweis ab, daß der alte Gott der Juden ein ebenso erdichteter ist wie alle Götter der Heiden, die auch nie von einem Menschen dieser Zeit gesehen worden sind. Diesen Gott aber sehen wir, hören Seine weisen Reden und bewundern Seine außerordentlichen, nur einem allmachtsvollen Gotte möglichen Taten. Was soll uns da weiter abhalten, Ihn als einen allein wahren Gott anzuerkennen und Ihm allein die Ehre zu geben?!“

3. Sagte darauf die Tochter: „Ja, ja, Mutter, es wäre das also wohl schon alles ganz recht, wenn wir mit der größten Bestimmtheit behaupten könnten, daß es nie einen Moses und nie einen Propheten gegeben habe und alle Schrift von Moses an nichts als eine Dichtung der stets gleichen Pharisäer sei. Doch weil sich das denn doch nicht so ganz vollkommen erweisen läßt, und weil es bekanntlich im Moses und in den andern Propheten dennoch gar viele Dinge gibt, die außerordentlich gut und wahr sind, und die meines Wissens den Pharisäern stets eine gar zuwidere und von ihnen nur zu bekanntermaßen nie beachtete Sache waren, so können wir denn doch nicht so ganz eigentlich annehmen, daß eben die aufeinanderfolgenden Pharisäer die ganze sogenannte Heilige Schrift unter allerlei fingierten Namen zusammengestellt haben, sondern es haben dieselbe offenbar von Gott begeisterte Menschen geschrieben, und das ist denn auch Gottes Wort, wenn auch jene gottbegeisterten Männer Gott niemals geschaut haben! Und es ist da immer eine wahrlich sehr gewagte Sache, einen Menschen ob seiner Reden und sicher höchst wunderbaren Taten sogleich als einen Gott anzuerkennen und anzupreisen.

4. Ich habe solches in meiner ersten Überraschung auch getan und habe in meinem Wahne die große Blindheit meines Herzens auch nicht in die allergeringste Berücksichtigung gezogen, der nach ich bald zwei Götter angebetet hätte. Der herrliche Mann hat mich jedoch gleich auf den rechten Weg gebracht, indem er mir ganz klar und sehr verständlich zu erkennen gegeben hat, daß er eben kein Gott, sondern nur ein großer, von Gott begeisterter Prophet sei, – und eines Weiteren bedürfen wir nicht.

5. Wissen wir denn nicht, daß der Prophet Elias noch früher kommen wird, als da kommen wird der große Messias?! Und ich irre mich eben – wie du, Mutter, es weißt – einmal nicht gar zu leicht, und so sage ich, daß dieser gar überaus herrliche Mann der Rücksendling Elias und jener überholde Junge sein Jünger Eliseus (Elisa) ist. Aber von nun an dürften wir wahrlich nicht lange mehr auf den großen Messias zu warten vonnöten haben!

6. Das ist nun so meine Ansicht, und weil eben dieser sonst gar so herrliche, weise und wundertätige Mann meint, daß ich im Glauben ein Schilfrohr bin, so will ich ihm aber nun von seiner Meinung auch das hartnäckigste Gegenteil zeigen. Wie in der Welt nicht alles Gold ist, was also aussieht und glänzt, als wäre es Gold, so will ich aber hier auch zeigen, daß eben auch nicht gar alles schwach ist, wenn es auch dafür ein Aussehen hat.

7. Gott gibt es nur einen; doch der Propheten kann es eine große Anzahl geben, zu denen ich diesen herrlichen Mann nun auch ganz offenbar zähle. Und so glaube ich nun, dir und diesem sonst herrlichen Manne auf seine Frage an mich doch gewiß ganz sicher die beste Antwort gegeben zu haben. Es war seine Bemerkung an mich wegen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz gut, und ich habe mich durch sie eben sehr ermahnt gefühlt und bin ihm für solch eine Ermahnung und für alle andern uns allen erwiesenen Wohltaten im höchsten Grade allen Dank schuldig; aber ob er der verheißene Messias ist, das lassen wir noch hübsch lange auf sich warten! Oh, ich bin alles eher als ein schwaches Schilfrohr!“

8. Hier ermahnte die Mutter die Tochter, daß sie nicht so eitel und stützig (widerspenstig) sein solle.

9. Sagte die Tochter: „Ich bin nicht stützig und noch um vieles weniger eitel; aber ich kehre mich an die Belehrung dieses herrlichen Mannes und großen Meisters und bin ihm von ganzem Herzen dankbar für die übergroßen Wohltaten, die er uns erwiesen hat. Was kann ich und was können wir alle wohl noch mehr tun? Ich will aber auch in dem nicht stützig sein, diesen herrlichen Meister als einen wahren Messias und Heiland der Menschen anzusehen; denn das war ja in einer gewissen Hinsicht ein jeder große und auch nach Umständen, jeder kleine Prophet, weil er den in alle Nacht des Lebens versunkenen Menschen wieder das Licht der Lebenswahrheiten brachte und sie aus dem Schlamme der Sinnlichkeit wieder in ein reineres geistiges und wahrheitsvolles Leben erhob. Und das tut, wie ich es nun gar wohl merke, auch dieser Mensch voll Herrlichkeit und voll wahrhaft göttlicher Kraft und Macht und ist darum denn auch sicher ein wahrer Messias der Menschen, die sich von ihm belehren lassen.

10. Mit solchem meinem Urteil über ihn kann ich mich unmöglich in einer großen Irre befinden; denn ich urteile nun nur nach dem, was ich von ihm selbst gehört und gesehen habe. Es kann sich die Sache vielleicht auch noch ganz anders verhalten – was wir nicht wissen können –, doch wir können da unmöglich fehlen, wenn wir jetzt nur das annehmen, was wir nach dem Gehörten und Gesehenen annehmen können. Gottes Geist, Kraft und Gnade leite ihn zum Wohle aller Menschen fort und fort!“

11. Sagte die Mutter: „Meine liebe Tochter, ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht gar so entsetzlich gescheit wärst! Der alte Rabbi hat dir die zwei Jahre hindurch den Kopf mit allem möglichen, was ein Mensch auf dieser Welt nur immer wissen kann, voll angestopft, und du hast hernach schon gleich alles besser gewußt als wir, deine Eltern, und dadurch bist du manchmal wohl ganz unausstehlich geworden, und ich merke es nun, daß du auch diesem großen Meister nahe auch schon widerlich geworden bist! Daher halte ich es nun für geraten, daß wir ihn um Vergebung bitten und uns dann auf unsere Plätze zurückziehen!“

12. Sagte nun Ich: „Oh, da hat es noch lange keine Not; denn Ich habe ja mit der Tochter Helias noch nichts reden können, weil nur du als ihre Mutter mit ihr verkehrt bist! Lasse nun auch Mich mit der schönen Helias verkehren (sprechen), auf daß sie als eine geweckte Jungfrau für sich und dann auch für viele andere, mit denen sie in Verkehr kommen wird, der vollsten Wahrheit nach erfahre, mit wem sie es in Meiner Person zu tun hat; denn bis jetzt weiß sie noch nichts, und du als ihre Mutter noch weniger! Darum rede du, Mutter, erst dann, wenn Ich dich zum Reden auffordern werde!“

13. Hier sagte die Mutter nichts mehr, bat Mich aber, dennoch in Meiner Nähe bleiben zu dürfen, was Ich ihr denn auch gestattete.

27. Kapitel. Jesu Hinweis auf messianische Weissagungen.

1. Darauf erst wandte Ich Mich wieder zur Helias und sagte zu ihr: „Höre nun, du schöne Helias! Du hast ehedem gesagt, daß Ich als ein großer Prophet ebensogut ein Messias sein könne und auch sei, wie ein jeder andere große und auch kleine Prophet; denn nach deinem eben ganz beachtenswerten Urteil ist gewisserart ein jeder Mensch ein Messias und Heiland der Menschen, der sie durch das Licht der vollen Wahrheit aus dem finstern Schlamme der Lüge, des Betruges und des lichtlosen Aberglaubens befreit. Und weil Ich eben das nun tue, so bin Ich denn auch wahrhaft ein Messias der Menschen, die Mich hören und sich nach Meiner Lehre kehren. Das ist ein ganz gutes Urteil von dir, einer jungen und von einem alten und ehrlichen Rabbi wohlunterrichteten Jüdin. Nur was deinen Glauben an Einen Gott betrifft, so bleibst du – und das mit allem Rechte – beim alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

2. Doch muß Ich dich auf mehrere Stellen der Propheten aufmerksam machen, die eben Mich Selbst im Schilde tragen. Daraus wirst du dich dann schon leichter und reiner zurechtfinden, als wie das bis jetzt der Fall sein konnte. Sieh, da heißt es unter anderem im Jesajas:

3. ,Eine Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären, / welcher genannt wird: / „Gott mit uns“ (Jes.7,14).

4. Ein Knabe ist uns geboren, / und ein Sohn ist uns gegeben, / auf dessen Schultern die Herrschaft ist, / und Seinen Namen wird man nennen / Wunderbar, Gott, Held, / Vater der Ewigkeit, / Fürst des Friedens. (Jes.9,5)

5. Sagen wird man an jenem Tage: / ,Siehe, Der ist unser Gott, / den wir erwarteten, / daß Er uns befreie! / Dieser ist Jehova, / den wir erwarteten. / Frohlocken lasset uns und uns / freuen in Seinem Heile!‘ (Jes.25,9)

6. Die Stimme eines Rufenden in der Wüste: / ,Bereitet den Weg Jehovas, / und ebnet in der Wüste / einen Fußsteig unserem Gott, / und sehen wird das / alles Fleisch zumal.‘ (Jes.40,3.5)

7. Siehe, Jehova kommt im Starken, / und Sein Arm wird Ihm walten! / Sieh, Sein Lohn mit Ihm! / Wie ein Hirte wird Er / Seine Herde weiden. (Jes.40,10.11)

8. Und Jehova sprach: / ,Juble, und freue dich, / Tochter Zion! / Sieh, Ich komme, / daß Ich in deiner Mitte wohne; / denn dann werden viele Völker / Jehova anhangen / an Seinem Tage.‘ (Sach.2,14.15)

9. Ich, Jehova, / rief dich in Gerechtigkeit / und werde dich zum Bunde des Volkes geben; / Ich, Jehova – / denn dies ist Mein Name –, / werde Meine Herrlichkeit keinem andern geben. (Jes.42,6.8)

10. Siehe die kommenden Tage, / da Ich dem David / einen gerechten Sproß erwecken werde, / welcher als König herrschen / und Gericht und Gerechtigkeit / machen wird auf Erden! / Und dies ist Sein Name: / Jehova, unsere Gerechtigkeit.‘ (Jer.23,5.6)“

11. Siehe, du Meine Helias, also verkündeten Mich die Propheten in alter und sogar in dieser jüngsten Zeit! Und der Täufer und Prediger Johannes war eben die Stimme des Rufers in der Wüste, die Mir die Wege ein wenig ebnete und von Mir sagte: ,Siehe, da kommt das Gotteslamm, welches hinwegnimmt die Sünden dieser Welt!‘

12. Wenn du auch meinst, daß vor dem Messias noch Elias kommen müsse und alles Fleisch vorbereiten auf die große Ankunft des Messias, der Jehova genannt wird, so sage Ich dir: Elias war eben in jenem Johannes schon da, und Ich Selbst bin nun auch da. Ich kam in Mein Eigentum, und siehe, die Meinen erkennen Mich nicht! – Wie gefällt dir denn diese Sache?“

28. Kapitel. Erklärung der drei ersten Gebote.

1. Sagte die Helias: „Herr und Meister, mir fängt es an zu schwindeln vor dem, was Du mir nun gesagt hast! So Du also schon ganz sicher Der bist, von dem die Propheten also geweissagt haben, – was sollen wir armen Sünder dann nun vor Dir, o Herr, anfangen?“

2. Sagte Ich: „Nichts als Meine Lehren anhören, sie behalten und danach leben, Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, und ihr habt dadurch alle die sieben Geister Gottes in euch erweckt und dadurch erlangt das ewige Leben, wie Ich solches ehedem erklärt habe. – Bist du damit zufrieden?“

3. Sagte die Helias: „O Herr, o Jehova, wer sollte damit nicht zufrieden sein und wer nicht befolgen Deine Lehre und Deine allerliebevollsten Gebote?! Nur fragt sich hier dennoch, ob Du, o Herr, nun durch diese zwei Gebote der Liebe nicht die zehn Gesetze und die Propheten aufhebst, weil Du gesagt hast, daß in diesen zwei Geboten das ganze Gesetz Mosis und alle Propheten enthalten seien.“

4. Sagte Ich: „Du Meine liebe Helias, wie magst du um so etwas fragen? Wenn das Gesetz Mosis und alle Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, wie könnten sie da wohl je aufgehoben sein? Siehe, gerade wie der siebente euch wohl erklärte Geist Gottes im Menschen die sechs vorhergehenden Geister durchdringt und erfüllt und somit alle in sich aufnimmt, ebenso erfüllt die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten alle die vorhergehenden Gesetze Mosis und alle die Vorschriften und Ermahnungen der Propheten!

5. Wenn Moses sagt: ,Du sollst allein an einen Gott glauben und keine fremden und nichtigen Götter der Heiden neben dem rechten Gott haben!‘, da erfüllst du dieses erste Gebot Mosis ja dadurch mehr als vollkommen, so du Gott über alles liebst. Denn könntest du Einen Gott recht über alles lieben, wenn du zuvor nicht ungezweifelt von Ihm glaubtest, daß Er wahrhaft da ist?! So du aber durch deine Liebe zu Ihm mehr als tageshell und lebendig dartust, daß du an einen Gott glaubst, – wirst du aus deiner großen Liebe zu Ihm wohl imstande sein, Seinen Namen je irgend zu verunglimpfen, zu verunehren und zu entheiligen? Sicher ewig nicht! Denn was ein Mensch im höchsten Grade liebhat, das ehrt er auch stets am meisten, und er wird sogar gegen jeden bitter und sehr ernst auftreten, der es ihm gegenüber wagen würde, sein Allerliebstes irgend zu verunehren. Oder würde es dich nicht in hohem Grade empören in deinem Gemüte, wenn jemand deinen Vater, den du sehr liebhast, verunehren würde? So du aber nun Gott über alles liebst, wirst du da wohl je imstande sein, Seinen Namen irgend zu entheiligen?

6. Wenn du das nun so recht in dir betrachtest, so mußt du schon auf den ersten Blick darüber ganz im klaren sein, wie sowohl das erste als auch das zweite Gesetz Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott ganz enthalten sind.

7. So du, Meine liebe Helias, nun Gott ganz sicher über alles liebst und eben darum auch über alles ehrst, – wirst du dich da nicht gerne, und das sehr oft, von dem weltlichen Tagesgeschäft zurückziehen und dich mit dem Gegenstand deiner heißesten Liebe beschäftigen? Ja, ganz ungezweifelt wahr und sicher! Und siehe, darin besteht ja auch die wahrste und rechteste und vor Gott allein gültige Feier des Sabbats, die Moses befohlen hat! Denn an dem Tage selbst liegt wenig oder auch gar nichts, sondern allein daran, daß du am Tage oder in der Nacht in der Liebe und Ruhe deines Herzens gern an Gott denkst und dich mit Ihm unterhältst. Und siehe, wie auch das dritte Gebot Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott enthalten ist!

8. Wer sonach Gott wahrhaft über alles liebhat, der hat Ihn auch sicher erkannt und hat einen lebendigen Glauben, gibt Gott auch alle Ehre und wird Seiner sicher stets am meisten gedenken. Und wer das tut, der kann keine Sünde gegen Gott begehen. Oder kann wohl eine Braut gegen ihren Bräutigam, den sie über die Maßen liebhat und von dem sie wohlwissentlich noch mehr geliebt wird, irgendeine Sünde begehen? Nein, das sicher nicht, weil beide in ihrem Herzen völlig eins geworden sind eben durch die Liebe! Wer aber Gott wahrhaft über alles liebt und also durch die Liebe eins geworden ist mit Ihm, der wird auch seine Nebenmenschen als ihm ebenbürtige Kinder Gottes ebenso lieben, wie er sich selbst liebt, und wird ihnen das tun, was er mit klarer Vernunft will, daß die Menschen ihm tun möchten.“

29. Kapitel. Das vierte Gebot.

1. (Der Herr:) „Siehe, im vierten Gebote ist den Kindern die Liebe gegen ihre Eltern geboten! Die Eltern sind auf der Erde wohl die ersten Nächsten ihrer Kinder und lieben sie überaus. Sie sind ihre Ernährer, Beschützer und Erzieher und verdienen darum auch sicher alle Liebe und Ehre von den Kindern.

2. Wenn denn ein gut erzogenes Kind seine Eltern liebt und ehrt, so wird es auch bemüht sein, alles das zu tun, was den Eltern eine rechte Freude macht. Und so ein Kind wird sich darum auch ein langes und gesundes Leben und ein bestes Wohlergehen auf Erden bereiten; ein Kind, das seine Eltern liebt und ehrt, das wird auch seine Geschwister lieben und ehren und stets bereit sein, ihnen alles Gute zu tun.

3. Ein Kind oder ein Mensch aber, der seine Eltern und seine Geschwister wahrhaft liebt und ehrt, der wird auch die anderen Menschen darum lieben, weil er weiß und erkennt, daß sie alle Kinder ein und desselben Vaters im Himmel sind. Aus der ursprünglichen wahren Liebe zu den Eltern wird der Mensch zur Erkenntnis Gottes, seiner selbst und zur rechten Erkenntnis auch seiner Nebenmenschen geleitet und sieht dann bald und leicht ein, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und was sie alle werden sollen. Dadurch gelangt er dann stets mehr und mehr zur Liebe zu Gott und durch diese zur Vollendung seines inneren, wahren, geistigen Lebens.

4. Wer aber also seine Eltern, Geschwister und auch die anderen Nebenmenschen liebt und ehrt und darum auch Gott über alles liebt und ehrt, – wird der wohl je gegen jemanden eine Sünde begehen können? Ich sage es dir: Nein, denn er wird niemanden beneiden, niemanden hassen und fluchen, niemanden töten, weder leiblich, noch durch ein Ärgernis seelisch. Er wird sich keusch und wohlgesittet gegen jedermann benehmen, wird jedem gerne das Seinige lassen, wird niemand belügen und betrügen, und ist er auf dem ordentlichen Wege der Mann eines Weibes geworden, oder die züchtige Jungfrau das Weib eines Mannes, so wird er kein Verlangen tragen nach dem Weibe seines Nächsten und sein Weib nicht nach dem Manne ihrer Nachbarin, und du kannst nun daraus für deinen Verstand schon ganz gut entnehmen, wie und auf welche Weise das Gesetz und alle die Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, und wie diese dir von Mir nun kundgegebenen zwei Gebote keine Aufhebung des Gesetzes Mosis und der anderen Propheten zulassen, sondern nur die volle Erfüllung derselben sind. – Verstehst du das nun?“

5. Sagte die Helias: „O Herr, Du überweiser und überguter Schöpfer und Vater aller Menschen, jetzt verstehe ich erst die Gesetze Mosis! Denn ich muß es hier selbst vor Dir ganz offen bekennen, daß ich zuvor das Gesetz Mosis und noch weniger die Sprüche und Belehrungen der andern Propheten niemals irgend recht verstanden habe. Und je öfter ich mich mit meinen Eltern, alles wohl erwägend, darüber besprach, desto mehr Lücken und wahre Unvollkommenheiten entdeckte ich darin, was mich denn auch gar nicht selten auf den Gedanken brachte, daß das sehr unvollkommen aussehende Gesetz Mosis entweder gar nicht von einem höchst weisen Gott ausgehe, oder daß die spätere Priesterkaste das Mosaische Gesetz ganz aufgegeben und dafür zu ihrem materiellen Besten ein lückenhaftes, menschliches Machwerk aufgestellt habe. Mein guter, alter Rabbi hat darum gar oft seine rechte Not mit mir gehabt, weil ich ihm die sichtbaren Mängel des Mosaischen Gesetzes ordentlich an den Fingern nachwies. Aber jetzt nach Deiner Erklärung, o Herr, hat das Gesetz Mosis freilich gleich ein ganz anderes Aussehen bekommen und kann auch von jedermann sicher freudig und leicht beachtet werden!“

6. Sagte Ich mit sehr freundlicher Miene: „Nun, du Hauptkritikerin des Mosaischen Gesetzes, was fandest du denn gar so Unvollkommenes und Lückenhaftes am Mosaischen Gesetze? Lasse auch uns deine Kritik hören!“

7. Sagte die Helias unter der allgemeinen Aufmerksamkeit aller Anwesenden: „O Herr, was soll ich wohl reden vor Dir, der Du meine Gedanken sicher schon lange eher gekannt hast, als ich sie noch gedacht habe? Auch jener allmächtige und allwissende Jüngling dort wird das schon alles bis auf ein Haar genau wissen, und so meine ich, daß daher solch eine laute Kundgabe meiner Kritik über das Mosaische Gesetz ganz unterbleiben könnte.“

8. Sagte Ich: „O nein, Meine gar sehr liebe Helias, die Sache verhält sich hier ganz anders! Ich und jener Jüngling wissen freilich gar wohl darum, worin deine Kritik übers Mosaische Gesetz und auch über die Propheten besteht; aber die andern, mit Ausnahme deiner Eltern und deines Bruders, wissen das nicht, möchten es aber nun, da du selbst die Wißbegierde in ihnen erweckt hast, wohl wissen, und darum habe Ich dich denn auch aufgefordert, daß du auch uns laut hören läßt deine Kritik über das Gesetz Mosis und über so manche Propheten. Und also öffne du nur deinen Mund und sprich ohne allen Hinterhalt alles aus, was dir am Gesetz und an den Propheten mangelhaft vorkommt, und zeige uns ganz beherzt des Gesetzes und der Propheten Lücken!“

30. Kapitel. Die Kritik der Helias über das vierte Gebot.

1. Sagte die Helias: „Herr, so ich das tue, was Du von mir verlangst, da sündige ich sicher nicht, und so will ich denn auch ganz offen meine am Gesetze und an den Propheten gefundenen Lücken und Mängel kundtun!

2. Siehe, den ersten und mir ganz bedeutend vorkommenden Mangel und eine große Lücke am Gesetze merkte ich, und zwar als ein früh reif und ziemlich klar denkendes Kind, gleich am vierten Gebote Mosis darin, daß der Mann Gottes wohl den oft noch sehr begriffsmageren und schwachen Kindern die Liebe, den Gehorsam und die Ehrfurcht zu und vor den Eltern einschärft, aber dagegen den Eltern gegen ihre Kinder im Gesetze nahe gar keine Verpflichtung auferlegt! Und solch sieht denn so ein Gesetz doch ein wenig sonderbar aus, zumal es denn im allgemeinen doch nur zu oft Eltern gibt, deren Kinder oft schon in der Wiege vernünftiger und besser waren als ihre gar dummen und mit allen Schlechtigkeiten vollgefüllten Eltern.

3. Ein Kind hat oft einen von Natur aus guten und edlen Sinn und könnte, wenn es im selben fortgebildet würde, eben auch zu einem guten und edlen Menschen werden. Aber da muß das Kind nach dem Gesetze Mosis nun ein für alle Male seinen dummen und bösen Eltern strengweg und ohne jede vernünftige Ausnahme gehorchen und am Ende ebenso dumm und böse werden, als wie dumm und böse da des Kindes Eltern sind. Da hätte der Mann Gottes wohl schon auch von einer rechten Pflicht der Eltern gegen ihre Kinder etwas einfließen lassen können, nach deren gewissenhafter Erfüllung erst die Kinder auch ihren Eltern als gegenverpflichtet zu bezeichnen gewesen wären.

4. Oder sind nach Moses auch Kinder der Räuber aus schuldigem Gehorsam gegen ihre Eltern verpflichtet, sie zu lieben, zu ehren und in die Fußstapfen ihrer Alten zu treten? Wenn – was sich schon gar oft ereignet hat – vernünftige Kinder böser und arger Eltern, deren schwarzes Tun und Treiben den noch mehr unschuldigen Kindern auffallen und mißfallen mußte, darum eben solchen argen Eltern Liebe und Gehorsam versagten, sie verließen und Gelegenheit suchten, sich anderorts unter besseren Menschen selbst zu besseren Menschen umzugestalten, – haben solche Kinder sich dadurch auch versündigt am Mosaischen Gesetze, weil sie nicht auch aus Liebe und Gehorsam zu ihren Eltern selbst Diebe, Räuber, Mörder, Heuchler, Betrüger und Lügner werden wollten?

5. Wenn Moses und die Propheten auch da solchen besseren Kindern eine Strafe bestimmen und ihnen ihre Unliebe und ihren gerechten Ungehorsam gegen ihre bösen Eltern zur Sünde rechnen, so sind Moses und alle die Propheten noch um tausend Male dümmere und blindere Menschen gewesen denn ich und haben mit ihren Schriften und Weissagungen der göttlichen Weisheit wahrlich keine absonderlich große Ehre gemacht! – Herr, bin ich darum schlecht, weil ich das Gesetz Mosis und der Propheten also beurteilt habe?“

6. Sagte Ich: „Oh, durchaus nicht, weil du da ganz recht und richtig geurteilt hast! Aber dennoch ist deine Kritik darum nicht völlig in der Ordnung, weil Moses durch Meinen Geist nur zu klar einsah, daß es eben nicht nötig ist, den Eltern noch eigens die Liebe zu ihren Kindern zu gebieten, weil solche den Eltern ohnehin im Vollmaße schon von Mir aus gewisserart instinktmäßig eingepflanzt worden ist, was aber eben bei den Kindern, die erst in die Schule dieses irdischen Lebens gekommen sind, nicht so sehr der Fall sein kann, weil diese erst für die rechte und wahre Liebe erzogen werden müssen.

7. Darum kommt ja eben auf dieser Erde ein jeder Mensch so schwach und ganz ohne Erkenntnis und Liebe ins Weltleben, daß er sich dann in aller wie immer gearteten Zwanglosigkeit, als wäre er von Gott ganz verlassen, durch äußere Lehre, durch Gesetze und durch seinen freiwilligen Gehorsam zu einem freien und ganz selbständigen Menschen bilde.

8. Und sieh, darum müssen denn auch nur besonders den Kindern zumeist Lehren und Gesetze gegeben werden und nicht so sehr den Eltern, die einst auch Kinder waren und durch die Lehren und Gesetze, für Kinder gegeben, erst zu freien und selbständigen Menschen geworden sind!

9. Was aber insbesondere die Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder betrifft, so haben Moses und die Propheten schon in den staatlichen Gesetzen dafür gesorgt, die du freilich noch nicht gelesen hast. Aber es ist da rechtzeitig schon für alles gesorgt, und es können sich zwei nicht wohl ehelichen, wenn sie dem Priester nicht zuvor dartun, daß sie in den zur Ehe nötigen staatlichen Gesetzen wohlbewandert sind.

10. Und so siehe, du Meine liebe Helias, daß deine Kritik in bezug auf das vierte Gebot Mosis eben nicht zu sehr in der rechten Ordnung war, und Ich habe nun die Lücken und Mängel beseitigt. Aber du fahre nun mit deiner Kritik nur auch über die anderen Gesetze fort, und Ich werde dir dann schon wieder sagen, inwieweit du recht oder auch nicht recht hast!“

11. Sagte Helias: „O Herr, warum soll ich da meine dumme Kritik noch weiter fortsetzen? Denn ich sehe es nun ja schon im vorhinein nur zu klar ein, daß Du mir abermals haarklein zeigen wirst, wie ganz unrichtig und geistlos ich geurteilt habe.“

12. Sagte Ich: „Nun, was kann dir oder jemand anderem das wohl schaden? Denn darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, auf daß Ich euch von allen den vielen Irrtümern frei mache durch das lebendige Licht der Wahrheit. Kommst du mit deinen scheinbar recht wohl begründeten Bemängelungen des Gesetzes und der Propheten nicht an das Tageslicht, so bleiben sie in dir und können noch gar wohl verkümmern das Leben deiner Seele; entäußerst du dich aber ihrer, so bist du auch von ihnen los, und das Licht der ewigen Wahrheit wird dafür Wohnung nehmen in deinem Herzen. Daher rede und kritisiere du nur fort, und das ohne irgendeinen Rückhalt, und Ich werde dir dann schon wieder ein rechtes Licht geben! Denn sieh, es ist das sogar eben jetzt recht notwendig, weil viele hier sind, die schon lange gleich wie du Moses und die Propheten bemängelt haben! Daher öffne du nur wieder deinen schönen Mund und rede mit deiner gewandten Zunge!“

31. Kapitel. Das fünfte Gebot.

1. Sagte die Helias: „O Herr, wie früher, so sage ich jetzt: Wer das tut, was Du willst, der sündigt wahrlich nicht! Und so nehme ich denn das fünfte Gebot Mosis her und sage: Da steht geschrieben: ,Du sollst nicht töten!‘ Ich nehme aber hier nur auf das einfache Gesetz meine kritische Rücksicht und kümmere mich vorderhand gar nicht darum, was Moses oder auch später ein anderer Prophet Erklärendes darüber gesagt und geschrieben hat; denn es muß ja ein wahrhaft göttliches Gebot doch selbst in seiner möglichsten Einfachheit das in sich fassen, was vernünftigermaßen einem jeden Menschen frommen kann. Aber dieses Gebot enthält das ganz und gar nicht, und so kann ein denkender Mensch von ihm unmöglich etwas anderes sagen und behaupten, als daß es entweder ein menschliches Werk ist, oder daß – auch erst später, etwa des Kriegführens wegen – von den Menschen etwas davon weggelassen worden ist.

2. Du sollst nicht töten! Wer ist denn erstens eigentlich der ,Du‘, der nicht töten soll? Gilt das für jeden Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes, Alters und Standes oder nur für das männliche Geschlecht und für ein gewisses Alter und für einen gewissen Stand? Und zweitens: Wen oder was soll man denn so ganz eigentlich nicht töten? Bloß die Menschen nicht, oder auch die Tiere nicht? Nach meinem Urteil will weder das eine noch das andere darunter verstanden sein.

3. Das Menschentöten nicht, weil schon Josua die Stadt Jericho zerstört und ihr Volk getötet hat, und das auf Jehovas Geheiß. Die Schlachtung der Götzenpriester durch die Hand des großen Propheten Elias ist bekannt. Sehen wir dann auf den König David, den Mann nach dem Herzen Gottes, der andern gar nicht zu gedenken! Wie viele Tausende und Hunderttausende sind durch ihn getötet worden, und wie viele werden in jedem Jahre jetzt noch getötet! Die Mächtigen der Erde haben trotz des ganz kategorisch ausgesprochenen göttlichen Gesetzes dennoch das vollste Recht von Gott aus, ihre Nebenmenschen zu töten. Und so geht dieses Gesetz nur die bedrückten, armen Teufel von Menschen an. Inwieweit dieses Gesetz auch das Weib angeht, ist da gar nicht zu ermessen, obwohl die Chronika auch nachweist, daß auch die Weiber mit dem Schwerte gewirtschaftet haben, und das wie!

4. Ob wir armen Menschen auch die Tiere nicht schlachten und töten sollen, das, meine ich, ist nicht einmal einer Besprechung wert; denn das lehrt die Menschen die Natur, daß sie sich ohne Unterschied des Standes, Geschlechtes und Alters gegen die vielen bösen Tiere auf Leben und Tod zur Wehr setzen müssen, so sie nicht allerwegs von den zu überhandgenommen habenden bösen und reißenden Bestien angefallen, zerrissen und gefressen werden wollen.

5. Du sollst nicht töten! So ich aber von einem wilden Straßenräuber angefallen werde, der mich berauben und dabei ganz sicher töten will und wird, – ich aber, als die Angefallene oder der Angefallene, habe Kraft, Mut und eine Waffe, um ihn eher zu töten, als er mir den Todesstreich versetzen kann, – was soll ich da wohl tun? Diese Notwehr sollte im Gesetze doch insoweit ausgedrückt sein, daß es hieße: ,Du sollst nicht töten, außer im Falle der äußersten Notwehr!‘ Aber nein, von dem steht im Gesetze wahrlich keine Silbe! Es heißt nur ganz einfach: ,Du sollst nicht töten!‘ Wenn aber das einfache Gesetz also lautet, wo steckt da im selben die göttliche Liebe und Weisheit, die denn doch wissen mußte, unter welchen wahrlich höchst bedauerlichen Verhältnissen die Menschen auf dieser Erde ihr Leben durchzumachen haben?

6. Warum gab denn Gott ein solches Gesetz und befahl dann Selbst einem David, die Philister und Moabiter gänzlich zu vernichten? Warum durfte die Judith den Holofernes töten, und warum darf nicht auch ich sündefrei jemandem das Leben nehmen? Wer gab denn den Ägyptern, den Griechen und den Römern das Recht, jeden zu töten, der sich gröblich an ihrem Gesetze versündiget?“

7. Hierauf sah sie um sich, um zu sehen, was alle die andern zu ihrer Kritik für Gesichter machten.

8. Beinahe alle gaben ihr recht, und einer der Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, sagte: „Ja, ja, man kann in dieser Sache, mit unseren menschlichen Begriffen betrachtet, dem schönen Kinde nicht völlig unrecht geben; denn das Hauptgesetz lautet einmal buchstäblich also, obschon nachträglich in den Büchern Mosis alles gezeigt ist, wie dieses Gebot zu nehmen und zu halten ist. Aber ein primitives Haupt- und Grundgesetz sollte wahrlich das Wesentliche, das es verlangt und will, wenigstens mit den höchst nötigsten Nebenumständen schon ausgedrückt in sich fassen; denn jede spätere und nachträgliche Beleuchtung und größere Vervollständigung eines einmal gegebenen Gesetzes scheint zu sagen, daß der Gesetzgeber beim Geben der Grundgebote noch nicht an alles gedacht hat, was er durch das gegebene Gebot eigentlich gebieten und verbieten wollte.

9. Nun, bei Menschen, wenn sie Gebote geben, ist das begreiflich, weil in ihrem Denken und Wollen keine göttlich helle Vollendung sein kann, und es ist auch ganz natürlich, daß bei menschlichen Gesetzen dann nachträglich allerlei Zusätze und Erläuterungen zum Vorschein kommen müssen; aber bei einem wahrhaft göttlichen Gesetze sollte wahrlich keine Lücke alsogestaltig vorkommen, daß sie erst hinterdrein mit allerlei Zusätzen und Erläuterungen ausgefüllt werden soll! Ja, die Sache also betrachtet, könnte man wahrlich beim Mosaischen Gesetze auf die Idee gebracht werden, daß es entweder gar kein rein göttliches ist, oder daß es als solches durch den selbstsüchtig bösen Willen der Menschen also entstellt worden ist. Doch ich will damit kein Urteil über das Gesetz gefällt, sondern nur meine bisher noch sicher sehr blinde Meinung ausgesprochen haben.“

10. Sagte Ich: „Ja, das sicher; denn wenn ihr Meine Gesetze mit menschlichen Sinnen beurteilt, dann müsset ihr freilich wohl Lücken und Mängel darin entdecken. Wenn du deinen Nächsten liebst wie dich selbst, so wirst du ihn nicht hassen, nicht anfeinden und ihm keinen Schaden zufügen; tust du das aber, so wirst du ihn um so weniger je irgendwann weder leiblich und noch weniger seelisch durch allerlei Ärgernisse töten wollen.

11. Du sollst nicht töten! Das ist ganz richtig und wahr also gegeben im Gesetze. Aber warum? Weil unter ,töten‘ schon von uralters her Neid, Scheelsucht, Zorn, Haß und Rache verstanden ward.

12. ,Du sollst nicht töten!‘ heißt demnach soviel wie: Du sollst niemanden beneiden, sollst den Glücklicheren nicht mit scheelen Augen ansehen und sollst nicht im Zorn erbrennen wider deinen Nebenmenschen; denn aus dem Zorn entsteht der Haß, und aus dem Haß geht die böse, alles verheerende Rache hervor!

13. Es steht ja auch geschrieben: ,Mein ist der Zorn, und Mein ist die Rache, spricht der Herr.‘

14. Ihr Menschen aber sollet euch in aller Liebe achten, und es soll einer dem andern gute Dienste erweisen; denn ihr alle habt an Mir einen Vater und seid somit gleich vor Mir! Ihr sollet euch untereinander nicht ärgern und lästern und einer soll dem andern durch bösen Leumund nicht die Ehre abschneiden; denn wer das tut, der tötet die Seele seines Nebenmenschen!

15. Und seht, alles das ist kurz in dem Bilde ,Du sollst nicht töten!‘ ausgedrückt! Und die ersten Juden, auch noch die zu den Zeiten Salomos, verstanden dieses Gesetz nicht anders, und die Samariter als die Altjuden verstehen es heutzutage noch also. Wenn aber dieses Gesetz vom Fundamente aus nur also zu verstehen ist, – wie kann jemand da annehmen, daß durch dieses Gesetz dem Menschen die Notwehr gegen böse Menschen und sogar gegen reißende Tiere untersagt sei?“

16. Sagte die Helias: „Ja, Herr, das sehen wir nun sicher alle recht gut ein, weil Du uns das nun in der vollkommen rechtesten und wahrsten Weise erklärt hast; doch ohne diese Deine gnädigste Erklärung hätten wir das eben nicht zu leicht ins reine gebracht. Warum hat denn Moses mit dem Gesetze nicht auch sogleich eine solche Erläuterung gegeben? Denn er als ein Prophet mußte das ja doch auch schon zum voraus eingesehen haben, daß die späteren Juden das einfache Gesetzesbild nicht also verstehen würden, wie es die Juden zu seiner Zeit sicher verstanden haben.“

17. Sagte Ich: „Ja, du Meine liebe Kritikerin, das hat Moses wohl eingesehen, und er hat darum auch eine große Menge Erklärungen für die Zukunft niedergeschrieben; aber dafür, daß du sie bis jetzt noch nicht gelesen hast, kann weder Moses noch Ich.

18. Es war aber deine Kritik dennoch ganz gut, weil du eben die Mängel und Lücken aufgestellt hast, die zwar nicht am Gesetze, aber desto mehr in eurer Erkenntnis haften, und um diese auszufüllen, lasse Ich ja eben von dir das alte Mosaische Gesetz kritisieren.

19. Und da wir nun sogestaltig auch das fünfte Gebot ins reine gestellt haben, so kannst du dich nun schon über das sechste Gebot machen und auch an diesem die gewissen Mängel und Lücken zeigen, so du deren auch irgendwelche entdeckt hast. Und so rede denn!“

32. Kapitel. Das sechste Gebot.

1. Sagte die Helias: „O Herr und Meister, sieh, ich bin eine Maid und habe noch nie einen Mann erkannt; daher würde es sich etwa wohl nicht ganz besonders schicken, so ich über das sechste Gebot meine Bemerkungen machen würde! Ich möchte Dich darum bitten, daß Du, o Herr, mir erlassen möchtest, über dies sechste Gebot zu reden.“

2. Sagte Ich: „O du Meine liebe Tochter, so du geheim bei dir von diesem Gebote durchaus keine Kenntnis besäßest, so ließe Ich dich auch wahrlich nicht davon reden; aber weil du dieses Gebot wohl kennst, obwohl du mit einem Manne noch nie etwas zu tun gehabt hast, so kannst du geziemend schon auch von diesem Gebote reden. Und so rede du nur zu nach deiner Weise!“

3. Sagte die Helias wieder ihren Spruch: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der begeht keine Sünde! Und so will ich denn auch reden in wohlgeziemender Weise. ,Du sollst nicht ehebrechen!‘, also lautet buchstäblich das sechste Gebot. Nach dem aber, wie es mir mein Rabbi lehrte, hieß es auch: ,Du sollst dich keusch und rein verhalten vor Gott und vor den Menschen; denn wer da unkeusch und unrein lebt und handelt, der ist ein Sünder so gut wie ein Ehebrecher, ein Unzüchtler und ein Hurer!‘ Das waren die Lehrworte meines Rabbi.

4. Ich habe da nichts anderes zu bemängeln, als daß erstens Moses in der Aufstellung der Grundgebote in seinem zweiten Buche, 20. Kapitel, nur den Ehebruch verbietet, obwohl er dann im dritten Buche, etwa vom 18. Kapitel an, sehr ausführlich davon redet, – was ich aber auch noch nicht gelesen habe, weil mein Rabbi solches für mich nicht gut fand. Und zweitens gab Gott durch Moses dies Gebot wie mehrere andere dem (hebräischen) Wortlaute nach immer nur dem männlichen Geschlecht und gedachte nur selten des Weibes.

5. Wer ist der ,Du‘, der nicht ehebrechen soll? Es ist im Gesetze das einzelne Gebot nur auf einen Menschen oder nur auf ein Geschlecht gerichtet, und das offenbar auf das männliche, und es ist des Weibes nicht gedacht. Man kann da freilich wohl sagen: Wenn der Mann nicht ehebrechen darf, so kann das auch kein Weib, weil es ohne einen Mann nicht sündigen kann. Aber meines Erachtens ist eben das Weib durch seine Reize das den Mann am meisten zum Ehebruch verlockende Element, und so sollte denn auch besonders zum Weibe gesagt werden, daß es keinen Mann zum Ehebruch verleiten und auch selbst die Ehe nicht brechen soll. Denn wo das Weib dem Manne völlig treu ist, da wird sicher bald allenthalben von einem Ehebruch keine Rede mehr sein. Aber im Grundgesetze bildet das Weib förmlich eine Ausnahme, und es wird seiner auch nur erst in den späteren Verordnungen Mosis gedacht.

6. Ich möchte aber denn nun wissen, warum das also geschah! Und warum gedachte Moses im Gesetz um vieles seltener des Weibes als des Mannes? Gehört denn das Weib weniger zum Menschengeschlecht als der Mann?“

7. Sagte Ich: „Nun, diese deine Bemängelung läßt sich noch hören, obwohl auch sie nur so neben der Wahrheit einherschreitet. Sieh, auch hier steckt schon wieder die wahre und reine Nächstenliebe im Vordergrunde, und diese betrifft das Weib ebenso wie den Mann!

8. So zum Beispiel du das Weib eines ordentlichen Mannes wärst, – würde es dir wohl eine Freude machen, so das Weib deines Nachbarn deinen Mann begehrte und mit ihm triebe, was nicht recht wäre? Wenn du aber in deinem Herzen das sicher nicht wünschen könntest, daß dir so etwas geschehen solle, so mußt du auch gegen deine Nachbarin dich ebenso verhalten, wie du wünschest, daß diese sich gegen dich verhalten soll. Und was also da im Gesetze gesagt ist dem Manne, das gilt auch im gleichen Maße für das Weib.

9. Gott gab nur darum dem (hebräischen) Wortlaute nach das Grundgesetz wie allein dem Manne, wie er dem Haupte des Menschen die Hauptsinne gab und durch sie den Verstand im Gehirn. Wie aber Gott vorerst nur zum Verstande des Menschen redet, so redet Er auch zum Manne, der fortan das Haupt des Weibes ist wie das Weib gewisserart des Mannes Leib. Wenn nun eines Menschen Haupt erleuchtet und sehr verständig ist, – wird da nicht auch im gleichen Maße mit verständig sein der ganze Leib?

10. Wenn des Menschen Verstand wohl erleuchtet ist, so wird auch bald wohl erleuchtet werden des Menschen Herz, das sich der Ordnung des Verstandes gerne fügen wird. Das Weib aber entspricht auch dem Herzen des Mannes; und wenn also der Mann als das Haupt wohl erleuchtet ist, so wird auch das Weib als sein Herz ebenso wohl erleuchtet werden und sein.

11. Es steht aber ja schon von alters her geschrieben, daß Mann und Weib seien ein Leib. Was sonach zum Manne gesagt ist, das ist auch gesagt zum Weibe.

12. Und siehe, damit habe Ich dir nun auch die Nichtigkeit dieses deines Zweifels erwiesen und habe dir gezeigt das rechte Licht des Gesetzes, das du sicher gar wohl verstanden hast. Und da du solches wohl verstanden hast, so kannst du nun schon mit deiner Kritik weitergehen.“

33. Kapitel. Das siebente Gebot.

1. (Der Herr:) „Was findest du etwa im siebenten Gebote Mangelhaftes oder dir wenigstens Unverständliches? Rede du nur mutvoll darauflos; denn deine Bemängelungen und deine Zweifel sind auch noch Mängel und Zweifel in dem Gemüte vieler hier Anwesenden. Wie lautet wohl das siebente Grundgebot Mosis?“

2. Sagte Helias: „O Herr, bei diesem Gebote finde ich nun, nachdem ich von Dir das richtige Licht erhalten habe, gar keine Mängel und Lücken mehr! Es heißt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ Da ist ja schon wieder die wahre Nächstenliebe von oben an in die volle Betrachtung zu ziehen! Denn was ich vernünftigermaßen durchaus nicht wünschen kann, daß es mir geschehe, das darf ich auch meinem Nächsten nicht tun; und so sehe ich nun von neuem, wie das ganze Gesetz Mosis und sicher auch alle Propheten in Deinen zwei Geboten der Liebe enthalten sind. Ich merke nun auch, daß das Gebot der Nächstenliebe rein aus der Barmherzigkeit als aus dem mächtigsten siebenten Geiste Gottes im Menschenherzen hervorgeht und alle die früheren sechs Geister durchdringt und belebt und den ganzen Menschen erst gut und wahrhaft weise macht. Wer aber gut und weise ist, der wird sich sicher nimmer irgend an dem vergreifen, was seines Nächsten ist. Und so ist auch das siebente Gebot schon ganz in der Ordnung, und ich finde nichts, was daran mangelhaft wäre.“

3. Sagte Ich: „Gut, Meine Mir nun schon viel liebere Helias, diese deine nun angestellte Kritik über das mosaische, rein göttliche, und somit auch makellos weiseste Gesetz zum wahren Wohle der Menschen ist Mir um gar unglaubbar vieles werter als alle deine früheren Kritiken. Aber es soll uns das durchaus nicht abhalten, die noch übrigen drei Gebote einer recht scharfen Kritik zu unterwerfen, und so gehen wir denn auch gleich zum achten Gebote über! Wie lautet wohl dieses? Rede du nun nur ganz keck weg, wie dir die Zunge gewachsen ist, und du wirst Mir dadurch eine rechte Freude machen!“

34. Kapitel. Das achte Gebot.

1. Hier faßte das Mädchen mehr Mut und sagte zu Mir ganz zutraulichen Blickes: „Ja, Du mein allerliebenswürdigster Herr, wenn ich Dich, der Du mir so unendlich tief ins Herz hineingewachsen bist, nur etwa nicht beleidigen würde, so möchte ich Dir schon noch etwas sagen übers achte Gebot; aber vor Dir, o Herr, – Jehova nun leibhaftig vor uns – muß man sich sehr zusammennehmen, daß man Deiner inneren, göttlichen Heiligkeit ja nicht zu nahe tritt! Und da ist es etwas hart und schwer, so ganz von der Leber weg zu reden!“

2. Sagte Ich: „O du herzliche, liebe Seele, das hast du von Mir aus wahrlich ewig nie zu fürchten; darum rede du nun nur ganz keck von der Leber weg!“

3. Sagte Helias mit einem äußerst liebfreundlichen Gesicht: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der sündigt nicht, und so will ich denn reden! Das achte Gebot lautet ganz einfach: ,Du sollst kein falsches Zeugnis geben!‘ Und weil in der Schrift nicht näher bezeichnet ist, über wen alles man kein falsches Zeugnis geben soll, so versteht sich das ja auch schon von selbst, daß man auch über sich selbst kein falsches Zeugnis geben soll. Denn das hat mir mein alter Rabbi gar sehr oft gesagt, daß die Lüge eine allerabscheulichste Sünde ist; denn von ihr stammt alle böse List, aller Betrug, aller Zwist, Zank, Hader, Krieg und Mord. Man soll allzeit die Wahrheit im Munde führen und reden, was man ganz bestimmt weiß und fühlt, und sollte das auch irgendwann zu unserem irdischen Nachteile gereichen! Denn ein wahres Wort hat vor Gott einen viel größeren Wert als eine ganze Welt voll Gold und Edelsteine. Es ist somit auch ein jedes unwahre Wort über sich selbst ein von Gott verbotenes falsches Zeugnis.

4. Und ich nehme somit auch hier gar keinen Anstand, Dir, o Herr, gerade ins Angesicht zu sagen, daß ich Dich wirklich über gar alles liebe! Oh, dürfte ich Dich so an mein Herz drücken, wie ich möchte, oh, so könnte ich sterben vor süßester Wonne! Sieh, o Herr, hier habe ich über mich selbst sicher kein falsches Zeugnis gegeben! Und wie ich über mich kein falsches Zeugnis ablege, so lege ich auch über meinen Nächsten nie ein falsches Zeugnis ab! Und es muß dahinter ebenso der siebente Geist Gottes tätig sein wie bei den anderen Gesetzen. – O Herr, habe ich Dich jetzt etwa doch nicht irgend beleidigt?“

5. Sagte Ich: „O mitnichten, du Meine liebe Tochter; denn wie sehr du Mich auch immer liebst, so liebe Ich dich dennoch um ein dir Unbegreifliches mehr! Mit unserer gegenseitigen Liebe wären wir beide denn nun schon ganz im reinen, aber mit dem achten Gebote noch nicht so völlig! Und so höre denn, Ich will dich auf etwas noch aufmerksam machen!

6. Du würdest zum Beispiel von irgendeinem Richter befragt werden, ob du ein geheimes, großes Verbrechen, das etwa ein dir sehr teurer und liebster Anverwandter begangen hätte und von dem du wohl eine Kenntnis haben könntest, nicht näher kennest, und ob du nicht angeben könntest, wo sich der Verbrecher aufhalte, weil man seiner noch nicht habe habhaft werden können. Nun setze Ich bei dir aber den Fall, daß du sowohl über das Verbrechen deines sehr nahen Anverwandten, wie auch über seinen verborgenen Aufenthalt in ganz genauer Kenntnis wärst! Was würdest du dem Richter sagen, der dich darum befragt hat?“

7. Sagte ganz beherzt die Helias: „Herr, so auch dieses achte Gebot auf der reinen Nächstenliebe fußt, da man nur darum über niemand ein falsches Zeugnis geben soll, um ihm dadurch nicht zu schaden, so kann doch umgekehrt dieses achte Gebot nicht eine Bedingung aufstellen, daß man dann durch eine rücksichtsloseste Wahrheit seinem Nächsten schaden soll! In einem solchen Falle würde ich mit der Wahrheit ewig nicht zum Vorschein kommen! Denn wem kann ich dadurch nützen? Dem strafsüchtigen Richter sicher nicht, weil er dabei nichts gewinnen kann, ob er den armen Verbrecher in seine Hände bekommt oder nicht, und dem armen Verbrecher, der sein Verbrechen irgend bereut und sich ernstlich bessert, noch weniger! Denn so ich ihn in die Hände des Richters liefere, dann ist er verloren vielleicht für ewig, was ich sogar dem nicht wünschen würde, der an mir selbst ein Verbrechen begangen hätte. Also in dem Falle würde ich der Wahrheit offenbar den Rücken zuwenden und an dem armen Verbrecher selbst um den Preis meines Lebens keine Verräterin machen!

8. Wenn nach Deiner Erklärung, o Herr, die Nächstenliebe darin besteht, daß man seinem Nächsten alles das tun soll, was man wünschen kann, daß er es auch unsereinem tun möchte, so kann mir selbst der allergerechteste Gott nicht verargen, wenn ich sogar meinem größten Feinde das nicht antun möchte, was ich in seiner Lage sicher auch nicht wünschen könnte, daß ein anderer Nächster an mir einen Verräter machte. Zudem bedarf Gott, um irgendeinen groben Sünder zu züchtigen, weder eines weltlichen Richters und noch weniger eines verräterischen Leumundes. Er, der Allwissende, der Allergerechteste und Allmächtige, wird den Verbrecher schon auch ohne einen Weltrichter und ohne meinen Mund zu züchtigen verstehen! Es ist Ihm bis jetzt noch keiner durchgegangen, und so wird Ihm auch in der Folge keiner durchgehen!

9. Nun aber frage ich Dich, o Herr, ob Isaaks Weib dadurch vor Gott gesündigt hat, daß sie den alten blinden Isaak dadurch offenbar belog und betrog, daß sie ihm zur Erteilung und Gewinnung des Vatersegens den zweitgeborenen Sohn Jakob für den erstgeborenen rauhen Sohn Esau hinstellte! Ich halte das für einen offenbaren Betrug, und doch sagt die Schrift, daß solches nach dem Willen Jehovas geschah. War aber das recht und gerecht vor Gott, so wird es auch recht und gerecht vor Dir, o Herr, sein, so ich da mit der Wahrheit innehalte, wenn ich durch sie meinem Nächsten, der mir sogar niemals ein Leid angetan hat, nichts nützen, sondern nur ungeheuer schaden muß!

10. Ich bin nun der Meinung, daß, wenn Gott und Moses in dem achten Gebot keine Ausnahme gestellt haben, eben in diesem Gebote eine große Lücke offengeblieben ist, die allein durch Dein Gebot der Nächstenliebe ausgefüllt werden kann und auch ausgefüllt werden muß. – Habe ich recht oder nicht?“

11. Sagte Ich: „Einesteils wohl, aber andernteils auch wieder nicht! Denn siehe, der Verbrecher wäre nach seiner Flucht kein besserer Mensch geworden, sondern würde, dir etwa nicht unbekannt, noch mehrere und größere Verbrechen zum Schaden vieler Menschen verüben! So du aber dann dem Gerichte kundtätest, wo sich der Verbrecher aufhält, damit dann das Gericht sicher nach ihm fahnden kann, so würdest du dadurch ja viele Menschen vor großem Unglücke retten und ihnen dadurch einen großen Liebesdienst erweisen. Was meinst du zu diesem sehr leicht möglichen Falle?“

12. Hier stutzte die Helias und wußte nicht so ganz recht, was sie darauf erwidern sollte. Erst nach einer Weile tieferen Nachdenkens sagte sie: „Nun, wo eines schlechten und unverbesserlichen Menschen wegen viele Unschuldige leiden müßten, da sagt die Vernunft, daß es besser sei, so dieser eine wohlverdientermaßen leidet. Da ist es dann eben wieder infolge der wahren Nächstenliebe angezeigt, die Wahrheit, wenn sie verlangt wird, zu reden. Ob man aber bei solch einer Angelegenheit einen freiwilligen Verräter machen soll, das hast Du, o Herr, allein zu bestimmen!“

13. Sagte Ich: „Dazu sei von Mir aus niemand verhalten, sondern das steht euch frei! Und so gehen wir zum neunten Gebote über! Wie lautet es?“

35. Kapitel. Das neunte und zehnte Gebot.

1. Sagte die Helias: „O Herr und Meister, bei dem neunten und zehnten Gebote finde ich gleich von vornherein einen wahrlich nicht unbedeutenden Anstand, und der besteht darin, daß wir Neujuden nun ein neuntes und zehntes Gebot haben, während Moses doch nur ein neuntes Gebot zum Schlusse seiner Grundgesetzgebung gab. Das gesamte neunte Gebot aber lautet: ,Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses, laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechtes noch seiner Magd, noch seines Ochsen noch seines Esels, noch alles dessen, was der Nächste hat!‘

2. Mit dem hat die Grundgesetzgebung ihr Ende; denn gleich darauf floh nach der Erzählung Mosis das Volk aus Furcht vor den Blitzen, Donnern, vor dem Posaunenschall und vor dem gewaltigen Rauchen des Berges und bat Moses, daß er allein mit Gott reden solle – denn so es noch länger Gottes alles erschütternde Stimme anhören solle, dann würde alles Volk sterben vor zu großer Angst und Furcht –, worauf dann Moses das Volk beruhigte und vertröstete. Von einem weiteren zehnten Gebote ist dann weiter keine besondere Rede mehr.

3. Doch bei uns ist das ,Laß dich nicht gelüsten nach deines Nächsten Weibe!‘ im neunten Gebot ausgelassen, und es ist daraus ein zehntes Gebot gemacht worden, und noch andere benennen das das neunte und alles andere das zehnte Gebot. Es fragt sich nun zuerst: Hat Moses von Gott doch zehn Gebote oder nur neun erhalten?“

4. Sagte Ich: „Anfangs, Meine liebe Helias, wahrlich nur neun; später dann, als er gezwungen war, die zerbrochenen ersten steinernen Gesetzestafeln wieder durch neue zu ersetzen, hat er selbst das letzte Gebot in zwei abgeteilt, um das ehebrecherische Begehren nach eines Nächsten Weibe – was die Juden in Ägypten sich sehr zu eigen gemacht hatten und dadurch in beständigem Hader und fortwährender Zwietracht lebten und sich gegenseitig zu Todfeinden wurden – recht anschaulich zu machen, und am Ende setzte er auf den Ehebruch sogar die leibliche Todesstrafe, weil das noch so weise Wort bei den in alle Sinnlichkeiten versunkenen Juden nichts fruchtete.

5. Und so weißt du nun, wann, wie und warum aus dem letzten, neunten Gebot ein für sich bestehendes zehntes entstand. An der Zahl aber liegt hier ja ohnehin nichts, sondern nur allein an der Sache, und so kannst du hier deine Kritik entweder bloß über das gesamte neunte Gebot oder auch über das gesonderte zehnte Gebot für sich aufstellen. Das hängt nun bloß von dir ab, wie es dir lieber ist. Und du kannst nun schon zu reden anfangen!“

6. Sagte die Helias: „O Herr und Meister über alles! Das Reden wäre für meine schon von Geburt aus sehr geläufige Zunge schon gerade recht; aber ich sehe es da auch schon zum voraus ein, daß ich wieder völlig umsonst werde geredet haben. Denn wer kann aus seiner großen Dummheit heraus Dir irgend etwas vorbringen, das Du ihm nicht sogleich tausendfältig widerlegen könntest! Wenn aber das, warum da noch reden?“

7. Sagte Ich: „Ja siehe, du Meine sonst überaus liebe Tochter, du möchtest wohl auch gern einmal recht haben, wie das schon nahe bei den meisten Weibern der Fall ist; aber es handelt sich hier durchaus nicht um eine eitle Rechthaberei, sondern um den größten Lebensernst, und da müsset ihr mit euren alten Irrtümern von selbst ans Tageslicht treten, damit ihr sie an Meinem wahrsten und lebendigsten Lichte desto vollkommener erkennen möget! Und darum lasse Ich nun dich für alle reden, da Ich nur zu gut weiß, daß du ein sehr gutes und scharfes Gedächtnis besitzest, dazu auch eine sehr beugsame Zunge, und daß eben du durch deinen Rabbi am meisten die Lücken und Mängel am Gesetz und an den Propheten gar wohl kennengelernt hast. Und so rede du nun nur wie zuvor ganz geradeheraus, was dir etwa auch an diesem Gesetze als nicht so ganz in der vollsten und besten Ordnung vorkommen sollte!“

8. Sagte die Helias: „Herr, so man das tut, was Du willst, begeht man doch sicher keine Sünde, und auf das gestützt, muß ich hier schon ganz offen bekennen, daß ich mit – sage – diesem ganzen neunten Gebote am allerwenigsten und schon eigentlich ganz und gar nicht einverstanden bin, weil all das darin Verbotene jeder klaren Vernunft den reinen Hohn spricht, – erstens, weil alles darin Enthaltene schon ohnehin hinreichend im sechsten und siebenten Gebote enthalten ist, und zweitens, weil dem Menschen darin ganz ordentlich das Denken, Fühlen und Wünschen untersagt ist!

9. Was liegt denn daran, so irgendein armer Mensch, der sein ganzes Leben hindurch zum Dienen und zur schweren Arbeit um magere Kost und um einen schlechten Lohn von Geburt aus verurteilt war, sich auch dann und wann denkt und sogar eine Sehnsucht bekommt, auch einmal ein Haus oder ein liebes Weib oder einen Ochsen oder Esel als Eigentum zu besitzen?! Denn es wird sein für ihn frommer Wunsch ja ohnehin nie erfüllt werden! Wenn es ihn nach so etwas auch gar nie gelüsten soll, so muß ihm zuvor ja doch das Denken, Fühlen und Empfinden ganz genommen werden.

10. Wahrlich, es kommt mir dieses alberne Gebot geradeso vor, als so Moses den Menschen den Gebrauch ihrer Sinne und dazu auch ihrer Hände und Füße untersagt hätte, was sich aber noch um vieles bescheidener ausgenommen hätte, als wenn er ihnen die innersten Lebensfunktionen verboten hätte, für die doch wahrlich kein Mensch etwas kann, wenn sie in ihm, durch allerlei Umstände und Verhältnisse geweckt und erregt, vor sich gehen.

11. Ich will das hier gar nicht mehr in irgendeine Anregung bringen, daß dieses Gebot ganz besonders wahrnehmbar nur für den Mann gegeben ist; allein dieser Grund ist bereits erörtert worden, und man kann da nun schon mit der größten Bestimmtheit annehmen, daß ein jedes Gesetz das Weib ebensogut angeht wie den Mann und es da denn auch für das Weib also gesagt ist: ,Du sollst nicht begehren deiner Nächsten Mann!‘ Das ist im Gesetze sonach alles in der Ordnung; aber daß ein Mensch nicht denken, nicht fühlen, nichts wünschen und auch nichts empfinden soll, – da hört sich aber auch schon alles auf!

12. Es ist schon wahr, daß in uns allerlei Gedanken, auch allerlei Wünsche, Begehrungen und endlich auch Bestrebungen und Taten guter und böser Art entstehen; aber ohne die vorhergehenden Gedanken, aus denen freilich gar oft schlechte Handlungen entstehen, können auch keine guten Entschließungen und Taten zum Vorschein kommen. Das muß jedem Engel und jedem nur einigermaßen vernünftigen Menschen klar und sehr begreiflich sein. Und so sage ich, daß dieses letzte Gesetz, insoweit es den Menschen schlechte Handlungen verbietet, schon ganz in der Ordnung ist, obschon meines Erachtens überflüssig, weil das, wie schon früher bemerkt, ohnehin durch das sechste und siebente Gebot geschehen ist. Aber es ist ganz und gar nicht in der Ordnung, so es dem Menschen das Denken, Fühlen, Empfinden und ein daraus sicher hervorgehendes leises Wünschen, Gelüsten und Begehren verbietet.

13. Zum Beispiel ich, meine Eltern und mein Bruder haben unser Vermögen und Besitztum ganz ohne unser Verschulden verloren und haben nun nichts als unser nacktes Leben und durch Deine Gnade, o Herr, die guten Freunde. So wir denn in unserer großen Armut die Reichen und Großen im Überflusse schwelgen sahen, – haben wir da gesündigt, so wir das Begehren in uns fühlten, nur einen ganz kleinen Teil von ihrem Überflusse unser nennen zu dürfen?! So es uns in unserem Hunger auch nicht einmal gelüsten soll, uns von den überfüllten Schüsseln nur dem Gedanken nach einmal zu sättigen, dann hört sich aber schon alles auf!

14. Zu dem kommt da noch eine große Frage: ob an dem, was die Erde trägt, die eigentlich Gottes Grund und Boden ist, nicht alle in diese Welt ohne ihr Verschulden gesetzten Menschen wenigstens so viel natürliches Recht besitzen sollen, daß sie nur zur Notdurft ihren Leib versorgen können. Warum müssen oder sollen manche Menschen gar so viel ihr eigen nennen, und das unter allem möglichen gesetzlichen Schutze, die allergrößte Zahl dafür aber nichts und muß sich am Ende auch noch das göttliche Gesetz dahin gefallen lassen, daß sie kein Verlangen nach dem haben sollen, was als Überfluß die Großen und Reichen ihr Eigentum nennen? Man nimmt ihnen dadurch ja ohnehin nichts weg; aber wenn man kein notwendiges Verlangen nach dem Überflusse des Reichen haben darf, so darf man ihn als ein Bettler ja auch nicht darum bitten! Denn das Bitten setzt ja notwendig eine durch die Not gezwungene Lüsternheit nach einem Teile des Besitzes des reichen Nächsten voraus.

15. Wir Armen dürfen demnach nur zu den Besitzern kommen und sie um eine Arbeit bitten und uns dafür mit dem noch so schmalen Liedlohne (Gesindelohn) völlig zufrieden geben, da jedes weitere Verlangen eine gesetzwidrige Lüsternheit nach dem wäre, was des reichen Nächsten ist und er sein nennt. O Herr und Meister, das kann ein höchst liebevoller Schöpfer nie und niemals also gewollt und also angeordnet haben! Das können nur schon von alters her habsüchtige Menschen unter dem Titel der Vorsehung Gottes also gewollt und gemacht haben, auf daß wir Armen sie auch nicht einmal mit unseren Gedanken in ihrem Besitze stören sollen.

16. O Herr und Meister, der Du so überweise und allmächtig bist, – was sagst Du nun dazu? Denn ich habe geredet nun und habe dargestellt, was ich an diesem letzten Grundgesetz als nach meinem menschlichen Verstande überaus mangelhaft gefunden habe, freilich infolge von dem, was ich von meinem Rabbi bekommen habe. Oh, gib Du uns allen darüber nun ein rechtes Licht; denn ich denke mir, daß eben dieses gar nicht möglich zu haltende Gesetz die Menschen am meisten zu allerlei Sünden und anderen Verbrechen verleitet hat, weil ich nur zu gut weiß, daß eben dieses letzte Gesetz beinahe von allen verständigeren Juden als ein nicht göttliches erkannt wird! Oh, öffne Deinen heiligen Mund und gib uns Deinen Willen kund!“

36. Kapitel. Die Wichtigkeit der Gedankenüberwachung.

1. Sagte Ich: „Du bist ja ein ganz entsetzlich scharf verständiges Wesen und hast das letzte Mosaische Gesetz gar scharf angegriffen! Ja, ja, manchmal sind die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichtes; sie sehen oft eher das Eckige einer Lehre denn die Kinder des Lichtes. Doch auch bei diesem letzten Gebote hast du dich, ungeachtet der großen Schärfe deines Verstandes, geradeso verhauen wie bei den früheren.

2. Du kannst denken, was du willst, so kannst du dadurch nicht sündigen, so dein Herz an einem unordentlichen Gedanken kein Wohlgefallen findet. Findest du aber an einem schlechten Gedanken ein Wohlgefallen, so verbindest du auch schon deinen Willen mit dem schlechten, aller Nächstenliebe baren Gedanken und bist nicht ferne davon, solchen Gedanken, der einmal schon von deinem Wohlgefallen und von deinem Willen belebt worden ist, in die Tat übergehen zu lassen, wenn dir die Umstände günstig erscheinen und die Tat ohne äußere Gefahr zulassen. Daher ist die weise Überwachung der im Menschenherzen vorkommenden Gedanken durch das geläuterte Licht des Verstandes und der reinen Vernunft ja doch von der höchsten Wichtigkeit, weil der Gedanke der Same zur Tat ist, und es könnte die notwendige und weise Überwachung der Gedanken wahrlich nicht trefflicher ausgedrückt sein als eben dadurch, daß da Moses sagt: ,Laß dich nicht gelüsten nach diesem und jenem!‘ Denn so es dich einmal stark zu gelüsten anfängt, so ist dein Gedanke schon belebt durch dein Wohlgefallen und durch deinen Willen, und du wirst dann deine Not haben, solch einen belebten Gedanken in dir völlig zu ersticken. Der Gedanke, und die Idee, ist ja, wie früher gesagt, der Same zur Tat, die da die Frucht des Samens ist. Wie aber der Same, so dann auch die Frucht!

3. Du kannst daher denken, was du willst; aber belebe keinen Gedanken und keine Idee eher zur Frucht, als bis du ihn vor dem Richterstuhle deines Verstandes und deiner Vernunft gehörig durchgeprüft hast! Hat der Gedanke da die Licht- und Feuerprobe bestanden, dann erst kannst du ihn zur Frucht oder Tat beleben, und es kann dich da dann schon gelüsten nach etwas Gutem und Wahrem; aber nach etwas Unordentlichem, das offenbar wider die Nächstenliebe geht, soll es dich nicht gelüsten! Und darin liegt das, was Moses in seinem letzten Gesetze ausgedrückt hat, und es liegt darin wahrlich wohl nie und nirgends der Widerspruch mit den inneren Lebensfunktionen, den du mit Hilfe deines scharfsinnigen Rabbi willst gefunden haben. Was soll, ja was kann aus einem Menschen werden, wenn er nicht schon frühzeitig lernt, seine Gedanken zu prüfen, zu ordnen und alles Unreine, Böse und Falsche aus ihnen zu scheiden? Ich sage es dir, solch ein Mensch würde schlechter und böser werden denn ein allerreißendstes und bösestes Tier!

4. In der guten und weisen Ordnung der Gedanken liegt ja der ganze Lebenswert eines Menschen. Wenn nun Moses zur Regelung der Gedanken, Wünsche und Begierden auch ein Gebot gab, – kann da ein ganz weise sein wollender oder sein sollender Rabbi ihn dahin verdächtigen, als hätte er ein solches am allermeisten zu berücksichtigende Gebot nicht vom wahren Geiste Gottes empfangen? Siehe, siehe, du Meine liebe Tochter, wieweit sich da dein Rabbi verstiegen hat!“

37. Kapitel. Armut und Reichtum.

1. (Der Herr:) „Daß die Güter dieser Erde sehr ungleich verteilt sind, und daß es Reiche und Arme gibt, das ist schon also der weise Wille Gottes, und Er läßt darum auch solch ein Verhältnis unter den Menschen bestehen, weil ohnedem auch die Menschen schwer oder auch gar nicht bestehen könnten.

2. Denn stelle dir einmal die Sache also vor, daß da ein jeder Mensch auf der ganzen Erde schon von Geburt an mit allem also versorgt wäre, daß er von keinem andern nur ein Geringstes mehr benötigen würde, so würde er nur zu bald den Tieren des Waldes und den Vögeln der Luft gleich leben. Diese bauen sich keine Häuser, bebauen keine Felder und Weinberge und haben nicht not, für ihre Bekleidung zu sorgen. Und hätten sie auch in ihren Höhlen und Nestern hinreichend Nahrung, so würden sie diese auch nie verlassen, sondern sie würden gleich den Polypen im Meeresgrunde ruhen und fressen, wenn sie einen Hunger verspürten. Aber weil die Tiere ihren Fraß erst suchen müssen, so sind sie voll Bewegung und ruhen erst dann, wenn sie ihren Hunger gestillt haben.

3. Und siehe, also hat es Gott besonders unter den Menschen gar sehr weise eingerichtet, daß Er die irdischen Güter unter sie sehr ungleich verteilt und sie auch mit sehr verschiedenen Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat! Dadurch ist ein Mensch dem andern ein unerläßliches Bedürfnis. Der Reiche ist gewöhnlich für eine schwerere und doch höchst notwendige Arbeit nicht sehr dahin eingenommen, daß er selbst seine Hände daran legte; aber er hat eine Freude daran, daß er alles nach seinem Wissen und nach seinen gemachten Erfahrungen anordnet und seinen Knechten und Mägden anzeigt, was sie zu tun und zu arbeiten haben. Diese legen dann ihre Hände ans Werk und arbeiten nun und dienen willig dem Reichen um den bedungenen Lohn. Und damit sie sich etwa aus Liebe zum Selbstreichsein und zum Wohlleben nicht am reichen Dienstgeber vergreifen können, so schützen diesen die weltlichen, wie auch die göttlichen Gesetze, freilich nur bis zu einem gewissen Maße, über das auch für die Reichen gar scharfe und weise Gesetze gegeben sind.

4. Also braucht der reiche Besitzer auch allerlei Professionisten. Er muß zum Schmied kommen, zum Zimmermann, zum Maurer, zum Schreiner, zum Töpfer, zum Weber, zum Schneider und zu noch gar vielen anderen, und so lebt einer von dem andern, weil einer dem andern dient. Und nur auf diese Art kann das Menschengeschlecht auf der Erde erhalten werden und könnte sehr gut bestehen, wenn sich so manche nicht auf eine gar zu übermäßige Habsucht und Herrschgier geworfen hätten. Doch diese werden von Gott stets scharf heimgesucht und schon auf dieser Welt gezüchtigt, und ihr ungerecht zusammengeraffter Reichtum geht höchstens bis auf die dritte Nachkommenschaft über.

5. Du siehst daraus, daß es in der Welt Arme und Reiche geben muß, und so kannst du auch schon einsehen, daß Moses das letzte Gesetz nicht lückenhaft, sondern so vollständig wie nur immer denkbar den Juden und durch sie allen Menschen gegeben hat, und daß eben in diesem Gesetze erst die wahre, innere Vollendung der reinen Nächstenliebe und des Geistes der Barmherzigkeit im Menschenherzen zugrunde liegt.

6. Wenn aber das unleugbar der Fall ist, so ist darin auch die Bedingung enthalten, daß ein jeder zur wahren Reinigung seiner Seele eben dieses letzte Gesetz sehr beherzigen und auch gar sehr und vollkommen beachten soll. Denn solange ein Mensch nicht völlig Herr seiner Gedanken wird, so lange wird er auch nicht Herr seiner Leidenschaften und der daraus hervorgehenden Tätlichkeiten. Wer aber da nicht Herr und Meister in sich und über sich ist, der ist noch ferne vom Reiche Gottes und ist und bleibt ein Knecht der Sünde, die aus seinen unordentlichen Gedanken und daraus hervorgehenden Begierden geboren wird und den ganzen Menschen verunreinigt. – Hast du das nun wohl verstanden? Nun ist wieder an dir die Reihe, zu reden.“

38. Kapitel. Über menschliche Kritik. Jesu Rat, sich aller Zweifel zu entäußern. Der innere Verkehr mit Jesus.

1. Sagte die Helias: „O Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Was soll ich arme Magd noch mehr reden? Denn mit Dir über göttliche Dinge reden kommt mir nun geradeso vor, als so ein recht allereinfältigster Narr sich vornähme, das ganze, unmeßbar große Meer mit einem Eßlöffel in einen Wassereimer auszuschöpfen. Alles, was Du, o Herr, sagst, ist Wahrheit; wir Menschen alle zusammen aber wissen ganz und gar nichts. Diese meine Bemängelung des letzten Gebotes kam mir doch so grundrichtig vor wie nur etwas unumstößlich Wahres in der ganzen lieben Welt, und was ist eben diese meine Gesetzesbemängelung jetzt? Nicht nur gar nichts, sondern ein ausgesprochenes Etwas, über das man sich gleich eine ganze Ewigkeit lang schämen könnte, daß man es eben dümmsterweise ausgesprochen und dadurch auch so erst ganz ordentlichst seine eigene Dummheit zur offensten Schau getragen hat. Herr und Meister, wahrlich wahr, ich bin nun mit mir selbst im höchsten Grade unzufrieden, und es reut mich tiefst, daß ich je nur zu wagen mich getraut habe, mich mit Dir in einen Wortwechsel einzulassen! Was werden nun alle die hier versammelten weisen Männer von einer solchen naseweisen und eingebildeten Dirne denken? O Herr und Meister, ich fange nun an, mich ganz entsetzlich zu schämen!“

2. Sagte Ich: „Nun, warum denn so ganz eigentlich? Ich habe dich ja doch Selbst dazu aufgefordert, und du selbst hast es allzeit ausgesprochen: Wer das tut, was Ich will, der sündigt nicht! Du hast aber eben das getan, was Ich gewollt habe, und somit hast du denn auch nicht gesündigt; und hast du nicht gesündigt, so hast du dich wegen irgendeiner Sünde vor Mir auch nicht zu schämen. Denn was du geredet hast, das war nicht nur deiner selbst wegen von großer Wichtigkeit, sondern auch der gar vielen andern wegen; denn sie alle trugen ganz dieselben Zweifel in ihren Eingeweiden und sind dadurch nun von Grund aus geheilt. Und siehe, das war mehr oder minder auch ein Werk deiner wahrlich sehr gewandten Zunge, und siehe, das war etwas ganz Gutes und gar nichts Schlechtes, und so darfst du dich dessen gar nicht schämen, was du geredet hast. Du hast für dein geringes Alter einen ganz geläuterten Verstand, und der ist das anfängliche Licht des Herzens; und wer ein rechtes Licht des Herzens hat, der kann auch bald und leicht das rechte Licht des Lebens finden. – Verstehest du, was Ich dir damit gesagt und gezeigt habe?“

3. Sagte die Helias: „O Herr und Meister, das verstehe ich wohl; aber dessenungeachtet habe ich dennoch in mir das vollste Bewußtsein, daß ich das vollkommenste Nichts im Nichts bin und Du das vollendetste Alles in Allem bist! Aber von nun an bitte ich Dich, o Herr, mich nicht mehr zum Reden aufzufordern; denn ich bin sehr blind!“

4. Sagte Ich: „Du solltest wohl noch reden, weil du auch die Propheten verdächtigt hast; doch weil du nun einsiehst und begreifst, daß das Gesetz Mosis ein rein göttliches ist und keine Mängel und Lücken in sich faßt, als wäre es ein menschliches, so kannst du dir nun das weitere Reden ersparen. Doch so dich irgend etwas noch mit einem Zweifel erfüllt, so kannst du fragen, und es wird dir Licht gegeben werden.

5. Doch hier um Mich sitzen Meine alten Jünger, und jener scheinbare Jüngling ist Mein Diener, wie Ich deren noch gar viele habe; auch ihn kannst du fragen, und er wird dir, gleich wie Ich Selbst und gleich wie diese Meine Jünger, über alles den rechten Aufschluß geben. Ich Selbst aber werde nun zu Meinen Jungen gehen, die dort auf der entgegengesetzten Seite dieser Herberge sich in einem Gemache befinden, und werde sie in die Freie führen. Begleiten aber darf Mich nun nur Lazarus, der Römer Agrikola und der Sklavenhändler Hibram.

6. Nun weißt du, Meine Helias, schon, was du zu tun hast, wenn du noch ein weiteres Licht haben willst; denn Ich muß nun etwas anderes tun, da die Sonne nur noch etwas über eine halbe Stunde am Himmel verweilen wird. Sodann kommen nach dem Untergange die vielen fremden Gäste, die draußen unter den Zelten ihr Abendmahl zu sich nehmen werden, und da ist für Mich keine Zeit, draußen unter den Weltmenschen umherzuwandeln, sondern Ich will dann wieder hier in eurer Mitte sein. Aber wenn dann die Fremden nach dem Abendmahle wieder in ihre Wohnhütten abziehen werden, dann werden wir gemeinschaftlich uns ins Freie begeben, und ihr alle sollet da viel Wunderbares erleben. Und so verharret nun hier und erbauet euch geistig, bis Ich wieder zu euch zurückkehren werde!“

7. Sagte nun die Helias mit einer etwas trüben Stimme: „O Herr und Meister, warum darf denn ich nun nicht mit hinaus ins Freie? Und ich möchte doch gar so sehnlichst gerne immer in Deiner nächsten Nähe sein!“

8. Sagte Ich: „Das ist wahrlich gar sehr löblich von dir; aber du kannst auch ohne Meine Persönlichkeit stets in Meiner nächsten Nähe sein, wenn du Mir nur im Herzen nahe bist! Siehe, in Genezareth befindet sich auch ein gar liebliches Mägdlein, dessen Namen Jarah ist; die hat Meine Person schon beinahe ein ganzes Jahr lang nicht mehr gesehen, und dennoch ist sie Mir in ihrem Herzen noch um ein bedeutendes näher als du nun! Ich kann Mich in jedem Augenblick mit ihr besprechen, und sie vernimmt jedes Meiner Worte genaust in ihrem Herzen und richtet sich strenge danach. Tue du desgleichen, so wirst auch du gleich jener Jarah dich stets in Meiner nächsten Nähe befinden, und das auch dann, wenn Ich nicht mehr in diesem Leib und Fleisch auf dieser Erde umherwandeln werde! Verstehe solches und richte dein Leben danach ein, so wirst du das ewige Leben haben in dir!“

39. Kapitel. Die Ansichten des jungen Sklaven. Rußlands Zukunft.

1. Darauf erhob Ich Mich schnell und die drei Berufenen mit Mir, und wir gingen zu unseren Jungen, die wir ganz ruhig und mit heiteren Gemütern antrafen; denn da hatte eines dem andern stets vieles zu erzählen, was ein jedes auf der weiten Reise Absonderliches gesehen und bemerkt hatte, und wie solches auf ihre gegenwärtige Erlösung Bezug genommen habe. Einige hatten Träume, andere wollten andere Erscheinungen bald auf der Erde und bald wieder am Himmel gesehen haben. Und also unterhielten sich diese Jungen die etlichen Stunden untereinander ganz gut und merkten es kaum, daß es schon nahe zum Ende des Tages gekommen war.

2. Als wir zu ihnen in ihr ganz geräumiges Gemach traten, da war es völlig aus vor lauter Freude, und alle schrien: „Gegrüßet seist du, unser allein rechter und ganz allein wahrer Vater; denn du hast uns ein gutes Brot und einen guten Trank gegeben, hast uns frei gemacht von unseren harten Banden und hast wohl bekleidet unsern nackten Leib, und darum bist du nun ganz allein unser rechter und wahrer Vater, und wir alle lieben dich nun über alles! Aber unsere harten Eltern können wir nun nicht mehr allzusehr lieben; denn sie haben uns nie etwas Gutes getan, außer daß sie uns eine Zeitlang gemästet haben, um uns dann teurer verkaufen zu können. Wir wünschen ihnen darum dennoch nichts Arges, sondern nur das wünschen wir ihnen, daß sie bald zu der Einsicht kommen sollen, daß es höchst unrecht ist, so Menschen wieder Menschen und sogar die Eltern ihre Kinder gleich wie andere Haustiere an gewinnsüchtige Kaufleute verkaufen. Doch da wir nun alle einen so überguten Vater gefunden haben, so sei auch der alte Frevel, den unsere Alten an uns, ihren unschuldigen Kindern, begangen haben, ihnen vergeben, was du, harter Kaufmann Hibram, ihnen daheim wohl vermelden kannst, wenn noch irgendein ehrlicher Blutstropfen in deinen Adern fließt!“

3. Lazarus und auch Agrikola erstaunten über die große Entschiedenheit dieser Ansprache an Mich und teilweise an den Sklavenhändler Hibram; denn Ich gab den zweien die Gabe, die Sprache dieser nordischen Jungen zu verstehen, wie auch mit ihnen zu reden, da solches höchst notwendig war, auf daß sich besonders der Römer mit ihnen besser verständigen konnte. Ich hätte solch eine Fähigkeit auch allen diesen Jungen geben können; aber es wäre das für sie nicht so gut gewesen, weil sie durch eine vollkommenere Sprache auch eher und vollkommener zur Kenntnis aller möglichen Unarten, Untugenden, Sünden und Laster gelangt wären. Wenn sie aber die ihnen noch fremde Sprache der Römer erst nach und nach erlernen mußten, so wurden sie vorerst in ihrer Sprache von dem Römer, der am Ende doch alle die Jungen mit nach Rom führte und dem Lazarus keinen zurückließ, in Meiner Lehre unterwiesen, die ihnen dann einen immerwährenden Schutz gegen die Torheiten Roms gab; und es war somit alles gut, wie Ich diese Sache angeordnet hatte.

4. Als sich diese Jungen mit uns ordentlich unterredet hatten und auch Hibram ihnen die teuerste Versicherung gab, daß er daheim für ihre zurückgebliebenen Gefährten schon bestens sorgen werde, und daß er fortan auch keinen Menschenhandel mehr führen wolle, für welches Versprechen sich ihm alle Jungen beiderlei Geschlechts sehr dankbar bezeigten, da sagte Ich, daß sie nun alle mit uns hinaus in die Freie gehen sollten, was ihnen eine große Freude verursachte.

5. Als wir aber im Freien waren, sahen wir die schöne Landschaft gegen den Sonnenuntergang, und die Jungen sagten ganz wonnetrunken, daß sie noch nie eine so schöne Landschaft gesehen hätten.

6. Und ein Junge, der eine besonders hervorragende Denk- und Redefähigkeit besaß, sagte: „Wahrlich, in diesem Lande, das gar so schön und warm ist, müssen die Menschen dem guten Gott um vieles näher sein als dort, wo wir geboren sind; denn dort ist es nur eine ganz kurze Zeit warm und darauf eine lange Zeit sehr kalt, so daß vor lauter Kälte das Wasser zu Stein wird, und das ganze Land sieht sehr traurig aus! Daher sind dort die Menschen auch dem bösen Gott näher und sind daher auch böse und schlecht. Denn dort lieben sich die Menschen untereinander nicht, und jeder trachtet nur, wie er seinen Nebenmenschen etwas Arges zufügen könne. Der am meisten Starke ist dort ein fürchterlicher Herr der anderen schwachen Menschen, zwingt sie, ihm die schwersten Dienste zu tun, und gibt dafür keinen Lohn, – Das muß dort wahrlich der böse Gott bewirken! Und du, Hibram, bist dort auch ein solcher starker Herr; darum laß du dich in Zukunft daheim ja nicht mehr von dem bösen Gott gefangennehmen in deinem Gemüte und in deinem Verstande und bringe ihm kein Opfer mehr dar, sondern opfere dem guten Gott dieses Landes, dann wird auch unser Land so schön und warm werden, wie nun dieses da ist.

7. Denn ich meine, daß der gute Gott um vieles mächtiger ist als der böse, der das Wasser wohl töten und zum Steine machen, aber selbst nicht wieder auflösen und lebendig machen kann. Hier hast du den guten und mächtigsten Gott gefunden; nimm Ihn mit in deinem Herzen und opfere Ihm allein, und Er wird dann schon auch segnen unser großes Land! Wirst du aber daheim wieder dem bösen Gott opfern, so wird unser Land nimmer diesem schönen und warmen Lande gleich werden.“

8. Diese kindlich weisen Worte des Jungen rührten Hibram zu Tränen, und er versprach dem Jungen auf das feierlichste, daß er seinen Rat und Wunsch auf das pünktlichste befolgen und dem vermeinten bösen Gott nie mehr ein Opfer darbringen werde; wohl aber werde er dort allen seinen Untergebenen den guten Gott, den er hier gar wohl kennenlernte, verkünden und zeigen, wie man Ihm allein opfern kann und soll.

9. Aber bei der Gelegenheit machte er auch alle Jungen darauf sehr aufmerksam, wie auch sie sich nun vor allem emsigst bestreben sollen, den guten und allein wahren Gott stets näher und näher zu erkennen und Ihn über alles zu verehren und zu lieben, und, wenn sie es in der Erkenntnis des guten und allein wahren Gottes zu einer Vollendung gebracht haben würden, sie dann ihres Heimatlandes nicht vergessen sollen.

10. Auch dieses gelobten die Jungen, und der Redner sagte: „So wir einmal des guten, allein wahren und über alles mächtigen Gottes Segen und Kraft also innehaben werden wie diese Menschen hier – wovon wir uns alle auf das hocherstaunlichste überzeugt haben –, dann werden wir auch gar leicht wieder heimfinden und auch heimkehren; denn da wird uns Sein Geist schon den rechten und den nächsten Weg zeigen und auch führen. Aber ohne solch einen Führer und über alles mächtigen Führer und Beschützer, würden wir unser von hier so überweit entferntes Land wohl nimmer finden können, und das darum um so schwerer, da wir vier Tage lang mit verbundenen Augen und mit Lehm überklebten Ohren auf den Wagen und Karren vom Heimatlande weg geschafft worden sind. Darum lasset auch von dieser bösen Gewohnheit ab; denn es ist etwas gar sehr Entsetzliches, blind und taub als ein Sklave sein Heimatland, wenn es auch ein noch so unfreundliches Aussehen hat, für immer verlassen zu müssen. Also auch dieses merke dir, du daheim starker und die armen Menschen weit und breit beherrschender Hibram!“

11. Hierauf wandte sich der Junge gar sehr liebfreundlichen Angesichtes an Mich und sagte: „O du, unser guter Vater und weisester und sehr mächtiger und von dem guten Gott sehr erfüllter Mann voll Macht und jeglicher Kraft, sage auch du dem Hibram, daß er das tun soll, was wir Armen ihm durch meinen Mund treuoffenherzig geraten haben, und er wird das dann um so gewisser tun, da auch er auf dich schon viel zu halten scheint! Wenn er daheim das tun wird, so wird dann auch unser Land so schön und warm werden, wie dieses da ist, und der böse Gott wird dann sicher nicht mehr imstande sein, das Wasser zu töten und das ganze große Land mit dem sehr kalten Schnee zu überstreuen, – was für die dortigen Menschen ein gar böses Leben zeiht (verursacht).

12. O du guter Vater von uns allen, habe doch die Barmherzigkeit nicht nur mit uns, sondern auch mit allen denen, die in unserem schlimmen Lande zu Hause sind und gar oft nichts zu essen haben als das getrocknete Fleisch von wilden Tieren und Fischen! Wenn ich im Namen aller dieser, die dich hier als den guten Vater preisen, eine Fehlbitte getan habe, so magst du mich wohl darum strafen; denn an Macht und Kraft dazu fehlt es dir, du lieber, guter Vater, sicher nicht, wie wir uns alle schon überzeugt haben!“

13. Sagte Ich: „Warum nicht gar! Ich habe von Ewigkeit her noch kein Wesen gestraft, außer es hat sich selbst gestraft, – um so weniger werde Ich dich je strafen für dein gar gutes und edles Herz. Im Gegenteil, Ich sage dir: Du wirst in sieben Jahren in dein Land zurückkehren, und Ich werde aus deinen Lenden ein Geschlecht erwecken, das des Nordens weite Länder über tausend Jahre hindurch in Meinem Namen beherrschen und leiten wird. Aber deine späteren Nachkommen werden die Herrschaft nicht erhalten, weil sie roh und höchst herrschsüchtig werden. Allein, daraus brauchst du dir nichts zu machen; denn Ich werde Mir da allzeit Lenker wählen, wie Ich sie eben werde brauchen können. Doch das Reich wird stets ein und dasselbe mit wenigen Veränderungen verbleiben; doch in den späteren Zeiten werden die Lenker nicht in Asien, sondern in Europa ihren bleibenden Wohnsitz aufschlagen. Darum aber seid alle besonders fleißig und lernet alles Gute und Wahre und verpflanzet Mein Licht auch nach dem sehr finsteren Norden!

14. Es wird zwar dort so wie bis jetzt der Winter der Weltnatur die Erde beherrschen; allein das macht nichts. Wenn nur eure Herzen warm sind durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten, dann werden eure toten Ströme schon auftauen und euch vielen Segen ins Land schaffen. Aber ihr müsset euch nun denn so recht emsig in allem Guten und Wahren von denen unterweisen lassen, die euch nach Rom mitnehmen werden, und ihr werdet dann nach sieben Jahren voll Segens in euer Land zurückkehren. Und so ihr euch wieder in eurer alten Heimat befinden werdet, da tut denen Gutes, die euch Böses getan haben, und ihr werdet dadurch viel Segen in euer Land bringen! – Habt ihr das wohl verstanden?“

15. Alle bejahten das und versprachen, es zu halten.

16. Und Ich sagte: „So haben wir einen guten Zweck erreicht und wollen uns denn wieder ins Haus zurückbegeben!“

17. Damit waren auch alle völlig zufrieden, und wir zogen uns wegen der ankommenden Fremden wieder ins Haus zurück, wo wir die Helias in glühendem Gespräche mit dem Engel antrafen.

40. Kapitel. Lazarus und Raphael bedienen die Fremden.

1. Als Ich Mich wieder an den Tisch gesetzt hatte, da berief Ich den Raphael und den Lazarus und zeigte beiden an, daß die Fremden aus der Stadt bereits im Anzuge seien und sie darum Sorge tragen sollten, daß diese in ihren Zelten untergebracht und versorgt würden und nicht in die Gemächer des Hauses kämen.

2. Da fragte Lazarus, sagend: „Herr, es wird schon dunkel, weil die Sonne untergegangen ist. Wie werden wir da mit der Beleuchtung auskommen? Im Hause haben wir der Lichter schon in gerechter Anzahl; aber in den Zelten haben wir bis jetzt noch keine Lampen, und da möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, mir da zu helfen. Denn wenn die Zelte finster sind, so gehen uns die Fremden ins Haus, wo sie ein Licht sehen werden.“

3. Sagte Ich: „Darum gebe Ich dir Raphael mit; der wird dir schon tun, was da nötig ist, wie er dir solches um die Mittagszeit getan hat. Und also kannst du schon ganz getrost hinausgehen. Gehet aber nun, da die Fremden schon ankommen!“

4. Da ging Lazarus mit Raphael und mit seinem Wirte hinaus und fand zu seinem großen Staunen die Zelte alle hell erleuchtet und die Tische alle mit Wein und allerlei Speisen bestens besetzt. Da kamen aber auch des Hauses Diener und Mägde und fragten den Lazarus und den Wirt, woher sie die Speisen und den Wein genommen hätten, da sie als Diener des Hauses nichts davon wüßten.

5. Da sagte Lazarus: „Seid ihr ja doch auch Menschen! Warum bekümmert ihr euch also so wenig um das, was nun in meinem Hause ist und geschieht?! Wir wissen das schon gar wohl, woher diese Zelte, die Tische, das Tischgerät, der Wein und die Speisen sind. Hättet ihr selbst euch mehr darum bekümmert, so wüßtet ihr das auch. Aber euch kümmert das wenig, und so wisset ihr denn auch wenig oder gar nichts! Wer ist denn Derjenige, der mit Seinen Jüngern nun schon bei vier Tage lang hier in meinem Hause wohnt?“

6. Sagten die Köche und einige Diener: „Ah, nun wissen wir es schon! Das ist der große Prophet aus Galiläa! Es ist uns aber nun sehr zu verzeihen, so wir bis jetzt davon wenig wußten und noch weniger verstanden, was es da mit dem Propheten für eine Bewandtnis hat; denn wir waren stets vollauf mit unserer Arbeit beschäftigt und hatten bis heute nachmittag wahrlich wenig Zeit, uns um derlei Dinge umzusehen, und es hätte sich für uns auch gar nicht geschickt, um eines oder anderes zu fragen, wenn uns auch hie und da so manches aufgefallen ist. Doch von nun an werden wir uns schon um alles mehr bekümmern, da wir ja auch Menschen sind – wie du selbst es gesagt hast –, denen es auch nicht schaden kann, so sie etwas mehr wissen, als sie bis jetzt gewußt und erfahren haben. Nicht wahr, Herr des Hauses und deiner vielen anderen Güter, wir dürfen das?“

7. Sagte Lazarus: „O allerdings, doch jetzt gehe ein jeder an seine Arbeit, damit für die vielen Gäste im Hause ein gutes und hinreichendes Abendmahl bereitet wird! Und ihr Diener gehet zu den Zelten, weiset den Fremden die Plätze an, und nehmet von ihnen wie am Mittage, wenn sie gegessen und getrunken haben werden, das Geld! Gehet nun; denn die Gäste kommen schon!“

8. Da ging ein jeder an seine Arbeit; Lazarus mit dem Wirte aber bewillkommnete die nun auf einmal massenhaft ankommenden Gäste.

9. Einer der Fremden aber fragte den Lazarus doch, wie er denn so genau wissen konnte, daß der fremden Gäste eben so viele ankommen würden, als er Zelte, Bänke, Tische und Speisen und Weine vorbereitet habe. Denn es falle ihm das sehr auf, daß er als ein Wirt das so ganz genau zu erraten vermocht habe. In andern Herbergen sei das beinahe gar nie der Fall; denn da treffe es sich meistens, daß die Herbergswirte entweder zuviel oder zuwenig für die ankommenden Gäste vorbereitet hielten.

10. Auf diese Frage sagte Lazarus vorderhand, weil sie ihn ein wenig überrascht hatte, nichts als das nur, daß sich der geehrte Gast nun nur in das nächste Zelt begeben und essen und trinken solle, und er werde ihm dann schon, so er noch darauf bestehe, den nötigen Aufschluß geben.

11. Damit stellte sich der Gast denn auch zufrieden, ging in sein Gezelt, setzte sich zu Tische, aß und trank ganz wacker darauflos und konnte den Wohlgeschmack der Speisen und Getränke nicht genug loben.

12. Ein anderer Gast im selben Zelte sagte: „Wahrlich, diese Speisen müssen von Göttern zubereitet worden sein, da sie gar so fabelhaft wohlschmeckend sind! Und der Wein ist ein echter Nektar, der für die Götter taugte!“

13. Und es wurden noch eine Menge solcher Bemerkungen von diesen griechischen Kaufleuten gemacht. Einer wollte viel Geldes hergeben, so er das Geheimnis solch eines ausgezeichneten Kochens erfahren könnte.

14. Da Lazarus derlei Bemerkungen wohl vernommen hatte und nicht so recht wußte, was er darauf sagen sollte, so besprach er sich mit dem Engel, was er sagen solle, so er etwa um derlei Dinge befragt werden würde.

15. Sagte Raphael: „Laß du diese Sache nur ganz gut sein, das werde schon ich mit diesen Menschen abmachen; denn du könntest da ein wenig irre werden und diesen Menschen entweder zuviel oder zuwenig sagen, und beides wäre da eben nicht am rechten Platze! Und so, wie gesagt, lasse du die Sache nur ganz gut sein; denn alles das werde schon ich machen!“

16. Damit war denn Lazarus auch ganz vollkommen zufrieden und ließ die Gäste ganz wohlgemut ihre Bemerkungen machen.

17. Doch es kam nun die Zeit, daß die Gäste vollauf gesättigt waren, ihre Zeche zahlten und anfingen, sich auf den Weg in die Stadt zu machen, wo sie gewöhnlich in ihren Verkaufshütten die Nacht zubrachten.

18. Doch die Kaufleute von der bewußten ersten und nächsten Zelthütte, die unseren Lazarus schon gleich anfangs in Verlegenheit gebracht hatten, fingen von vorne an, ihn mit ihrer Neugier zu plagen.

19. Aber er wies sie nun ganz keckweg an Raphael und sagte (Lazarus): „Wisset ihr was? Daß ihr sicher nicht leicht irgend besser bewirtet werdet als eben hier bei mir, das scheint aus euren Fragen ganz klar hervorzuleuchten; doch es hat ein jeder ehrliche Wirt seine eigenen Geheimnisse, die er um gar keinen Preis dahin veröffentlicht wissen möchte, daß auch andere Kenntnis davon besitzen sollen. Aber dieser herrliche junge Mensch kann euch ganz gut das sagen, was euch davon zu wissen allenfalls nötig sein kann, und so wendet euch an ihn, – er wird euch den rechten Bescheid dann schon geben!“

41. Kapitel. Raphael und die Griechen.

1. Auf diese Rede des Lazarus wandte sich der Grieche an den Jungen (Raphael) und sagte: „Du lieber Junge, der Wirt hat uns mit unserem Anliegen an dich beschieden, du würdest uns etwa schon das Rechte kundgeben! Um was es sich handelt, das hast du ohnehin erfahren, und so kannst du schon gleich zu reden anfangen!“

2. Sagte der Engel: „Ja, meine Lieben, das geht nicht sogleich, wie ihr euch das so vorstellet! Denn es steht in unseren auch euch nicht mehr ganz unbekannten Büchern geschrieben: ,Das Land Kanaan ist gegeben den Kindern Jehovas, und Götter werden darin wohnen.‘ Und so seid ihr nun im Lande der Götter, und ihr habt es da mit Göttern zu tun und nicht mit puren Weltmenschen, gleich wie ihr es seid. So ihr aber von Göttern etwas erreichen wollet, so müsset ihr sie zuvor sehr ernstlich bitten können, ansonst verschließen die Götter ihren Mund und geben euch keine Lehre und keinen Rat. – Verstehet ihr mich?“

3. Da machte der Grieche große Augen und sagte zum Jungen: „Na, na, du mein lieber, junger Jude, mit eurer Götterschaft scheint es eben nicht gar zu weit her zu sein; denn wäret ihr Götter, so hätten euch die Römer nicht unterjocht! Aber es macht das eben nichts, wenn du als ein junger, wahrscheinlich noch nicht sehr erfahrungsreicher Jude dir auf eure alten, mystischen Schriften etwas zugute tust und dir einbildest, irgendein Gott zu sein. Ich kann dich ja auch bitten, mir einiges von eurem Kochgeheimnis mitzuteilen, und so sei denn darum auch ganz ernstlich gebeten!“

4. Sagte der Engel: „Jetzt sage ich dir und jedem von euch noch weniger von unserem Kochgeheimnis denn zuvor; denn jetzt bist du sogar etwas grob geworden, und mit der Grobheit ist bei uns Göttern schon gar nichts auszurichten! Denn ihr Menschen habt euch nach uns, nicht aber wir uns nach euch zu richten, da wir ohne euch ganz gut leben und ewig bestehen können, ihr aber ohne uns nimmer. – Habt ihr dieses auch wieder verstanden?“

5. Sagte der Grieche: „O ja, nur zu gut, und wir haben daraus ersehen, daß eben du als ein noch unbärtiger Jüngling ein sehr sonderbarer Kauz bist! Aber so du dir auf deine Götterschaft denn schon gar soviel zugute tust, so gib uns eine Probe davon, und wir werden dann schon auch sicher wissen, was wir dir gegenüber zu tun haben werden! Denn mit Worten allein kann sich ein scheinbarer Mensch uns Menschen gegenüber nie und niemals als ein Gott manifestieren, sondern nur durch eine Tat, die nach dem Zeugnisse aller in allerlei Künsten und Wissenschaften Kundigen notwendigerweise als eine nur einem Gott mögliche angesehen werden kann. – Hast du als ein als Gott verehrt sein wollender Junge auch das verstanden?“

6. Sagte Raphael: „O ja, doch mit derlei griechischen Weisheitsfloskeln richtet ihr bei mir nichts aus; denn ich besitze göttliche Macht und Kraft und habe darum auch keine Furcht vor irgendeinem Menschen und auch vor allen Menschen auf der ganzen Erde nicht. Wer von mir etwas erhalten will, der muß mich zuvor vollernstlich darum bitten mit reinem und demutsvollem Herzen; aber mittels eurer Weisheitskniffe erhaltet ihr nichts und allzeit nichts von mir. – Verstehet ihr das?“

7. Sagte der Grieche: „Höre, du bist ein ganz unbändiger Junge, und es ist mit dir, wenn du im Ernste etwelche Geheimnisse besitzest, mit aller menschlichen Vernunft nichts zu machen, was wir nun schon ganz klar heraushaben! Du hast dich darauf gut einstudiert, vor den Menschen einen Gott zu spielen; fahre du nur fort! Wenn du also fortfährst, so wirst du noch einmal ein großer und sehr berühmter Mann werden. Doch wenn du im Ernste so eine göttliche Allmachtsnatur besitzest und dabei offenbar ein Jude bist, so kannst du kein Freund der Römer sein. Es wäre dir ja doch ein leichtes, alle Römer über Nacht aus diesem deinem Götterlande hinauszutreiben. Warum lasset ihr euch denn ihre harten Gesetze gefallen?“

8. Sagte der Engel: „Der Römer Gesetze sind zwar hart, aber dabei gerecht und dienen nun den besseren Juden selbst zum Schutze gegen jene bösen Juden, die sich zwar Juden nennen, aber in ihrem Herzen weder Juden und noch weniger Kinder Gottes sind. Und so sind die Römer nun unsere Freunde und schon lange keine Feinde mehr und halten eine gute Zucht unter den verworfenen Menschen dieses Landes wie vieler anderer Länder, und wir sind darum eher ihre Beschützer als solche, die sie aus diesem Lande vertreiben möchten. Daß wir aber, so es nötig wäre, auch die sehr mächtigen Römer wie der Sturmwind die Spreu aus diesem Lande treiben könnten, davon will ich euch ein kleines Pröbchen geben, und so habt denn alle sehr wohl acht darauf!“

9. Sagte der Grieche: „Junge, was willst du uns denn zeigen oder so aus deiner allfälligen Zauberei vormachen?“

10. Sagte Raphael: „Lasset eure Vorbemerkungen gut sein und urteilet erst nach der Tat!“

11. Sagte der Grieche: „Ganz gut; so wollen wir erst nach der Tat urteilen!“

12. Sagte Raphael: „Gut denn; also urteilet nach der Tat! Wie ich es euch ganz klar gesagt habe, so urteilet nach eurer hochweisen griechischen Vernunft, und saget es mir dann, was eure hochweise Vernunft dazu spricht!“

13. Sagte der Grieche: „Gut denn, so gib uns ein Pröbchen, und wir werden dann schon recht wohl einsehen, was daran ist! Denn bei uns in Athen hat es schon gar sehr verschiedene Weise gegeben, und wir Griechen wissen darum gar sehr wohl zu beurteilen, was da Zauberei und was da eine wahrhaftige Götterwundersache ist. Und darum nur heraus mit deinem götterhaften Allmachtspröbchen!“

14. Sagte der Engel: „Aber gebet darauf wohl sehr acht, daß euch dabei der ganz natürliche Odem nicht zu kurz wird!“

42. Kapitel. Ein Wunder Raphaels.

1. Hier hob Raphael einen zehn Pfund schweren Stein vom Boden auf und sagte: „Ich meine, dieser Stein wird groß und schwer genug sein, um euch mit ihm ein ganz tüchtiges Pröbchen geben zu können!“

2. Sagte der Grieche: „Allerdings; aber was soll daraus werden?“

3. Sagte Raphael: „Auf daß ihr mich nicht etwa für einen absurden Magier ansehen sollet, so magst du diesen Stein selbst in deine Hand nehmen und ihn auch deine Gefährten in ihre Hände nehmen lassen, auf daß auch sie sich wohl überzeugen mögen, daß das ein wirklicher, allerfestester Stein ist, wie er nur in dieser Gegend vorkommt! Und so nehmet den Stein in eure Hände und untersuchet ihn!“

4. Hier nahm der Grieche den Stein in seine Hände und prüfte ihn, und seine Gefährten taten desgleichen.

5. Als sich alsbald alle hinreichend überzeugt hatten, daß der Stein ein ganz natürlicher Stein war, so übergaben sie ihn wieder dem Engel, und der Grieche sagte: „Der Stein ist ganz Stein, darüber erhebt niemand von uns einen Zweifel; doch was willst du nun aus dem Steine machen?“

6. Sagte Raphael: „Nehmet diesen Stein noch einmal in eure Hände, und hebet noch mehrere gleiche Steine auf, dann erst sollet ihr unsere Götterkraft kennenlernen! Doch sollet ihr darob auch keine Furcht haben, da euch dabei auch nicht ein Haar gekrümmt werden wird!“

7. Darauf suchten sie eine Menge solcher Steine zusammen und hielten sie in ihren Händen, als wollten sie den Jungen steinigen.

8. Hier sagte der Engel zu ihnen: „Ihr sehet, daß ich keinen der Steine in euren Händen auch nur mit einem Finger anrühre. Sowie ich aber mit meinem Willen sagen werde: ,Löset euch auf in euern ätherischen Urstoff!‘, so soll kein Stäubchen von diesen Steinen in euern Händen übrigbleiben!“

9. Sagte der Grieche: „Junger Freund, das wird wohl nur so ein Wortspiel von dir sein! Ein Stäubchen wird von diesen Steinen freilich nicht in unseren Händen verbleiben, aber wohl die ganzen Steine, und aufgelöst werden sie ganz natürlich sein, weil wir sie selbst vom Boden ,auflösten‘, und auch in den Äther werden sie übergehen, weil wir sie schon mit unseren Händen in den Luftäther emporhalten. Habe ich recht oder nicht? Erlaubst du, junger Judengott, daß wir diese Steine, wenn du sie mit deinem Willen völlig aufgelöst und somit vernichtet haben wirst, nach dir werfen dürfen?“

10. Sagte der Engel: „O allerdings, nur zugeworfen dann! Aber nun gebet fein acht, daß euch die Steine nicht durchgehen, da ihr dann nichts nach mir zu werfen hättet! Ich will nun, daß die Steine zunichte werden! – Und nun werfet eure schweren Steine nur nach mir, so ihr noch welche in euren Händen habt!“

11. Hier sahen sich die etlichen dreißig Griechen alle groß und höchst verwundert an, und der erste sagte: „Hörst du, mein holder Junge, du verstehst mehr, als was wir vielerfahrenen und vieles gesehen habenden Griechen zu fassen imstande sind! Dazu gehört wahrlich eine agathodämonische innere Kraft; denn da kann es nicht mit natürlichen Dingen zugehen. In einem kaum bemerkbaren Nu waren alle Steine völlig zunichte. Wie war dir das möglich?“

12. Sagte der Engel: „Das Wie werdet ihr noch lange nicht fassen; aber ich habe es euch ja zuvor gesagt, daß ihr es hier mit uns als noch wahren und unverdorbenen Juden und somit mit Gottes Kindern zu tun habt, und diese besitzen eine götterhafte Kraft in sich und sind somit Herren der ganzen Naturwelt und sind unsterblich. Darum sagte ich dir ja, daß wir als Götter keinen Feind fürchten und Herren der ganzen Welt sind. Und wer von uns etwas haben will, der muß sich auch aufs vollernstliche Bitten verstehen, sonst erhält er nichts von uns. – Verstehst du das nun schon besser?“

13. Sagte der Grieche: „Wie aber seid denn ihr also zu ordentlichen Göttern geworden und seid doch ebensogut Menschen wie wir?“

14. Sagte Raphael: „Weil wir uns vor allem nur der reinen und wahren Erkenntnis des einen, ganz allein wahren Gottes bestrebt haben und nicht trachteten nach den eitlen und toten Schätzen dieser Welt! Und so haben wir von dem einen, allein wahren Gott denn auch die wahren und lebendigen Schätze des Geistes und seiner Kraft und nicht die toten Schätze der Materie dieser Welt, in der samt ihr alles vergänglich ist, erhalten, die wir in Ewigkeit nie wieder verlieren, sondern stets größere noch hinzuerhalten werden.

15. Um aber die lebendigen Schätze des Geistes zu erhalten, muß man von dem einen, allein wahren Gott die Mittel und Wege erhalten haben, was bei uns Juden schon durch die ersten Patriarchen und darauf hauptsächlich durch den großen Propheten Moses, sowie nach ihm durch noch viele andere Propheten und Lehrer geschehen ist. Wer von den Juden dann die angeratenen Mittel bei sich völlig angewendet hat und auf den gebotenen Wegen gewandelt hat, der hat sich dadurch auch der Kindschaft Gottes würdig gemacht und mit ihr erreicht die innere Kraft des Geistes. Da aber das bei euch noch nie der Fall war, so wisset ihr von dem einen, allein wahren Gott nichts, nichts von den Kindern Gottes auf dieser Erde und auch nichts davon, was sie zu leisten imstande sind. – Verstehet ihr das?“

16. Sagte der Grieche: „Ja, ja, es mag das bei euch schon also sein; aber so der gewisse eine, wahre Gott euch Juden solche Mittel gegeben und solche Wege gezeigt hat, – warum hat er denn das uns nicht getan, da wir doch ebensogut Menschen sind, wie ihr Juden es seid? Wir Griechen haben ja auch Vernunft und Verstand und wurden zu allen uns bekannten Zeiten sogar als eines der geistreichsten und gebildetsten Völker der Erde anerkannt. Daß wir euch nun an der inneren Geisteskraft nachstehen, daran sind wir ja doch wahrlich nicht selbst schuld! Hat sich der gewisse eine, allein wahre Gott euch Juden als solcher offenbaren können, – warum denn uns Griechen nicht?“

17. Sagte Raphael: „Mein Freund, das steht bei weitem nicht also, wie du es dir nun vorstellst, sondern sehr bedeutend anders! Auch die Griechen, wie die Römer und die alten Ägypter haben sich einst auf demselben Punkte befunden, auf dem sich nun noch einige wenige Juden befinden. Aber sie verließen den allein wahren Gott, so wie Ihn nun auch wieder gar viele Juden gänzlich verlassen und sich freiwillig von Ihm abwenden; die aber also den allein wahren Gott verließen, die verließ dann auch Er und überließ sie ihrem eitlen Welttaumel.

18. Wenn sie aber einstens in ihrem Herzen wieder zu Ihm werden zurückkehren wollen, so wird Er sie auch annehmen und wird ihnen wieder die alten Mittel und Wege zeigen, durch die sie auch wieder vollwahre Juden und Kinder Gottes werden können. Es werden zur rechten Zeit schon auch wieder Boten und Lehrer zu euch und zu allen andern Völkern der Erde gesandt werden und werden ihnen die alten Mittel und Wege kundgeben. Wohl denen, die sich danach kehren werden!“

19. Sagte der Grieche: „Warum aber geschieht das nicht eben jetzt schon?“

20. Sagte der Engel: „Weil ihr eben jetzt noch zu voll von allen Dingen der Welt seid! Wenn ihr diese mehr und mehr ablegen werdet und dadurch für etwas reiner Geistiges reif werdet, dann wird das, wovon ich sprach, schon auch zu euch kommen. Doch nun habe ich euch genug gesagt und genug gezeigt; vielleicht reden wir morgen ein Weiteres darüber!“

21. Sagte der Grieche: „Ja, morgen wollten ich und diese alle wieder abreisen, weil wir alles Mitgebrachte schon ganz gut verkauft haben; doch dir zuliebe will ich den morgigen Tag noch bis zum Nachmittag hier verweilen und mir von dir noch einige geistige Schätze zur Mitnahme nach Griechenland ausbitten. Vielleicht erfahre ich morgen von dir etwas über die Zubereitung eurer wahrlich götterhaft wohlschmeckenden Speisen!“

22. Sagte der Engel: „Nun, nun, das werden wir schon sehen! Aber ich meine, daß du vorderhand unsere Art, die Speisen zuzubereiten, ebensowenig fassen wirst wie meine frühere Vernichtung der harten Steine. Allein auch daran liegt nun nicht viel; es gibt aber hier noch ganz andere Dinge, mit denen du bekannt werden kannst, und diese werden dir nützlicher sein als zu wissen, wie wir unsere Speisen bereiten. Bist du damit zufrieden, so kannst du morgen wiederkommen; doch wegen der Bereitung der Speisen brauchst du nicht wiederzukommen, weil ich dir nun schon gesagt habe, was es damit für eine Bewandtnis hat.“

23. Sagte der Grieche: „Wegen der Bereitung der Speisen will ich auch kein Wort mehr verlieren, wenn ich etwas erfahren kann, was uns allen nützlicher sein kann denn die Bereitung der Speisen. Und so werden wir heute gehen und morgen gen Mittag hin wiederkommen, da alle die andern Gäste schon hinabgegangen sind. Denn später dürfte es noch dunkler werden denn jetzt, und der Berg ist ziemlich steil.“

24. Sagte der Engel: „Der Berg wird schon so viel erleuchtet sein, daß ihr leicht und ohne Gefahr hinabkommen werdet, und so möget ihr schon gehen im Namen des einen, wahren Gottes!“

25. Auf diese Worte des Engels zogen nun die Griechen ab und kamen gar bald und leicht zu ihren Verkaufshütten, darin sie wie gewöhnlich übernachteten. Aber sie schliefen in ihren Hütten sehr wenig; denn sie dachten die ganze Nacht über die Vernichtung der Steine nach, rieten hin und her, und keiner vermochte dem andern einen Aufschluß zu geben. Denn die Erscheinung hatte sie so aufgeregt, daß sie in ihrem Gemüte keine Ruhe fanden und kaum den Tag erwarten konnten, an dem ihnen ein Licht über die erlebte Erscheinung werden könnte.

26. Am Morgen packten sie ihre Sachen zusammen und stellten sie für die Abreise ganz fertig. Aber sie alle verschoben die Abreise bis auf den nächstkommenden Tag; denn sie beschlossen alle, dieser wunderbaren Sache um jeden Preis näherzukommen. Sie beschlossen denn, auf jeden Fall diesen kommenden Tag ganz dieser Sache zu widmen. Und so konnten sie kaum den Mittag erwarten.

27. Doch nun lassen wir diese etlichen dreißig Griechen stehen, denken und urteilen und begeben uns mit Raphael, Lazarus und mit dem Wirte in unsern großen Speisesaal, in dem wir alle schon an unseren Tischen ganz wohlgemut aßen und tranken.

43. Kapitel. Agrikolas Frage nach dem Wesen Raphaels. Der Segen der Geduld.

1. Als die drei in den Speisesaal traten, wollte unser Lazarus uns gleich nach aller Länge und Breite zu erzählen anfangen, was sich draußen, namentlich mit den Griechen, alles zugetragen hatte.

2. Aber Ich Selbst sagte zu ihm: „Bruder, erspare dir diese Mühe; denn siehe, wir wissen ganz bestimmt um gar alles! Die etlichen dreißig Griechen sind offenbar ein guter Fund für unsere Sache; aber sie müssen erst vollends zurechtgebracht werden. Die harten heidnischen Zweifelssteine müssen erst also aufgelöst werden, wie Mein Raphael die harten Steine in ihren Händen völlig zunichte gemacht hat; dann wird es sich schon auch mit ihnen machen, und sie werden in ihrem Lande für Meine rechten Jünger ganz brauchbare Vorläufer werden. – Doch nun setzet euch an die Tische und esset und trinket!

3. Wenn ihr gestärkt sein werdet, dann wollen wir hinausgehen, und ihr sollet bis gen Mitternacht hin so manches aus dem Bereiche der Herrlichkeit Gottes zu Gesichte bekommen; denn nun seid ihr schon bis auf sehr wenige dahin reif geworden, um höhere, göttliche Offenbarungen ertragen zu können, und diese Nacht soll uns so günstig sein, wie nicht bald wieder eine zweite.“

4. Auf diese Meine Worte beeilten sich alle mit der Zusichnahme des Abendmahls; denn es waren auf diese Meine Rede denn doch alle Anwesenden schon zu sehr gespannt, was am Ende da noch alles zum Vorschein kommen werde.

5. Es trat aber nun Agrikola zu Mir und fragte Mich, sagend: „Herr und Gott, sage mir nun doch einmal, wer denn so ganz eigentlich dieser wunderbare Jüngling ist! Ich fragte Dich schon einmal darum, und Du beschiedest mich darauf, daß ich ihn von selbst mit der Weile erkennen werde. Aber bis jetzt habe ich aus mir selbst noch nicht klug werden können, was ich eigentlich aus ihm machen soll. Er ißt und trinkt wie wir, und eigentlich in einem bedeutend größeren Maße, bei welcher Gelegenheit er denn auch ein völlig menschliches Aussehen bekommt. Aber ganz anders sieht es dann mit ihm aus, wenn er redet, wirkt und handelt; denn da versteht er durchaus keinen Scherz und leistet dabei Wunderdinge, vor denen man als ein nur ein wenig schwacher Mensch und doch dem Priesterstande so halbwegs angehörend – das heißt, was unser römisches, besseres Priestertum betrifft – rein zunichte werden muß.

6. Denn ich habe eben in meiner hochstaatsamtlichen Wirkungssphäre hauptsächlich alles Priestertum im ganzen großen römischen Kaiserreich zu überwachen und habe mir bei solcher Gelegenheit auch die genaue Kenntnis aller Gotteslehren, die im ganzen Reiche gang und gäbe sind, verschafft, was schon aus dem erhellt, daß ich mich auch in der Judenlehre ganz genau habe unterrichten lassen. Als ein solcher Mensch aber, wie ich einer bin, vor dem alle Geheimnisse aufgeschlossen werden müssen, habe ich denn auch schon so manches auf dieser Erde kennengelernt und habe hie und da alte und auch junge Menschen von gar besonderen Talenten und Fähigkeiten gesehen und kennengelernt, wobei mir denn auch mein eben nicht geringer Verstand tagelang stehenblieb.

7. Doch es war das alles rein nichts gegen diesen Jüngling, dessen äußeres höchst mädchenhaftes Aussehen nach unserer Römerkritik im Grunde eben gar selten das Zeichen eines großen Geistes ist. Die sogenannten Adonisse und die Venusse sind bei uns stets für die geistlosesten Menschen angesehen worden, und Ausnahmen gab es nur sehr wenige darunter. Und dieser junge Mensch ist bei weitem der allerschönste, der mir je unter die Augen gekommen ist. Wenn er weibliche Kleidung anhätte, so wäre er bei weitem die schönste Jungfrau auf dem ganzen Erdenrund. Und dennoch besitzt der Mensch einen so göttlich großen Geist, daß ihm so wie Dir Selbst, o Herr und Meister, rein alles möglich ist. Du siehst es, o Herr, daß ich nun meine Wißbegierde über diesen sonderbaren jungen Menschen nicht mehr unterdrücken kann, und so magst Du es mir ja wohl endlich sagen, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis hat!“

8. Sagte Ich: „Freund, wenn Ich so wie ihr Menschen mit irgendwelchen Schwächen behaftet wäre, so würde Ich dir ganz geradeheraus sagen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis hat; aber da Ich durchaus keine menschlichen Schwächen besitze und in Meinem Geiste von Ewigkeit her wohl einsehe, was jedem Menschen in seiner Seelenbildungssphäre am heilsamsten ist, so sage Ich nie zu jemandem ein Wort, das Ich ein paar Tage darauf nicht mehr halten möchte, und so bleibt es bei dem, daß du den jungen Menschen aus dir selbst noch ganz gut und klar erkennen wirst.

9. Du hast ja auch gehört, wie die Geduld auch ein Urgeist Gottes im Menschen ist und gleich allen andern sechs Geistern gestärkt und ausgebildet werden muß, so ein Mensch zur wahren, inneren Lebensvollendung gelangen soll. Und so will Ich es hier auch bei dir haben, daß deine Geduld deinen oft zu isoliert übertriebenen Ernst und Eifer etwas mäßigen soll. Und siehe, aus diesem sehr triftigen Grunde sage Ich dir denn das auch nicht, was du nun gar so dringend gerne wissen möchtest; denn die Geduld ist dem Menschen das, was ein sanfter Regen der Erde ist. Sie sänftigt die brennenden Begierden im Menschenherzen, auf daß sie nicht in wilde, stürmische und oft alles verheerende Leidenschaften ausarten. Wenn du das so recht verstehst, so finde dich nur in der Geduld zurecht, und es wird dir dann schon alles werden, wonach du einen edlen Durst in deiner Seele fühlst.“

10. Sagte der Römer: „Ja Herr, Meister und Gott, Dir kann auch der weiseste aller Menschen der ganzen Erde nichts einwenden, weil Du die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit Selbst bist, und also hast Du auch hier recht; denn ein Gott, der mit Sich handeln ließe wie ein griechischer Früchtekrämer, wäre kein Gott, sondern auch nur ein schwacher und wetterwendischer Mensch, – und wer könnte sich da wohl verlassen auf eines schwachen Gottes Verheißung?!“

11. Sagte Ich: „Siehe, da hast du wieder völlig wahr gesprochen! Bleibe in dem und übe dich in der gerechten Geduld, so wirst du am ehesten zum Lichte des inneren Lebens gelangen! Habt ihr Römer doch auch von alters her ein gutes Sprichwort ersonnen, nach dem man mit Weile eilen soll, und das ist soviel wie ,sich in der Geduld üben‘. – Doch nun gehen wir allesamt ins Freie, allwo ihr vieles erfahren sollet!“

44. Kapitel. Die nächtliche Lichterscheinung der 10 Wolkensäulen.

1. Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da erhob sich alles und zog Mir nach ins Freie. Als wir nun alle im Freien standen, da bewunderten viele die schönen Zelte mit ihrer sehr zweckmäßigen Einrichtung und staunten über deren so schnelle Herstellung, weil sie am Morgen noch nichts davon wahrgenommen hatten. Allein es hatte dieses Staunen bald ein Ende, weil Ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gleich auf etwas anderes hinzulenken verstand. Was war es aber, worauf Ich alle die Anwesenden aufmerksam machte?

2. Es ging nämlich im Osten eine ganz glühende Wolkensäule auf und stieg höher und höher, so daß es allen, die sie sahen, vorkam, sie reiche schon gleich bis zu den Sternen. Die Säule ward heller und heller, bis sie des Mondes Glanz erreichte und die ganze Gegend nahe in eine Tageshelle umstaltete. Hier fragten Mich alle, was das wäre, und was es bedeute.

3. Ich aber sagte: „Nur Geduld, Meine lieben Freunde, es kommt schon noch mehreres nach! Wenn ihr alles werdet gesehen haben, dann erst wollen wir sehen, woher das etwa kommt, und was es zu bedeuten hat. Darum habt nun nur gleichfort auf alles acht, was sich da noch alles zeigen wird; denn es steht ja in den Propheten geschrieben, daß in dieser Zeit Zeichen geschehen werden auch am Himmel und nicht allein auf der Erde. Und da nun solche Zeichen geschehen, so sehet ihr auch sogar mit euren fleischlichen Augen, daß nun die Worte der alten Weissagungen erfüllt werden. Aber nun gebet weiter acht, was noch alles zum Vorschein kommen wird!“

4. Nun sahen wieder alle gen Osten hin, und siehe, eine zweite, gleiche Säule stieg empor und erreichte wieder den Glanz des Mondes, und es ward um so heller die Gegend! Und es währte kaum einige Augenblicke, so stieg eine dritte Wolkensäule empor und erleuchtete die Gegend nun stärker. Es sahen das aber nicht nur die, die bei uns auf dem Berge standen, sondern auch viele in Jerusalem und viele im ganzen Judenlande, und es entstand dadurch ein großer Rumor in allen Gassen und Straßen der Stadt, so daß man es bis auf den Berg gar gut hören konnte.

5. Da sagte Lazarus zu Mir: „Herr, wenn das noch lange dauert, so werden wir diesen Berg bald voll Menschen haben! Es wäre darum nun schon sehr an der Zeit, unten das Tor zu sperren.“

6. Sagte Ich: „Sorge du, Bruder, dich um gar nichts, solange Ich bei dir bin; denn ohne Meinen Willen kommt nicht einmal eine Fliege in diesen Garten, geschweige irgendein Mensch! Gib aber nun wohl acht; denn es werden noch sieben solche Säulen emporsteigen!“

7. Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da stieg auch schon die vierte, gleich darauf die fünfte, sechste, siebente, achte, neunte und zehnte Säule, in angemessenen Entfernungen voneinander abstehend, auf, und diese zehn Säulen, deren Licht dem Lichte des Vollmondes gleichkam und stark wurde, verbreiteten endlich eine so große Helle über die ganze Gegend, daß man das Licht auch bis nach den Ufern des Mittelmeeres noch gar sehr wahrnahm und hinauf bis nach Kleinasien und weiter rückwärts nach Osten bis in die fernen Gegenden des Euphratstromes.

8. Aber nun war es mit der Stadt denn auch völlig aus. Die Heiden betrachteten das als ein MALUM OMEN, die Juden sprachen schon vom Jüngsten Gericht. Wieder andere sogenannte Zeichendeuter verkündeten zehn sehr fruchtbare Jahre, andere wieder zehn sehr heiße und somit unfruchtbare Jahre.

9. Einer aber, ein alter Rabbi, schrie laut durch alle Gassen: „Das bedeutet die Ankunft des Messias, und die zehn Säulen sind die Symbole Seiner Kraft, und da diese Säulen im Osten stehen, so zeigt das an, daß der Messias von daher gen Jerusalem kommen wird!“

10. Aber dieser Rabbiner fand keinen Glauben und wurde von vielen, die ihn gehört hatten, verlacht, und die Weltmenschen sagten zu ihm: „Geh und hör auf mit deinem alten Messiasgeplärre; denn du siehst schon lange in einer jeden vom Monde hell erleuchteten Wolke den Messias kommen! Vor einigen Tagen, als wir eine Mondfinsternis hatten, die auch viel Verwirrung hervorgebracht hat, hast du auch die Ankunft des Messias ausgerufen, und die pfiffigen Essäer, die gerade in jener Gegend ihre große Zauberniederlassung haben, haben die vergangene Mondverfinsterung schon vor einem Jahre ganz genau berechnet, und du hast gleich deinen kommenden Messias mit Haut und Haaren darin entdeckt! Der Messias wird dir gleich etwas aufwarten! Diese zehn Säulen sind sehr schön anzusehen und sind nichts anderes als ein Produkt der essäischen Zauberkunst! Gehe zu den Essäern, – die werden dir deinen Messias bald ausgetrieben haben!“

11. Diese radikal natur- und weltmäßige Erklärung aber machte auf den alten Rabbiner jedoch keinen Eindruck, und er schrie dennoch fort und sagte laut (der alte Rabbiner): „Und redet ihr, was ihr wollt, und es soll sich in Bälde zeigen, ob ich nicht recht geurteilt habe! Gott richtet Sich nicht nach dem Weltgespräche solcher Welttümlinge, wie ihr seid, sondern nach dem Worte Seiner eigenen Weissagung, die Er den Menschen kundgetan hat durch den Mund Seiner Propheten. Sehet nur zu, ihr bösen und frevelhaften Jungen, daß nicht ein Teufel kommt und euch allesamt holt! Oh, frevelt nicht über einen alten Rabbi!“

12. Ich erzählte auch auf dem Berge den Meinen, was diese Erscheinung da unten in der Stadt für Meinungen und Urteile hervorgerufen hatte, und alle wurden darob recht heiteren Mutes.

13. Lazarus und auch Meine Jünger meinten, daß der Rabbi im Grunde denn doch recht habe, und daß es sehr schnöde sei von den jungen Gecken Jerusalems, den Alten also zu verhöhnen.

14. Sagte Ich: „Da habt ihr einesteils wohl recht; aber der Alte ist auch ein Fuchs des Tempels und benutzt solche Gelegenheiten, bei denen er stets fleißig die Ankunft des Messias verkündet, um sich dabei einige Opfer zu erschleichen. Ihm selbst aber ist es hinterdrein sehr lieb, wenn seine Gassenweissagung vor seinen Augen am Ende doch noch ausbleibt und noch weiter auf sich warten läßt; denn es kann in diesem an Naturwundern reichen Lande ja bald und leicht wieder eine Erscheinung auftauchen, die er dann schon wieder recht fein benutzen kann. Nun kennt ihn aber die freilich sehr ausgelassene Jugend von Jerusalem als solch einen Gassenpropheten, und tritt ihm dann, wenn er etwas zu laut wird, in die Quere und verhöhnt ihn, und so ist da der Prophet eben nun nicht viel besser als jene, die ihn verhöhnen. Und Ich sage es euch, daß Mir die schlüpfrigen Jungen dennoch um vieles eher anhangen werden als jener alte Rabbi, der allzeit nur sehr bemüht ist, in seinen Sack hinein zu weissagen, bei und für sich aber im Grunde doch an nichts glaubt. Aber lasset die Sache jetzt nur gut sein; es wird der weitere Verlauf der Erscheinung schon noch eine größere Hetze bewirken! – Höret ihr nicht von den hohen Zinnen des Tempels die Posaunen erschallen?“

15. Sagten alle: „Ja ja, wir vernehmen sie gar gut!“

16. Sagte Ich: „Das zeigt an, daß die Templer auch schon wach geworden sind und selbst nicht wissen, was sie aus der Erscheinung machen sollen. Daher posaunen sie alle die außerhalb des Tempels wohnenden Pharisäer und Schriftgelehrten zusammen, um in aller Schnelligkeit zu beraten, was da zu machen sei, und wie man etwa diese Erscheinung dem Volke, natürlich gegen ganz bedeutende Opfer, erklären solle. Aber lassen wir sie nun einen kurzen Rat halten, und wenn sie dem Volke, das sich schon dicht um den Tempel schart, die Erklärung ganz nagelfest gemacht haben werden, dann werde Ich diese Erscheinung gleich bedeutend verändern, und die Templer werden wieder Rat halten und das Volk anlügen. Die Bedeutung der ganzen Erscheinung aber werde Ich euch dann erst zum Schlusse in aller Kürze treu und wahr kundgeben. Aber nun schauet nur hinab, wie das dumme und stockblinde Volk von allen Seiten zum Tempel hinwallet! In einer Viertelstunde wird die Erscheinung ein ganz anderes Gesicht bekommen; nachher sehet euch erst die noch größere Hetze an! Nun aber ruhen wir diese Viertelstunde Zeit!“

45. Kapitel. Die veränderte Himmelserscheinung und die Verlegenheit der Templer.

1. Sagte der ebenfalls ganz nahe bei Mir stehende Römer: „Aber der unbegreiflichen Blindheit dieser so vielen Menschen! Da rennen die Narren hin, und das sollen die erleuchteten Juden – sage – Gottes Volk sein, und wir blinden Heiden stehen an der Urquelle des Lebens, des Lichtes und an der Quelle der ewigen Urwahrheit! Es ist wahrlich im hohen Grade sonderbar! Wir, offenbar die Letzten, sind – und sage, wer da immer etwas wolle – nun offenbar die Ersten, und diese, Abrahams Kinder, wälzen sich da unten gleich den Schweinen im schmutzigsten Schlamme herum! Das, o Herr, ist für uns Heiden eine ewig unbegreifliche Gnade, die wir wahrlich nie aber auch nur im geringsten verdient haben! Na, ich bin hier denn doch nun auf den weiteren Verlauf dieser höchst sonderbaren Sache und Begebenheit wahrlich auch schon aufs höchste gespannt! Was da am Ende noch alles herauskommen wird, das wirst Du, o Herr, ganz allein am allerbesten wissen!“

2. Sagte Ich: „Die Sache wird durchaus nicht übel ausfallen! Es ist an der Zeit, diese argen Weltmäkler endlich auf eine ganz eigentümliche Art und Weise in eine große Verlegenheit zu setzen, wodurch sie wieder gar vieles beim besseren Volke verlieren werden.

3. Aber nun haben sie ihren Rat da unten in der eiligsten Kürze abgehalten, und der lautet nun dahin, daß die zehn Säulen die dem Tempel noch treu gebliebenen zehn Stämme aus dem Stamme Israels bedeuten und die zwei Stämme verworfen worden sind, aus denen die Samariter und auch die Galiläer hervorgegangen sind, und es verunreinige sich ein jeder Jude auf ein ganzes Jahr, der die zwei verworfenen Stämme auch nur laut beim Namen nenne.

4. Das Volk schlägt sich mit Fäusten an die Brust und schwört, diese verruchten Stämme nimmerdar beim Namen zu nennen.

5. Aber nun gebet acht, und es werden sogleich zu den zehn Säulen noch zwei dazuwachsen, und dann schauet euch nachher die Hetze an! Die Zeit ist um, und es soll sogleich die besagte Veränderung vor sich gehen.“

6. Nun gaben alle acht, und es stiegen zu gleicher Zeit noch die zwei Säulen im Osten in größter Pracht in die Höhe; aber diese beiden Säulen glänzten für sich ums zehnfache stärker als die früheren zehn Säulen zusammen, und es stand die eine zur Rechten und die andere zur Linken der früheren zehn Säulen, und ihr starkes Licht ward bis nun gen Europa hin und nach rückwärts bis vierhundert Meilen weit wahrgenommen.

7. Jetzt war es aber aus beim Volke und noch mehr mißlich aus bei den Templern. Von des Tempels Zinnen fingen nun die Posaunen gar gewaltig zu schmettern an, um noch mehr Räte aufzuwecken, obwohl ohnehin schon beim ersten Posaunenrufe alle in Jerusalem wohnenden Priester beim ersten Rate anwesend waren. Es kam nun zwar niemand mehr, aber dennoch wurde zu einer abermaligen Beratung geschritten. Aber der ganze Hohe Rat wußte nun aus den zwei zuletzt aufgegangenen, überlichten Säulen nichts mehr zu machen, weil er sich bei der Erklärung der ersten zehn gar jämmerlich verhauen hatte.

8. Das Volk aber schrie laut: „Das sind die zwei Stämme, von denen ihr gesagt habt, daß sie verworfen seien! Und wenn es nicht also ist, so erkläret es uns, sonst fordern wir unsere euch dargebrachten Opfer zurück, oder wir bestürmen euch!“

9. Da fingen den Templern alle Ängste aufzusteigen an. Es dauerte die Geschichte eine ganz kurze Zeit, und es kam dann einer mit einer ganz überaus dummen Ausrede, über die im Volke eine große Lache entstand.

10. Und ein stämmiger Jude sagte laut zu den Pharisäern: „Wenn ihr uns in unserer großen Angst, Not und Bestürzung keine befriedigende Auskunft zu geben imstande seid, so brauchen wir euch auch dann nicht, wenn keine solchen jedes Menschenherz im höchsten Grade beunruhigenden und ängstigenden Zeichen am Himmel sich zeigen! Wenn ihr uns jetzt keinen Trost geben könnet, – wozu seid ihr dann? Ihr könnet nichts als Zehent und große Opfer fordern und sie dann verschlingen und vergeuden und könnet weise Menschen aus dem Tempel mit Steinen treiben, die euch die Wahrheit ins Gesicht sagen und Kranke wunderbar heilen! Aber nun, wo das offenbare Gericht Gottes mit dem erschrecklichsten Lichte über uns alle hereinleuchtet, seid ihr stumm wie eine Mauer und getrauet euch kein Wort zu reden! Oh, da ziehet hinaus zu den erschrecklichen zwölf Säulen, die ein wahres Jüngstes-Gerichtstages-Licht allerdrohendst über die Erde hin verbreiten und sicher bald mit dem allererschrecklichsten Feuersturm alles, was auf der Erde lebt und webt, zerstören werden, und bewerfet sie mit euren verfluchten Steinen, und begießet sie mit eurem verfluchten Wasser, und wir wollen sehen, ob die zwölf allererschrecklichsten Feuersäulen sich vor eures Priestertums Macht beugen werden! O ihr elenden und sonst so hochmütig grausamen Heuchler und Volksbetrüger! Jetzt, jetzt zeiget uns, daß ihr die allein wahren Freunde und Diener Gottes seid, sonst werden wir Volk uns an euch rächen für jede Unbill, die wir von euch zu erdulden bekamen!“

11. Hier trat ein Oberster auf und sagte: „Du Volksredner, habe doch Geduld! Der Hohepriester betet ja ohnehin schon im Allerheiligsten mit zerrissenem Oberkleide, und wir werden uns auch noch, wenn es nötig werden sollte, dazugesellen, und es wird dann schon wieder besser werden. Ihr müsset nur nicht gar so schnell verzweifeln, wenn Jehova uns mit irgendeiner Plage heimsucht, die wir alle zusammen sicher verdient haben werden. Anstatt daß ihr nun uns Priester mit allerlei Schmähungen und Drohungen überhäufet, betet vielmehr zu Gott, daß Er bei uns Gnade für Recht ergehen lasse! Das wird besser sein als euer gegenwärtiges Benehmen gegen uns; denn in der Not kann jeder Mensch ganz wirksam zu Gott beten.“

12. Diese Rede beschwichtigte das Volk ein wenig, und es fing an zu beten, und die Priester zogen sich wohlweisermaßen zurück und hielten unter sich Rat, was diese so sonderbare Erscheinung sei. Aber sie kamen zu keinem haltbaren Bescheide, und so wuchs auch in ihnen die Angst. Und es war das ein merkwürdiger Kontrast zwischen denen, die sich bei Mir auf dem Berge befanden, und den Templern und dem zu ihnen Zuflucht genommen habenden Volke. Die Meinen waren alle voll der freudigsten Entzückung über den herrlichen Anblick dieser Lichtsäulen, und im Tempel herrschte darob die größte Bestürzung.

13. Es befand sich aber im Tempel auch der schon bekannte Nikodemus im Rate und ward auch um seine Meinung befragt.

14. Aber er sagte (Nikodemus): „Ihr habt auf meinen Rat nie etwas gehalten, weil ihr mich schon zu öfteren Malen beschuldigt habt, daß ich's heimlich mit den Galiläern hielte, und ich erachte auch bei dieser unerhörten Gelegenheit meinen Rat für sehr erläßlich. Denn hat Jehova uns wohlverdientermaßen eine große Strafe oder gar den völligen Untergang bestimmt, so wird dagegen keines Menschen Rat mehr etwas vermögen, und mit unserem wenig sagenden Amte hat es dann für alle Zeiten ein Ende. Hat Jehova aber die zwölf schrecklichen Feuersäulen uns nur als ein letztes Mahnzeichen zur wahren Buße hingestellt, so werden wir wohl durch einen Propheten noch zur rechten Zeit erfahren, welche Buße und Opfer Gott von uns verlangt. Doch bedenket es alle wohl: den Zacharias habt ihr ermordet, und er war sichtlich ein Prophet! Also mußte auch der Prediger und Täufer am Jordan durch eure Vermittlung im Gefängnisse des Herodes enthauptet werden. Und wieder kam ein großer Weiser aus Galiläa, lehrte vor drei Tagen im Tempel, und seine Lehre war gut und wahr vor dem Volke, und ihr wolltet ihn darum auch steinigen. Ja, wenn ihr mit allen vom Geiste Jehovas erfüllten Menschen gleichfort also verfahren wollet, da ist zur Verhütung unseres allseitigen, sichern Unterganges euch selbst von Gott aus kein Rat mehr zu erteilen und von mir aus um so weniger, obschon ich ein Ältester im Tempel bin!“

15. Sagte der Hohepriester, der im Rate präsidierte: „Ja, wer kann uns denn beweisen, daß die von dir erwähnten Männer wahrhaft von Gott erweckte Propheten waren?“

16. Sagte Nikodemus: „Gleichwie du nun fragten in den Zeiten der wahren Propheten auch die Hohenpriester im Hohen Rate, und der traurige Beschluß war allzeit leider dahin lautend, daß die nachher erkannten wahren Propheten allzeit zum größten Teile gesteinigt oder erwürgt worden sind. Und wie es damals war, also und noch um vieles schlechter ist es jetzt, was ich mit großem Leidwesen offen bekennen muß. Und weil es leider also ist, ist auch des Herrn Geduld mit uns höchstwahrscheinlich zu Ende gekommen, was uns jene zwölf erschrecklichen Feuersäulen nun nur zu augenscheinlich zeigen, und dagegen wird wahrscheinlich kein menschlicher Rat irgend etwas mehr vermögen. Sehet nur hin, wie sie stets größer und dichter werden, – was sicher daher rührt, daß sie uns näher und näher rücken!

17. O welch ein schrecklicher Tag in der Nacht! Es ist nun noch kaum die fünfte Stunde der Nacht, und in der Welt ist es so hell wie am hellsten Mittage! Darum werde ich euch nun verlassen, und mich in mein Haus zu den Meinen zurückbegeben und sie nach Möglichkeit trösten.“

18. Der Hohe Rat aber wollte ihn zurückhalten; Nikodemus sagte jedoch: „Wenn ich euch in etwas nützen könnte, so würde ich auch bleiben; aber da ich euch hier ebensowenig nützen kann wie ihr mir, so gehe ich und will lieber zu Hause sterben als hier in diesen schon so oft entweihten Mauern.“

46. Kapitel. Nikodemus bei Lazarus auf dem Ölberge.

1. Hierauf ging Nikodemus aus dem Rate und suchte des Volkes wegen, das schon sehr ungestüm geworden war, auf einem geheimen Wege zu seinem Hause zu gelangen. Als er aber daselbst in die Nähe seines Hauses gekommen war, so fand er um dasselbe auch viel Volkes versammelt, das von ihm in solch einer Bedrängnis einen Rat haben wollte.

2. Da dachte er bei sich: ,Gehe ich nun nach Hause, so wird mich das Volk bestürmen, und ich könnte ihm doch beim besten Willen über diese Erscheinung keine nur im geringsten befriedigende Auskunft geben. Ich weiß aber, was ich tun werde: Ich werde mich auf den ziemlich hohen Ölberg zu Lazarus begeben und mich mit ihm über diese Erscheinung besprechen. Er war stets so ein Mann noch nach dem Herzen Gottes, wenn er auch mit dem Tempel in manchem Hader stand, und er wird sicher nun mehr wissen denn ich und der ganze Tempel!‘ Gedacht und getan!

3. Und als er an das offenstehende große Gartentor kam, fragte ihn eine aufgestellte Wache, was er da suche.

4. Und Nikodemus sagte: „Ich habe Wichtiges mit dem Lazarus zu besprechen, und so laß du mich nur frei gehen!“

5. Und die Wache fragte ihn nach dem Namen, den sie auch sogleich erfuhr, worauf sie dann den Nikodemus auf den Berg gehen ließ; denn er hatte vor jedermann einen guten und gerechten Ruf. Nur fragte ihn der Wachmann, ob er ihm nicht sagen könne, was die noch nie dagewesene wunderliche Erscheinung etwa doch bedeute.

6. Und Nikodemus sagte freundlich zum Wachmann: „Ja, du mein Freund, derentwegen will und muß ich eben zum Lazarus auf den Berg gehen, weil ich weiß, daß er um diese Zeit, des Festes und des Marktes wegen, stets auf diesem Berge in seiner großen Herberge zu wohnen pflegt! Er ist in diesen Dingen sehr kundig und wird mir darüber sicher den möglichst besten Aufschluß geben können. Doch so viel kann ich als ein Ältester Jerusalems dir schon für ganz gewiß sagen, daß diese außerordentliche Erscheinung für die Guten etwas Gutes und für die Bösen etwas Böses anzeigt; denn das ist kein gewöhnliches Spiel der Natur mehr. Darum sei du, wenn du gut bist, samt mir ganz unbesorgt; denn uns beiden wird nichts Arges begegnen!“

7. Dafür bedankte sich der auch schon sehr ängstlich gewordene Wachmann, und unser Nikodemus ging eilends auf den Berg und staunte, oben ankommend, nicht wenig, eine so große und ganz heiter gestimmte Menschenmenge anzutreffen, die hier die sich gar großartig ausnehmende Erscheinung anstaunten und ihre Herrlichkeit mit froher Miene betrachteten.

8. Ich aber sagte zu Lazarus: „Du, Bruder Lazarus, der Älteste Nikodemus, von starker Furcht getrieben, ist heraufgekommen, um mit dir darüber zu reden, was etwa doch diese Erscheinung zu bedeuten habe! Gehe denn hin, empfange ihn, und Ich werde es dir schon in den Mund legen, was du vorderhand zu ihm zu sagen haben sollst! Und so wolle denn hingehen, doch sage ihm nicht zu bald, daß Ich hier bin!“

9. Lazarus war darob recht von Herzen froh; denn er liebte den Nikodemus als seinen einzigen Freund gar sehr. Und so ging er denn auch schnell hin und tat, was Ich ihm angeraten hatte.

10. Als unser Nikodemus bei der ungewöhnlichsten Tageshelle in der Nacht schon auf mehrere Schritte des Lazarus ansichtig ward, grüßte er ihn schon von weitem und sagte: „Bruder, vergib es mir, daß ich dich so spät in der Nacht besuche! Aber du darfst ja nur dort im Osten die zwölf Feuersäulen ansehen, und du wirst es sehr leicht erraten, was mich so ganz eigentlich zu dir heraufgeführt hat. Ich sage es dir: In der ganzen großen Stadt wie im Tempel ist es aber ganz rein aus! Es ist dir das ein Etwas, das unseres Wissens eigentlich denn doch noch nie dagewesen ist! In der Stadt laufen die Juden und die Heiden wie verrückt durcheinander. Die muntere Jugend macht Scherze und schiebt diese ganze Erscheinung den Essäern in die Schuhe; aber da schreit wieder ein alter, des Geldes barer Rabbi durch alle Gassen und Straßen: ,Der Messias kommt an!‘, was aber doch die Menschen auch zu keiner Ruhe kommen läßt. Die Heiden glauben an einen Götterkrieg, und engherzige Juden sehen entweder die Ankunft des verheißenen Messias oder andere haben Daniels Jüngstes Gericht vor Augen. Die Priester sind ratlos und wissen dem Volke auf seine Fragen keine haltbare und nur halbwegs wahre Silbe zu sagen. Das Volk wird im Tempel unwillig und verhöhnt das Priestertum auf eine ganz unerhörte Weise. Und so ist das in der großen Stadt nun ein solches Durcheinander, wie ich noch nie eines erlebt habe!

11. Ich bin selbst im Hohen Rate nahe eine Stunde lang gesessen und ward befragt von allen priesterlichen Seiten; aber wer kann bei solchen unerhörten Erscheinungen jemandem einen weisen Rat erteilen?! Ich habe ihnen allen einen so ziemlich reinen Wein eingeschenkt; aber es hat das alles rein gar nichts gefruchtet.

12. Ja, was soll man denn da wohl noch Weiteres beginnen? Die Tiere leben nach ihrem harmlosesten Instinkte, doch die Priester im Tempel – ich sage es dir – haben weder Instinkt und noch viel weniger eine Vernunft oder irgend einen Verstand! Und so ist mit diesen wahren Halbmenschen, oder eigentlich schon gar keinen Menschen mehr, gar nichts anzufangen und gar nichts zu machen. Und siehe, so bin ich denn bei dieser außerordentlichen Gelegenheit zu dir herauf geflohen; denn unten in der Stadt wie im Tempel ist für unsereinen gar nicht mehr zu bestehen!

13. Aber wenn du nun gerade Muße hättest, so könntest du mir wohl von deinen Lebensgeschichten etwas ganz Besonderes kundtun, was bei mir um so wünschenswerter wäre, da ich nun selbst in meinem Gemüte sehr bedrängt bin. Sage mir ganz offen: Hast du bei deinen Reisen in Persien und Arabien je eine ähnliche Erscheinung gesehen? Und so du je etwas Ähnliches gesehen hast, – von was für Folgen war sie hinterdrein oder auch schon gleichzeitig begleitet?“

14. Sagte Lazarus: „Laß dir wegen dieser wahrlich allergroßartigst herrlichen Lichterscheinung kein schweres Herz machen; denn sie trägt durchaus kein Anzeichen von irgend bösen Folgen für uns wenigstens insoweit bessere Menschen, da wir noch den alten und festen Glauben an Gott und unsere Treue zu Ihm in unserem Gemüte bewahrt und nach Möglichkeit Seine Gesetze beachtet haben! Für die Abtrünnigen aber ist sie eine gute Mahnung und sagt ihnen, daß der ewig-alte Jehova noch gleichfort lebt und die Macht hat, die Sünder zu züchtigen, wie und wann Er will. Wenn du diese Erscheinung von dem Standpunkte aus besiehst, so kann es dir nicht bange werden. Sieh dort die etlichen Hunderte von Menschen! Sie betrachten diese Erscheinung allesamt von diesem Standpunkte aus und sind voll Ruhe und voll guten Mutes, und du mit deiner alterprobten Rechtlichkeit vor Gott und den Menschen wirst doch wohl auch keinen Grund haben, dich vor dieser Erscheinung zu fürchten! – Habe ich recht oder nicht?“

15. Sagte Nikodemus: „Jawohl, jawohl, du hast recht und gut geantwortet und mein Herz mit deinen freundlichen Worten sehr erquickt, wofür ich dir von ganzem Herzen dankbar bin; doch hast du mir nun davon noch nichts erwähnt, ob du bei deinen weiten Reisen in Persien und Arabien noch nie etwas Ähnliches gesehen hast!“

16. Sagte Lazarus: „Noch nie, weder in Persien noch in Arabien, habe ich derartige Erscheinungen gesehen! Andere oft auch sehr sonderbare Erscheinungen in großer Menge bei Tag und bei Nacht habe ich wohl gesehen, die den Menschen, der sie ein erstes Mal sieht, sicher auch sehr stutzen machen; aber weil sie sich zu gewissen Zeiten immer gleichartig wiederholen, so machen sie auf die Einheimischen keinen besonderen Eindruck. Aber diese Erscheinung würde sicher die mutigsten Araber ins Bockshorn treiben; denn da hat auf dieser Erde Boden noch nie ein Mensch etwas Ähnliches gesehen, außer in einer prophetischen Verzückung irgendein Prophet, wie man sich solches noch erzählt von dem alten Vater Kenan und Henoch, und noch von Moses, auch von Elias und von Daniel. Aber mit den fleischlichen Augen dürfte solch eine Erscheinung noch nie gesehen worden sein. Es wird diese Erscheinung jedoch nicht gleichfort also stehenbleiben, sondern sich so nach meinem Gefühle bald und zwar noch mehrere Male verändern.“

17. Sagte Nikodemus: „Meinst du das im Ernste?“

18. Sagte Lazarus: „Allerdings, so wie die zwölf Lichtsäulen nun stehen und sich auch stets um etwas vergrößern, werden sie nicht bis zum Ende verbleiben!“

19. Sagte Nikodemus: „Oh, da wird es noch schlimmer werden in der Stadt und in der ganzen Umgegend! Was werden deine beiden Schwestern daheim machen? Die werden ja vor Angst verschmachten, so wie auch meine Familie in meinem Hause!“

20. Sagte Lazarus: „Oh, sorge du dich um etwas anderes! Dafür ist schon vom Herrn aus gesorgt; denn Er läßt die Seinen nicht verschmachten, und mögen Dinge über die Erde kommen, welche nur immer wollen. Denn der Herr wacht auch über derlei Erscheinungen, läßt sie werden, sich verändern und vergehen, und das stets zum Besten und zum Heile der Menschen dieser Erde. Und also magst du auch wegen deiner Familie ganz unbesorgt sein; denn der Wille Gottes wacht über uns alle!“

47. Kapitel. Nikodemus unterhält sich mit Lazarus über die Lichterscheinung.

1. Sagte Nikodemus: „Da hast du, mein Bruder, wohl ganz recht! Wer fest auf Gott vertraut, dem kann nichts Arges begegnen, obwohl von Gott aus den Menschen oft so manches begegnet, worin man eine besonders gute Obsorge als von Gott ausgehend mit unserem Verstande nicht so ganz recht wohl merken kann. Mir selbst ist es schon einige Male also ergangen, und ich bin darum bei derlei großen Erscheinungen dieser Erde gleich einem Kinde, das darum stets eine Furcht vor dem Feuer hat, weil es sich schon einmal am Feuer einen Finger verbrannt hat. Und so erging es mir auch, und das schon einige Male, und das eine Mal durch einen Blitz, der mich betäubte und mir nachher eine Zeitlang sehr empfindliche Schmerzen in meinen Gliedern hinterließ. Ein anderes Mal wurde ich von einem Wirbelwind erfaßt, über zwei Mannshöhen in die Luft gehoben und darauf sehr unsanft auf den Boden wieder zurückgesetzt. So hat mich gut bei zwei Mal ein böses Wetter am Galiläischen Meere über fünf Stunden lang zwischen Leben und Tod umhergetrieben, und wieder ein anderes Mal ward mir mein sonst ganz sanftes und gut abgerichtetes Maultier wild, fing gar jämmerlich zu rennen an, und das so lange, bis es vor Müdigkeit niedersank und mir einen Fuß stark quetschte. Daran war denn auch ein starker Blitz und ein schnell darauf folgender Donner schuld.

2. Und siehe, diese und mehrere Unfälle sind mir durch pure Naturerscheinungen zuteil geworden, und so habe ich gleichfort eine kleine Angst, wenn ich so etwas ganz Besonderes von einer Erscheinung wieder erlebe. Ich habe bei allen meinen Unfällen wohl mein irdisches Leben nicht verloren, was bei ähnlichen unverschuldeten Gelegenheiten gar vielen Menschen schon begegnet ist; aber ich bin dennoch stets voll Angst, wenn in der Natur der Erde durch Zulassung Gottes solche Erscheinungen zum Vorscheine kommen, mit denen sich unsere menschlichen Kräfte nimmer messen können. Und das ist eben jetzt ganz besonders der Fall, wo dort im Osten die zwölf ungeheuren Feuer- und Lichtsäulen alles auf dem Erdenrund zu vernichten drohen. Ich glaube an Gott und vertraue fest darauf, daß Er uns vor allem großen Unglück beschützen wird; aber gerade dort, wo die sehr drohend aussehenden Säulen den Boden der Erde berühren, möchte ich mich gerade nicht befinden, – denn dort wird es sicher sehr feuerstürmisch aussehen.“

3. Sagte unser Lazarus aus Mir: „Auch dort in der Gegend des Euphrat wird keinem Wesen durch diese Säulen etwas geschehen, – dessen du völlig versichert sein kannst und dich darum durchaus nicht zu ängstigen brauchst. Doch sieh nun, die mittleren zehn Säulen rücken nun näher und näher aneinander; nur die beiden äußeren bleiben noch unbeweglich! Sieh, das ist schon eine Veränderung! Und nun stoßen je zwei und zwei gar zusammen und einen sich so, daß wir jetzt gar nur fünf große Mittelsäulen sehen, ohne daß dadurch das Licht stärker oder gar schwächer wird. Siehe, wiederum eine Veränderung! Die beiden äußeren Säulen rühren sich noch nicht!“

4. Sagte Nikodemus: „Diese merkwürdige Veränderung scheint mir nun von einem denkenden Wesen geleitet zu sein, da sonst derlei Erscheinungen mehr plump und ganz planlos untereinander sich begegnen, sich manchmal einen, manchmal auch zersplittern oder gar zerstören. Man nehme nur die höchst ungeschickten und planlosen Wolkenzüge bei Stürmen an und die Planlosigkeit der dahinzuckenden Blitze! Aber hinter dieser großartigsten Erscheinung scheint auf jeden Fall ein höchst klug denkendes Wesen verborgen zu sein, und man könnte beinahe den Gedanken fassen, daß das irgendeine neue Zauberei der Essäer sei, die in jener Gegend sicher auch neue Besitzungen haben. Denn diese Leute ziehen alle Zaubereien der ganzen Welt auf einen Punkt zusammen und sind selbst sehr erfinderisch in derlei ungewöhnlichen Dingen. Da sieh nur hin! Nun fangen die fünf Säulen sich auch zu einen an! Ihre Bewegung geht rasch vor sich, und siehe, sie sind schon eins! Ah, das wird die Templer und das Volk denken und ordentlich verzweifeln machen und wird manchem Schwachen zum Wahnsinn helfen!“

5. Sagte Lazarus: „Jetzt minder denn ehedem; denn nun fangen schon viele an, diese Sache den etwa in jüngster Zeit ankommenden indischen Magiern in die Schuhe zu schieben, weil ihnen die Sache der Erscheinung zu plan- und regelmäßig vorkommt.“

6. Sagte Nikodemus: „Aber für was hältst nun du diese wirklich höchst merkwürdige Erscheinung? Denn ob sie schon auch von Magiern hervorgebracht werden könnte, so könnte sie, vermöge ihrer ungeheuren Großartigkeit auch noch eher von Jehovas Willen herrührend, etwa darum dasein oder wenigstens zugelassen sein, um besonders uns Juden irgend etwa ein kommendes Gericht oder sonst einen noch verborgenen Plan, was Gott mit uns Menschen vorhat, damit anzuzeigen. Weißt du, wer hinter dieser Erscheinung allenfalls noch stecken könnte?“

7. Fragte ihn Lazarus: „Wer kann da von dir gemeint sein?“

8. Sagte Nikodemus: „Der gewisse wunderbare Heiland aus Nazareth! Er war nun auf dem Feste und – glaube – zweimal im Tempel, wo er den Pharisäern die tüchtigsten Wahrheiten ins Gesicht gesagt hat, so daß sie Ihn am Ende gar steinigen wollten. Er zog darauf sicher weiter, und Er dürfte nun von dem Orte, wo unsere Erscheinung aufsteigt, eben nicht gar zu weit entfernt sein. Ich habe diesmal leider keine Gelegenheit finden können, daß ich Ihn geheim wieder besucht hätte; denn du weißt schon, welche Tendenzen nun der Tempel verfolgt. Aber es macht das nun nichts, da ich – unter uns gesagt – an Ihn und Seine Sendung glaube; denn so Er der Messias nicht ist, so kommt fürder auch schon ewig kein zweiter mehr in diese Welt. Doch das kann ich dir – verstehe mich – nur so unter vier Augen sagen, weil ich wohl weiß, daß auch du meiner Ansicht sein wirst, so wie viele aus dem Volke; aber man darf nun das noch nicht gar zu laut in Jerusalem aussprechen. Also, Freund, der erwähnte Heiland dürfte um diese Erscheinung wohl auch wissen; und was sie allenfalls anzeigen soll oder könnte, darum wird auch Er schier am besten wissen. – Was sagst nun du zu dieser meiner Ansicht?“

9. Sagte Lazarus: „Ja, ja, da könntest du wohl schon recht haben; nur begreife ich das noch nicht so ganz wohl von dir, wenn du sagst, daß du glaubst, daß der Heiland aus Nazareth im Ernste der verheißene Messias sei, dabei aber dennoch eine Furcht hast, Ihn als das, was Er unzweifelhaft ist, ohne alle Furcht laut vor aller Welt zu bekennen. Ist Er der Messias, so ist Er laut gar vielen dir wohlbekannten Stellen des Moses, Elias, Jesajas, Jeremias und noch vieler anderer Propheten und Seher Jehova Zebaoth Selbst. Ist Er aber das, – was ist dann alle Welt gegen Ihn?! Kann Er sie nicht verwehen mit einem Hauch, wenn sie Ihm am Ende doch zu mißliebig würde und der Menschen zu große Bosheit Seine Geduld auf eine zu große Probe stellte?! Wenn aber sonach Er eben der allmächtige Herr der ganzen Schöpfung unzweifelhaft ist und du das auch glaubst, – wie kannst du da noch eine Furcht vor der dummen und blinden Welt haben?! Siehe, das ist mir an dir wahrlich nicht sehr einleuchtend! Daß du ein erstes Mal nur in der Nacht Ihn besuchtest, das war wohl begreiflich; aber Er war seitdem schon ein paar Male hier, und du hast Ihn weder in der Nacht und noch weniger am Tage wieder besucht, und das war offenbar nicht recht von dir. Nur wenn du nicht völlig glaubst, daß Er der wahrhafte Messias ist, so entschuldigt das ein wenig deine Furcht und Lauheit, und du kannst das Versäumte wohl noch einholen! – Hast du mich wohl verstanden, was ich dir damit gesagt habe?“

10. Sagte Nikodemus: „Bruder, du hast vollkommen recht; aber was kann man tun, wenn man leider ein Mitglied des Tempels ist und bloß dahin alle Hände voll Arbeit hat, um den Tempel nur so zu stimmen, daß er sich nicht zu grelle Übergriffe in die Rechte der Menschen erlaubt? Um aber das zu bewirken, muß man leider oft mit den Wölfen zu heulen anfangen und sie heimlich klugermaßen von guten Herden ablenken, damit diese von ihnen nicht ganz zerrissen und gefressen werden! Und so war es mir wahrlich nicht so leicht möglich, abzukommen und mich mit dem Heilande nach Gebühr zu beschäftigen, so wie ich auch mit dir als meinem bewährtesten Freunde außer im Tempel schon beinahe zwei Jahre lang nicht habe zusammenkommen können. Denn es machte eben der Prophet Johannes und nun der Heiland aus Nazareth dem Tempel große Sorgen, und es ward über Seine Bewegungen und Lehren beinahe allwöchentlich großer Rat gehalten und es wurde Mittel ergriffen, Ihn verstummen zu machen; aber es fruchtete bis jetzt alles zusammen nichts, weil das Volk Ihn teils für einen großen Propheten, teils aber auch schon im Ernste für einen groß werdenden neuen König und größtenteils aber auch schon für den vollwahren Messias hält, was auch – aufrichtig gesagt – bei mir selbst der Fall ist.

11. Das Merkwürdige dabei aber ist nur das, daß Er bei den Römern einen großen Anhang hat, und Ihm bei der Ausbreitung Seiner Lehre von ihnen gar kein Hindernis in den Weg gelegt wird! Das halte ich für ein großes Wahrzeichen für die Echtheit Seiner Messiaswürde. Weißt du aber nun nicht, wo Er etwa von Jerusalem hingezogen ist? Bei dieser Gelegenheit hätte ich selbst gute Lust, Ihn aufzusuchen und mich mit Ihm zu besprechen.“

12. Sagte Lazarus: „Freund, sieh nun nur wieder die drei Licht- und Feuersäulen an; denn nun fangen die beiden äußeren Säulen auch an, sich zu bewegen, und nähern sich der einen Mittelsäule. Wir wollen nun sehen, was daraus werden wird! Sieh, die eine von der mittäglichen Seite her hat sich nun schon mit der Mittelsäule vereinigt; aber die von der Nordseite her blieb stehen, und wir sehen nun nur noch zwei, und diese zwei leuchten nun ebenso stark wie die früheren zwölf, denn ihr Licht ist nun greller und gediegener geworden. Ja, ich kann es mir nicht denken und vorstellen, daß es am Tage heller sein könnte! Nur das Firmament ist dunkler, und hie und da in der Abendgegend ist noch ein oder der andere große Stern ersichtlich.

13. Und da sieh in die Stadt hinab, wie die Menschen durcheinanderrennen! Selbst auf den Giebeln der Häuser stehen Menschen und starren nach der Erscheinung hin! Aber nun bewegt sich auch die Nordsäule zur Mittelsäule und vereint sich mit ihr! Jetzt haben wir es nur noch mit einer Säule zu tun!“

14. Sagte Nikodemus: „Das ist wahrlich im höchsten Grade denkwürdig! Was nun etwa doch noch weiter geschehen wird?“

48. Kapitel. Nikodemus vor Jesus.

1. Als Nikodemus noch kaum die Frage ausgesprochen hatte, da erhob sich diese nun eine Säule und stieg höher und höher, und das so lange und auch äußerst schnell, daß man bald gar nichts mehr von ihr ersah, und es ward wieder sehr finster auf der Erde.

2. Und Nikodemus sagte: „Da haben wir's nun! Was war nun diese so drohende Erscheinung, und was hat sie bedeutet? Daß sie von Gott aus zugelassen war, das ist nun wohl ganz klar; denn keine menschliche Macht hätte sie in des Firmamentes tiefste Tiefen emporziehen können. O du menschliche Weisheit, wie stehst du nun einmal wieder da: so nackt, so unbehilflich und ratlos wie ein neugeborenes Kind! Freund Lazarus, was denkst du nun über diese Erscheinung, die nun bei zwei Stunden lang aller Menschen Gemüter mit Furcht und Angst erfüllte? Ist sie eine göttliche Zulassung gewesen, so stehen uns große Dinge bevor, und war sie irgendein Spiel der Erd- und Luftgeister, so haben wir armen und schwachen Erdenmenschen auch nichts Gutes zu erwarten; denn nach den großen, feurigen Erscheinungen kommen gerne große Erdstürme, große Ungewitter, Erdbeben und auch Krieg, Hungersnot und Pest. Und das sind auch wahrlich keine tröstlichen Aussichten für uns arme Menschen! – Was aber ist da deine Ansicht?“

3. Sagte Lazarus: „Ich weiß da für mich ebensoviel wie du; aber lassen wir das nun gut sein! Sieh dort hinter den Zelten nur die große Menschenmenge an! Die alle sind nun meine Gäste, und über zweihundert sind noch im Hause untergebracht, die von dieser Erscheinung wenig gesehen haben werden. Aber unter diesen vielen Menschen, die sich jenseits der Zelte befinden, werden schon ein paar sein, die diese Erscheinung sicher besser verstehen werden als wir beide.“

4. Sagte Nikodemus: „Ja, das wird wohl schon also sein; aber wie komme ich zu ihnen?“

5. Sagte auf Mein inneres Geheiß Lazarus: „Komme du nun mit mir, und ich werde dich schon dem Rechten vorstellen!“

6. Sagte Nikodemus: „Das wäre auch alles recht, wenn ich unerkannt bleiben könnte, damit ich im Tempel nicht verraten werde.“

7. Sagte Lazarus: „Ah, sorge dich da um etwas anderes! Die Menschen, die du hier bei mir findest, sind selbst Feinde des Tempels, weil sie einen besseren Tempel gefunden haben; daher hast du von allen jenen Menschen nicht das Allergeringste zu besorgen (befürchten), – gehe nur ganz unbesorgt und mutig mit mir!“

8. Da erst entschloß sich Nikodemus, mit Lazarus zu uns zu gehen.

9. Als er aber in Meine Nähe kam, da erschrak er ordentlich, da er gar keine Ahnung hatte, Mich allda zu treffen.

10. Ich aber trat zu ihm hin, reichte ihm die Hand und sagte: „Was erschrickst du vor Mir, als wäre Ich irgendein Gespenst? Du wolltest Mir doch nachziehen, so du von Lazarus erführest, wohin Ich gezogen wäre, und nun hast du Mich hier! Ist dir denn das nicht um so lieber nun?“

11. Sagte nun Nikodemus: „O Herr, das wohl sicher; aber Du bist der Heilige Gottes und ich ein alter Tempelsünder! Das drückt und beengt sehr mein Herz, und ich habe nun wenig Mut, mit Dir zu reden.“

12. Sagte Ich: „Wenn Ich dir eine Sünde vorhalten werde, so kannst du sagen: ,Herr, vergib mir die Sünde!‘ Doch da Ich dir das zu sagen keinen Grund habe, so bist du frei und kannst reden, wie es dich freut. Was sagst denn du zu der Erscheinung, über die sich die Templer nun noch in den Ohren und Haaren liegen?“

13. Sagte Nikodemus: „O Herr, die Erscheinung war etwas Unerhörtes, noch nie dagewesen seit Anbeginn der Welt! Aber was sie zu bedeuten hat, das wirst Du sicher wohl besser wissen als wir alle hier, und darum möchte ich nur Dich fragen. Denn ich war ehedem sogar der Meinung, daß sie etwa gar von Dir herrühre, da Du Dich ja auch ganz leicht in jener Gegend hättest befinden können. Denn vor etwa einem Jahre soll sich, wie ich's später vernommen habe, ja auch bei Cäsarea Philippi während Deiner Anwesenheit etwas Ähnliches gezeigt haben und soll die eigentliche Ursache vom Brande jener Stadt gewesen sein. Und so meinte ich denn nun auch, daß hier nun eine Wiederholung jener Erscheinung zu Cäsarea Philippi statthaben könnte, so Du Dich in jener Gegend befändest. Doch Du bist noch hier bei uns in Jerusalem, und so haben wir wahrlich keine Ursache, uns nun noch weiter mit der Erscheinung zu ängstigen. Aber was war denn die Erscheinung in sich? Du, o Herr, wirst das wohl am allerbesten wissen, wie ich das schon bemerkt habe! Wenn es Dir genehm wäre, so könntest Du uns schon etwas darüber sagen!“

14. Sagte Ich: „Die Erscheinung war Mein Wille und somit auch Mein Werk; doch wir haben dann später noch Zeit, ein mehreres darüber zu sprechen. Für jetzt aber bleibe du noch in der Ruhe, denn es war diese von dir gesehene Erscheinung das letzte noch nicht, was diese Nacht bieten wird; dann erst wird die Erklärung im Hause folgen! Hebet aber nun alle eure Augen empor, und sehet, was sich nun in einem Bilde zeigen wird!“

49. Kapitel. Die Erscheinung vom alten und neuen Jerusalem.

1. Als nun alle ihre Augen nach oben richteten, da wurde der Himmel glühend und blutrot gefärbt, und man ersah die Stadt Jerusalem auf dem glühenden Grunde, belagert von römischen Kriegern, und aus den Toren der Stadt floß Blut. Bald darauf aber stand die Stadt in hellen Flammen, und ein dicker Qualm umzog den ganzen weiten Horizont. Bald darauf ersah man keine Stadt mehr, sondern nur noch einen dampfenden Schuttberg. Zuletzt verschwand auch dieser, und man ersah eine unfruchtbare Wüste, auf der sich wilde Horden eine Stätte zur Wohnung erbauten. Nach dem verschwand diese Erscheinung, und man vernahm aus der Stadt ein großes Angstgeschrei, und Nikodemus meinte, daß nun in der Stadt offenbar eine Emeute (Aufstand) losgehe.

2. Ich aber beruhigte ihn und sagte: „Das ist noch ferne; aber von jetzt an zwischen vierzig und fünfzig Jahren wird es in diesem Lande also geschehen und dieser Stadt, weil sie die Zeit ihrer großgnädigen Heimsuchung nicht hat erkennen wollen, ein voller Garaus gemacht. – Nun aber wartet noch auf die letzte Sache! Darauf erst wollen wir ins Haus gehen und uns darüber besprechen. Doch jetzt gebet noch weiter acht darauf, was ihr sehen werdet!“

3. Auf diese Meine Beheißung sahen alle wieder nach dem Firmamente, und es senkte sich die Lichtsäule abermals aus den Höhen zur Erde nieder, doch nicht mehr an jener Stelle, wo sie ehedem aus zwölf einzelnen Säulen entstand, sondern am ganz entgegengesetzten Orte gen Westen hin, und leuchtete nun aber um vieles stärker denn ehedem. Bald darauf zerteilte sie sich, doch nicht mehr in zwölf Säulen, sondern aus ihren zahllos vielen Teilen bildete sich eine übergroße Stadt, deren Mauern aus den zwölf Hauptedelsteingattungen bestanden und einen höchst mannigfaltigen Lichtglanz nach allen Seiten hin verbreiteten. Und also hatte diese Stadt auch sichtlich zwölf Tore, durch welche zahllos viele Menschen aus allen Teilen der Erde höchst wonniglich aus und ein wandelten.

4. Über der Stadt hoch in den Lüften aber stand, wie von Rubinen und Smaragden gebildet, eine Schrift nach der alten hebräischen Art, und deren Worte lauteten: ,Dies ist die neue Stadt Gottes, das neue Jerusalem, das dereinst aus den Himmeln niedersteigen wird zu den Menschen, die reinen Herzens und eines guten Willens sein werden; darin werden sie mit Gott wohnen ewig und lobpreisen Seinen Namen.‘ Diese Schrift, wie auch diese ganze Erscheinung, aber sahen nur alle die, so bei Mir auf dem Berge waren, und sonst niemand im ganzen Lande.

5. Nachdem aber alle Anwesenden in einen Wonnejubel ausgebrochen waren und anfangen wollten, Mich förmlich laut anzubeten, da verschwand die Erscheinung, und Ich ermahnte alle, daß sie Gott anbeten sollen in der Stille ihres Herzens und nicht mit lauten, lärmenden Worten gleich den Pharisäern, was vor Gott keinen Wert hat. Da ließen sie ab und machten in der Stille ihres Herzens ihre Betrachtungen.

6. Nach einer kleinen Weile erst sagte Ich: „Nun ist es um die Mitte der Nacht geworden, und wir wollen uns in das Haus begeben und dort etwas Brot und Wein zu uns nehmen. Darauf werde Ich euch eine kurze Beleuchtung über die stattgehabten Erscheinungen geben.“

7. Auf diese Meine Worte begab sich alles wieder ins Haus, dessen großer Speisesaal noch ganz wohl beleuchtet war.

8. Als wir uns bald wieder im Saale in guter Ordnung bei unseren Tischen befanden und Lazarus und Nikodemus neben Mir Platz nahmen, da ward Wein und Brot an alle Tische in hinreichendster Menge gebracht, und Ich behieß alle, nun eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Und alle nahmen Brot und Wein und aßen und tranken ganz wohlgemut.

9. Nachdem wir uns wohl gestärkt hatten, sah sich unser Nikodemus die verschiedenen Gäste an den Tischen näher an, bemerkte die sieben Templer, die mit den Sklavenhändlern an einem kleineren Tische saßen, und sagte ein wenig verlegen zu Mir: „Herr, dort sehe ich mir nur zu wohl bekannte Priester des Tempels! Wie kommen denn diese daher? Werden die an uns keine Verräter machen? Kann man ihnen wohl trauen?“

10. Sagte Ich: „Freund, die einmal bei Mir sind, die haben mit dem Tempel da unten gar keine Gemeinschaft mehr! Sie wurden wohl in einer Verkleidung vom Tempel aus hierher beordert, um Mich und Mein Tun zu beobachten; aber sie erkannten die Wahrheit und verließen den Tempel für immer. In etlichen Tagen aber werden sie nebst noch mehreren andern mit jenen hohen Römern dort nach Rom abreisen und dort versorgt werden, und so hast du dich vor gar niemandem irgend zu fürchten, daß er dich etwa verraten könnte, weil du hier bist; darum kannst du nun schon ganz ruhig sein.“

11. Nikodemus dankte Mir für diese Aufklärung, griff noch nach einem Stück Brot, verzehrte es dann ganz sorglos und nahm darauf den Becher mit Wein und trank ihn ganz aus.

12. Nachdem denn nun auch Nikodemus sich ganz gestärkt hatte, sagte er zu Mir: „Herr und Meister, da nun alles sich in einer Ruhe befindet und Du versprochen hast, uns in Kürze ein Licht über die Erscheinungen zu geben, die sich heute so wunderbarerweise zugetragen haben, so möchte ich Dich wohl darum bitten, daß Du uns nun Dein Versprechen erfüllen möchtest!“

13. Sagte Ich: „Das werde Ich nun auch tun; doch so da Ich werde ausgeredet haben, dann fraget Mich darüber um nichts Weiteres mehr, sondern da denke dann ein jeder bei sich über das Vernommene nach, und es wird das seiner Seele von mehr Nutzen sein denn ein langes Fragen! Und so höret denn!“

50. Kapitel. Jesus erklärt die Lichterscheinungen.

1. (Der Herr:) „Die zwölf Feuersäulen im Osten stellten richtig die zwölf Stämme Israels vor, und der starke Mittelstamm war Juda, und die beiden äußersten waren Benjamin und Levi. Durch die verschiedenen Ereignisse verschmolzen die zwölf Stämme in den letzten einen Judastamm, und der bin Ich, der Ich gekommen bin, alle die andern Stämme in Mir als dem einzig wahren Stamme Juda zu vereinen, daß sie alle in Mir also Eins werden sollen, wie Ich und der Vater im Himmel völlig Eins sind von Ewigkeit zu Ewigkeit.

2. Als ihr sahet die sieben Säulen, da sahet ihr gewisserart die euch schon bekannten sieben Geister Gottes, und als es nachher drei wurden, da sahet ihr in Benjamin den Sohn, in Levi den Geist und inmitten Juda als den Vater. Und seht: Vater, Sohn und Geist wurden Eins, waren von Ewigkeit her Eins und werden auch ewig Eins verbleiben! Und dieses Eins bin eben auch Ich Selbst, und wer Mein Wort hört und danach handelt, tut und lebt, der wird auch Eins sein mit Mir und in Mir. Er wird Mir gleich auffahren in die Himmel Gottes und wird in Mir das ewige Leben haben. – Das ist ganz kurz die vollwahre Bedeutung der ersten Erscheinung.

3. Was aber da betrifft die zweite Erscheinung, so zeigte sie das Vollmaß der Sündengreuel dieses Volkes an, das nun am hellsten Tage, der über ihm aufgegangen ist, dennoch in aller Finsternis wandelt und auch fortan wandeln will. Und darum wird es nach seinen Taten die Früchte ernten, und das in der Zeit, die Ich dir, Freund, schon draußen im Freien kundgegeben habe, nämlich zwischen vierzig und fünfzig Jahren, und Ich setze noch einen außerordentlichen Geduldstermin von höchstens noch zehn und sieben Jahren hinzu; dann wird es aber auch gänzlich aus sein mit diesem Volke für alle Zeiten der Zeiten. Und das sage Ich euch: Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen und morsch und brüchig werden wie ein altes Kleid; aber diese Meine Worte werden erfüllt werden und ewig nimmerdar vergehen!

4. Denn Ich bin der Herr. Wer will mit Mir rechten und will mit Lanzen und Schwertern gegen Mich ziehen?! Ja, sie werden auch noch das tun, und dieses Mein Fleisch wird wohl am Kreuze den Tod finden; aber eben das wird ihr Maß voll machen und ihren Untergang unwiderruflich besiegeln. Denn die Blindheit will herrschen und töten ihren Gott. Und das wird sie tun in wahrlich nicht gar langer Zeit, und es wird ihr auch diese Greueltat zugelassen werden, damit ihr Untergang für alle Zeiten der Zeiten ein vollkommen sicherer und unausbleiblicher werde. Doch was diesem Volke zum Untergange dienen wird, das wird euch dienen zum größten Heile und zur vollendetsten Erlangung des ewigen Lebens.

5. Machet euch aber nun alle nichts daraus, da Ich euch das zum voraus gesagt habe; denn diese arge Brut da unten kann wohl diesen Meinen Leib töten, aber nicht Den, der in Mir lebt und ewig wirkt und schafft und ordnet. Ich werde aber auch den Leib wahrlich nicht im Grabe lassen; denn schon am dritten Tage werde Ich auch diesen Leib wieder erwecken und werde dann wieder bis ans Ende der Zeiten mit denen umgehen, die an Mich glauben, Mich lieben und Mein Wort halten werden. Und ihr, Meine Brüder, werdet Mich sehen und Mich sprechen können so wie jetzt, da Ich noch im unverklärten Fleische unter euch wandle.

6. Wenn ihr nun das alles wohl überdenket, so werdet ihr es alle wohl einsehen, daß die zweite traurige Erscheinung ihren vollen und lebendigen Grund hat. Sage von euch aber ja keiner: ,Herr, das könntest Du mit Deiner Allmacht wohl abändern!‘ oder: ,Das könntest Du anders machen!‘ Denn wahrlich sage Ich es euch, daß Ich nun ohnehin das Alleräußerste tue, was Meine ewige und höchste göttliche Weisheit Mir zeigt, und es hilft diesem Volke da unten dennoch nichts mehr; denn es ist durch die eigene, unnennbare Bosheit so verstockt, daß ihm auch keine Gottesmacht mehr helfen kann.

7. ,Ja‘, denket ihr und saget es in euch, ,ja, wie sollte denn so etwas möglich sein? Gott muß ja alles machen können, was Er nur immer will!‘ Ja, das kann Gott fürwahr. Aber bei der vollendetsten Freiheit des menschlichen Willens kann und darf Gott nie und nimmer tun, was Er will; denn würde Gott da nur im geringsten dem menschlichen Willen in die Quere treten, so würde der Mensch eine Kinderpuppe, an der Schnur des fixen göttlichen Willens geführt, und könnte dabei ewig nie zu einer Lebensselbständigkeit gelangen. Kann er aber zu dieser aus sich nicht gelangen, so ist es mit dem ewigen Leben seiner Seele notwendigerweise auch für ewig gar.

8. Der Mensch muß also seine vollkommenste Willensfreiheit haben, die nur durch äußere Gesetze und durch den selbstischen (freiwilligen) Gehorsam zu seinem wahren Vorteile gelangen kann, und dabei darf die göttliche Allmacht wenig oder eigentlich schon gar nichts zu tun haben und muß darum dem Menschen des selbständigen Lebens wegen alles zulassen, wonach es ihn gelüstet, und also auch nun die Tötung sogar Meines allerunschuldigsten Fleisches.

9. Und weil diese Menschheit hier in Jerusalem das Gottesgesetz nahe ganz verworfen hat und dafür ihr mehr zusagende und ihren Weltinteressen sehr dienende Satzungen aufgestellt hat, die Meinen Satzungen, durch Moses und durch die Propheten den Menschen gegeben, schnurstracks zuwiderlaufen und sie ganz verdrängen wollen, Ich aber nun wider sie und ihre große Ungerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen zeuge, so hassen sie Mich und wollen Mich töten um jeden Preis der Welt. Ja, es wird ihnen auch das zugelassen werden; aber dann wird ihr Maß der verübten Greueltaten auch voll sein, und es wird dann an diesem Volke geschehen in der Fülle, was ihr als zweite Erscheinung ehedem gesehen habt.“

10. Sagte nun Nikodemus: „Herr und Meister, ich bin nun der Meinung, daß die zwei Erscheinungen die Templer sehr nüchtern gemacht haben dürften, und sie werden sich in der Folge wohl hüten, die Hände an jemand zu legen; denn ich habe es im Tempel gar deutlich vernommen, wie das Volk den höchst verlegenen Priestern vorhielt, wie Gott sie nun alle richten werde, weil eben sie als Priester die meisten Propheten bis auf Zacharias und Johannes herab getötet haben! Und sogar der Hohepriester schwieg und getraute sich nicht, dem Volke etwas zu erwidern, obwohl es seine dargebrachten Opfer ganz keck vom Tempel zurückforderte, was sonst für ein übergroßes Verbrechen angesehen wird. Und weil ich das selbst noch beobachtet habe, so bin ich der Meinung, daß sie Dir, o Herr und Meister, nicht mehr gar so besonders gehässig und aufsässig sein werden. Sie werden sich sehr Zeit lassen, Dir feindlich zu begegnen! Zugleich ist dem Tempel durch einen Obersten von seiten des hohen römischen Gerichts in bezug auf das JUS GLADII eine äußerst scharfe Verwarnung zugekommen, und diese möchte ihnen wohl für alle Zeiten die Lust und den Eifer benehmen, je mehr jemanden ohne ein römisches Gerichtsurteil zum Tode zu verurteilen.“

11. Sagte Ich: „Das werden sie auch nicht tun; aber sie werden in ihrer Wut und Mordlust so lange dem römischen Richter in den Ohren liegen und bezahlte Zeugen in solcher Menge über ihr Opferlamm vorbringen, daß am Ende der Richter das wird tun müssen, was sie werden haben wollen. Es glaubt zwar schon viel Volkes an Mich und an Meine Lehre, aber der Tempel hat dennoch einen großen, wennschon gänzlich blinden Anhang, und mit dem kann er noch alles bewirken. Daß aber der Tempel noch einen starken Anhang hat, das beweist die beinahe unzählige Menschenmenge, welche an den Festen zum Tempel wallfahrtet. Diese großen und menschenreichen Wallfahrten aber bezeugen ja mehr denn zur Übergenüge, wie viele noch am Tempel hängen, und wie viele Blinde es noch im ganzen Judenlande gibt, die dadurch Gott einen wohlgefälligen Dienst zu erweisen wähnen, sie ganz gewissenhaft das tun, was ihnen vom Tempel aus geboten wird. Wenn du dir das so recht vor Augen stellst, so wirst du für das Leben Meines Leibes nun noch sehr wenig Bürgschaft unter den Juden finden.“

51. Kapitel. Die Vergangenheit und Zukunft der Juden.

1. Dieses Gespräch vernahmen auch die Römer, und Agrikola stand ganz entrüstet auf und sagte: „Herr aller Himmel und Welten, wenn gegen Dich von dieser Brut da unten je etwas von dem im Zuge sein sollte, so wird Deine Allmacht es uns wohl zuvor wissen machen können, und wir werden dann nicht säumen, dieser Betrügerbrut ein völliges Ende zu machen, und ich werde den Pilatus noch morgen sehr darauf aufmerksam machen!“

2. Sagte Ich: „Mein sehr lieber Freund, du hast gleich am ersten Tage deiner Ankunft Mein Heer und Meine Macht gesehen, und es kostete Mich nur einen Wink, und zahllose Scharen der allermächtigsten Engel stünden Mir zu Gebote, von denen einer hinreichen würde, die ganze Erde und den ganzen sichtbaren Himmel in einem Moment zu vernichten! Aber darum bin Ich ja nicht in diese Welt gekommen, daß Ich sie richte und verderbe, sondern darum nur, daß sie durch Mich vom Untergange gerettet werde. Und so muß Ich den Menschen, wie sie auch sind, ihren freien Willenslauf lassen, selbst dann, wenn sie sich an Meinem Leibe vergreifen wollen; denn wirke Ich da mit Meiner göttlichen, Mir vom Vater gegebenen Willensmacht entgegen, so tötet das jedes Menschen Seele, und niemand kann an ein ewiges Leben nach dem Abfalle des Fleisches denken und noch weniger glauben und darauf hoffen.

3. O ja, die Menschen brauchten sich auch gar nicht an Meinem Fleische zu vergreifen und würden darum doch das ewige Leben ihrer Seelen überkommen können, gleichwie es auch ihr überkommen werdet, so ihr bis ans Ende eures Erdenlebens in Meiner Lehre verharret, ohne daß sich jemand an Mir vergreifen soll, und der eine, der sich an Mir vergreifen würde, der würde das Leben nicht haben und auch nicht überkommen.

4. Doch da unten bei diesen Weltmenschen stehen die Dinge anders. Sie alle sind offenbar Diener der Hölle und ihres Lügenfürsten geworden und stehen nun in seinem Weltsolde. Sie häufen Sünden auf Sünden und Greuel auf Greuel, treiben allerlei Hurerei, Ehebruch und Blutschande und trachten gleichfort, wie sie jemanden zum Judengenossen machen könnten, indem sie ihm den Himmel und das ewige Leben verheißen. Ist aber jemand ihr Genosse geworden, so ziehen sie ihn beinahe ganz aus, damit er sich den Himmel und das ewige Leben erkaufe.

5. Haben sie aber so einen blinden Heiden einmal ganz von seinem Vermögen losgemacht, so sagen sie mit gleisnerischer Miene: ,So, so, Freund, siehe, nun bist du schon auf dem halben Wege zum Himmel und zum ewigen Leben! Bisher haben wir für dich gewirkt; aber von da an mußt du selbst wirken nach dem Gesetze, das wir dir gezeigt haben, ansonst hätten unser Vorwirken und deine Gott dargebrachten Opfer keinen Wert!‘

6. Und so rauben sie einen um den andern aus und tun dann weiter ganz und gar nichts für ihn; und kommt er zu ihnen, um sich irgendeinen Rat zu holen, dann verweisen sie ihn auf ihre Predigten, so er den Rat nicht bezahlen kann. Kann aber jemand einen Rat gut bezahlen, so bekommt er dann auch außer der Predigt einen Rat, der gewöhnlich eine fein zusammengefügte Lüge ist.

7. Und so wie diese Himmel-und-Ewiges-Leben-Verkäufer selbst nicht in den Himmel kommen, weil sie bei sich an keinen glauben und nie geglaubt haben, so lassen sie aber auch niemand anders hinein, weil sie durch ihre allerfinstersten Lügen den Weg dahin verrammen.

8. Wer das noch mit einem helleren Verstande erkennt und nach der Wahrheit zu forschen anfängt, den verdammen sie alsbald als einen Ketzer und Gotteslästerer und verfolgen ihn mit aller Wut bis zum letzten Tropfen Blut, wie sie auch aus demselben Grunde die von Gottes Geist erfüllten Propheten zum größten Teil getötet haben, deren Gräber sie nun zum Scheine ehren und an den gewissen Gedächtnistagen weiß übertünchen. Aber sie selbst sind eben gleich den übertünchten Gräbern, die auch nach außen hin ganz erbaulich aussehen, aber inwendig voll Aases und Ekelgeruchs sind.

9. Ihr meinet nun freilich und saget es in euch: ,Ja, wenn diese arge Brut schon seit lange her also beschaffen war, da hätte ihr Gott ja aber auch schon lange einen völligen Garaus machen können!‘ Ja, das hätte Gott auch wohl tun können und hat es teilweise auch getan durch mancherlei Gerichte, die einst so weit gingen, daß das ganze Judenvolk vierzig Jahre lang in die harte Gefangenschaft Babylons geriet und der Tempel Salomos und zum größten Teil auch die Stadt Jerusalem zerstört wurden. Darauf tat das Volk wieder Buße und kehrte sich zu Gott zurück. Und es ward wieder frei und kam wieder in dies Gelobte Land, baute Stadt und Tempel wie von neuem auf und lebte dann eine Zeitlang in ganz guter Ordnung. Aber als es dann wieder zu äußerem Glanz und Ansehen kam, da fing es nach und nach auch an, von den rechten Wegen abzuweichen, und machte sich selbst Satzungen, – das heißt hauptsächlich der Tempel, er stellte sie an die Stelle der göttlichen Gesetze und hielt das Volk dazu an, diese Menschensatzungen streng zu befolgen, während die Priester offen sagten und lehrten: ,Es ist euch nützlicher, diese neuen Gesetze zu beachten denn die alten!‘ Und auf diese Weise ging es also fort und fort, und es ward schlechter und gottloser als unter den Richtern und Königen.

10. Es fehlte aber nie an Mahnungen und teilweise ernsten Heimsuchungen, die leider keinen fruchtbaren Boden mehr fanden. Als das Volk samt den Königen und Priestern des lebendigen Gottes kaum mehr gedachte und alles in den Welttaumel hineinlebte, da sandte Gott wieder Propheten und bedrohte es scharf, daß ein mächtiger Feind ins Land gelassen werde, der alle Juden unterjochen und ihre Könige gefangennehmen werde und der als Geiseln hinwegführen werde der Juden Weiber, Töchter, Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe und ihnen auch viel Gold, Silber, viele Edelsteine und Perlen nehmen werde, und daß das Volk geknechtet werde für immer. Kurz, es wurde den Juden alles in wohlverständlicher Rede dargestellt, wie es ihnen ergehen werde, wenn sie von ihren Weltsatzungen und von ihrem Welttume nicht abgingen. Aber es war da alles umsonst, und die Weissagung ging in Erfüllung; denn die Römer drangen ins Land eroberten es und taten nach der Weissagung.

11. Nun bekamen die Juden der weltlichen Gesetze genug ins Land und mußten sie auf Leben und Tod beachten. Der Tempel kehrte dann unter manchen frommen Priestern zeitweilig zu Gott wieder zurück, hielt aber nicht an und ist seit – sage – dreißig Jahren zu einer wahrsten Räuberhöhle und Mördergrube herabgesunken und ist nun in sich schlechter bestellt als irgendein Götzentempel der Vor- und Jetztzeit.

12. Und obwohl Ich nun, als der Herr, mit Fleisch angetan, Selbst unter den offenbarsten Zeichen im Tempel lehre und alles Volk samt den Tempeljuden die Wahrheit lehre, so nützt das aber dennoch nichts, sondern die Pharisäer treiben nun ihr Trug- und Lugwesen noch ärger denn je und halten beständig Rat, wie sie Mich aus dieser Welt schaffen könnten. Und es wird ihnen sogar das auch noch zugelassen werden, damit ihr Greuelmaß voll werde. Aber dann kommt auch das euch allen in der zweiten Erscheinung gezeigte große Gericht über dieses Volk und damit auch ihr, der Juden, Ende, worauf sie dann wie Spreu in alle Enden der Welt zerstreut werden. Und ihr Name, der bis jetzt vor aller Welt ein so hochrühmlicher war, wird ein verachteter sein.

13. Hätten sie diese Zeit der großen Gnadenheimsuchung erkannt, so wären sie wohl für ewig das erste Volk in der ganzen Unendlichkeit geworden und auch geblieben; weil sie aber eben diese große Zeit der Zeiten nicht erkennen wollten, so werden sie denn auch, vom großen Gerichte über sie alle angefangen, zum letzten Volke der Erde werden. Zerstreut unter alle Völkerschaften der Erde, werden sie sich unter allerlei Verfolgungen ihre Kost gleich den Vögeln der Luft suchen müssen, und sie werden allenthalben untertänig sein.

14. Und wenn es auch in den späteren Zeiten welche geben wird, die sich Berge groß des Mammons zusammensammeln werden, so werden sie sich aber dennoch kein Land, kein Reich und keine Regentschaft irgend auf der Erde erkaufen können; und also sollen sie zum Zeugnisse für diese Meine Weissagung verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.“

52. Kapitel. Schicksal oder Willensfreiheit ?

1. (Der Herr:) „Denket euch aber nicht, daß das etwas Derartiges sei, das die gewissen blinden Weltweisen ,Bestimmung‘ nennen, als habe Gott schon für jeden Menschen bestimmt, was er in seinem kurzen oder längeren Leben zu gewärtigen hat! Etwas Derartiges zu denken und zu glauben kann der Seele den Tod bringen, weil das eine Lehre ist, die eine heimliche Ausgeburt der Hölle ist und zu den wahren Lebensprinzipien aus Gott für die Menschen gerade das schroffste Gegenteil darstellt. Die Bestimmung machen sich die Menschen selbst durch die Verkehrtheit ihres freien Willens und dadurch, daß sie nicht erwecken wollen alle die sieben Lebensgeister in sich, wodurch sie auch nicht zu der wahren Anschauung ihres innern, wahren und unvergänglichen Lebensschatzes kommen. Dadurch kommen sie auf Abwege und wollen dann auch im Lichte der Welt das wahre, innere Licht des Lebens aufsuchen und frohen Mutes nach demselben wandeln und handeln.

2. Wenn eine Menschenseele aber einmal so recht in der dicksten Nacht ihres selbstgeschaffenen Weltdünkels steckt, so können ihr bei Belassung ihrer inneren Willensfreiheit auch alle Engel der Himmel keine andere Richtung geben, und es kann da dann niemand sagen: ,Siehe, das war schon also die Bestimmung für diesen Menschen!‘ Ja, es war wohl allerdings eine Bestimmung, aber nicht etwa von Gott ausgehend, sondern vom Menschen selbst.

3. Von Gott aus war es nur eine Zulassung, und das eben infolge des vollkommen freien Willens des Menschen. Und was Ich nun sagte von einem Menschen, das gilt denn auch von einem ganzen Volke. Es ist und bleibt der Selbstschöpfer seiner zeitlichen und seiner ewigen Schicksale.

4. Und so wäre es großirrig anzunehmen, Gott habe schon gar von Ewigkeit her bestimmt, daß dies alles, was Ich euch nun durch die Erscheinungen gezeigt und mit dem Munde vorausgesagt habe, also geschehen müsse. O nein, das durchaus ganz und gar nicht! Aber es wird dennoch alles also geschehen, weil es die Menschen also wollen, weil der allergrößte und mächtigste Teil von ihnen in aller Nacht der Hölle sich gar wohlbehaglich und allerhartnäckigst freiwillig befindet und nun selbst auf Meinen allergewaltigsten Ruf diese Nacht des Todes nicht verlassen will.

5. Denn mehr, als was Ich Selbst nun tue, getan habe und noch tun werde, kann bei der vollen Belassung der Freiheit des menschlichen Willens unmöglich getan werden, und wem da nicht die Augen aufgehen, und wer sich danach noch nicht kehrt, dessen Blindheit und eherne Verstocktheit des Herzens heilt kein Mittel mehr, von dem jeder sagen kann, daß es ein wahres, gutes und sanftes ist. Da muß dann das Gericht kommen und als letztes Mittel wirken. Damit aber das Gericht losbreche, muß das dasselbe bewirkende Maß voll werden, was bei diesem Volke bald – wie Ich's gesagt habe – der Fall sein wird. Und so denket nun nicht ängstlich viel darüber nach; denn nicht Ich, sondern die unbekehrbaren Menschen wollen es also!“

6. Sagte nun Nikodemus: „Aber Herr und Meister, da sieht es um die Menschheit ja ganz entsetzlich böse aus! Wenn Gott Selbst solchen Menschen niemals sogar wider ihren dummen Willen und Eigensinn helfen kann, ja, wer soll ihnen dann noch helfen können?“

7. Sagte Ich: „Ja, Freund, du verstehst gar viele irdische Dinge nicht, die du doch siehst und begreifst, – wie willst du dann rein geistige Dinge fassen und begreifen, die du nicht siehst und irgend fühlst?! Ich habe es ja gesagt, daß Gott beim Menschen in bezug auf seine innere, geistige Entwicklung mit Seiner Allmacht nicht leitend und lenkend einwirken darf, und das aus Seiner ewigen Ordnung heraus. Denn täte Gott das, so würde der Mensch in sich zur toten Maschine und könnte nie zu einer freiesten Lebensselbständigkeit gelangen.

8. Bringe Mir den ärgsten Raubmörder her, und Ich werde ihn plötzlich umgestalten zu einem Engel des Lichtes; aber da wird unterdessen sein Selbstisches so gut wie völlig tot sein! Sowie Ich Mich aber mit dem Geiste Meines allmächtigen Willens wieder zurückziehen werde, so wird sein Selbstisches wieder tätig, und vor dir wird der alte Raubmörder stehen. Denn seine Liebe ist Raub- und Mordlust und ist somit sein Leben; nimmt man ihm dieses, so ist er dann vollkommen tot und hat gänzlich zu sein aufgehört.

9. Ein solcher Mensch aber kann dennoch gebessert werden, und das durch den höchst schlimmen Zustand, in den er sich selbst durch seine böse Liebe versetzt hat. Denn des Menschen Seele fängt erst dann an, über den Grund ihres argen und unglückseligen Zustandes nachzudenken, wenn sie sich schon im schweren Gerichte aus sich selbst befindet; und fängt die Seele einmal an, den Grund zu erkennen, dann wird sie auch bald den Wunsch in sich wahrnehmen, ihres argen Zustandes loszuwerden, und wird auf Mittel und Wege nachzusinnen anfangen, wie sie sich von dem argen Gerichte irgend losmachen könnte.

10. Und hat die Seele einmal solchen Wunsch und Willen in sich, so ist sie auch schon fähig, ein Licht in sich aufzunehmen, das ihr von oben her durch allerlei geeignete Mittel geboten wird.

11. Ergreift die Seele die ihr gebotenen Mittel, so fängt ihre ehedem böse Liebe an, sich in eine gute und bessere aus und in sich selbst umzugestalten. Es wird lichter und lichter in ihr, und sie geht wie von Stufe zu Stufe zu einer höheren Lebensvollendung über, und das ist nur durch die Zulassung eines schärfsten Gerichtes möglich. Und es wird sonach denn auch über die Juden, wenn ihr Greuelmaß voll sein wird, ein schärfstes Gericht zugelassen werden, und das hier und jenseits, und das wird sie sehr demütigen für alle Zeiten der Zeiten, da sie nimmer zu einer Volksbeherrschung gelangen werden.“

53. Kapitel. Über das Maß des Guten und Schlimmen.

1. Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, warum aber muß erst dann ein solch böses Gericht über ein Volk kommen, so es sein gewisses Maß mit Sünden aller Art und Gattung vollgemacht hat? Und was ist das für ein Maß, und worin besteht es?“

2. Sagte Ich: „Das ist aber doch etwas sonderbar, daß du als ein Ältester des Tempels und der ganzen Stadt das nicht verstehst, und hast doch die weisen Sprüche Salomos oft und oft für dich und für die andern gelesen! Wenn ein Kind im Mutterleibe einmal vollreif geworden ist, so hat es sein Maß als Fötus voll, und es wird in die Außenwelt geboren. Eine Frucht am Baume hat ihr Maß erreicht, so sie vollreif wird, worauf sie dann vom Baume fällt. Ein Mensch, der des Gesetzes wohl kundig ist, dasselbe vollständig hält und es aus Liebe zu Gott und seinem Nächsten nicht mehr übertritt, hat dadurch das lichtvolle Maß der eigenen Lebensvollendung vollgemacht und ist dadurch schon diesseits ein Bürger der Himmel geworden, da er den geistigen Tod in sich vollkommen besiegt hat und voll des ewigen Lebens aus Gott geworden ist.

3. Aber ein Mensch, der sich fürs erste schon nie eine rechte Mühe gibt, die Lebensgesetze Gottes näher und heller kennenzulernen – da ihn die Lustbarkeiten der Welt zu sehr abziehen –, und der sich von einem Sinnentaumel in den andern stürzt, der fängt an, Gott zu vergessen, und sein Glaube an Ihn schwindet dadurch mehr und mehr. Wie er aber des Glaubens an einen Gott bar wird, so werden ihm auch seine Eltern lästig. Er gehorcht ihnen nicht nur nicht mehr, sondern ärgert sie nur durch allen möglichen Ungehorsam, schlägt sie am Ende wohl gar, bestiehlt sie und verläßt sie. Wie er aber seine Eltern nicht achtet, so achtet er seine Nebenmenschen noch weniger. Er treibt Hurerei aller Art und Gattung, wird ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder, um sich Mittel zu verschaffen, seinen Sinnen und argen Leidenschaften mehr frönen zu können. Und so hat sich dieser Mensch endlich aller Lebensgesetze ledig gemacht und handelt dann nach den Gesetzen seiner argen und bösen Natur und versündigt sich sogestaltig vollkommen am ganzen Gesetze. Dadurch aber hat er auch das Maß des Bösen erfüllt, ist ein Teufel geworden und hat dadurch denn auch in sich und aus sich das Gericht über sich selbst zum Losbruche gebracht und muß es sich in seiner großen Qual und Pein nun selbst zuschreiben, daß daran niemand als nur er selbst schuld war.

4. Daß aber auf ein Sündenvollmaß ganz sicher das Gericht – was der eigentliche geistige Tod ist – folgt, das ist von Gott aus schon von Ewigkeit her also verordnet und unabänderlich für alle zukünftige Ewigkeit festgestellt; denn wäre das nicht also, so gäbe es kein Feuer, kein Wasser, keine Erde, keine Sonne und keinen Mond und auch kein Geschöpf auf ihnen.

5. Das Feuer ist wohl ein böses Element, und so es dich ergriffe, da würde dir das den Tod geben. Soll aber darum kein Feuer sein, weil es auf die Menschen leicht eine tödliche Wirkung ausübt? Siehe, die Erde hat eine gewisse Anziehung, derzufolge jeder Körper schwer wird und unablässig nach ihrem Mittelpunkte strebt! Vermöge dieser Eigenschaft der Erde aber kannst du von einer Höhe herabfallen und dich töten. Ja, soll die Erde diese Eigenschaft nicht besitzen, weil sie dem Menschen den Tod geben kann? Oh, da sähe es bald gar übel mit der Erde aus; denn sie ginge auseinander und löste sich noch völliger auf als ein Stück Eis an der Sonne, und mit allen Geschöpfen auf ihr hätte es ein Ende! Denn wo wohl sollten sie bestehen, so sie keine feste Unterlage hätten? Und siehe, diese notwendige Eigenschaft der Erde und aller ihrer Materie ist auch ein Gericht von Gott aus für alle Materie, ohne das es keine Materie gäbe!

6. Und so ist alles ein Gericht, von Gott verordnet, was du in dieser Welt nur immer ansehen magst, und wer sich vom Geistigen und somit auch von Gott abwendet und sich in seiner Seele zur Materie der Welt kehrt, der kann doch unmöglich anderswohin als ins alte Gericht und seinen Tod gelangen; denn die Freiheit und die vollste Gerichtslosigkeit ist nur im reinen Geiste aus Gott, den jeder überkommen kann und wird, der nach Meiner Lehre lebt und glaubt, daß Ich in diese Welt von Gott aus als Selbst Gott gekommen bin, um allen Menschen das wahre Lebenslicht und das ewige Leben zu geben. Denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg und das Leben. – Verstehest du das nun?

54. Kapitel. Die Erklärung der dritten Lichterscheinung.

1. Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, das verstehe ich nun und danke Dir inbrünstigst für diese Deine so hochwichtige Belehrung! Aber da Du uns nun die zwei Erscheinungen erklärt hast, so möchte ich Dich wohl bitten, uns noch die dritte Erscheinung zu beleuchten; denn hinter der muß etwas gar Großes verborgen sein.“

2. Sagte Ich: „Ja ja, Ich werde euch die dritte Erscheinung wohl beleuchten; doch ihr werdet sie nicht wohl verstehen; denn was die noch ferne Zukunft bringen wird, das werdet ihr erst dann klarer einsehen, so ihr im Geiste wiedergeboren sein werdet. Aber Ich will euch dennoch darüber etwas sagen, und so höret denn!

3. Die aus den Himmeln auf die Erde zurückgekehrte Lichtsäule bin Ich im Geiste Meines lebendigen Wortes, das Ich in der Zukunft in die Herzen jener Menschen legen werde, die Mich lieben und Meine Gebote halten werden; zu denen werde Ich Selbst kommen und werde Mich ihnen offenbaren. Und also werden sie alle von neuem von Gott belehrt sein.

4. Die Zerteilung der Säule in zahllos viele Teile bedeutet die Enthüllung des innern, geistigen Sinnes aller Meiner Worte und Lehren, die Ich seit Beginn des Menschengeschlechts den Menschen durch den Mund der Urväter, der Propheten und Seher und nun Selbst gegeben habe.

5. Aus solchen vielen Teilenthüllungen des innern, geistigen Sinnes des Wortes Gottes wird sich dann erst eine wahre und große Licht- und Lebenslehre zusammenformen, und diese Lehre wird dann sein das große und neue Jerusalem, das aus den Himmeln zu den Menschen herniederkommen wird. Und die in der neuen Lehre sein und leben werden, die werden wandeln im neuen Jerusalem und werden darin wohnen ewig, und ihrer Seligkeiten über Seligkeiten wird ohne Maß und Ziel nimmer ein Ende sein. Denn Ich Selbst werde bei ihnen sein, und sie werden schauen alle die zahllosen Herrlichkeiten Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht.

6. Es wird aber vom Untergange dieser alten Stadt Jerusalem an bis in die Zeit der neuen Stadt Gottes auf Erden wenig Licht unter den Menschen auf Erden geben; denn es werden sich nur zu bald eine Menge falscher Propheten und Priester in Meinem Namen erheben und werden falsche Wunder wirken und die Menschen betören und blind machen, ja der Antichrist wird solche Dinge mit Hilfe der Könige der Erde tun, daß sogar Meine Auserwählten, so Ich es zuließe, verlockt werden könnten, ihre Knie vor dem neuen Baal zu beugen. Aber Ich werde dann wieder eine große Drangsal unter die Menschen kommen lassen, wie sie noch nicht war unter der Sonne. Da wird der Baal gleich der großen Hure Babels gestürzt werden, und das Licht des lebendigen Wortes in den Herzen vieler Menschen wird dann kommen und aufrichten und erlösen die Bedrängten und Gebeugten, und sie werden sich alle freuen in dem neuen Lichte und lobpreisen Meinen Namen lobpreisen.

7. In jener Zeit werden die Menschen vielfach Umgang haben mit den reinen Geistern Meines Himmels, und diese werden ihre Lehrer sein und sie unterweisen in allen Geheimnissen des ewigen Lebens in Gott, wie euch solches in der dritten Erscheinung auch dadurch gezeigt wurde, daß ihr durch die zwölf Tore Menschen aus- und eingehen sahet.

8. Die zwölf Tore bezeugten nun aber nicht mehr, daß die neue Stadt erbaut sei aus den zwölf Stämmen Israels, sondern aus den zwölf Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, und diese sind enthalten in den zehn Geboten Mosis und in Meinen neuen zwei Geboten der Liebe; denn diese sind die Tore, durch die künftig die Menschen in die neue, licht- und lebenvolle Stadt Gottes eingehen werden.

9. Nur wer diese Meine Gebote halten wird, der wird auch in diese Stadt eingehen, und es wird ihm Licht und Leben gegeben werden; wer aber die Gebote nicht halten wird, der wird in diese neue Stadt auch nicht gelangen. Also bezeichneten auch die zwölf Edelsteingattungen wieder dieselben zwölf Gebote, aus denen die Mauer um die große Stadt erbaut war.

10. Diese zwölf Gebote sind für den Menschen sonach nicht nur die Eingangstore zum Licht und zum Leben, sondern sie sind auch dessen unzerstörbarer Schutz und Schirm, den die Pforten und Mächte der Hölle oder das materielle Welttum nimmer zerstören und besiegen können.

11. Zugleich aber habt ihr bei der Erscheinung auch bemerkt, wie die Steine der Mauer auch ein starkes Licht in allen ihren Farben von sich gaben. Das zeigte euch an, daß in den euch gegebenen zwölf Geboten auch alle Grade der göttlichen Weisheit enthalten sind, und es kann sonach der Mensch nur durch die Haltung der zwölf Gebote zur vollkommenen Weisheit gelangen. Denn in den Geboten ist alle Weisheit aus Gott enthalten, und weil darin alle Weisheit Gottes enthalten ist, so ist darin auch alle göttliche Macht und Kraft enthalten, und das darum, weil in diesen Geboten der allweiseste und allmächtige Wille und durch diesen die höchste Freiheit enthalten ist.

12. Wer sich sonach den Willen Gottes durch die Haltung der Gebote zu eigen gemacht hat, der hat sich auch zu eigen gemacht die göttliche Macht und die göttliche Freiheit und hat den Zustand der wahren Wiedergeburt des Geistes erreicht und ist als ein wahres Kind Gottes so vollkommen wie der Vater im Himmel Selbst.

13. Und Ich sage euch denn nun allen, daß ihr euch eben durch genaue Haltung der Gebote vor allem bestreben sollet, schon hier auf Erden also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, so werdet ihr auch das und noch Größeres zu tun imstande sein als Ich Selbst nun. Und werdet ihr euch in diesem Zustande befinden, dann werdet auch ihr schon zum voraus Bürger des neuen Jerusalem sein. Das ist demnach der Sinn der dritten Erscheinung. – Habt ihr das alles wohl aufgefaßt und begriffen?“

14. Auf diese Meine Erklärung der dritten Erscheinung machten alle große Augen und dachten eine Weile sehr nach, wußten aber doch nicht recht, inwieweit sie diese letzte Erklärung recht und wieder etwa doch nicht ganz recht verstanden hatten.

55. Kapitel. Die rechte Erkenntnis der Weisheit Gottes durch die Wiedergeburt.

1. Nikodemus sagte nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, übergroß und tief ist das, was Du uns nun ganz lichtvoll gezeigt hast, und ich werde Dir wohl ewig dafür nicht zur Genüge danken können; aber weil das von Dir nun Gesagte und Gezeigte so übergroß und übertief ist, so habe ich, wie vielleicht auch mancher andere, diese Sache nicht so ganz aus dem Fundamente lichtvoll begreifen können. Ich sehe es aber wohl ein, daß mir diese Sache auch eine weitere Erklärung nicht klarer machen würde, und so sage ich denn auch nicht: Herr, mache mir das noch klarer und begreiflicher!“

2. Sagte Ich: „Da hast du auch ganz vollkommen recht. Diese Sache läßt sich für dich und auch für manchen andern nicht klarer darstellen; das alles und noch zahllos mehr aber wirst du erst dann fassen, wenn du im Geiste wiedergeboren sein wirst.

3. Mein Wort und Meine Predigt an euch kann nicht in der gewissen weltvernünftigen Redeweise der Menschen und ihrer Weltweisheit gegeben werden, sondern sie besteht in der Beweisung des euch völlig unbekannten Geistes und seiner Kraft, damit euer Glaube und euer zukünftiges Wissen nicht auf der Weisheit der geistig blinden Menschen, sondern auf der wunderbaren Kraft des Geistes aus Gott beruhe.

4. Nun, diese Meine Lehr- und Redeweise erscheint vor den Augen der Weltweisen als eine Torheit, weil sie vom Geiste und seiner Kraft nichts wissen und nichts wahrnehmen mit ihren groben Sinnen; aber Meine Lehre ist dennoch eine Weisheit tiefster und höchster Art, nur vor den Augen, Ohren und Herzen der vollkommenen Menschen, die eines guten Willens sind und die Gebote Gottes allzeit beachtet haben. Aber für die Weisen und Obersten dieser Welt, die vergehen wie ihre Weisheit, ist Meine Lehre freilich wohl das nicht.

5. Ich rede zu euch von der verborgenen Weisheit Gottes, die Er schon vor der Erschaffung dieser materiellen Welt verordnet hat zu eurer ewigen Lebensherrlichkeit, welche verborgene Weisheit noch kein Pharisäer, kein Ältester und Schriftgelehrter und Tempeloberster nach seiner Weltvernunft aus der Schrift erkannt hat; denn würden sie diese verborgene Weisheit jemals erkannt haben, so würden sie nicht in einem fort Rat halten, wie sie Mich, den Herrn von Ewigkeit, töten und verderben könnten. Doch lassen wir sie nur trachten und Rat halten; denn wie ihr Tun, so wird auch ihr Lohn sein!

6. Euch aber sage Ich, wie es geschrieben steht: ,Kein Menschenauge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben und Seine Gebote halten!‘

7. Was Ich euch nun offenbare, das offenbart der Geist Gottes eurem Geiste, auf daß auch euer Geist erforsche und erkenne die Tiefen in Gott. Denn nur der Geist durchschaut und durchforscht alle Dinge und, dadurch geläutert, auch die Tiefen in Gott. Und also bekommet ihr von Mir nun nicht den Geist der Welt, dessen ihr nimmerdar bedürfet, sondern den Geist aus Gott, auf daß ihr durch diesen Geist erst völlig fassen und begreifen könnet, was euch von Mir als von Gott gegeben ist.

8. Ich kann denn darum mit euch davon nicht nach Art der Menschenweisheit reden, sondern nur mit Worten, die der Geist Gottes lehrt, und alle Dinge geistig richtet, und ihr vermöget Mich darum auch nicht völlig zu verstehen, weil euer Geist noch nicht ganz durchdrungen hat eure Seele. Wenn aber eure Seele ganz sich mit aller Liebe und freiem gutem Willen im Geiste aus Gott, den ihr nun bekommet, befinden wird, dann werdet auch ihr aus euch heraus alle Dinge geistig richten und wohl erkennen und verstehen alles, was euch nun noch dunkel und unverständlich erscheint.

9. Ihr vernehmet aber nun doch schon etwas vom ewig wahren Geiste Gottes und könnet auch schon gar manches geistig richten. Doch der ganz natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes in sich, und wenn man davon zu ihm redet, so ist ihm das eine Torheit, weil er das nicht in sich hat, was seine Seele geistig richten könnte. Denn so ein Mensch Geistiges fassen und begreifen will, so muß zuvor seine Seele und alles völlig geistig gerichtet sein; denn alles Leben und alles wahre Licht und alle wahre Kraft ist nur im Geiste, der allein alles richtet und von niemandem etwa entgegen gerichtet werden kann.

10. Der natürliche, noch geistlose Mensch aber ist Materie in ihrem Gerichte, und sein Naturleben ist ihm vom Geiste Gottes aus nur als ein Mittel gegeben, daß er sich durch dasselbe das wahre, geistige Leben in sich erwecken kann, so er will. Und so kann er mit seinem Naturverstande die Gebote Gottes schon als solche wohl erkennen und dann den Willen fassen, sie auch zu beachten und nach ihnen zu leben und zu handeln. Und tut er das, so dringt der Geist Gottes schon auch insoweit in seine Seele, inwieweit diese in der Beachtung der Gebote Gottes und im Glauben an den einen Gott und in der Liebe zu Ihm und zum Nächsten vorwärtsgedrungen ist.

11. Wenn die Seele es aber darin zu einer nimmer möglich rückfälligen Stärke gebracht hat, so ist das dann schon ein sicherer Beweis, daß der Geist aus Gott sie ganz durchdrungen hat und in ihr all ihr Erkennen und Wissen geistig richtet, und solch eine Seele hat dadurch ihre früher tote Materie völlig überwunden und ist mit dem Geiste Gottes, der sie durchdrungen hat, ein Geist, eine Kraft, ein Licht und ein wahres, nimmer verwüstbares Leben geworden, das von niemand mehr gerichtet werden kann.

12. Darum suchet ihr alle vor allem das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch dann von selbst hinzugegeben werden; denn das wird dann der Geist Gottes in euch tun. Sorget euch gar nicht um irdische Dinge, nicht einmal darum, was ihr am kommenden Tage essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet; denn um das alles sorgen sich die Heiden und andere Weltmenschen, die den wahren Gott noch nie erkannt haben. Wenn der wahre Geist in euch seine volle Wiedergeburt erreicht haben wird, so werdet damit auch ihr alles erreicht haben, was euch not tut.

13. So ihr auf Meinen Wegen wandeln und bleiben werdet, wie Ich euch das lehre und gelehrt habe, so werdet ihr auch in Mir sein und Mein Geist in euch, und mit dem werdet ihr alles tun und bewirken können, was seine Weisheit euch sagen und sein Wille in euch wollen wird. Und damit ist euch jede nötige weltliche Versorgung für die Zeit eures Erdenlebens auch im allerreichlichsten Maße gegeben.

14. Ihr habt nun bei Mir erfahren, was dem Geiste alles möglich ist; was aber Meinem Geiste möglich ist, das wird auch eurem Geiste möglich sein, wenn er eins wird mit Mir. Wie er aber mit Mir eins werden kann, das habe Ich euch schon zu vielen Malen gezeigt, und so tut denn danach, und ihr werdet diese Meine Verheißung in euch in die volle Erfüllung gehen sehen!

15. Nun aber, da wir heute vieles getan und gewirkt haben, wollen wir, da es schon ein paar Stunden über die Mitternacht hinaus ist, eine kleine Ruhe nehmen und morgen ein neues Tagewerk beginnen!“

16. Sagte Lazarus: „Herr, mit den Schlaflagern wird es mir hier für so viele Menschen auch etwas knapp gehen!“

17. Sagte Ich: „Warum denn? Ein jeder bleibe auf seinem Flecke sitzen, stütze sich auf seine Arme und ruhe, und es wird ihm das sehr wohl zustatten kommen!“

18. Damit war Lazarus ganz zufrieden und tat auch für seine Person dasselbe.

19. Nikodemus aber wollte nun nach Hause ziehen, um am Tage nicht auf dem Berge gesehen zu werden; denn er hatte Furcht vor den Pharisäern.

20. Ich aber sagte zu ihm: „Habe du keine Furcht vor denen, die dir nichts anhaben können! So Ich es will und du es glaubst, da kannst du auch am hellsten Tage ungesehen diesen Berg verlassen und dich in dein Amt begeben.“

21. Sagte Nikodemus: „Dann bleibe ich, da meine Familie mich ohnehin im Tempel und arbeiten wähnen wird.“

22. Sagte Ich: „Allerdings, und so bleibe, und ruhe auch ein wenig.“

23. Auf diese Meine Worte hin ward es still im Saale, und alles gab sich einer kurzen und den Leib sehr stärkenden Ruhe hin.

24. Unser Raphael aber begab sich auf Mein inneres Geheiß zu den Sklaven, die noch nicht ruhten, und brachte sie auch auf die gleiche Weise zur Ruhe, blieb dann bis zum Aufgang der Sonne bei ihnen und bewirkte, daß sie alle gar seltsam schöne Träume hatten; denn es war das diesen nordischen Kindern sehr eigen, allerlei weissagende Träume zu haben. Und hatten sie im Traume schöne und wunderbare Dinge gesehen, so waren sie am Tage sehr erbaut, fromm, geduldig und munter.

25. Und so ward hier jedem das Seinige.

56. Kapitel. Das Wesen der Engel. Liebe und Weisheit, Herz und Verstand.

1. Wir ruhten und schliefen noch gar gut, als die Sonne schon über den fernen Horizont stieg. Da ward Lazarus und sein Wirt munter, und letzterer erhob sich alsbald vom Stuhle und ging hinaus, die Dienerschaft zu wecken, auf daß sie sich an die Zubereitung eines guten und reichlichen Morgenmahles mache. Es ward daher bald alles im ganzen Hause lebendig, und so erwachten denn auch wir, erhoben uns von unseren Plätzen und gingen hinaus ins Freie.

2. Es war aber vor dem Hause ein Brunnen, der ein gutes und reines Wasser hatte, und Ich sagte zu Lazarus: „Bruder, auf daß wir dem Nikodemus kein Ärgernis geben, so lasse Krüge bringen und sie mit Wasser füllen, auf daß wir uns die Hände waschen können und es nicht heiße, wir äßen das Brot mit ungewaschenen Händen!“

3. Dies geschah, und alle wuschen sich die Hände, das Gesicht und auch die Füße, worauf reine Tücher zum Abtrocknen der Haut gereicht wurden.

4. Als diese Waschung vorüber war, da kam auch unser Raphael wieder zu uns und berichtete dem Lazarus, daß die Jugend noch ganz wohl ruhe, schlafe und träume und daher vor ein paar Stunden noch nicht geweckt werden solle. Solches geschah denn auch, weil das für die durch die weite und schlechte Reise müde gewordene Jugend sehr notwendig war.

5. Jetzt aber bei Tage bemerkte Nikodemus erst so recht die blendende Schönheit Raphaels und konnte sich nicht satt sehen an ihm. Nach einer Weile des innern, tiefen Staunens sagte er zu Mir: „Aber Herr und Meister, wo ist denn dieser überirdisch schöne Jüngling her? Wie heißt er denn? Nein, ich habe noch nie eine ähnliche männliche Schönheit gesehen! Unweit von ihm steht zwar auch, wenn man es recht betrachtet, ein gar sehr liebliches Mädchen; aber wie irdisch ist es doch gegen diesen schon überhimmlisch schönen Jüngling! Seine Goldlocken, wie sie so schön geordnet über seinen ganz ätherisch weichen Nacken, der beinahe schneeweiß ist, herunterwallen! Welch eine unbeschreibliche Anmut in seinem Angesicht! Wie weich, voll und zart und sanft seine Arme und Füße! Es ist an ihm alles so geordnet und gewählt, wennschon ganz einfach, daß ich als ein Ältester der Stadt und des Tempels noch nie auch nur in einem Traume etwas Ähnliches gesehen habe. Wahrlich, dieser Jüngling kann kein Kind dieser Erde sein! Wenn er nach dem Muster der Cherube, die im Allerheiligsten des Tempels die Lade bewachen, Flügel hätte, so wäre er ein vollkommener Engel Gottes!“

6. Sagte Ich: „Meinst du denn wohl, daß die Engel Gottes Flügel haben müssen, um Engel zu sein? Da bist du noch in einer sehr großen Irre! Hatten die drei Männer, die zu Abraham kamen, Flügel? Oder hatten das die Jünglinge, die den Lot retteten, oder der Engel, der den jungen Tobias führte? Mir ist es nicht bekannt, daß in der Schrift von ihren Flügeln irgend eine Erwähnung geschieht. Auch der Engel, der dem Abraham erschien, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte, und ihn davon abhielt, hatte nach der Schrift keine Flügel.

7. Nur die beiden ehernen Cherube mußte Moses als vorbildlich dahin entsprechend mit Flügeln darstellen, um für die damals noch sehr sinnlichen Juden anzudeuten, daß die reinen Geister aus den Himmeln Gottes sich in allem höchst schnell bewegen – im Denken, Beschließen, Handeln und Vollbringen. Nun kennt der natürliche Mensch der der Erde keine schnellere Bewegung als den Flug der Vögel in der Luft mittels ihres Flügelpaares, und so hat denn auch Moses, um den Menschen die Schnelligkeit des Geistigen zu versinnlichen, den Cheruben die Flügel machen müssen nach der Anordnung Gottes. Sonst aber in der Wirklichkeit hat kein Engel Gottes je ein Paar Flügel gehabt.

8. Der Flügel bedeutet also nur den hohen Grad der Weisheit und Kraft alles rein Geistigen, aber nicht, als müßte ein reiner Geist sich auch gleich einem Vogel auf ein Geheiß Gottes vom Himmel auf die Erde herab- und von da wieder zurückbewegen. Übrigens gab es im wahren Himmel niemals irgendeinen Engel, der nicht zuvor ein Mensch auf irgendeiner Erde gewesen wäre. Das aber, was ihr euch unter den als reine Geister geschaffenen Engeln sehr irrig vorstellet, ist nichts als die auswirkenden Kräfte und Mächte Gottes, durch die Gottes Allgegenwart, in aller Unendlichkeit wirkend, bekundet wird, die sich aber kein Mensch unter einem Bilde vorstellen soll, weil das Unendliche aus Gott für jedes begrenzte Wesen der Wahrheit nach unvorstellbar ist, was hoffentlich doch nicht schwer zu begreifen ist.

9. Weil aber ein jeder Mensch seiner Seele nach berufen ist, ein wahrer Engel der Himmel Gottes zu werden, so kann dieser schöne und keuscheste Jüngling ja auch ebensogut ohne Flügel auf dieser Erde sein, wie Ich Selbst nun im Fleische als der alleinige Herr Himmels und der Erde bei euch bin und euch Selbst lehre und dabei dennoch die ganze Unendlichkeit erhalte. Übrigens steht es aber ja geschrieben: ,Zu derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen, die dem Herrn dienen werden!‘ Und also kann dieser Jüngling auch ganz gut ein Engel sein. – Was ist da deine Meinung?“

10. Sagte Nikodemus: „Ja, ja, schön ist er offenbar mehr denn zur Übergenüge dazu; aber er steigt nicht auf und nieder zwischen Erde und Himmel!“

11. Sagte Ich: „O du große Blindheit der Menschen! Wie kannst du als ein vielerfahrener Mensch doch annehmen, daß Engel aus dem materiellen Himmel auf diese gleich materielle Erde und von da wieder zurück steigen werden und die Menschen das also sehen werden und auch, wie Mir solche Engel dienen möchten?! Das Auf- und Niedersteigen der Engel bedeutet ja nur: von der Liebe zur wahren Weisheit aufsteigen und mit der Weisheit wieder zur Liebe, welche der wahre, lebendige Geist aus Gott in euch ist, zurückkehren.

12. Wenn ein Mensch in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten recht erweckt und fasset, so steigt er dadurch auf zur Weisheit oder zur rechten und tiefen Erkenntnis in allen Dingen. So ein Mensch aber solch eine Erkenntnis erlangt hat und Gottes unbegrenzte Liebe, Weisheit und Macht tiefer und tiefer erkannt und begriffen hat, so wird er voll Demut und voll der lebendigsten Liebe zu Gott. In diesem Falle steigt er dann wieder ins Herz, erleuchtet dasselbe noch heller und macht es glühender in der Liebe zu Gott.

13. ,Aber‘, sagst du bei dir, ,stellt denn diese Erde die Liebe und der Himmel die Weisheit dar, da es doch auf der Erde gar so lieblos zugeht und vom Himmel nur Gutes kommt, – höchst selten irgend etwas minder Gutes?‘

14. Ja, im Menschenherzen als dem Sitze der Liebe geht es zumeist auch sehr lieblos zu, und dennoch ist das Herz der Sitz der Liebe. Aber die pure Liebe im Herzen, als ganz allein für sich daseiend, würde ebensowenig Früchte des Lebens zustande bringen wie die Erde ohne das Licht der Sonne. Die Sonne des Himmels für das Herz im Menschen aber ist einmal sein natürlicher Verstand. Dieser steigt in geordneten, guten Gedanken, Ideen und Begriffen ins Herz oder auf die Erde im Menschen herab, erleuchtet sie und belebt die Keime zu guten und edlen Taten. Ist das Licht des Verstandes noch schwach gleich dem Lichte der Sonne im Winter, so wird dabei das Herz wohl verständiger und klüger; aber da es noch sehr in der Selbstliebe verharrt, so werden die edlen Keime in ihm nicht aufgehen, wachsen und lebensvolle Tatenfrüchte zur Reife bringen. Wenn aber ein Mensch durch Fleiß und rechte Verwendung seiner Talente und Fähigkeiten in seinem Verstande heller und heller wird, so wird des Verstandes Licht auch mächtiger erwecken die Lebenswärme im Herzen, und die in ihm ruhenden Samenkörner zu guten Taten werden zu keimen, zu wachsen, zu blühen anfangen und bald edle Tatenfrüchte zur reichen Lebensernte bringen und vollreif werden lassen.

15. Und so sind hier unter ,Engeln‘ einmal die Gedanken, Ideen und Begriffe des lichten Verstandes, der der Weisheitshimmel des Menschen ist – freilich im kleinsten Maßstabe –, zu verstehen. Diese steigen auf und nieder und dienen dem noch verborgenen Geiste Gottes im Menschenherzen, und dieser Geist heißt Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wie aber dieser lebendige Geist aus Gott im Menschenherzen von nur gar zu vielen Menschen nicht erkannt und beachtet wird – während doch das ganze Heil des Menschen in Hinsicht seines zeitlichen und ewigen Lebens von eben diesem Geiste abhängt –, also werde auch Ich Selbst als der Herr und der Urgrund alles Seins und Daseins von der Menschenwelt nicht erkannt, obwohl sie sehen, welche großen Gedanken, Ideen und Begriffe aus den Himmeln Gottes durch Mich auf diese Erde nieder- und wieder aufsteigen und das Herz hellst erleuchten und zur Tragung der lebendigen Tatenfrüchte erwärmen und beleben. Darum aber gibt es viele, die berufen sind, aber der Auserwählten gibt es wenige, die Meine Worte fassen, beherzigen und zur reichen und lebensvollen Tatenernte bringen.

16. Kennst du dich nun schon ein wenig heller aus, wer so ganz eigentlich in der ersten Instanz die Engel sind, die vom Himmel zur Erde nieder und wieder auf in den Himmel steigen und Mir als Gott von Ewigkeit und hier auf Erden, zeitlich für euch Menschen, die ihr als berufene Kinder Gottes eben Sein Herz und also Seine Erde seid, dienen?“

57. Kapitel. Die Jakobsleiter. Vom Wesen der Träume. Die Seele im Jenseits.

1. Sagte Nikodemus: „Herr und Meister von Ewigkeit, nun sehe ich erst wahrhaft in der Fülle ein, daß Du allein wahrhaft Christus, der Gesalbte Gottes bist, dessen Fülle in Dir wohnt! Denn so hat noch nie ein Prophet auf dieser Erde gelehrt. Da Du uns aber nun schon eine so große Enthüllung gemacht hast, so könntest Du, so es Dein heiliger Wille wäre, uns auch noch über die Himmelsleiter des Vaters Jakob ein Licht geben, auf der eben Engel zwischen Himmel und Erde auf und nieder stiegen. Aus diesem Gesichte konnte ich nie so recht klar werden, was Jehova, der zuallerhöchst dieser Leiter gesehen ward, dem Jakob hat anzeigen wollen. Denn dieses Traumgesicht hat Jakob sicher um vieles besser begriffen als ich, da wir bis jetzt keine nähere Deutung solch eines Gesichtes von ihm überkommen haben. – Herr, bei meiner großen Liebe zu Dir bitte ich Dich darum!“

2. Sagte Ich: „Was Jakob in seinem Traume sah, war ganz das, was Ich euch allen nun hell zur Übergenüge gezeigt habe. Die Leiter ist das Band zwischen dem Herzen und dem erleuchteten Haupte des Menschen. Das Herz ist hier ebenfalls die gesehene Erde, die damals auch in Jakob, als er sich in großer Not und Verlegenheit befand, zu wüst, öde und wenig erleuchtet war. Aber eben in diesem Zustande fing er an, sehr an Gott zu denken, und dachte nach, was er irgend getan habe, daß Er ihn in eine solch große Verlegenheit habe kommen lassen. Da schlief er auf offenem Felde ein und ersah in sich die Verbindung zwischen seiner Herzerde und seinen Lichthimmel in seinem Haupte. Da ersah er, wie seine Gedanken, Ideen und Begriffe von seinem Haupte wie über eine Leiter hinab in sein Herz stiegen, dasselbe erleuchteten und trösteten und so, durch die erhöhte Liebe des Herzens selbst mehr belebt und gestärkt, wieder empor zu Gott stiegen, um dort wieder mehr und tiefer erleuchtet zu werden. Und siehe nun den ganzen Lebensverlauf Jakobs, und du wirst es sehen, wie er von da an stets mehr und mehr an Gott dachte und auch strenger und strenger nach dem Willen Gottes lebte.

3. Zugleich aber wurde durch den denkwürdigen Traum auch dargestellt, wie sich aus ihm eine Geschlechtsstufenleiter als ein rechter Bund zwischen seinen Nachkommen und Gott erheben werd, auf der die Kinder Gottes in der bald steigenden und bald wieder sinkenden Erkenntnis Gottes zu- und abnehmen werden, und daß am höchsten Ende seiner gesehenen Geschlechtsstufenleiter sich in Meiner Persönlichkeit Jehova Selbst als ein Mensch offenbaren wird und den alten Bund erneuen und durch und durch zur lebendigsten Wahrheit erheben wird.

4. Und so hast du und habt ihr alle nun denn auch die Jakobsleiter doppelt und dreifach erklärt und wisset nun, was ihr wahrhaft geistig unter dem Begriffe ,Engel Gottes‘ alles zu verstehen habt. Aber dennoch frage Ich euch um euer selbst willen, ob ihr das wohl alles verstanden habt.“

5. Sagte Nikodemus: „Mir ist auch in dem ein großes Licht aufgegangen, und es ist also und kann nie anders sein; doch was diesen sichtbaren Engel betrifft, so fragt sich da, ob er eine schon wirkliche, für sich dastehende Realität, – oder ist er nur so ein von Dir festgehaltener Gedanke, hervorgehend aus Deiner Liebe, Weisheit und Allmacht!“

6. Sagte Ich: „Das ist wahrlich eine so recht kindische Frage von dir! Ich sage es dir, der Engel ist – gleich wie du und alle Menschen und die ganze endlose Schöpfung – beides zugleich, weil es in der ganzen Unendlichkeit keine andere Realität außer Mir gibt als eben nur Meine Gedanken, Ideen und Begriffe. Diese werden durch Meine Liebe belebt und durch Meinen Willen für ewig fest erhalten und gehalten. Was Ich aber als Gott tun kann und von Ewigkeit her getan habe und auch hinfort ewig tun werde, das werdet auch ihr dereinst in Meinem Reiche tun können.

7. Daß aber in euch Menschen solche Fähigkeiten vorhanden sind, das könnet ihr ganz leicht und richtig euren helleren Traumgesichten entnehmen; denn in denen werden eure inneren Gedanken, Ideen und Begriffe zu Realitäten und werden lebendig und gar wohl geformt, und ihr könnet euch mit ihnen wie mit wahren Objekten unterhalten. Nun, ihr wisset freilich nicht, wie das in euch vor sich geht, daß ihr euch in euren Träumen in einer ganz ordentlichen Welt unter Menschen befindet, die mit euch oft sogar sehr weise reden und dies und jenes tun und verrichten; allein das macht vorderhand nichts. Wenn ihr nach der Art, wie Ich es euch erklärt habe, im Geiste aus Mir wiedergeboren sein werdet, dann werden euch alle Geheimnisse eures Lebens und ihr Grund klar werden; vorderhand aber könnet ihr das als eine lichtvolle Wahrheit annehmen, daß da jedwede Lebenserscheinung im Menschen einen höchst weisen und wahrsten Grund hat, ansonst sie im Menschen nicht und nie zum Vorscheine kommen würde.

8. Wenn der Mensch dem Leibe nach einmal stirbt, so lebt die Seele dann zwar dem Wesen nach auch im Raume, hat aber dann keine andere Welt zu ihrer Unterlage und zur Wohnung als die, die sie sich selbst geschaffen hat, und hat mit dieser äußeren Welt keine wesentliche Verbindung mehr, weil sie in sich nur zu klar einsieht, daß die gesamte materielle Welt nichts als ein notwendiges und schwer zu ertragendes Gericht ist, und daß ein freiestes und ungebundenstes Leben ein endlos vorzüglicheres ist als ein nach allen Seiten hin gebundenes.“

9. Sagte hier Nikodemus: „Herr, wenn ich also einmal gestorben sein werde, so wird meine fortlebende Seele von dieser Erde ewig nichts mehr zu Gesichte bekommen, sondern in ihrer selbstgeschaffenen Welt fortleben, – und doch gibt es auf und in dieser Erde noch gar sehr vieles, was sich eine nach höherer Erkenntnis dürstende Seele gerne zu einer näheren Anschauung gebracht hätte! So sehen wir auch oft mit großer Sehnsucht den gestirnten Himmel an und möchten näher wissen, was der Mond, die Sonne, die Planeten und was alle die andern Sterne sind, und möchten auch die Tiefen der Meere ergründen. Aber wenn die Seele nach dem Tode nur so in einer hellen, aus ihrer Phantasie entsprungenen Traumwelt leben und handeln und nur mit solchen scheinbaren Menschengestalten verkehren wird, die auch nur Produkte ihrer höchsteigenen Phantasie sind, so wird das nach meiner schwachen Ansicht der ewig fortlebenden Seele unter dem Gesichtspunkte, daß ihr eine volle Rückerinnerung bleibt, eben keine gar zu große Freude machen können. Natürlich, so der Seele aber mit dem Leibe die Rückerinnerung nur höchstens insoweit belassen wird wie in einem hellen Traum, in dem man gewöhnlich sein Ich erkennt, sich aber dabei an nichts oder nur an sehr wenig wahrhaft Diesirdisches mehr erinnert, da kann so eine Seele dann freilich schon ganz heiter fortbestehen; denn was ihr mit dem Leibe völlig benommen wird, nach dem wird sie auch ewig keine Sehnsucht mehr haben. Ich rede hier, wie ich diese Sache verstehe, bitte Dich aber auch in dieser Hinsicht um eine tiefere Belehrung.“

10. Sagte Ich: „Daß du da noch sehr schwach bist, das sehe Ich nur zu klar ein; aber deine Begriffe über das Leben der Seelen nach dem Abfalle ihres Fleisches sind noch öder, finsterer und schwächer als deine Gefühle und inneren Wahrnehmungen. Sage Mir bloß das: Wo und wann sieht ein Mensch schon mit seinen natürlichen Augen mehr: in einem finsteren Kerker zur Nachtzeit oder auf einem nach allen Seiten hin freien und hohen Berge am reinen, hellen Tage? Und ein Mensch, der nun in vollster Freiheit, mit allem versorgt, sich mit seinen besten Freunden auf dem Berge befindet, – wird der sich wohl zurücksehnen in den alten, finsteren Kerker und Lust haben, dessen finstere Winkel und Löcher zu untersuchen und zu erforschen? Denke über diese Meine Fragen nach – frage dein offenes Gefühl – und beantworte sie Mir dann, und Ich will dir erst auf das ein helleres Licht über deine Zweifel geben!“

58. Kapitel. Seele und Leib. Jenseitiger Zustand einer verweltlichten Seele. Der Mond und seine Bewohner.

1. Sagte Nikodemus: „O Herr, diese Deine gnädige Frage beantwortet sich ja nach eines jeden Menschen Gefühl von selbst; denn da liegt die klarste Antwort ja doch schon in der Frage selbst, und es wäre da wohl sehr unnötig, nur irgendeine Antwort darauf zu geben. Aber ich entnehme daraus, daß Du damit nur das allergnädigst hast andeuten wollen, daß eine vollendete Seele nach dem Abfalle des Leibes Deine ganze Schöpfung in einem endlos klareren Lichte schauen wird, als ihr das im Leibesleben je möglich gewesen wäre, und daß eine solche Seele alles Erlebte und auf der Erde Mit- und Durchgemachte um vieles heller in ihrer Erinnerung behalten wird, als das im Leibe je hat stattfinden können. – O Herr, habe ich da recht geantwortet?“

2. Sagte Ich: „Vollkommen, und Ich will euch dafür auch den Grund zeigen, damit da mit der Zeit niemand sagen soll: ,Ja, Er als der Wahrhaftigste hat uns das wohl zu glauben befohlen, und es wird das alles schon sicher also sein, wie Er uns das Selbst gelehrt hat, ohne uns den Grund und das Wie näher gezeigt zu haben!‘ Nein, also will Ich euch nicht lehren! Denn euch eben will Ich es ja geben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen. Und so höret Mich denn!

3. Der Leib, wie er ist, könnte für sich als eine tote Materie weder etwas sehen noch hören, fühlen, riechen und schmecken ohne eine lebendige Seele in sich. Er ist also nur ein notdürftiges Werkzeug der Seele, also gebaut und wohl eingerichtet, daß sich die Seele seiner für die Außenwelt bedienen kann. Sie kann also mittels des Leibes nach außen hinaus schauen, hören und empfinden Widriges und Angenehmes. Sie kann sich von einem Ort zum andern bewegen und kann mit den Händen mannigfache Arbeiten verrichten.

4. Der Lenker der Leibesglieder ist der Verstand des Herzens und sein Wille; denn der Leib für sich hat weder einen Verstand noch einen Willen, außer die Seele geht durch ihre weltlichen und sinnlichen Gelüste selbst ins Fleischliche über und verliert sich also sehr in ihrem Fleische, daß sie darin das Bewußtsein ihres geistigen Ichs verliert. Dann freilich ist auch ihr ganzer Verstand samt dem Willen ein völlig fleischlicher geworden. In diesem Falle aber ist dann die Seele nahe so gut wie völlig tot, und es kommt ihr wie ein Wahnwitz vor, so sie von einer pur geistigen Selbständigkeit und von einem geistigen Leben nach dem Tode des Leibes etwas vernimmt.

5. Aber selbst solch eine Fleischseele stirbt eigentlich nach dem schmerzvollen Abfalle des Leibes nicht, sondern lebt fort in der Geisterwelt; aber ihr Fortleben ist dann ein ebenso mageres wie ihr Erkennen und Selbstbewußtsein in einer rein geistigen Sphäre. Nun, solch eine Seele lebt dann jenseits freilich nur so wie in einem etwas helleren Traume fort und weiß oft nicht, daß sie je in einer anderen Welt schon einmal gelebt hat, sondern sie lebt und handelt ihrer gewohnten Sinnlichkeit gemäß. Und wird sie von helleren, sich ihr offenbarenden Geistern dahin ermahnt und belehrt, daß sie sich nun in einer anderen und geistigen Welt befindet, so glaubt sie das doch nicht und verhöhnt und verspottet die, die ihr die Wahrheit anzeigen.

6. Es braucht eine sehr lange Zeit jenseits, bis eine solche verweltlichte und verfleischlichte Seele zu einem helleren Erkennen kommt. Wenn sie aber heller und heller wird, so kehrt ihre Erinnerung auch nach dem Grade ihres Hellerwerdens zurück, und sie kann dann auch alles sehen, hören und fühlen, was da auf und über und in der Erde geschieht.

7. Ist aber eine Seele schon hier auf dieser Welt durch die geistige Wiedergeburt ganz vollendet geworden und dadurch schon hier zur Anschauung und klaren Wahrnehmung der rein geistigen und himmlischen Dinge gelangt, so gelangt sie auch zur richtigen und vollwahren Anschauung der gesamten materiellen Schöpfung in sich und weiß um alles, was sogar im Monde, auf und in der Sonne geschieht, was die Sterne sind und wozu sie erschaffen worden, und was da alles auf und in ihnen ist.

8. Wenn aber solch eine vollendete Seele erst von ihrem schweren Leibe erlöst worden ist, so ist ihr Schauen dann völlig ein gottähnliches, und sie wird dann – so sie es will – allsehend, allhörend, allwissend und allfühlend sein. Wenn aber das, wie soll sie deshalb, weil sie gottähnlich selbst Schöpferin ihrer Wohnwelt sein kann und auch sein wird, alle ihre Rückerinnerung verlieren können?

9. Damit du aber siehst und noch tiefer erkennst, daß das von Mir dir nun Gesagte seine vollste Realität hat, so will Ich nun auf einige Augenblicke deine und noch einiger Anwesenden Seelen frei machen, und du kannst in solch einem Zustande dann sagen, was du gesehen und was du gehört und wahrgenommen hast. – Und also sei es!“

10. Hier wurden mehrere in einen hellen magnetischen Zustand versetzt, und sie befanden sich zuerst in einer ihnen unbekannten Gegend, die allen ungemein wohl gefiel, so daß sie Mich baten, daß Ich sie nun nur gleichfort in dieser himmlisch schönen Gegend belassen solle; denn sie wünschten gar nicht mehr, in diese irdische Welt zurückzukehren.

11. Ich fragte sie aber, ob sie nicht auch diese Welt sähen.

12. Da antworteten alle: „Ja, Herr; aber wir sehen sie wie hinter uns, und wir sehen sie auch wie durch und durch!“

13. Ich fragte sie, ob sie die große Stadt Rom sähen.

14. Alle bejahten das und beschrieben alles darin, was sie sahen.

15. Als die anwesenden Römer das hörten, da konnten sie sich nicht genug verwundern, wie getreu und genau die Verzückten die Gestalt Roms schilderten, obschon keiner von ihnen je in Rom war, noch jemals ein Bild von dieser Stadt gesehen hatte.

16. Und Ich fragte sie, ob sie auch den äußersten Osten von Asien sähen.

17. Und sie alle gaben die Antwort: „Ja, Herr, wir sehen auch das förmliche Ende dieses großen Weltteils; denn weiter nach Osten sehen wir nichts als pur Wasser und Wasser mit Ausnahme einiger Inseln! Aber das ist ein großes Reich, und wir sehen auch eine ungeheuer große Stadt, die von einer Tagereise langen Mauer eingeschlossen ist, und darin unzählig viele Menschen!“

18. Sagte Ich: „Wie sind sie bekleidet?“

19. Hier beschrieben sie schnell die Tracht dieser Menschen auf ein Haar, und einer von den alten Pharisäern, nachher Judgriechen, verwunderte sich hoch darüber, weil er Gelegenheit gehabt hatte, mehrere Chinesen im äußersten Osten von Hochindien zu sehen.

20. Darauf ließ Ich sie einen Blick in den Mond tun, und sie beschrieben kurz diese traurig aussehende kahle Welt, in der sie außer einigen Gruppen von traurig aussehenden und graufarbigen Kobolden nichts ersähen. Es sei da kein Baum und kein Gras und so auch kein Tier ersichtlich.

21. Hierauf weckte Ich sie wieder zurück mit der Belassung der vollen Rückerinnerung an all das Gesehene.

22. Als sie sich also wieder völlig im natürlichen Zustande befanden, da sagte Nikodemus: „O Herr, das ist ja doch wunderbar über wunderbar! Wir waren hier, sahen Dich und alle andern genau, und doch sahen wir auch alles höchst genau und klar, was wir beschrieben, und ich habe nun wahrhaftest selbst erfahren, wie unbeschreibbar heller das Schauen der freien Seele ist als das im Verbande mit dem Leibe. Aber wir sahen nicht nur alles heller in der Nähe wie auch in der größten Ferne, sondern wir hörten auch alles. Und so wir einen Baum oder ein Haus oder ein Schiff auf dem Meere oder auch einen Menschen oder ein Tier sahen, so sahen wir es ganz nach der natürlichen Außenform; aber wir sahen das alles auch durch und durch, obschon der Gegenstand nicht durchsichtig war.

23. Ja, bei den Menschen sahen wir sogar ihre Gedanken, die anfangs als kleine Bildlein in ihren Herzen ersichtlich wurden. Als solche in das Haupt gleich einem Mückenschwarm aufstiegen, da wurden sie heller und ausgeprägter, stiegen wieder zum Herzen zurück, wurden da größer und entschiedener und traten darauf bald außer die Sphäre des Menschen, wurden größer und größer und bildeten eine ordentliche Welt um den Menschen. Doch bei den Tieren war davon nichts zu entdecken.

24. Aber was ist denn mit dem armseligen Monde? Daß er eine materielle Welt ist, das ist klar, – aber so kahl, wüst und öde wie die höchste Spitze des Berges Ararat! Wer sind denn jene armselig kleinen, grauen Kobolde? Sie haben wohl so ziemlich die Gestalt eines Menschen; aber dabei scheinen sie doch nur mehr einer Tierart jenes Weltkörpers anzugehören, obwohl sie so gewisserart denn doch mehr Geister als irgend materielle Wesen sein mögen. Denn ich bemerkte, wie sich ein solcher Kobold bald sehr vergrößerte und sich bald wieder ganz puppenklein machte. Wäre so ein Kobold rein materiell, so meine ich, daß ihm solch eine Vergrößerung und Verkleinerung seines Leibes wohl nicht so leicht möglich wäre. – Also, Herr und Meister, was ist es mit dem Monde?“

25. Sagte Ich: „Das, Mein Freund, wirst du noch früh genug erfahren und kannst dich darüber mit Meinen Jüngern besprechen, die von allem dem schon eine ganz genaue Kunde haben. Ich aber habe euch noch viel Wichtigeres zu zeigen und zu sagen, – aber das erst nach dem Morgenmahle. Jetzt aber werden ohnehin sogleich die dreißig Griechen heraufkommen, ein Morgenmahl nehmen und sich über so manches mit dem Jünglinge dort besprechen. Sie kommen früher, weil die nächtlichen Erscheinungen sie auch erregt haben.“

26. Sagte Nikodemus: „Ganz gut, ganz gut, Herr und Meister, nur allein Dein Wille geschehe! Bloß das möchte ich zuvor noch erfahren, wer dieser gar so wunderherrliche Jüngling ist, woher er ist, und wie er heißt.“

27. Sagte Ich: „Das wirst du schon bei dieser Gelegenheit erfahren! Sein Name ist Raphael.“

28. Sagte Nikodemus: „Also lautet ja nach der alten Schrift der Name eines Erzengels! Am Ende ist das gar der Erzengel selbst? Wenn das, so könnte mich da eine große Furcht ergreifen! Ja, ja, ich habe das ja schon gleich anfangs gesagt!“

29. Sagte Ich: „Und Ich habe dir nicht widersprochen, sondern dir und euch allen bis jetzt gezeigt, was und wer ein Engel Gottes ist. Wenn aber also, warum sollst du nun vor diesem Engel Furcht bekommen, da du doch auch berufen bist, selbst ein Erzengel zu werden? Damit du aber über diesen Engel nicht in einem Zweifel stehst, so wisse, daß er Henochs Geist ist! Sein Leib ist nun Mein Wille. Darum sagte Ich dir ja, daß es in den Himmeln keine andern Erzengel gibt und je geben wird als die nur, welche zuvor schon im Fleische auf einer Welt gelebt haben. – Aber nun nichts Weiteres mehr davon; denn die Griechen kommen bereits! Mache Mich aber niemand ruchbar vor ihnen; denn ihre Zeit ist noch nicht da, Mich Selbst jetzt schon kennenzulernen!“

30. Darauf begab Ich Mich ein wenig fürbaß, und die ankommenden Griechen lagerten sich im nächsten Zelte. Daß das Morgenmahl für die dreißig Griechen schon bereitet auf dem Tische im Zelte stand, braucht kaum erwähnt zu werden. Es wurde von ihnen auch bald verzehrt.

59. Kapitel. Die wahre Anbetung Gottes.

1. Als aber das Morgenmahl verzehrt war, da trat eben jener Grieche, der am vergangenen Abend das Wort am meisten führte, heraus zu Lazarus und Raphael und wollte gleich zu reden anfangen; aber er wurde von der Schönheit des Engels so sehr überrascht, daß er wie stumm und versteinert dastand und kein Wort über seine Lippen brachte.

2. Nach einer Weile des größten Staunens sagte er (der Grieche) so wie in sich hinein: „Ja ja, das ist wahrlich ein Olymp, auf dem die Götter wohnen! Hättet ihr mich gestern nicht dahin belehrt, daß es nur einen einzigen wahren Gott gibt, so würde ich dich, du wunderholdester Jüngling, unfehlbar für unseren Gott Apollo halten; aber da es nach eurer sicher ganz wahren Aussage nur einen wahren Gott gibt, dessen Kinder ihr offenbar seid, so bist du, allerholdester Jüngling, sicher ein sehr lieber Sohn von Ihm. Und weil ihr denn schon unfehlbar Kinder Gottes und unsterblich seid, wie wir das von den Göttern glauben, so lasset euch von uns sterblichen Menschen anbeten, und nehmet gnädig ein Opfer von uns an!“

3. Hier griffen die Griechen in ihre mitgebrachten Beutel, zogen römische Goldstücke heraus und wollten sie dem Engel als Opfer zu Füßen legen.

4. Aber der Engel sagte: „Stecket, ihr lieben Freunde, euer Gold nur alsbald wieder dorthinein, wo ihr es herausgenommen habt! Denn seht und hört, was ich euch nun sagen werde! Die wahren Götter lassen sich von den Menschen weder anbeten, noch nehmen sie von ihnen irgendein materielles Opfer. Der Götter weisester und liebvollster Wille an euch Weltmenschen aber besteht darin, daß ihr nur an einen, allein wahren, ewigen und allmächtigen Gott glauben und Ihn über alles aus allen euren Lebenskräften lieben sollet, eure Nächsten aber wie ein jeder von euch sich selbst, was soviel heißt wie: Was du vernünftig wünschest, das dir dein Nächster tun soll, dasselbe tue du auch ihm!

5. Wenn ihr das beherziget, glaubet und danach tuet, so betet ihr dadurch den einen wahren Gott würdigst und geziemendst an und bringet Ihm also das Ihm allein wahrhaft wohlgefällige Opfer. Und so ihr Weltmenschen das tun werdet, so wird der eine, wahre Gott euch uns gleich zu Seinen unsterblichen Kindern annehmen, und die Macht und Gewalt des Todes wird weichen von euren Seelen.

6. Anbetung mit den Lippen und Opfer aller Art und Gattung haben nur die argen und herrschsüchtigen Priester und Könige erfunden. Sie lassen sich überhoch ehren und verlangen übergroße Opfer von den Menschen, denen sie in einem fort in die Ohren schreien, daß sie stets große Sünder seien und darum den Göttern große Opfer bringen sollen, ansonst diese sie mit großen und schweren Plagen heimsuchen würden. Aber das tun die argen Priester ja nicht der Götter wegen, sondern nur um ihrer selbst willen, auf daß sie reich und mächtig werden, um die armen, blinden Menschen desto mehr knechten zu können.

7. Der wahre Gott aber will nur, daß alle Menschen sich untereinander als Brüder lieben und frei und ungeknechtet auf der Erde wandeln sollen und durch die Gnade des einen und allein wahren Gottes in allen Dingen stets weiser und weiser werden. Da ihr nun aus meinem Munde es offen, treu und wahr vernommen habt, was der allein wahre Gott von den Menschen will, so nehmet euer Gold zurück; denn dieses Erdkotes bedürfen die wahren Menschen und der wahre Gott ewig nicht!“

8. Hier hoben die Griechen ihr Gold wieder auf und steckten es in ihre Beutel.

9. Aber der Wortführer sagte mit einer sehr freundlichen Miene: „O du mein der höchsten Liebe würdigster Gottmensch, deine Worte waren wahr, sanft, mild und süß wie Honigseim, und wir werden sie auch befolgen! Aber da du denn schon gar kein Opfer von uns annehmen willst, so begreife ich aber doch nicht, warum ihr von uns Menschen für eure freilich wohl überguten Speisen und Getränke denn doch ein Geld annehmet! Wozu benötiget ihr des Geldes?“

10. Sagte der Engel lächelnd: „Euch Menschen recht zu tun, ist selbst einem Gott schwer. Wußtet ihr denn gestern schon, daß wir hier Kinder Gottes sind? Nein, das wußtet ihr nicht und hieltet uns für ganz gewöhnliche Menschen, die sich für ihre Speisen und Getränke und für die Bedienung zahlen lassen. Da wir aber das wohl wußten, so taten wir denn auch, was die Menschen tun, und es hat gestern am Abend viel des Redens und Beweisens gebraucht, bis ihr von uns eine andere Meinung bekommen habt.

11. Da ihr aber nun wisset, mit wem ihr es hier zu tun habt, so habt ihr nun denn auch gegessen und getrunken, und es hat darum auch noch niemand von euch ein Geld verlangt und wird nun auch niemand eins von euch verlangen.

12. Sehet, so verhält es sich hier mit dieser Sache! Bei uns zahlen nur die Fremden den Zoll, die Einheimischen sind nach unserem alten Gesetze frei. Fremd aber ist ein jeder, der unseren Gott und Seine Gesetze nicht kennt und ein Götzendiener ist. Wer aber an unseren einen und allein wahren Gott glaubt, Seine Gesetze kennt und an dieselben glaubt und danach lebt, tut und handelt, der ist ein Einheimischer und ist bei uns wahren Juden zoll- und zechfrei.

13. Freilich gibt es nun bei uns schon gar viele, die zwar auch Juden sind, aber dabei doch an keinen Gott mehr glauben und Seine Gesetze nicht halten, sondern nur nach ihren Gelüsten leben und handeln. Diese verlangen auch Zoll und Zeche von den Einheimischen wie von den Fremden; aber sie werden von uns aus auch nicht mehr als Einheimische, sondern als Fremde angesehen und behandelt. – Bist du darüber nun im klaren?“

60. Kapitel. Die Griechen auf dem Wege zum allein wahren Gott.

1. Sagte der Grieche: „Ah, jetzt schon, – und ich muß offen bekennen, daß das eine wahrhaft göttlich herrliche Einrichtung ist! Aber da wir nun denn schon reden, so möchten wir uns von euch wahren Gottesmenschen darüber nun einen Aufschluß erbitten, was denn doch die nächtlichen Lichterscheinungen für eine Bedeutung haben dürften. Es ist darüber noch heute die ganze Stadt in einer großen Aufregung, und es haben die meisten fremden Kaufleute schon zur Nachtzeit mit ihrem Warenvorrate die Stadt verlassen, da sie nicht wissen konnten, was diese Erscheinung etwa schon in jüngster Zeit für Folgen haben könnte. Zudem kauft auch niemand etwas, und alles ist voll Furcht in der Erwartung der schrecklichen Dinge, die – besonders infolge der zweiten Erscheinung – über diese Stadt und über das ganze Judenland hereinbrechen können. Ja, selbst wir, so wir nicht gestern euch näher kennengelernt hätten, wären schon lange über Berg und Tal. Aber wir gedachten euer und trösteten uns damit, daß wir heute sicher von euch darüber irgend einen genügenden Aufschluß erhalten würden. Und so denn bitten wir euch darum!“

2. Sagte der Engel: „Sehet uns an und alle die andern Leute, die hier sind, und ihr werdet nirgends irgend eine Furcht oder Gemütsaufregung ersehen! Warum aber das? Weil wir es nur zu wohl wissen und kennen, was diese Erscheinung bedeutet. Und wir wissen und kennen das leicht, weil wir im Lichte Gottes hellsehend sind; die da unten aber sind blind und sehen und verstehen darum nichts, und ihre große Furcht ist aber eben deshalb auch schon eine ganz gerechte Züchtigung für ihre eigenwillige Blind- und Bosheit.

3. Die Erscheinungen aber bedeuten für die Guten nur Gutes, aber für die Bösen auch Böses, und so haben nach den Erscheinungen die Guten Gutes zu erwarten und können dabei leicht guten Mutes und heiteren Sinnes sein. Werdet nur auch ihr nach meiner euch heute gegebenen Lehre gute Menschen, so werdet auch ihr nur Gutes zu erwarten haben hier und jenseits! Habt ihr aber das wohl aufgefaßt, so könnet ihr auch jetzt schon frohen Mutes und Sinnes sein, und eines Weiteren bedürfet ihr vorderhand nicht; denn was ich euch hier sagte, ist eine vollste Wahrheit.“

4. Sagte der Redeführer: „Holdester und zugleich weisester junger Freund! Wir danken dir alle unter meinem Worte; denn du und der freundliche Wirt, der wahrscheinlich dein Vater oder sonst ein dir sehr naher Anverwandter ist, habt uns gestern abend treu versprochen, uns heute mit dem allein wahren Gott näher bekannt zu machen, und ihr habt das nun auch redlich getan, und wir sind darob denn nun auch gar heiter und fröhlich und danken euch nochmals von ganzem Herzen dafür, und wir versprechen euch auch auf das teuerste, daß wir diese Lehre auch befolgen werden, und das auf das möglich genaueste.

5. Doch nun hätten wir noch eine Frage, und wir wollen dann ganz ruhig von hier ziehen. Da unten habt ihr ja einen Tempel, in welchem auch, wie wir's vernommen haben, der eine, allein wahre Gott der Juden verehrt wird. Was ist mit diesem Gott? Ist da wohl auch etwas daran? Ist das derselbe Gott, den du uns nun näher kennen lehrtest, oder ist das auch nur so ein toter Götze, wie wir deren eine übergroße Menge haben?“

6. Sagte Raphael: „Einst ward in diesem Tempel wohl der allein wahre Gott verehrt, und den Menschen wurden Seine Gebote vorgepredigt, und den Dawiderhandelnden wurde von den Gotteslehrern bedeutet, daß sie sich bessern und Buße wirken sollen und sich wieder zu Gott kehren, von dem sie sich durch ihre Sünden abgewendet hatten. Darauf taten die Sünder das, und Gottes Gnade und Liebe kehrte wieder bei ihnen ein, und die das nicht taten, die wurden von Gott aus gezüchtigt dadurch, daß sie Seine Gnade entbehren mußten, – oft ihr Leben lang. Sie hatten viele Leiden zu bestehen, und wenn am Ende der Tod über sie kam, da hatten sie keinen Trost und starben in großem Schmerz, in großer Angst und unter großen Schrecken. Die aber, Gottes Gebote hielten, verloren die Gnade Gottes nie, hatten ein stets gesundes und in Gott heiteres Leben, und des Leibes Tod hatte für sie nichts Schmerzhaftes; keine Angst und keine Schrecken begleiteten ihn.

7. Aber wie es damals war, also ist es jetzt nicht mehr. Die Gotteslehrer sind zu puren Weltmenschen geworden. Sie führen den Namen des einen, wahren Gottes wohl noch im Munde, aber im Herzen haben sie dennoch keinen Funken Glauben an Ihn und ebenso keinen Funken Liebe zu Ihm und sind darum nun samt ihrem Tempel voll der finsteren Gottlosigkeit. Darum ward ihnen in dieser Nacht von Gott aus auch angezeigt, was sie für ihre gänzliche Gottlosigkeit zu erwarten haben. Und ich habe es euch darum zuvor gesagt, daß aus diesen Erscheinungen die Guten nur Gutes und nur die bösen und gottlosen Menschen Böses zu erwarten haben.

8. Da unten, wie im ganzen Lande, leben zwar der Geburt nach auch Juden; aber in ihrem Glauben und Wandel sind sie ärger denn die allerfinstersten Heiden, und es wird ihnen darum alle Gnade und alles Lebenslicht Gottes genommen und den Heiden gegeben werden. Darum sagte ich euch nun schon so einiges von dem allein wahren Gott, und ihr möget das auch daheim euren Anverwandten und Freunden sagen, was ihr gehört und gesehen habt. In wenigen Jahren aber werden von uns aus schon Boten zu euch gesandt werden, die euch im größten Umfange die licht- und machtvollsten Wahrheiten aus Gott werden kennen lehren.

9. Und da ihr nun solches von mir als auch einem Boten Gottes vernommen habt, so möget ihr nun denn im Namen des einen, allein wahren Gottes in Frieden ziehen in euer Land, und solltet ihr auf dem Meere einen Sturm haben, so rufet den einen, allein wahren Gott um Hilfe an, und es wird sich der Sturm alsbald legen, und ihr werdet darauf auf der ganzen weiten Reise kein Ungemach mehr zu bestehen haben! Und das soll euch auch zu einem Zeugnisse dienen, daß der allein wahre, eine Gott mit der Macht und Kraft Seines Geistes überall als Herr über alle Natur und über alle Elemente gegenwärtig ist und alle Kräfte der Natur in Seiner allmächtigen Willensmacht zu Hause sind.“

10. Hier dankten die Griechen dem Engel sehr für diese Belehrung und Verheißung.

11. Doch bevor sie sich noch zur Weiterreise anschickten, fragte der Redner, sagend: „Liebster und der Kraft Gottes vollster junger Freund! Wird aber der eine, allein wahre Gott, der Sich irgend hier unter euch sicher in der Person eines Menschen, dir gleich, befindet, wohl irgend darauf merken (achten), wenn wir uns weit von aller Länder Ufern mitten auf dem großen Meere in der Bedrängnis der bösen Stürme befinden werden?“

12. Sagte der Engel: „Wenn schon ich darum wissen werde, um wieviel mehr der allhöchste Geist Gottes! Siehe, ich als nun ein vor dir stehender Jude war in dieser meiner Persönlichkeit wohl noch niemals in Athen, wo ihr zu Hause seid, und dennoch weiß ich in meinem Geiste um gar alles, was sich in eurer ganzen großen Stadt befindet, und um alles, was sich namentlich in deinem Hause vorfindet und zu jeder Zeit in selbem geschieht! – Glaubst du mir das?“

13. Sagte der Grieche etwas verlegen: „O ja, ich will dir das schon glauben, daß du vermöge deiner inneren, wunderbarsten Kraft wohl um alles das wissen kannst; aber unter meinem großen Hause befindet sich –“

14. Sagte der Engel das Weitere: „– eine Katakombe, und in der hast du viel Gold, Silber und Edelsteine aufbewahrt, was deine mutigen und sehr pfiffigen Kaperer vor sieben Jahren einem römischen Handelsschiffe abgenommen haben. Nach unserem Gesetze wäre solch eine Tat eine übergroße Sünde vor Gott; denn du sollst dem Nebenmenschen nicht tun, was du sicher nie wollen wirst, daß dir dasselbe dein Nebenmensch tun möchte! Aber da kanntest du unser Gottesgesetz noch nicht und brachtest für den glücklich gelungenen Raub deinem Gott Merkur ein Opfer dar und konntest dich gegen unser Gottesgesetz darum nicht versündigen, weil es dir völlig unbekannt war.

15. Aber in der Zukunft sollst du, wie auch ihr alle, solch ein Gewerbe nicht mehr betreiben; denn so ihr das nun wieder betreiben würdet, so würde die Gnade des allein wahren Gottes nimmerdar euer Anteil werden. Zugleich aber steht ihr ja auch unter den recht weisen Staatsgesetzen Roms, die Raub und Diebstahl strengstens verbieten. So ihr euch halten werdet nach den römischen Staatsgesetzen, so werdet ihr euch auch gegen die Gebote Gottes nicht leichtlich versündigen. – Verstehst du das?“

16. Sagte der Grieche: „Ich sehe nun schon, daß euch wahren Kindern des einen, wahren Gottes nichts unbekannt ist; und wäre ich damals, so wie jetzt, mit euren rein göttlichen Gesetzen so bekannt gewesen wie nun, so wäre solch ein Raub auch nie begangen worden, wie er auch nie wieder begangen wird. Aber da kein Mensch auf dieser Erde das einmal Geschehene ungeschehen machen kann, so frage ich dich nun, was ich mit den geraubten Schätzen machen soll.“

17. Sagte der Engel: „Der, dem du die Schätze geraubt hast, ist ohnedies um vieles reicher denn du, er bedarf sonach dieser Schätze nicht; aber ihr habt der Armen eine übergroße Anzahl in eurem Lande, denen ihr Gutes tun könnet. Denn es spricht Gott der Herr also: ,Was ihr den Armen tut, das habt ihr Mir getan, und Ich werde es euch vergelten schon hier und hundertfältig in Meinem Reiche!‘ Verwertet sonach eure überflüssigen Schätze und beteilet die euch bekannten Armen, und ihr werdet dadurch sühnen eure Sünden vor Gott und den Menschen! – Und nun möget ihr im Frieden von hier abziehen!“

18. Hierauf dankten die Griechen noch einmal und fingen an abzugehen.

61. Kapitel. Die Ernährung der Engel. Hinweis auf das 6. und 7. Buch Mosis.

1. Es war aber nun auch schon das Morgenmahl bereitet, und Lazarus kam zu Mir hin und lud uns alle zum Morgenmahle. Wir gingen denn auch alsogleich und nahmen das Mahl auch bald zu uns.

2. Hierbei wunderte sich unser Nikodemus, als er auch den Engel ganz wacker essen und trinken sah, und fragte Mich, ob denn die Geister des Himmels auch essen und trinken gleich den materiellen Menschen auf dieser Erde.

3. Sagte Ich: „Erstens siehst du wohl, daß dieser Geist ebensogut ißt und trinkt wie Ich Selbst, der Ich in Meinem Wesen doch der allerhöchste Geist bin. Da aber nun dieser Geist für die Zeit seines Hierseins doch auch einen Leib haben muß, um sich euch sichtbar zu machen, so muß er solchen Leib, wenn er auch noch so ätherisch-zarter Art ist, auch mit der Kost dieser Erde ernähren, auf daß er für euch sichtbar bleibt, solange es nötig ist; wenn es aber nicht mehr nötig sein wird, dann wird er auch selbst im schnellsten Momente seinen Leib auflösen und euch als ein reiner Geist nicht mehr sichtbar sein.

4. Im Himmel der reinen Geister aber wird auch gegessen und getrunken, aber geistig und nicht materiell. Die geistige Speise aber besteht in der reinen Liebe und in der Weisheit aus Gott. Diese durchdringt die ganze Unendlichkeit und nährt alle die zahllosen Wesen, und zwar zuerst die Geister und dann durch diese alle materielle Schöpfung, und von dieser vorerst den unermeßlichen Ätherraum, in dem die zahllosen Myriaden Sonnen und Planeten oder Erden wie Fische im Meere und wie die Vögel in der Luft umherschwimmen. Aus dem Äther bekommen dann erst die Weltkörper ihre notwendige Nahrung und aus den Weltkörpern dann auch alle Geschöpfe auf und in ihnen. Bei den Weltkörpern aber wird zuerst die Luft aus dem sie allenthalben umgebenden Äther und durch sie erst der Weltkörper ernährt. – Hast du das nun aber auch wohl verstanden?“

5. Sagte Nikodemus: „Ja, Herr und Meister, so gut ein schwacher Mensch eine solche Sache Deiner unbegrenzten Weisheit nur immer verstehen kann! Wenn ich einmal geistiger sein werde, dann werde ich derlei Geistiges auch sicher klarer verstehen; doch jetzt geht mir noch gar vieles ab, da ich nicht weiß, was eigentlich ein reiner Geist ist, und wie er als solcher aussieht, und auch nicht weiß, welch ein Unterschied zwischen Äther und Luft besteht, und ebenso gar keinen Begriff habe, was da so ganz eigentlich eine Sonne ist, wie groß sie in ihrem Körperinhalte ist, und wie weit sie von der Erde absteht. So sprachst Du von mehreren Sonnen, um die Deine Weisheit wohl wissen wird. Doch woher sollte ich das wissen?! Aber so ich das, was da diesweltlich ist, noch so gut und klar wüßte, so kann ich doch von dem, was das Reingeistige ist, unmöglich etwas wissen, weil das für unsere materiellen Sinne nicht zugänglich und somit für unseren Verstand auch unfaßbar ist und bleibt.

6. Was ist ein Geist? Welche Gestalt hat er, und wo und wie lebt er? Das sind Fragen, die keinem Sterblichen je zur Genüge werden beantwortet werden können. – Habe ich recht oder nicht?“

7. Sagte Ich: „O ja, da hast du ganz recht gesprochen; denn solange der Mensch ein Sterblicher bleibt, wird er auf deine vier Fragen freilich wohl keine noch so klare Antwort zu begreifen imstande sein. Aber wenn er durch die Beachtung Meiner Lehre zur Wiedergeburt des Geistes und dadurch zur Unsterblichkeit gelangt ist, dann wird er die sonnenhelle Antwort auf deine etwas sonderbaren Fragen schon in sich finden; denn nur der Geist durchdringt sich und also auch die geistigen Tiefen in Gott, wie Ich euch solches gestern in der Nacht doch klar genug gezeigt habe. Da aber dein Gedächtnis nicht zu den stärksten gehört, so fragst du nun wieder um Dinge, die Ich ohnehin schon hellst beleuchtet habe. So du aber schon die diesirdischen Dinge nicht fassen und verstehen kannst, so kann es dich ja nicht wundernehmen, wenn du die geistigen und himmlischen Dinge und Verhältnisse noch weniger fassest und begreifest.

8. Warum habt ihr denn das sechste und siebente Buch Mosis und den prophetischen Anhang verworfen, beiseitegelegt und niemals gelesen? Darin steht gar vieles, das euch über den gestirnten Himmel und über die Welt der Geister und ihr Sein ein gar klares Licht gegeben hätte. Suche du jene Bücher hervor und lies sie, so wird es dir dann schon heller werden in deinem Herzen! Würde es je eine Materie geben, wenn nicht der Geister Kraft und Wille sie schaffte, richtete und erhielte?!“

62. Kapitel. Der Wert der Willensfreiheit des Menschen. Die jenseitige Erfahrungen der Propheten. Vom Seligwerden.

1. Sagte Nikodemus: „Ja, ja, Du hast ewig allein recht, und wir Menschen können kein Recht haben, weil in uns keine Wahrheit, Weisheit und keine wahre Lebenskraft waltet! Aber es ist und bleibt für den mit aller Welt umgebenen Menschen doch stets etwas sehr Schweres, sich von der Welt ganz loszureißen und sodann ganz ins Geistige überzugehen. Das pure Anhören selbst der weisesten Lehren genügt dem einmal blind gewordenen Menschen wenig oder nichts, wenn er nicht durch eigene Anschauungen und Erfahrungen zur Wahrheit der geistigen Sache gelangen kann.

2. Wenn aber nur ein Mensch für sich wohl Erfahrungen macht und Tausende um ihn aber nicht, so nützt das der Menschheit auch wenig, weil sie somit nur einem Erfahrenen glauben muß, ohne in sich je eine anschauliche Bestätigung dessen zu finden, was sie zu glauben genötigt ist. Ah, ein ganz anderes aber wäre es, wenn alle Menschen Anschauungen und Erfahrungen machten; dann müßte es ja mit der rein geistigen Bildung der Menschen vorwärtsgehen!“

3. Sagte Ich: „Wie ein Blinder über die Farben, so urteilest du nun über die Geistesdinge! Ich aber meine, daß eben Der, welcher die Menschen erschaffen hat, es wohl am allerbesten einsehen wird, wie Er die Menschen zu stellen und zu behandeln hat, damit sie über kurz oder lang das Ziel erreichen mögen, das Er ihnen gestellt hat. Ich habe euch nun Zeichen gewirkt, die euch genötigt haben zu glauben, daß eben Ich und ewig kein anderer der verheißene Messias bin. Aber diese Nötigung dient nicht wahrhaftig zu eurem Seelenheile, sondern ihr werdet erst selig, so ihr lebet nach Meinem Worte.

4. Glaube du es Mir: So Ich euch Menschen zu Maschinen machen wollte, so kostete Mich das nur einen mit Meinem Willen verbundenen Gedanken, und der ganze Tempel, ganz Jerusalem und das ganze große Land, in dem die Juden wohnen, würden Mich unmöglich für etwas anderes erkennen als für den Messias – Jehova Zebaoth! Aber wäre allen Juden und auch allen Heiden damit geholfen? Ich sage es dir: Wahrlich, nicht um ein Haar mehr als dieser hölzernen Speiseschüssel, die – wie du das sogleich sehen sollst – sich nach Meinem Willen nach allen Richtungen hin zu bewegen anfangen wird!

5. Sieh, nun lebt die Schüssel schon und schwebt in der Luft gleich einem Vogel umher! Möchtest du nun dein Dasein wohl mit ihr tauschen? Siehe, sie ist ganz lebendig und kann sich nach allen Richtungen hin bewegen; aber sie hat kein Selbstbewußtsein, sondern Mein höchsteigenes Bewußtsein durchdringt sie und macht sie lebendig. Du kannst an die Schüssel sogar Fragen stellen, und sie wird dir ohne Mund und Zunge antworten. Aber wirst du wohl je glauben können, daß die Schüssel für sich lebt, weise denkt und ohne Mund und Zunge spricht?!

6. Ich sage dir aber noch mehr: Ich kann dieser Schüssel vermöge Meiner Allmacht dieses Scheinleben für ewig erhalten. Wird sie aber darum je ein eigenes, selbständiges und freies Leben Mir gleich haben? Ewig nicht; denn solange Ich sie lebendig erhalte mit Meiner puren Macht, ist sie für sich so gut wie völlig tot. Denn ihr Scheinleben ist nur Meine Willensmacht in ihr und somit Mein höchst eigenes Leben. So Ich dieses zurückziehe, so ist auch der alte Tod und das alte, notwendige Gericht aller Materie da, und du wirst an ihr kein Leben mehr entdecken, – wie munter sie sich nun auch nach allen Richtungen hin und her bewegt.

7. Und siehe, eben ein solches Leben hätten die Menschen, so Ich sie mit Meiner Allmacht oder auch mit solchen Zeichen zwänge, die dem Menschen keinen freien Gedanken übrigließen. Und es ist sonach für den Menschen ein freier Unglaube um endlos vieles besser als ein durch Wundermittel erzwungener Glaube; denn die vollste und selbständigste Freiheit des Willens im Menschen ist der große Plan Gottes im Menschen. Der Mensch kann wohl ganz unschädlichermaßen von Gott belehrt werden, was er zu tun hat, um in sich des Lebens Vollendung zu erlangen; aber von Gott wie auch von einem andern Geiste darf er dazu nie mit einer Macht genötigt werden. Denn wird er das, so ist er gerichtet und somit für sich völlig tot und besteht als ein freies und selbständiges Wesen gar nicht mehr.

8. Und siehe nun, aus eben diesem Grunde werden von Mir aus gewisse von dir gewünschte Anschauungen und Erfahrungen im Reiche der reinen Geister so selten wie möglich zugelassen, und so solche schon dann und wann für einzelne Menschen, die dazu gleich den Propheten ausersehen sind, zugelassen werden, so müssen eben nur diese ausersehenen Menschen – die von oben her sind und schon auf einer anderen Welt die Leibeslebensprobe durchgemacht haben – solche Anschauungen und Erfahrungen über das Jenseits machen, weil ihnen solches nimmer schaden kann, aber auch den Nebenmenschen darum nicht, weil diese den Propheten nur glauben können, so sie wollen. Wollen sie aber nicht – was leider am allerhäufigsten der Fall ist –, so bleiben sie dennoch völlig frei in ihrem Denken und in der Selbstbestimmung ihres Handelns, und das frommt ihnen offenbar noch immer mehr als irgendeine äußere oder gar innere Nötigung zu einem Glauben.

9. Der Mensch wird zwar nur durch Gott und in Gott selig, aber nur insoweit, als er durch sein eigenes Wollen den Willen Gottes zu dem seinigen gemacht hat und in seinem Selbstbewußtsein gewisserart eins mit Gott geworden ist. Wenn aber Gott dem Menschen seinen freien Willen hinwegnähme und dafür durch Seine Allmacht Seinen eigenen Willen in des Menschen Herz setzte, so wäre der Mensch, wie schon gesagt, so gut wie für und in sich völlig tot, da nur der aufgedrungene allmächtige Wille Gottes den Menschen ebenso belebte, wie der Meinige diese Schüssel belebt hat. Gott aber hat den Menschen erschaffen und hat ihn belebt und also eingerichtet, daß er sich nach und nach selbst entfalten kann und muß, und das ist so weise, daß der Mensch sich mit aller seiner Vernunft und allem seinem Verstande nichts noch Weiseres vorstellen kann. – Und Ich meine nun, dir diese Sache genügend erklärt zu haben. Wenn du das nun verstehst, so erheben wir uns von den Tischen, gehen abermals hinaus ins Freie und sehen, was sich draußen alles zuträgt!“

63. Kapitel. Das Volk und die Templer.

1. Auf diese Meine Anrede erhoben sich alle von den Tischen und folgten Mir ins Freie hinaus, und zwar auf die Stelle, auf der wir uns schon vor dem Morgenmahle befanden. Von da aus sah man gen Emmaus hin, einem Flecken in der Nähe von Jerusalem. Von Jerusalem führten mehrere Wege dahin, aber nur für Fußgänger. Eine Fahrtstraße aber führte nicht hin, außer auf einem großen Umwege, so daß ein Mensch um vieles eher zu Fuße nach dem Flecken kommen konnte als ein Fuhrmann. Die Menschen zogen am heutigen Tage als an einem Donnerstag ordentlich in Massen hinaus nach diesem Flecken; denn es war in diesem Orte und an diesem Tage ein Brotmarkt, und die Menschen zogen darum hinaus, um sich dort gewöhnlich für eine Woche mit Brot zu versehen. Es war nun in diesem Flecken wegen der in der vergangenen Nacht stattgehabten Erscheinungen beinahe gar kein Brot gebacken worden, die vielen Menschen waren aber eben des Brotes wegen da hinausgezogen.

2. Als unser Nikodemus das von Mir in Erfahrung gebracht hatte, da sagte er: „O Herr und Meister, da wird es übel aussehen; denn in diesem Orte befinden sich ja eben des Tempels Bäckereien und tragen ihm wöchentlich gut tausend Silbergroschen römischen Geldes ein. Und heute kein Brot, und das Volk wird mit Ungestüm das Brot verlangen! Oh, da wird es zu Meutereien kommen, die nun kaum zu verhüten sein werden! Was wird da zu machen sein? Es ist nur der einzige böse Umstand dabei, daß über diese Tempelbäckereien zu Emmaus gerade ich die Oberaufsicht zu führen habe und dem Tempel für die richtige und rechtzeitige Bereithaltung einer hinlänglichen Menge Brotes verantwortlich bin. O weh, o weh, diese Geschichte sieht wahrlich gar nicht gut aus! O Herr und Meister! Was wird nun da zu machen sein? Woher nun das Brot schaffen für so viele Menschen? Du, o Herr, könntest mir da wohl helfen, wenn es Dein heiliger Wille wäre!“

3. Sagte Ich: „Dir soll auch geholfen werden; doch sage Ich dir und euch allen: So ihr nicht in einem fort Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht, und wenn die euch vorgesagte Wahrheit auch als solche schon ordentlich mit den Händen zu greifen ist! Es wird aber das Volk wegen des Brotmangels keine zu großen Geschichten machen, da es in der Nacht auch die Erscheinungen gesehen hat. Es gibt beinahe niemanden in der Stadt, noch in ihrer weiteren Umgebung, den die gesehenen Erscheinungen nicht heute und noch mehrere Tage lang ängstigen werden, und so wird auch deine gefürchtete Meuterei in Emmaus sicher nicht stattfinden, wenn das Volk auch gar kein Brot bekäme. Es wird aber schon des Brotes einen rechten Vorrat finden.

4. Aber Ich werde euch nun auf etwas anderes aufmerksam machen, aus dem heute und auch morgen für den Tempel eine größere Verlegenheit erwachsen wird als aus dem etwaigen Brotmangel in Emmaus. Seht, wie auf allen Straßen, die nach Jerusalem führen, eine Menge Volk herbeiströmt! Das Volk kommt vom Lande und will sich im Tempel Rates erholen und aus dem Munde der Priester erfahren, was es mit den Erscheinungen für eine Bewandtnis habe. Und da wird es den Templern schlecht ergehen! Diese werden dem Volke wohl Bußpredigten über Bußpredigten halten und werden reden vom Zorne Gottes, und wie Gott nunmehr nur durch starke Bußübungen und große Opfer wieder versöhnt werden könne.

5. Aber das Volk wird sagen: ,Warum sagt ihr uns das erst jetzt, da ihr es von Gott doch schon lange hättet erfahren können und sollen, wie es mit uns vor Seinem Angesichte steht? Denn wir wissen es von alter Zeit her, daß Gott Sein Volk, wenn es irgend leichtsinnig Seiner vergaß, stets durch Propheten und Seher jahrelang vorher erinnern ließ, was über dasselbe kommen werde, so es sich nicht zu Gott wieder zurückwende. Aber diesmal kamen keine Propheten, die uns zuvor verkündigt hätten, wie wir etwa vor Gott stehen! Und so nun auch schon in der jüngsten Zeit irgend Propheten aufgestanden sind, die uns zur Buße und wahren Besserung ermahnten, so erklärtet ihr sie für falsch und verfolgtet sie und auch die, welche sie anhörten und sich danach kehren wollten. Und da ihr nun mit uns die schrecklichen Zeichen gesehen habt, aus denen es sich mit Händen greifen läßt, daß Gottes Zorn im höchsten Maße über uns gekommen ist, so wollet ihr die Schuld nun ganz auf uns legen; wir aber werden das nicht annehmen, und uns ohne euer Gebet selbst an Gott wenden und Ihn bitten, daß Er uns vergebe unsere Sünden, – und das werden wir darum tun, weil ihr uns nicht schon lange vorher gesagt habt, wie wir vor dem Angesichte Jehovas stehen.‘

6. Solche Rede des Volkes wird die Priester in eine große Verlegenheit setzen, und es werden etliche zum Volke sagen: ,Gott ist aber sicher wohl nur darum also über euch erzürnt, weil ihr uns nicht hören und glauben wollt, sondern euch zu den gewissen falschen Propheten wendet, die wider uns sind und sich alle Mühe geben, euch von uns abwendig zu machen.‘

7. Da wird das Volk aber sagen: ,Ihr irret euch da; denn wir haben noch keines falschen Propheten Stimme und Wahrsagers Wort vernommen. Die wir aber hörten, die waren keine falschen Propheten; denn sie lehrten offen und erklärten laut vor aller Welt, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Ihr aber verfolgtet sie, wie ihr es mit solchen Menschen zu allen Zeiten getan habt, und das wird auch wohl der Grund sein, warum Gott uns Seinen großen Zorn angezeigt hat, und wie Er uns zur harten Zucht in die Hände unserer Feinde geben wird. Daß ihr Priester aber keine Propheten seid, sehen wir klar daraus, daß ihr nicht wußtet bis zur Stunde, wie wir vor dem Angesichte Gottes stehen.‘

8. Da wird abermals ein Priester sagen: ,So ihr uns aber dafür haltet, daß wir nichts wüßten und fürs Volk gar nichts mehr wären, – warum kamet ihr denn hierher in den Tempel? Da hättet ihr ja sonach daheim bleiben können!‘

9. Da wird das Volk sagen: ,Euretwegen sind wir auch wahrlich nicht gekommen, sondern des Tempels und Gottes wegen, den wir allerinbrünstigst bitten wollen, daß Er uns vergebe unsere Sünden. Ihr aber könnet mit uns beten, so ihr wollet; aber wir werden euch darum kein Opfer darreichen, sondern was wir opfern werden, das werden wir opfern den Armen und Bedrängten.‘

10. Darauf werden sich die Priester zurückziehen, und das Volk wird im Tempel und in seinen Vorhallen einen großen Lärm machen. Du, Freund Nikodemus, aber kannst nun, so du es willst, hinabgehen in den Tempel und dich von allem dem, was Ich nun zu dir und zu allen geredet habe, selbst überzeugen und kannst bei dieser Gelegenheit dem Volke auch einige wahre Trostworte sagen; doch von Meinem hiesigen Aufenthalt sage dem Volke ja nichts!“

11. Als Ich solches zu Nikodemus gesagt hatte, da dankte er Mir dafür und sagte auch noch hinzu: „Das werde ich alles genauest befolgen und auch suchen, nach Möglichkeit das Volk zur Ruhe zu bringen. Aber was werde ich dem Hohenpriester, den Pharisäern und den Ältesten für eine Antwort geben, so sie mich fragen werden, wo ich diese Schreckensnacht zugebracht habe, da ich – was sie alle nun schon gar sicher wissen werden – weder im Tempel noch daheim in meinem Hause zu erfragen war? Wenn ich da die Wahrheit reden muß, so verrate ich mich und Dich!“

12. Sagte Ich: „Gehe du nur ganz ruhig hinab und habe keine Furcht, es wird dich kein Mensch darum fragen, und was du zu reden haben wirst, das wird dir in den Mund gelegt werden! Am Abend aber kannst du, so du willst, schon wieder heraufkommen; denn heute werde Ich noch ganz hier verbleiben.“

13. Hierauf ging Nikodemus hinab, sah sich aber während des Gehens öfter um, ob ihn nicht etwa ein echter Jude erschaue. Aber Ich sandte ihm Raphael nach und ließ ihn bis zum Stadttore geleiten, so daß niemand Nikodemus zu ersehen vermochte. Am Tore aber verschwand der Engel plötzlich und befand sich im selben Moment wieder in unserer Mitte.

14. Darauf sagte Ich zu ein paar Jüngern, daß auch sie, so sie wollten, sich bis zum Mittage hin in den Tempel verfügen könnten, um Zeugen von dem zu sein, was sich im Tempel zutragen werde. Da gingen auch die Jünger hinab und blieben im Tempel bis über den Mittag, worauf sie wieder zu uns kamen und erzählten, was sie erlebt hatten.

64. Kapitel. Der Dank der befreiten Sklaven.

1. Hierauf sagte Lazarus zu Mir: „Herr, da wäre ich selbst auch so ein wenig neugierig, wie diese Geschichte im Tempel heute enden wird; denn ich sehe noch viel Volk auf allen Straßen einherziehen. Wenn das den Tempel füllen wird, so wird es ein Drängen und ein Schreien abgeben, wie man etwas Ähnliches sicher schon seit langem nicht erlebt hat. Da wird der Nikodemus mit seiner schwachen Stimme nicht wohl auslangen! Es kann da wahrlich ganz leicht zu einem großen Tumulte kommen!“

2. Sagte Ich: „Sorge du dich um etwas anderes! Ich habe schon noch der Mittel genug in Meinen Händen, um einen zu großen Tumult zu verhindern; aber es wird die Sache wahrscheinlich nicht soweit kommen.

3. Jetzt aber sind unsere Jungen auch schon wach geworden und haben Hunger. Darum gehe du, Mein Raphael, zu ihnen und mache, daß sie zu essen und etwas Wein, aber mit zwei Drittel Wasser vermischt, bekommen!“

4. Raphael besorgte solches schnell, was den Jungen eine große Freude machte, so daß sie kaum erwarten konnten, Mir ihren kindlich herzlichen Dank abzustatten.

5. In kurzer Zeit waren sie alle wohlgestärkt außer dem Hause, und Raphael führte sie zu Mir hin. Hier stellten sie sich in einer langen Reihe auf, dankten Mir laut für eine so gute Verpflegung und baten Mich, daß Ich zu ihnen kommen möchte, auf daß Mir ein jeder einzeln seine Liebe bezeigen könnte; denn da ihrer so viele seien, könnten sie nicht alle auf einmal zu Mir kommen und Mir ihre große Liebe bezeigen.

6. Da sagte Ich zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es hat dies nun nicht not! Wenn ihr aber das schon tun wollet, so kommet lieber einzeln zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe; denn so Ich zu euch ginge, da könnte unter euch leicht eine Eifersucht entstehen, da ihr dann unter euch beraten und sagen würdet: ,Aber warum wandte sich denn der gute Vater nicht zu mir oder zu diesem oder jenem? Den einen oder den andern hat er gewiß lieber als mich oder meinen Nachbar!‘ Damit aber eine solche Meinung unter euch nicht Platz greife, so kommet selbst einzeln oder auch paarweise zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe, und ihr werdet dann nicht sagen können: ,Siehe, diesen oder jenen hat der gute Vater mehr ausgezeichnet!‘ Denn es hängt das rein von euch ab, welcher von euch am ersten zu Mir kommen will.“

7. Sagten die Jungen: „Ja, guter Vater, wir möchten aber alle am ersten bei dir sein, und das gäbe dann ein für dich sehr lästiges Gedränge! Darum möchtest doch du bestimmen, an welchem Orte oder Ende unserer Reihe wir anfangen sollen; denn eine Ordnung muß ja auch in der Liebe sein, weil eine Unordnung auch in der Liebe nicht schön wäre. Denn der gute Gott in diesem schönen Lande hat alles so schön geordnet, und so müssen wir aus Hochachtung zu Ihm auch alles in einer gewissen Ordnung verrichten!“

8. Sagte Ich: „Nun wohl denn, wenn ihr es schon durchaus so haben wollet, so fanget beim rechten Ende eurer Reihe an und kommet!“

9. Diese Anordnung gefiel den Jungen, und so eilten sie nun vom rechten Ende, ein Paar nach dem andern, und zwar zuerst die Jünglinge und darauf erst ebenso die Mägdlein, zu Mir. Vor Mir verneigten sie sich tief, dann ergriffen sie Meine Hände und drückten dieselben an ihre Brust, verneigten sich darauf wieder und zogen in guter Ordnung in ihre vorige Reihe.

10. Als Mir also alle ihre Liebe bezeigt hatten und sie sich wieder in ihrer alten Ordnung befanden, da verbeugten sich abermals alle tief gegen Mich und fragten, was sie nun tun dürften.

11. Und Ich sagte zu ihnen: „Erheitert euch mit allerlei nützlichen Betrachtungen! Sehet euch diese schöne Gegend an, betrachtet die Blumen und verschiedenes anderes und gedenket dabei, wie das alles ein guter Gott mittels Seiner Weisheit und Allmacht aus Sich heraus erschaffen hat, und seid Ihm darob recht sehr dankbar in euren Herzen, so werdet ihr die Zeit am allernützlichsten zubringen und dabei eine große Freude haben in euren Herzen! Aber ihr brauchet dabei nicht stets also in einer Linie zu stehen und zu gehen, sondern stehet und gehet frei, und das also, wie ihr das hier an Mir und an allen andern Menschen sehet, so werdet ihr euch um vieles besser vergnügen, als so ihr gleichfort eure steife Linienordnung beachtet. – Gehet nun und tuet nach Meinem Rate!“

12. Hier dankten die Jungen für solch einen guten Rat, lösten alsbald ihre Linie auf und zerstreuten sich nach allen Richtungen des Berges und unterhielten sich so ganz gut in der frischen und freien Natur.

65. Kapitel. Das Schauvermögen der Seele nach dem Tode.

1. Wir aber gingen auch noch mehr fürbaß, und zwar auf dieses Berges höchsten Punkt. Da befand sich ein ordentliches Wäldchen von Ölbäumen, unter denen sich eine Menge Bänke und Sitze befanden, und alle ließen sich da nieder und lobten den Lazarus für solch eine zweckmäßige Herstellung von so vielen und so niedlichen Ruhebänken und Sitzen. Lazarus dankte allen für die gute Meinung und hatte eine rechte Freude darob. Von dieser nach allen Richtungen hin ganz freien Höhe genoß man die schönste Aussicht. Von da aus sah man den Jordan und sein Tal und – freilich in weiter Ferne – auch einen Teil des Toten Meeres.

2. Alle betrachteten mit großem Entzücken die schönen Gegenden, die umliegenden Städte, Flecken und Dörfer eine gute Weile lang, ohne ein Wort zu reden, und Agrikola sagte, als er sich alles sehr gut angesehen hatte: „Meine Lieben alle, wie ihr hier seid, und vor allem Du, o Herr und Meister, ich muß hier ganz offen gestehen, daß ich in unserem weiten Reiche noch niemals eine gar so wunderherrliche Gegend und Landschaft gesehen habe wie eben diese hier! Wahrlich, in solch einer herrlichen Gegend muß einem Menschen das Sterben noch bitterer und schwerer vorkommen, als in einer mehr wüsten und minder schönen Gegend! Denn da möchte man schon gleich so ewig fort leben und sich weiden an so einem Anblick! – Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser meiner Meinung?“

3. Sagte Ich: „Freund, du hättest da mit deiner Meinung wohl recht, wenn die Seele nach des Leibes Tode im Verbande mit dem Geiste aus Gott nicht das Vermögen überkäme, endlos herrlichere Gegenden auch in anderen Welten zu schauen und zu genießen, – wenn das Anschauen von wunderschönen Gegenden und Landschaften für eine Seele schon ein höchster Seligkeitsgenuß sein sollte. Aber Ich meine, daß es nach dem Abfalle des Leibes für eine lebensvollendete Seele wohl noch höhere Seligkeitsgenüsse geben wird als bloß das Anschauen von sehr schönen Landschaften.

4. Ich setze dir den Fall, daß du hier – sage – nur hundert Jahre hindurch diese Landschaft in einem fort betrachten müßtest und wärest dabei aber auch mit allen anderen Leibesbedürfnissen auf das reichlichste versorgt, so stehe Ich dir dafür, daß dich diese schöne Landschaft bald derart zu langweilen anfangen würde, daß du sie dann in deinem ganzen Leben nimmer ansehen möchtest. Ja, unter guten Freunden dann und wann macht der Anblick einer schönen Gegend auf das menschliche Gemüt immer einen erhebenden Eindruck; aber dann sehnt sich die Seele bald nach Veränderungen, damit sie größere und gedehntere Erfahrungen mache und aus ihnen auch stets etwas Neues erlerne.

5. So gut aber eine vollkommene Seele jetzt durch die Augen des Leibes das schauen kann, was sie umgibt, so wird sie das Vermögen des Schauens, Hörens und Fühlens in ihrem reinen Geisteszustande wohl auch noch in einem höheren Grade und Maße besitzen, als sie das jetzt in dem schweren und mühseligen Leibe besitzt! Ich habe es euch ja schon ehedem unten vor dem Hause gezeigt, wie das innere Schauen der Seele beschaffen ist – worüber du dich selbst im hohen Grade verwundert hast –, als dir die von Mir auf eine kurze Zeit im Geiste entzückten und zuvor nie in Rom gewesenen Menschen deine große Vaterstadt so genau beschrieben haben, wie du sie selbst nie genauer mit deinen Augen hattest schauen können.

6. Da wirst du denn doch wohl einsehen, daß die Seele in ihrem freien und rein geistigen Zustande ein viel höheres Sehvermögen besitzt als in dem beschränkten Leibe! Wenn aber erwiesen das der Fall ist, so kannst du, wenn du Meinen Worten und Zeichen und auch deinen im Fache des Seelisch-Geistigen gemachten Erfahrungen den vollen und lebendigen Glauben schenkst, doch wahrlich nicht sagen, daß man in einer solchen Gegend dem Leibe nach schwerer sterben würde als in einer öden und düsteren Landschaft! Daß eine jede Seele nach dem Tode des Leibes aber fortlebt und sich ihres Lebens klarst bewußt ist, das wirst du etwa doch nicht mehr bezweifeln?“

7. Sagte Agrikola: „Herr und Meister, das sicher nicht, da ich doch schon zuvor in Spanien, in Sizilien und in Ägypten Erfahrungen über das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes gemacht habe, und das sicher auf eine alleruntrüglichste Weise. Aber es handelt sich hier um etwas ganz anderes, und das ist es eben, weshalb ich mir ehedem eine Bemerkung zu machen erlaubte!“

8. Sagte Ich: „Und worin besteht denn dieses dein anderes? Rede nun nur zu; denn wir haben noch viel Zeit bis gen Mittag hin, um noch so manches zu verhandeln!“

9. Es traten aber nun auch die vielen anwesenden Zöllner vor Mich und fragten Mich, ob Ich ihnen wohl darum nicht gram werden würde, so sie bis an den Abend hin sich nach Hause begäben, um alldort nachzusehen, ob alles wohl in der Ordnung sei, und ob sich ihre Diener bei dieser Gelegenheit gegen das noch immer auf allen Straßen hereinziehende Volk etwa nicht irgendwelche Bedrückungen erlaubten.

10. Sagte Ich: „Tuet das und tuet Gutes nun für so manches Üble, das ihr durch viele Jahre an den Menschen begangen habt, so werden euch eure Sünden vergeben sein! Wie ihr aber nun frei abziehet, so könnet ihr auch frei wiederkommen.“

11. Mit dem verneigten sich die vielen Zöllner, dankten für alles Empfangene und Genossene und zogen dann schnell ab.

66. Kapitel. Das Wesen der Seele und des Geistes. Die Seele im Jenseits.

1. Ich aber sagte abermals zu Agrikola: „Nun kannst du deine Sache vorbringen, – und so rede nun!“

2. Sagte Agrikola: „Herr und Meister, daß des Menschen Seele auch nach dem Tode des Leibes fortlebt, das ist nun eine völlig abgemachte Sache der klarsten Wahrheit. Aber wo kommt sie hin, und was ist eigentlich ihr Wesen und was das des ganz reinen Geistes? Da Raum nach Deiner Belehrung der unendlich ist, so müssen ja auch die Seelen und selbst die reinsten Geister sich innerhalb des endlos ewig großen Raumes befinden; denn ein Außerhalb desselben kann es ja unmöglich irgend geben.

3. Dann noch eine Frage: Welche Gestalt hat für sich eine Seele oder gar ein reiner Geist, und warum kann ein natürlicher Mensch nicht immer die Seelen und Geister sehen? Herr, nur auf diese meine Fragen gib mir noch eine lichtvolle Antwort, und ich will Dich dann um nichts mehr fragen; denn unsere volle Unwissenheit in dieser Sache ist eigentlich dasjenige, was uns das Sterben gar bitter und angstvoll macht. Haben wir Menschen aber auch darin ein genügend helles Licht, so werden wir leicht sterben und nicht ängstlich am tollen Leben des Fleisches hängen.“

4. Sagte Ich: „Ja, das wäre Mir etwas sehr Leichtes, dir das zu erklären, wenn du nur das freie Verständnis dafür besäßest; aber das besitzest du eben noch nicht, obwohl du seit deinem Hiersein schon gar vieles in eben dieser Hinsicht von Mir wohlbeleuchtet vernommen und auch in wohlgeordneten Wunderzeichen selbst gesehen und erfahren hast. Und so ist das eine schwere Sache, dir diese Sache noch näher zu beleuchten, als sie dir schon beleuchtet worden ist.

5. Die Seele des Menschen ist eine rein ätherische Substanz, also – wenn du das fassen kannst – aus sehr vielen Lichtatomen oder möglich kleinsten Teilchen zu einer vollkommenen Menschenform zusammengesetzt durch die Weisheit und durch den allmächtigen Willen Gottes, und der reine Geist ist eben der von Gott ausgehende Wille, der da ist das Feuer der reinsten Liebe in Gott.

6. Der reine Geist ist ein Gedanke Gottes, hervorgehend aus Seiner Liebe und Weisheit, und wird zum wahren Sein durch den Willen Gottes. Da ber Gott in Sich ist ein Feuer aus Seiner Liebe und Weisheit, so ist das gleiche auch der in ein eigenes Sein realisierte und gewisserart aus Gott getretene Gedanke. Wie aber das Feuer eine Kraft ist, so ist dann solch ein Gedanke aus Gott auch eine Kraft in sich, ist seiner selbst bewußt und kann für sich wirken in eben jener Klarheit, aus der er hervorgegangen ist. Als eine Reinkraft durchdringt er alles, was du Materie nennst, kann aber von der Materie nicht durchdrungen werden, weil die Materie im weiteren Verlaufe nichts ist als eine Außenäußerung des Geistes aus Gott.

7. Die Seele ist gewisserart durch die Kraft des Geistes wieder aufgelöste Materie, die in des Geistes eigene Urform, durch seine Kraft genötigt, übergeht und sodann, mit ihrem Geiste vereint, gleichsam seinen lichtätherisch- substantiellen Leib ausmacht, so wie die Seele aus der sie umgebenden Fleischmaterie, wenn diese völlig verwest und aufgelöst worden ist, sich durch ihren rein geistkräftigen Willen ihr einstiges Kleid formt und bildet.

8. Da hast du nun eine ganz kurze und vollwahre Darstellung dessen, was die Seele für sich ist, und was der reine Geist für sich ist.

9. Wohin aber eine Seele beim Austritt aus ihrem Leibe kommt, das dem Ort im Raume nach zu bestimmen, wird für dich wohl noch schwerer zu fassen sein; aber Ich will dir dessenungeachtet einen Wink geben, aus dem du für dich einiges Licht ziehen kannst. Denn das Eigentliche wirst du erst dann in dir selbst erfahren, wenn du eben auch in dir selbst zur vollen Wiedergeburt oder vollen Einigung des Geistes mit deiner Seele gelangt sein wirst, weil solches die Seele so lange nie völlig fassen kann, solange sie sich nicht durch die Kraft des Geistes in ihr also gestaltet, daß sie fähig ist, sich mit dem Geiste völlig zu einen.

10. Raumörtlich hält sich eine Seele nach dem Abfalle ihres Leibes – besonders in ihrer ersten Seinsperiode – gewöhnlich dort auf, wo sie sich im Leibe auf der Erde aufgehalten hat, das heißt, wenn sie als noch nicht völlig vollendet ins fleischlose jenseitige Reich übertritt.

11. In solchem Falle sieht und hört sie aber von der Naturwelt, die sie im Leibe bewohnt hat, dennoch nichts, wenn sie sich auch räumlich auf eben derselben Welt befindet. Ihr Sein ist mehr oder weniger wie ein heller Traum, in welchem die Seele auch in einer gleichsam aus ihr hervorgegangenen Gegend oder Landschaft lebt und ganz so tut und handelt, als befände sie sich in einer ganz natürlichen Welt, und es geht ihr die verlassene Naturwelt nicht im geringsten ab.

12. Aber durch Zulassungen von Gott aus wird die von ihr bewohnte Gegend oft vernichtet, und die Seele befindet sich in einer andern, die ihrem inneren Zustande ganz angemessen ist. Bei einer solchen Seele dauert es dann oft wohl lange, bis sie durch manche Belehrung dahin kommt, daß das alles, was sie dort zu besitzen wähnt, eitel und nichtig ist. Kommt sie einmal aus manchen Erfahrungen und Erscheinungen zu dieser Einsicht, so fängt sie dann erst an, ernstlicher über ihren Zustand und ihr Sein Betrachtungen zu machen und daraus auch eben mehr und mehr innezuwerden, daß sie die frühere, irdische Welt verlassen hat, und die Sehnsucht wird in ihr wacher, eine bleibendere und unwandelbarere Lebensstätte zu bekommen.

13. In solch einem Zustande wird sie von schon vollendeteren Geistern belehrt, was sie zu tun hat; und tut sie das, so wird es denn auch heller und heller in ihr, weil ihr innerer Geist sie mehr und mehr durchdringt. Je mehr sie aber der innere Geist durchdringt und gleichsam in ihr wächst wie ein Kind im Mutterleibe, desto mehr Bestand fängt um sie herum alles anzunehmen an.

14. Wenn aber eine Seele einmal dahin kommt, daß ihr innerer Geist sie ganz durchdringt, dann kommt sie auch zum vollen Hellsehen und klaren Erkennen, zum vollsten Bewußtsein und zur klaren Erinnerung an alles: was sie war, wie sie geworden ist, was sie gemacht hat und wie die Welt, in der sie im Leibe gelebt, ausgesehen hat, und wie sie bestellt war.

15. Solch eine Seele kann dann sowohl diese Erde als auch den Mond, die Sonne, alle die andern um diese Sonne kreisenden Planeten oder Erden – was bisher freilich noch kein Sternkundiger, weder ein Grieche, noch einer der alten ägyptischen PDOLOMEUZE (Feldmesser) erkannt hat – und auch die anderen Sonnen in einer oder mehreren Hülsengloben, die Ich euch schon gestern hinreichend erklärt habe, auf das allergenaueste durchschauen und sich an ihrer wunderbaren Gestaltung und Einrichtung wahrhaft im höchsten Grade ergötzen und die wahre und höchste Freude haben an der Liebe, Weisheit und Macht des einen Gottes.“

67. Kapitel. Die verschiedenen Stufen der Seligkeit vollendeter Seelen.

1. (Der Herr:) „Das steht also solch einer vollendeten Seele sicher und sogar notwendig bevor, und doch ist diese Eigenschaft einer lebensvollendeten Seele als ein mindester Grad der eigentlichen großen Seligkeit anzusehen, weil das allein eine vollendete Seele mit der Weile ebenso anzuwidern anfangen würde, wie es dich hier anwidern würde, wenn du diese noch so schöne Landschaft nur hundert Jahre nacheinander fort betrachten und bewundern müßtest.

2. Die größere Seligkeit einer Seele besteht doch offenbar nur darin, daß die vollendete Seele auch mit der wahrhaften göttlichen Schöpferkraft ausgerüstet und versehen ist und aus gottähnlicher Weisheit alles bewirken kann, was Gott Selbst auf ganz dieselbe Art und Weise bewirkt und hervorbringt.

3. Ein noch höherer und eigentlich schon beinahe allerhöchster Seligkeitsgrad einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie Gott, den alleinigen Herrn und Schöpfer der Unendlichkeit, als ihren höchsten Lebensfreund fort und fort um sich haben und Ihn ohne alles Maß und ohne alle Grenzen lieben kann und mit Ihm in einem Augenblick die ganze geistige und materielle Schöpfung übersehen kann.

4. Das gar Allerhöchste der Seligkeit einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie sich, als mit Gott durch die Liebe völlig vereint, auch in der vollsten göttlichen Freiheit befindet.

5. Wie aber das dir nun Gesagte völlig wahr ist, das kannst du allein an diesem Meinem jungen Diener schon mit deinen leiblichen Augen gar wohl entdecken. Du fragtest Mich schon ein paarmal, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis habe, woher und wer er sei. Und nun will Ich es dir kundtun:

6. Siehe, dieser Jüngling ist schon lange ein reiner Geist, hat aber schon einmal auf dieser Erde als ein Mensch im Fleische gelebt! Sein Name war Henoch, und er war ein erster Prophet und Gotteslehrer der ersten Nachkommen Adams.

7. Da seine Seele in jener Urzeit der Menschen dieser Erde in der höchsten und reinsten Liebe zu Gott entbrannte, so löste eben solche Liebe seinen Leib in eine ätherische Substanz auf, mit der die freie Seele bekleidet ward und sofort für immer ein Erzengel der höchsten Himmel Gottes, das heißt der höchsten göttlichen Freiheit, wurde, was du wohl daraus ersehen kannst, daß sie hier zu nächst um Mich ist.“

8. Hier machte Agrikola große Augen und sagte: „Wie? Das wäre ein Geist, und das ein reiner und vollendeter auch noch dazu?! Er hat ja doch sichtbar Haut, Fleisch und Blut und ißt und trinkt wie unsereins!

9. Daß er Wunderbares gleich Dir bewirken kann, das habe ich mir also erklärt, daß er schon lange Dein Jünger sein werde und als solcher von Dir dazu die gehörige Weisheit und Macht erhalten habe; denn als einen ganz reinen Geist könnten wir Menschen ihn ja nicht sehen. So man ihn angreift, so fühlt man alles wie bei einem ganz natürlichen Menschen. Aber Du hast es nun gesagt, und ich muß es Dir glauben, obschon das all mein Denken noch mehr verwirrt. Wie hat denn dieser reine Geist nun einen Leib?“

10. Sagte Ich: „Ich habe es dir ja ehedem gesagt, daß wir nun so manches verhandeln können, weil wir dazu Muße haben, und so werden wir mit dem schon auch noch ins reine kommen. Siehe, da steht schon Mein Raphael Henoch vor uns, und Ich sage dir nun, daß du das Weitere, was du wissen willst, mit ihm selbst verhandeln kannst; denn er wird dir ganz dieselbe Auskunft geben, die Ich dir geben würde, und was er dir sagen und zeigen wird, das wird er dir sagen und zeigen aus seiner selbständigsten Freiheit, Macht, Weisheit und Kraft, weil er sich solche aus Gott völligst zu eigen gemacht hat. – Und so magst du nun mit ihm deine Erforschungen beginnen!“

68. Kapitel. Das Wesen der Engel.

1. Sagte hierauf Agrikola zu Raphael: „Hochliebster Diener unseres Gottes, Herrn und Meisters! Was hast du denn als ein reiner Geist hier für einen Leib? Ist das auch, wie bei mir, Fleisch und Blut?“

2. Sagte Raphael: „Fühle mich an und überzeuge dich selbst!“

3. Hier befühlte der Römer des Engels Hände und Füße und fand, daß sie ganz so aus Fleisch und Blut bestanden wie die eines andern Menschen, und er sagte darauf: „Ja, da ist wahrlich nichts Geistiges zu fühlen, – und dennoch sollst du ein reiner Geist sein, und das schon beinahe so alt wie das Menschengeschlecht auf dieser Erde?“

4. Sagte nun der Engel: „Befühle mich noch einmal, und wir wollen hören, wie du nachher urteilen wirst!“

5. Hier fing der Römer den Engel neuerdings zu befühlen an; aber nun fühlte er keinen Körper mehr, und wo er den Engel anfaßte, da gingen seine Finger ebenso leicht hindurch wie durch die Luft.

6. Als er diese zweite Erfahrung gemacht hatte, da sagte er hochverwundert (der Römer): „Ah, da könnte aber doch selbst der allergescheiteste Mensch zu einem Narren werden! Ehedem war alles gediegen, und jetzt ist alles Luft und somit so gut wie völlig nichts! Ja, aber sage mir nun – wenn du als ein gar so luftiges Phänomen noch reden kannst –, wo du deinen früheren, wohlfühlbaren Leib nun hingetan hast!“

7. Sagte der Engel: „Gar nirgends hin, sondern ich habe ihn noch genau also, wie ich ihn früher gehabt habe! Daß du ihn früher als festen Leib fühltest, das war mein freier Wille; und daß du ihn nun zum zweiten Male gar nicht fühltest, das war auch also mein Wille. Denn was wir vollendeten Geister wollen, das geschieht, wie wir es aus unserer Freiheit und Weisheit wollen, entweder augenblicklich oder nach und nach in einer bestimmten weisen Ordnung.

8. Denn wir sind durch unsere Liebe zu Gott auch völlig in Seiner uns ertragbaren und wohl erkennbaren Weisheit und Macht, und so ist Gottes Liebe auch unsere Liebe, Seine Weisheit unsere Weisheit, Sein Wille unser Wille und Seine Macht auch unsere Macht. Aber dennoch gibt es in Gott noch unergründliche Tiefen, die kein geschaffener Geist je ergründen wird; und könnte er das, so wäre er nicht selig, weil er dann aus Gott keine steigende Seligkeit mehr zu erwarten hätte. – Verstehet ihr Römer das wohl?“

9. Sagten nun mehrere Römer: „Ja, du unser Freund – wenn du auch ein Geist bist –, um das so recht zu verstehen und zu fassen, dazu gehört mehr als unser römischer Verstand! Es wird schon alles also sein; doch das eigentliche Wie müssen wir erst bis dahin abwarten, wenn wir selbst in unseren Seelen vollendeter sein werden.“

10. Sagte der Engel: „Höret, ich rede nun nur mit dem Agrikola und nicht mit euch allen zugleich; denn ich weiß das schon ohnehin, daß ihr andern nicht gleich verständig seid. Darum mögen nun alle hören und auf alles aufmerksam sein, was ich mit dem Verständigsten von euch rede, und was ich ihm zeige! Und so rede du, Agrikola, nun allein!“

11. Sagte nun Agrikola: „Ja, ja, du mein rein geistiger Freund, ich habe es im Grunde wohl so halbwegs verstanden, was du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen; doch ganz habe ich das wohl auch so, wie die andern, nicht verstanden, – doch auch ich warte da nach der Verheißung des Herrn auf bessere Zeiten! Aber das möchte ich von dir nun erfahren – und zwar unter der Bedingung, auf manches andere vollen Verzicht zu leisten –, wie du dich durch deinen Willen so entleiben kannst und doch noch also da bist wie ehedem mit dem höchst fühlbaren Leibe? Denn das ist für mich das Allerunbegreiflichste! Einmal bist du ein wirkliches Etwas, gleich darauf bist du dem Gefühle nach ein vollendetes Nichts, und das Nichts ist dennoch wieder das vollendete ganz gleiche Etwas. Ja, wie ist denn das doch wohl möglich?“

12. Sagte der Engel: „Das ist ja etwas ganz Einleuchtendes! Wir Geister in unserer für euch imponderablen (unwägbaren) rein geistigen Sphäre sind ja das eigentliche, allein wirkliche und allerursprünglichste Etwas. Alles andere in aller materiellen Welt ist nur eine durch unseren Willen bewirkte Erscheinlichkeit, damit für eure materiellen Seelen ein beharrliches Medium da ist, mittels dessen ihr euch gleich uns die vollste und wahrste Lebensfreiheit verschaffen könnet.

13. Um dir das aber noch handgreiflicher zu zeigen, so nimm du, Agrikola, nun selbst einen Stein vom Boden auf in deine Hand! – Gut, du hast nun einen ganz harten Naturstein in deiner Hand! Du wirst nun sagen: ,Siehe, dieser Stein ist nun, wie er ist, eine barste Wirklichkeit!‘ Denn du fühlst nun in deiner Hand seine Schwere und seine für dich unzerstörbare Härte und sagst bei dir: ,Das ist ein wirkliches Etwas!‘ Aber ich sage es dir, daß es sich hier mit deinem wirklichen Etwas geradealso verhält wie ehedem mit meinem Fleischleibe und darauf mit diesem meinem noch immerfort gleich geistigen Leibe. Denn die Härte und diese Schwere des Steines, den du noch in deiner Hand festhältst, hängt auch nur ganz allein von der Beharrlichkeit unseres Willens ab. Solange wir ihn als einen harten und schweren Stein erhalten wollen, so lange wird er auch das bleiben, was er ist.

14. Will zum Beispiel aber auch nur ich, daß dein Stein mir nun ganz – was den Körper betrifft – gleich werden soll, so wirst du den Stein ebenso durchgreifen können, wie du ehedem mich durch und durch gegriffen hast. Und wird das der Fall sein, so hat die durch unseren Geisterwillen produzierte Materie des Steines erst ihre Urrealität erreicht, ohne die sie nun durch die Beharrlichkeit meines selbstischen (eigenen) Willens dir als ein harter und schwerer Stein erscheint. Damit du das aber noch leichter fassest, so prüfe deinen Stein noch einmal fest durch, ob er noch derselbe Stein ist!“

15. Sagte Agrikola: „Der ist noch, wie er war!“

16. Sagte der Engel: „Wie ist er denn jetzt?“

17. Sagte Agrikola: „Ah, ich sehe ihn wohl noch wie ein Wölkchen in meiner Hand, doch seine Härte und Schwere ist gleich nichts! Nein, das ist aber doch im höchsten Grade sonderbar! Hätte ich mir doch alles eher einbilden können, als daß so etwas möglich sein sollte! Ja, wie ist dir das zu bewirken möglich?“

69. Kapitel. Die Macht der Engel.

1. Sagte der Engel: „Ich habe es dir ja ohnehin schon gesagt, daß das nur durch die Beharrlichkeit unseres Willens geschieht, und daß alle Materie nichts ist als die Beharrlichkeit des Willens des Geistes Gottes, so verschiedenartig sie dir auch erscheinen mag; denn die verschiedenen Stoffe der Materie samt den Elementen, aus denen sie vor deinen Augen zu entstehen und zu bestehen scheint, sind unsere Gedanken. Ihre Formen und Farben sind unsere aus unseren Gedanken gestalteten Ideen. Ihre Zweckdienlichkeit sind unsere aus den Ideen entwickelten Begriffe, und die Erreichung eines höheren geistigen Zieles für alles, was nun Materie ist, sind unsere Absichten, aus denen aller Materie glückliches Endziel hervorgehen wird.

2. Darum ist ein wahres und reales Sein nur bei uns ewig unsterblichen Geistern, und das Sein der Materie ist nur ein pur von uns bewirktes und in jedem Momente von uns abhängiges, wie du das nun mit dem Steine ganz klar hast sehen müssen. Du hast das Wölkchen aber noch auf deiner Hand, und sieh, ich werde es wieder mit der vollen Beharrlichkeit meines Willens erfüllen, und du wirst den früheren Stein wieder in deiner Hand haben!“

3. Der Engel tat das, und in der Hand des Römers befand sich wieder ganz der frühere, alte, harte und schwere Stein.

4. Das machte auf den Römer einen noch mächtigeren Eindrucke und er sagte zum Engel (der Römer): „Dieser Stein bleibt mir ein Schatzstein zum Gedächtnis an das, was hier so wunderbar vorgefallen ist! Aber nun noch eine Frage! Sieh, in mir wohnt doch auch eine Seele und in ihr nach eurer Lehre ein dir ganz ebenbürtiger Geist! Warum kann denn ich nicht durch solchen meinen Geist auch das bewirken, was du als ein Geist zu bewirken imstande bist?“

5. Sagte der Engel: „Weil deine Seele dazu noch nicht reif und dein innerer Geist noch nicht in deine Seele übergegangen ist! Aber etwas bewirkt dein Geist dennoch durch die Beharrlichkeit seines deiner Seele noch ganz unbekannten Willens, und das ist der Bau und die zeitweilige Erhaltung deines Leibes. Solches aber kann deine Seele nicht merken, wie sie auch nicht merkt, wie ihr Leib gebaut ist, weil ihr solches ihr innerer, rein jenseitiger Baumeister nicht offenbaren und zeigen kann, da sie, wie gesagt, noch nicht reif ist.

6. Der innere Geist arbeitet zwar unablässig dahin, die Seele ehest möglich reif und völlig frei zu machen, doch kann und darf er ihr nicht den geringsten Zwang antun, weil sogestaltig eine Seele dann noch materieller und unfreier werden würde, als sie durch alle Einflüsse der Außenwelt je werden könnte. Darum ward der Seele in ihrem Leibe ein eigener Wille und ein eigener Verstand gegeben, durch den Unterricht von außen her dahin sich selbst bestimmend gebracht zu werden, sich von aller Weltlichkeit durch ihren eigenen Willen stets mehr und mehr zu entäußern und in sich gehend die reiner und reiner werdenden geistigen Wege zu betreten.

7. In dem Maße aber die Seele die stets reineren geistigen Wege tätig begeht, in demselben Maße eint sich dann auch ihr innerer, reiner und jenseitiger Geist mit ihr. Und hat sie sich durch ihren in sich stets lauterer gewordenen Verstand und durch ihren dadurch auch stets freier gewordenen Willen aller Welt vollends entäußert, so ist sie ihrem Geiste gleich und eins mit ihm geworden, welche Einswerdung wir die geistige Wiedergeburt nennen wollen, und so wird sie als eins mit ihrem Geiste, auch noch im Leibe seiend, eben das vermögen, was ich nun vor deinen Augen als eben ein solcher mit meiner Seele vereinter Geist vermag.“

70. Kapitel. Vom Wesen der Luft.

1. (Raphael:) „Als ich als Mensch viele Jahre einen Leib bewohnte, da ward ich durch die Gnade des Herrn dieses inneren Lebensweges inne und beging ihn mit stets größerer Beharrlichkeit. Dadurch geschah es in meiner letzten Zeit, daß mein Geist und meine Seele eins wurden, und es ward mir die volle Macht auch über meinen irdischen Leib, so daß ich ihn dann ebenso plötzlich auflösen konnte, wie ich nun den Stein und vorher meinen dir fühlbaren Leib aufgelöst habe und von ihm nur so viel behielt, daß du mich mit deinen fleischlichen Augen noch sehen konntest.

2. So ich nun aber wieder einen Leib dir gleich haben will, so darf ich nur wollen, und der Leib wird auch wieder dasein. Sieh, ich will das, und du fühle mich jetzt wieder an, und du wirst mich wieder also fest finden, wie ich ehedem war!“

3. Der Römer tat solches und fand, daß Raphael wieder ganz Mensch war wie zuvor.

4. Da fragte er (Agrikola) den Engel und sagte: „Als du, als ein vollendeter Mensch auf Erden seiend, deinen Leib aufgelöst hattest, konntest du dir ihn auch wieder zurückerschaffen?“

5. Sagte Raphael: „Das sicher so wie jetzt; aber ich wollte das nicht, weil ein rein geistiges, körperfreies Sein ein endlos vollendeteres ist als ein mit irgendeinem Körper – wenn auch durch den eigenen Willen – gebundenes. Siehe, in diesem Leibe kann ich weniger wirken als ohne ihn! So du mich aber wirken siehst Wunderbares, dann ist der Leib schon fort und wird erst nach der Tat wieder geschaffen. Ich vermag zwar auch im Leibe alles, doch nicht so vollkommen wie außer dem Leibe. – Hast du noch Fragen, so gib sie von dir, und ich will sie dir beantworten!“

6. Sagte Agrikola: „Oh, Fragen hätte ich noch in großer Menge vorrätig! Könntest du denn durch die Beharrlichkeit deines Willens auch einen Teil der freien Luft in irgendeine Materie verwandeln?“

7. Sagte der Engel: „Allerdings; denn fürs erste ist die Luft schon Materie und enthält alle erdenklichen Stoffe in sich und kann darum um so eher in jede beliebige Materie verwandelt werden, und fürs zweite steht es meinem Geiste wahrlich frei – und das im höchsten Grade –, meinen Willen da im vollsten Maße wirkend auftreten zu lassen und somit die Luft, die du mir anzeigst, augenblicklich in irgendeine Materie zu verwandeln. Sage mir nun nur an, in was ich die Luft verwandeln soll!“

8. Sagte Agrikola: „Freund, das überlasse ich deinem besten und weisesten Ermessen! Tue, was du willst, und mir wird nun schon alles recht sein!“

9. Sagte der Engel: „Nun gut denn! So soll nun die Luft, die vor uns weht, in der Ferne von zwölf Schritten vor uns im Augenblick in eine fünf Mannshöhen hohe und bei einer Mannslänge im Durchmesser starke und vollkommen runde Säule sich gestalten! Es sei! Und nun gehe hin und untersuche die schon stehende Säule, ob sie noch Luft oder ob sie wohl eine festeste Granitsäule ist!“

10. Hier gingen alle Römer hin und untersuchten die Säule.

11. Und alle sagten: „O Wunder der Wunder! Es ist erstaunlich über erstaunlich! Es ist wahrlich die allerfesteste Granitsäule, wie wir selbst in Rom keine ähnliche nachzuweisen haben! Ja, ja, im reinen Geiste ist das Wesen, und alle Materie ist nur eine Folge der Beharrlichkeit des freien Willens eines reinen Geistes!“

12. Hierauf sagte der Engel: „Für wie schwer haltet ihr wohl diese Säule?“

13. Sagte Agrikola: „Ja, Freund, das wäre für uns wohl sehr schwer zu bestimmen! Aber beiläufig kann man das schon annehmen, daß diese Säule ganz sicher hunderttausend Pfunde schwer sein dürfte, und tausend Männer würden sie kaum bewältigen.“

14. Sagte der Engel: „Da hast du ein ziemlich richtiges Urteil gefällt! Und dennoch sage ich dir, daß es mir als einem reinen Geiste ein gar leichtes ist, diese schwere Säule so hoch, wie du es nur immer haben willst, bloß durch meinen Willen in die Höhe zu heben. Bestimme die Höhe oder bestimme mir die Entfernung, wohin ich sie bloß durch meinen Willen von dannen heben soll, und es wird auch das alsogleich bewerkstelligt werden!“

15. Sagte Agrikola: „Nun, so du das schon gerade also haben willst, da sage ich: Hebe die Säule hundert Mannshöhen gerade in die Luft empor, und stelle sie dann dorthin auf das Feld, das sich gerade in der halben Ferne gen Emmaus befindet!“

16. Sagte der Engel: „Ganz gut, es geschehe das alles alsogleich!“

17. Als der Engel solches kaum noch ausgesprochen hatte, da befand sich die Säule schon in der verlangten Höhe in der Luft, und bald darauf sah man sie im Felde gen Emmaus stehen.

18. Nun aber war es auch schon völlig aus bei allen und natürlich schon ganz besonders bei den Römern; denn sie konnten sich darüber alle nicht genug verwundern.

19. „Aber“, sagte der Engel, „wie könnet ihr euch denn darüber gar so sehr verwundern? Ist denn einem reinen Geiste irgend etwas unmöglich? Es beruht alles ja auf dem festen Willen eines reinen Geistes! Wenn wir reinen Geister Erden, Sonnen und aller Art Zentralsonnen im Raume umherzutragen imstande sind und am Ende sogar ganze Hülsengloben, wie sollte es mir und allen reinen Geistern dann nicht noch ein leichteres sein, solch eine Säule im Moment dahin zu schaffen, wohin man sie will? Wer mit Löwen wie mit Fliegen spielen kann, dem werden die Mücken sicher auch kein Bangen verursachen!“

71. Kapitel. Das Wesen des Geistes.

1. (Raphael:) „Aber da wir noch Zeit haben, so will ich euch auch noch etwas zeigen; denn sonst könntet ihr noch auf den Gedanken kommen, daß ich mich nur mit den Steinen abgebe. Seht, die Säule ist einmal da und versorgt, und sie soll Jahrhunderte auf jenem Punkte stehenbleiben und tausend Jahre erhalten werden durch die Beharrlichkeit meines freien Willens! Aber auf daß besonders ihr Römer es sehen könnet, daß einem Geiste durchaus nichts unmöglich ist, so sollen an eben jener Stelle, an der ehedem aus der Luft eine mächtige Granitsäule entstand, ein großer und mit reifen Früchten vollreich beladener Dattelbaum stehen und ihm zur Seite zwei Feigenbäume, die an reifen Früchten auch keinen Mangel haben sollen.

2. Seht, ich sagte und wollte das, und die besagten Bäume, mit ihren Früchten reichlichst beladen, stehen schon an Ort und Stelle! Und nun gehet alle hin und prüfet die besagten Früchte mit eurem Gaumen, und ich meine, daß sie euch allen sehr wohl schmecken werden!“

3. Hier erhob sich alles und ging hin, das Wunder zu prüfen. Alle sagten, daß sie von Früchten dieser Art noch nie etwas Edleres und Vollendeteres genossen hätten.

4. Sagte der Engel: „Und nun noch ein Dutzend Schafe auf jene grüne Weide vor dem Hause unseres alten und liebevollen Freundes und Bruders Lazarus aus der Luft hingeschaffen! – Seht, sie sind alle auch schon ganz munter an Ort und Stelle und sind ein Eigentum des liebevollen Lazarus!

5. Dabei aber meine ich auch, daß ihr durch diese Zeichen nun doch einsehen werdet, was da ein reiner und vollkommen willensfreier Geist alles vermag. Denket nun ein wenig nach, und saget mir dann, wie ihr diese Sachen verstanden und begriffen habt, und es soll euch dann schon noch ein größeres Licht vom Herrn aus gegeben werden! Und so denket nun über das alles reiflich nach!“

6. Sagte Agrikola: „Oh, du mein Freund aus den Himmeln Gottes, es wäre da schon ganz leicht nachzudenken, wenn wir uns schon in deiner erhabenen Sphäre befänden; aber unser Lebensweg bis dahin dürfte noch ein so hübsch langer sein! Doch das, was du, himmlischer Freund, durch die allergnädigste Zulassung des Herrn uns geoffenbart hast, verstände wenigstens ich zur menschlichen Genüge; allein wie des Geistes beharrlicher Wille so ganz der allerverschiedenartigste Stoff der Materie der ganzen Erde und sogar der anderen Welten im endlosen Raume ist und sein kann, das können wir unmöglich so verstehen, wie du, o himmlischer Freund, es hellst verstehen wirst.

7. Die Materie ist also nichts und die Seele, als gewisserart ein Produkt der Materie, für sich auch nichts; nur allein der reine Geist für sich ist ein reales Etwas. Was ist also ein reiner Geist in und für sich für ein Stoff, oder was für ein Etwas ist er? Das ist eine Frage, die ein sterblicher Mensch, der nur aus seiner wenigstens noch halbmateriellen Seele und aus seinem Stoffleibe heraus denkt und will, so lange niemals völlig beantworten wird, als er nicht selbst nahe ganz geistig geworden ist. Und so mußt du, himmlischer Freund, mit uns wohl eine kleine Geduld haben, wenn uns deine Erklärungen in diesem höchst zarten Lebenspunkte trotz deiner zu dem Behufe gewirkten Wunderzeichen noch immer nicht jenes Licht verschaffen, mit dessen Hilfe wir denn dahin ins völlig klare zu kommen vermöchten, was der lebendige reine Geist in und für sich für ein Stoff und für ein Etwas ist.

8. Ja, es ist das Wort ,Geist‘ bald und leicht ausgesprochen; aber wo bleibt da der Verstand? Es ist da demnach für uns ein kurzes oder längeres Nachdenken gleich nutzlos und völlig unfruchtbar, und du, unser lieber, himmlischer Freund, kannst uns über die eigentliche Wesenheit des reinen Geistes sogleich von neuem hellere Erklärungen zu geben anfangen, das heißt, so dir unser Unverstand nicht schon zu überlästig wird.“

9. Sagte Raphael: „Gott über alles lieben und euch Menschen dienen, die ihr berufen seid, Seine Kinder, uns reinen Geistern gleich, zu werden, ist ja eben unsere höchste Wonne und Seligkeit! Wie soll mir dann etwas lästig werden, das euch ein noch größeres Licht geben kann? So gebet denn weiter wohl acht darauf, was ich euch über das Wesen eines reinen Geistes noch Weiteres eröffnen werde!

10. Im Grunde des Grundes ist Gott allein der allerpurste und reinste Grundgeist aller Geister, und Er ist als solcher denn auch der Grundstoff und das ewige Urelement aller Urelemente.

11. Der reine Geist in sich als Stoff und Element ist ein Feuer und ein Licht oder in sich die Liebe und die Weisheit selbst. Doch müßt ihr euch darunter kein Materiefeuer und keine sinnliche Liebe vorstellen und also auch kein Licht wie etwa das der irdischen Sonne oder einer brennenden Lampe – obschon zwischen beiden eine Entsprechung besteht –; denn das Feuer des Geistes ist pur Leben und dessen Licht seine Weisheit.“

72. Kapitel. Das Wesen des Äthers.

1. (Raphael:) „Ihr sehet hier die höchst durchsichtige Luft und wähnet, daß sie darum so gut wie beinahe schon gar nichts sei. Wenn aber diese Luft in eine starke Bewegung gesetzt wird, daß sie durch ihre sturmwindige Gewalt die mächtigsten Zedern entwurzelt und das Meer in eine solche Unruhe versetzt, daß es sich zu bergehohen, schäumenden Wogen erhebt, so müsset ihr dann doch bekennen, daß die Luft wohl ein ganz bedeutend mächtiges Etwas ist. Ja, die Luft ist somit schon ein Körper und enthält auch alle erdenklichen Stoffe und Körper in einem noch mehr und mehr ungebundenen Urzustande in sich.

2. Das Wasser, besonders das Regen- und Quellwasser, ist dasselbe, was die Luft ist, aber nur in einem mehr gebundenen Zustande. Das Salzwasser der Meere ist natürlich noch dichter, gebundener.

3. Aber steigen wir nun höher, so ungefähr zehn Stunden hoch über die Erde hinaus, so werden wir gar keine Luft, wie sie uns hier umgibt, mehr antreffen, sondern den reinsten Äther, der für eure Augen wie ein so gänzliches Nichts wäre, daß ihr euch etwas so Nichtiges nicht leicht vorstellen könnet. Denn sehet ihr über die Erde in eine Ferne von mehreren Stunden Weges hin, so wird die noch so reine Luft, die den Raum zwischen euch und den fernen Bergen erfüllt, eben vor den Bergen als blauer Dunst erscheinen; aber wenn diesen Raum nur der reine Äther erfüllte, so würdet ihr die Berge nicht blau, sondern in ihrer ganz ungetrübten Färbung ersehen. Ja seht, zwischen der Erde und der Sonne ist eine so große Entfernung, daß ich nun wahrlich nicht imstande bin, euch auf dieser Erde dafür ein begreifliches und richtiges Maß anzugeben, – wie euch solches auch der Herr Selbst schon erklärt hat! Und dieser für eure Begriffe ganz entsetzlich weite Raum ist mit solchem für eure Sinne völlig nichtigen Äther erfüllt.

4. Aber dieser Äther ist trotz seiner scheinbar völligen Nichtigkeit durchaus nicht so nichtig, wie seine Erscheinlichkeit euch das zeigt; denn in ihm sind alle die zahllosen Stoffe und Elemente in einem noch ungebundeneren Zustande als in der allerreinsten atmosphärischen Luft dieser Erde. Aber sie sind da noch mehr freie Kräfte und sind dem Urfeuer und Urlichte um vieles näher und verwandter und nähren die Luft der Erde, diese dann das Wasser und das Wasser die Erde und alles, was auf ihr lebt, webt und strebt. Wenn aber solches alles schon im Äther sich vorfindet, so ist er ein ganz tüchtiges Etwas und kein Nichts, wenn er auch euren Sinnen also vorkommt.

5. Aber der Äther ist noch lange kein Reingeistiges, sondern er hat mehr innere Ähnlichkeit mit der Substanz der Seele, aber nur insoweit, als er ein räumliches Medium ist, durch das zahllose Urkräfte aus Gott sich begegnen, sich verbinden und endlich wie ganz gemeinsam wirken.

6. Du wirst mich nun freilich wieder fragen und sagen: ,Ja, wie ist denn bei so verschiedenen Kräften irgendein homogenes Wirken möglich?‘ Und ich sage es dir: Nichts natürlicher und leichter als das!

7. Siehe, wir haben auf der Erde des Herrn, unter ihren Meeren und anderen Gewässern doch eine solche für euch auch ganz unbegreiflich große Anzahl von Arten der Pflanzen, Gesträuche, Bäume und ebenso der Tiere und also auch von Mineralien, daß dieselben selbst der berühmteste Gelehrte dieser Zeit nicht aufzuzeichnen und auszusprechen imstande wäre! Sie machen mit der ganzen Erde ein vereintes Ganzes aus und wirken alle zu dem einen Hauptzwecke, und doch sind sie hier auf der Erde und in der Erde so verschieden geartet und geordnet, daß du sie auf der Stelle beim ersten Anblick unmöglich also wirst verwechseln können, daß du am Ende einen Feigenbaum nicht von einem Distelstrauch, einen Ochsen nicht von einem Löwen, eine Schwalbe nicht von einer Henne, einen Fisch nicht von einer Schildkröte und das Blei nicht vom Golde unterscheiden könntest.

8. Auf der Erde aber merkst du derlei Unterschiede leicht; doch im Äther, in der Luft und im Wasser kannst du sie nicht merken, und das weder durch dein Gesicht noch durch dein Gehör, noch durch deinen Geruch und Geschmack, noch durch dein gesamtes Nervengefühl, obschon all die zahllosen verschiedenen Arten der Kräfte und der von ihnen produzierten Urstoffe und Elemente im Äther, im Wasser und in dieser Luft noch entschiedener voneinander abgesondert sind, als dir solche Unterschiede die Dinge auf der materiellen Erde kundtun.

9. Also hinter der Substanz des Äthers ist das deinen Sinnen nicht sichtbare Geistfeuer eine ewig waltende Kraft, die, von Gott ausgehend, ewig den unendlichen Raum erfüllt und in einem fort wirkt und schafft. Gott Selbst aber ist der ewige Urgeist und der ewige Urmensch in Seinem Zentrum und erfüllt die ewig aus Ihm hervorgehende Unendlichkeit mit Seinen großen Gedanken und Ideen, die, durch Seine Liebe erfüllt zu einem Ihm gleichen Lebensfeuer, durch Seine Weisheit zu geordneten Formen und durch Seinen Willen zu voneinander abgesonderten und wie für sich bestehenden Wesen werden, in welche die Fähigkeit gelegt wird, sich selbst als solche ewig fortzupflanzen, fortzubilden und auf der Stufenleiter der ewigen Ordnung Gottes sich mit der Zeit zu einen und zur Gottähnlichkeit emporzusteigen.“

73. Kapitel. Das Reingeistige in der Materie.

1. (Raphael:) „Damit du, Agrikola, aber das noch leichter verstehst, so will ich dir noch so manche Beispiele zeigen, die ich, zwar schon dem Freund und Bruder Lazarus gezeigt habe, und der Herr auch; aber da du das vom Herrn Gezeigte zu wenig aufgefaßt hast, so muß ich dir nun nach dem Willen des Herrn die Sache noch heller machen. Und so habe denn wohl sehr genau auf alles acht, was ich dir nun sagen werde!

2. Siehe, du bist auch ein Gärtner, hast in Rom große Gärten, an denen du eine große Freude hast! Tausenderlei Pflanzen, Blumen und Früchte werden in ihnen gezogen. Darin hat es auch keinen Mangel an allerlei Gattungen von Trauben, Feigen, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Pomeranzen, Zitronen, Limonen, Kastanien und Melonen aller Art und Gattung. Damit dein Garten, der wahrlich sehr groß ist, stets von neuem mit allem bepflanzt werden kann, mußt du auch immer einen rechten Vorrat von allerlei Samen zusammensammeln, den du zur geeigneten Zeit in die gute Erde deines Gartens legst.

3. Nun, der Same ist in der Erde und fängt zu deiner Freude an, ganz reichlich und gesund emporzukeimen. Ja, das ist nun alles recht schön, gut und freudig anzusehen; aber hast du wohl auch für jede Gattung deiner in das Gartenerdreich gelegten tausenderlei verschiedenen Sämereien ebenso verschiedene Erdarten, für jeden Samen eine eigene, gegeben? Du sagst: ,Der ganze große Garten unweit der Mündung der Tiber ins große Mittelländische Meer hat nur ein und dieselbe gute und fruchtbare Gattung des Erdreiches, und es gedeiht im selben jede Frucht vortrefflich.‘

4. Gut, sagte ich dir, wenn es aber im Sommer nicht regnet – wie das in Rom eben beinahe immer der Fall ist –, so müssen deine Diener mit der Gießkanne den Garten befeuchten. Hast du da etwa für jede Fruchtgattung auch eine eigene Gattung Wasser? Du sagst abermals: ,Nein, auch das nicht; ich lasse alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume nur mit ein und derselben Gattung Wasser begießen, die die Wasserleitungen in den Garten bringen!‘ Wieder gut, sage ich! Also auch nur ein und dieselbe Gattung des Süßwassers, weil das Meerwasser zur allgemeinen Belebung der Trockenerdpflanzen nicht wohl taugt.

5. Nun wissen wir, daß dein großer Garten nur aus einer Erdgattung besteht und mit ein und demselben Wasser begossen wird. Die Luft in deinem Garten ist und bleibt auch dieselbe, und das Licht und die Wärme aus der Sonne bleiben auch unverändert stets ein und dieselben und können – wenigstens über die ganze Fläche deines Gartens – in Hinsicht der niederen oder größeren Stärke und Kraft von gar keinem Unterschiede sein, außer dem, den die Jahreszeiten – aber auch stets in gleicher Verteilung – über den ganzen Garten ausbreiten.

6. Nun, so denn alle Vorbedingungen zum Wachstum der verschiedensten Pflanzen, Gesträuche und Bäume die ganz gleichen sind, so müßten sie als die gleichen Ursachen ja auch bei allen Pflanzen, Gesträuchen und Bäumen die ganz gleichen Wirkungen sowohl in Hinsicht der Form als auch der Gestalt und des Geschmacks und Geruchs hervorbringen. Und doch, welch ein gewaltiger Unterschied!

7. Wenn du den Kern einer Zitrone zerkaust, so schmeckt er bitter. Woher nimmt denn die Frucht die angenehme Säure? Und so geht die Geschichte der ganzen Reihe der Wesen nach. Alles ist in seiner Art himmelhoch verschieden von dem andern. Ja, wie geht denn das mit ein und derselben Nahrung zusammen? Die Rebe sieht anders aus als ein Feigenbaum, und welch ein Unterschied ist in allem zwischen der Frucht einer Rebe und der eines Feigenbaumes! Wieder stecktest du den Samen eines gemeinen Kürbisses und den einer Melone in die Erde. Der erste brachte dir die Frucht eines gewöhnlichen geruch- und geschmacklosen Kürbisses zum Vorschein, und der Melonensame bezahlte dir deine gar ehrenhafte Mühe mit einer mehr denn honigsüßen Frucht, und doch war überall dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselbe Luft und dasselbe Licht und ganz dieselbe Wärme aus der Sonne.

8. Wenn du nun darüber etwas weiter nachdenkst, so wirst du dich selbst offenbar fragen müssen und sagen: ,Ja, wie können denn eben die gleichen Kräfte die stets verschiedenartigsten Wirkungen hervorbringen?‘ Ich sagte dir freilich, daß all die endlos vielen seelischen Substanzen zuerst im Äther, dann in der Luft und im Wasser vorhanden sind; aber das schärfste Menschenauge und der allerempfindlichste Geschmacks- und Geruchssinn findet weder in den einen, noch in den andern Urallgemeinelementen irgend etwas nur von dem Geschmack und von dem Geruch irgendeiner Pflanze und ihrer süßen, sauern oder bittern Frucht heraus, – über ihre Gestalt und Farbe wollen wir ohnehin kein Wort verlieren. Nun, wie kommt es denn hernach, daß ein jeder verschiedene Same aus der gleichen Erde, aus dem gleichen Wasser, aus der gleichen Luft, aus demselben Lichte und aus derselben Wärme nur diejenigen Urstoffsubstanzen an sich zieht und sie in sich in seiner Art verkörpert, die er als stets der gleiche und unveränderte Same schon vor mehreren tausendmal tausend Jahren an sich gezogen und verkörpert hat?

9. Siehe, da taucht Reingeistiges sogar in der organischen Materie auf und zeigt dem geweckten und scharfsinnigen Beobachter, daß es eben nur als Reingeistiges ein wahres Etwas ist, und daß das, was des Außenmenschen Sinne als ein Etwas ansehen und betrachten, eigentlich gar nichts ist, sondern daß nur das, was im Samenkorne verborgen ruht, ein wirkliches Etwas ist, weil es ein Reingeistiges ist. Dieses ruht im deinem Auge kaum sichtbaren kleinsten Hülschen, das in dem vom ganzen Samenkorne umschlossenen Keimbützchen vorhanden ist. Dieses in dem angezeigten Hülschen eingeschlossene Reingeistige ist ein mit Liebe, Licht und Willenskraft erfüllter Gedanke oder eine Idee in ihrer vollen Isoliertheit von den zahllos vielen anderen in sich und für sich ebenso abgemarkten und abgesondert abgeschlossenen Gedanken und Ideen.“

74. Kapitel. Die Wirkung des Geistes auf die Materie.

1. (Raphael:) „Dieser also für sich abgesonderte Geist im Keimhülschen, im Besitze seiner klaren Intelligenz und im Bewußtsein seiner Kraft, die er eigentlich selbst ist, wird leicht inne, wenn der Same als sein von ihm erbautes materielles Wohnhaus in jener Lage und Stellung sich befindet, in der der reine Geist seine Tätigkeit beginnen kann.

2. Wenn der Same in die feuchte Erde gelegt wird und die äußere substantiell- materielle Umkleidung sich erweicht, weil ihre seelisch-substantiellen Teile mit den äußeren sie umgebenden ähnlichen Teilen in der Feuchte des Erdreichs zu korrespondieren anfangen, so fängt der reine Geist gleich an, von seiner Intelligenz und seiner Willensmacht den rechten Gebrauch zu machen. Er erkennt genauest die ihm entsprechenden Teilchen in der Erde, im Wasser, in der Luft und im Lichte und in der Wärme aus der Sonne, zieht sie an sich und schafft aus ihnen in seiner Ordnung das, was seinem Wesen entspricht, und so siehst du dann eine Pflanze aus dem Boden der Erde emporwachsen mit der ihr stets gleichen Eigentümlichkeit. Das Kraut oder gewisserart das Außenfleisch der Pflanze von der Wurzel bis zur höchsten Stammspitze ist nur darum vom Geiste erzeugt, auf daß der reine Geist sich in den neuen Samenkörnern schöpferisch vervielfachen kann und so sein Ich verunendlichfältigt, obschon der einmal also gewirkt habende Geist sich selbst erhebt und im Verbande mit den an sich gezogenen Seelenteilen zur Bildung höherer und vollkommenerer Formen und Wesen übergeht.

3. Und was ich dir jetzt von den Pflanzen gesagt habe, das gilt in geringerem Maße auch von allen Mineralien und in einem höheren Maße von allen Tieren und endlich auch vorzüglich vom Menschen. Uranfänglich aber gilt dasselbe von der Bildung aller Weltkörper, aller Hülsengloben und des gesamten Großen Weltenmenschen, den euch der Herr Selbst hinreichend klar beschrieben und gezeigt hat.

4. Aus dem allem aber kannst du nun doch erkennen, daß alle Wahrheit, Wirklichkeit und Realität nur im Reingeistigen daheim ist, und daß alles Materielle nichts anderes ist als der beharrliche Wille des Geistes, den er nach und nach sänftigen, mehr und mehr auflösen und endlich in einen ihm ähnlichen substantiell-seelischen Leib umgestalten kann in kürzerer oder längerer Zeit, je nachdem eine Seelensubstanz infolge des auch in ihr erwachten freien Willens sich mehr oder weniger fügbar für die innere, lebendige Ordnung des Geistes erweist.

5. Betrachte du von nun an nur aufmerksam die gesamte Natur, und du wirst das in ihr finden, was ich dir nun erklärt habe! Denn du kannst das von mir für die kurze Zeit unseres Beisammenseins nicht verlangen, daß ich nun speziell alle Mineralien, alle Pflanzen und alle Tiere sonderheitlich erörtern soll, inwieweit sie rein Geistiges und inwieweit sie pur Substantiell-Seelisches in sich enthalten. Es ist genug, daß ich dir nun ganz klar dargetan habe, wie sich alles Reingeistige, Seelisch-Substantielle und am Ende alles Materielle gegenseitig verhält. Denn die nun von mir dir gegebene Regel gilt für die ganze Ewigkeit und für die ganze Unendlichkeit; verstehst du das alpha, so verstehst du auch das OMEGA. Was dazwischen liegt, ist den beiden auf ein Haar gleich, – abgesehen von den zahllos verschiedenen Formen.

6. Und nun, – da ich dir nun denn doch so manches auf eine ganz außerordentliche Art und Weise enthüllt habe, so kannst du dich denn auch ganz offen äußern, wie du alles das mit deinem Verstande begriffen hast. Wir haben noch Zeit und können noch so manches darüber miteinander verkehren. Und so magst du nun wieder reden und uns allen kundtun, wie du die Sache in dir aufgefaßt hast!“

75. Kapitel. Der Geist, die innerste Kraft.

1. Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, diese Sache jemandem noch klarer und einleuchtender zu machen, als du sie mir und uns allen gemacht hast, ist wahrlich unmöglich! Daß wir aber alles das noch nicht in der vollen Tiefe also einsehen und begreifen können, wie du diese Sache einsiehst und begreifst, das wird dir sicher auch noch um sehr vieles klarer sein, als es uns selbst klar sein kann; denn wofür der irdische Mensch noch lange keinen rechten Begriffssinn hat, das kann er auch bei seinem allerbesten Willen niemals völlig im rechten Lichte begreifen. Doch das ist mir nun dennoch völlig klar geworden, daß alle wesenhafte Realität eigentlich nur im Reingeistigen zu suchen und somit auch ungezweifelt zu finden ist. Ich möchte dich, du liebster, rein himmlischer Freund, wegen des noch möglich klareren Begreifens deiner Lehre übers Reingeistige nur noch um einige noch handgreiflichere Beispiele bitten. Denn sieh, wir Römer haben da einen alten Spruch, und der lautet: LONGUM ITER PER PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA! Und das ist sicher eine alte und ganz wahre Lehre. Ein ganz kleines und kurzes Beispiel sagt einem forschenden Menschen oft und nahezu immer mehr, als was ihm alle theoretischen Lehren und Grundsätze zu sagen imstande sind, und aus eben dem Grunde bitte ich dich denn auch um einige kleine und gute Beispiele.“

2. Sagte Raphael: „Ja, du mein Freund, es wären dir schon noch eine Menge und das sehr handgreiflich klare Beispiele zu geben; aber du wirst darum das Reingeistige dennoch nicht völlig mit deinen Natursinnen fassen können. Der Geist als überall die innerste Kraft durchdringt alles, sieht alles und bezwingt alles – was auch dein Geist tun wird, aber noch nicht heute und auch nicht morgen, sondern dann, wenn in dir alles in der vollen Wahrheit geordnet sein wird.

3. Siehe an dort die Jünger des Herrn, von denen zwei sich nun noch unten im Tempel aufhalten; einer von den zweien aber ist ein Weltsüchtler! Siehe, diese Jünger – mit Ausnahme des einen – sind schon nahe auf dem Punkte, auf dem ich als ein reiner Geist mich nun befinde; aber das zu erreichen war für sie auch durchaus nicht etwas derart Leichtes, wie du dir das irgend vorstellen möchtest. Sie waren zumeist Fischer am Galiläischen Meere in der Nähe von Kapernaum und waren dabei Haus- und Grundbesitzer und haben Weiber und Kinder, und siehe, sie verließen alles und folgten willig und mit großer Freude dem Herrn nach, der Erreichung des Gottesreiches wegen und zur Erreichung Seiner Kraft und Macht! Und weil sie pur des Reiches Gottes wegen aller Welt den Rücken zugewendet haben, so haben sie auch dasselbe in sich erreicht in kurzer Zeit, was du als ein großer Weltmensch erst so nach und nach wirst erreichen können.

4. Du wirst das aber erreichen nach dem Maße deiner Liebe zu Gott dem Herrn und nach dem Maße deiner Liebe zu deinen Nebenmenschen; denn die Stärke deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten wird dir anzeigen, wieviel des Reiches Gottes in dir wach und reif geworden ist.

5. Das Reich Gottes in dir aber ist die besagte Liebe in dir, und diese Liebe ist auch dein Geist als die einzige Wahrheit, Realität und das ewige, unverwüstbare Leben. Nun, wie aber das also ist, wie ich es dir nun gezeigt habe, das kann dir kein noch so gewähltes Beispiel zeigen, sondern das mußt du in dir selbst erfahren. Bis zu der eigenen Erfahrung aber heißt es: glauben und hoffen auf die sichere Erfüllung alles dessen, was der Herr als die urewige Wahrheit dir und euch allen treulichst verheißen hat!

6. Ich will dir aber dessenungeachtet dennoch einige Beispielszeichen wirken, aus denen du noch etwas heller ersehen wirst, daß allein im Geiste aller Urstoff und alle Realität zu Hause ist. Ihr Römer habt auch einen Spruch, den wir hier recht gut brauchbar voranstellen können. Siehe, euer Spruch lautet folgendermaßen: QUOD A PRINCIPIO NON VALET, AUT VALERE NEQUIT, ETIAM IN SUCCESSU NON ALIQUID VALERE POTEST; EX NIHILO NIHIL ERIT. Aus dem aber geht schon der menschlichen Vernunft zufolge klar hervor, daß das Reingeistige ein wahrstes Etwas sein muß; denn wäre es nach den materiellen Begriffen der Menschen ein gewisses, seiner selbst unmöglich bewußtes Nichts, wie könnte es ewig je zu einem seiner selbst bewußten Etwas werden?!

7. Damit aber aus dem Reingeistigen alles, was da ist, werden, entstehen und bestehen kann, so muß ja dieses Reingeistige vor allem ein wahrstes Etwas sein, damit aus ihm jedes andere Etwas als Folge hervorgehen kann. In dem Samenkorn ist demnach der im Keimhülschen ruhende Geist allein ein wahres Etwas, während der ganze andere Samenleib für sich gar nichts ist, sondern das, was er ist, nur durch den ihm innewohnenden Geist ist. Dieser Geist arbeitet nach seiner ihm innewohnenden Intelligenz durch die Kraft seines Willens, und es wird daraus eine Pflanze, ein Strauch, ein Baum, ein Tier, ja eine ganze Welt.

8. Was aber der Geist in sich ist, das habe ich dir bereits schon zum öfteren Male erklärt. Doch du kannst das nun darum noch nicht bis auf den Grund des Grundes einsehen, weil dein eigener Geist dich selbst noch nicht durchdrungen hat, aber so viel kannst du es dir in deiner Seele doch versinnlichen, daß das Uretwas des Geistes ein lebendiges und seiner selbst überklar bewußtes Feuer und Licht und somit die höchste Liebe und die höchste Weisheit selbst ist. Mehr kann dir darüber auch der Herr Selbst nicht sagen!“

76. Kapitel. Die Befreiung vom Materiellen.

1. Sagte Agrikola: „Siehe, nun bin ich schon wieder um ein bedeutendes heller, und ich erinnere mich nun so einiger Sätze des alten weisen Plato. Der forschte lange dem Geistwesen Gottes nach und bekam endlich einmal ein Gesicht wie in einem hellen Traume. Da ward es ihm angedeutet, daß er Gottes Geistwesen schauen werde. Da kam es ihm vor, daß alles um ihn zu Feuer und Licht ward. Er selbst wurde ganz wie förmlich aufgelöst, ohne jedoch sein vollstes Bewußtsein dabei einzubüßen. In diesem Feuer aber empfand er kein Brennen, sondern nur eine mächtige, höchst entzückend wohltuende Liebe- und Lebenswärme, und eine Stimme gleich der reinsten Harmonie einer wohlklingenden Äolsleier sprach aus dem Feuer- und Lichtmeere zu ihm: ,Sieh und fühle das Geistwesen Gottes und fühle und schaue dich selbst in Ihm und durch Ihn!‘ Und Plato sah nun seine Form als Mensch und sah um sich aber noch zahllose Formen seinesgleichen. In diesen Formen aber entdeckte er noch in kleinsten Bildern, die alle lebten, eine Unzahl anderer Formen, die aber alle zusammen nur eine Menschenform ausmachten. Und siehe, deine Erklärung hat eine große Ähnlichkeit mit dem Gesichte des großen Weltweisen, der in aller gebildeten Welt gar sehr bekannt ist!

2. Nun, das von Plato gesehene Feuer und Licht haben auch sicher nicht seine fleischlichen Augen gesehen, sondern nur die Augen seines Geistes, und so denke ich mir nun: Wenn ich einst selbst werde geistiger geworden sein, so werde auch ich im Geiste gleich Plato dasselbe Feuer und Licht erschauen, was er erschaut und gefühlt hat. – Habe ich da recht oder unrecht geurteilt?“

3. Sagte Raphael: „Oh, ganz recht und ganz richtig hast du da geurteilt, und ich kann dir dazu nichts anderes sagen als: Die Sache verhält sich so ziemlich also! Doch Plato war ein Heide und konnte nicht zu jener ganz klaren Anschauung und Wahrnehmung gelangen, zu der ein Mensch nach der Lehre Gottes des Herrn gelangen kann. Doch um dir hier noch so manchen sehr anschaulichen Beweis über das allein wahre und allerrealste Etwas des reinen Geistes zu geben, will ich dir noch einige Experimente des reinen Geistigen zum besten geben, und so gebe denn nun abermals sehr wohl acht auf alles, was ich dir mit der allergnädigsten Zulassung des Herrn noch zeigen werde!

4. Sieh, was uns da nun umgibt, ist pure, ganz wohl durchsichtige Luft, und du kannst nun deine Sinne anstrengen, wie du willst, und du wirst darin nichts entdecken als höchstens eine Menge Mücken und allerlei Fliegen durcheinander schwärmend, hier und da einen größeren Käfer oder gar einen Vogel! Aber ich will dir nur auf eine kurze Zeit die innere Sehe deiner Seele eröffnen, und du wirst staunen, was du in dieser unserer atmosphärischen Luft alles zu Gesichte bekommen wirst.“

5. Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, tue du das, und was mir da frommt, das soll in kurzer Zeit vielen Tausenden frommen!“

6. Sagte Raphael: „Ganz gut, ich darf es ja nur wollen, und du stehst nun schon auf dem Punkte, auf dem ich dich habe haben wollen. – Was siehst du nun alles in der Luft?“

7. Sagte Agrikola: „Ah, höre, das ist unbeschreiblich! Diese endlose Menge von Wesen, Pflanzen, Tieren, Gegenden und sogar Menschengestalten! Und ich sehe auch eine zahllose Menge von sehr kleinen leuchtenden Würmchen durcheinanderzucken und -schweben, und bald da und bald dort ergreift sich ein Bündel, und im Augenblick wird irgendeine volle Form daraus; aber sie bleibt nicht lange und geht gleich wieder in eine andere Form über. Licht ist überall, nur haben die Dinge wenig Bestand und verändern sich bald wieder; nur einige Gestalten halten nun in der angenommenen Form länger an. Nein, bei dieser Anschauung könnte ein noch so kräftiger Kopf voll Schwindels werden!

8. Ja, was sind denn diese myriadenmal Myriaden Leuchtwürmchen, und was sind diese zahllosen sich stets neu bildenden Formen und Gestalten aller Art und Gattung? Und greife ich unter sie hinein und will mir eine solche Form oder Gestalt festhalten, so habe ich durchaus nichts in der Hand! Ah, das ist denn eine wahre Lebensfopperei!“

9. Sagte nun Raphael: „Nun, so warte also nur noch ein wenig, und du sollst gleich etwas Beständigeres davon haben!“

10. Hier kamen allerlei Vögel und sogar auch Fische, wie in der Luft fliegend und schwimmend, in die Nähe des Römers, und dieser fing sich einen Vogel und einen gar seltsamen Fisch und hielt sie in seinen Händen.

11. Als er diesen Fang gemacht hatte, da sagte er (Agrikola) zum Engel: „Höre, du mein himmlischer Freund, ich habe nun meinen Fang schon gemacht! Mache nun, daß ich die Luft wieder in der Natürlichkeit sehe, und ich will mich überzeugen, ob ich den Vogel und den Fisch noch in meinen Händen habe!“

12. Sagte der Engel: „Oh, das kann dir gleich gewährt werden! Siehe, nun bist du schon wieder ganz in der natürlichen Luft und kannst deinen Fang nach Muße betrachten!“

13. Agrikola war nun wieder in seiner ganz natürlichen Ordnung und wollte gleich seinen Vogel und seinen Fisch näher in Augenschein nehmen; aber es befand sich weder ein Vogel noch ein Fisch mehr in seiner Hand.

14. Dadurch überrascht, fragte er (Agrikola) den Engel, sagend: „Ja, was ist denn nun mit dem Vogel und mit dem Fische? Wo sind diese nun? Mein ganzes Schauen war denn doch nur mehr ein Traum als irgend etwas in der vollen Wirklichkeit!“

15. Sagte der Engel: „Oder gerade umgekehrt! Geradewegs warst du früher der wahren Wirklichkeit näher, als du ihr nun bist! Deinen Vogel und deinen Fisch hast du noch, aber nicht in deiner Fleischhand, sondern in deiner Seelenhand, und ich sage dir, daß du diese dir sehr entsprechenden Tiere noch nicht so bald verlassen wirst und sie dich auch nicht; denn siehe, du hast daheim in Rom als ein altstämmiger Patrizier ein Schild, auf dessen Außenseite ein gleicher Vogel mit einer Ähre im Schnabel und ein gleicher Fisch mit einem Wurm in seinem Rachen in Gold abgebildet sind, und weil du noch große Stücke auf solch ein Weltehrenzeichen hältst, so wirst du sie noch nicht zu bald loswerden.

16. Du hast zwar in der eigentlichen Luft mit den Augen deiner Seele viele Gestalten und Formen geschaut – diese waren Erscheinungen, entsprechend deinen neuen Erfahrungen –; aber du konntest sie noch nicht festhalten. Und wie deine eigenen Gedanken darin stets wechselten und in allerlei Formen übergingen und ausarteten, also stellten sich selbige auch deiner Seele beschaulich dar; aber dein Ehrenschildvogel und -fisch, an denen du noch ein festes und großes Wohlgefallen hast, blieben dir noch fest und unverändert in deiner Seelenhand – welche gleich ist der Lust und der Begierde der Seele nach außenhin –, und so du sie auch in ihrer Natürlichkeit sehen willst, so kann ich dir auch noch das bewirken.“

17. Sagte Agrikola: „Wenn dir solches sicher auch möglich ist, so tue das! Ich möchte denn doch sehen, ob das mein Vogel und mein Fisch ist! Vielleicht könnte ich dann solch eine barste Weltdummheit leichter loswerden.“

18. Sagte der Engel: „Sieh nach deinen beiden Händen, und du wirst deine Weltehrenzeichen erschauen!“

19. Hier sah Agrikola nach seinen Händen und bemerkte in seiner Rechten den Vogel, eine Art Phönix, und in seiner Linken eine Art kleinen Delphin. Da staunte er gewaltig über diese Erscheinung, fragte den Engel aber gleich, wie er diese beiden ihm lästigen Tiere wohl am ehesten loswerden könnte.

20. Sagte der Engel: „Diese beiden dir ganz unnützen Tiere kannst du dadurch ganz leicht loswerden, daß du dein Herz von ihnen ganz abkehrst und es ganz zum Herrn hinwendest. Wenn du das kannst, so werden dich die beiden Tiere in deiner Seele bald verlassen; in deinen fleischlichen Händen aber können sie nur so lange Bestand haben, als ich sie dir erhalten will. Und siehe, ich will, daß sie weg seien! Und sieh, deine Hände sind nun schon wieder frei! Ich habe dir jetzt alles gezeigt, was dir die innere Wahrheit mehr und mehr erhellen kann; ein Weiteres mußt du von nun an in dir selbst suchen und finden.“

77. Kapitel. Der Prozeß der inneren Umwandlung im Menschen.

1. Hierauf trat der Engel auf Meinen Wink auf die Seite zu Lazarus hin, und beide gingen ins Haus, um nachzusehen, wie für die Jungen, die sich nun zumeist in den Zelten belustigten, und für uns nun von den Schafen, die Raphael hervorgerufen hatte, ein gehöriges und genügendes Mittagsmahl bereitet wurde.

2. Agrikola aber wandte sich nun an Mich und sagte: „Nein, Herr und Meister, mir ist auf dieses Geistes Erklärungen hin nun ganz sonderbar zumute, und ich komme mir wahrlich wie ganz ausgewechselt vor! Ich habe doch von Dir vieles und Übergroßes gehört und gesehen, – aber ich habe mich doch dabei stets heimischer gefühlt; aber bei dem Engel habe ich mich ordentlich mir selbst entfremdet! Wie kam denn das, und was bedeutet das?“

3. Sagte Ich: „Mein Freund, das alles geschah in der allergrößten Ordnung! Denn solange du dir selbst nicht gewisserart fremd wirst, bist du dem Reiche Gottes eben noch nicht gar zu besonders nahe; aber wenn du dir einmal selbst so etwas fremd vorzukommen anfängst, so ist das ein Zeichen, daß dein Geist in dir ein wenig aufgerüttelt worden ist und ein wenig in deiner Seele einen Schritt vorwärts getan hat. Und weil du das in deinem Leben gewissermaßen das erstemal verspürst, so ist das eben ein Zeichen, daß sich dein Geist in dir so ein wenig mehr zu regen angefangen hat. Und das kannst du immer für ein ganz gutes Zeichen halten. Es wird dir das noch mehrere Male, und das stets in einem entschiedeneren Grade, widerfahren.

4. Wenn du aber solch eine Erfahrung machst, da sei darob nur sehr froh und heiter; denn darin liegt eben ein Hauptzeichen, daß sich dein innerer Geist gar stark mit deiner Seele zu einen angefangen hat! Denn solange du in deinem alltäglichen und heimatduftenden Gefühle dich befindest, so lange bist du noch dieser Welt angehörig und hast keine Fähigkeit in dir, dich dem Reiche Gottes wahrhaft nähern zu können; denn wenn der reine Geist einmal im Menschen erwacht und mit seinem Leben und Lichte den ganzen Menschen zu durchdringen beginnt, so beginnt im Menschen auch ein ganz anderes und – sage – ein ganz neues Leben, das er früher nicht geahnt hat. Und darin liegt der höchste Beweis, daß der Mensch nach dem Abfalle des Fleisches von seiner Seele ein ganz neues und in seinem Leibesleben nie geahntes und noch weniger gekanntes Leben beginnt.

5. Was aber den Abfall des Fleisches von der Seele des Menschen betrifft, so will Ich damit nicht schon den vollen und wirklichen Leibestod bezeichnet haben, sondern jenen Zustand des Menschen, in dem er seine sinnlichen und weltlichen Begierden nahe ganz von sich verbannt und ganz im Geiste zu leben angefangen hat.

6. Der Geist fängt da mächtig sich mit der Seele zu einen an, und diese tritt dann immer mehr und mehr in den Verband mit der allein wahren Geisterlebenswelt. Diese aber, früher ungeahnt und ungekannt, liegt vorerst tief im Menschenherzen gleichwie das reine Geistflämmchen im Keimhülschen eines Samenkornes.

7. Solange aber das Samenkorn in der Erde nicht stirbt und zerfällt und sich also auflöst, daß seine früher festen Teile in die Ähnlichkeit des Geistes überzugehen anfangen, so lange auch bleibt der Geist untätig und verborgen. Wenn aber das Fleisch des Samenkornes sich in der Erde zu erweichen und aufzulösen beginnt und in seinen stets ätherischer werdenden Teilchen dem im Keime wohnenden Geiste ähnlicher wird, dann fängt der Geist die ihm ähnlichen Teile zu ordnen an und durchdringt sie stets mehr und mehr, und es tritt da – wie du das bei jeder emporkeimenden und fortwachsenden Pflanze gar wohl merken kannst – ein sicher ganz neuer Seinszustand ein. Und was du im kleinsten Maßstabe bei einer oder der andern Pflanze merkest, das geschieht denn auch in einem großen und allumfassenden Maße beim Menschen, wenn er alle seine seelischen und auch leiblichen Gelüste und Begierden für die Außenwelt durch seinen ernsten Willen in sich zerstört, auflöst und in allem dem inwendigsten Geiste ähnlicher und ähnlicher zu machen anfängt.

8. Nun, da kann es einem lange an alle Welt gewohnten Menschen eben nicht sehr heimatlich zumute werden; wenn er sich aber mit der Zeit in seiner neuen, inneren und allein wahren Lebenswelt mehr und mehr wird heimlich (heimisch) zu fühlen anfangen, so wird ihm dann die Außenwelt in gleicher Weise stets unheimlicher zu werden anfangen. Daher mache du dir nichts daraus, so dich Mein Raphael ein wenig mehr als gewöhnlich aufgerüttelt hat; denn es ist dir solches von einem großen Nutzen.

9. Er ist in seinem Wesen schon ein reiner Geist und konnte darum auch direkter auf deinen Geist einwirken, als es ein anderer noch so geweckter Mensch zu tun imstande wäre, solange er die volle geistige Wiedergeburt noch nicht erreicht hat. Aber das ist nicht zum Nachteile deiner Seele, sondern nur zu ihrem großen Vorteil von Mir also zugelassen worden. Darum mache dir, wie Ich schon gesagt habe, nichts daraus, wenn es in dir etwas befremdlich und unheimatlich auszusehen angefangen hat! Wenn dich dieses Gefühl noch öfter heimsuchen wird, da frohlocke du in deinem Herzen; denn das zeigt dir die stets größere Annäherung des Reiches Gottes im Herzen deiner Seele an. – Hast du das nun wohl verstanden?“

10. Sagte Agrikola: „Ich danke Dir, o Herr, für diese Deine allergnädigste Erklärung! Mir ist das Gefühl wohl noch geblieben, – aber es befremdet mich nicht mehr so, wie es mich ehedem befremdet hat. Aber nun möchte ich nur das noch wissen, wie der Engel denn gar so genau wissen konnte, welche Tiere mein altes Ehrenschild zieren; denn das Schild befindet sich wohlverwahrt in Rom, und wir sind hier. Wie kann er so weithin schauen?“

11. Sagte Ich: „Das hatte er diesmal auch gar nicht vonnöten, weil er als ein reiner Geist dasselbe in deiner Seele bis in die allerkleinsten Teile hatte schauen können. Übrigens hätte er als ein reiner Geist dir auch dein Ehrenschild in einem Augenblick von Rom hierher stellen können!“

12. Sagte Agrikola: „Das dürfte denn doch ein wenig schwer sein; denn wenn auch ein Geist alle Materie durchdringen und auflösen kann, so kann aber doch die Materie die Materie nicht durchdringen. Mein Schild befindet sich in einem steinernen Schrank, der mit einem ehernen Deckel wohlverschlossen ist. Er müßte den ganzen Schrank gänzlich zerstören, um das Schild herauszubekommen; und würde er dann mit dem Schilde die unendlich schnelle Bewegung durch die Luft machen, so müßte das Schild ja in der Luft zerstört werden!“

13. Sagte Ich: „Du urteilst, wie du die Sache verstehst; aber die reinen Geister verstehen das schon alles ganz anders. Siehe, der Engel hätte ja nicht einmal nötig, sich von hier gar nach Rom zu begeben; es genügt sein Wille und seine alles durchdringende Erkenntnis. Er löst dir in Rom dein Schild völlig auf, wie er zuvor den Stein aufgelöst hat, und fügt es durch seinen Willen – ebenso wie den Stein, den du noch in deiner Hand hast – hier augenblicklich wieder zu seiner Materie und Form zusammen. Und siehe, so ist dann einem reinen Geiste wohl nichts mehr unmöglich! Wenn du solches nun einsiehst, so denke nun darüber nach, und es wird dann in deiner Seele schon heller werden! –

14. Jetzt aber kommen die zwei Jünger aus dem Tempel auch schon zurück und noch ein paar andere Männer mit ihnen. Diese wollen wir nun vernehmen, auf daß sie uns sagen, wie es nun unten zugeht. Darum ruhen wir nun, bis sie hier sein werden!“

78. Kapitel. Bericht des Talwirtes über die Vorgänge im Tempel.

1. Nach einer kleinen Weile kamen die zwei Jünger bei uns an und die zwei andern Männer mit ihnen. Der eine war der uns schon bekannte Wirt im Tale, ein Nachbar des Lazarus in der Nähe von Bethania, bei dem Ich schon einige Male eingekehrt war, und der zweite Mann war ein bekannter guter Freund von ihm und auch ein Wirt, aber in der Nähe von Bethlehem, der die große Herberge an der Hauptheeresstraße besaß, und bei dem Ich auch einmal eingekehrt war und daselbst viele Kranke geheilt hatte.

2. Die zwei Jünger aber waren Thomas und Judas Ischariot. Der letztere wollte gleich alles der Länge und Breite nach zu erzählen anfangen, was sich da alles im Tempel zugetragen habe.

3. Aber Ich verwies ihm solches und sagte: „Rede du erst dann, wenn Ich dich dazu auffordern werde; denn bis jetzt bin noch immer Ich euer aller Herr und Meister, der da wohl am allerbesten weiß, wem von euch vieren Er des Volkes wegen das Geschäft des Erzählens auferlegen wird!“

4. Bei dieser Ermahnung wich Judas Ischariot etwas mürrisch zurück und sagte zu Thomas: „Habe es wohl schon vorher gewußt, daß ich wieder zurückgedrängt werde!“

5. Sagte Thomas: „Ich habe es dir aber auch schon unterwegs gesagt, daß du dich nicht vordrängen sollst! Weißt du denn aus tausend Lehren des Herrn noch nicht, daß beim Herrn nur der etwas gilt, der sich allzeit und überall selbst demütigt? Ich habe mich nicht vorgedrängt und habe darum auch keine Zurechtweisung vom Herrn erhalten. Laß dir das doch einmal gesagt sein! Es sind ja noch zwei Männer bei uns, die im Tempel schon vor uns alles gehört und beobachtet haben, was sich darin zugetragen hat. Sie wissen also mehr als wir beide, und der Herr wird des Volkes wegen von ihnen alles erzählen lassen, und wir werden höchstens ein Zeugnis zu geben aufgefordert werden, so es nötig sein wird. Begeben wir uns nun nur ganz ruhig auf unsere alten Plätze zurück und sehen uns die Gegend recht gut an; denn da gibt es auch tausenderlei zu beobachten, woraus man für sich auch manche gute Lehre ziehen kann!“

6. Mit dieser Zurechtweisung des Thomas war Judas Ischariot einmal zufrieden und setzte sich in Ruhe auf seinen alten Platz, und also auch Thomas.

7. Ich aber wandte Mich nun an den Wirt im Tale in der Nähe von Bethanien und sagte zu ihm: „Nun, Freund, erzähle du des Volkes wegen, was du im Tempel alles erlebt hast; denn du warst heute auch mit vielen aus deinem Orte schon vor Tagesanbruch im Tempel! Was sagen die Templer über die in dieser Nacht gesehenen Zeichen, was sagte das Volk dazu, und was sagst am Ende du selbst dazu?“

8. Sagte der Wirt: „Herr und Meister! Ich war wirklich schon vor Tagesanbruch im Tempel, und zwar auf Grund der in dieser Nacht stattgehabten Erscheinungen, die von einer so außerordentlichen Art waren, daß wohl kein Jude und kein Heide je etwas Ähnliches gesehen hat. Hätte ich aber nur ahnen können, daß Du Dich noch in Jerusalem aufhieltest, und das hier auf dem Ölberge, so wäre ich mit diesem Dich auch wohl kennenden Freunde statt in den Tempel gleich und zwar schon während der furchtbaren Erscheinungen hierher geeilt. Dieser mein Freund aber blieb in der Nacht bei mir und wollte heute morgen wieder nach Hause reisen – er kam aus Galiläa, wo er irgendwelche Geschäfte hatte –; aber die in der Nacht plötzlich aufgetauchten Erscheinungen hemmten seine Weiterreise, und wir gingen hinauf nach Jerusalem, um möglicherweise etwa doch ein Licht darüber zu bekommen. Als wir aber eilschrittig in den Tempel kamen, da gab es einen Lärm durcheinander, so daß man darin sein eigenes Wort nicht zu verstehen imstande war.

9. Es kam bald dieser, bald ein anderer Priester auf den großen Predigerstuhl und fing dies und jenes zu erklären an; aber das Volk, den vorgetragenen Unsinn bald einsehend, wollte nichts mehr von dem Prediger hören und verlangte einen andern.

10. Im Anfange hörte das Volk ihn ganz ruhig an; aber sowie er wieder von strenger Buße und von großen Opfern zu reden begann, da ward das Volk bald unwillig und sagte: ,Ihr schiebet eure groben Sünden immer auf uns armes Volk, – wir sollen dann, wenn es nötig ist, allzeit für euch die Sündenböcke machen! Welche Opfer haben wir schon dem Tempel gebracht! Welche schauderhaften Bußen haben wir schon gewirkt, und ihr sagtet uns, daß Jehova also Sein Volk mit freundlichen Augen gnädig anschaue! In dieser Nacht aber haben wir Seine Freundlichkeit nur zu gut gesehen, und es leuchtete nur zu klar heraus, daß alle unsere dem Tempel dargebrachten Opfer und alle unsere blutigen Bußwerke zu gar nichts gut waren, sondern es ist nun kein Schein, sondern eine offenbare Wahrheit vor uns, daß alle von uns dargebrachten Opfer und alle von uns geübten Bußwerke, weil sie sicher zu unsinnig waren, da sie über alle mosaischen Satzungen hinausgingen, Gottes gerechten Zorn nur mehr anfachten als besänftigten. Und daran schulden wahrlich nicht so sehr wir als vielmehr ihr Priester, die ihr denn in dieser Zeit infolge eurer zu großen priesterlichen Herrschsucht uns schon zu gar vielen Schand- und Greueltaten angeleitet habt, indem ihr sagtet: ,Wenn ihr dies oder jenes tuet, so werdet ihr von Mund auf in den Himmel kommen!‘ Und somit seid nur ihr diejenigen, die den Zorn Gottes angefacht haben, und nicht wir, die wir uns leider stets getreu an das hielten, was ihr uns gelehrt habt, und allzeit das getan haben, was ihr von uns verlangt habt. Bringet nun vielmehr ihr große Opfer und wirket eine rechte Buße für die vielen Sünden, die ihr an uns und an den vielen von Gott gesandten Propheten verübt habt, dann wird sich Gott unser schon wieder annehmen. So, dieser Meinung sind wir Volk!‘“

79. Kapitel. Das Volk enthüllt die Greuel der Pharisäer.

1. (Der Wirt:) „Da sagte der Priester, daß er noch nie einen Propheten getötet habe und seine Mitpriester auch nicht.

2. Da fing das Volk schon wieder zu lärmen an und sagte: ,Du bist schon vierzig Jahre lang Priester und solltest nicht dabeigewesen sein, als der fromme Zacharias vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren zwischen dem großen Opferaltar und dem Allerheiligsten von wutentbrannten Händen erwürgt worden ist?!

3. Es ist noch kaum ein Jahr her, daß draußen in der wüsten Gegend am Jordanflusse Johannes, ein Sohn des von euch erwürgten Zacharias, durch euer Mühen und Zahlen von den Schergen des Herodes aufgegriffen wurde. Doch Herodes, da er bald merkte, daß Johannes ein weiser Mann war und Gottes Geist aus seinen Worten wehte, behandelte ihn mehr als einen Freund und ließ des Propheten Jünger frei und ungehindert aus und ein gehen. Aber der Satan hatte euch von solch gutem Zustande des Johannes bald Kunde getan, und ihr sannet dann Tag und Nacht nach, wodurch ihr den Herodes dazu bewegen könntet, daß er töten ließe den frommen Propheten. Nach vielem Sinnen und Rathalten fandet ihr in der bösen Mutter der schönen Herodias, die Herodes sehr liebte, ein sehr geeignetes Mittel, den Propheten aus dem Wege zu schaffen. Und somit habt ihr auch diesen Propheten, weil er eben euch vor allem Volke zu sehr ins Gewissen redete, getötet.

4. Jetzt lebt und lehrt aber noch ein großer Prophet, der aus Galiläa zu uns gekommen ist, von dem Johannes selbst sagte, daß er nicht würdig sei, Ihm die Schuhriemen aufzulösen, und daß er selbst bloß eine Stimme des Rufenden in der Wüste sei, zu bereiten dem großen Propheten die Wege, von welchem Propheten allgemein wegen Seiner Lehren und Taten gesagt wird, daß Er der verheißene Messias sei.

5. Was saget aber ihr? Ihr saget, es stehe geschrieben, daß aus Galiläa kein Prophet aufstehe und ein jeder, der an Ihn glaubt, verflucht sei.

6. Wir aber sagen: Wenn es auch schon geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht, so steht aber unseres Wissens doch nirgends geschrieben, daß aus Galiläa der Messias nicht erstehen soll!

7. Und dieser große Prophet hat erst jüngst auf dem Feste im Tempel gelehrt, und auf eine so weise Art, daß sogar eure argen Knechte, die Ihn hätten ergreifen und vor euch hinschleppen sollen, Ihm am Ende das Zeugnis geben mußten, daß noch nie ein Mensch also geredet habe. Aber euer Grimm stieg immer höher und höher. Und als Er euch so recht göttlich mächtig die Wahrheit ins Gesicht schleuderte, da wurdet ihr so erbost, daß ihr Ihn gleich im Tempel habt steinigen wollen. Er aber ward unsichtbar, und ihr habt die aufgehobenen Steine voll Ärger wieder zur Erde legen müssen.

8. Lazarus, der Herr von Bethanien, war in eurem Rate und gab als einer der reichsten Menschen vom ganzen Judenlande dem Tempel große Opfer. Als euch aber alle seine großen Opfer noch immer nicht genügten und ihr ihm darum Tag und Nacht in den Ohren laget, da ward ihm die Geschichte denn doch zu arg, und besonders darum, weil ihr zu ihm allen Ernstes sagtet, daß es ihm besser und nützlicher sei, lieber alles dem Tempel denn irgend den Armen etwas zu geben; Denn das arme Gesindel solle nur arbeiten, und es werde dann schon etwas zu essen bekommen. Denn es sei Gott nicht wohlgefällig, so der reiche Mensch durch seine unweise Barmherzigkeit die armen Menschen zu nutzlosen Müßiggängern mache. So habt ihr zu ihm geredet, was wir aus seinem Munde vernommen haben.

9. Nun, Lazarus ließ sich am Ende auch das noch so halbwegs gefallen; aber im Einverständnis mit seinen beiden Schwestern beschloß er bei sich und sagte: ,Wir besitzen noch viel unurbares Land. Ich werde mit dem freien Almosengeben wegen des Tempels einen Einhalt tun; dafür aber werde ich mit Ausnahme der bresthaften Menschen alle die zu uns kommenden Armen fragen, ob sie uns nicht dienen möchten in einer oder der andern Arbeit nach ihren Kräften um einen guten Lohn.‘ Solches tat Lazarus, nahm viele Arbeiter auf und bestellte mit ihnen seine sehr ausgedehnten und weitläufigen Besitzungen. Dem Tempel aber ließ er noch immer große Opfer zukommen, was wir nur zu gut wissen. Allein ihr habt das nur zu bald erfahren, konntet dem guten Manne zwar nichts Wesentliches dagegen sagen, weil er in der Hauptsache euren Willen befolgt hatte, aber geheim waren euch schon wieder seine nun sehr vielen Arbeiter ein Dorn in euren bösen Augen, und ihr nahmet euch bald alle Mühe, ihm die Arbeiter und Diener durch alle erdenklichen Mittel, die euch nur immer zu Gebote standen, abwendig zu machen.

10. So kamet ihr durch eure getreuen Diener bald da- und bald dorthin und sagtet: ,Wie möget ihr da arbeiten? Wisset ihr denn nicht, daß das ein verfluchtes Stück Land ist, dessen einstiger gottloser Besitzer in seinem Übermute zehnmal dem Tempel den gebührenden Zehent verweigert hat?!‘

11. Aber die Arbeiter richteten sich nicht danach und erwiderten euren Tempelboten: ,Das mag sein, obschon es nirgends geschrieben steht; aber nun besitzt dieses Land ein Mann, der dem Tempel noch niemals einen Zehent verweigert hat und solchen auch von diesem Grund und Boden, wenn er tragbar wird, nicht verweigern wird. Daher lasset uns arbeiten, und wir wollen sehen, ob Jehova diesem Boden den Segen verweigern wird!‘

12. Wenn eure Boten auf diese Art nichts ausgerichtet haben, so gingen sie an eine andere Besitzung des guten Mannes hin und suchten durch andere Mittel ihm die Arbeiter abwendig zu machen. Ihr tatet sogar einen Fluch über seinen Ölberg, weil er ihn euch nicht schenken wollte, – und ihr hättet ihn dann um ein großes Geld an einen reichen Griechen oder Römer verkauft.

13. War alles das nach dem Willen Gottes gehandelt, der durch Moses und zu ihm selbst gesagt hatte: ,Laß dich nicht gelüsten nach dem, was deines Nächsten ist!‘? Am Ende, weil der gute Mann euch eure Handlungsweise gegen ihn ganz energisch untersagt hatte, da erst wolltet ihr ihm zeigen, welche Macht ihr gegen ihn habt. Aber der gute Mann war klüger als ihr: er wurde bald mit allen seinen Besitzungen vollkommen römischer Untertan und römischer Bürger, steht nun unter ihrem vollen Schutze, zahlt ihnen den viel geringeren Zins, und euren Boten und Knechten ist durch römische Wachen und in jüngster Zeit sogar durch große und böse Hunde der Zutritt zu seinen Besitzungen verwehrt. Nur dann und wann darf ihn von euch irgend ein alter und um etwas ehrlicherer Pharisäer und Schriftgelehrter besuchen.

14. Und sage nun, du matter und schwacher Prediger, was habt ihr damit gewonnen? Habt ihr euer Recht irgend bei einem römischen Gerichte durchgesetzt? Darum hat euch Gott in dieser Nacht gezeigt, was Er mit Jerusalem und eurem Tempel wahrscheinlich schon in jüngster Zeit machen wird. Rede uns nun entgegen, wenn du kannst und magst! Wie viele Schätze, Gelder und Güter der armen Witwen und Waisen habt ihr schon verschlungen, und versprachet ihnen, daß ihr dafür für ihr zeitliches und ewiges Wohl sorgen werdet. Waren sie aber einmal in euren Krallen, da sind sie bald für die Ewigkeit von euch versorgt worden. Auf welche Art, das wissen wir schon zum größten Teile, und ihr werdet es in eurem bösen Gewissen sicher noch besser wissen!

15. Wenn ihr um irgend eine arme Jungfrau oder um irgend ein junges Weib wußtet, so verkleidetet ihr irgendeinen Templer, und er mußte hin, die Jungfrau für eure Geilsucht zu verlocken oder das junge Weib zum Ehebruche mit euch zu verleiten, auf daß sie dann unter der Androhung der Steinigung immer eure Buhlerin bleiben mußte. O der großen Schande und der großen Greuel des Tempels!

16. Ihr glaubtet freilich wohl schon seit langem an keinen Gott mehr und habt euch darum das freche Recht herausgenommen, die Stelle des vom Volke noch immer geglaubten Gottes zu vertreten und habt ihm (dem Volke) in Jehovas Namen allerlei eurer unersättlichen Herrschsucht und übermäßigen Freßgier dienende Gesetze gegeben, vor denen es am Ende sogar den Heiden zu ekeln anfangen mußte. Aber in dieser Nacht ist der alte Gott wieder aufgetaucht und hat euch und dem Volke mit großartigen und klaren Zeichen gezeigt, daß er noch ganz Derselbe ist, wie Er war zu Abrahams, Isaaks und Jakobs Zeiten.

17. und nun haben wir Volk vor Gott und vor euch das vollste Recht, euch offen ins Gesicht zu sagen, daß nicht wir, sondern nur ihr die Urheber aller Sünden waret, die mit der Zeit durch eure gottlosen Gesetze unter uns gang und gäbe wurden; denn ihr triebet uns ja schon ordentlich zur Sünde an, damit wir dann für unsere begangenen Sünden mehr opfern mußten, um dieselben durch eure faulen Brandopfer und durch eure völlig leeren Machtsprüche loszuwerden. Also seid ihr ganz allein an allem schuld, wie solches aus dem zweiten schrecklichen Zeichen auch gar deutlich zu entnehmen war. Jetzt, weil ihr euch vor Gott und vor dem Volke so mächtig wähnt, machet es mit Gott vor uns ab und saget, was Gott mit euch und mit uns tun wird!‘

18. Siehe, Herr und Meister, so sprach das Volk buchstäblich mit dem schon höchst ängstlich und verlegen gewordenen Prediger, der wie ein gegossenes Kalb ganz stumm und bewegungslos alles das anhörte und dem Volke am Ende nichts anderes erwidern konnte als: ,Für solch ein Volk bin ich zu schwach, da muß ein Schriftgelehrter kommen!‘

19. Und das Volk sagte: ,Nur her mit ihm, und wir werden auch ihm zeigen, daß des Volkes Stimme bei weitem mehr Gottes Stimme ist als das dumme und leere und alles Rechtes bare Wort eines herrsch- und habsüchtigen Templers!‘

20. Mit dem verlor sich der Redner, und wir mußten darauf nahe eine halbe Stunde lang warten, bis der angekündigte Schriftgelehrte erschien.“

80. Kapitel. Die Anfrage des Bethlehemers an die Schriftgelehrten.

1. (Der Wirt:) „Als dieser Hochweise die große Rednertribüne bestieg, da fing er mit ganz ernster Miene und Stimme also an: ,Gott sprach nur mit Moses und Aaron. Aber es stehet nirgends geschrieben, daß Gott auch je unmittelbar zum Volke geredet habe; denn das Volk war allzeit zu unheilig vor Ihm, was es, als noch unter dem Wunderstabe Mosis stehend, dadurch bewies, daß es sich aus dem mitgenommenen Golde ein goldenes Kalb goß und dasselbe anbetete. Darum hat dann Gott auch nicht mehr mit dem sich vor Ihm unheilig gemachten Volke, sondern nur durch eigens geweckte Propheten und durch uns Priester geredet. Und so merket euch das wohl, daß des Volkes Stimme nie soviel wie eine Gottesstimme sein kann; und so ihr das nun von euch behauptet, so begehet ihr dadurch eine große und fluchwürdigste Sünde vor Gott und vor uns, Seinen rechten Priestern. Wir Priester haben jedoch Nachsicht mit eurer großen Dummheit und Schwäche und vergeben euch solch eine Sünde; ob sie euch aber auch Gott vergeben wird, das ist eine andere Frage.‘

2. Mit dieser Anrede hatte das Volk aber auch schon genug, und ein Mann von großer Gestalt, seines Ansehens nach ein Bethlehemer, trat hervor und sagte im Namen des Volkes zum Schriftgelehrten: ,Daß Gott mit Moses und Aaron geredet hat, das wissen wir so gut wie du eingebildeter Schriftgelehrter; aber wir wissen auch, daß anfangs Gott nur zum Volke geredet hat. Da aber das Volk vor der zu gewaltigen Donnerstimme Gottes sich zu sehr zu fürchten begann, so bat es, daß Gott Seinen allerheiligsten Willen nur dem Moses allein bekanntmachen möchte, und es werde Seinen Willen tun, wenn es auch nicht mit anhöre Seine zu gewaltige Stimme. Dann zog sich das Volk fernehin auf des Sinai-Tales Gegenseite. Und von da an erst empfing Moses allein die Gesetze von Gott. – Aber lassen wir das, und ich will dich, du eingebildeter Schriftgelehrter, nun gleich auf etwas anderes aufmerksam machen!

3. Du sagst, daß Gott nicht mit dem unheiligen Volke, sondern nur mit Moses, Aaron, nachher mit den Propheten und auch mit euch Priestern geredet habe. Wir streiten dir das auch gar nicht ab; aber wir ersuchen dich, uns zu erörtern, aus welchem Grunde ihr von den Satzungen Mosis nahe gänzlich abgewichen seid und dafür eure selbst- und herrschsüchtigen Gesetze hingestellt habt. Und warum haben eben die Priester beinahe die meisten Propheten getötet und in der neuesten Zeit sogar Zacharias und Johannes? Und warum trachtet ihr auch noch den Propheten von Nazareth zu töten, der doch die größten Zeichen wirkt, die je von einem Propheten gewirkt worden sind, und den Menschen das wahre Wort Gottes predigt?

4. Wenn wir nicht selbst schon zu öfteren Malen Sein wahrhaft göttliches Wort gehört und von Ihm nicht Zeichen gesehen hätten, die außer Gott niemand wirken kann, so würden wir auch nicht reden; aber unser sind es Tausende, die wir an Ihm das alles selbst erlebt haben, und wir können somit jetzt, wo Gottes Zorn über euch so ersichtlich wurde wie die Sonne am hellen Tage, auch ohne Vorhalt und ohne alle Furcht vor euch reden, wie wir es genau wissen, fühlen und einsehen. Ich habe dir die Fragen gestellt, und du als ein eingebildeter Schriftgelehrter wirst sie ganz klar beantworten, sonst sollst du die Kraft der Fäuste deines unheiligen Volkes als erste Verwirklichung des nächtlichen zweiten Zeichens zum Verkosten bekommen, damit dir und noch vielen Elenden deinesgleichen unsere Unheiligkeit und Verfluchtheit fühlbar wird.‘

5. Als der besagte große Bethlehemer solche Worte ausgesprochen hatte, stand der früher so grimmig ernst auf der großen Rednertribüne stehende Schriftgelehrte ganz furchtsam, bleich und fiebernd da und hatte kaum noch den Mut, sich als ein alter Mann mit einem plötzlichen Unwohlsein zu entschuldigen, darum er nun die Kraft nicht habe, dem Volke die gewissen Fragen zu beantworten.

6.Der Redner aber sagte: ,Geh, du alter Frevler im Heiligtume Gottes – denn das wußten wir schon lange, welcher Art Kreaturen deines Gelichters sind –, sonst segnen wir dich mit unseren Fäusten!‘

7. „Als der Schriftgelehrte solches Schaffwort (Befehlswort) aus dem Munde des Bethlehemers vernommen hatte, verließ er in größter Eile die Tribüne und verkroch sich irgendwo in den Seitenhallen des Tempels.“

81. Kapitel. Die Geschichte des Judenvolkes.

1. (Der Wirt:) „Doch bald darauf erschien auf der Tribüne ein alter, würdigerer Rabbi, der – wie bekannt – noch ein Freund des alten, frommen Simeon und später auch des erwürgten Zacharias war. Als der erschien, ward alles Volk ruhig, grüßte ihn und bat ihn, daß er ihnen in dieser höchst bedrängten Lage einen gerechten und rechten Trost geben möchte.

2. „Und der Rabbi sagte: ,Meine lieben Mitbrüder aus dem Schoße Abrahams! Verzeiht es meinem hohen Alter, daß ich meine Zunge nicht mehr so wie einstens zu allem Guten und Wahren in meiner Macht habe; aber am guten Willen fehlt es mir noch immer nicht, euch allen einen rechten und gerechten Trost zu geben.

3. Die Zeichen, die wir in dieser Nacht zu sehen bekamen, vermittelt durch den Ratschluß des allmächtigen Gottes, waren wahrlich von einer solchen Art, daß dabei sogar die Heiden zu zittern anfingen, und kein Jude, sogar kein Sadduzäer und kein Samariter, konnte sie mit einem furchtlosen Gemüte ansehen. Ich aber dachte mir so in meiner alten Einfalt: Lieber Jehova! Wegen meiner Person hast Du diese gar entsetzlich schlimmen Zeichen an Deinem gestirnten Himmel doch sicher nicht zum Vorscheine kommen lassen, so wie Du auch Deine liebe Sonne nicht um meinetwillen allein je hast aufgehen und scheinen lassen; denn sie hat ja Jahrtausende vor mir schon diese Erde erleuchtet und wird sie nach mir auch – wer weiß, wie viele – Jahrtausende noch erleuchten! Ich als ein beinahe hundertjähriger Greis werde nicht lange mehr die Wohltat der lieben Gottessonne genießen. Denn in die Gräber der Verwesung dringt das Licht der Sonne nimmer; und dränge es auch hinein, so könnte es die toten Leichname doch sicher nicht mehr erfreuen. Alles auf dieser wahrlich für jeden nüchternen Denker völlig freudenlosen Welt ist vergänglich, nur die Macht Gottes nicht, die bleibet ewig; unsere Seelen aber hängen bloß von dem Willen des Allmächtigen ab. Ob sie nach dem Tode fortleben, das kann kein Mensch der vollen, einsichtlichen und klar begreiflichen Wahrheit nach begreifen und erkennen; aber Moses und alle späteren Propheten haben uns solches gelehrt, und wir müssen das glauben, – und glauben wir das nicht, so gleichen wir den Sadduzäern, die von uns abgefallen sind, weil sie von den griechischen Philosophen dazu verleitet wurden.

4. Aber es gibt leider auch unter uns, und leider hier im Tempel, mehr Sadduzäer als unter euch draußen, also auch in dieser großen Stadt, wo die Reichen ihres Reichtums wegen nahe schon an gar nichts mehr glauben; und was sie in Glaubenssachen noch tun, das tun sie nur zum Scheine, damit das gemeine Volk allein sich vor Gott noch fürchten soll; aber im Herzen haben sie keinen Glauben und keinen Gott mehr.

5. Das dienende, arme und gemeine Volk aber merkt das dennoch bei den Reichen und denkt sich: ,Ah, so ihr Reichen, die ihr durch eure Mittel viel erfahren und wissen könnet, weder an Moses noch an die Propheten und also auch an keinen Gott glaubet, warum sollen denn wir Armen euch zu Gefallen an das glauben, was für euch Reichen nichts ist?!‘

6. Und so, meine Lieben, treibt in einem fort ein böser Keil den andern, und wir alle stehen nun beinahe auf dem Punkt, auf welchem die Menschen zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots gestanden sind. Damals wie jetzt hat Gott auserlesene Boten zu den Menschen auf die Erde gesandt, die alle die Gott völlig vergessen habenden Menschen mit Worten und Taten gar eindringlich ermahnt haben und ihnen auch die unausbleiblichen Folgen ihres Starrsinns genau vorzeichneten; aber die Menschen hatten sich zu weit in die tote und todbringende Welt hinein vertieft und verrannt, hörten die Gottesboten entweder gar nicht, oder sie verfolgten dieselben hartnäckig, mißhandelten sie und töteten sie wohl gar, und oft auf eine grausame Weise. Und seht, ihr meine sehr lieben Freunde und Brüder, unter uns gesagt, geradeso und vielleicht leider noch um etwas ärger steht es nun bei uns und namentlich hier in diesem Tempel!

7. Die Juden blieben als solche eigentlich nur bis in die halbe Zeit der Richter. Damals gab es noch keine eigentliche Stadt im ganzen Lande; wohl aber Gemeinden mit notdürftigen Häusern und einzelne Wohnhütten und in der Mitte des Landes auf dem Berge Horeb die erbaute heilige Hütte, in der die Lade des Bundes sich befand, belebten das Land des Vaters Jakob. Damals benötigten die Juden keiner festen Burg, um sich in ihr gegen die auswärtigen Feinde zu schützen; denn Jehova allein war ihre feste Burg, ihr unübersteigbarer Damm und ihr scharfes Schwert. Außer Gott kannten sie keinen Herrn, lebten im tiefen Frieden, waren leiblich und geistig gesund und kannten keine Not.

8. Aber gegen die Zeiten der letzten Richter fingen sie schon an, in allem mehr lau und träge zu werden. Die Gebote und auch andere Satzungen fingen sie an weniger zu achten und übertraten sie zu öfteren Malen. Da bekamen sie auch gleich allerlei Ermahnungen, nach denen sich wohl die Besseren richteten; aber die Weltlicheren taten nur mehr zum Scheine etwas, in ihren Herzen aber gewann gleichfort die tote Welt den Vorrang. Solche Weltjuden wurden bald reiche und angesehene Menschen und waren mit ihren einfachen Wohnhütten nicht mehr zufrieden und auch mit den von Gott verordneten Richtern nicht, sondern sie wollten auch, gleich den Heiden, einen glanzvollen, mächtigen König haben und eine Stadt und feste Burgen. Sie verlangten endlich unter Samuel mit allem Ernste einen König, und Gott der Herr sprach: ,Da sieh dir an das undankbare Volk! Mit Meiner väterlichen Regierung, unter der es gesund, reich und überansehnlich geworden ist, will es nicht mehr zufrieden sein. Zu allen den vielen großen Sünden, die es schon vor Meinem Angesichte begangen hat, tut es noch diese größte hinzu, daß es einen König verlangt! Ja, es soll einen König haben und Städte und Burgen; aber nicht zu seinem Frommen, sondern als eine scharfe und harte Zuchtrute soll es einen König haben!‘

9. Ich sage euch das alles nur in Kürze, damit ihr desto leichter den Grund dieses gegenwärtigen gänzlichen Verfalles des wahren, alten und echten Judentums einsehet.

10. Saul mußte schon eine feste Burg, wenn auch noch keine eigentliche Stadt haben. Da entstanden schon Kriege mit den Philistern, und die Väter mußten sich ihre Söhne und besten Knechte vom König in den Krieg nehmen lassen und dazu noch ihre besten Ochsen, Esel, Kühe, Kälber und Schafe hergeben. Das war sonach schon der erste Segen eines Judenkönigs, während Samuel noch lebte, der auf Gottes Geheiß den Saul zum Könige salbte. Samuel meinte nun, daß das Volk durch solche Züchtigung in sich gehen und reuig wieder zur Gottesregierung zurückkehren werde. Aber mitnichten! Es wollte nur einen mächtigeren und weiseren König, und Samuel salbte den David, der bald die Stadt Bethlehem erbaute und zur Stadt Jerusalem den Grund legte. Sein Sohn Salomo baute mit großen Kosten und mit großer Pracht die Stadt aus und den Tempel; aber das Volk versank dabei schon in eine große Armut und mußte sich allerlei Drangsale gefallen lassen.

11. Wie es dem Volke nachher unter den späteren Königen bis gegen die babylonische Gefangenschaft erging, das wissen wir aus den Büchern der Chronika. Man sollte aber meinen, daß die vierzig Jahre lang dauernde Gefangenschaft die daraus wieder befreiten Juden völlig anderen Sinnes machen werde; doch nein, sie mußten wieder Könige und, gleich den Heiden, Priester und Hohepriester haben!

12. In dieser Zeit, nahe bis auf uns herab, sandte der Herr die meisten Propheten, die das Volk zu Gott zurückriefen. Doch das durch die Könige und Priester schon zu finster und taub gemachte Volk vernahm und verstand nichts mehr von dem, was ihm die Propheten verkündeten. Dazu verfolgten die Könige und die Priester noch die Propheten, und das oft mit der empörendsten blinden Rache und Wut, – wie ihr derlei Szenen schon selbst erlebt habt und leicht noch mehrere erleben werdet, obschon die Juden in dieser Zeit und schon lange vorher keinen eigenen König mehr haben, sondern sich die eherne Oberherrschaft der Heiden gefallen lassen müssen.

13. Gott hat Sich aber auch diesmal Seines Volkes hoch erbarmt und hat uns einen Messias in der Person des Weisen aus Nazareth nach der Verheißung gesandt, den ich schon von Simeons Zeiten an kenne, da Ihn auch Simeon im Tempel erkannte, Ihn beschnitt und Ihm den Namen Jesus gab. Ich kann und darf euch das nur bei dieser außerordentlichen Drangsalsgelegenheit sagen, und was ich als ein hoher Greis euch nun sage, das ist hohe und heilige Wahrheit. Aber diese über alle Maßen herrschsüchtigen Erztempler verfolgen ja jeden mit der größten Rachgier, der so etwas zu einer andern Zeit aussprechen würde.

14. Und sehet, da ich nun alles Notwendige kurz vorausgesandt habe, so kann ich euch nun sagen, wie die heutnächtlichen schrecklichen Erscheinungen von Gott zugelassen worden sind! Der Erztempeljuden Sündenfrevelgröße hat das ihr von Gott gestellte Maß nahe bis an den Rand voll gemacht, und die große Geduld Jehovas hängt kaum noch an einem Haare! Wenn das Maß voll wird, so wird auch mit Jerusalem das geschehen, was ihr im zweiten Zeichen gesehen habt, und das vielleicht schon eher noch, als da fünfzig volle Jahre vergehen werden.

15. Die zwölf Feuersäulen, die am Ende in eine zusammenflossen, zeigten offenbar das Verschmelzen der zwölf Stämme Israels in einen, nämlich in den gekommenen Messias, der am Ende, da Er von den blindesten und bösesten Erztempeljuden nicht angenommen ward, wieder dahin auffuhr, von wannen Er gekommen ist.

16. Es war aber später im Westen, wie es mir der weise Nikodemus soeben erzählt hat, noch ein drittes Zeichen von sehr tröstender Art zu sehen, aber freilich nur für jene, die den Messias angenommen haben, an Ihn glauben und nach Seiner Lehre, die göttlich weise ist, handeln. Doch davon kann euch eben Nikodemus später ein mehreres sagen, weil er auch die besagte dritte Erscheinung selbst gesehen hat.‘

17. Hierauf empfahl der Greis ihnen, das heißt dem Volke, alle Geduld und trat von der Rednertribüne ab. Und alles Volk lobte den alten Redner.

18. Und der Bethlehemer sagte: ,Ja, das ist noch ein Alter nach der Art Aarons; aber er allein kann gegen die vielen auch nichts machen! Was aber im Ernste sehr viel sagen will, ist das, daß sich im Tempel am Ende doch noch auch unter den Pharisäern und Schriftgelehrten etwelche vorfinden, die an den Heiland aus Nazareth glauben!‘

19. Es wurden noch mehrere Betrachtungen der Art gemacht, und man harrte mit Sehnsucht auf den ehrlichen und biedern Nikodemus, der noch ein wenig auf sich warten ließ.“

82. Kapitel. Des Nikodemus Rede an das Volk.

1. (Der Wirt:) „Es vernahm aber irgend hinter einem Vorhange so ein rechter Erzpharisäer im Volke die starke Befürwortung des Glaubens an den Heiland aus Nazareth, trat hervor, bestieg die kleine Tribüne und sagte: ,Ich sage euch aus meiner oberpriesterlichen Machtvollkommenheit: Wer da an den Heiland aus Nazareth glaubt und sagt, daß dieser der verheißene Messias sei, der ist vom Tempel aus verflucht!‘

2. Er hatte aber diese schmähliche Sentenz noch kaum völlig ausgesprochen, da war seine Tribüne schon vom Volke umringt, und alles Volk schrie ihn also an: ,Und wir aber sagen: Wer immer da nicht glaubt, daß der Heiland aus Nazareth unfehlbar der verheißene Messias ist, der ist von uns aus verflucht! Und so aber ein elender Schweinewicht von einem Oberpharisäer der den wahren Messias eher denn das Volk erkennen sollte, in seiner blinden Herrschwut solch eine Sentenz gegen uns auszusprechen wagt, der ist von uns siebenmal verflucht und hat den Tod verdient! Du Schweinehund du, sahst du die Zeichen dieser Nacht nicht? Haben auch diese deinen zottigen Pelz nicht zu durchdringen vermocht? Na warte, du Schweinehund von einem Oberpharisäer, wir werden dir deinen zu dichten Pelz schon dünner und durchdringlicher machen! Du bist uns gerade recht in den Wurf gekommen; denn auf dich, du elender Schweinehund, haben wir es schon lange scharf abgesehen!‘

3. Als der Oberpharisäer solche Begrüßungen aus dem Volke vernahm, fing er an, um Hilfe zu rufen.

4. Aber das Volk schrie noch mehr: ,Nieder mit dem Gotteslästerer!‘

5. Hier drängte sich unser riesiger, wahrer Goliath von Bethlehem zu dieser kleineren Tribüne, griff mit seiner kräftigen Hand nach dem Oberpharisäer, schüttelte ihn zuerst derart, daß ihm dabei auf eine Zeitlang schier Hören und Sehen verging, dann hob er ihn von der Tribüne herab und trug ihn zu jenem Vorhang hin, durch den er ehedem in die große Tempelhalle gekommen war, gab ihm dort noch ein paar ordentlich glänzende Backenstreiche und sagte dann mit einer wahren Donnerstimme zu ihm: ,So wird in Zukunft das sehend gewordene Volk Priestern deiner Art Opfer und Zehent abliefern! Jetzt gehe aber, und laß dich ja nimmer sehen, sonst kostet es dein Leben!‘

6. Da raffte sich der ganz schwindlig gewordene Oberpharisäer in aller Eile zusammen und verkroch sich bebend in irgendeinem Winkel seiner Behausung.

7. Gleich nach dieser Begebenheit erschien ein römischer Abgesandter vom Landpfleger, stieg auch auf eine Kanzel, die für weltliche Redner und Verkünder bestimmt war, und sagte: ,Der Landpfleger läßt euch im Namen des Gesetzes ermahnen, daß ihr euch aller Tätlichkeiten enthalten sollet; doch reden könnet ihr, wie ihr nur immer wollet und könnet! Ihr sollet bedenken, daß dieser Tempel zur Ehre eures Gottes erbaut worden ist, und da soll alles Ungebührliche vermieden! Geschieht aber jemandem von irgendeinem dummen Tempelpriester oder -diener irgendein Unrecht, so komme er nur zu uns, und es wird ihm sein volles Recht zuerkannt werden!‘

8. Unser Goliath aus Bethlehem dankte für diese wohlgemeinte Ermahnung, setzte aber doch hinzu: ,Deine Ermahnung, für die ich dir im Namen des ganzen Volkes gedankt habe, war sicher völlig gut; aber wenn einmal die Kräfte der Himmel anfangen, ihren Willen mit ihren allmächtigen Händen an das große Firmament hinzuzeichnen, da hat das menschliche Gebieten auf dieser Erde bald sein Ende erreicht!‘

9. Sagte der Römer: ,Freund, das wissen wir auch und erkennen den Wahrspruch: CONTRA JOVEM FULMINANTEM TONANTEMQUE NON VALET VIS ENSIS, ET CONTRA VIM COELORUM VANE FRUSTRAQUE PUGNAT ARS MORTALIUM sehr an; aber mit einer gewissen Brutalität der sterblichen Menschen unter sich werden wir Menschen die unsterblichen und unbesiegbaren Kräfte und Mächte der Himmel auch nicht um ein Haar anders stimmen! Die gemessene und bescheidene Ordnung ziemt sich für uns sterbliche Menschen noch immer am allerbesten, und ein ordentlicher und ruhiger Mensch wird auch dann noch nicht verzagen, wenn selbst der ganze Erdkreis in Trümmer zusammenzustürzen begänne. Das ist so meine Meinung! Darum beachtet den Wunsch des Landpflegers! DIXI.‘

10. Hierauf empfahl sich der Römer, und das Volk lobte seine Mäßigung.

11. Aber gleich darauf erschien Nikodemus auf der großen Tribüne und wurde vom Volke mit großem Jubel begrüßt. Er aber sagte: ,Meine Freunde und Brüder! Ich habe euch eigentlich nichts Neues zu sagen, bin aber dennoch gekommen, um euch das zu bestätigen, was euch auf eben dieser Tribüne mein ältester und auch bester Freund schon gesagt hat. Es verhält sich wahrlich alles also, wofür ich euch sogar mit meinem Leibesleben bürgen kann, und es freut mich nun um so mehr, daß ich hier in dieser geheiligten großen Tempelhalle mit Menschen zu tun habe, die sicher in allen Stücken meine Ansicht, wie auch meine innerste und vollste Überzeugung mit mir teilen.

12. Es hat sich zwar vor mir auf jener kleineren Tribüne ein anmaßender Oberpharisäer vor euch auf eine höchst ungebührliche Weise vernehmen lassen, ohne daß ihn jemand aus unserem Priesterrate nur mit einer Silbe dazu aufgefordert hätte; aber ihr habt ihn meines guten Wissens dafür auch gebührend entschädigt. Er hat sich beim Hohen Rate darob wohl beklagt – was zwar in dieser Zeit eben nicht gar zuviel sagen will –, doch bekam er bald den Bescheid: Alles zur Unzeit bringt Schmerz und Leid! Es sei bei der leicht begreiflichen großen Aufgeregtheit des Volkes mehr als unklug, etwas vorzubringen, was es in einem ganz ruhigen Zustande nimmer zu ungünstig aufnehmen würde.

13. Als der höchst unbescheidene Oberpharisäer solchen Bescheid vernahm, empfahl er sich bald mit seinen ziemlich angeschwollenen Backen, und ich ward vom gesamten Rate abgeordnet, euch zu sagen, daß ihr nur bei dem verbleiben sollet, was euch mein Vorgänger verkündet hat. Aber da ihr nun alle solchen Trost hier im Tempel gefunden habt, so sollet ihr Gott kurz in euren Herzen einen rechten Dank darbringen und euch dann ruhig in eure Heimat begeben! Und solltet ihr welchen begegnen, so möchtet ihr ihnen auch dasselbe kundtun, damit sie nicht den weiten Weg hierher vergeblich machen, weil für heute nachmittag und morgen, als am Vorsabbat, der Tempel, wie immer, geschlossen bleibt.‘

14. Hierauf fragte das Volk Nikodemus noch wegen der Bedeutung des dritten Zeichens, das er nach der Aussage seines greisen Vorgängers selber gesehen haben solle.

15. Nikodemus aber sagte: ,Das werde ich euch auch noch tun, aber unter uns etwas leiser gesprochen, weil unsere Wände viele Ohren haben! Aber erwartet mich nachmittags auf dem Wege, der nach Emmaus führt! Dort werde ich zu euch kommen und euch das dritte Zeichen treu und wahr kundtun und es euch auch erklären, so gut es mir nur immer möglich sein wird.‘

16. Damit war das Volk zufrieden und fing an, den Tempel zu verlassen.

17. Ich und dieser, mein Freund, gingen auch und trafen eben beim Fortgehen Deine beiden Jünger, die uns von Dir Nachricht gaben, der zufolge wir denn auch sogleich hierher geeilt sind.

18. Und das von mir nun Erzählte ist auch alles, was sich heute im Tempel zugetragen hat. Herr, vergib mir mein schlechtes Erzählen!“

83. Kapitel. Der Rat der Pharisäer.

1. Sagte Ich: „Lieber Freund, du hast die Begebenheiten im Tempel ganz gut erzählt und in deiner Erzählung an den Tag gelegt, daß du alles mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt hast, was da vorging, und was sich besonders irgend auf Mich bezog. Aber das sage Ich dir auch, daß dir dabei Mein Wille sehr behilflich war; denn ohne Mich ist alles schwach im Menschen, mit Mir aber alles stark, kräftig und mächtig.

2. Es ist wahrlich für unsere gute und wahre Sache im Tempel nun recht viel geschehen. Das Volk, der alte Rabbi und Nikodemus haben Mich ganz als Den dargestellt, der Ich bin, und man sollte meinen, daß nun schon der ganze Tempel vollauf bekehrt sei. Aber nichts von dem! Nun haben der Rabbi und Nikodemus ihre Not mit den anderen Pharisäern und mit dem Hohenpriester, und das darum, weil sie Mich vor dem Volke für den verheißenen und allein wahren Messias erklärt haben. Aber Ich legte beiden schon die rechten Worte in den Mund, und Nikodemus hat nun dem Hohenpriester eine so brennende Rede ins Gesicht geschleudert, daß ihm dieser samt den Pharisäern kein Wort mehr zu erwidern vermochte.

3. Der Hohepriester hat nämlich dem alten Rabbi und Nikodemus bitter vorgeworfen, daß sogar sie Meinen Namen im Tempel vor dem Volke offen bekannt und alle Schuld auf den Tempel geladen haben, während sie bei dieser Gelegenheit Mich vor allem dem Volke so verdächtig wie möglich hätten machen sollen. Sie hätten dem Volke nur unter dem größten Ernste sagen sollen, daß Gott nun darum also zornig über das Volk geworden sei, weil es solchen Irrlehrern und Aufwieglern nachlaufe, sich verführen lasse und somit verflucht sei.

4. Nikodemus aber erwiderte dem Hohenpriester, der Kaiphas hieß: ,Oh, wenn ihr denn schon gar so klug und weise seid, so tretet nun selbst in den Tempel, der noch voller Menschen ist, obwohl sich nach meiner Rede ein bedeutender Teil aus dem Tempel und von da nach Hause begab, und redet nach eurer Art zum Volke, und ihr werdet es bald empfinden, wie euch das Volk aufnehmen wird! Waren denn wir beide etwa die ersten, die zum Volke geredet haben? Hundert von euch haben vor dem Volke gepredigt nach eurer Art und Weise, und was war die Folge einer jeden solchen Predigt? Die Folge war, daß der Prediger hat flüchten müssen, wenn er nicht auf das gewaltigste mißhandelt werden wollte.

5. Was hättet ihr denn aber nun gemacht, wenn das Volk, so wir beide es nicht auf eine kluge Art besänftigt hätten, in Massen zu euch hereingedrungen wäre und euch auf eine vielleicht nie erhörte Art zu mißhandeln angefangen hätte? Ist es sonach nicht klüger, zur Zeit der Not zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen und dabei mit heiler Haut davonzukommen, als dem Volke etwas aufbürden zu wollen, das es nimmer hören will?!

6. Es war in dieser Nacht wahrlich nicht an der Zeit, dem ergrimmten und verzweifelten Volke irgendeine Strafrede zu halten, sondern es nur zu trösten und zu beruhigen, – und das haben wir beide getan und dadurch sicher keinen Fehler begangen. Ob aber nun auch ihr vor dem Volke keinen Fehler begangen habt, das ist eine ganz andere Frage! Gehet aber nun nur hinaus in die große Halle des Tempels und versuchet, das Volk eines andern zu belehren, und ich stehe euch dafür, daß es euch noch ärger ergehen wird, als es ehedem dem Oberpharisäer und Schriftgelehrten ergangen ist, als er dawider ein Wort erhob, da das Volk laut behauptete, die Volksstimme sei so gut wie Gottes Stimme!

7. Zudem hast du, Kaiphas, mich und den alten Rabbi ja doch selbst ersucht, daß wir als vom Volke stets wohlgelittene Männer hinaus unter dasselbe treten sollen und trachten, es auf eine jede mögliche Art und Weise zu besänftigen. Nun, wir taten das. Warum machet ihr uns darum jetzt, da das Volk ruhig geworden ist, Vorwürfe? Es steht euch ja noch immer frei, das Volk, das sicher noch bis über den Mittag im Tempel verharren wird, eines andern zu belehren! Wir beide aber werden uns mit dem Volke durchaus nicht mehr abgeben. Aber nehmt euch in acht, – das Volk kennt eure Sünden!‘

8. Sagte der Hohepriester: ,So wir einmal das Volk fürchten müssen, dann sind wir auch keine Priester mehr! Wir dürfen dem Volke nicht um ein Haarbreit nachgeben, und komme über uns, was da nur immer wolle! Das ist mein fester Wille und der Grundsatz meines Handelns.‘

9. Darauf erwiderte ihm Nikodemus: ,Du bist nun Hoherpriester und kannst in vielen Stücken tun, was du willst; wenn aber, wie es sich nun zeigt, bald alles Volk von uns abfallen und sich hinter den Schutz der Römer stellen wird, – was wirst du dann machen? Dann kannst du das Volk verfluchen in einem Atem Tag und Nacht, und es wird dich ebenso anhören, wie dich nun die Heiden, Samariter und Sadduzäer anhören. Mit welchen Mitteln wirst du dann die Abgefallenen wieder für uns und den Tempel gestimmt und uns zuzügig machen?

10. Was hast du mit deiner Hartnäckigkeit gegen den reichen Lazarus in Bethania ausgerichtet und was dabei gewonnen? Er ist nun mit allen seinen großen Besitzungen ein Römer, und du hast keine Gewalt mehr über ihn! Dazu hatte er ehedem alljährlich an den Tempel mindestens hundert Pfunde Goldes und fünfhundert Pfunde Silbers gezahlt, und nun zahlt er um ein bedeutendes weniger an die Römer, und dem Tempel zahlt er keinen Stater mehr. Nur den Zehent hat er noch gegeben, wird ihn aber in Zukunft wahrscheinlich auch nicht mehr geben, weil er sich meines guten Wissens darüber auch schon mit den Römern abgefunden haben soll. Ja, wenn infolge deiner hohenpriesterlichen Hartnäckigkeit viele dem Beispiele des Lazarus folgen werden, dann werden wir uns bald allein im Tempel befinden!

11. Siehe, das ist aber so meine Meinung und kernfeste Überzeugung, und die Folge wird es zeigen, daß ich hier die volle Wahrheit geredet habe, und es wird das schon so der Anfang sein zur nicht lange auf sich warten lassenden Erfüllung des zweiten in dieser Nacht gesehenen traurigen und schrecklichen Zeichens! Fahret nur so fort, so werden wir alle auch bald mit allem fertig werden! – Ich habe nun geredet.‘

12. Daß diese Worte dem Hohenpriester sicher nicht besonders mundeten, läßt sich leicht denken. Aber er konnte da wenig oder nichts einwenden; denn es waren auch andere Älteste des Tempels und Jerusalems mit Nikodemus einverstanden.

13. Aber nach einer Weile sagte der Hohepriester dennoch wieder in einer Art Erregtheit: ,Ich weiß aber dennoch, was noch geschehen muß, und wir stehen dann wieder auf festem Grunde! Auch der falsche Prophet aus Galiläa muß fallen, wie Johannes gefallen ist, und alles Volk wird wieder zu uns strömen. Habe ich recht geredet oder nicht?‘

14. Viele Pharisäer und Schriftgelehrte stimmten nun mit dem Kaiphas; aber Nikodemus, der alte Rabbi und noch mehrere Älteste schüttelten den Kopf, und der alte Rabbi sagte: ,Ich bin wohl der Älteste unter euch und weiß, was seit achtzig Jahren sich im Tempel und im ganzen Judenlande alles zugetragen hat. Schon oftmals sind im Volke und auch im Tempel selbst fromme und vom Gottesgeiste erfüllte Menschen aufgestanden und haben weise gelehrt und gehandelt. Der hochherrschsüchtige Teil des Tempels hat sie aber auch allzeit mit allen Mitteln verfolgt und wo möglich auch getötet. Doch fraget euch, fraget alle Ältesten vom ganzen Judenlande und fraget unsere jährlichen Tagesschriften, und ihr werdet es finden, daß der Tempel und sein altes Ansehen dabei nie etwas gewonnen, wohl aber nach einer jeden solchen Handlung vieles verloren hat, und das also, daß ihm das Verlorene nie wieder zurückerstattet wurde!

15. Wo sind die vielen Samariter, wo die Sadduzäer, wo wird nur zu bald ganz Galiläa sein? Wie viele von uns sind Essäer geworden, wie viele vollends Griechen und Römer! Wer – außer einigen griechischen Kaufleuten – besucht uns noch aus Tyrus und Sidon, wer aus dem großen Lande Kappadozien, Syrien und aus den vielen Städten am Euphrat? Sehet, das hing sogar in meiner Jugendzeit noch fest am Tempel, und dieser wurde überschüttet mit Opfern und Schätzen aller Art und Gattung und wurde sehr übermütig und grausam! Die Priester brachen das Gebot Gottes ,Du sollst nicht töten!‘, und die erwiesene Folge davon war der gänzliche Abfall vieler Länder und Städte.

16. Wenn ihr aber in der grausamen Art eurer Vorfahren noch weiter fortfahren werdet, so werdet ihr – wie das zweite Zeichen es euch klar gezeigt hat – in Kürze auch noch das verlieren, was bis jetzt schon ohnehin locker genug am Tempel hanget. Das ist meine Ansicht; ihr aber könnet tun, was ihr wollet!‘

17. Diese ganz gute Rede des Rabbi wurde von vielen ganz beifällig aufgenommen, die jüngeren aber konnten ihr wenig entgegenstellen.

18. Hier wandte sich Kaiphas wieder an Nikodemus und fragte ihn, ob auch er die Ansicht des alten Rabbi gutheiße und billige.

19. Nikodemus aber sagte: ,Ich habe schon geredet und sage nun noch einmal, daß ich in eurem Rate weder etwas dafür noch etwas dagegen sagen werde. Wie mein alter Freund es nun gesagt hat, also ist es auch. Für meine innere Überzeugung bin ich keinem Menschen Rechenschaft schuldig, und öffentlich werde ich von heute an wenig mehr reden.

20. Ich bin ein Oberster der ganzen Stadt Jerusalem und bin vom Kaiser aus ein akkreditierter (bevollmächtigter) Vorsteher aller Bürger und habe im Notfall auch das JUS GLADII in meiner Hand. Ihr könnet tun, was ihr wollt, und ich und mein Freund verlassen euch für heute bis auf den Sabbat; wer aber irgend mit mir und diesem meinem alten, wahren Freunde in vernünftigen Worten will reden, der findet mich auf meinen Besitzungen in Emmaus. Und nun, Gott dem Herrn alles anbefohlen!‘

21. Mit diesen ganz ernsten Worten verließen beide den großen Rat, obschon sie der Hohepriester noch aufhalten wollte.“

84. Kapitel. Die Zersplitterung im Hohen Rate.

1. (Der Herr:) „Nun erst steckten die Großtempler die Köpfe zusammen und wußten nicht, was sie machen sollten. Kaiphas machte ihnen den Vorschlag, daß doch noch jemand es versuchen solle, das Volk durch eine gute Rede auf andere Begriffe zu bringen; aber es hatte niemand den Mut dazu.

2. Als es nun aber schon sehr nahe am Mittage war, wurde ein Tempeldiener beauftragt, hinaus in die Hallen zu treten und dem Volke zu bedeuten, daß es sich nun bald ganz entfernen möge, weil hernach des Vorsabbats wegen der Tempel der nötigen Reinigung wegen geschlossen werde. Der Diener kam und verkündigte den Auftrag den noch im Tempel weilenden recht vielen Menschen. Aber er fand eine schlechte Aufnahme.

3. Es war der riesige Bethlehemer noch gegenwärtig und schrie den Diener mit einer wahren Donnerstimme an: ,Wir wissen, wann wir den Tempel zu verlassen haben! Wir werden ihn nun denn auch derart ganz verlassen, daß wir ihn höchstwahrscheinlich nie wieder besuchen werden; denn der Tempel und seine Einwohner allein sind schuld am ganzen Unheil, das über unser Gelobtes Land jüngst hereinbrechen wird. Gehe hin zu deinen Herren und sage ihnen, daß nun das Volk also spricht, und wem es nicht recht ist, der komme heraus und rechte mit uns!‘

4. Als der Diener nun diese Sentenz vernahm, sagte er wohlweislich kein Wort mehr und ging und zeigte das dem Rate wortgetreu an.

5. Und Kaiphas sagte: ,Wie ich es euch schon lange gesagt habe, also ist es: Wir sind durch den Nazaräer alle verraten! Er macht sich die Römer zu Freunden durch seine Magie. Sie halten ihn mindestens für einen Halbgott, und wenn es noch eine Zeitlang fortgeht, so werden sie ihn auch noch zu einem Vizekönige der Juden machen, und wir können uns hernach umsehen, wie wir davonkommen werden. Darum sollten wir denn nun auch alles wagen, diesen uns höchst gefährlichen Menschen aus dem Wege zu räumen; denn wächst er uns einmal über unsere Köpfe, so sind wir alle verloren!‘

6. Sagte nun ein Ältester: ,Ich sage euch nichts anderes, als daß da eines wie das andere eine höchst gefährliche Spieltreiberei ist! Denn ist er ein Freund der mächtigen Römer, so werden sie durch seine schon sehr vielen Jünger nur zu bald erfahren, was wir mit ihm gemacht haben, und dann wehe uns für immer! Lassen wir ihn aber sein Wesen forttreiben und schließen uns nicht an ihn an, so sind wir im ganzen Judenlande auch binnen längstens drei Jahren völlig überflüssig geworden! Was ist nun da Rechtens?‘

7. Sagte ein anderer Ältester: ,Ich wüßte, wenn ich Hoherpriester wäre, schon ganz wohl, was nun am rätlichsten zu tun wäre.‘

8. Fragte nun Kaiphas, sagend: ,Was denn?‘

9. Sagte der Älteste: ,Wir sind nun ganz unter uns, und ich kann da ein freies Wort reden, und ihr könnet mich anhören, so ihr es der Mühe wert findet. Sehet, unserem Moses samt dem Jehova und samt allen Propheten haben wir ja aller Wahrheit nach den Rücken zugewendet und sind des Volkes und des Einkommens wegen pure Formenreiter geworden; denn von uns, wie wir nun da beisammen sind, glaubt keiner an einen Gott, an einen Moses, noch an irgendeinen Propheten. So wir aber nun sehen, daß alles Volk an den Nazaräer glaubt und ihm nachrennt, so tun wir das auch, wenigstens pro forma, und wir werden dadurch bei dem Volke und sogar bei den Römern sehr viel gewinnen!‘

10. Hier sprang Kaiphas ordentlich auf und sagte: ,Auch du willst uns alle verraten?! Wer im Ernste also redet, wie du nun geredet hast, der ist von mir aus verflucht!‘

11. Sagte der Älteste: ,Sage mir das vor dem Volke; denn hier im Rate hast du kein Recht, mir das ins Gesicht zu sagen! Merke dir das wohl, sonst sehen wir uns heute noch vor dem Landpfleger!‘

12. Sagte hierzu noch ein anderer Ältester: ,So wir hier im großen Rate versammelt sind, da hat ein jeder das volle Recht, ein freies Wort zu reden, ansonst der Rat zu nichts nütze ist; stehen wir aber vor dem Volke, so wissen wir, was wir zu reden haben. Wenn du als nunmaliger Hoherpriester nur deinen Willen allein durchsetzen willst, so ist unser Rathalten ganz überflüssig, und wir tun am vernünftigsten, wenn wir künftighin gar keinen Rat mehr halten. Was ist vom Tempel aus schon alles unternommen worden, um des Nazaräers irgend habhaft zu werden, und man konnte ihm doch nirgends an den Leib kommen! An den Festtagen war er im Tempel und lehrte das Volk frei und offen. Warum hast du ihn denn da nicht aufgreifen lassen?‘

13. Sagte Kaiphas: ,Wer getraut sich, dem großen Volke Widerstand zu leisten?‘

14. Sagte der Älteste: ,Gut, wenn so, warum verfluchest du dann einen Ältesten, der dir sagt, daß wir gegen den Galiläer mit unserer sehr verkümmerten Macht wenig oder nichts mehr ausrichten werden? Unternehmen wir – wenn das noch irgend möglich ist – etwas Ernstes und irgend für einige Tage Erfolgreiches gegen ihn, so haben wir uns das Grab schon gegraben, – was ich ganz klar einsehe; unternehmen wir aber nichts und betrachten sein Tun und Treiben mit mehr gleichgültigen Augen, so können wir noch eine längere Zeit bestehen, besonders wenn wir selbst irgendwelche Reformen im Tempeldienste annehmen und ins Werk stellen wollen. Aber nach deinem Plane werden wir alle bald genötigt sein, das Weite zu suchen. Ich habe geredet!‘

15. Nun entstand eine volle Zwietracht im Hohen Rate. Ein Teil hielt mit den Ältesten, ein anderer mit dem Hohenpriester, und es kam zu einem lauten Zank. Da erhoben sich die Ältesten und gingen nach Hause, denn sie hatten ihre Häuser und andere Besitzungen. Nur die Pharisäer blieben noch bei Kaiphas, empfahlen sich aber auch bald, da es schon vollends um die Mitte des Tages war. –

16. Sehet, so stehen nun die Dinge im Tempel, und Ich habe euch das nun darum genau mitgeteilt, damit ihr sehen könnet, welch einen geringen Eindruck die nächtlichen Mahnzeichen auf diese Natternbrut da unten gemacht haben! Sie sind und bleiben unverbesserlich, wie sie allzeit waren; darum wird das Licht von ihnen genommen und den Heiden gegeben werden. – Jetzt aber kommt auch schon unser Lazarus mit dem Raphael und wird uns zum Mittagsmahle laden, und wir alle werden uns für die Zeit des Mittagessens wieder in das Haus begeben!“

17. Hier sagte Agrikola: „Herr und Meister, ich bin auf Deine nunmalige Mitteilung über den Hohen Rat, wie auch über die frühere Erzählung des Wirtes, wie sich die gewissen Priester über Dich ausgelassen haben, so ärgerlich geworden, daß ich nun gute Lust hätte, dem Landpfleger die ganze Sache mitzuteilen und einen Boten an den Oberstatthalter Cyrenius abzusenden, und es sollen da dem Oberpriester bald die Augen geöffnet werden, damit er zur Einsicht komme, wie nun die Dinge stehen!“

18. Sagte Ich: „Freund, du weißt es ja, welche Macht in Mir ist! Wollte Ich diese da unten mit Gewalt richten, so würde ihnen das dennoch nichts nützen, weil Meine Allmacht – wie Ich euch das schon gezeigt habe – keines Menschen freien Willen bessern kann. Das muß die Lehre beim Menschen bewirken, nach der er sich selbst zu halten und zu bestimmen hat, so oder so zu handeln. Will ein Mensch das Gute und Wahre einer Lehre aber gar nicht einsehen und noch weniger danach handeln, so ist er schon ein Böser und wird in sich dereinst das finden, was ihn richten wird. Darum lassen wir das und begeben uns ins Haus!“

19. Darauf erhoben wir uns und gingen in den großen Speisesaal, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte.

85. Kapitel. Das rechte Fasten und Beten.

1. Da die vielen Zöllner uns schon bald nach dem Morgenmahle verlassen hatten, so war nun ganz natürlicherweise mehr Raum im Saale, und so konnten auch einige von den schon älteren und ernsteren Sklavenjünglingen in unserem Saale untergebracht werden und in unserer großen Gesellschaft ihr Mittagsmahl einnehmen. Es waren deren dreißig an der Zahl, die in unserem Saale speisten, und es ward ihnen die Fähigkeit verliehen, unsere Sprachen zu verstehen und auch zu reden, und das darum, daß sie auch etwas für sich und für ihre Gefährten verstanden von dem, was während des Mittagsmahles unter uns besprochen ward.

2. Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut, und als der Wein den Gästen mehr und mehr die Zungen löste, da fingen die bekannten Judgriechen untereinander an, über die jüdischen Fastengebote zu reden, und einer machte die Bemerkung und redete also: „Von Moses angefangen haben die Juden im Jahre gewisse Tage, auch ganze Wochen gehabt, in denen sie fasten mußten. Die Propheten mußten gar viel fasten, weil dadurch ihr Fleisch mehr herabgestimmt und ihr Geist offener und klarer wurde. Also mußten auch die Seher gar viel und oft fasten, auf daß sie helle Träume und Gesichte bekamen. Wer irgendeine besondere Gnade von Gott erhalten wollte, der mußte Gott ein Gelübde machen, daß er so und so lange fasten und beten wolle, bis ihn Gott erhören werde, und wer also sein Gott gemachtes Gelübde hielt und erfüllte, der erhielt auch immer die erbetene Gnade von Gott, – was wir aus der Schrift wissen.

3. Aber bei uns nun in dieser neuen Sphäre ist von keinem Fasten mehr die Rede. Es scheint, daß der Herr und Meister nun das alte Fastengebot ganz aufheben will so wie die Gelübdemacherei. Denn wir sind nun doch schon eine geraume Zeit stets bei und um Ihn und haben schon gar viele der rein göttlichen Lehren von Ihm vernommen und viele Wunderwerke von Ihm wirken sehen; aber von dem alten Fastengebot hat Er noch keine irgend besondere Erwähnung getan, und wir, wie Seine alten Jünger, haben noch nirgends gefastet und irgend besonders gebetet. Es wäre demnach doch auch gut, so wir es aus Seinem Munde vernähmen, was wir vom alten Fastengebot halten sollen.“

4. Auf diese Rede richtete einer von ihnen die Frage an Mich, was es mit dem alten Fastengebot für eine Bewandtnis habe.

5. Ich aber sah ihn an und sagte: „Ich habe bei einer guten Gelegenheit auch schon davon eine Erwähnung getan, nur habt ihr das – wie so manches andere – wieder vergessen, und so sage Ich euch das nun noch einmal: Ich hebe das alte Fastengebot nicht auf. Wer da im guten Sinne fastet, der tut für sich zwar ein gutes Werk – denn durch ein rechtes Fasten und Beten zu Gott wird die Seele freier und geistiger –; aber selig wird niemand durchs pure Fasten und Beten, sondern nur dadurch, daß er an Mich glaubt und den Willen des Vaters im Himmel tut, wie Ich euch solchen verkünde und verkündet habe. Das kann aber jedermann auch ohne die gewissen Fasten und ohne das Sich-Enthalten von gewissen Speisen und Getränken.

6. Wer aber irgendeinen Überfluß hat und übt wahrhaft die Nächstenliebe, der fastet wahrhaft, und solch ein Fasten ist Gott wohlgefällig und dem Menschen zum ewigen Leben dienlich. Wer viel hat, der gebe auch viel, und wer wenig hat, der teile auch das wenige mit seinem noch ärmeren Nächsten, so wird er sich dadurch Schätze im Himmel sammeln! Geben aber ist schon für sich seliger als Nehmen.

7. Wer aber vor Gott wahrhaft und zum ewigen Leben der Seele verdienstlich fasten will, der enthalte sich vom Sündigen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn die Sünden beschweren die Seele, daß sie sich schwer zu Gott erheben kann.

8. Wer da gleich den Pharisäern und anderen Reichen Fraß und Völlerei treibt und für die Stimme der Armen taub ist, der sündigt gegen das Fastengebot, also auch ein jeder Hurer und Ehebrecher.

9. Wenn dich das üppige Fleisch einer Jungfrau oder gar des Weibes eines andern anzieht und verlockt, so wende deine Augen ab und enthalte dich der Lust des Fleisches, und du hast dadurch wahrhaft gefastet!

10. Wenn dich jemand beleidigt und erzürnt hat, dem vergib; gehe hin und vergleiche dich mit ihm, und du hast dadurch gültig gefastet.

11. Wenn du dem, der dir Böses zugefügt hat, Gutes erweisest, und den segnest, der dir flucht, so fastest du wahrhaft.

12. Was zum Munde hineingeht zur Ernährung und Kräftigung des Leibes, das verunreinigt den Menschen nicht; aber was oft aus dem Munde kommt, wie als Verleumdung, Ehrabschneidung, unflätige Worte und Reden, böser Leumund, Fluch, falsches Zeugnis und allerlei Lüge und Gotteslästerung, das verunreinigt den Menschen, und wer solches tut, der ist es, der wahrhaft das wahre Fasten bricht.

13. Denn wahrhaft fasten heißt, sich selbst in allem verleugnen, seine ihm zugewiesene Bürde geduldig auf seine Schultern legen und Mir nachfolgen; denn Ich Selbst bin von ganzem Herzen sanftmütig und geduldig.

14. Ob aber jemand dies oder jenes ißt, um sich zu sättigen, so ist das einerlei; nur soll ein jeder darauf sehen, daß die Speisen rein und auch gut genießbar sind. Besonders sollet ihr mit dem Fleischessen behutsam sein, so ihr am Leibe lange und dauernd gesund bleiben wollet. Das Fleisch von erstickten Tieren dient keinem Menschen zur Gesundheit, da es böse Geister in den Nerven des Leibes erzeugt, und das Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere ist nur gesund zu genießen, wenn es also zubereitet wird, wie Ich euch solches schon angezeigt habe.

15. Wenn ihr aber hinausziehen werdet in alle Welt unter allerlei Völker in Meinem Namen, da esset, was man euch vorsetzen wird! Aber esset und trinket nie über ein rechtes Maß, so werdet ihr die rechte Faste halten; alles andere aber ist Aberglaube und eine große Dummheit der Menschen, von der sie erlöst werden sollen, wenn sie es selbst wollen.

16. Was aber das Beten zu Gott betrifft nach der Art der Juden, so hat solches nicht nur gar keinen Wert vor Gott, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm. Was soll das lange Lippengeplärr vor Gott dem Allerweisesten bewirken, und besonders dann, wenn es noch bezahlt werden muß an gewisse privilegierte Beter, die dann für andere beten, weil ihr Beten etwa allein kräftig und wirksam sei?! Ich aber sage euch: So tausend solche Beter tausend Jahre lang ihre Gebete Gott vorplärren würden, da würde sie Gott noch weniger erhören als das Geplärr eines hungrigen Esels; denn solch ein Gebet ist kein Gebet, sondern ein wahres Gequake der Frösche in einem Sumpfe, da es keinen Sinn und keinen Verstand hat und nie haben kann.

17. Gott ist in Sich ein Geist von höchster Weisheit und hat den allertiefsten und lichtvollsten Verstand und ist die ewige Wahrheit selbst. Wer also zu Gott wirksam beten will, der muß im Geiste und in der Wahrheit beten. Im Geiste und in der Wahrheit aber betet der, der sich in das stille Liebekämmerlein seines Herzens begibt und darinnen Gott anbetet und anfleht. Gott, der alle Herzen und Nieren durchforscht, wird auch in eure Herzen um so mehr schauen und gar wohl erkennen, wie und um was ihr betet und bittet, und wird euch auch geben, um was ihr also wahrhaft im Geiste und in der Wahrheit gebetet habt.

18. Das vollends wahrhafte Gebet aber besteht in dem, daß ihr Gottes Gebote haltet und aus Liebe zu Ihm Seinen Willen tut. Wer also betet, der betet wahrhaft und betet ohne Unterlaß. Also aber beten auch alle Engel der Himmel Gott ohne Unterlaß an, da sie allzeit den Willen Gottes tun.

19. Gott will nicht mit euren Psalmen und Psaltern und Harfen und Zimbeln und Posaunen, sondern durch euer reges und unverdrossenes Handeln nach Seinem Worte und Willen angebetet, verehrt und gepriesen sein.

20. Wenn ihr Gottes Werke betrachtet und darin stets mehr und mehr Seine Liebe und Weisheit erforschet und erkennet, dadurch in der Liebe zu Ihm wachset und selbst in euch weiser und weiser werdet, so betet ihr auch wahrhaft und bringet Gott ein rechtes Lob dar; alles andere aber, was ihr bisher unter Beten verstandet, ist völlig leer, nichtig und wertlos vor Gott.

21. Nun wisset ihr, was wahrhaft fasten und beten heißt, und fraget nicht mehr, warum nun nach Meiner Lehre Ich und Meine Jünger nicht fasten und beten nach Art der blinden Juden und Pharisäer. Wir aber fasten und beten im Geiste und in der Wahrheit ohne Unterlaß, und es ist sonach sehr albern, Mich zu fragen, warum das Beten und Fasten von uns nach eurer alten und nichts werten Art unterlassen wird.

22. Meine Jünger aber sollen nun auch so lange, wie Ich als ein rechter Bräutigam ihrer Seelen unter ihnen und bei ihnen bin, nicht fasten; wenn Ich aber einmal nicht also wie jetzt unter ihnen und bei ihnen sein werde, dann werden sie schon fasten auch mit dem Magen, so ihnen die Lieblosigkeit der Menschen wenig oder oft auch nichts zu essen geben wird. Aber solange sie nun bei Mir sind, sollen sie keinen Hunger und Durst leiden. – Habt ihr das nun alle wohl verstanden?“

23. Sagten alle: „O Herr und Meister, Dir ewig Dank für solch eine weise Lehre! Wir haben sie alle wohl verstanden. Geehrt und geheiligt werde Dein Name!“

24. Sagte Ich darauf: „Also tuet danach, so werdet ihr leben! Und nun esset und trinket, und stärket und kräftiget eure Glieder!“

25. Hierauf griffen alle wacker zu und aßen und tranken ganz wohlgemut.

86. Kapitel. Die verkappten Tempeldiener bei Lazarus.

1. Als da alle hinreichend gegessen und getrunken hatten, da kam ein Diener des Lazarus und sagte zu ihm: „Herr des Hauses, es sind etliche Menschen draußen und möchten mit dir allein reden! Ich halte sie für Bethlehemer, die aber sehr dürftig und verkümmert aussehen. Tue nach deinem Willen!“

2. Fragte Mich Lazarus: „Herr, was werden diese von mir etwa wollen? Wenn ich von Dir zuvor einen Wink hätte, so hätte ich dann leicht reden mit ihnen.“

3. Sagte Ich: „Traue ihnen nicht! Es sind das keine Bethlehemer, sondern verkleidete Templer, die von dir erfahren möchten unter einer feinen und höflichen Art, ob du etwa nicht wüßtest, wo Ich Mich aufhalte. Sie werden dir die Versicherung geben, daß sie Meine Jünger werden möchten, wenn sie nur erfahren könnten, wo Ich Mich aufhalte. Unter ihren Mänteln aber haben sie Stricke und Schwerter, auf daß sie Mich fangen und binden und dann hinschleppen könnten vor des Kaiphas Hohen Rat. Denn diese böse, ehebrecherische Art da unten hat nun, da das Volk sich schon zum größten Teile verlief, wieder Mut gefaßt, Mich zu verderben; aber Meine Zeit ist noch nicht da. Darum gehe du nun mit Meinem Raphael hinaus, und es wird dir schon in den Mund gelegt werden, was du zu reden hast; Raphael aber wird schon das seinige tun.“

4. Hierauf begab sich Lazarus mit Raphael schnell hinaus und fand bei zwanzig Männer in einem der ersten Zelte sitzen und seiner harren.

5. Als er bei ihnen ankam, erhoben sie sich von ihren Sitzen, und einer von ihnen als der Wortführer sagte nach einer vorangehenden tiefen Verbeugung: „Lieber, guter Freund! Wir alle sind aus der Umgebung der alten Stadt Davids und sind wegen der schrecklichen Zeichen, die in dieser Nacht zu sehen waren, aufgebrochen noch vor Mitternacht und hierher geeilt, um von irgendeinem Weisen zu vernehmen, was uns wohl irgend bevorstehen möchte. Wir gingen zu dem Behufe auch sogleich in den offenen Tempel und vernahmen da dieses und jenes, was uns aber durchaus nicht trösten und befriedigen konnte. Aber es trat, als alles Volk im Tempel schon sehr ungeduldig geworden war, ein sehr alter Rabbi auf und belehrte das Volk, wälzte die meiste Schuld auf die Templer und ihr schlechtes Gebaren mit der Lehre Mosis, was wir alle als eine volle Wahrheit sogleich nur zu gut einsahen. Am Ende kam er auf den gewissen Propheten Jesus aus Galiläa zu sprechen und stellte so ziemlich unverhohlen seine Vermutung dahin auf, daß dieser Nazaräer der verheißene Messias sei. Und siehe, alles Volk jubelte ihm seinen entschiedensten Beifall zu!

6. Da dachten wir uns: ,Der Alte hat die volle Wahrheit geredet!‘, und wir faßten den festen Entschluß, ihn, den Nazaräer, irgendwo aufzusuchen und womöglich seine Jünger zu werden. Wir erkundigten uns schon seit heute morgen, wo er sich etwa in dieser Zeit persönlich aufhalten könnte, und erfuhren durch einen uns wenig bekannten Menschen, daß du uns darüber etwa den sichersten Aufschluß geben könntest, da der Prophet bekanntermaßen ein besonderer Freund deines Hauses sei und du somit, wie gesagt, am allerehesten wissen dürftest, wo der große Mann Gottes sich nun aufhalte. Wenn du davon irgendeine haltbare Nachricht und Kenntnis hast, so teile es uns freundlichst mit, auf daß wir dann sogleich dahin ziehen und seine eifrigen Jünger werden können!“

7. Sagte Lazarus mit sehr ernster Stimme: „Ihr wißt es, wie ich ehedem ein eifriger Anhänger und Unterstützer des Tempels war; aber die Habgier des Tempels, die gegen mich stets im Wachsen war, wollte mir am Ende gar alles nehmen und mich zu einem vollen Bettler machen. Als alle meine noch so begründeten und vernünftigen Gegenvorstellungen nichts mehr fruchteten, blieb mir nichts anderes übrig, als mich ganz zum römischen Bürger umzuwandeln und mich völlig unter römischen Schutz zu stellen, damit ich vor den zu sehr überhandnehmenden Verfolgungen des Tempels völlig gesichert bin und nun jeden Angriff von seiten des Tempels mit dem Schwerte Roms von mir weisen kann. Ihr dürftet mich heute nur mit einem Tempelgewaltsfinger anrühren, so stündet ihr morgen vor den unerbittlich strengen römischen Richtern und würdet wahrscheinlich mit dem Tode bestraft werden, was ihr euch wohl sehr merken könnet; denn also lautet es in meinem römischen Schutzbriefe. Dieses sagte ich euch nur darum zum voraus, damit ich in der eigentlichen Sache etwas leichter mit euch reden kann.

8. Seht, eure durchgängig allerschändlichste Lügenrede war recht gut gesprochen und zuvor recht fein ausgedacht; aber ihr habt dabei das vergessen, daß der Lazarus das Vermögen hat, jeden Menschen im Augenblick zu durchschauen, was er so ganz eigentlich geheim im Sinne hat. Und so habe ich denn auch euch gleich durchschaut und nur zu klar erkannt, wessen Geistes Kinder ihr seid.

9. Ihr sagtet, daß ihr aus der Umgebung der alten Stadt Davids seid, – und sehet, ihr seid von hier und bekannt als die feilsten Diener der herrsch- und habgierigen Pharisäer! Mit welchem Rechte und aus welchem Grunde wolltet ihr mich denn gar so arg belügen? Ihr gabet vor, den gewissen Jesus aus Nazareth aufzusuchen, und ihr seid mit Schwertern und Stricken versehen, um den Propheten irgendwo aufzugreifen und ihn entweder gleich zu erwürgen oder ihn vor eueren Hohen Rat zu schleppen. Ist das eine Art, so zu mir, Lazarus, zu kommen? Na wartet, diese eure teuflische Keckheit soll euch zur Witzigung für euch selbst und für euren Hohen Rat teuer zu stehen kommen! O ihr allergottlosesten Häscher samt eurem Hohen Rat, – die Frechheit ist wahrlich zu arg, als daß ich sie als nun ein römischer Bürger ungestraft dahingehen lassen sollte!

10. Redet nun, welcher Teufel euch den Sinn eingegeben hat, mich, den Lazarus von Bethania, den doch jeder Mensch kennt und achtet, zu einem Verräter eines gottbegabten und allerbesten und ehrlichsten Menschen zu machen! Ich habe das niemals irgendeinem Feinde meines Hauses getan und soll das nun gegen einen besten und allerunschuldigsten Menschen darum tun, weil Er eurer schnöden Lügenpolitik gar sehr im Wege wandelt und die durch euch von Gott abgewichenen Menschen wieder zu Gott zurückwendet und sie mit der schon so lange vermißten Wahrheit wieder bekanntmacht? Redet nun, ihr Elenden! Warum habt ihr mir nun das angetan? Wer sagte es euch, daß eben ich am ehesten in der Kenntnis sein würde, wo sich nun irgend der Heiland aus Galiläa aufhalten könnte?“

11. Hier stutzten die verkleideten Häscher gewaltig, und der frühere Wortführer sagte: „Wie aber magst du da solches von uns eher behaupten, als du uns untersucht hast?“

12. Sagte mit lauter und heftiger Stimme Lazarus: „Was, – ihr wollet mir noch in Abrede stellen, daß ihr keine gottvergessensten Lügner und Häscher seid?! Na wartet, das soll euch noch teurer zu stehen kommen! Ich bin ein Mensch, der allenthalben eine Menge Herbergen besitzt, und der ich noch nie von einem armen Wanderer irgendeinen Zehrpfennig verlangt habe. Mir muß nach dem römischen Gesetze jeder Wanderer recht sein, ob er ein Jude oder von irgendwoher ein Heide ist. Wenn ich denn auch den Propheten Jesus aus Galiläa irgendwann beherbergt habe, könnet ihr mich darüber irgendwann zu einer Verantwortung ziehen? Ich erfüllte als Jude – und nun als ein römischer Bürger – stets meine Pflichten und verdiene nicht von so elenden Kreaturen, wie ihr da seid, untersucht zu werden!

13. Ihr habt die großen Zeichen in der vergangenen Nacht wohl gesehen, die doch von der Art waren, daß sie jedes Menschen Herz mit großem Bangen erfüllen mußten, – doch eure Tierherzen blieben verstockt, und ihr habt samt eurem Hohen Rat keine Scheu, schon heute am ersten Tage auf die erschrecklichen Wahrzeichen Sünden auf Sünden zu häufen! Jetzt aber will ich euch überzeugen, daß ich nicht unrecht hatte, euch das zu sagen, was ich euch gesagt habe!“

14. Hier sagte Lazarus zu Raphael: „Enthülle du diese Gotteslästerer, auf daß wir ihnen noch klarer zeigen können, wessen Geistes Kinder sie sind!“

15. Hier trat Raphael vor die zwanzig Häscher und sagte zu ihnen: „Enthüllet euch nach dem Wunsch und Willen des Lazarus, sonst werdet ihr von mir enthüllt werden!“

16. Sagte der Wortführer: „Da müßten gar viele solche zarten Jünglinge über uns kommen, bis sie uns nötigen könnten, daß wir dann lichteten unsere Mäntel. Verstanden, du milchzarter Junge?“

17. Sagte nun Raphael: „Gut denn, weil ihr es auf meine euch so ganz unscheinbare Gewalt ankommen lassen wollet, so werde ich denn auch bei euch nun meine Gewalt anwenden und sage: Hinweg mit euren Mänteln, die vor uns verhüllen eure Schwerter und Stricke!“

18. Als Raphael solches noch kaum ausgesprochen hatte, da waren die Mäntel auch schon völlig vernichtet, und die zwanzig standen nun ganz wie vom Blitze getroffen betäubt da; denn eine solche Enthüllungsweise war ihnen wohl noch nie vorgekommen.

19. Hierauf sagte nun Lazarus: „Wollet ihr jetzt auch noch sagen, daß ihr Bethlehemer seid, und daß ihr darum zu mir gekommen seid, um da zu erfahren, wo sich der Heiland aus Nazareth aufhalte, und ihr ihm dann nachzöget, um seine Jünger zu werden? Schöne Jünger das, die mit Stricken und Schwertern nachziehen und auf ihren Röcken die Abzeichen tragen, daß sie wirkliche Knechte und Häscher des Tempels und des Hohen Rates sind! Was wollet ihr nun tun? Ihr seid nun in meiner Gewalt, und dieser Jüngling genügt, euch alle ebenso zu vernichten, wie er eure elenden Mäntel vernichtet hat! Darum frage ich euch noch einmal: Was werdet und wollet ihr nun tun?“

20. Sagte mit sehr zitternder Stimme der Wortführer: „Höre uns, Vater Lazarus! Wir legen hier unsere Waffen und Stricke nieder und ergeben uns dir auf Gnade und Ungnade. Wir sind schlecht und elend, doch nicht sosehr von uns selbst aus, sondern von dem Hohen Rat aus, dem wir um einen schlechten Sold dienen mußten. Wir sind schon von Geburt aus sehr arm und haben nie Gelegenheit gehabt, etwas Besseres zu erlernen; weil wir aber stark und rüstig geworden sind, so hat man uns bald vom Tempel aus zu dem gemacht, was wir leider nun sind. Könnten wir vom Tempel loswerden und irgendwo einen andern Dienst bekommen, so wären wir gewiß sehr glücklich. Daß wir uns ehedem gegen dich leider so recht teuflisch schlau benahmen, das war uns vom Hohen Rat also aufgetragen; aber nach unserem eigenen Willen hätten wir das wohl nie getan. Und nun kurz und gut, wir sind deine Gefangenen, und du mache nun mit uns, was du willst! Wir haben erfahren die Macht deines Jungen, der wir keine entgegenzusetzen imstande sind, und so ergeben wir uns dir vollkommen. Nimmer werden wir dem Tempel mehr dienen und unsere Hände nicht legen an den Heiland aus Nazareth!“

21. Sagte Lazarus: „So reißet eure bösen Abzeichen von euren Röcken und ziehet nun nach der Gegend um Bethlehem, allwo ich auch eine große Besitzung habe, tretet dort in meinen Dienst, und es soll euch ein besserer Lohn werden denn im Tempel! Auf daß ihr aber dort von meinem Sachwalter aufgenommen werdet, so erhaltet ihr nun von mir ein Aufnahmezeichen, das mir dieser mein junger Freund sogleich herbeischaffen wird.“

22. Als Lazarus ausgeredet hatte, war Raphael mit den Zeichen auch schon bei der Hand, und als die zwanzig die Tempelabzeichen von ihren Röcken vertilgt hatten, gab ihnen Lazarus das Dienstaufnahmezeichen und dazu einem jeden sieben Groschen Zehr- und Reisegeld bis nach dem Orte ihrer neuen Bestimmung und sagte zu ihnen: „So ihr mir gute Dienste leisten und nach den wahren Geboten Mosis leben werdet, soll ein jeder nebst der ganzen leiblichen Verpflegung jährlich noch hundert Silberlinge Lohn haben. Und nun machet euch auf den Weg, daß ihr nicht zu spät in der Nacht an Ort und Stelle ankommet! In Kürze werde ich selbst dahin kommen und nachsehen, was ihr in meinem Dienste leistet.“

23. Hier dankten alle, begaben sich schnell auf den Weg und zogen ganz wohlgemut nach Bethlehem. Auf dem Wege zerbrachen sie sich freilich wohl die Köpfe darüber, wer denn der zarte und doch so wunderbar mächtige Jüngling sein möchte, und rieten hin und her.

24. Aber der Wortführer sagte: „Dieses unser Vermuten ist für nichts und führt zu nichts; wenn Lazarus zu uns kommen wird, so wird er wohl etwas sagen!“

25. Damit hatte der Streit ein Ende, und die zwanzig zogen ruhig weiter.

26. Lazarus aber ließ durch seine Diener die Schwerter und Stricke ins Haus schaffen und kam darauf mit Raphael wieder zu uns in den Speisesaal.

27. Als die beiden wieder bei uns waren, sagte Ich zu Lazarus: „Du hast deine Sache nun gut ausgeführt, und es sind dadurch zwanzig Seelen der Hölle entrissen worden; aber der Hohe Rat wird der Hölle nicht entrissen werden! Es hätte aber der Wortführer dem Hohen Rate eine Nachricht hinterbringen sollen, was alles er etwa hier über Mich in Erfahrung gebracht habe, und darauf erst hätte er höhere Weisungen für Meine Gefangennehmung vom Hohen Rat empfangen. Da aber von diesen ausgesandten allerschlauesten Häschern, auf deren Nachricht der Hohe Rat nun schon mit großer Spannung harrt, sich wohl keiner je mehr im Tempel wird sehen lassen, so ist vorderhand des Hohen Rates Plan auf eine Zeit hin vereitelt. Und das ist es eben, was zu erreichen notwendig war, und alles das ward also zugelassen, damit das erreicht wurde, was nun erreicht worden ist.

28. Was aber wird nun der Hohe Rat machen? Er wird sich nach dem Mittagsmahle teilweise auch hinaus nach Emmaus zu Nikodemus begeben, um vom dritten Zeichen auch etwas zu vernehmen; aber Nikodemus, der alte Rabbi und ein gewisser Ältester Joseph von Arimathia sind ganz kluge Menschen, und des Hohen Rates Abgeordnete werden dort nicht leicht etwas zu hören bekommen, was in ihren argen Kram passen sollte. So stehen nun die Dinge, und es ist gut also. Wir aber begeben uns nun wieder ins Freie und wollen ungestört auf dem Platze, wo wir heute morgen waren, den ganzen Nachmittag bis zum vollen Abend zubringen!“

87. Kapitel. Die Tempelherren pilgern zu Nikodemus.

1. Auf diese Meine Worte erhoben sich wieder alle Anwesenden und zogen mit Mir auf die Anhöhe. Auch die etlichen Sklavenjünglinge zogen mit; ihre andern Gefährten aber blieben beisammen und hatten ihre Freude mit den Schafen, deren Ursprung schon bekannt ist. Als wir uns aber auf der duftigen Anhöhe befanden und uns in guter Ordnung gelagert hatten, da ersahen wir auch, wie auf dem Wege gen Emmaus des Hohen Rates Abgeordnete wandelten und an der gewissen Wundersäule stehenblieben und sie von allen Seiten mit vielem Staunen betrachteten, denn es ging ihnen gar nicht ein, wie solch eine Prachtsäule dahin gekommen sei. Denn zur Herschaffung und Aufstellung einer solchen Säule würden mehrere Monate erforderlich sein, sie aber hätten diesen Weg erst vor wenigen Tagen begangen, und da wäre von dieser Säule noch gar nichts zu sehen gewesen. Da werde ihnen Nikodemus sicher die beste Auskunft zu geben imstande sein, weil die Säule ganz auf seinem Grund und Boden stehe.

2. Ich teilte das den Anwesenden mit, und alle wurden recht heiter darüber und sahen voll Aufmerksamkeit, wie sich die Pharisäer und die andern Erzjuden von der Säule gar nicht trennen konnten.

3. Hier sagte Agrikola zu Mir: „Herr und Meister, da wäre es nun gar nicht schlecht, wenn man nun jene schwarzen und gottlosen Abgeordneten vernehmen könnte, was alles für dumme und sicher mitunter auch böse Urteile sie über die Entstehung und über den Zweck dieser Säule machen.

4. Sagte Ich: „Mein lieber Freund, daß ihre Urteile überaus dumm sind, das kannst du dir schon auch so – ohne sie zu vernehmen – vorstellen; denn woher sollten diese je ein weises Urteil über irgend etwas Besonderes zu schöpfen imstande sein?

5. Wer über etwas ein gutes und wahres Urteil schöpfen will, der muß in sich selbst gut und wahrhaft sein; jene dort aber sind voll alles Bösen und Falschen. Wie soll dann aus ihrem Munde je irgendein gutes Urteil ausgesprochen werden können?! Aber damit du dich dennoch überzeugen kannst, wie ungeheuer blind und dumm jene heuchlerischen Zeloten über jene Säule urteilen, so will Ich dir etliche jener ausgesprochenen Urteile kundgeben. Und so vernimm sie!

6. Siehe, einer sagt: diese Säule habe der Teufel aus der Hölle heraufgeschoben; denn sie sei, wenn er sie anfühle, noch ordentlich heiß. – Die Säule ist nun durch die sie bescheinenden Strahlen der Sonne im Ernste ganz tüchtig warm geworden –. Das sei etwa darum geschehen, weil Nikodemus es nicht in allem mit dem Hohen Rat halte. – Sieh, das wäre so ein löbliches Urteil von einem jener Tempelweisen! Mit dem sind einige mit noch manchen gleich dummen Zusätzen ganz einverstanden.

7. Aber da ist einer, der Nikodemus ein wenig in Schutz nimmt; der sagt: ,Ich will die Möglichkeit dieser Art der Entstehung dieser Säule gerade nicht in Abrede stellen, will aber auch nicht dieses Urteil als eine schon ausgemachte Wahrheit für ungezweifelt annehmen; denn wenn der Teufel auf jedes Ältesten Grund und Boden, der nun nicht in gar allem mit uns völlig einverstanden ist, wie zum Beispiel Lazarus von Bethanien, eine solche Säule aus der Hölle und Erde herausschieben wollte, so gäbe es schon eine Menge solcher Säulen im ganzen Judenlande.

8. Aber ich bin da einer anderen Meinung. Nikodemus war und ist noch ein Freund von allem, was er irgend als außerordentlich anerkennt. Bei ihm haben darum alle Magier, woher sie auch sein mögen, stets eine gute Aufnahme gefunden. Irgend so etliche echt indische oder persische Zauberer haben ihm mittels ihrer geheimen Kunst und Wissenschaft und im Bunde mit den Kräften der Elemente – wie da etwa sind die Luft-, Wasser-, Erd- und Feuergeister – aus Dankbarkeit ein solches Monument hergesetzt, und er wird damit eine große Freude gehabt haben. Denn es sollen solchen Erzzauberern solche Dinge eben nicht unmöglich sein.‘

9. Auch dieses Urteil hat seine Anhänger gefunden. Nur macht der erste Urteilsschöpfer die weise Bemerkung hinzu, sagend: ,Es ist das aber dann schon nahe ein und dasselbe; denn wir wissen es ja, daß derlei Zauberer sicher im Bunde mit der Hölle stehen und mit Hilfe der Teufel ihre Künste ausführen.‘

10. Sagt der zweite Urteilsschöpfer: ,Na, na, wir wissen es ja auch nicht, was die Elementargeister alles vermögen! Auch in gewissen Kräutern sollen manche verborgenen Kräfte sein.‘

11. Damit sind wieder mehrere einverstanden.

12. Aber nun kommt ein dritter und sagt: ,Auch ich bin mit euren Urteilen unter gewissen Umständen teilweise einverstanden, bin aber für mich doch noch einer anderen Ansicht und Meinung. Es kann diese Säule auch von den Römern herrühren, die sie irgend zur Nachtzeit dem Nikodemus als eine Auszeichnung darum hierhergesetzt haben, weil er geheim ein ganz besonderer Freund von ihnen sein soll. Denn den Römern dürfte so etwas eben nicht sehr unmöglich sein. Wagen und andere Mittel haben sie in großer Menge und der kräftigsten Menschen auch. Wenn alles vorbereitet ist, so kann solch eine Säule schon auch in einer Nacht aufgesetzt werden. Daß demnach diese Säule in jeder unserer verschiedenen Ansichten keine für den Tempel freundliche Bedeutung hat, das ist so gut wie völlig entschieden. Doch lassen wir nun das und begeben uns nach Emmaus! Dort werden wir wohl irgend Näheres über den Ursprung und Zweck dieser Säule erfahren.‘

13. Seht nun hin, wie die schwarze Gesellschaft die Säule zu verlassen anfängt und, sich noch öfter nach der Säule umsehend, nun weiter gen Emmaus hinzieht, was jeder mit nur etwas scharfen Augen sicher noch ganz gut wahrnehmen kann!

14. Es sind aber noch mehrere überaus dumme und bösmeinende Urteile über die Entstehung und über den Zweck jener Säule gemacht worden, für deren Wiedererzählung um jeden Augenblick Zeit ein großer Schaden wäre, weil daraus niemand zum Heile seiner Seele etwas gewinnen würde. Aber Ich will euch nun lieber zum voraus von dem etwas sagen, wie diese Abgesandten des Hohen Rates bei Nikodemus empfangen und was sie dort ausrichten werden. Des leichteren Verständnisses wegen aber werde Ich die Sache ganz kurz also darstellen, als wäre sie schon geschehen. Und so höret denn!

15. Nikodemus sieht schon von weitem die Abgeordneten, wie sie sich seinem Wohnhause nähern, was ihm und seinen wenigen Freunden – darunter auch zweien Römern – durchaus nicht angenehm ist; aber hier heißt es: Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben!

16. Der alte Rabbi meint und sagt: ,Es muß im Tempel etwas Besonderes vorgefallen sein, das diese Erzjuden und Pharisäer bewogen hat, sich umsonst gar da heraus zu begeben, wo sie sich doch sonst für jeden Schritt nie genug zahlen lassen können.‘

17. Sagt hierauf Nikodemus: ,Da hast du sehr richtig geurteilt! Aber hier heißt es sich sehr zusammennehmen; denn das sind die schlauesten Füchse des Tempels. Ihr wartet hier, ich aber werde ihnen als der Hausherr mit der freundlichsten Miene von der Welt entgegengehen, – und täte ich das nicht, so würden sie mir das gleich zu einem großen Vergehen wider das Ansehen des Tempels anrechnen!‘

18. Nikodemus geht nun eilig den Ankommenden freundlich entgegen und grüßt sie nach der Sitte des Tempels, welchen Gruß sie ihm denn auch sogleich erwidern. Als sie nun vollends beisammen sind, fragt sie unser Nikodemus gleich, was es denn sei, daß sie ihm eine solche Ehre erwiesen haben.

19. Sagt gleich der eine: ,Freund, darüber werden wir in deinem wahrlich schönen und prachtvollen Hause leichter reden denn hier, da uns der bedeutend weite Weg schon wahrlich recht müde gemacht hat; aber es fragt sich vor allem, was du für Gäste bei dir hast.‘

20. Sagt Nikodemus: ,Niemanden außer den alten Rabbi, Joseph von Arimathia und ein paar Römer, die hier, wie ihr wisset, meine Nachbarn sind, und die man bei einer solchen Gelegenheit ja nicht übersehen darf. Dann ist auch meine Familie hier, um sich auf den heutnächtlichen Schreck ein wenig zu erholen. Also lauter euch bekannte Menschen!‘

21. Sagt ein Pharisäer: ,Nun, wenn sonst niemand bei dir ist, so macht uns das nichts; denn vor diesen kann man schon reden, und die beiden Römer sind uns in einer gewissen Hinsicht sogar sehr erwünscht. Das andere werden wir im Hause abmachen.‘

22. Hier treten sie ins Haus und werden von Nikodemus mit der üblichen Zeremonie zu der anwesenden Gesellschaft gebracht, die sie auch sehr freundlich und ehrerbietig begrüßt und bewillkommt und ihnen am Tische auch sogleich die ersten Plätze anträgt, – etwas, worauf die Pharisäer besonders schauen, wie ihr solches selbst gar wohl wisset. Es wird ihnen nun sogleich in silbernen Bechern der beste Wein kredenzt und Brot und Eier und Salz. Sie essen und trinken nun wacker, was auch eine bekannte Tugend der Pharisäer ist; denn auf ein tüchtiges Freß- und Saufgelage halten die Templer besonders große Stücke.

23. Aber da sie nun dem Weine ganz tüchtig zugesprochen haben, so werden nun ihre Zungen beweglich, und einer der Pharisäer sagt: ,Da wir uns nun ganz vollauf gestärkt haben, so wollen wir euch denn auch die verschiedenen Gründe unserer persönlichen Hierherkunft ohne allen Rückhalt offen kundtun, und ihr könnet darüber nach eurem besten Wissen, Willen und Gewissen eure Meinung aussprechen.

24. Als ihr heute noch vor der Mitte des Tages ob einiger Meinungsverschiedenheiten den Hohen Rat verließet – wozu ihr als Älteste auch das volle Recht habt –, da wurde nachher noch so manches beraten, und das natürlich zumeist über den Störenfried aus Nazareth.

25. Daß der Mensch große Dinge leistet, bestreitet wohl keiner von uns; auch seine Rede ist weise und bündig. Aber das sind denn doch noch immer Dinge, die gelegenheitlich ein jeder begabte Mensch erlernen kann. Wir haben ja selbst oft genug morgenländische Magier gesehen, die die unglaublichsten Wunderdinge bewerkstelligen konnten, und die Heiden hielten sie oft sogar für Götter, weil sie nicht wußten, daß die Götter mit Fleisch und Blut ihre Zauberstücke durch ihre geheimen Mittel zustande brachten. Die Mittel aber ließen die Zauberer wohl sicher niemanden sehen und von ihnen genaue Kenntnis nehmen. Und wie es war und noch ist mit allen solchen Zauberern, so wird es auch sicher mit dem Nazaräer sein. Aber bei ihm ist nur das besonders für uns Juden Gefährliche, daß er allen Menschen ohne alle Scheu ins Gesicht sagt, daß er der verheißene Messias der Juden sei und nur die, welche an ihn glauben, das ewige Leben haben werden.

26. Wir aber haben seinen Plan durchschaut und wissen recht wohl, daß er sich mit der Zeit zum König der Juden aufwerfen will, was unser Land dann mit Krieg über Krieg erfüllen würde; denn die mächtigen Römer würden mit uns dann sicher nicht barmherzig umgehen. Um das zu verhüten, haben wir dahin den Ratschluß gefaßt, nach dem Menschen zu fahnden mit allen Mitteln und ihn dann dem scharfen Gerichte der Römer zu übergeben. Sollte er wirklich der Messias sein, so wird er als ein Gott sicher nicht zu töten sein, und wir können und werden dann auch an ihn glauben; wird er aber getötet, so liegt es dann doch klar auf der Hand, daß er nur ein Zauberer ist, der sich durch seine Zaubereien einen Thron im Judenlande aufrichten will.

27. Um aber dieses gefährlichen Menschen habhaft werden zu können, muß man wissen, wo er sich befindet. Zu dem Zweck entsandten wir nach dem Rate sogleich zwanzig unserer stärksten und schlauesten Häscher an Lazarus, der sich unseres Wissens nun in der Festwoche stets auf seinem Ölberg aufhält. Und wir entsandten die Häscher darum an Lazarus, weil wir es in Erfahrung gebracht hatten, daß er es ganz sicher wisse, wo sich der Zauberer aus Nazareth befinde. Es hätten uns aber die Häscher alsogleich davon benachrichtigen sollen, was sie von Lazarus infolge ihrer Schlauheit erfahren haben, und es hätte das in einer kleinen Stunde geschehen können. Aber es kam keiner der Häscher – vielleicht bis jetzt noch nicht – zurück, und wir sind darum zu dir herausgekommen, weil wir dachten, Lazarus könne vielleicht die Häscher zu dir herausgeschickt haben, in der Meinung, daß du als Meister der Bürger Jerusalems so etwas durch deine vielen Aufseher am ehesten wissen werdest. Aber wir überzeugen uns nun hier vom Gegenteile.

28. Da wir aber nun schon hier sind, so fragen wir denn nun dich selbst, ob du nicht oder wohl weißt, wo sich nun der Nazaräer aufhalten dürfte. Denn wissen wir das, so wissen wir dann schon, was wir zu tun haben. Die Zeichen in dieser Nacht kann ganz leicht er – etwa in Verbindung mit den elenden Essäern – zustande gebracht haben; denn diese sollen durch gewisse arkadische Spiegel dergleichen Dinge zu bewirken imstande sein. Wir vermuten nun, daß er zu den Essäern gezogen ist. Wenn das der Fall wäre, dann wäre mit unserem Plane freilich wohl nicht viel zu machen. Was kannst du, Freund Nikodemus, über alles das nun sagen und raten?‘“

88. Kapitel. Die Rede des Nikodemus an die Templer.

1. (Der Herr:) „Nun, wie es dabei unserem Nikodemus ärgerlich zumute wurde, das läßt sich von selbst leicht begreifen.

2. Nach einer kleinen Weile tieferen Nachdenkens sagt nun er (Nikodemus): ,Ja, meine Freunde, das ist nun eine Sache, in der es sich schwer reden und noch schwerer raten läßt! Ihr habt es ja letzthin im Tempel selbst erlebt und gesehen, wie der Nazaräer, als ihr ihn ob jener Behauptung, daß er schon vor Abraham war, steinigen wolltet, in der Mitte des Tempels völlig unsichtbar wurde, und ihr dann eure Steine wieder zur Seite legen mußtet! Ich habe die ganze Sache bei mir ganz ruhig und reiflich überlegt und habe gefunden, daß da mit solch einem Menschen, dem aber schon gar nichts mehr unmöglich ist – wovon ich mich selbst überzeugt habe und als Bürgermeister der Stadt auch überzeugen mußte –, mit irgendeiner Gewalt gar nichts auszurichten ist. Und weil ich vieles weiß, was ihr nicht wissen könnet, so werde ich mich wohlweislich hüten, gegen einen solchen Menschen je irgend etwas Feindliches zu unternehmen. Mein Rat hierüber wäre demnach dieser: gegen diesen Menschen gar nichts Feindliches unternehmen, sondern die ganze Sache mit ganz ruhigem Gemüte abwarten, was am Ende da noch alles herauskommen wird.

3. Denn ist die Sache wirklich rein göttlicher Art, so stemmen wir uns fruchtlos dagegen; ist sie aber dennoch eine diesirdisch-menschliche, so wird sie auch von selbst wieder zerfallen. Sollte der Mensch aber mit der Zeit irgend für die Römer irgend politisch gefährlich zu werden anfangen, so werden ihn die scharfsichtigen Römer bald haben. Bis jetzt hat er sich in politischer Hinsicht aber noch nirgends gefährlich gezeigt und steht bei den Römern meines guten Wissens in großem Ansehen und ist von ihnen überaus wohl gelitten. Solange aber das der Fall ist, wäre es von uns sehr unklug, wenn wir, ganz sicher allzeit vergeblich, den mächtigen Römern vorgreifen wollten.

4. Der Funke, der mich nicht brennt, wird von mir nicht vertilgt. Ihr habt nach eurer ganz guten Mutmaßung gar richtig bemerkt, daß die heutnächtlichen Zeichen eben durch den Nazaräer dürften bewerkstelligt worden sein, und ich sage es euch, daß ich schon gleich in der Nacht der Meinung war. Wenn sich aber das sicher also verhalten dürfte, da frage ich euch denn doch aus den reinsten Vernunftgründen, wozu alle die blinde Verfolgungswut auf diesen Nazaräer am Ende dienen kann. Er wird hingegen mit seiner unbegreiflichen Macht euch noch größere Verlegenheiten bereiten, als das bis jetzt der Fall war, und ihr könnet ihm dagegen nichts anhaben, wie ihr euch davon nun schon durch nahe volle zwei Jahre überzeugt habt. Was habt ihr seinetwegen schon für Geld und Leute geopfert! Und zu welchem Resultate seid ihr dabei gelangt? Ihr stehet heute noch auf dem Flecke, auf dem ihr vor zwei Jahren gestanden seid!

5. Nun habt ihr wieder zwanzig der besten Häscher nach ihm ausgesandt. Wo sind sie? Die sind sicher schon irgend geradeso versorgt, wie noch die meisten versorgt worden sind, die auf ihn zu fahnden von euch ausgesandt wurden! Ich bitte euch: Seid doch vernünftig und lasset ab, einen Menschen zu verfolgen, dem ihr, wie die Erfahrung zeigt, nichts anhaben könnet, er hingegen aber uns völlig zerstören und vernichten kann, ohne daß wir uns ihm nur im geringsten zur Wehr stellen können. Ihr könnet ihn weder mit Worten und noch weniger mit Stricken fangen. Wozu dann solch euer Rathalten und euer rastloses Mühen?

6. Als ihr dort draußen durch meine Felder gegangen seid, da werdet ihr eine Säule bemerkt haben, an der sicher nie eines Menschen Hand gearbeitet hat. Wer anders als ganz sicher der Nazaräer hat sie von irgendwoher hingeschaffen; denn sie war vorher nicht, – und heute am Morgen stand sie da! Menschliche Kräfte haben sie sicher nicht hingestellt! Wäre das der Fall, so wäre um die Säule herum weit und breit alles zertreten; denn die Aufstellung solch einer ungeheuren Säule hätte Hunderte von Menschenhänden in Anspruch genommen. Wenn aber der Nazaräer ungezweifelt solche Dinge zu leisten vermag – sage, bloß durch seinen Willen –, was wollet ihr dann mit aller eurer Macht und Gewalt gegen ihn ausrichten?!

7. Sei es bei ihm nun der Fall, daß er das alles durch eine in ihm wohnende Kraft oder durch eine neue Art Magie zustande bringt, so ist das nun einerlei; denn wir können uns weder so noch so mit ihm in einen Kampf einlassen. Lasset euch darum geraten sein, sich mit ihm in keinen weiteren Kampf einzulassen, sonst können wir noch alle samt Mann und Maus verloren gehen! Ich werde mich sehr hüten, gegen ihn je mehr etwas zu unternehmen. – Das ist nun mein offener Rat, und ich frage die beiden Römer hier, ob ich recht oder unrecht habe.‘

8. Sagten die beiden Römer: ,Jawohl, der Meinung sind auch wir: Gegen eine gewisse innere, wunderbar mächtige Willenskraft manches einzelnen Menschen richtet keine materielle, irdische Macht etwas aus.

9. Als wir einmal in Oberägypten zu tun hatten, da wurden wir in der Gegend bei zwei Tagereisen oberhalb Memphis mit einem Menschen bekannt, der wohl sehr ägyptisch brauner Gesichtsfarbe, aber noch kein eigentlicher Mohr war. Unsere Reisekarawane bestand aus zweihundert Personen pur männlichen Geschlechts, und unsere Absicht war, das eigentliche Land der Schwarzen aufzusuchen.

10. Als wir an einer engen und schwer zu passierenden Stelle des Nilstromes ankamen, da trat uns, aus einer Höhle kommend, der vorbeschriebene Mensch in den Weg, und zwar in einem sehr schwach bekleideten Zustande. Seine Gestalt fiel uns allen auf, und sein Blick hatte augenblicklich unsere Füße derart gelähmt, daß wir keinen Schritt mehr weder vor- noch rückwärts zu machen imstande waren. Hierauf sprach er uns auf gut griechisch also an: ,Was suchet ihr in dieser Öde hier?‘

11. Sagte einer von uns: ,Wir möchten das Land der Schwarzen aufsuchen und sehen, wie jene Menschen wohnen und leben, und welche Sitten und Gebräuche sie haben, und ob mit ihnen kein Handel für irgend seltene Naturprodukte anzubinden wäre.‘

12. Sagte der Mensch: ,Das Land noch viele Tagereisen weit von hier ist für die Art eurer Bewegung; mir aber ist das wohl freilich in einer viel kürzeren Zeit möglich, (jenes Land zu erreichen), weil mir euch unbekannte Kräfte der Natur zu Gebote stehen. Ich aber sage es euch eroberungssüchtigen Römern, daß ihr jenes noch ganz glückliche und unschuldige Land nie betreten werdet, solange ich hier Wache halte. Wäret ihr euer auch tausendmal so viele, als ihr nun da stehet, so würdet ihr ohne meinen Willen ebensowenig wie jetzt auch nur einen Schritt weiter zu gehen vermögen! Ich rate euch daher, umzukehren und dahin zurückzukehren, von wo ihr hergekommen seid, sonst lasse ich euch hier festgebannt stehen, und mit eurem Fleische sollen meine Löwen und Adler sich mästen.‘

13. Nun, diese höchst kategorische Anrede dieses sonderbaren Menschen hatte auf uns einen derartigen Eindruck gemacht, daß wir uns trotz aller unserer Waffen, die wir mitgenommen hatten, um alle Schätze der Welt keinen Schritt mehr weiter zu machen getraut hätten.

14. Da der Mensch uns aber nun ein etwas gutmütigeres Gesicht zeigte, so redete ihn einer von uns ganz demutsvoll also an und sagte: ,Höre du rätselhaft mächtiger, lieber Mann uns gütig noch einmal an, und sage uns, wer du bist, und wie du zu solcher Macht des Willens gekommen bist! Dann aber wollen wir uns nach deinem Wunsche und Willen sogleich auf den Rückweg machen.‘“

89. Kapitel. Die Erzählung des Römers von der Macht des Nubiers.

1. (Der Herr): „,Sagte darauf der rätselhafte Mensch: ,Ich bin noch ein echter und wahrer Mensch, wie es in der Urzeit gar viele solche Menschen gegeben hat, deren Lebensaufgabe da war, den inneren Geist in sich zur vollen Kraft zu erheben und ihre Seele in dem Schlamme der materiellen Leidenschaften des Fleisches nicht zu ersticken.

2. Ihr aber seid schon lange keine Menschen mehr, sondern pure Menschenlarven, die sich eherner Waffen bedienen müssen, um sich gegen einen äußeren Feind zur Wehr zu stellen, und doch ihren größten Feind, die sinnlichen Leidenschaften ihres Fleisches, nicht besiegen können, auf daß dann ihr Geist in ihnen wach, frei und mächtig würde.

3. Was nützet euch dieses euer äußeres Leben, so ihr mit ihm nicht den inneren Geist wach, frei und mächtig zu zeihen (machen) verstehet und vermöget! Ein Mensch wird erst dann ein Mensch, wenn er sich selbst in seinem Geiste gefunden hat; das aber geht bei eurer Lebensweise ewig nicht, weil ihr euch damit von dem Ziele, ein wahrer Mensch zu werden, nur stets mehr entfernt, als daß ihr euch demselben irgend nähern könntet.

4. Ja, es tauchen wohl auch bei euch von Zeit zu Zeit noch Menschen auf, die auf dem rechten Wege, wennschon nicht am vollen Ziele, wären; aber diese unterdrücket und verfolget ihr mit aller Hast und Wut, und so können diese nicht ans volle Ziel gelangen, und ihr bleibet völlig tot im Geiste und sterbet endlich nach einem kurzen, mühseligen Erdenleben, den Tieren gleich, und euer Los ist dann der ewige Tod.

5. Ihr aber meinet nun in eurer großen Lebensblindheit, daß ich als irgendein sich zurückgezogen habender ägyptischer Weiser euch das nur so vorsage, um mich bei euch in einen größeren Respekt zu setzen; aber ich sage es euch, daß ihr da in einer großen Irre seid. Damit ihr aber sehet, daß ich zu euch die volle Wahrheit geredet habe, und daß einem wahren Menschen ein mehreres möglich ist durch den Willen seines inneren Geistmenschen, so werde ich euch nun, damit ihr auf eurem Heimwege tiefere Gedanken zu fassen imstande sein könnet, einige Proben von der wahren Lebenskraft eines wahren Menschen zeigen.

6. Sehet dort hoch oben in der Luft einen Riesenaar! Ich will, und er muß sich hier zu meinen Füßen niederlassen und dann das tun, was ich ihm gebieten werde! Sehet, wie ein Pfeil schießt er herab aus der Höhe, – und hier ist er schon!‘ – Wir waren ob dieser Erscheinung wie versteinert, und der Mensch gebot dem großen Aar, ihm einen edlen Fisch aus dem Nil zu bringen.

7. Und in wenigen Augenblicken war der Fisch auch schon da, und der Mensch sagte: ,Sehet, so dient dem wahren Menschen die gesamte Natur!‘

8. Darauf öffnete er den Fisch, weidete ihn aus und legte ihn auf eine sicher ganz heiße Steinplatte, weil der bedeutend große Fisch in wenigen Augenblicken durch und durch gebraten war, was wir wahrnahmen, als wir den Fisch von dem Menschen zum Verkosten bekamen und ihn sehr gut gebraten und ebenso wohlschmeckend fanden.

9. Darauf sagte der Mensch: ,Sehet, so dient dem wahren Menschen auch die stumme Natur! Aber ich will euch noch weiter zeigen, wie ein wahrer Mensch ein Herr der gesamten Natur ist! Ihr habt nun den Fisch gegessen, den uns dieser Aar aus dem Nil geholt hat, und der nachher auf dieser Steinplatte gebraten worden ist; aber ihr sehet euch nun um und fraget, was ich außer dem trüben Nilwasser wohl zu trinken habe. Auch das soll euch gezeigt werden. Sehet hier diesen Felsen an, wie trocken und von der Glut der Sonne stark durchwärmt er dasteht, und dennoch soll er uns sogleich des frischesten Wassers in großer Menge geben! Ich will es, und – da habt ihr Wasser zum Trinken in großer Menge! Gehet hin und löschet euch den Durst!‘

10. Wir gingen hin und tranken, und es war da das reinste und frischeste Wasser.

11. Und der sonderbare Mensch sagte wieder: ,Sehet, so dient auch dieses Element dem wahren Menschen!‘

12. Hierauf fragten wir, ob er hier in dieser Wildnis ganz allein lebe oder ob er noch irgend eine Gesellschaft habe, vielleicht Jünger, die durch seine Leitung sich im wahren Leben üben.

13. Sagte er: ,Diese Wüste ist wohl für euch eine Wüste, für mich aber ist sie mehr als euer geträumtes Elysium, das außerhalb eurer blinden Phantasie nirgends besteht. Für mich wäre nur eure Stadt eine unausstehlichste Wüste des Geistes, weil sich darin auch nicht ein wahrer Mensch befindet.

14. Ich bin hier für mich als Person zwar allein, aber als ein wahrer Geistmensch gar nicht; denn einmal umgeben mich wohl etliche Jünger, denen das wahre, innere Leben ein voller Ernst geworden ist, und ihnen kommt es in dieser Wüste höchst anmutig vor. Sie wohnen gleich mir in solchen Palästen, wie der da ist, den ich schon seit beinahe fünfzig Jahren bewohne, und den vor mir schon mehrere wahre Menschen bewohnt haben. Meine wenigen Jünger beiderlei Geschlechts kommen von Zeit zu Zeit zu mir und bekommen von mir neue Verhaltungsvorschriften, nach denen sie ihr inneres Leben weiter zu vervollkommnen haben.

15. Das ist sonach eine Gesellschaft, die in meiner Nähe sich befindet, doch nicht in dieser Höhle, die ich stets ganz allein bewohne. Für eure Augen wäre in dieser Höhle tiefe Nacht; für mich aber ist es darin heller als für euch hier am hellen Tage. Denn wenn des Menschen Inneres durch seinen ewigen Geist, der aus dem einen, wahren Gott als ein Licht vom Urlichte stammt, licht und hell geworden ist, dann gibt es nirgends mehr eine Nacht und Finsternis für den wahren Menschen. Bei euch aber ist euer inneres Lebenslicht schon eine dichteste Finsternis; wie groß muß dann erst eure eigene Finsternis sein! Ja, bei euch gilt der Satz, nach dem auch ihr einen dichtesten Wald vor lauter Bäumen nicht sehet.

16. Ich überschaue aus dieser meiner Höhle die ganze Erde, ihre Beschaffenheit, ihre Geschöpfe und Menschen und hochmutsvollen Weltstädte und kann um alles wissen, was überall geschieht und vor sich geht. Nebst dem aber kann ich in andere Welten, die ihr Sterne nennet, schauen und mich weiden an des einen, ewigen Gottes Liebe, Weisheit und Macht. Und so sehet, das ist meine zweite Gesellschaft.

17. Ich kann aber auch mit allen Geistern zu jeder Zeit verkehren und durch sie selbst noch weiser und weiser werden, und das ist meine dritte Gesellschaft.

18. Da aber des wahren Menschen Wille auf dieser Erde eine für euch unbegreifliche Macht und weithin wirkende Kraft innehat, so kann ich mir, so es irgend gegen einen argen Weltfeind gegen uns wahre Menschen nötig wäre, auch noch eine vierte Gesellschaft verschaffen, die ich euch sogar zeigen kann, doch mit der Versicherung, daß ihr euch als nun unter meinem Schutze stehend vor ihr nicht zu fürchten habt; denn es soll euch kein Haar gekrümmt werden. Sehet, ich will es, und da kommt sie schon!‘

19. In wenigen Augenblicken waren wir von einer ganzen Herde Löwen und Panther umringt, gegen die sich auch viele Hunderte der tapfersten Krieger nimmer hätten verteidigen können. Uns überfiel ein Grauen und Entsetzen; aber der Mensch gebot den Bestien, und sie verloren sich alle wieder, und der Mensch sagte: ,So es nötig wäre, könnte ich noch größere Herden von diesen Kriegern herbeirufen. Und ihr habt nun zur Genüge gesehen und erfahren, wie ein wahrer Mensch ein Herr aller Natur und ihrer Kräfte ist, und so entlasse ich euch denn nun im Frieden dahin, woher ihr gekommen seid!‘

20. Fragte ihn noch einer von uns, ob er uns denn nicht irgend Winke geben könnte, nach denen lebend auch einer oder der andere von uns auf den Weg zur Erreichung solcher wahren Menschenwürde gelangen könnte.

21. Sagte der Mensch: ,Das wird für euch, die ihr schon zu voll von aller Welt und ihren Lustreizen seid und nicht einmal die leiseste Kenntnis von nur einem, allein wahren Gott habt, wohl schwer sein. Denn das erste ist, einen wahren Gott erkennen, daraus sich selbst und durch den Geist aus Gott erst die Gesetze, durch deren genaueste Haltung man dann erst zum inneren, wahren Leben gelangen kann. Aber da heißt es vollernstlich mit aller Welt und ihren eitlen Lustreizen brechen, – und das wird euch bei eurer altgewohnten Lebensweise wohl schwer möglich werden.

22. Doch es werden in nicht zu langer Zeit auch aus Asien erweckte Lehrer kommen und werden euch den einen, wahren Gott und Seine Gesetze kennen lehren. Diese höret dann und glaubet, erkennet und tut danach, so werdet auch ihr auf den rechten Weg gesetzt werden, auf dem ihr wenigstens so weit fortkommen könnet, daß ihr wenigstens nach dem Abfalle eures Fleisches als Seelen zur wahren Lebensvollendung gelangen könnet! – Nun habe ich euch alles gesagt, was euch frommen kann, und nun ziehet im Frieden von hier, und lasset es euch als Weltmenschen nimmer gelüsten, in diese Gegend vorzudringen! Nur vollendete und von Gott erwählte Menschen werden das in der Folge ungestraft tun dürfen!‘

23. Als der sonderbare Mensch das ausgesprochen hatte, da konnten wir nimmer stehenbleiben; denn es ergriff uns eine geheime Kraft und drängte uns derart unaufhaltsam zurück, daß wir uns nach der Gegend gar nicht mehr umsehen konnten, in der wir den außerordentlichen Menschen getroffen, gesehen und gesprochen hatten, und dadurch erreichten wir die alte Stadt Memphis auch schon am nächsten Tage noch ziemlich früh am Morgen. Daß uns diese Erscheinung auf der ganzen langen Rückreise im höchsten Grade beschäftigt hat, läßt sich leicht von selbst denken.‘“

90. Kapitel. Der Römer warnt die Templer vor der Macht Jesu.

1. (Der Herr:) „(Sagten die Römer:) ,Als wir wieder nach Rom zurückkamen, da kam uns die Stadt wahrlich wie eine Wüste vor, und als wir vernahmen, daß es bei euch Juden auch ähnliche Menschen geben solle, die dasselbe lehren und verstehen, was der sonderbare Mensch im höchsten Oberägypten verstand, da haben wir Rom verlassen und haben uns hier etwas angekauft, um, von der großen Welt abgezogen, mehr für unseren inneren Menschen sorgen zu können; aber in eurem von euch uns sehr angepriesenen Tempel haben wir das wahrlich nicht angetroffen, wohl aber ein paarmal schon bei dem von euch nun in einer sonderbaren Frage stehenden Menschen, der wahrlich noch mehr leistet denn alles das, was wir je gesehen haben! Und auf so einen Menschen wollet ihr fahnden?! Oh, seid hunderttausend Male froh, daß er nach euch nicht fahndet; denn fängt der einmal das an, so seid ihr verloren für zeitlich und ewig!

2. Denn was derlei wahre und vollendete Menschen vermögen, das haben wir erlebt und wohl mit höchsteigenen Augen gesehen. Was wolltet ihr denn zum Beispiel machen, wenn er euch auf einmal ein paar tausend grimmigste Löwen, Panther, Hyänen und Tiger in eure Stadt oder nur in die Umgebung hinzieht?! Wahrlich, die fräßen euch in ein paar Wochen auf, ohne daß ihr euch ihnen zur Wehr stellen könntet, – wie er laut Berichten aus Galiläa etwas Ähnliches schon einmal ausgeführt haben soll, was wir völlig glauben möchten.

3. So aber schon wir Römer vor solch einem Herrn der Natur – wer dieser Mensch sein soll – den allertiefsten Respekt haben, was wollet denn dann ihr als wahre Mücken gegen uns wider ihn unternehmen?! So ihr davon nicht abstehet, so werdet ihr noch in die fürchterlichsten Verlegenheiten geraten; dafür stehen wir Römer euch mit allem gut!‘

4. Als die Pharisäer solches von den zwei Römern vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie darauf erwidern sollten. Nach einer Weile erst sagte einer, der so ein wenig heller war als die andern: ,Ja, ja, es kann sich die Sache schon also verhalten; aber was läßt sich da machen? Der Hohepriester Kaiphas hat das im Einverständnis mit Herodes einmal fest und unabänderlich beschlossen, und wir müssen das auch wollen, was die beiden wollen. Wenn es gerade nur auf uns ankäme, so wollten wir die Sache bald gehen lassen, wie sie geht, und würden das Ende ganz ruhig abwarten; aber es ist da mit unserem Hohenpriester nichts zu machen, und so müssen wir zum bösen Spiele eine gute Miene machen, ob wir wollen oder nicht.‘

5. Sagten die Römer: ,Wem nicht zu raten ist, dem ist auch niemals zu helfen. Aber in Kürze werdet ihr auf unsere Worte kommen! Was derlei Menschen vermögen, das vermögen ganze Kriegsheere nicht; denn wir haben uns davon überzeugt. Ob ihr uns glaubet oder nicht, das ist uns einerlei; die sicheren Folgen aber werden euch über kurz oder länger der Zeit nach schon den Beweis liefern, daß wir Römer die vollste Wahrheit zu euch geredet haben, – denn wir haben viel gesehen und erfahren.‘

6. Hier erheben sich die beiden Römer und verlassen die Gesellschaft, weil ihnen der Pharisäer Blindheit und sichtliche Bosheit zu unerträglich wird.

7. Es fragen aber nun die Pharisäer den Nikodemus, warum denn die beiden Römer sich so plötzlich empfohlen hätten.

8. Sagt Nikodemus: ,Ja, da werde ich euch auch schwer eine rechte Auskunft geben können; denn mich hat das selbst sehr auffällig befremdet. Von Herodes hättet ihr bei dieser Gelegenheit keine Erwähnung machen sollen; denn den können diese Römer schon von weitester Ferne nicht ausstehen, und zwar wegen der schnöden Hinrichtung des Johannes, auf den diese beiden Römer und noch mehrere mit ihnen große Stücke hielten, und von dem sie behaupteten, daß er sicher auch ein wahrer Mensch sei. Ich sage es euch, daß Herodes vor den Augen der Römer in keiner guten Haut steckt!‘

9. Sagt ein Pharisäer: ,Also, meinst du, verhält sich die Sache?‘

10. Sagt Nikodemus: ,Jawohl, jawohl, gerade also; denn ich wüßte sonst fürwahr nicht, was die zu einem gar so plötzlichen Aufbruch gebracht haben sollte. Ich sage euch aber noch etwas: Nehmet euch in acht vor den Römern; denn mit ihnen ist kein Scherz zu treiben!‘

11. Als nun die Pharisäer das von Nikodemus vernehmen, sagen sie: ,Freund, wir danken dir für die gute Bewirtung und werden uns auch aufmachen, damit wir noch stark am Tage in den Tempel gelangen; denn die Nacht ist stets des Menschen Feind!‘

12. Hier erheben sich die Pharisäer und machen sich eiligst davon.

13. Nikodemus und alle sind darob höchst froh; auch die beiden Römer kommen wieder zu unserem Nikodemus und sind herzlichst froh, diese ungeladenen Gäste losgeworden zu sein. Nikodemus aber beschreibt und erklärt den Anwesenden nun das dritte Zeichen, darob alle sehr erfreut sind.“

14. (Der Herr:) „Sage Mir nun, du Freund Agrikola, wie dir diese Geschichte gefällt!“

15. Sagte Agrikola: „Diese Geschichte gefällt mir derart, daß ich gleich mit einem Heere in Jerusalem einrücken möchte und dann wie ein grimmiger Löwe wüten unter diesen gott- und ehrlosesten Schurken! Aber es war doch gut, daß die beiden Römer Dir und auch uns so einen gewissen Respekt bei den Tempelwichten verschafft haben, und ich meine, daß es ihnen im Bestreben, Dich zu verfolgen, ein wenig kühler werden wird. Die beiden Landsleute in Emmaus aber möchte ich wahrlich besuchen!“

16. Sagte Ich: „Das wird morgen geschehen; auch Ich Selbst habe ein wahres Sehnen nach ihnen. Aber wenn du meinst, daß die Tempelwichte da unten nun etwas kühleren Eifers werden, nach Mir zu fahnden, da irrst du dich ein wenig. Sie werden wohl kühler werden dem Außenscheine nach, aber darum in ihrem Innern desto wahrhaft teuflisch verschmitzter. Allein das macht alles nichts, sie werden Mich nicht anrühren können, außer wenn ihr Gericht vor der Tür ist. – Doch lassen wir nun das, und Ich frage euch, wie euch der wahre Mensch, von dem die beiden Römer Nachricht gaben, gefallen hat.“

17. Sagte Agrikola: „Ich kann mich nun schon ganz gut erinnern, von dieser Begebenheit in Rom zu öfteren Malen gehört zu haben, die mich selbst in ein großes Staunen versetzte. Ich werde die beiden Römer sicher persönlich kennen! Oh, diese Geschichte ist großwunderbar und herrlich! Wenn es nur viele solche wahren Menschen auf der Erde gäbe, dann stünde es mit allen Menschen besser! Ob jener wahre Mensch nun noch im Leibe lebt?“

18. Sagte Ich: „O ja, der lebt noch und wird morgen mit seinen Jüngern hier eintreffen; denn er hat in seinem Geiste aus Mir Kunde erhalten, daß Ich im Fleische hier unter den Menschen wandle, berief seine wenigen Jünger und machte sich hierher auf den Weg, und es wird darum der morgige Tag ein denkwürdiger werden.“

91. Kapitel. Lebensversorgung durch Ergebenheit in Jesu Willen. Die materielle und die geistige Sündflut.

1. Als Ich solches verkündet hatte, da ward alles über die Maßen fröhlich.

2. Ich aber sagte zu Lazarus: „Und du lasse nun Brot und Wein hierher bringen; denn wir wollen nun frohen Mutes sein!“

3. Und es wurde Brot und Wein in rechter Menge gebracht. Als nun des Brotes und Weines in gerechter Menge da war, da aßen und tranken wir alle ganz wohlgemut, und alles lobte in Mir den guten Geber des gar so guten Brotes und Weines.

4. Als wir aber also aßen und tranken, da bemerkte unsere Helias mit ihren scharfen Augen die heimziehenden Pharisäer eben auf die gewisse Säule losgehen und bei derselben wieder stehenbleiben und machte uns darauf aufmerksam.

5. Ich aber sagte: „Oh, lassen wir sie ziehen und betrachten; sie werden dabei für das Heil ihrer Seele dennoch nichts finden, sondern verstockten Herzens bleiben bis in den Tod!“

6. Sagte die Helias: „Oh, wenn doch ich nur so ein wenig allmächtig wäre, da müßten mir die Wichte nun auf lauter Schlangen und Nattern, auf Skorpionen und giftigen Eidechsen nach Hause ziehen!“

7. Sagte Ich: „Oh, die Furcht, von den Römern verfolgt zu werden, ist besser, als was du ihnen nun antun möchtest! Sie halten sich bei der Säule nun auch gar nicht lange auf und ziehen schon ganz behende weiter. Sie haben entdeckt, daß hinter ihnen einige Menschen gehen; diese halten sie für etwaige Römer und fangen darum nun an zu laufen. Siehe, das ist besser als deine Schlangen, Nattern, Skorpionen und giftigen Eidechsen!“

8. Damit war die Helias denn auch zufrieden und aß und trank ruhig fort.

9. Ich aber sagte darauf abermals zu Lazarus, daß er auch für die jungen Sklaven sorgen möge, daß sie etwas Brot zu essen und mit Wasser gemengten Wein zu trinken bekämen.

10. Da ging Lazarus in Begleitung Raphaels, um Meinen Wunsch zu erfüllen. Als sie aber an die Zelte kamen, in denen sich die Jugend befand, da war diese schon mit allem bestens versorgt.

11. Sagte Lazarus: „Da haben wir's! Was sollen wir denn jetzt tun?“

12. Sagte Raphael: „Jetzt gehen wir wieder besten Mutes zurück; denn wer so gern und willig wie du den Willen des Herrn erfüllt, von dem braucht der Herr keine Tat. Denn ein vollkommener, dem Herrn ergebener Wille ist vor dem Herrn schon die Tat selbst; denn da übet dann der Herr Selbst die Tat, wie du das hier siehst. Oh, wenn die Menschen das so recht einsähen und in ihrem Herzen auch danach täten, ein wie leichtes und sorgenfreies Leben hätten sie da schon auf Erden, und welche Seligkeiten genössen sie schon auf Erden! Aber so sind sie blind und verrennen sich in die tote Materie und ersticken in ihr. Im oft blutigen Schweiße ihres Angesichts müssen sie ihr Brot suchen, während sie es ohne leibliche Mühe vom Herrn haben könnten, und das ein reineres und besseres, als sie sich's bereiten können.

13. Morgen wirst du in Emmaus die noch wahren Menschen aus Oberägypten kennenlernen, und du wirst staunen über die ungebundene Macht ihres Willens. Es werden ihrer nur sieben sein, die da schon vollkommen sind; die Weiber, Kinder und die noch minder Vollkommenen aber sind daheimgelassen mit nur einem Vollkommenen, da die Weiber, Kinder und die minder Vollkommenen ohne ihn schwer bestehen würden. Doch ihr Meister, noch aus der Schule der uralten ägyptischen inneren Weisheit, wird mit seinen sechs Hauptjüngern nach Emmaus kommen, und du wirst es sehen, wie schnell er den Herrn und auch uns alle erkennen wird. – Doch nun gehen wir wieder zum Herrn!“

14. Die beiden kamen wieder zu uns, und Ich fragte den Lazarus, ob die Jugend versorgt sei.

15. Sagte Lazarus: „O ja, Herr und Meister, die Jugend ist schon bestens versorgt, – aber wir beide haben gar nichts dazu beitragen können; denn als wir an die Zelte kamen, da waren die lieben Jungen schon mit allem bestens versehen. Du, o Herr, hast nur ein wenig meinen Willen geprüft; aber gehandelt hast Du Selbst, wie das bei Dir schon immer der Fall ist! Meinen Dank Dir allein; denn ohne Dich sind wir nichts und vermögen auch nichts. Du allein bist alles in allem!“

16. Sagte Ich: „Ganz gut, ganz gut, mein lieber Freund und Bruder Lazarus! Nun setze dich nur wieder her und vergnüge dich mit uns allen!“

17. Lazarus nahm nun samt Raphael wieder seinen früheren Platz neben Mir ein und wollte mit Mir wegen der morgen nach Emmaus kommenden wahren Menschen aus Oberägypten etwas zu reden anfangen; aber die beiden schon bekannten Wirte kamen ihm zuvor und baten Mich, ob sie nicht auch etliche Tage bei Mir verbleiben und die gewissen wahren Menschen aus dem hintersten Oberägypten in Emmaus mit ansehen dürften.

18. Sagte Ich: „Oh, allerdings! Wer Mich und Meine Jünger gleich wie ihr freundlichst aufgenommen hat, der ist auch allzeit bei Mir aufgenommen und kann allzeit bei Mir sein. Je mehr Zeugen Mich aber umgeben, desto gedeihlicher ist das für die Ausbreitung Meines Evangeliums. An jenen Menschen, die noch jetzt ebenso einfach leben wie dereinst die Urpatriarchen der Erde, werdet ihr wahre Wunder erleben!“

19. Sagte nun Lazarus: „Aber, Herr und Meister, das werden aber dennoch Abkömmlinge Noahs sein und nicht irgend unmittelbar Abkömmlinge Adams, denn zu den Zeiten Noahs muß die große Flut ja auch Ägypten ganz überflutet haben?“

20. Sagte Ich: „Mein lieber Freund und Bruder! Du darfst, wie Ich dir das schon einmal erklärt habe, die natürliche hohe Wasserflut, deren Ursache in jener Zeit die mächtigen Hanochiten waren, nicht mit der geistigen allgemeinen Überflutung der Sünde verwechseln, ansonst du darin niemals ganz ins reine kommen wirst.

21. Durch die im westlichen Teile Asiens stattgehabte große Wasserflut zu den Zeiten Noahs sind wohl höchst viele Menschen und Tiere zugrunde gegangen, weil das Wasser im Ernste sogar den hohen Ararat überspülte, aber deshalb reichte das natürliche Wasser dennoch nicht über die ganze Erde, die damals noch lange nicht in allen ihren bewohnbaren Teilen bevölkert war. Aber es ergoß sich die Flut der Sünde, die da heißt Gottvergessenheit, Hurerei, Hochmut, Geiz, Neid, Herrschsucht und Lieblosigkeit, über alles Menschengeschlecht, unter dem zu verstehen ist die geistige Erde, und das ist es, was Moses unter der allgemeinen Sündflut verstanden haben will.

22. Die höchsten Berge, über die die Flut sich ergoß, sind der große Hochmut der damaligen Menschen, die über die Völker herrschten, und die Überflutung ist die Demütigung, die damals über alle Beherrscher kam und in jedem Reiche auf eine eigene, entsprechende Art. Doch das Weitere wird schon noch morgen in Emmaus besprochen werden. – Nun aber nehmen wir wieder Wein und Brot und erquicken damit unsere Glieder!“

92. Kapitel. Vom Wohltun. Die Führung der Menschen durch die göttliche Vorsehung.

1. Als wir in unserem schönen Olivenhaine uns nun so ganz gemütlich wohl geschehen ließen, da sagte einer von den etlichen siebzig, unter denen sich die gewisse Ehebrecherin befand: „Oh, wie sehr wohl geht es uns hier! Die höchste geistige Nahrung für unsere Seelen und die beste Kost für unseren Leib! Wie glücklich sind wir! Oh, möchten doch alle, die nun gleich uns unverschuldet in großem Elende stecken, in einen so glücklichen Zustand gelangen! Ich möchte, daß allen Menschen, die Not leiden, geistig und leiblich geholfen werde, so es möglich wäre!“

2. Sagte Ich: „Mein Freund, möglich wäre alles, aber aus gar vielen weisen Rücksichten nicht tunlich und zulässig. Es gibt eine Menge sehr dürftiger und mit allerlei Übeln behafteter Menschen, denen du nach deinem Mir sehr wohlgefälligen Herzen sicher gerne helfen möchtest; und siehe, wenn du ihnen nach deinem besten Wissen und Gewissen geholfen hättest, so wäre ihnen wahrlich gar nicht geholfen, sondern es würde an ihnen dadurch gerade nur das Entgegengesetzte bewirkt werden!

3. Es ist darum wohl sehr löblich von dir, daß du dich in deinem Wohlsein der Notleidenden und Elenden erinnerst und den Wunsch hast, ihnen zu helfen; aber es wäre da wahrlich nicht jedem geholfen, dem du geholfen hättest.

4. Siehe, niemand kennt die Not und das Elend der Menschen besser als Ich, und niemand ist barmherziger und liebevoller als eben auch Ich; aber es wäre allen Menschen mit Meiner alleinigen Liebe und Erbarmung wenig geholfen, wenn nicht Meine höchste Weisheit mit der Liebe und Erbarmung mitwirkte.

5. Ja, da geht es einer armen Familie schlecht! Sie hat keine Arbeit, kein Dach und Fach, kein Brot und leidet Hunger und Durst. Sie bettelt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort und erbettelt sich im Tage oft kaum so viel, daß sie sich zur Not sättigen kann, während andere im vollen Überflusse leben und schwelgen und solch einer armen Familie die Tür weisen, so sie bittend zu ihnen kommt.

6. Es ist das von den Reichen, die solch einer armen Familie mit harten Herzen begegnen, gewiß böse, und du möchtest bei dem Anblick einer solchen harten Begegnung gewiß sagen: ,Aber, du großer, allgütiger und allmächtiger Gott, kannst Du wohl solch eine himmelschreiende Unbarmherzigkeit ungestraft dahingehen lassen? Vernichte solche Menschen mit Blitz und Feuer aus Deinen Himmeln!‘ Und siehe, Gott würde solchem deinem Anflehen dennoch kein Erhören schenken! Ja, warum denn aber das nicht?

7. ,Soll die Lieblosigkeit der Menschen denn fort und fort wuchern auf dieser Erde?‘ Nein, sage Ich dir, das sei ferne! Aber sieh, es muß nach dem weisen Ratschlusse Gottes alles seine Zeit haben auf dieser Erde, auf der die Menschen zur wahren Kindschaft Gottes reif werden sollen! Es hat somit der Reiche seine Zeit, reich zu sein und mit seinem Überflusse den Armen Barmherzigkeit zu erweisen, und der Arme hat seine Zeit, sich in der Geduld und Selbstverleugnung zu üben und seine Not und sein Elend Gott aufzuopfern, und Gott wird dem Armen bald auf die für sein Seelenheil beste Art helfen und eben also den harten Reichen zur rechten Zeit züchtigen. Denn es ist der Reiche wie der Arme zur Kindschaft Gottes berufen.

8. Es war aber unsere arme Familie einstens auch wohlhabend und war hart gegen andere Arme, und es hatte sich das Blatt ihres irdischen Glückes zum Heile ihrer Seelen notwendig einmal wenden müssen. Würdest du ihr nun plötzlich helfen, so würde sie bald sehr übermütig werden und Rache an jenen üben, die ihr mit Härte begegnet sind. Wenn sie aber einmal in der Geduld recht durchgeprüft sein wird, so wird ihr nach und nach, und zwar so unmerklich wie möglich, geholfen werden, und sie wird darin die Fürsorge Gottes besser und heller erkennen, als so man sie von heute auf morgen in einen sehr glücklichen Wohlstand erhoben hätte.

9. Der harte Reiche aber wird auch nach und nach und von Punkt zu Punkt in einen mißlicheren Zustand versetzt werden. Er wird bald da und bald dort in seinen Spekulationen einen Mißgriff machen, wird eine schlechte Ernte haben, Schaden bei seinen Herden erleiden, er wird entweder selbst krank werden oder sein Weib oder eines seiner liebsten Kinder, und kurz, es wird Schlag auf Schlag über ihn kommen.

10. Wird er in sich gehen und sein Unrecht erkennen, so wird ihm auch wieder geholfen werden; wird er aber nicht in sich gehen und sein Unrecht nicht erkennen, so wird er um alles kommen, und dann auch den Bettelstab oder nach Umständen noch etwas Schlimmeres zum Verkosten bekommen.

11. Wer ihn dann in seiner Armut trösten und ihm unter die Arme greifen wird, der soll auch von Gott aus getröstet und belohnt werden; doch ganz helfen wird ihm niemand eher können, als bis es Gottes Wille zulassen wird. Daher sei du, Mein Freund, nun nur ganz ruhig und heiter; denn Ich weiß es schon, wer da zu einer Hilfe reif geworden ist!“

93. Kapitel. Das Böse und sein Gericht.

1. Als der Mann das von Mir vernommen hatte, ward er ganz heiter und aß und trank, und seine Gefährten folgten emsig seinem Beispiele.

2. Das Weib aber, das sich mit ihrem Manne unter ihnen befand, sagte ganz gerührt: „Oh, wie gut und wie gerecht ist doch der Herr! Wer Ihn wahrhaft erkannt hat, der muß Ihn ja über alles lieben! Oh, wenn die Templer da unten Ihn erkenneten, so würden sie Ihn gewiß auch über alles lieben und Seine weisesten Gebote halten! Aber bei denen läßt es der leibhaftige Teufel nimmer zu, weil sie seine getreuesten Diener und Knechte und darum vom Herrn aus keiner Gnade mehr würdig sind. Oh, einst in der Hölle werden sie das sicher ewig bereuen und sagen: ,Oh, warum haben wir uns vom Teufel so sehr verblenden lassen!‘ Aber es wird ihnen dort solch eine Reue sicher nichts mehr nützen! O Herr, wir danken Dir, daß Du uns Armen und Unmündigen geoffenbart hast das Reich Deiner Gnade und hast es den Weisen dieser Welt vorenthalten!“

3. Sagte Ich: „Hast recht wohl geredet, und das also, wie du es verstehst; aber das merke dir hierzu, daß es in der Hölle keine Reue gibt zur Besserung eines Höllengeistes, die dahinaus ginge, daß es ihn ernstlich gereute, auf der Erde böse Taten verübt zu haben. Denn käme ein Höllengeist ernstlich zu solch einer Reue, so käme er auch zur Besserung und zur Erlösung; aber ein böser Geist – also ein Teufel – kann keine solche Reue in sich je aufkommen lassen, die gut wäre, sondern nur eine solche Reue, die so wie er selbst grundböse ist, und es reut ihn nur, daß er nicht noch unaussprechlich viel mehr des Allerbösesten in der Welt angerichtet hat.

4. Daß bei solch einer Seele keine Besserung herausschaut und somit auch keine Erlösung, das kann wohl ein jeder Mensch von nur einigem Verstande sehr leicht einsehen.

5. Wie aber bei einem Engel des Himmels alles grund- und erzgut ist, ebenso ist bei einem Teufel alles grund- und erzböse. Je inwendiger ein Engel denkt und will, desto gottähnlicher, freier und mächtiger ist er, und je inwendiger ein Teufel denkt und will, desto allem Göttlichen unähnlicher, unfreier und ohnmächtiger ist er; denn das Grundböse in ihm hemmt alle seine Kraft und ist sein Gericht und sein wahrer Tod.

6. Ja, Meine Liebe, wenn der Teufel von innen heraus einer guten Reue fähig wäre, so wäre er kein Teufel und befände sich nicht in der Hölle. Es kann darum ein Teufel von innen, also aus sich heraus, ewig nie gebessert werden, wohl aber ist das noch nach undenkbar langen Zeitläufen durch fremde Einwirkung von außen her möglich; die Einwirkungen aber müssen stets dem Innersten des Teufels, das – wie gesagt – grund- und erzböse ist, vollkommen entsprechen. Und so erstickt das auf den Teufel von außen her einwirkende Arge das innere Böse, und nur dadurch kann es in einem erzbösen Geiste nach und nach etwas heller und somit auch etwas besser werden.

7. Darum sind die Qualen der Höllengeister stets wie von außen her kommend, wie solches bei sehr bösen Menschen auch schon auf dieser Erde zu geschehen pflegt. Wenn bei einem erzbösen Menschen Lehre, Ermahnungen und die weisesten Gesetze nichts mehr fruchten und er in sich nur stets mehr und mehr sich bestrebt, den Gesetzen der Ordnung zuwiderzuhandeln, so kann er von innen, wie von sich aus, unmöglich mehr gebessert werden. Er kommt da in die Hände der scharfen und unerbittlichen Richter, die den Übeltäter mit höchst schmerzvollen äußeren Strafen belegen.

8. Wenn da der Übeltäter gar vieles erleiden muß, so geht er nach und nach doch etwas mehr in sich und fängt an, über den Grund seiner Leiden reifer nachzudenken, erkennt seine Ohnmacht und dabei die Unerbittlichkeit der Gerichte; – ja er fängt endlich an einzusehen, daß er ganz allein der Grund und die Ursache seiner Qualen ist, und das durch seine bösen Taten, die er freiwillig und mit böser Lust gegen die Gesetze der allgemeinen Ordnung verübt hat. Weil er aber nun sieht, daß eben seine bösen Taten nun seine Quälgeister sind, so fängt er endlich an, sie in sich zu verabscheuen, und wünscht, sie nie begangen zu haben. Und siehe, das ist dann schon ein Schritt zu einer möglichen Besserung!

9. Aber es dürfen da die Außenstrafen noch lange nicht zu Ende sein, weil der Übeltäter sein Böses nur darum zu verabscheuen begann, weil es böse Früchte trägt. Er muß jetzt erst durch äußeren Unterricht in sich zu erkennen anfangen, daß sein Böses in sich selbst wahrhaft Böses und es auch aus diesem alleinigen Grunde zu verabscheuen ist, und nicht darum, weil es für den Übeltäter notwendig böse Folgen nach sich zieht.

10. Sieht dann der Übeltäter das ein und fängt an, das Böse des Bösen selbst wegen zu verabscheuen und das Gute eben des Guten wegen zu erwählen, so wird er in seiner Strafe geduldiger, da er sein Leiden ganz gerecht findet und es für eine Wohltat, durch die sein Leben gebessert wird, ansieht und mit Geduld erträgt. Wenn der Übeltäter möglicherweise auf diesen Punkt gekommen ist und sein Inneres im Ernste besser und besser wird, so ist es dann erst an der Zeit, mit den äußeren Strafen insoweit nachzulassen, als eben das Innere des früheren Übeltäters wahrhaft besser geworden ist.

11. Wenn die Weltrichter das verstehen würden, so könnten sie auch aus so manchem Erzübeltäter einen guten Menschen schaffen; aber sie sind bei großen Übeltätern gleich mit der Todesstrafe bei der Hand und machen dadurch aus dem gänzlich ungebesserten Übeltäter für die Geisterwelt erst einen vollendeten Teufel. Das soll aber in der Folge unter euch nicht mehr sein!

12. Wenn ihr aber schon richten müsset, so richtet, wie Ich es euch nun gezeigt habe, ein gerechtes Gericht zur wahren und sicher möglichen Besserung des Sünders, aber nicht zu seiner noch größeren Verteufelung!“

94. Kapitel. Die Zulässigkeit der Todesstrafe.

1. Sagte hier Agrikola: „Herr und Meister! Diese Deine überwahren und heiligen Worte habe ich mir nun tief ins Herz geschrieben, und ich selbst werde auch nach Tunlichkeit danach handeln; aber dennoch frage ich Dich, ob man die Todesstrafe in gar allen Fällen aufheben soll.“

2. Sagte Ich: „O Freund, ich weiß es wohl, was du Mir nun sagen willst! Siehe, du hast es durch einen Meiner Jünger erfahren, wie auch Ich Selbst vor einem Jahre in der Nähe von Cäsarea Philippi am Galiläischen Meere einmal eine Art Standrecht an etlichen grundbösen Häschern, die nach Mir fahndeten, ausgeübt habe, und hast Mich nun aus diesem Grunde also gefragt!

3. Ja, Ich sage es dir: Wenn du gleich Mir den Verbrecher derart erkennen kannst, daß er als noch ein Fleischmensch ein vollendeter Teufel ist, so verhänge über ihn auch sogleich die Todesstrafe, wie solches auch Moses aus Meinem Geiste erkannt hat; aber so du das nicht Mir und dem Moses gleich erkennen kannst, so übereile dich niemals mit der Todesstrafe!

4. Mir steht wohl von Ewigkeit das Recht zu, alles Menschengeschlecht dem Fleische nach zu töten, und Ich bin sonach gleichfort ein Scharfrichter aller materiellen Kreatur in der ganzen ewigen Unendlichkeit; aber was Ich töte der Materie nach, das mache Ich geistig wieder für ewig lebendig.

5. Wenn du das vermagst, so kannst auch du töten, wen du willst und kannst, zur rechten Zeit; aber da du das nun nicht kannst, so sollst du auch nicht töten, außer nur im höchsten Notfalle, zum Beispiel in einem Verteidigungs- oder in einem von Gott aus gebotenen Strafkriege gegen unverbesserliche, böse Völker, und auch im Falle einer Notwehr gegen einen argen Mörder und Straßenräuber. In allen andern Fällen sollst du nicht töten und töten lassen, solange du nicht in dir selbst Mein volles Licht hast! – Hast du das nun wohl begriffen?“

6. Sagte Agrikola: „Ich danke Dir, Herr und Meister! Nun ist mir das auch schon wieder ganz klar, und ich werde mich als Richter möglichst genau daran halten, obwohl ich dem Kaiser selbst da nichts vorschreiben kann, doch dann und wann nimmt auch er unter vier Augen einen guten Rat an.“

7. Sagte Ich: „Das magst du schon tun, obwohl du damit nicht viel ausrichten wirst. Denn ihr habt in eurem Rom zwar manche recht guten Gesetze, aber neben solchen Gesetzen eine große Menge böser und arger Gebräuche, neben denen etwas rein Gutes und Wahres schwerlich je volle Wurzeln fassen wird.

8. Ich sage es dir: Rom ist und wird Babel, eine Welthure bleiben trotz aller Übel, die auch über sie kommen werden, obwohl es in ihr auch gar viele und eifrige Nachfolger Meiner Lehre geben wird.

9. Ihr habt zwar auf Raub, Mord und Totschlag und noch auf manche anderen Verbrechen die Todesstrafe gesetzt; aber bei euren großen Festmählern mußten zu eurem größeren Vergnügen gewisse Gladiatoren auf Leben und Tod kämpfen, und der Sieger ward dann ausgezeichnet. Siehe, das ist vom Übel und gereicht keinem Volke zum Segen! Also habt ihr auch allerlei wilde Tierkämpfe, bei denen sehr oft Menschen ihr Leben auf eine grausame Art einbüßen müssen, und dennoch möget ihr euch sehr dabei ergötzen! Und siehe, auch das ist von großem Übel! Darauf kommt schwerlich je ein Segen von oben; ohne den aber gibt es für keinen Staat und für kein Volk irgendeinen festen und dauernden Bestand, was du Mir sicher glauben kannst.

10. Wenn du da aber etwas wirken kannst und magst, so trage dazu bei, daß derlei große Übel eurer Stadt und eures großen Reiches abgestellt werden, und daß wenigstens ihr nun sehend Gewordenen nicht daran teilnehmet und noch weniger diese Jugend, die du nach Rom mitnehmen wirst, und du wirst dich allzeit und allenthalben Meines Segens zu erfreuen haben.

11. Ich habe euch allen nur die zwei Gebote der Liebe gegeben, die ihr treu beachten möget; aber um diese Gebote zu beachten, darf man sich an den wilden Kämpfen nicht erlustigen.

12. Denn wer einen Menschen oder auch ein Tier ganz gleichmütig kann verenden sehen, in dessen Herzen ist wenig Liebe daheim. Denn wo eine wahre und lebendige Liebe daheim ist, da ist auch das rechte Mitleid und die rechte Erbarmung daheim. Wie kann aber jemand eine Nächstenliebe haben, dem das schmerzliche Sterben seines Nebenmenschen eine Wollust ist?! Darum hinweg mit allem, was des besseren Menschenherzens unwürdig ist!

13. Wenn du deinen Nächsten weinen siehst, so sollst du nicht lachen; denn so du lachst, da gibst du ihm zu verstehen, daß dir sein Schmerz etwas ganz Gleichgültiges ist und ebenso auch dein leidender Nebenmensch, der doch dein Bruder ist.

14. Ist aber dein Bruder heiter und freut sich seines Glückes, so gönne ihm die kurze Freude über sein kleines Erdenglück! Werde nicht mürrisch, sondern freue dich mit ihm, so wird dadurch dein Herz nicht schlechter, sondern nur edler!

15. So du einen Hungrigen siehst, während du sehr satt bist, da komme es dir nicht vor, daß der Hungrige sich etwa auch so behaglich befinde wie du mit deinem vollen Bauche, sondern stelle du dir ihn sehr hungrig vor und sättige ihn, so wirst du darob in deinem Herzen eine große Zufriedenheit empfinden, die dir noch um vieles behaglicher vorkommen wird als dein voller Bauch; denn ein volles Herz macht den Menschen um sehr vieles glücklicher als ein sehr voller Bauch.

16. Wenn du eine Tasche voll Gold und Silber mit dir herumträgst und daheim noch um vieles mehr besitzest, und es kommt dir ein Armer unter und grüßt dich und will mit dir reden, so wende dein Gesicht nicht von ihm ab und laß es ihn ja nicht irgend fühlen, daß du ein reicher und er ein armer Mensch ist, sondern sei voll Freundlichkeit zu ihm und hilf ihm mit vielen Freuden aus irgendeiner Not! So du das tust, da wird dein Herz bald voll Fröhlichkeit werden, und der Arme wird dir für immer ein Freund bleiben und wird deine wahre Freundlichkeit nimmerdar vergessen.

17. Darum besteht die wahre Nächstenliebe in dem, daß man seinem Nächsten alles das tut, von dem man vernünftigerweise wünschen kann, daß er es einem auch tut.

18. Wenn dich ein armes Kind um etwas anspricht, so schiebe es nicht von dir, sondern segne es und erquicke sein Herz, so wirst auch du dereinst im Himmel von Meinen Engeln erquickt werden! Denn da sage du mit Mir: Lasset die Kleinen alle zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn ihrer ist ja eben das Himmelreich! Wahrlich, das sage Ich euch allen: So ihr in eurem Herzen nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht zu Mir in Mein Reich kommen! Denn Ich sage es euch, daß das Himmelreich eben vor allem ihrer ist.“

19. Ich weiß aber, daß bei euch eine böse Sitte besteht, durch die ganz arme Kinder oft sehr böse gemartert werden im geheimen, so daß aus ihrem Munde infolge solcher Marterei ein böser und giftvoller Geifer zu fließen beginnt, aus dem eure argen Priester und Magier ein böses Gift bereiten. Und, Freund, so etwas geschieht heutzutage noch in Rom! Wo aber noch solche Greuel mit allem Gleichmute begangen werden können, da ist noch die volle Hölle sehr tätig, und von Meiner Gnade findet sich da wenig vor. Weise und gerechte Richter sollten daher solch einem himmelschreienden Unfuge wohl schon lange auf das entschiedenste gesteuert haben; aber es ist in dieser Hinsicht noch wenig oder nichts geschehen.

20. Ich sage es euch: Ich werde den mit zornigen Augen ansehen, der solchen Unfug an den Tieren tun würde; denn auch die Tiere sind Meine Geschöpfe und haben Leben und Empfindung, und der vernünftige Mensch soll mit ihnen keinen Mutwillen treiben. Um wie endlos höher aber steht selbst das ärmste Kind denn alle Tiere der Erde! Wer demnach an einem Kinde solche Taten verübt, der ist ein Teufel und ist verflucht!

21. Ich könnte dir noch eine Menge solcher eurer bösesten römischen Eigentümlichkeiten aufzählen, die euch nicht unbekannt sind und bei euch geheim gegen Entrichtung eines gewissen Tributes geduldet werden; aber eure Sache sei es, derlei allergottloseste Mißbräuche abzuschaffen. So ihr dazu einen ernsten Willen haben werdet, wird es euch an Meiner Hilfe nie und nimmer mangeln. Aber zuvor müßt ihr das selbst ganz ernstlichst wollen; denn Mein Wille greift auf dieser Erde, wie Ich euch das schon hinreichend erklärt habe, niemals dem eines Menschen vor, außer in einem Gericht, dem aber stets viele Mahnungen vorangehen. Es wird bei euch das wohl viel Kämpfens benötigen; aber eine gute Sache ist auch allzeit eines ernsten Kampfes wert. – Hast du Mich in allem verstanden?“

22. Sagte Agrikola: „Ja, Herr und Meister, verstanden habe ich das wohl, und es verhält sich die Sache leider noch zumeist also, wie Du, o Herr, sie soeben beschrieben hast; sie ist aber von uns besseren Römern schon seit lange her im hohen Grade mißbilligt und geheim den Priestern untersagt worden, und zwar besonders in den Stücken der geheimen und bösen Giftmacherei. Aber trotzdem kommen noch immer Fälle vor, und es läßt sich gegen unser Priestertum wenig Erhebliches unternehmen, weil dieses das gemeine Volk für sich hat, das es leicht gegen den Kaiser wie auch gegen uns aufwiegeln kann, wann es nur immer mag und will.

23. Nun, unsere Stier- und Tiergefechte lassen sich leichter abbringen, und das Gladiatorentum, das bei den Altrömern noch sehr gang und gäbe war, ist bei uns schon stark in der Abnahme, weil sich zu solchen Kämpfen wohl nicht leichtlich jemand mehr herleihen will. Es geschieht bei großen Festmählern wohl manchmal so etwas, aber mehr nur so pro forma denn in der alten wirklichen Grausamkeit. Nur die Stierkämpfe bestehen noch und sind ein Lieblingsspektakel der Römer; aber wir werden auch da alles aufbieten, daß sie vorderhand wenigstens seltener werden, und es sollen an ihre Stelle andere die Sitten veredelnde Dinge kommen.

24. Daß sich derlei alte Übel und Mißbräuche nicht gleich einem gordischen Knoten mit einem Hiebe zerhauen lassen und zur Reinigung eines wahren Augiasstalles eine herkulische Kraft erforderlich ist, das ist etwas ganz Gewisses. Sind wir Römer nun aber schon auch keine Herkulesse und Alexander mehr, so wollen wir mit der Zeit doch auch noch etwas zustande bringen. An unserem Ernst und festen Willen soll es keinen Mangel haben.“

25. Diese Versicherung gaben auch die andern Römer, und Ich sagte: „Gut also, und wo ihr euch wahrhaft in Meinem Namen versammeln werdet, da werde Ich im Geiste unter euch sein und euch alles Gute und Wahre ausführen helfen! Was Ich aber euch sage, das ist und bleibt ewig wahr; denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte und ihre Erfüllung ewig niemals! Darum handelt alle allzeit in Meinem Namen, und Ich werde euch allzeit helfen und euch das ewige Leben geben!“

26. Als Ich solches geredet hatte, dankten Mir alle für diese trostvollste Verheißung, erhoben dann die vollen Becher und tranken auf das künftige Wohl aller Menschen und ihrer Kinder.

95. Kapitel. Die drei Magier aus Indien und ihre Wunder.

1. Es kam aber nun wieder ein Diener der Herberge und sagte zu Lazarus: „Herr des Hauses, es sind drei Männer heraufgekommen und möchten mit dir reden! Wer sie sind und was sie wollen, das weiß ich nicht; aber dem Aussehen nach scheinen sie Morgenländer zu sein.“

2. Sagte Lazarus: „Hin zu ihnen gehe ich nicht; aber sie sollen hierher kommen und allda mir ihr Anliegen vorbringen! Gehe hin, sage ihnen das, und führe sie hierher!“

3. Da ging der Knecht hin und sagte den drei Fremden das.

4. Da entschlossen sich die drei und kamen mit dem Knechte alsbald bei uns an.

5. Und Lazarus ging ihnen nach der Juden Sitte sieben Schritte entgegen und sagte: „Was wünschet ihr, und was ist euer Anliegen an mich? Denn ich bin der Besitzer dieser Herberge. Redet!“

6. Sagte einer mit ganz freundlicher Stimme: „Herr, wir sind drei außerordentliche Magier und sonstige Künstler aus Indien und möchten hier in dieser Stadt einige Vorstellungen geben wegen der Gewinnung eines Zehrgeldes, da wir im Sinn haben, noch weiter nach dem weiten Westen zu ziehen und dort, nahe etwa am Ende der Erde zu erforschen, den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne. Wir erfuhren aber schon ferne von hier, daß du einer der reichsten Menschen dieser großen Stadt seist und dazu ein selten großer Freund alles Großen und Wunderbaren; darum, da man uns hierher gewiesen hatte, faßten wir denn auch Mut und kamen zu dir herauf, um dir unser Anliegen vorzutragen. Möchtest du uns nun, nur so zu einer Probe, hier vor dir und diesen deinen vielen Gästen etliche wunderbare Stücke machen lassen?“

7. Sagte Lazarus: „Ja, meine werten Künstler, das kommt in Gegenwart dieser meiner Gäste nun nicht auf mich selbst an, sondern vielmehr auf diese überaus hochverehrlichen Gäste! Ich werde mich zuvor mit ihnen besprechen und euch dann ihren Willen kundtun.“

8. Damit waren die drei Magier zufrieden, und Lazarus fragte Mich, was er da tun solle.

9. Sagte Ich: „So laß sie einige Proben ihrer Kunst nun machen, auf daß auch die Römer, die an derlei Zaubereien noch immer etwas Außerordentliches finden, den Unterschied zwischen Meinen Taten und Zeichen und den Wunderwerken dieser Zauberer so recht handgreiflich kennenlernen! Denn es wird das zur Kräftigung ihres Glaubens an Mich sehr vieles bewirken, und sie werden dann auch morgen leichter einsehen und begreifen, was der wahre Mensch durch die Macht seines Willens alles bewirken kann, und wie derlei Zaubereien ein pures Garnichts gegen die Werke des Willens eines wahren Menschen sind. Gehe denn hin und laß sie ihre angetragene Probe machen!“

10. Da ging Lazarus die etlichen Schritte zu ihnen und sagte ihnen das, was Ich zu ihm gesagt hatte, und begab sich zu Mir zurück.

11. Da zogen die drei Magier ihre Zauberstäbe aus ihren weiten Röcken hervor, machten um sich drei Kreise auf der Erde und dann auch in der Luft. Die Römer waren da ganz Aug und Ohr.

12. Der erste, als der Hauptmagier, öffnete nun seinen Mund und sagte mit lauter Stimme: „Sehet, ihr großen Herren, diese Stäbe bestehen aus dem Wunderholze auf unseren höchsten Bergen, das aber nur überaus selten wächst! Wer das Glück und die Kenntnis hat, solch einen Baum zu finden und von ihm dann in einer bestimmten Zeit drei Zweige zu nehmen, dem ist es dann möglich, durch seinen Willen, so er den Stab in seiner Hand hält, beinahe alles, was ein Mensch will, zu bewirken, und wir werden nun sogleich eine Probe davon ablegen.“

13. Hier zog einer aus seinem Rocke einen toten Vogel hervor und sagte: „Sehet diesen völlig toten Vogel! Ich werde ihn nun in kleine Stücke zerreißen, die Stücke darauf zwischen zwei Steinen möglichst klein zermahlen, dann anzünden und zu Asche verbrennen und endlich aus der Asche mit diesem Wunderstabe den nun völlig toten Vogel ganz lebend wieder hervorziehen, und der Vogel wird vor euer aller Augen ganz munter auf und davon fliegen.“

14. Hierauf tat der Magier das Angekündigte. Die beiden Gehilfen machten ein Feuer an, weil sie Phosphor und auch einige harzige Holzspäne bei sich hatten. Der ganz zerriebene Vogel ward nun zu Asche verbrannt, und der Hauptmagier beugte sich mit seinem Stabe zur Erde und fing an, mit dem Stabe unter Hinzumurmelung einiger unverständlicher Worte die Asche zu rühren, und siehe, es hüpfte bald ein gleicher Vogel am Boden herum und flog bald auf und davon!

15. Da fragte der Magier, wie wir mit diesem Wunder zufrieden wären.

16. Da sagte ein Römer: „Das war ja etwas ganz Besonderes! Zeiget uns noch ein Wunder, und wir werden euch dafür schon zu eurer Zufriedenheit belohnen!“

17. Sagte der Magier: „Es soll euer Wunsch alsogleich erfüllt werden!“

18. Hierauf zog er aus seinem weiten Rocke ein Bündel ganz vertrocknet aussehender Blumen und sagte: „Wie dieser Stab ehedem vermochte, einen toten und völlig zerstörten Vogel wieder völlig lebendig zu machen, also wird er auch diese vertrockneten Blumen alsbald wieder beleben und also frisch machen, als stünden sie im Garten auf frischer Erde!“

19. Darauf hielt er eine Weile die Blumen in seiner linken Hand und bestrich sie mit dem Stabe, und siehe, die Blumen bekamen ein ganz frisches Aussehen!

20. Dann zeigte er, sich besonders an die Römer wendend, den ganz frischen Blumenstrauß und sagte: „Sehet, durch die Macht meines Stabes muß sich am Ende alles, was da alt und verwelkt geworden ist, verjüngen und ein frisches und neues Leben zu atmen anfangen! Wenn es die hochwertesten Gäste wünschen würden, so würde ich wohl noch ein Pröbchen von der Macht meines Stabes zeigen können, – doch nur eines noch, weil ich die großen Wunderstücke nur vor Tausenden von Menschen produzieren kann!“

21. Sagten die Römer, doch ohne Agrikola: „Ja, ja, die Sache war auffallend gut, und so magst du uns schon noch ein drittes Pröbchen zeigen!“

22. Sagte der Hauptmagier: „Das freut mich sehr, hier auf diesem schönen Berge so viele Gönner der höheren, bis jetzt noch völlig unbekannten Magie gefunden zu haben, und ich hoffe, daß die hohen Herren Gäste auch meine großen Vorstellungen sich ansehen werden. Und so will ich denn sogleich das dritte Pröbchen liefern.“

23. Hierauf zog der Magier ein Stück Brot aus einem Sacke seines Oberrockes und sagte: „Ein jeder von euch kann sich überzeugen, daß das ein wirkliches Stück Brot ist, und dennoch werde ich es durch meinen Machtspruch und bloß durch die Berührung mit diesem Zauberstabe in einen harten Stein verwandeln!“

24. Sagten einige Römer: „Das wäre wirklich viel; denn wir sehen es ja ganz genau, wie noch die Brosamen von dem Stück Brot zur Erde herabfallen. Also mache du nur dein Wunder!“

25. Hier berührte der Magier mit seinem Stabe das Brot – das eigentlich schon vorher Stein war, und die Brosamen wurden nur so nebenbei auf die Erde herabfallen gelassen – und sagte dann: „Meine hohen Herren, wollet ihr nun das Brot untersuchen, ob es wohl noch Brot ist?!“

26. Mit diesen Worten überreichte er das scheinbare Stück Brot den Römern, die sich darob sehr wunderten, daß das Stück Brot wirklich zu Stein geworden war. Und sie wollten nun wirklich dem Magier einen bedeutenden Lohn geben.

27. Aber Ich winkte dem Raphael, und er trat zwischen die noch etwas blinden Römer und die drei Magier, hob seine Rechte auf und sagte: „Nein und nimmermehr soll je ein erwiesener Betrug belohnt, sondern nur allzeit auf das entschiedenste bestraft werden, weil ein derartiger Betrug am allermeisten dazu geeignet ist, die Seelen der Menschen gefangenzunehmen und zu töten! Das waren falsche Wunder, und ihr blinden Heiden habt von dem Betruge nichts gemerkt. Aber ich will ihn euch gleich zeigen!“

96. Kapitel. Raphael entlarvt die Magier.

1. Hier waren die Zauberer gleich entrockt, und es fielen eine Menge Artikel aus ihren vielen Säcken auch mehrere tote und lebendige Vögel und verdorrte und frische Blumensträuße.

2. Raphael zeigte den Römern im Augenblick, wie die indischen Magier ihre Wunder gewirkt hatten, was die Römer auch gleich einsahen, und sagte: „Und für so einen elenden Betrug wolltet ihr diese Menschen noch belohnen?!“

3. Da zogen sich die Römer zurück, und die Magier sagten: „Ja, junger schönster Freund, besser verstehen wir es nicht!“

4. Und Raphael sagte: „So arbeitet daheim und verdienet euch euer Brot auf eine ehrliche Art und Weise, aber nicht durch einen so schmählichen Betrug!“

5. Hier wollten die Magier gehen, aber der Engel sagte: „Ihr werdet gehen, aber erst dann, wenn es euch von uns aus gestattet wird, für jetzt aber werde ich mit euch noch so manches verhandeln. Ziehet eure Röcke wieder an, und dann werden wir weiterreden!“

6. Hierauf griffen die ganz verblüfften Magier nach ihren am Boden herumliegenden Röcken und zogen dieselben wieder an.

7. Und der Hauptmagier sagte zu Raphael: „Aber wie kannst du, allerholdester Junge, uns für nichts und wieder nichts hier vor einer so ehrenvertesten Gesellschaft gar so außerordentlich beschämen?! Denn wir verlangten für diese drei Stücke ja ohnehin nichts und hätten nur eine freiwillige Spende mit Dank angenommen. Wir können ja auch noch viel mehr als diese drei Stücke allein!“

8. Sagte Raphael: „Was ihr könnet, weiß ich nur zu gut! Alles ist auf einen feinen Betrug abgesehen, für den ihr euch noch obendrauf bezahlen laßt, und ihr nennet euch weltberühmt, weil ihr die feinsten Betrüger seid. Ihr habt aber meines Wissens doch selbst ein Gesetz, durch das Lüge und Betrug mit scharfen Strafen belegt sind. Und dennoch lebet ihr nur von dem feinsten und schlechtesten Betrug, weil ihr als Betrüger noch geachtet und hoch belohnt werdet, während ein anderer Betrüger, so er entdeckt wird, der gerechten Strafe nicht entgeht, und weil ihr die Seelen der Menschen verderbet. Denn ihr leistet für das Auge des in eure Betrugsgeheimnisse nicht eingeweihten Menschen Wunder, weil ihr vorher durch eure Reden auf eine pomphafte Weise vor den Menschen ankündiget, daß ihr durch die Macht eures Stabes, Wortes und Willens Wunder wirken werdet.

9. Was ist aber solch ein Wunder anderes als ein schmählicher Betrug, der schlechter und ärger ist als ein anderer, und das darum, weil ein anderer gemeiner Betrug den Betrüger vor den ehrlichen Menschen verächtlich macht und ihn vors Gericht der Welt setzt, während eure Betrügereien euch vor den blinden Menschen zu hohen Ehren bringen und ein göttliches Ansehen verschaffen. Und es hat mit euch schon Fälle gegeben, wo ihr euch den Menschen als höhere Gottwesen vorgestellt und vom Volke Opfer und Anbetung angenommen habt; ja man hat euch in eurem Lande sogar einen Tempel erbaut und euer Bild zur Verehrung und Anbetung darin aufgerichtet! Ich sage es aber, daß das ein Werk der Hölle und ihrer bösesten Geister ist und ihr darum mit solchen im wahren Bunde stehet, nicht als hülfen sie euch eure Trugwunder verrichten, sondern darum, weil ihr das auf Erden tuet, was sie in der Hölle tun; denn bei den Teufeln ist alles Lüge und Betrug.

10. Ihr habt eure argen Künste von den Priestern zwar erlernt, weil ihr selbst eurer schmählichen Priesterkaste angehöret, und seid als ihre Apostel nun ausgezogen, um dadurch viele Menschen in eure Schlingen zu ziehen; aber hierher seid ihr vergeblich gekommen, und es wird euch hier euer böses Handwerk gelegt werden, wofür ich euch völlig gutstehe.

11. Ihr habt zwar gleich anfangs angegeben, daß ihr darum bis in den fernsten Westen ziehet, um dort, als am Ende der Erde, den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne in der nächsten Nähe zu beobachten und zu erforschen, und doch ist euch die Gestalt der Erde nicht fremd; denn es hat bei euch Menschen gegeben, die die Erde gar wohl erforscht haben und auch ganz gut wußten, was sie von der Sonne, vom Monde, von den Planeten und Fixsternen zu halten haben. Aber solches habt ihr dem Volke nie mitgeteilt, sondern ihr habt das Volk noch mit großen Strafen bedroht, so es je wagte, von den Gestirnen und von der Erde etwas anderes zu denken, zu reden und zu halten als nur das, was ihr ihm darüber allzeit vorgelogen habt. Und für solche eure schamlosen Lügen muß euch das arme Volk noch die größten Opfer bringen und sich von euch noch auf alle mögliche Arten allergrausamst quälen lassen.

12. Ist euch das noch nie in den Sinn gekommen, daß ein solches Handeln an euren Nebenmenschen ein höchstes Unrecht ist? Ihr verkündiget dem Volke wohl einen allerhöchsten Gott, und auch einen bösen, der mit dem höchsten, guten Gott in einem beständigen Kampfe stehe, doch ihr selbst habt noch nie an einen solchen Gott geglaubt, lasset euch aber doch als förmliche Gottessöhne vom Volke hoch verehren und anbeten! Was seid ihr denn nun da vor mir für Wesen? Ich sage es euch: Ihr seid um vieles ärger denn die bösesten Tiere der Erde! Denn diese leben und tun danach, wie ihre innere Ordnung sie lehrt und zieht; aber ihr als mit aller Vernunft und klarem Verstande und mit einem vollkommen freien Willen begabte Wesen seid ärger gegen eure Mitmenschen, als da je die wildesten und reißendsten Tiere untereinander sind. – Wie gefällt euch das, und was saget ihr nun dazu?“

97. Kapitel. Die Verteidigungsrede des Hauptmagiers.

1. Sagte der Hauptmagier: „O lieber, holder und sehr weiser Jüngling! Wir stellen dir das ganz und gar nicht in Abrede, daß sich die Sachen bei uns leider so verhalten; doch wir haben sie schon also, wie sie sind, gefunden und nicht selbst eingeführt. Wer sie einmal uranfänglich also erfunden, eingeführt und bestellt hat, der mag alles Unheil unter uns irgend vor einem wahrhaftigen Gott verantworten! Ich bin als ein Priesterkind also erzogen und gelehrt worden und kann nicht dafür, daß ich nun das bin, was ich bin. Bei uns gilt der fromme Betrug als eine vorzügliche Tugend; denn man braucht den gemeinen Menschen durch allerlei geheime Künste nur zu einem festen und ungezweifelten Glauben zu bringen – was eben nichts Schweres ist, wenn man die Sache nur am rechten Orte anfaßt –, und siehe, der Mensch ist dabei völlig glücklich, lebt in einer bestimmten Ordnung und hat keine Furcht vor dem Tode des Leibes, weil er an ein Leben nach des Leibes Tode fest und ungezweifelt glaubt! Man nehme ihm diesen Glauben weg, und er ist im Augenblicke unglücklicher als jedes noch so verlassene Tier! Bis man aber imstande wäre, alle Menschen zu lauter Weltweisen zu machen, wäre man zuvor schon lange ein Opfer der Wut des Volkes. Es ist daher nun vorderhand nichts zu machen, als die Sache also fortzuführen, wie sie einmal bestellt ist. Soll sie anders werden, so muß das ein allmächtiger Gott tun; wir Menschen sind zu schwach dazu.

2. Ich bin mit meiner Wissenschaft und Kunst schon weit in der Welt herumgekommen, war sogar im großen Reiche über der großen Weltmauer, habe aber nirgends Menschen angetroffen, bei denen die gewisse klare Weltweisheit allgemein daheim wäre. Sie ist gewöhnlich nur ein Gut des Priesterstandes; das Volk aber lebt ruhig und zufrieden und das infolge des blinden Glaubens, den es von den Priestern überkommt. Und es ist dies sicher das beste Mittel, ein Volk in einer gewissen Ordnung zu erhalten und zur fleißigen Bebauung der Erde anzuhalten.

3. Daß er lebt und auch sicher sterben wird, das weiß der Mensch; so ein Mensch aber gesund und wohlversorgt lebt, so lebt er auch gern und ist von Natur aus ein Feind des Sterbens und des Todes und hat somit stets eine große Furcht vor dem Tode. Diese beständige Furcht würde den Menschen bald derart übermannen, daß er zu einer jeden Arbeit und auch für eine geistige Bildung gänzlich unfähig werden müßte, und er müßte auch ein größter Feind des Lebens werden, – wie es bei uns auch ein solches Volk gibt, das sein Leben verflucht und keine Kinder zeugt, um keine unglücklichen Wesen in diese Welt zu setzen. Es vermehrt sich nur durch Zuwanderungen von außen her, mit Ausnahme der Weiber, die darum unter diesem Volke nicht anzutreffen sind. Aber es erscheint der sich selbst über alles verleugnende Priesterstand, lehrt den Menschen irgend unsichtbare mächtige Götter und ihre Kräfte kennen und führt sich als ein selbstmächtiger Sendling und Diener der Götter dem Volke dadurch vor, daß er vor des Volkes Augen Wunder wirkt und vor seinen Ohren weise spricht.

4. Die Wunderwerke sind die Zeugen seines Wortes. Das Volk glaubt, weil es mit seinen Augen selbst die Bestätigung gesehen hat, und wird glücklich, weil sein Glaube dem Tod alle Schrecken einer ewigen Vernichtung dadurch benommen hat, daß er ihm die sichere und von niemand mehr bezweifelte Aussicht auf ein besseres und ewiges Leben nach des Leibes Tode gegeben hat.

5. Und siehe, das ist die Frucht des nie genug zu achtenden Priesterstandes, der für sich zwar leider in der stets traurigen Erkenntnis ist, daß der Tod des Leibes des Menschen wie des Tieres und der Pflanze Letztes ist. Damit aber der Priester beim Volke stets den Glauben aufrechterhält, so darf das Volk in die inneren Geheimnisse des Priesters nie nur im entferntesten eingeweiht werden, sondern es muß in dem Priester stets ein höheres Wesen erschauen, dessen Weisheit und Macht des Menschen fromme Seele erst nach dem Tode erkennen wird; denn würde sie das im Leben des Leibes, so wäre das ihr Tod. Das glauben die Menschen auch, halten des Priesters Weisheit und Macht für heilig und führen dabei ein ruhiges, ordentliches und möglichst glückliches Leben. Aus diesem Grunde werden bei uns denn auch die außerpriesterlichen Wundertäter stets hart verfolgt und als von einem bösen Wesen abgesandte Verführer des glücklichen Volkes mit harten und schweren Strafen belegt. Denn es ist sicher besser, daß da einer leidet des Volkes wegen, als daß das ganze Volk am Ende eines mutwilligen Menschen wegen leiden soll.

6. Es gibt aber schon auch unter uns Priestern welche, die gewisse faktische Beweise von einem Fortleben der Seele nach dem Tode haben; aber solche Beweise taugen nicht für ein allgemeines großes Volk, sondern nur für wenige, die in die innersten Lebensmysterien tief eingeweiht sind.

7. Für das allgemeine, rohe, aber dafür glaubensstarke Volk taugen nur erschauliche Beweise mit möglichst großem und mysteriösem Gepränge. Diese schaut das Volk mit großen Augen voll des höchsten Staunens und voll der tiefsten Erbauung an, – glaubt, opfert und arbeitet dann mit Freude. Und das alles ist wahrlich nicht so schlecht, wie du, mein holder junger Freund, es mir ehedem in scharfen Worten dargestellt hast, und ich ersuche dich nun, mir darüber dein Urteil preiszugeben!“

98. Kapitel. Das Geständnis des Hauptmagiers.

1. Sagte unser Raphael: „Sollst in deiner grobirdisch-materiellen Weise recht haben; denn auf große und vielen Lärm und ein großes Getöse machende Spektakel werden sogar die Tiere der Wälder aufmerksam und ergreifen vor Angst die Flucht. Also müssen eure großen Zauberspektakel auf euer Volk um so mehr einwirken, weil das Volk eure Sprache und eure Predigt versteht; denn könnten eure Menschen nicht selbst reden und somit auch nicht eure trügerischen Reden verstehen, so würden sie bei euren angeblich gottesdienstlichen Großpompzauberhandlungen offenbar den Tieren gleich die Flucht ergreifen und sich vor Furcht und großer Angst in die Höhlen, Klüfte und Löcher der Erde verkriechen. Aber ich sage dir noch einmal, daß ihr nach eurer blinden Idee für euch recht haben sollet.

2. Aber wozu reiset ihr aus eurem Lande und machet uns sicher geweckteren Menschen eure nichtssagenden Wunder und Trugkünste vor? Was wollt ihr damit denn bei uns erreichen? Sollen etwa am Ende auch wir euch für mächtige Mittler zwischen Gott und den Menschen ansehen und glauben, daß ihr wahrhaftig Götter seid?! Daheim in eurem Lande, das groß genug ist, könnet ihr ja ohnehin tun, was ihr wollet, und könnet euch von euren blinden Völkern anbeten lassen; doch was treibt euch zu uns her, was wollet ihr hier mit euren Trugkünsten erreichen? Des Goldes, des Silbers, der Perlen und der Edelsteine wegen seid ihr nicht zu uns gekommen; denn an solchen Schätzen habt ihr ohnehin den größten Überfluß. Wollet ihr etwa auch uns für euch bekehren und uns glauben machen, daß ihr wahrhaftige Boten Gottes seid? Ja, ja, seht, das ist euer geheimer Plan, da euch die ganze Erde sicher sehr viel lieber wäre als euer Indien allein! Aber ich sage es euch, daß ihr da bei uns mit solch eurer geheimen Absicht niemals durchdringen, sondern nur bald arg zum Teile kommen werdet. Darum reiset für diesmal noch ungestraft in euer Land zurück, und waget es nie wieder, in solcher eurer Absicht zu uns zu kommen, und treibet eure Sache aber auch daheim nicht zu bunt, sonst könnte unser allein wahrer, ewiger Gott und Vater über euch Seine Geduld und Langmut verlieren und euch züchtigen in Seinem gerechten Zorne! – Hast du, toller Zauberer, mich verstanden?“

3. Sagte der Magier: „Holder, weiser Jüngling! Wir erkennen es ja an, daß du in allem recht hast, und daß wir Indier sehr im Finstern wandeln; aber wir sind dabei dennoch ein ganz glückliches Volk, da wir alles haben, was die Menschen auf dieser Erde glücklich machen kann. Das Volk genießt durch seinen festen Glauben noch das Gute, daß es keinen Tod vor sich hat und ihn somit auch nicht fürchtet. Es fürchtet nur einen ihm verkündeten höchst unglückseligen Zustand der Seele nach dem Tode des Leibes, so es denselben durch die Nichthaltung der Gesetze verdient hat. Daß aber das Volk das glaubt und solch einen Zustand nach dem Tode fürchtet, das beweisen die außerordentlichen Bußwerke des indischen Volkes, die es für seine allfälligen Sünden verrichtet.

4. Das Volk ist demnach ganz glücklich, wenn es nur die vorgeschriebenen Gesetze beachtet. Wenn aber nach unserem guten Wissen und Gewissen das Volk naturmäßig und seelisch glücklich ist und unsere Trugkünste eben dazu alles beitragen, so kann uns darum irgendein wahrhaftiger, großer, weisester und allmächtiger Gott nicht gram werden und seinen Zorn über uns kommen lassen; denn er kann ja doch nimmer wollen, daß die Menschen auf dieser Erde so unglücklich wie möglich leben sollen. Sollte ihm aber die Art und Weise nicht recht und angenehm sein, wie wir durch unsere Klugheit und durch unser Geschick das ganze große Volk glücklich machen – und das für alle Zeiten dauernd –, so wird es ihm doch nicht unmöglich sein, uns seinen Willen dahin kundzutun, wie er das indische Volk geleitet und geführt haben will.

5. Daß wir zuweilen aber auch andere Länder bereisen, das hat für uns einen mehrfachen guten Zweck. Um Gold und andere Schätze zu gewinnen, reisen wir sicher nicht, da wir daheim mit goldenen Pflügen unsere Äcker bebauen! Uns wäre euer Eisen um vieles wertvoller denn unser vieles Gold. Uns treibt auch nicht eine gewisse Produktionsgier nach auswärts; denn wir haben daheim der Verehrer in größter Anzahl. Also wollen wir auch in fremden Ländern für unsere Götterlehre niemanden gewinnen; denn wir reisen nie als Priester, sondern nur als Magier und Weise aus dem fernen Morgenlande. Aber da wir selbst geheim bei uns am allerbesten fühlen, wo es uns fehlt, so suchen wir in fremden Ländern eben das uns Priestern selbst Fehlende.

6. Wir ahnen es wohl, daß es irgendeinen allweisesten und allmächtigen Gott geben muß, durch dessen Willen alles, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen, erschaffen oder gemacht worden ist. Ja wir haben sogar durch unsere alten Weisen erfahren, daß im fernen Westen, der die Sonne, den Mond und alle die Sterne aufnähme, sich ein Volk befindet, welches allein mit dem einen, wahren Gott in steter Verbindung stehe, Ihn daher wohl kenne und uns von Ihm sicher etwas Näheres sagen könnte und würde. Wir aber sind nun mit unserer verborgenen Absicht schon sehr weit nach Westen vorgedrungen, aber das gewisse glücklichste Volk der Erde haben wir noch nicht gefunden. Wir fanden, daß wir selbst mit unserer Ahnung, daß es einen Gott geben müsse, und mit unseren Trugkünsten, wie du, holder Junge, sie nanntest, noch immer besser daran sind als alle die Weisen der vielen Länder, die wir schon durchzogen haben.

7. Mein holdester Junge, ich gestehe es dir ganz offen, daß wir unter allen den tausend und abermals tausend Weisen, mit denen wir schon verkehrt haben, noch keinen weiseren angetroffen haben, als wie du da bist. Dir muten wir es zu, daß du von dem allein wahren Gott eine rechte Kenntnis hast, und es wäre uns darum höchst angenehm, so wir uns mit dir näher besprechen könnten; denn du warst bis jetzt noch der einzige, der unsere Wunder als das erkannt hat, was sie im Grunde auch sind. Du hast uns in deinem jugendlichen Eifer freilich scharf zugesetzt und hattest auch ein volles Recht dazu; aber wir haben durch unsere gewirkten drei Zeichen, mit denen wir eine Probe vor euren Augen machten und derentwegen du uns arge Betrüger gescholten hast, dennoch unseren geheimgehaltenen Zweck erreicht, und so waren denn auch unsere falschen Wunder am Ende doch für etwas gut.

8. Sollten wir hier in dir das lange und mühsam Gesuchte gefunden haben, so geben wir dir die vollste Versicherung, daß wir in einem fremden Lande keine falschen Wunder mehr wirken werden. Sollte aber das bei dir auch noch nicht der Fall sein, so werden wir wieder auf die uns eigene Art das uns Verborgene irgend weiter zu suchen bemüßigt sein, und wir meinen, daß uns da niemand sagen kann, daß wir unrecht handeln. Falsch sind wir nicht, aber klug, und es liegt in unserer Art und Weise, daß wir das, was wir suchen, zumeist auch finden, wenn es überhaupt irgend zu finden ist. Holder, weiser Jüngling, sei uns nun nicht gram und gestatte uns, daß wir dich morgen wieder, aber nicht mehr als Magier, sondern als Gottsucher besuchen dürfen!“

99. Kapitel. Der nicht erhörte Ruf der Indier nach Gott.

1. Sagte Raphael: „Ich bin euch nicht gram, da ich es wohl weiß, wie ihr beschaffen seid; aber das sage ich euch, und das merket euch wohl, daß Gott in Sich die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst ist und Sich darum nie durch irgendeine Trugkunst finden und begreifen läßt; denn Gott ist heilig. Ein Trug aber – wie immer geartet er auch sein mag, und aus welchen Beweggründen er auch verübt wird – ist in sich unheilig, darum verdammlich und eines heiligsten Gottes höchst unwürdig.

2. Wer Gott als die höchste Wahrheit suchen und finden will, der muß Ihn in aller Demut und Wahrheit des Herzens suchen und wird Ihn also auch finden; aber mit allerlei Lüge und Trug läßt Sich Gott wohl nimmerdar finden!

3. Ihr habet aber ja selbst auch solche altverborgene Weise in eurem Lande, die ihr Pirmanji nennt. Diese kennen auch noch den einen, wahren Gott. Warum wollet ihr euch denn von ihnen nicht über Gott belehren lassen?“

4. Sagte der erste Magier: „Wir wissen das wohl, daß sie eine tiefere Kenntnis besitzen; aber wer kann zu ihnen kommen? Sie bewohnen solche Gegenden, die nur den Adlern, aber sonst keinem Sterblichen zugänglich sind. Wir wissen von ihnen nur so viel, daß sie irgend in den Hochgebirgstälern ihren Aufenthalt haben; aber wo, das ist eine andere Frage.

5. Wir haben wohl schon welche persönlich kennengelernt und auch mit ihnen gesprochen; aber es war aus ihnen mit aller unserer Klugheit nichts herauszubringen. Wir erkannten sie aber dadurch, daß sie uns alles genau kundgaben, was sich seit unseren Kinderjahren mit uns zugetragen hatte, und sie sagten uns auch zum voraus, was sich mit uns noch zutragen werde, und das geschah schon vor zehn Jahren. Und siehe, alles das uns von ihnen Vorausgesagte ist bis jetzt auf ein Haar eingetroffen!

6. Als wir aber mit ihnen über das Dasein irgendeines wahren Gottes zu reden anfingen, da wichen sie ab und gaben uns keine irgend bestimmte Antwort. Wir drangen darauf mit großem Ernste in sie und gaben ihnen zu verstehen, daß sie sich in unserer Gewalt befänden.

7. Da sagten sie: ,Wir befinden uns aber in der Gewalt des einen, wahren Gottes, und über der stehet keine Gewalt dieser Welt!‘

8. Darauf verließen sie uns plötzlich und verschwanden ordentlich vor unseren offenen Augen. Wir haben dabei wohl das gewonnen, daß wir wenigstens eine stärkere Ahnung vom Dasein eines wahren Gottes erhielten, doch von irgendeinem helleren Begriff über Ihn konnte da keine Rede sein.

9. Wie es aber uns geht, so geht es auch unserem Oberpriester; denn er weiß ebensoviel wie wir. Darum aber sendet er auch beinahe alle Jahre einige der tüchtigsten Unterpriester in alle Welt hinaus, damit sie irgendeine haltbare Kunde von dem einen, wahren Gott erhalten könnten, von dem es in unserem alten Buche heißt: Ja seam zkrit (Ich bin verborgen). Aber wo? Darin liegt eben der ewig fatale Grund, daß wir den Verborgenen gleichweg suchen und nirgends finden. Unser Volk hat es leicht, denn das glaubt unbezweifelt fest, daß Er auf unserem hohen, unersteigbaren und heiligen Berge, und das in dem goldenen Palaste, verborgen sei, und es wird das Volk in solchem Glauben auch stets durch unsere Wunderwerke bestärkt; aber wo ist der eine, wahre Gott für uns selbst verborgen? Das ist eine andere Frage!

10. Wir suchten Ihn schon in allen Winkeln und Schluchten der Erde, die uns nur irgend zugänglich waren, fanden vieles und Seltsames, aber den Verborgenen fanden wir bis zur Stunde noch nicht. Und dennoch sieht es auf der Erde, in der Luft und auch unter den Sternen aus wie in einem Hause, dessen Einrichtung augenscheinlich zeigt, daß es einen höchst guten und weisheitsvollen Hausvater hat. So man aber nach ihm fragt und ihn selbst näher kennenlernen möchte, so ist er nie da, und es kann sich niemand rühmen, ihn je gesehen und gesprochen zu haben. Und doch muß er irgendwo sein und für die Ordnung seines Hauses sorgen. – Und, du junger, weiser Freund, nun erst sind wir an dem rechten Punkte angelangt!

11. Es ist eben nichts besonders Schweres, einem Menschen oder auch mit der Zeit einem ganzen Volke in seiner Not ein Tröster mit ganz ernstem Gesichte zu sein und dabei aber selbst dennoch jedes Trostes für immer bis zum letzten Atemzuge zu entbehren. Und so kann es uns wahrlich kein Gott verargen – so irgendwo Einer ist –, daß wir altbewährten Völkertröster am Ende auch für uns einen wahren Trost suchen, der von uns schon durch undenkliche Zeiten dem armen, blinden Volke gewährt wurde. Daß wir diesen Trost für uns nach deiner Rede sicher wohl mit den unfruchtbarsten Mitteln suchen, das bezweifeln wir gar nicht; aber wo stehen die eigentlichen und wahren Mittel angezeigt?

12. Du hast uns nun freilich wohl angezeigt, daß Gott als die ewige Urwahrheit Sich nur wieder durch die Wahrheit finden läßt. Das, unser holdester Freund, ist ganz gut und ganz wunderschön gesagt; aber was ist die Wahrheit, und wo finden wir sie in dieser Welt?! Glücklich der seltene Mensch, der von solch einer Wahrheit nur eine Ahnung hat; aber wo ist der, der sie im Vollmaße sein eigen nennen kann?! Oh, sage uns den Menschen an, und wir wollen ihn bis ans Ende der Welt verfolgen und ihm alle Schätze unseres übergroßen Reiches anbieten, daß er uns einen Teil von seinem geistigen Schatze mitteile!

13. Du kannst aber nun von uns denken, was du nur immer willst; aber das sage ich dir nun ganz offen und frei ohne allen Rückhalt – sogar auf die Gefahr hin, daß du selbst eben der Verborgene wärest, den wir schon so lange suchen –, daß am Ende der Mensch, der mit allen Mitteln, die er nur irgend ausfindig machen kann und mag, und dazu mit allen möglichen Lebensbeschwerden, die es nur auf der Welt geben kann, die Wahrheit beharrlich sucht, am Ende ebensoviel und vielleicht noch mehr wert ist als ein so glücklicher Mensch, der die Wahrheit durch irgendein unberechenbares Ungefähr gefunden hat und sie dann seinen armen Nebenmenschen, die die Wahrheit suchen, hartnäckig vorenthält und sie geistig hungrig und durstig weiterziehen läßt, während er sie vielleicht mit wenigen Worten für Jahrtausende vollauf hätte sättigen können. Ja, ich sage dir aber noch mehr:

14. Wir haben eben darum den größten Zweifel am Dasein eines einigen, wahren Gottes, weil wir Ihn schon so lange suchen und Er Sich von uns noch immer so wie vor Jahrtausenden suchen läßt. Was wohl könnet ihr im Grunde vor uns voraushaben darum, weil Sich der wahre, einige Gott etwa von euch hat finden lassen? Wer weiß es denn, ob du Ihn je emsiger gesucht hast als wir?

15. Ja, Freund, mit uns Indiern ist in dieser Hinsicht wohl ein wenig schwer zu reden; denn wir sind keine Menschen von heute bis morgen, sondern wie wir nun sind, so sind wir schon vor undenklichen Zeiten gewesen. Daß wir noch immer auf dem alten Flecke stehen und vielleicht noch Tausende von Jahren auf demselben Flecke stehenbleiben werden, das wissen wir, wenigstens für die Zukunft, nicht ganz bestimmt. Doch sei ihm da nun, wie ihm wolle, – die Schuld daran kann wahrlich nicht auf unsere Schultern geladen werden!

16. Oder du hast irgendeinen großen Schatz versteckt und sagst dann zu deinen Dienern: ,Gehet hin und bringet mir den verborgenen Schatz wieder! Findet ihr ihn, so soll euer Lohn groß sein; findet ihr ihn aber, sogar mit verbundenen Augen auch noch dazu, nicht, so sollet ihr dafür ewig bestraft werden!‘ Oh, das wäre wahrlich eine Gerechtigkeit, wie man eine gleiche kaum unter unseren Tigern und Hyänen suchen dürfte!

17. Wenn es einen Gott voll Weisheit und Güte geben soll, der das von uns ohnmächtigen Würmern dieser Erde verlangen sollte, dann wäre es für den Menschen um ein endloses besser, nie erschaffen worden zu sein. Wenn mich jemand um einen Weg nach irgendeinem unbekannten Orte fragt, so ist es meine heiligste Pflicht, ihm einen gefälligen Wegweiser zu machen, – und ich habe solches noch nie einem Menschen vorenthalten, wenn ich nur in der Lage war, ihm einen Wegweiser machen zu können.

18. So wir aber Gott und Seine Wahrheit mit allem Eifer und mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln suchen und in einem fort laut in uns rufen: ,Gott, Schöpfer und Herr, wo bist Du, Verborgener?‘, und Er würdigt uns keiner noch so geringen Antwort, so sind da drei Fälle möglich: Entweder besteht Er ganz und gar nicht, und alles besteht da ewig nach einer Norm, die sich in der Natur von selbst zufällig gebildet und nachher geordnet hat, oder Gott ist einer, der Sich nur um endlos große Dinge kümmert, oder Gott ist so ein taubes und hartherziges Wesen, daß Ihm die Menschen gerade das sind, was uns die Milben an einem Blatte sind und die zahllosen Mücken in der Luft.

19. Und, Freund, unter diesen drei nun ausgesprochenen Fällen ist uns ein Gott völlig entbehrlich; denn da nützet Er den Tieren mehr denn uns armseligsten, mit Vernunft und Verstand begabten Menschen! Merkwürdig bleibt es aber immer, daß Er irgendwo sein soll, Sich aber von uns dennoch nicht finden läßt.

20. Was sagst du nun zu diesen meinen wahren Worten? Denn ich zeigte dir nun, wie und warum wir mit Grund an dem Dasein eines wahren Gottes zweifeln. So du willst, da magst du nun wieder reden!“

100. Kapitel. Der wahre Weg zu Gott.

1. Sagte Raphael: „Seht, nun erst habt ihr die volle Wahrheit geredet und habt Gott als die ewige Wahrheit mit der vollen Wahrheit gesucht, und ich kann euch nun schon sagen, daß ihr Ihm noch nie so nahe gekommen seid wie eben jetzt! Aber es ist noch so manches in euch, das zur völligen Auffindung des einen, wahren Gottes nicht taugt, und solange ihr diesen schwarzen Fleck in euch nicht merket und findet und ihn nicht aus euch schaffet, könnet ihr den Verborgenen noch immer nicht finden, so nahe Er euch auch ist.“

2. Sagt der Magier: „Und dieser schwarze Fleck wäre?“

3. Sagt Raphael: „Das ist euer priesterlicher Hochmut. Denn wehe dem, der euch aus dem Volke begegnet und euch etwa möglicherweise unversehens gar nicht grüßte, da ihr ihn bemerkt habt. Es wird ihm das gleich als ein großes Verbrechen angerechnet, und er muß sich darum einer starken Buße unterwerfen, die entweder in einer starken und oft ganz schaudererregenden Leibeskasteiung oder bei einem Reichen in anderen großen Opfern besteht, die bei euch nicht selten ins Fabelhafte gehen! Und sehet, das ist ein gar grober schwarzer Fleck! Solange der bei euch gang und gäbe ist und bleibt, wird Sich Gott von euch nicht finden lassen: denn Gott können nur jene Menschen finden, die Ihm in ihrer Seele ähnlich zu werden trachten oder Ihm schon mehr und mehr ähnlich sind.

4. Gott ähnlich werden aber heißt: Werdet voll Liebe gegen eure Nebenmenschen, und euer Herz sei voll Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung gegen jedermann, so wird Sich Gott auch euer erbarmen und Sich von euch finden lassen im Geiste Seiner Liebe und der ewigen Wahrheit.

5. So ihr Gott nur in und mit der alleinigen Wahrheit suchet, da werdet ihr Ihm wohl nahekommen, aber Sein eigentliches Wesen doch nicht erschauen und noch weniger je begreifen; suchet ihr Gott aber in der reinen Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, so werdet ihr Gott finden, Ihn erkennen und das ewige Leben eurer Seelen ernten.

6. Es war in diesem Lande und unter diesem Volke einmal ein großer Prophet, voll des Geistes aus Gott. Licht und Wahrheit waren seine Wege, und Gotteskraft lag in jedem seiner Worte. Durch besondere Fügungen Gottes mußte er einmal in ein fernes Land fliehen, weil ihm die Menschen im eigenen Lande nach dem Leben strebten. Im fremden Lande mußte er eines hohen Berges Höhle, die ihn vor den Blicken der Menschen verbarg, bewohnen. Als er schon eine geraume Zeit die Höhle bewohnte, in der er sich von allerlei Wurzeln ernährte, betete er zu Gott, daß Er Sich ihm nur ein einziges Mal zeigen möchte, dann wolle er mit Freuden sterben in des Berges Höhle.

7. Da vernahm er eine Stimme, die zu ihm sagte: ,So stelle dich an die Öffnung der Höhle, denn Ich werde vor derselben vorüberziehen!‘

8. Da ging der Prophet an die Öffnung der Höhle und harrte, daß Gott vorüberzöge. Und siehe, als der Prophet also harrte, da kam ein gar gewaltiger Sturm und zog so mächtig an der Höhle vorüber, daß ganze Felsenmassen vor ihm hinstoben wie leichte Spreu!

9. Da meinte der Prophet: ,Ah, das war also Gott! Also im gewaltigen Sturme ist Gott und gibt Sich also den Menschen zu erkennen?!‘

10. Aber sogleich sagte eine Stimme zu ihm: ,Du irrst dich! Im Sturme war Gott nicht. Harre nur, und Gott wird vorüberziehen!‘

11. Da harrte der Prophet. Und siehe, alsbald nach dem Sturm zog eine gar gewaltige Flammensäule, also ein mächtiges Feuer, vorüber, und der Prophet sagte: ,Also im Feuer offenbarest Du, Gott, Dich uns Menschen?!‘

12. Und abermals sprach eine helle Stimme: ,Nein, auch im Feuer zog Gott nicht vor deiner Höhle vorüber! Aber harre! Nun erst wird Gott vorüberziehen!‘

13. Und der Prophet harrte mit Angst und großem Zittern. Als er also harrte, da zog ein gar sanftes Säuseln an der Höhle vorüber, und in diesem sanften Säuseln war Gott.

14. Und es sprach die Stimme abermals: ,Wer Gott schauen will, der suche Ihn in der Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung; wer Ihn aber anderswo und durch andere Mittel und auf anderen Wegen sucht, der findet Gott nicht!‘

15. Und sehet nun, was jene Stimme dem großen Propheten in jener Höhle sagte, das sagte ich euch nun auch, und ich habe euch den rechten Weg gezeigt! Wollet ihr den einen, wahren Gott auf diesem Wege suchen, so werdet ihr Ihn auch finden, aber auf euren Wegen nimmer. Das sage ich euch! – Habt ihr das verstanden?“

101. Kapitel. Von den indischen Religionssystemen.

1. Sagte darauf der Magier: „Ja, du holder und mir ganz unbegreiflich weiser junger Freund! Du zählst noch kaum sechzehn Jahre, wie kam es denn, daß du in solcher Jugend schon so weise geworden bist, wie weise mir noch nie ein Mann von ernsten Jahren untergekommen ist? Wo bist du wohl in die Schule gegangen, und wer war dein Meister?“

2. Sagte Raphael: „Das lehrt kein Meister in irgendeiner Schule der Welt, sondern das lehrt Gottes Geist jenen Menschen, der Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. Ihr saget wohl auch, daß ihr aus Liebe euer Volk belüget und betrüget und ihm dadurch eine große Wohltat erweiset, ohne die es nach eurer Meinung verzweifeln müßte; aber ich sage euch, daß ihr da in einer großen Irre seid. Es gibt unter eurem Volke schon gar viele von Gott erhellte Menschen, die im Herzen auf euch nicht um ein Haar mehr halten als ich. Aber sie haben eine große Furcht vor euren Straf- und Bußgerichten und tun darum äußerlich noch, als hielten sie große Stücke auf euch; aber in ihrem Innern verachten sie euch mehr als den Tod selbst und haben auch ihren Grund dazu. Würdet ihr aber gar bald anfangen, von euren vielen Dummheiten und leeren Grausamkeiten eine nach der andern auszulassen und an ihre Stelle das zu setzen, was ich euch gesagt habe, so würde euch das Volk mehr loben und achten denn jetzt.“

3. Sagte der Magier: „Ja, ja, du hast da ganz recht, wenn es bloß auf uns ankäme; denn wir Jünger der Zientu-Viesta (reinen Gesichte) und des Zan-skrit sind im Grunde gar so grausam nicht und haben viel Mitleid mit den Menschen. Aber die Jünger des ganz erbärmlichen Zou rou az to (Warum wühlest du?), der die Gottheit in das Feuer versetzte, sind eigentlich in ihren Lehren, Sitten und Gebräuchen voll von allen möglichen Grausamkeiten gegen ihr Volk. Wir haben sie wohl bis an die Küsten des großen Meeres verdrängt; aber ganz aufreiben konnten wir sie nicht. Und weil sie unser Oberpriestertum doch auch teilweise beibehielten und sich uns unterstellten, so wurden sie von uns geduldet, aber nie als gerechtfertigt angesehen. Was sonach unsere hochindischen Völker anbelangt, so wären sie nach und nach schon zu etwas Besserem zu bringen, aber die Küstenbewohner und Bekenner der Wühler schwerlich, weil sie zu wahngläubig geworden sind.

4. Wir, die wir hier von dir die reine Wahrheit vernommen haben, werden schon alles aufbieten, um diese Wahrheit auch den anderen Menschen nach und nach zukommen zu lassen; aber freilich müssen wir die volle Wahrheit deiner uns gegebenen Lehre vorerst an uns selbst erproben. Bewährt sich das alles an uns, so wird es dann an unserem Eifer keinen Mangel haben; sollte sich aber wider unser Erwarten deine Lehre an uns nicht tatsächlich bewähren, so werden wir dich zwar immer in hohen Ehren halten und uns denken, daß wir der Verwirklichung dessen, was du uns gewisserart verheißen hast, noch lange nicht würdig sind; aber an dem bisher noch immer ruhigen Volksglauben werden wir nicht zu rütteln anfangen.

5. Haben wir aber irgendeine nur einigermaßen haltbare Spur des einen, wahren Gottes gefunden, so werden wir sehr eifrig bemüht sein, das auch auf eine geeignete Weise vorderhand wenigstens dem besseren und helleren Teile des Volkes mitzuteilen. Und so hätten wir nun diese Sache so gut als nur immer möglich in aller Kürze abgemacht, und du, junger, holdester Weiser, nimm für deine ernste Mühe unseren vollsten Dank an und laß uns das geheiligte Andenken an dich und an diese Stunde treuest in unseren Herzen bewahren! Es soll das unser steter Tröster auf allen unseren weiten und mühevollen Lebenswegen sein!

6. Du aber, der du das unaussprechliche Glück hast, schon in deiner so frühen Jugend den allein wahren Gott und die Unsterblichkeit erkannt zu haben, gedenke dann auch unserer geistigen Armut, wenn du vor deinem heiligen und ewigen Schöpfer stehen wirst! Bitte Ihn für uns, daß Er auch uns armen Indiern das wahre Licht des Lebens unserer Seelen möchte zukommen lassen und möchte auch uns Seinen heiligen Willen bekanntgeben!“

102. Kapitel. Die große Ahnung der drei Magier. Die wunderbare Herbeischaffung des Diamanten.

1. Bei dieser Abschiedsrede des Magiers kamen allen Anwesenden und auch Mir die Tränen, und Ich bedeutete Raphael und Lazarus, die Magier nun noch nicht gehen zu lassen; denn Ich wünsche nun, daß sie an diesem Abende den Verborgenen finden und näher kennenlernen sollen.

2. Da traten Raphael und Lazarus zu den dreien, die eben gehen wollten, und Raphael sagte nun mit einer wahrhaft himmlisch freundlichen Miene und Stimme: „Wo wollet ihr nun hinziehen? Seht, die Sonne stehet schon knapp am Horizont, und euer Gefolge ist in der Stadt wohl untergebracht, und so möget ihr wohl bei uns verbleiben diese Nacht; denn auch hier ist eine gute Herberge!“

3. Sagte der Magier: „O du lieber, himmlischer junger Freund! Nicht nur diese Nacht, sondern noch gar viele Nächte und Tage möchten wir in deiner Nähe verharren und aus deinem Munde noch gar manche Wahrheit vernehmen. Aber wir kommen uns nun viel zu unwürdig vor, deine uns so überaus geheiligte Gegenwart noch länger zu ertragen und dich und diese ganze sicher auch gottesfreundliche Gesellschaft zu belästigen. Aber wenn ihr es wünschet, so werden wir uns sicher allerfreudigst eurem Wunsche fügen. Was wir verzehren werden, das werden wir auch treuest bezahlen, wie sich das unter ehrlichen Menschen gebührt.“

4. Sagte nun Lazarus: „Bei mir werdet ihr irgendeine gemachte Zehrzeche leicht bezahlen; für eure Unterkunft soll bestens gesorgt sein!“

5. Damit waren die drei nun vollkommen zufrieden; nur meinte der Hauptmagier, daß einer von den zwei Untermagiern sich zur Stadt hinabbegeben und den andern kundgeben könnte, daß sie, die drei nämlich, heute nacht auf dem Berge zubringen würden.

6. Aber Raphael sagte: „Das habt ihr nicht nötig; denn das ist bereits geschehen!“

7. Fragte der Magier: „Ja, wie wäre denn wohl so etwas möglich? Denn meines ganz klaren Wissens ist wohl noch kein Bote hinab in die große Stadt gesandt worden, und wäre dies auch der Fall, so kann er ja doch nicht wissen, in welcher Herberge sie eingezogen sind.“

8. Sagte Raphael: „Sorget euch um das ja nicht; denn den ganz wahren Freunden des allein wahren Gottes ist auf dieser Welt durchaus nichts unmöglich! Ich selbst habe deine Gefährten schon davon benachrichtigt, und da hast du deinen Goldbecher, dessen Rand mit Diamanten, Rubinen und Smaragden verziert ist, damit du daraus mit uns Wein trinken kannst! Am Boden steht das Zeichen deines Namens eingegraben.“

9. Als der Magier das ersah, da sagte er: „Wir sind am Ziele; denn so etwas ist nur einem Gott möglich! Hier erwartet uns noch undenkbar Großes!“

10. Sagte Raphael: „Da könntest du wohl sehr recht haben! Aber mich haltet nicht für Den, den ihr schon so lange gesucht habt! Aber ihr könnet Ihn hier finden! Doch nun nichts Weiteres mehr davon!“

11. Damit waren die Magier vorderhand zufrieden und dachten über alles Gesagte wohl nach.

12. Hierauf, als eben die Sonne unter den Horizont hinabgesunken war, sagte unser Lazarus zu den Magiern: „Meine Freunde, diese Erscheinungen hier befremden euch wohl, aber ich sage es euch, daß das alles nur ein ganz leiser Anfang von allem dem ist, was ihr da bei eurer nun ganz guten Gemütsverfassung erfahren werdet. Doch übet euch gleich in der Geduld, Sanftmut und wahren Demut, so werdet ihr vielen Segen von hier in euer fernes Reich mitnehmen! Was ihr aber hier verzehren werdet, das ist bereits auf das reichlichste bezahlt.“

13. Sagte der Magier: „Herr deines Hauses, wer hat für uns bezahlt?“

14. Sagte Lazarus: „Fraget nicht danach, denn das hat schon Der bezahlt, dem alle Schätze der Erde eigen sind!“

15. Sagte der Magier: „Auch die von unserem großen Reiche?“

16. Sagte Lazarus: „Ja, auch die von eurem großen Reiche!“

17. Sagte der Magier: „Kennst du denn unsere unmeßbaren irdischen Schätze?“

18. Sagte Lazarus: „Ich wohl nicht, aber dieser euer Jüngling ganz sicher und jemand anders hier in dieser Gesellschaft noch um vieles besser!“

19. Sagte der Magier zu Raphael: „Wann warst du denn bei uns, daß du alles das gar so wohl wissen kannst?“

20. Sagte Raphael: „Siehe, du hast daheim einen großen Diamanten von einem unschätzbaren Werte, nach euren irdischen Wertverhältnissen gerechnet, und diesen Stein hast du in einem solchen Behältnis aufbewahrt, daß davon außer dir wohl niemand in ganz Indien etwas wissen kann!“

21. Hier machte der erste Magier große Augen und sagte: „Ja, das ist wahr! Kannst du, holdester Junge, ihn mir aber auch beschreiben, wie er aussieht?“

22. Sagte Raphael: „Die beste Beschreibung wird wohl die sein, so ich dir deinen wertvollsen Stein im Augenblick herstelle und ihn dir so wie ehedem deinen Goldbecher in deine Hände lege! Gib aber nur genau acht, wie lange ich bei diesem Geschäfte ausbleiben werde!“

23. Sagte der Magier: „Jüngling, wenn dir das möglich ist, dann bist du kein Mensch mehr, sondern ein Gott! Denn wir haben von hier sicher über siebzig Tagereisen in unser Land, und du willst den Stein mir sozusagen in einem Augenblick hier einhändigen?! Wenn das möglich wäre, so wäre das offenbar ein ganz reines Gotteswunder!“

24. Sagte Raphael: „Nun, wie lange war ich denn abwesend?“

25. Sagte der Magier: „Bis jetzt noch keinen Augenblick!“

26. Sagte Raphael: „Da aber hast du dennoch deinen wertvollen Stein! Betrachte ihn nun nur genau, ob er wohl derselbe ist, von dem wir geredet haben!“

27. Hier überreichte Raphael dem Magier den Stein, und der Magier fiel beinahe in eine Ohnmacht, als er des ihm nur zu wohlbekannten Steines ansichtig ward. Er konnte sich lange nicht fassen und staunte und staunte und sah bald den Stein und bald wieder den Raphael an und konnte zu keiner ruhigen Fassung kommen.

103. Kapitel. Der Weg zur Lebensvollendung.

1. Nach einer ziemlichen Weile des tiefsten Staunens sagte der Magier: „Wundermächtigster Jüngling! Wenn du kein Gott bist, dann kann ich mir keinen Gott mehr denken; denn diese deine beiden Taten sind keinem geschaffenen und aus einem Weibe geborenen Menschen zu bewirken möglich. Dazu gehört eines wahren Gottes Allmachtskraft! Das ist mein Becher und der überwertvollste große Diamant, der seinesgleichen wenige haben wird. Er mußte ja doch durch die Luft hierherkommen und somit die gar sehr weite Strecke schneller denn ein Blitz durchschießen. Da hätte man aber doch bei seiner Ankunft irgendein Sausen vernehmen müssen! Aber nichts von allem dem; in der größten Schnelle und Stille war der Stein schon da! Ja, wie soll das wohl einem Menschen je denkbar möglich sein? Kurz und gut, wir haben in dir schon den uns ewig verborgen gewesenen Gott endlich einmal gefunden! Aber nun bringt uns außer deiner Allmachtskraft auch nichts mehr von dir weg!“

2. Sagte Raphael: „Oh, ihr nun meine Freunde und Brüder, haltet mich ja für nichts mehr als nur für einen durch die Gnade Gottes vollendeteren Menschen, als ihr selbst es jetzt noch seid! Was bin ich gegen Gott? Ein ohnmächtiges Nichts des Nichtsses! Alles, was ich wirke, wirke ich nur durch den Geist Gottes, der mein Innerstes dadurch erfüllt, weil dasselbe voll ist von der Liebe zu Gott und daraus auch voll des Willens Gottes. Was demnach dieser Wille Gottes in mir will, das geschieht; denn das Wort und der Wille Gottes ist das eigentlichste wahre Etwas, ist das Sein und Bestehen aller Dinge und Wesen und ist allwärts die vollbrachte Tat selbst.

3. Es ist in mir aber nur ein Fünklein des Geistes Gottes; aber dieses steht im Verbande mit dem ewig unendlichen Geiste Gottes. Und was der ewig unendliche Geist Gottes will, das will mit Ihm auch das engverbundene Fünklein in mir, dessen ich allzeit inne werde, und das nichts anderes wollen kann, als was Gott will, und so geschieht das auch im Augenblick, was in mir Gottes Geist will.

4. In euch liegt zwar auch derselbe Funke verborgen, aber noch so wie in einem Samenkorne der lebendige Keim. Solange aber das Samenkorn nicht ins Erdreich kommt, bleibt es wie tot; erst wenn im Erdreich alles Äußere und Materielle hinwegfällt und nur sein Seelisch-Substantielles sich mit dem lebendigen Keimgeiste eint, dann auch fängt solcher Geist an, tätig zu werden, und wirkt Wunder, die ihr schon zahllose Male gesehen habt.

5. Also aber muß auch der materielle Mensch durch seinen freien Seelenwillen alle materiellen Bestrebungen in sich gleichsam töten und vernichten. Er muß an nichts Weltlichem mehr mit einer gewissen Liebe hängen. Sein Streben muß sein: Gott stets mehr zu erkennen, zu lieben und den ihm geoffenbarten Willen Gottes in allem zu erfüllen, und sollte das der Seele und ihrem Leibe noch so große Opfer kosten.

6. Dadurch wird dann der göttliche Geist im Menschen tätig, erfüllt bald den ganzen Menschen, macht ihn Gott ähnlich und gibt ihm alle Kraft und Macht und das ewige, unverwüstbare Leben.

7. Darum habe ich euch aber schon ehedem gesagt, daß ein Mensch Gott als die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit auch nur durch die reine Liebe zu Ihm und durch die Wahrheit daraus finden kann, und sonst auf keine andere Weise.

8. Hänge du ein Samenkorn in die Luft und laß es noch so bescheinen vom hellsten Lichte der Sonne, und es wird vertrocknen, keinen Keim treiben und keine Frucht bringen! Und sieh, ebenso steht es mit einem Menschen, der Gott im äußeren Weltweisheitslichte sucht! Er vertrocknet und verkümmert dabei, und alle seine eitle Mühe und Arbeit war eine fruchtlose.

9. Wenn aber das noch lebensgesunde Samenkorn ins Erdreich gelegt wird, so sagt dieses Bild und Gleichnis wohl entsprechend soviel als: Der Mensch fange an, sich in allen sinnlichen Weltgelüsten zu verleugnen! Er werde voll Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe und Erbarmung gegen seine Nebenmenschen, so wird er daraus auch werden voll Liebe zu Gott! Ist der Mensch das, so ist er als ein wohl lebens- und keimfähiges Samenkorn schon im Erdreiche des wahren Lebens. Sein Geist aus Gott durchdringt ihn ganz und gar und läßt ihn aufwachsen und reif werden zum ewigen Leben aus Gott und zur Anschauung Gottes.

10. Wer das an sich bewirkt, der hat den sonst ewig verborgenen Gott gefunden und wird ihn dann auch ewig nimmerdar verlieren. Also habe ich es gemacht und bin nun das, was ich bin, und die vielen, die ihr da vor euch sehet, sind auch schon zum größten Teile das und auch mehr denn ich. So ihr danach tun werdet, da werdet auch ihr dasselbe erreichen; aber da hieße es bei euch wohl noch sehr viel Welttümliches von euch gänzlich verbannen. – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“

104. Kapitel. Die Schuld der Magier.

1. Sagte der Hauptmagier: „Ja, es hat bei mir nun ein wenig zu dämmern angefangen; aber es drängt sich bei mir immer die Frage auf, warum wir all dieses Erhabenste und Göttlich-Wahre durch eine Zulassung des einen, wahren und sicher allwissenden Gottes nicht schon lange als eine Offenbarung erhalten haben. Seit undenklichen Zeiten schmachten wir schon in unserer Nacht und großen Finsternis und haben das, was wir nun gefunden haben, doch allzeit gesucht. Wir sind ja doch auch Menschen, haben Gott unter dem bezeichnenden Namen Delailama (schafft und zerstört) auch stets angebetet und verehrt und nahmen die Lehre Zorouasto nicht an, und doch erhielten wir als Priester nie irgendeine Offenbarung, was denn auch der Grund war, daß eben wir Priester um allen Glauben gekommen sind, obschon wir das Volk fortwährend im festen Glauben erhielten. Was war denn da die eigentliche Grundursache? Lag denn schon von jeher ein gewisser geheimer Fluch auf uns, oder waren wir, doch ohne gerade zu wollen, selbst schuld daran, oder schuldete daran unser Klima?“

2. Sagte Raphael: „Weder irgendein alter Fluch und ebensowenig euer Klima, wohl aber gerade ihr selbst! Nicht etwa einmal, sondern sehr oft und vielmals sind bei euch Menschen erweckt worden, um euch zu zeigen, daß ihr euch auf bösen Wegen haltet. Was habt ihr aber mit den Menschen getan? Ihr habt sie als Ketzer gegen eure dumme Lehre verdammt, und wenn ihr ihrer habt habhaft werden können, so war kein Martertod grausam genug, durch den ihr sie zum abschreckenden Beispiel aus der Welt befördert habt. Daran schuldete euer unbegrenzter Hochmut und eure nie zu sättigende Herrschsucht.

3. Gott, der Herr der Unendlichkeit, hätte Sich euch offenbaren sollen, damit ihr dann nach eurem Wohlgefallen die Offenbarung dem Volke nach eurem Belieben so tropfenweise hättet beibringen können, also ungefähr in einer Stunde kaum so viel, als was ihr in einem Augenblick für ein volles Jahrtausend empfangen habt. Aber da war Gott der Herr wahrlich mit euch niemals einverstanden und gab euch statt Licht aus den Himmeln die Finsternis der Hölle, in der ihr euch zum allergrößten Teile noch selbst befindet. Und daran schuldete wohl niemand als nur ihr ganz allein!

4. Denn Gott ist in Seinem Urwesen Selbst die höchste und reinste Liebe. Er ist im allerhöchsten Grade herablassend, demütig, langmütig, voll Geduld, Sanftmut und Erbarmung. Er verachtet allen und gar jeden Weltprunk. Der Hochmut der Menschen ist Ihm ein Greuel, und die Herrschsucht ist ein Gemeingut der Hölle, von der ihr eurem Volke gar entsetzlich viele arge Dinge vorgepredigt habt; denn auch in der Hölle will gar ein jeder arge Geist ein Herrscher sein, denn ohne Lüge, Trug, Hochmut und Herrschsucht gibt es für die Teufel in der Hölle kein Sein und kein Leben. Und nun fraget euch selbst, ob es bei euch jemals anders war! Weil es aber also war, wie konnte da je eine göttliche Offenbarung bei euch Platz greifen?!

5. Ihr meintet freilich in eurer wohllebigen Weltblindheit, daß sich ein Gott als das allerhöchste Wesen nur den eingebildet allerhöchsten Beherrschern dieser Welt offenbaren könne; denn der Volksmensch war bei euch im Schätzwerte tief unter dem Tiere. Aber da irrtet ihr euch groß; denn Gott ist eben die Demut, die Sanftmut, die Geduld, die ewige Liebe und die Erbarmung Selbst und ist stets nur jenen zugetan, die also sind, wie Er Selbst es von Ewigkeiten her war, und Sein ewig heiliger Wahlspruch lautet: ,Laßt die Kleinen und Geringen zu Mir kommen; denn ihrer ist das Himmelreich, welches da ist das Reich der Liebe, Weisheit, der Wahrheit und des ewigen Lebens!‘

6. Und sehet, das haben euch die Kleinen aus eurem Volke noch von den brennenden Holzstößen verkündet, und ihr habt ihnen darum mit Steinen den Mund eingeschlagen, oder so sie sich noch in euren Korrektionshänden in den Kerkern befanden, so habt ihr ihnen, statt sie anzuhören, die Zunge mit glühenden Zangen aus dem Munde gerissen! Saget, was da Gott für euch noch hätte tun sollen, wenn eure unbegrenzte Herrschsucht also mit jenen verfuhr, die Gott für euch Blinde erweckt hatte! Wie viele Tausende sind darum bei euch auf das allergrausamste gemartert worden, die, wie gesagt, Gott für euch erweckt hatte, und ihr möget noch fragen, wer oder was daran schulde, daß ihr erst jetzt und hier den Verborgenen gefunden habt, – freilich bis jetzt nur zum Teile noch?!

7. Leset eure Geschichte, und ihr werdet es in aller Wahrheit bestätigt finden, was ich euch nun gesagt habe! Saget aber dann: ,O großer Gott, vergib es unserer unbegrenzten Blindheit, daß wir allzeit vor Dir höllisch gesündigt haben! Wir allein sind an unserer langen Blindheit schuld! Gib uns nun Dein Licht, daß wir Dich, o Heiligster, finden möchten!‘, so wird euch der Herr eure Sünden vergeben und euch Gnade fürs Gericht geben! – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“

105. Kapitel. Die Frage des Magiers nach dem Wege der Offenbarung.

1. Sagte der Magier: „Ja, jetzt erst verstehen wir das besser; denn wir dachten zuvor noch zu sehr nach unseren altgewohnten menschlichen Begriffen, nach denen wir die Sache also betrachteten, daß Gott als das allerhöchste etwa über allen Sternen wohnende Wesen Sich auch auf dieser Erde nur jenen Menschen offenbaren könne, die vermöge ihrer irdisch möglich höchsten Stellung Ihm gewisserart rangähnlicher wären. Wenn dann irgendein ganz geringer Mensch vorgab, von Gott Selbst eine Offenbarung empfangen zu haben, so wurde solch eine Angabe von den Priestern aus für einen allerstrafbarsten Frevel gegen die endlose Heiligkeit und Majestät Gottes erklärt und verdammt, und der gemeine Prophet mußte solchen Frevel wohl gewöhnlich mit dem Tode büßen. Das ist freilich leider wohl nur zu wahr.

2. Aber Gott wußte es ja doch wohl auch, daß es mit uns Priestern also steht! Hätte Er Sich denn nicht einmal etwa einem Oberpriester auf eine solche Art offenbaren können, daß der Oberpriester solch eine Offenbarung als von Gott kommend hätte ansehen müssen, und daß Gott in solch einer Offenbarung Seinen Willen dahin klar ausgedrückt hätte, was ein Priester und was ein laier Mensch zu tun haben solle?! Wäre so etwas je geschehen, so wäre schwerlich je ein armer, kleiner Prophet wegen einer ihm von Gott gegebenen Offenbarung zum Tode verdammt worden; denn da hätten ja alle Priester von oben herab gewußt, daß auch ein ganz gemeiner Mensch, ja sogar ein Sklave oder gar ein Weib von Gott eine Offenbarung bekommen kann, und es wären dann solche Menschen von keinem Priester je mehr verfolgt, sondern im Gegenteil nur höchst geachtet und gläubigst von jedermann angehört worden. Aber wir können uns wahrlich nicht entsinnen, daß bei uns je irgend ein Oberpriester eine solche Offenbarung und Weisung von Gott erhalten hat.

3. Weil aber eben so etwas nie geschah, so mußten wir ja bei dem verbleiben, was wir hatten, und wie dasselbe von jeher bei uns eingerichtet war. Wenn ich das nun so recht beim ruhigen Verstandeslichte betrachte, so kommt es mir vor, daß wir Priester denn doch nicht ganz und gar allein die Schuld an unserer bösen und langen Lebensfinsternis tragen, sondern auch der nahe ewige Vorenthalt einer höheren Offenbarung als völlig erkennbar von Gott ausgehend und kommend, – natürlich an die Person eines Oberpriesters, eines Königs oder an beide zugleich, was offenbar noch wirksamer gewesen wäre.

4. Es ist das freilich nur so meine Meinung, und ich bin nun sehr weit davon entfernt, diese als irgend etwas geltend aufzustellen; aber mit meiner menschlichen Vernunft diese Sache betrachtend, kommt es mir denn doch so vor, daß eine göttliche Offenbarung durch solche Menschen dem Volke gegeben, die bei ihm schon seit undenklichen Zeiten im größten Ansehen stehen, offenbar mehr wirken würde, als so sie zumeist nur solchen Menschen gegeben wird, die unter dem Volke auf den untersten Stufen stehen und auch die Mittel nicht haben, irgend eine noch so wahre und richtige Offenbarung unter die anderen Menschen und schon am allerwenigsten als geltend unter die Priester und Könige zu bringen. Nähme eine Offenbarung den Weg von oben her unter das Volk, so wäre damit doch sicher vieles und eigentlich schon gar alles gewonnen. – Was sagst du, junger, göttlich weiser und mächtiger Freund?“

106. Kapitel. Die Führung des indischen Volkes.

1. Sagte Raphael: „Daß du hier nun eine solche allerdings nicht widersinnige Meinung aufgestellt hast, kommt daher, weil ihr wohl eine Menge eitler Künste und Wissenschaften euch zu eigen gemacht habt; aber auf euren Geschichtsbüchern liegt handdick der Staub, und weil ihr solchen Staub für heilig haltet, so leset ihr eure Geschichte nicht und wisset sonach auch nicht, was alles vor euch geschehen ist.

2. Aber ich sage es dir, daß Gott der Wahrhaftige im Anfange eures Bestehens Sich über tausend Jahre hindurch immer, nur euren Ältesten und Patriarchen geoffenbart hat. Eine Zeitlang ging es ganz gut; aber als nach und nach die Ältesten und Patriarchen zu reich und angesehen wurden, fingen sie an, neben den Geboten Gottes auch ihre eigenen Satzungen als eben auch Offenbarungen Gottes einzuführen, und das Volk glaubte und richtete sich danach.

3. Aber nur zu bald fingen ihre Weltsatzungen an, die göttlichen ganz zu verdrängen, und das also, daß bei den zu herrschgierig und habsüchtig gewordenen Priestern und Patriarchen alle Ermahnungen zur Umkehr zum wahren Gott nichts fruchteten. Da erweckte Gott im Volke Seher und Propheten, daß sie alle die Großen und Mächtigen ermahneten, die ihrer Weltgelüste halber von Gott ganz abgefallen waren und das arme Volk mit ihren Weltsatzungen über alle erträglichen Maßen belästigt hatten.

4. Aber die Großen und Mächtigen ergriffen die Propheten, stäupten sie anfangs und bedrohten sie mit härteren Strafen, so sie je wieder wagen sollten, als von dem irgend wahren Gott erweckte und berufene Seher und Propheten vor ihnen oder auch vor andern Menschen aufzutreten und zu predigen.

5. Die Seher und Propheten wirkten Zeichen und weissagten, was den Großen und Mächtigen geschehen werde, so sie in ihrer Gottlosigkeit verharren würden. Aber auch das half nichts. Die Seher und Propheten wurden ergriffen, gemartert und getötet; mehrere aber ergriffen die Flucht, und der Geist Gottes führte sie zu einer Stätte, da sie niemand finden konnte. Aus ihnen entstanden dann die eigentlichen Pirmanjen, obwohl ihre unzugänglichen Täler auch schon früher von einfachen Naturmenschen bewohnt waren.

6. Und siehe, so ging es vor euch schon gar lange zu, und weil ihr Gott also ganz verlassen habt, so hat Gott auch euch verlassen, – und das ist der Grund eurer lange andauernden Nacht des Gerichtes und des Todes eurer Seelen!

7. Ihr für euch habt nun wohl das Licht des Lebens gefunden; aber in eurem Lande und Reiche wird es noch lange nicht zur Leuchte werden. Denn so ihr Priester sie nur für euch benützen werdet, wird euch eben diese Leuchte wenig nützen; wenn ihr aber die Leuchte auch an das Volk übergehen lassen wollet, so werdet ihr euch am Volke und an seinen Herrschern sehr stoßen. Man wird euch nicht hören, und werdet ihr darauf bestehen, so werdet ihr ebenso verfolgt werden, wie ihr alle Seher und Propheten verfolgt habt.“

8. Sagte der Magier: „Wir sehen die volle Wahrheit deiner Rede ein; doch wir drei für uns und unser Gefolge tragen an solch einer Verschlimmerung unserer Lehre von Gott doch wahrlich sicher die allergeringste Schuld, denn wir sahen das Übel ja schon lange ein und gingen darum in alle Welt, um die Wahrheit zu suchen und zu finden, die wir hier auf die wunderbarste Weise gefunden haben.

9. Wenn die Sache in unserem Land und Reich aber sicher so böse steht – was wir nun keinen Augenblick länger bezweifeln können –, so fragt es sich denn, was wir dann daheim machen sollen. Sollen wir das, was wir hier gefunden haben, allein für uns behalten, oder sollen wir davon doch unseren Gefährten und Genossen zur geeigneten Zeit und an geeigneter Stelle etwas mitteilen? Denn so wir nun die Wahrheit kennen und auch sicher strenge nach derselben leben und handeln wollen und werden und dabei daheim dennoch unseren bösen Unsinn werden mitmachen müssen, da werden wir ja noch ärgere Volksbetrüger sein als je zuvor, als wir die Wahrheit nicht kannten.

10. Damals dachten wir, dem Volke eine Wohltat zu erweisen, wenn wir es so grob und so dick als nur immer möglich betrogen und angelogen hatten. Aber nun ist diese Sache eine ganz andere geworden. Wir kennen und haben nun das wahre und vollrechte Lebenslicht und sollen daheim vor dem Volke dennoch die alten Lügner und Betrüger machen, – nur für uns selbst könnten wir ganz geheim auf dem lichten Lebenswege fortwandeln? Nein, nein, Freund, das wird sich durchaus nicht mehr tun! Eher ziehen wir mit unseren mitgenommenen Schätzen und Weibern, Kindern und Dienern bis ans westliche Ende der Welt, um dort ungestört nach der erkannten Wahrheit zu leben! – Was sagst du, mächtiger und weisester Freund, dazu? Gib uns doch einen guten Rat, du göttlich mächtiger und weiser Jüngling!“

11. Sagte Raphael: „Ja, ihr nun auch schon meine lieben Freunde, da wird selbst für unsereinen ein wahrhaft guter Rat teuer! Es gibt in eurem Lande und Reiche freilich wohl noch viele, die nun das haben möchten, was ihr nun hier schon wenigstens zu einem kleinen Teil gefunden habt; aber haben sie es von euch überkommen, dann werden auch sie in den indischen Landen und Reichen nicht mehr bestehen können. Denn es ist bei euch die vollkommene Hölle zu Hause, und in der Hölle läßt sich schwer der Himmel im Menschen erreichen, weil der sich zur Wahrheit bekehren wollende Mensch bei jedem Tritt und Schritt auf tausend geheim lauernde Hindernisse stößt, die sich ihm feindlichst entgegenstellen und ihn auch allseitig verfolgen.

12. Also könnet ihr zwar wohl in euer Indien zurückkehren und mit aller Vorsicht bei euren Genossen, die ihr irgend von einer besseren Seite kennet, versuchen, ob sie solche Wahrheit vertragen. Wer sie annimmt, der verweile dann ja nicht mehr lange im Lande der Nacht und des Gerichtes der Hölle, sonst wird er von ihr gleich wieder verschlungen! Aber so ihr eurer eigenen Lebensvollendung wegen nicht mehr in euer Land ziehen wollet, da werdet ihr morgen und übermorgen leicht eine Menge Auswege finden, wo ihr euch hinzubegeben und niederzulassen haben werdet. Das ist nun mein Rat, so oder so, und ihr könnet dann tun, was euch besser dünkt.“

13. Sagte der Magier: „Da wird die Wahl uns nicht schwer werden! Wenn es unseren Genossen ums wahre Licht des Lebens so ernst wie uns zu tun ist und sie auch die Ahnung haben, daß solches Licht im fernen Westen irgend anzutreffen ist, so werden sie dasselbe schon aufsuchen gehen; liegt ihnen aber weniger Ernst als uns an solchem Lichte, so sollen sie bleiben in ihrer Nacht und in ihrem Tode! Aber eins werden wir zu ihrem Heile dennoch tun: Wir haben viele Diener bei uns; von denen können wir etliche nach Hause entsenden. Ihnen werden wir geheime Briefe mitgeben in einer Schrift, die außer den Priestern niemand versteht. Werden sich unsere Genossen daran kehren, so sollen sie uns folgen und auch zum Lichte kommen; werden sie sich aber nicht daran kehren, so sollen sie bleiben in ihrer Nacht! – Habe ich recht geurteilt oder nicht?“

14. Sagte Raphael: „Diesmal hast du recht geurteilt! – Aber ihr habt daheim ja noch gar große irdische Schätze. Was soll mit ihnen geschehen?“

15. Sagte der Magier: „Göttlicher Freund! Die Hauptschätze haben wir bei uns, – den größten Schatz haben wir hier gefunden, der uns lieber ist als alle Länder, Reiche und Schätze der ganzen Erde! Was aber noch daheim ist, das sollen die von uns nach Indien etwa zurückentsandten Diener nehmen und unter sich verteilen nach unserem Willen, damit unter ihnen kein Streit und Zank entsteht; dann aber können sie uns wieder nachkommen. Hier werden sie erfahren, wohin wir uns begeben haben. Und ich meine, daß es also ganz recht sein wird!“

16. Sagte Raphael: „Allerdings, das ist ganz gut! Tuet das, und ihr werdet gesegnet werden! Nun aber denket über das von mir Vernommene nach und bereitet euch für Größeres vor in eurem Herzen. Ich und dieser mein Freund aber werden nun gehen und für ein gutes Abendmahl sorgen.“

17. Hierauf gingen Raphael und Lazarus ins Haus und ordneten alles an, da es schon ziemlich dunkel geworden war.

107. Kapitel. Die Offenbarung in Indien.

1. Hier sagte Agrikola zu Mir: „Aber Herr und Meister, ich habe mir unter Indien ein Land und Reich der Wunder und der größten Bildung nach altägyptischer Art vorgestellt und ein Land, in dem es vor lauter Künsten und Aufklärungen wimmeln muß. Und nun siehe, da ist gerade das schroffst Entgegengesetzte von dem, was ich mir von dem großen Indien ehedem gedacht habe! O Herr, wann wird wohl dieses Volk zum Lichte des Lebens kommen?“

2. Sagte Ich: „Es wird auch für jenes Volk gesorgt werden; aber es ist nun noch lange nicht reif dazu. Das gemeine Volk aber ist sehr gehorsam und auch sehr geduldig und in seiner Art fromm und hat den festesten Glauben. Wenn man ihm nun diesen nehmen würde, so würde man es töten, und das wäre übel für des Volkes Seelen. Es ist darum nun noch geratener, Indien vor der rechten Zeit nicht zu sehr aufzuhellen, wohl aber soll es von Zeit zu Zeit mit Tropfen gespeist werden und ist auch schon gespeist worden, weshalb es unter sich auch ganz besondere Weise und Seher hat, wie sie die eigentlichen Juden nun wohl nicht mehr haben. Und diese Weisen und Seher verbreiten schon auch ein ganz gutes Dämmerlicht unter so manchen Menschen. Ohne solch ein Dämmerlicht hätten diese drei den weiten Weg hierher nicht gefunden.

3. Als Ich in diese Welt geboren ward zu Bethlehem in einem Schafstalle, da kamen eben auch drei Weise aus demselben Morgenlande und brachten Mir den ersten Gruß und opferten Mir Gold, Weihrauch und Myrrhen und zogen dann wieder in ihr Land zurück; und vor einiger Zeit kamen sie abermals, und dieser Wirt und Nachbar des Lazarus hat sie gesehen und bewirtet. Also gibt es dort schon auch Weise, aber wenige nur!

4. Zudem sind nun die indischen Priester gegen so mehr verborgene Weise und Seher nicht mehr so strenge, wie sie noch vor hundert und noch mehr vor drei-, vier- bis fünfhundert Jahren waren; denn mehrere große Seuchen, von den Sehern vorausgesagt, durch die die Indier und namentlich die Großen und Machttragenden zu zwei Dritteln dahingerafft wurden, und große Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen haben die Priester samt den Königen etwas sanfter und duldsamer gemacht, obschon sie im allgemeinen noch dieselben alten Grundsätze der Unduldsamkeit und Bußgrausamkeit innehalten. Und so hat es für dies sinnliche Volk schon auch seine Zeit noch lange hin, bis es für ein höheres Licht völlig reif sein wird.

5. Raphael hat die drei Magier ganz nach Meinem Willen behandelt und hat sie sonach auch bald gewonnen, und das war gut; doch vor dem morgigen Tage dürfet ihr Mich bei ihnen nicht völlig ruchbar machen. – Jetzt aber kommen Lazarus und Raphael auch schon zurück und werden uns sogleich zum Nachtmahle laden. Nach dem Nachtmahl aber werden wir wieder hierher gehen und da die Schöpfung betrachten.“

6. Als Ich solches geredet hatte, war Lazarus auch schon bei Mir und bat uns zum Abendmahle, und Raphael nahm die drei Magier mit sich. Und als wir uns im Hause in der alten Ordnung an den Tischen befanden, da erstaunten die Magier über die ganz herrlichste Einrichtung des großen Speisesaales, noch mehr aber über den für sie eigens hergerichteten Tisch, der von echt indisch reichster Pracht strotzte, und auf dem sich die kostbarsten indischen Abendspeisen befanden.

7. Der Hauptmagier erhob sich und sagte zu Lazarus: „Aber edelster Freund, warum solch eine Verschwendung für uns drei? Für das Geld könnten tausend Arme ja viele Jahre hindurch auf das beste versorgt werden! Habt ihr denn keine Armen in eurem Lande und keine in dieser Stadt?“

8. Sagte Lazarus: „O ja, wir haben deren genug, und ich selbst versorge deren viele! Sieh, an jenem langen Tische dort an der breiten Wand dieses Saales sitzen gleich etliche siebzig, und auf den vielen andern auch meinen Besitzungen finden Tausende ihre Unterkunft und geziemende Beschäftigung und Versorgung! Und so neue Arme zu mir kommen, da finden sie offene Türen in allen meinen Häusern. Habet darum keine Sorge wegen der kleinen Ehre, die ich euch als Fremden damit antue, daß ich euch in eurer heimatlichen Weise bewirte! Esset und trinket nun nach eurer Herzenslust!“

9. Die drei taten das nun auch und wunderten sich höchlichst über den außerordentlichen Wohlgeschmack der Speise und des Weines und versicherten in einem fort, daß sie so etwas Köstliches noch nie in ihrem Munde hatten.

108. Kapitel. Das Sehnen der Magier nach dem wahren Gott.

1. Wir aber aßen und tranken auch ganz wohlgemut; nur ward diesmal während des Essens sehr wenig geredet. Nur die Römer besprachen sich über manches in der lateinischen Zunge; sonst ging es an allen Tischen ganz still zu.

2. Als wir aber mit dem Essen schon zu Ende waren, da erhob sich der Magier wieder und sagte zu Lazarus: „Freund, wir drei haben nun gar selten köstlich gegessen und getrunken, und das muß nun denn auch bezahlt werden! Sage an die Summe, und ich werde sie dir ohne Rückhalt ausbezahlen!“

3. Sagte Lazarus: „Habt ihr denn kein Salz zum Brote erhalten?“

4. Sagte der Magier: „O ja, da in einem goldenen Gefäße steht noch das übriggebliebene!“

5. Sagte Lazarus: „Nun gut, dann ist auch schon alles bezahlt; denn es ist das schon so Sitte bei uns, daß derjenige fremde Gast, dem wir eigens Salz vorsetzen, ein Zahlungsfreier ist. Lobet darum den einen, wahren Gott; denn Der ist mein Bezahler für alles in Ewigkeit!“

6. Sagte der Magier: „Ja, Freund, da hast du wohl recht! Wenn nur wir Ihn auch schon also gefunden hätten, wie Ihn wahrscheinlich ihr alle schon gefunden habt, so wollten wir Ihn noch lebendiger loben, als wir das nun imstande sind! Doch wir sind auch schon mit dem über Hals und Kopf vollauf zufrieden, daß wir hier nur die volle Gewißheit erlangt haben, daß es einen solchen allein ewig wahren Gott gibt; denn ohne einen solchen Gott wäre es dem jungen, holdesten Menschen ja nie möglich gewesen, vor unseren Augen ein paar Zeichen zu wirken, die nur einem Gott möglich sein können, und eine Sprache zu reden, wie wir sie selbst aus des größten Weisen Munde noch nie vernommen haben.

7. Ja, dieser mehr euch denn uns wohlbekannte und überfreundliche Gott sei aus allen unseren Lebenskräften überhoch gelobt und gepriesen; denn Er hat uns sicher mit Seinem heiligen Willen den Weg hierher gezeigt und Sich uns blinden Forschern durch euch näher und lichtvoller geoffenbart als sonst je während unseres jahrelangen Forschens nach Seinem irgend möglichen Dasein.

8. Ja sieh, Freund, dein Haus hier ist auch in allem ein so wohlbestelltes, daß man daraus schließen muß – so man um dich auch nicht wüßte, daß du irgend da sein mußt als ein sehr vermögender und sehr weiser Hausvater! Aber so man deine Leute nach dir fragte und sie einem selbst bei ihrem besten Willen nirgends eine Auskunft über dein Dasein zu geben vermöchten, so wäre das sicher etwas sehr Unbehagliches und das Gemüt Betrübendes. Denn so das Haus sichtlich von einem höchst weisen Hausvater zweifelsohne in Besitz genommen und in einer Weise bestellt ist, daß darob jeder heller denkende Mensch ins größte Staunen und Bewundern versetzt wird, da ist es dann ja auch ganz klar und verzeihlich, daß man sich bestrebt, so einen weisen Hausvater näher kennenzulernen. Aber es wird für den Bestreber auch um so drückender, wenn er nach langem Suchen und Forschen nichts als die untrüglichsten und lautsprechenden Spuren vom Dasein eines solchen höchst weisen Hausvaters, nur ihn selbst nicht und nimmer findet.

9. Mit der Zeit kommt man zu dem Gefühle eines seinen Vater über alles liebenden Sohnes, dessen Vater aber einmal zu seinen vielen Gütern verreist ist und lange nicht zurückkehrt. Dem Sohne wird von Tag zu Tag banger. Er sucht sich mit der ihn umgebenden Weltgesellschaft, so gut es nur immer geht, seinen Kummer zu vertreiben; aber es kommt darauf eine bittere Nacht um die andere und ein Tag um den andern, und dennoch kehrt der Vater weder in einer Nacht, noch an einem noch so schönen Tage wieder zum Sohne heim. Da wird es aber endlich dem Sohne unerträglich bange, daß er sich aufmacht und den von ihm so heißgeliebten Vater suchen geht. Er kommt auf alle Güter des Vaters und findet unverkennbare Spuren, aus denen er offenbar erkennt, daß sein Vater dasein mußte. Kurz, er findet alles, alles, – nur den Vater findet er nimmer! Er steigt in die Tiefen der Erde und klimmt hinauf auf der Berge höchste Spitzen und rufet laut: ,O lieber Vater, wo bist du? Warum, warum darf dich dein Sohn nimmer finden? Hat er gegen dein selten vernommenes Gebot gesündigt, so vergib ihm, dem Armen, dem Schwachen, dem Blinden, und laß vernehmen deine heilige Vaterstimme!‘

10. Und sehet, so sucht der Sohn den Vater, und so ruft er ihn. Alles findet er, und er hört das Rauschen des Windes durch die Wälder, hört brausen und toben den Sturm über Fluren und Meere, ja, er vernimmt die tausendstimmige Harmonie der munteren Sänger der Luft und sieht Blitze zucken aus den Wolken; aber nur das Angesicht des Vaters taucht nirgends auf, und seine Stimme bringt kein Echo wieder.

11. Und sehet, so geht es uns Söhnen des großen Indien schon gar lange, und niemand von uns weiß es mehr, wer unser Buch der Bücher Ja sam skrit den Menschen gegeben hat! Aber das eine des Buches bleibt stets wahr, daß nämlich der eine große Hausvater allen Menschen unseres Reiches stets gleich verborgen bleibt und auch bleiben wird; denn so Ihn die Sucher nicht zu finden vermögen, wie werden ihn dann erst jene finden, die Ihn nicht suchen!

12. Wir aber sind hier so glücklich gewesen, Seiner Daseinsspur am nächsten gekommen zu sein und sind schon darum überglücklich; wie glücklich aber wären wir erst, so wir Ihn finden, sehen und in aller Liebe und Demut Selbst sprechen könnten! Doch sollten wir solcher Gnade nicht würdig sein – was wir nun selbst wohl einsehen und begreifen –, so bitten wir euch, ihr lieben Freunde alle, daß ihr unser nicht vergessen wollet, so ihr vor Seinem heiligen Angesichte euch befindet!

13. Und hiermit sei noch einmal für diesen Abend Ihm und auch euch, Seinen Freunden, unser Lob und Preis aus dem tiefsten Lebensgrunde unseres Herzens dargebracht!

109. Kapitel. Alles zu seiner Zeit! Jesus und die leibliche Ordnung.

1. Diese Rede hatte nun wieder alle Anwesenden im hohen Grade erbaut, und es sagte geheim Petrus zu Mir: „Herr, sieh doch, wie diese nach Dir seufzen! Warum zeigst Du Dich ihnen noch immer nicht?“

2. Sagte Ich: „Das weiß schon Ich, und du hast dich darum nicht zu kümmern! Ihr seid alle den unerfahrenen Kindern noch sehr ähnlich, die nach der Frucht eines Baumes schon lange eher eine große Eßgier haben, als sie noch gehörig reif geworden ist. Weißt du denn noch nicht, daß auf dieser Erde alles seine Zeit hat und haben muß?! Ich fühle in Mir Selbst ein großes Bedürfnis, Mich diesen dreien völlig bekannt zu geben; aber die Liebe in Mir und die ewige Weisheit aus ihr sagen es: Nicht vor der gerechten Zeit! Denn nur um einen Augenblick früher, und es wäre so manches verdorben, was dann erst durch eine lang andauernde Willensfreiheitsprobe wieder gutgemacht werden könnte. Es ist genug, daß die Schwachheit der geschaffenen Menschen oft sündigt; wie käme es aber dann, wenn auch der ewige Meister der schöpferischen, unwandelbaren Ordnung wider Sich aus der Ordnung träte?!

3. Glaube es Mir, daß Ich hier sicher mehr fühle und empfinde denn du und alle, die hier sind; aber Ich kenne auch Meine ewige Ordnung, wider die wohl in gewisser Hinsicht ein jeder Mensch und Engel sündigen kann, doch Ich ewig nimmer, weil ein Heraustreten aus Meiner ewigen Ordnung zugleich ein Aufhören aller Kreatur zur Folge haben müßte. Denn wo eines Tempels oder Hauses Grundstein fiele, da er morsch und faul geworden ist, was wäre dann da die Folge für den Tempel und fürs ganze Haus?!

4. Ich lobe in dir deinen Glauben und auch dein Herz, – doch dein Schmerz geht Mich vor der rechten Zeit gar nichts an! Denke und fühle mit Mir, so wirst du leichten Schrittes wandeln!“

5. Als Petrus das von Mir vernommen hatte, da sagte er kein Wort mehr und behielt diese Worte tief in seinem Herzen.

6. Es hatte aber der Magier dennoch bemerkt, daß Ich dem Petrus dieses gesagt hatte, wandte sich gleich an Raphael und sagte: „Holdester Wunderfreund! Ich habe nun einen Mann von ehrfurchtgebietender Gestalt bemerkt, der mit einem alten Manne ganz absonderlich bedeutungsvolle Worte geredet hat. Das muß ein großer Weiser sein! Möchtest du mir denn nicht sagen, wer dieser Mann ist? Denn ich muß es dir offen gestehen, daß mich und auch meine beiden Gefährten ein gewisses heimliches und unerklärliches Etwas gar gewaltig zu ihm hin zu ziehen beginnt. Mit dem Manne möchte ich wohl um jeden Preis der Welt näher bekannt werden! Wenn du mir das verschaffen könntest, würde ich dir gerne ein großes Opfer bringen!“

7. Sagte Raphael: „Mein Freund, nur Geduld; denn es läßt sich da nicht alles gar so plötzlich veranstalten, wie ich dir deinen großen Diamanten aus dem tiefen Indien hierhergeschafft habe! Denn wo eines Menschen freiester Wille zu walten hat, da darf ihm von einem Allmachtszwange nichts in den Weg treten. Darum gedulde dich nur! Wir werden nun gleich wieder ins Freie gehen, und da wirst du noch ganz hinreichend Gelegenheit bekommen, diesen dir gar auffälligen Mann noch näher kennenzulernen. Doch nun warte alles mit Geduld ab!“

8. Damit gab sich der Magier zufrieden, und wir gingen wieder hinaus ins Freie und nahmen auf der Höhe unsere alten Plätze ein. Die Magier aber wurden unter uns untergebracht.

110. Kapitel. Der heftige Nordwind und sein Zweck. Das tote Meer.

1. Als wir uns wieder völlig in der früheren Ordnung befanden, da fing von Norden her ein ganz bedeutend kühler Wind zu wehen an, und Lazarus sagte zu Mir mit leiser Stimme: „Herr, wenn der Wind noch ärger wird, als er schon ist, so werden wir uns bald wieder ins Haus begeben müssen!“

2. Sagte Ich: „Freund, so Ich's nicht wollte, da ginge dieser Wind nicht; weil Ich aber das will, so geht auch eben der Wind nun, den Ich in Mir berief. Und er ist auch gut, weil Ich ihn nun will; denn alles, was der Vater in Mir will, ist gut. Daher hat den nun etwas kühlen Wind auch niemand zu scheuen und es hat niemand zu befürchten, daß er krank würde. Übrigens wirst du bald verspüren und auch einsehen, warum Ich diesen Wind nun gehen lasse.“

3. Als Ich solches dem Lazarus mitgeteilt hatte, da fing der Wind noch heftiger an zu gehen, und die Indier wandten sich an Raphael und sagten: „Höre, du holder und sehr mächtiger und weiser Jüngling, daß ein Mensch nach deiner uns kundgemachten Lehre – nämlich durch die Einung mit dem reinen Lebensgeiste aus Gott – durch die Gewalt und Macht des Willens, so er ihn mit dem göttlichen Willen vereint, wahrlich Wundergroßes bewirken kann, das haben wir alle sehr wohl begreiflich und einleuchtend gefunden; aber es tauchen dann und wann dennoch wieder Erscheinungen in der großen Weltnatur auf, gegen die selbst der vollkommenste Mensch mit aller Macht seines Willens vergebens kämpfen dürfte! Da an diesem höchst lästigen Winde hätten wir gleich solch ein Beispiel! Uns kommt es vor, daß die Elemente am meisten stumm sind und unser noch so kräftiges Wollen am allerwenigsten berücksichtigen.“

4. Sagte Raphael: „Da irret ihr euch gar sehr und groß! Wenn selbst der härteste Stein sich im Augenblick der Macht des mit Gott vereinten innersten Willens fügen muß, um wieviel mehr die Luft, die in und aus lauter seelischen Spezifikalpotenzen besteht und somit mit dem inneren Geiste sicher in einer näheren Verwandtschaft steht als ein gröbst materieller Stein.

5. Ich sage euch aber, daß nun dieser euch etwas lästig vorkommende Wind eben darum also ziemlich heftig weht, weil wir ihn haben wollen; warum wir ihn aber nun haben wollen, das wird euch schon die Folge zeigen. Richtet nur eure Blicke nach der Richtung hin, die der Wind hat, und ihr werdet hernach schon bald einzusehen beginnen, wozu nun der Wind mit einer stets zunehmenden Heftigkeit wehen muß!“

6. Hierauf richteten nicht nur die drei Magier, sondern alle Anwesenden ihre Augen nach dem Zuge des Windes. Was bemerkten sie aber bald in der Gegend des Toten Meeres, das eben nicht zu weit von Jerusalem entfernt liegt? Es stiegen ordentliche Wolkenmassen des dicksten Rauches auf und bedeckten den südlichen Horizont, und von Zeit zu Zeit wurden Flammensäulen ersichtlich, die aber allzeit bald wieder erloschen.

7. Als der Hauptmagier mit seinen Gefährten das bemerkte, sagte er zu Raphael: „Was ist und was geschieht denn dort? Ist das ein Ort, etwa eine Stadt, die in Brand geraten ist?“

8. Sagte Raphael: „O nein, meine lieben Freunde, es befindet sich dort ein bedeutend großer See, der hier von den Juden darum das ,Tote Meer‘ genannt wird, weil in ihm und auch über ihm noch so hoch in unserer atmosphärischen Luft kein Tier eine Zeit von nur einer Stunde das Leibesleben erhalten kann.

9. Alle Fische und anderen Wassertiere werden in jenes Sees Wasser tot, also auch die Vögel in der über dem See stehenden Luft, daher sie auch nur höchst selten über jenen See fliegend gesehen werden. Ja sogar Pflanzen und Gewächse was immer für einer Art kommen weder auf seinem Grunde noch irgendwo an den Ufern auf eine längere Zeitdauer fort; denn dieses Sees Unterlage ist ein weitgedehntes und tief ins Innere der Erde gehendes Schwefel- und Erdpechlager, das sich zu gewissen Zeiten entzündet und stellenweise – natürlich unter dem Wasser – mit großer Gewalt den unterseeischen Boden zerreißt, wobei dann das Feuer mächtig durch- und über das Wasser hervorbricht, aber bald wieder erlöschen muß, weil das Wasser in die aufgerissene Spalte dringt und das Fortbrennen des Schwefels und des Erdpeches hindert. Aber wenn auch ein Riß durchs Wasser und durch sein eigenes Sich-wieder-Schließen gedämpft ist, so entstehen dafür an einem anderen Punkte neue Ausbrüche, die natürlich auf die gleiche Art bald wieder gedämpft werden.

10. Wenn das Feuer unter dem sehr bedeutend großen See einmal in Tätigkeit kommt, so dauert diese in ihrer größten Heftigkeit doch stets einige Stunden lang; aber die Nachwirkung, die gewöhnlich in einer stets noch Rauch und Dampf entwickelnden Aufwallung des Sees an verschiedenen Stellen besteht, dauert mit steter Abnahme oft noch mehrere Tage fort, und es ist da dem Menschen nicht zu raten, sich in solcher Zeit und am allerwenigsten gegen den Wind dem See zu nahen, weil die gar böse Luft, die sich bei solchen Gelegenheiten über dem See entwickelt, das Naturleben des Menschen und auch jedes Tieres ersticken würde.

11. Und sehet, da der Ausbruch nun ein sehr heftiger ist und der starke, giftige Qualm mittels der Südluft nur zu bald zu uns herkäme und ein gar großes Unheil anrichten würde, so hat der allmächtige Wille des einen, wahren Gottes den kalten und lebensstoffreichen Wind aus dem Norden kommen lassen, der fürs erste mit dem Maße heftiger wird, als das unterseeische Feuer an sichtlicher Ausdehnung zunimmt, und der fürs zweite aber den Qualm und Dampf weit hinaus in die Wüsten Arabiens treibt, wo er wohl niemandem einen großen Schaden zufügen kann, weil dort, besonders in der größeren Nähe des Sees, wohl nicht leichtlich irgend ein lebendes Wesen wohnt.

12. Wenn ihr nun über das Gesagte nur ein wenig tiefer nachdenken wollet, so werdet ihr den Grund schon einsehen, warum nun der kühle Nordwind zu wehen angefangen hat, und daß ihm das, also zu kommen, nicht wie zufällig von selbst eingefallen ist, sondern daß ihm das ein gar weiser und sehr mächtiger Wille befohlen hat. Wenn aber also, da ist es dann ja auch klar, daß der mit Gott vereinte Wille eines lebensvollendeten Menschen auch über alle Elemente gebieten kann und sie sich ihm fügen müssen.

13. Also kannst du auch einen Blick auf die Weisheit und auf den Willen Gottes also hinlenken, wenn ich dir zeige, daß der böse See wohl Zuflüsse von mehreren Seiten, aber auf der Oberfläche der Erde keinen Abfluß hat. Ja, warum denn das also? Weil dieser, wie noch mehrere solcher Seen auf der Erde, erstens sein Wasser zur Dämpfung des unter ihm befindlichen Feuers vonnöten hat, und zweitens, weil ein oberirdischer Abfluß des wahren Giftwassers ein Land auf weithin unfruchtbar und unwohnlich machen würde; und so sorgt des wahren Gottes Liebe, Weisheit und Wille auch da, wo es der blinde Mensch nicht merkt und nicht merken kann.

14. Aber wer die Geschöpfe und die sonstige Einrichtung der Welt mit den Augen des Geistes betrachtet, der wird überall den Willen Gottes waltend entdecken und sogestaltig leicht den großen und heiligen Vater und Ordner der Welten, der Menschen und der Geister finden und die Macht des allmächtigen Willens Gottes in sich selbst erproben können, und er wird dann nicht mehr zu fragen die Ursache haben, ob der mit dem Willen Gottes vereinte Wille eines Menschen wohl auch über die Elemente gebieten könne. – Hast du das nun wohl alles verstanden?“

111. Kapitel. Die Zweifel des indischen Magiers.

1. Sagte der Hauptmagier: „Ja, verstanden habe ich das wohl, wie auch meine beiden Gefährten; aber es gäbe darüber hinaus noch so manches zu fragen, damit im Menschen der Begriff über die höchste Weisheit des einen, wahren Gottes ein makelloser würde. Denn es gibt in der großen Natur nebst den vielen gar überaus weise eingerichteten Dingen doch solche, die in sich wohl sehr wunderbar weise ausgestattet sind, sich aber zu den anderen Dingen in gar keinem begreifbar- weise zwecklichen Verhältnisse befinden.

2. Und sieh, du holder junger Freund, durch derlei Betrachtungen werden zumeist gerade jene Menschen, die sich am meisten mit der Aufsuchung eines weisesten und mächtigsten Gottes beschäftigen, ganz irregeleitet und werden, anstatt vollends gottkundig, gerade das Gegenteil, weil sie wohl eine Kraft und Macht finden, die alles sonderheitlich wohl gar wunderkunstvoll dargestellt und eingerichtet hat, sich aber gewisserart selbst keine Rechnung darüber zu machen imstande ist, warum sie das eine und das andere so und so dargestellt hat, und wie etwa das eine des andern wegen da sei!

3. Ich sehe ein, daß das von mir aus sicher eine sehr lose Frage ist; aber wer in sich nie auf gewisse Zweifel kommt, der zeigt dadurch doch offenbar an, daß ihm wenig oder auch wohl gar nichts daran liegt, ob es einen Gott gibt, und wie ein solcher beschaffen ist, und ob des Menschen Seele nach dem Tode des Leibes als ein ihrer selbst als Individuum klar bewußtes Wesen lebend fortbesteht und wie und wo.

4. Weil ich aber schon ein alter Sucher bin, so bin ich auch ein alter Zweifler und als solcher voller Fragen. Und so habe ich deine frühere Beschreibung über euren bösen See, sein unterirdisches Pech- und Schwefellager, dessen zeitweilige Entzündung und dann das Ankommen des nun noch heftig wehenden kalten Nordwindes als mit der Macht und Weisheit eines wahren und guten Gottes sehr in der Ordnung gefunden, wie auch alles sehr zweckmäßig mit dem bösen See eingerichtet ist, daß seine Ausdünstung den lebenden Geschöpfen nicht nachteilig werde. Das alles wäre in und für sich schon ganz in der besten Ordnung; aber nun kommt eben über den bösen See eine ganz andere Frage, die wir selbst uns nimmerdar beantworten können:

5. Warum hat denn der so weise und gute Gott einen so bösen See erschaffen? Wir kennen viele und große Reiche und Länder, die ohne einen solchen See bestehen. Warum muß gerade hier einer sein? Wozu dient sein großes unterirdisches Pech- und Schwefellager und wozu seine giftige Ausdünstung, in der weder Menschen und Tiere, noch Pflanzen und Bäume bestehen können? Sind solche bösen Seen auf der Erde am Ende doch noch zu etwas gut, und steckt hinter ihnen irgendein weiser Zweck, oder sind sie nur so zufällig entstanden und Gott hat wegen ihres Daseins solche Vorkehrungen getroffen, daß sie den nachbarlichen edleren Geschöpfen nicht zu schädlich werden?

6. Konnte denn ein höchst weiser und guter Gott irgendeinen guten Zweck nicht anders als nur durch ein böses Mittel erreichen? Siehe, du mein junger, gottvoll weiser und mächtiger Freund, wenn man darüber stets mehr und mehr zu denken und zu grübeln anfängt, so kommt man am Ende oft zu ganz sonderbaren Schlüssen!

7. Einmal kann man sagen: Ein guter Gott kann nichts Böses erschaffen; denn im Honig gibt es keine Bitterkeit. Es muß demnach auch einen bösen Gegengott geben, der im beständigen Kampfe mit dem guten Gott ist, aber ihn nie besiegen kann, so wie auch der gute Gott den bösen nicht. Der gute Gott erschafft gleichfort Gutes, der böse aber zerstört stets die Werke des guten Gottes.

8. Nimmt man das aber an, so ist es traurig, ein Geschöpf, besonders traurig, ein seiner selbst bewußter Mensch zu sein, weil er seine sichere Zerstörung stets vor Augen hat. Denn wie soll mich ein Leben und Dasein freuen, das ich in kurzer Zeit für ewig zu verlieren die Aussicht habe, und das noch dazu unter dem Kampfe großer Schmerzen und verzweiflungsvoller Ängste!

9. Man verwirft am Ende auch diese Annahme und sagt: Es gibt entweder gar keinen Gott, oder es gibt deren so viele, als es Geschöpfe gibt, und ein jeder Gott erschafft seine Kreatur und kümmert sich um nichts Weiteres; oder es gibt gar keinen Gott, sondern eine Naturkraft, die, ohne zu wissen, daß sie ist, dennoch fort und fort wirkt, weil sie durch die aus sich selbst sich blind und zufällig entfaltet habenden Umstände so oder so zu wirken genötigt wird, gleichwie auch der Wind ganz blind und ohne allen Willen und ohne alle Intelligenz dahinweht und seine Richtung ändert, wenn er an irgendeine Felsenwand gestoßen ist, die ihn dann eine andere Richtung zu nehmen zwingt. So eine Erscheinung sieht man auch bei Bächen und Strömen; sie müssen ihre Richtung so oft verändern, wie sie in ihrer Blindheit auf Gegenstände stoßen, die sie nötigen, ohne zu wollen, eine andere Richtung zu nehmen.

10. Da fällt ein Samenkorn in ein gutes Erdreich und bringt eine reichliche Frucht, während ein gleich gesunder Same in ein mageres Erdreich fällt, darin verkümmert und gar keine Frucht zum Vorschein bringt. Weder der Same noch der Boden sind sich ihrer Kraft und Fähigkeit bewußt; aber irgendein Umstand, der auch wieder durch andere zufällige Umstände bewirkt ward, hat den einen Boden fett und den andern mager gemacht, und dieser Umstand bewirkt, daß ein Same entweder gut oder schlecht gedeiht.

11. Man kann da dann forschen und denken, wie man will, und sich Erfahrungen auf dem ganzen Erdkreise sammeln, und man kommt nirgends auf irgendeine bestimmte, ganz wohlberechnete Ordnung, sondern auf lauter Zufälligkeiten, wo dann eine die andere bedingt.

12. Nun, bei solchen Forschungen geht die Gottheit beim Menschen verloren und kann dann nicht so leicht mehr wieder gefunden werden. Du hattest schon ganz recht, zu sagen, daß der Mensch durchs genaue Erforschen der mannigfachen Erscheinungen in der großen Natur einen allein wahren, weisesten und allmächtigen Gott finden kann, – es wird auch schon also sein; aber wenn man als ein genauer Forscher endlich auf Dinge stößt, die mit keiner wohlberechneten Ordnung etwas zu tun zu haben scheinen und sonach das Dasein eines allein wahren, weisen, guten und mächtigen Gottes verdächtigen, wie das Pech- und Schwefellager unter dem bösen See, – was dann? Dann, Freund, kann sich der Mensch nicht mehr selbst helfen, sondern da muß ihm Gott helfen, wenn Er irgend einer ist; hilft Er ihm aber nicht, so ist Er entweder in der Wirklichkeit gar nicht, oder Er kümmert sich um die Menschen nicht, oder Er ist nicht fähig, ohne gewisse Vorbedingungen dem Menschen zu helfen, wie man das alltäglich aus nur zu vielen Erfahrungen ersehen kann.

13. Wolle du mir darum nun den Grund jenes bösen Sees erklären, und wir werden dann ganz leicht noch weiter über diesen gar sehr wichtigen Punkt miteinander reden!“

112. Kapitel. Die verschiedene Gestaltung alles Geschaffenen.

1. Sagte Raphael: „Weißt du, mein Freund, über den Punkt werden wir eben nicht gar zu leicht miteinander reden; denn da bist du noch zu weit zurück und noch zu sehr von deiner altindischen Weltweisheit erfüllt. Ich müßte dir nun nur die ganze innere organische Lebenseinrichtung zeigen und dir den ganzen Organismus der Welt nebst seiner Zwecklichkeit vollauf enthüllen, und das geht denn doch nicht so schnell, wie du es dir in deiner indischen Phantasie vorstellst; denn dazu gehört wahrlich mehr als eure indische Vorschule. Aber ich will dir dennoch einige Winke geben, aus denen du schon so gewisse Vermutungen ziehen wirst, und so wolle denn nun du mir ein aufmerksames Herz schenken!

2. Höre! Du bist ein Mensch. Dein Leib besteht aus nahezu zahllos vielen dir gänzlich unbekannten Organen. Ohne solch eine organische Einrichtung deines Leibes wäre in ihm das Leben deiner Seele ganz und gar nie denkbar möglich. Und doch hängen des Leibes wichtigste Organe eben durchaus nicht sehr ordnungsmäßig in deinem Leibe! Sieh nur einmal deine Adern an! Wie unregelmäßig scheinen sie deine Arme zu durchkreuzen! Und dennoch ist in ihnen die höchste zweckliche Ordnung. Betrachte die Stellung deiner Haare! Siehe, sie stehen ganz ordnungslos auf deinem Kopfe wie auf deinem ganzen Leibe, und dennoch ist von Gott aus ein jedes gezählt und steht auf seinem rechten Platze! Und bei anderen Menschen stehen sie wieder anders als bei dir und stehen auch auf dem rechten Platze, weil es dem Herrn in Seiner Weisheit wohlgefallen hat, beinahe einem jeden Menschen eine andere Gestalt und auch eine andere Gemütsbeschaffenheit zu geben, auf daß sie sich untereinander leichter erkennen und sich dann als Menschen lieben.

3. Also hat der Herr sogar den Haustieren eine etwas veränderte Gestaltung gegeben, damit die Menschen ihre Haustiere leichter erkennen sollen, während die wilden Waldtiere sich alle so ähnlich sehen wie nur immer möglich, weil diese sich kein Mensch zu seinem Nutzen irgend zu merken braucht. Siehe auch an das Hausgeflügel und die wilden Vögel der Luft, und du wirst bei ihnen dasselbe Verhältnis finden!

4. Nehmen wir aber an, daß sich auf der Erde alle Gegenden so sehr ähnlich sähen wie ein Auge dem andern und ein jedes Haus also aussehen müßte wie irgendein anderes und auch nicht größer oder kleiner sein dürfte, da möchte ich von dir erfahren, wie du da aus weiter Ferne deine Heimat noch irgendwann einmal finden möchtest!

5. Siehe du ferner die Obstbäume an, die zu einem Hause gehören, und daneben auch die, welche zu einem andern Hause gehören, und du wirst in ihrer Gestaltung eine große Mannigfaltigkeit entdecken, obschon sie von einer und derselben Gattung sind! Und das ist von Gott auch darum zugelassen, damit ein jeder Besitzer seine Bäume gleich alten, guten Freunden schon von ferne gar wohl erkennen kann.

6. Jetzt werde ich dir aber noch ein Beispiel geben, bevor wir zu der Hauptsache übergehen wollen, und so höre mich! Sieh, wie wäre es denn, wenn zum Beispiel alle Mädchen, alt oder jung, auf ein Haar dasselbe Gesicht hätten und dieselbe Größe, das gleiche Aussehen, dieselbe Bekleidung gleich den Vögeln in der Luft und gleich den wilden Tieren des Feldes und des Waldes? Würdest du da wohl deine Töchter von deinem Weibe oder von den Töchtern deines Nachbarn oder von deiner Mutter oder von deinen Schwestern unterscheiden können? Wenn dein Vater aussähe wie du und deine Söhne desgleichen, wie würde dir als denkendem Menschen die Sache gefallen? Ganz gleiche Gegenden, dann ganz gleiche Menschengestalten und Formen, kurz und gut, alles, jung oder alt, wäre auf ein Haar gleich, ganz ein und dasselbe, – wie gefiele dir das nur so zum Beispiele?“

7. Sagte der Magier: „O Freund, so etwas wäre für unsereinen der Tod bei noch lebendem Leibe! Ah, da höre mir auf mit solchen mörderischen Beispielen! Ah, da hörte beim Menschen ja offenbar alles Denken rein auf, das ohne Vergleiche eigentlich gar nicht möglich ist! Nun, ich fange schon zum voraus an, es zu fassen, wo du so ganz eigentlich hinaus willst! Aber fahre du nur fort; denn ein jedes Wort aus deinem Munde ist tausendmal tausend Pfunde reinsten Goldes wert!“

113. Kapitel. Die Notwendigkeit der Verschiedenheit alles Geschaffenen.

1. Sagte Raphael: „Du hast recht geantwortet; denn bei solch einer Gleichförmigkeit der Geschöpfe hörte jeder Lebensreiz und mit ihm auch alles Denken auf. Das äußere Denken geht ja von da aus, daß ein Mensch mit seinen gesunden Sinnen die verschiedenen Dinge und ihre höchst abwechselnden und verschiedenen Formen betrachtet, sie vergleicht und über ihre zwecklichen Verhältnisse nachdenkt und urteilt, sich die vielen verschiedenen Formen merkt und ihnen dann auch verschiedene Namen gibt, wodurch der Menschen Mundsprache und später auch die durch Schriftzeichen entstand.

2. Wenn aber einmal eine Gegend der andern, ein Baum dem andern, auch ein Tier dem andern und alle Menschen, Männer und Weiber, Eltern und Kinder, jung und alt, einander völlig gleich sähen, welchen Reiz würde das auf die Sinne des Menschen wohl ausüben? Sicher nicht den geringsten! Er hätte sich dabei sehr wenig zu merken und noch weniger zu denken; auch mit der Mundsprache sähe es sehr karg aus, und mit den Schriftzeichen auch, und siehe, das wäre die notwendige Folge, wenn der allweise Gott die Welten und die Geschöpfe alle nach deinem strengen Ordnungsbegriff erschaffen hätte!

3. Aber da Gott noch endlos viel weiser ist, als wir uns das vorzustellen vermögen, so hat Er alles auch in einer viel besseren Ordnung erschaffen, als wir uns dieselbe je vorstellen werden können, und Er ist dadurch schon ein beständiger Lehrer und Meister der Menschen, weil Er in Seinen Geschöpfen eine so unendliche Mannigfaltigkeit verordnet hat, damit der Mensch, um dessentwillen alles da ist, eben die gar so mannigfaltigen Geschöpfe aller Art und Gattung betrachten, sie leichter erkennen, benennen, über sie nachdenken und sie dann auch so und so zu seinem Nutzen oder Schaden gebrauchen soll und kann, – was er aber, wie gezeigt, nach deiner Ordnungsweise wohl nimmerdar vermocht hätte.

4. Würdest du wohl je eine entschiedene Liebe zu einem Weibe fassen können, wenn es allen anderen Weibern so völlig ähnlich sähe wie eine Hausfliege der andern? Du könntest dir dein Weib gar nicht merken, sowenig du dir eine Hausfliege merken und dann sagen könntest: ,Sieh, das ist mein Liebling!‘ Denn sowie sich deine Lieblingsfliege unter die andern gemengt hätte, könntest du sie dann sicher nimmer als die deinige erkennen, und ebenso ginge es dir mit deinem Weibe und deinem Weibe auch mit dir.

5. Aus diesem allem aber kannst du nun schon ersehen, daß eben der dir scheinenden Unordnung im Bereiche der Geschöpfe Gottes viel größere und wahrere Beweise für das Dasein und für die höchste Liebe und Weisheit eines allmächtigen Schöpfers zugrunde liegen als der Ordnung, die du schon so lange suchtest und doch nicht finden konntest!

6. Ich habe dich schon darauf aufmerksam gemacht, daß deine Blutadern, die du an deinen Händen und Füßen, wie auch an deinem Kopfe bemerken und ganz gut beobachten kannst, eben nicht in jener völlig symmetrischen Ordnung unter deiner Haut angebracht sind, wie du sie gar so gerne sähest, sondern sie liegen bei dir wie auch bei jedem andern Menschen ganz merklich verschieden gestellt ersichtlich da. Ja, warum denn solche Unordnung?

7. Siehe, du wirst nicht leichtlich irgend zwei Menschen treffen, die sich ganz vollendet ähnlich sähen! Wenn Gott der Herr aber aus den dir wohl gezeigten Gründen auch die Außenformen ganz verschieden formt, so formt Er auch den Organismus der Menschen verschieden und mit ihm auch die Talente einer jeden Seele. Denn hätten alle Menschen die haargleichen Talente, so würden sie einander gegenseitig bald ganz vollkommen entbehrlich werden, und die Nächstenliebe wäre ein leerer Wortlaut.

8. Nun hast du gesehen, wie die dir scheinende Unordnung der treueste Zeuge für das Dasein Gottes und für die höchste, weiseste und liebevollste Ordnung aus Gott ist, und so können wir nun zu unserem bösen See wieder zurückkehren!“

114. Kapitel. Die Erde als Organismus.

1. (Raphael:) „Sieh, die Einrichtung dieses und noch anderer ähnlicher Seen ist vom Schöpfer ebenso weise bestellt, als wie weise alles bestellt ist, was ich dir nun in dieser Hinsicht gezeigt und mitgeteilt habe.

2. Du hast einen Leib, der durch Speise und Trank und durch die regelmäßige Einatmung der reinen Luft ernährt, erhalten und naturmäßig belebt wird. Die Nahrungsteile sind in den Speisen und in den Getränken nur ebenso spärlich enthalten wie in der eingeatmeten Luft. Du atmest die Luft ein, mußt aber beinahe ebensoviel ausatmen, wie du vorher eingeatmet hast; nur ein kleiner, kaum wägbarer Teil ist in deiner Lunge ans Blut als Hauptnahrungsteil für dein Leben abgegeben worden, alles andere wird wieder ausgehaucht. Du issest verschiedene Speisen und trinkst desgleichen verschiedene Getränke. Ja, das Genossene ist nicht durchgängig purer Leibesnährstoff, sondern nur ein Träger desselben; nur ein ätherisches Minimum bleibt in dir als Nahrung, alles andere muß auf dem gewissen Wege wieder aus dem Leibe geschafft werden.

3. Siehe, wie aber das bei Menschen, Tieren und sogar bei Pflanzen eine höchste Notwendigkeit ist, weil sie sonst das Leben nicht erhalten würden, ebenso ist das auch eine höchste Notwendigkeit bei einem Weltkörper! Es müssen ihm Organe verliehen werden, durch welche er den überflüssigen Unrat aus sich auf seine Hautoberfläche ausstoßen kann. Und nun sehen wir uns unseren bösen See noch einmal an, und wir werden finden, daß er ein ebenso nötiges Organ der Erde zur Hinausbeförderung des inneren nicht mehr brauchbaren Unrates ist, wie dir mehrere solche Organe am menschlichen Leibe wohl sicher nicht unbekannt sein dürften.

4. Die Erde ist ebensogut ein organisches und sogar auch seelisch lebendes Wesen, wie du und jedes Geschöpf es ist, das da atmet und wirkt und webt im endlosen Schöpfungsraume.

5. Es wird dich aber die Erfahrung gelehrt haben, daß der Unrat der Menschen, Tiere und Pflanzen als Dünger der Felder wie Äcker, Wiesen und Weinberge gar wohl benutzt werden kann; ich aber sage dir: Was der Unrat der Tiere im Kleinen ist, das ist der Unrat der Erde im Großen und Allgemeinen.

6. Der Fruchtboden der Erde, auch die Berge und die Meere sind im Grunde ein Unrat der Erde; denn das alles entstand durch das innere Lebensfeuer der Erde, aber freilich schon seit dir undenkbar langen Zeitläufen. Und alles, was da auf die Oberfläche der Erde befördert wird wie Schwefel, Pech, Salze, Wasser und allerlei Mineralien und Metalle, dient zur Bildung des fruchtbaren Erdreiches, ohne das keine Pflanze, kein Baum und somit noch weniger ein Tier oder gar ein Mensch bestehen könnte.

7. Wenn sonach die Erde durch ihre eigenen Organe und Poren noch heutzutage das tut, was sie nach der weisesten Anordnung des ewig großen Schöpfers schon vor undenklich langen Zeiten getan hat und tun mußte, so kann man das nicht böse nennen, sondern da ist alles gut.

8. Wenn solch ein Boden oder ein See dem Naturleben der Pflanzen, Tiere und Menschen nicht zuträglich ist, so ist er darum nicht böse. Der Mensch hat Vernunft und Verstand und kann derlei Orte meiden, die noch nicht zur Bewohnung reif sind. Es hat die Erde der wohnreifen Gegenden in großer Menge, und die Menschen können damit schon vollkommen zufrieden sein. Das Meer hat im ganzen doch eine viel größere Fläche denn das trockene Land. Wer wird da sagen: ,Siehe, wie unweise hat da Gott gehandelt, daß Er nicht lieber den größten Teil der Erde zum fruchtbaren Lande denn zu so viel unbrauchbarem Wasser gemacht hat! Wir Menschen und sicher auch die meisten Landtiere und so auch die meisten Pflanzen hätten an den Landseen, Strömen, Flüssen, Bächen, Quellen und am Regen und Schnee zur Übergenüge!‘

9. Ja, sage ich, das wäre schon alles recht, wenn all die Landseen, Ströme, Flüsse, Bäche, Quellen und der Regen und Schnee von woanders her ihren Ursprung nähmen als eben aus dem großen Weltmeere. Wenn dieses nicht also bestünde, wie es besteht, so gäbe es auch kein Süßwasser auf dem trockenen Lande.

10. Ich meine nun, daß ich dir deine Zweifel auf einem ganz natürlichen Wege berichtigt habe. Wenn du ihrer achtest, so wirst du über das Dasein eines wahren Gottes, über Seine Liebe, Güte, Weisheit und Macht völlig im klaren sein, und es wird dich keine Erscheinung in der Welt mehr beirren im rechten Glauben und in der rechten Erkenntnis eines wahren Gottes.

11. Wenn dir aber jemand mit einer gewissen Beredsamkeit eine andere Lehre aufdrängen will, so zeige ihm alles so, wie ich es dir gezeigt habe. Nimmt er deine Erkenntnis an, so betrachte ihn als einen Menschen, der die Wahrheit sucht, und behandle ihn als einen Bruder; nimmt er aber die augenscheinliche Wahrheit nicht an, so betrachte ihn als einen Lichtlosen, der ein Heide und ein Ketzer ist, weil er die lichte Wahrheit nicht annehmen will, und meide ihn und seine Gesellschaft!

12. Es ist aber auch ein Unterschied zu machen zwischen dem, der die Wahrheit nicht annehmen will, und dem, der infolge seiner Geistesarmut die Wahrheit nicht begreifen und annehmen kann. Ersterer verdient eine längere Geduld nicht, die man sich mit ihm nehmen solle, weil er aus Hochmut und Eigendünkel die Wahrheit nicht annehmen will, und nur will, daß sich alles nach ihm richten soll. Aber mit dem zweiten habe Geduld; denn dem fehlt es nicht am Willen, sondern am Verstande! Wenn er durch deine Geduld und Liebe verständiger wird, dann wird er die Wahrheit schon annehmen.

13. Nun habe ich dir vieles gezeigt. Wenn du es beachtest, so wirst du das Größere schon von selbst in dir finden. Dein Geist aus Gott wird dir die Tiefen und Höhen der Wahrheit zeigen. Frage aber dein Gemüt nun selbst, ob du all das Gesagte auch wohl begriffen hast!“

115. Kapitel. Der gute Zweck der Giftbäume in Indien. Die Entwicklung der Erde. Die Wanderung der Meere.

1. Sagte nun der Magier: „Es dämmert in mir wie am frühen Morgen vor dem Aufgang der Sonne; aber es sind das Dinge, die in mir erst eine rechte Wurzel fassen müssen, bis sie zum völligen Eigentum meines Lebens werden. Aber daß es also ist, wie du es mir nun gezeigt hast, daran zweifle ich wahrlich keinen Augenblick mehr. Nur eine ganz kleine Frage hätte ich noch. So deine große Geduld mit mir noch nicht völlig zu Ende ist, da würde ich dich wohl bitten, mir auch noch diese kleine Frage gütigst zu meiner tieferen Belehrung beantworten zu wollen.“

2. Sagte Raphael: „So entledige dich auch solch deines Anliegens! Was ist es denn? Rede!“

3. Sagte der Magier: „Sieh, du holdester und gar überaus weiser Jüngling! Bei uns in Indien, und zwar auf einer großen Insel, wie auch in einigen Küstentälern, die sonst sehr üppig sein könnten, wächst dir ein eigenes Gesträuch, ein wahrer Schrecken des Landes. Dieses Gesträuch ist so böse und so giftig, daß es durch seine Ausdünstung weithin alles tötet, was sich ihm naht. Es ist um vieles gefährlicher als dieser vorbeschriebene See und kann nicht ausgerottet werden. Unkundige Menschen geraten doch dann und wann in die Nähe solcher Gewächse und müssen darauf eines elenden Todes sterben.

4. Nun, wozu dient solch ein wahres Höllengewächs?“

5. Sagte Raphael: „Ja, du mein lieber Freund, ein solches Gewächs hat eine gar große und für die Menschen gar sehr wichtige Bedeutung in dem Lande, in welchem es der Herr des Himmels und dieser Erde wachsen läßt; denn es ist den Menschen jenes Landes als ein treuer Wächter gegeben, der sie warnt, solche kleinen Landteile der Erde zu bewohnen, mit denen für die Erhaltung der Erde Gott der Herr einen ganz andern Zweck verbunden hat.

6. Es ist das aber schon euren Urvätern treu geoffenbart worden, wie sie jene wenigen Täler meiden und nicht bewohnen sollen, weil sie für die Bewohnbarkeit noch lange nicht reif sind, und wie unter ihnen noch roher Elemente Kräfte walten, wie auch, daß die angezeigten Gesträuche da sind, um das ausdünstende Gift aus den Tiefen der Erde in sich aufzunehmen, damit es nicht andere und weitere Länderstrecken vergifte und sie unbewohnbar mache.

7. Wenn aber den Menschen solches einmal angezeigt worden ist und durch Lehrer tausend Jahre lang vorgesagt wurde, so kann sich dann doch wohl niemand mehr aufhalten, wenn er, der Warnung uneingedenk, sich noch an solche Erdorte hinbegibt, von denen er doch wissen sollte, daß sie für die Aufnahme von Menschen und Tieren noch lange nicht reif sind. – Verstehst du nun auch das?“

8. Sagte der Magier: „Ja, auch das verstehe ich nun! Aber wie kommt denn das, daß manche Gegenden der Erde früher reif geworden sind als andere?“

9. Sagte Raphael: „Du bist wahrlich noch recht blind! Hast du schon einmal einen Menschen gesehen, bei dem alle seine Leibesteile auf einmal vollends reif geworden sind? Wie lange braucht es, bis der Mensch nur dem Leibe nach vollends reif wird, und wie lange, bis seine Seele vollends lebensreif wird! Meinst du denn, daß der allweiseste Gott irgendwo Seine ewige Ordnung überspringe? O mitnichten! Gott ist die vollkommenste Ordnung Selbst und weiß höchst genau, was Er, wie Er und warum Er es also tut!

10. Sieh an die hohen Berge um uns herum! Die waren vor vielen tausend Jahren noch mehr als noch einmal so hoch und die Taltiefen noch mehr denn noch einmal so tief, als sie nun sind, von den hohen Bergen herab gemessen; aber da waren solche Taltiefen noch völlig unbewohnt, nur Seen auf Seen füllten sie aus mit manchen riesigsten Wassertieren.

11. Da ließ der große Herr und Meister von Ewigkeit furchtbare Stürme mit Blitz und Donner und große Erdbeben walten. Diese zertrümmerten die hohen Berge, und mit ihren Trümmern wurden die Taltiefen ausgefüllt. Anstatt der großen Seen wogten bald große und mächtige Ströme über die ausgefüllten Talebenen hin und rollten mit ihrer Gewalt die kleineren Bergtrümmer auf ihrem Grunde fort und fort, wodurch diese noch mehr zermalmt und somit sehr verkleinert wurden; denn aller Sand in den Strömen, Flüssen, Bächen und Meeren ist eine möglichste Verkleinerung der einst in der Urzeit so riesenhaft hohen Gebirge. Als die Täler auf solche Art ausgefüllt waren, ließ der Herr die Ströme auch mehr und mehr versiegen und kleiner werden, und ihre Ufer wurden nach und nach zum fruchtbaren Lande.

12. Und was in den Urzeiten der Erde geschah, das geschieht heutzutage auch, wennschon in einem kleineren Maßstabe. Und so siehst du, daß Gott der Herr in Sich die ewige Ordnung Selbst ist und es wahrlich nicht nötig hat, Sich irgendwo zu übereilen; denn es macht eben das Seine eigene höchste Seligkeit aus, zu sehen, wie in der ganzen ewigen Unendlichkeit, alles so in der größten Ordnung, eins aus dem andern hervorgeht und hervorgehen muß. Wenn aber also, da ist deine Frage, warum die Gegenden auf der festen Erde nicht auf einmal bewohnbar gemacht werden, wahrlich ganz überflüssig gewesen!

13. Sieh, ich will dir noch etwas hinzusagen! Das große Meer wird von so ungefähr 14000 Jahren zu wieder 14000 Jahren vom Süden der Erde bis zum Norden derselben und ebenso wieder nach rückwärts geschoben! Von heute an in etwa 8000 bis 9000 Jahren steht hoch über diesem Berge, auf dem wir nun stehen und davon reden, das große Meer. Dafür aber werden im Süden große Ländereien wieder trockengelegt werden, und Menschen und Tiere werden dort ein hinreichendes Futter finden. Bei solch einer Gelegenheit werden dann schon wieder eine Menge jetzt noch unreifer und unwohnlicher Stellen der Nordhälfte der Erde schon reif und wohnlich werden für künftige Menschengenerationen, das heißt, wenn die Nordhälfte der Erde wieder vom Meere frei wird.

14. Nun meine ich, dir als einem Naturgelehrten doch mehr als genug gesagt zu haben, und ich konnte es dir wohl sagen, weil ich weiß, daß ihr Weisen aus dem Morgenlande die Gestalt und das Wesen der ganzen Erde für euch wohl kennet, obwohl ihr solche eure Kunde vor den anderen Menschen stets verborgen haltet. – Hast du jetzt auch noch eine Frage übrig?“

15. Sagte der Magier: „Nein, du junger, mir vollends unbegreiflicher Weiser! Du redest von der ganzen Erde ja gerade also, als wärst du bei ihrer Erschaffung von Urbeginn an dabeigewesen und hättest alles gesehen, was sich mit ihr zugetragen hat! Und das Merkwürdigste des Merkwürdigsten ist, daß wir dir selbst bei unserem besten Wissen und Gewissen nirgends widersprechen können! Denn nach unseren vielen Erfahrungen auf der weiten Erde verhält es sich geradealso, wie du nun geredet hast, und das Dasein eines wahren, ewigen Gottes ist für uns mehr als sonnenhell erwiesen, und eines weiteren bedarf es nun für uns nicht, da wir von dir aus auch das wissen, was wir zu tun haben, um Gott Selbst wahrhaft zu finden.

16. Wie gerne möchten wir dich für diese deine große Güte mehr denn königlich belohnen, so du von uns eine Belohnung annehmen würdest; aber dagegen hast du dich schon auf das feierlichste verwahrt, und so bleibt uns nichts übrig, als dir aus unserem tiefsten Herzensgrunde zu danken und dich aber auch abermals zu bitten, unser zu gedenken, so du bei Gott dem ewigen Herrn zugegen sein wirst.

17. Nun aber möchte ich nur ein paar Wörtchen noch mit dem Manne reden, der mich zuvor beim Abendessen gar so angezogen hat; dann wollen wir gerne froh und sehr getröstet diesen Berg verlassen und uns hinab zu den Unsrigen begeben und ihnen auch sagen und beweisen, daß wir endlich das in aller Fülle gefunden, was wir so lange vergebens gesucht haben. Darf ich also mit dem Manne ein paar Wörtlein reden?“

116. Kapitel. Die Frage nach der Wahrheit.

1. Sagte nun Ich: „O ja, tritt nur näher! Wenn diese Nacht auch etwas dunkel ist, so werden wir uns hoffentlich auch in der Nacht ein wenig näher kennenlernen! Was hast du denn eigentlich für ein Anliegen an Mich? Was willst du von Mir noch über das, was dir Mein jung scheinender Diener gesagt und gezeigt hat? Rede, – aber mache nicht viele Worte!“

2. Sagte der Magier: „Du bist wahrlich und sicher ein großer und weiser Mann. Du fielst mir im Saale auf, und mein Herz war von deinem Anblick so sehr gerührt und angezogen, daß ich mich selbst sehr mäßigen mußte, um nicht unartigstermaßen zu dir ordentlich hinzuspringen und dich mit aller Gewalt an meine Brust zu drücken. Das war ein Gefühl, das ich zuvor noch niemals empfunden habe, und so wollte ich dich nun fragen, warum ich und auch meine beiden Gefährten von dir gar so mächtig angezogen wurden, während wir doch deinen holdesten Diener mit vielem Gleichmute nur bewundern konnten. O du lieber Mann, löse uns doch dieses Rätsel!“

3. Sagte Ich: „Das Licht erweckt das Licht, die Liebe die Liebe und das Leben das Leben; denn ein Toter kann keinen Toten erwecken und ein Blinder kann keinem Blinden einen Führer machen. Da habt ihr den Grund von dem, was ihr über Mich gefühlt habt. Das andere werdet ihr noch später erfahren.“

4. Diese Worte machten auf die drei einen tiefen Eindruck. Sie schwiegen darauf und dachten bei sich darüber sehr nach; wir aber betrachteten die Erscheinung im Süden ruhig weiter.

5. Nach einer Weile tiefen Nachdenkens über die wenigen Worte, die der Magier aus Meinem Munde vernommen hatte, sagte er zu seinen zwei Gefährten: „Höret, der muß ein gar großer Weiser sein; denn er sagte mit wenigen Worten so ungeheuer vieles, daß man darüber viele Jahre lang zu denken und zu reden hätte. Oh, wenn er uns etwa doch noch so ein paar Worte sagen möchte, wie selig wären wir dann! Aber er scheint gleich allen großen Weisen wortkarg zu sein; denn ihnen ist das nicht selten zu albern und kleinlich, um was wir als noch unweise Menschen sie fragen, wenn auch für unseren Verstand unsere Fragen als etwas Weises erscheinen. Aber er sagte ja selbst, daß die Liebe wieder Liebe erwecke, und wir lieben ihn nun schon sehr, und so werde ich ihn denn doch noch um etwas fragen, bevor wir uns hinab in unsere Herberge begeben werden.“

6. Damit waren die zwei andern einverstanden, und der Magier kam wieder in Meine Nähe und sagte: „O du lieber, weiser Mann, da ich aus deinen Worten entnommen habe, daß du ein gar großer Weiser bist, so konnte ich meinem innersten Herzensdrange nicht länger widerstehen, dir mit noch einer Frage lästig zu fallen; denn du sagtest ja, daß die Liebe wieder Liebe erwecke, und ich schließe daraus, daß du uns liebhast, und deine Liebe zu uns hat dann auch sicher unsere innige Liebe zu dir erweckt, ansonst wir dich nicht so sehr lieben könnten, wie wir dich lieben! So du uns aber liebst, wie auch wir dich sehr lieben, so wirst du uns nicht gram werden, wenn ich dich noch mit einer kleinen Frage belästige?!“

7. Sagte Ich: „Oh, durchaus nicht; denn ihr habt noch Weile genug, Mich nun irgend etwas zu fragen, und ihr habt auch Weile zur Genüge, Mich anzuhören, gleichwie auch Ich Weile habe, euch zu antworten. Und so kannst du schon fragen, und Ich werde euch antworten in Meiner Art und Weise.

8. Frage aber um Dinge, die eines rechten Menschen würdig sind! Denn um gar vieles sorgt und kümmert sich oft ein Mensch; doch eines ist nur, das ihm not tut, und dieses eine ist die Wahrheit. Wenn der Mensch alles besäße, und die Wahrheit fehlte ihm, so wäre er dennoch das ärmste Wesen der Welt.

9. Der Mensch suche daher vor allem die Wahrheit, welche ist das wahre Reich Gottes auf Erden! Hat er das gefunden, so hat er damit auch schon alles gefunden. Darum frage du um nichts anderes als um die Wahrheit; denn die allein tut euch not!“

10. Sagte nun der Magier: „Ja, du edler, weiser Mann, du hast sehr recht und weise gesprochen! Die Wahrheit in allen Dingen und Sphären ist wahrlich das höchste Gut des denkenden und seines Daseins wohl bewußten Menschen. Jeden Mangel fühlt der Denker und Sucher um vieles weniger als den traurigsten Mangel der Wahrheit. Aber wo findet er diese?

11. Wir suchen die Wahrheit schon volle dreißig Jahre, und erst eben hier sind wir auf ihre Spur gekommen, haben sie selbst in ihrer Lichtfülle aber noch immer nicht gefunden. Darum frage ich nun dich, der du die Wahrheit schon in ihrer ganzen Fülle gefunden zu haben scheinst: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und wo finden wir sie?

12. Der wenig oder oft auch gar nichts denkende Mensch ist natürlich bald befriedigt; denn er nimmt auch die Lüge für eine Wahrheit an. Er glaubt, und sein blinder Glaube macht ihn zufrieden und selig. Aber ganz anders geht es dem denkenden und suchenden Menschen. Der kann nicht blind glauben. Er muß im Lichte schauen und die Wahrheit mit Händen greifen, so ihm das Leben etwas sein soll; denn ohne solche Vollbeweise für die Wahrheit ist der Denker und Sucher das elendeste Wesen auf der ganzen Erde, elender, als ein im Staube der Nichtigkeit zertretener und sich krümmender Wurm, der sicher kaum fühlen wird, daß er da ist.

13. Wir sind Denker und Sucher und sind sehr elend, weil wir die Wahrheit nicht finden können. Da wir aber hier durch den jungen, weisen und wahrlich göttlich mächtigen Menschen auf die Fährte der Wahrheit geleitet wurden, und du uns nun auch darauf aufmerksam gemacht hast, daß wir uns nur allein um die Wahrheit sorgen und kümmern sollen, und daß wir alles hätten, so wir zum Besitze der Wahrheit gelängen, so fragen wir denn noch einmal und sagen wie zuvor: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und wo finden wir sie?“

117. Kapitel. Wesen und Sitz der Wahrheit. Das Forschen der drei Magier nach der Wahrheit.

1. Sagte Ich: „Ihr stehet an der Schwelle des Tempels, darin die Wahrheit wohnt. Denn so es eine Wahrheit gibt, so muß sie sich im Leben und nicht im Tode offenbaren; denn dem Tode ist die Wahrheit nichts nütze. Der rechte und wahre Mensch aber ist ein wahrer Tempel der Wahrheit. Im Herzen ist ihr Sitz.

2. Wenn ein Mensch die Wahrheit sucht, so muß er sie in sich suchen und nicht außer sich; denn die Wahrheit ist das Leben, und das Leben ist die Liebe. Wer da Liebe hat ohne Falsch zu Gott und zum Nächsten, der hat auch das Leben, und dieses Leben ist die Wahrheit und wohnt im Menschen.

3. Darum sagte Ich zuvor, daß ihr an der Schwelle des Tempels der Wahrheit stehet, und es ist also der Mensch in sich die Wahrheit, der Weg zu ihr und das Leben. – Verstehet ihr das wohl?“

4. Sagte der Magier: „Ja, ja, du weiser Mann, du wirst da schon ganz recht haben, aber nur in Anbetracht deiner höchsteigenen Person. Bei uns ist das aber noch lange nicht der Fall. Wir wissen aus dem Munde des Jünglings und nun auch aus deinem, was wir zu tun haben, um Gott zu finden und mit Gott alle Wahrheit. Wir haben das Weizenkorn schon und werden es auch ins Erdreich unseres Herzens legen. Doch wie es aufgehen und welche Früchte es tragen wird, das werden wir erst in der Folge sehen; denn man kann nicht eher ernten, als man gesät hat.

5. In uns ist daher noch kein Leben, keine wahre Liebe und somit auch keine Wahrheit. Uns tröstet jetzt nur der Gedanke, daß ihr als Menschen den wahren Gott und somit die volle Wahrheit gefunden habt, wie uns solches die Taten des Jünglings klar gezeigt haben, wie auch nicht minder seine Worte. Also können mit dem rechten Fleiße solches auch wir erreichen; aber jetzt haben wir es noch nicht erreicht. Zeige aber du uns den vielleicht noch kürzeren Weg zum Ziele, und wir werden dir dankbar sein für immer!“

6. Sagte Ich: „Ihr habt die Schrift der Juden gelesen in Babylonien und habt bewundert die Weisheit Mosis. Ihr kennet das Gesetz der Juden und saget: ,Ja, das ist ein wahres Gesetz! Wer es beachtet, der wird selig werden.‘ Beachtet es also auch ihr, so werdet ihr selig werden!“

7. Sagte der Magier: „Freund, hast du uns denn schon einmal im alten Babylon, das einst die größte Stadt der Welt gewesen sein soll, gesehen und kennengelernt? Wir können uns dessen wahrlich nicht erinnern!“

8. Sagte Ich: „Wie Mein Diener wußte, wo du daheim deinen großen Diamanten aufbewahrt hieltest, um so mehr weiß Ich als sein Herr, was ihr vor zehn Jahren gerade um diese Zeit in Babylon gemacht habt, ohne daß Ich es nötig hatte, je in jener zerstörten Stadt zu sein.

9. Ich sage es euch, daß ein Mensch, dessen Geist die Seele durchdrungen hat, nicht nötig hat, überall persönlich gegenwärtig zu sein, um von dem, was irgendwo geschieht, Kenntnis zu nehmen, sondern so er eins geworden ist mit dem Geiste Gottes, so ist er in und durch diesen Heiligen Geist überall gegenwärtig und sieht und hört alles und weiß dann auch um alles. Es hat euch das zwar schon Mein Diener gesagt; aber Ich sage euch das noch einmal, auf daß es in euch bleibe zu eurem Darnachachten und Darnachhandeln.

10. Was ihr aber zu tun habt, das wisset ihr, und so denn habe Ich euch nun für weiter hin nichts mehr zu sagen. Habt ihr aber sonst noch irgendein Anliegen, so möget ihr immerhin noch euren Mund auftun!“

11. Sagte der Magier: „Daß du ein grundweiser Mann bist, das haben wir nun schon vollkommen kennengelernt; denn solch eine allwissende und allsehende Eigenschaft haben wir im hohen Indien nur einmal bei einem Pirmanz angetroffen, der uns aber keinen Aufschluß gab, wie einem Menschen das möglich wird. Wir fragten ihn wohl sehr angelegentlich darum; aber er gab uns zur Antwort: ,Ihr seid dazu nicht reif und habt keine Kenntnis von einem innersten Leben im Menschen. Aber reiset dahin, wo der Orion untergeht und die anderen Sterne, die ihn begleiten in stets gleicher, ewiger Ordnung, dort werdet ihr euch selbst näher kennenlernen!‘ Das war aber auch schon alles, was wir aus dem Weisen herausbringen konnten.

12. Wir sind dann auch bald dem Westen zugereist, und das mit vieler Mühe und vielen Gefahren, und haben nach langem Suchen nun euch gefunden, die ihr uns den Weg zur Erlangung der innern Weisheit schon um vieles näher bezeichnet habt. Wenn wir nun etwa noch weiter die Reise nach Westen machen, so dürften wir für unsere Mühe doch wohl die innere Weisheit der Menschen ganz finden und sie auch für uns erreichen.

13. Denn das haben wir bei unserer Reise nach dem Wege der Sterne bemerkt, daß wir bei unserem Vordringen nach dem Westen stets weisere und wunderbar mächtigere und dabei auch stets bessere Menschen angetroffen haben, und ihre Lehrbücher enthalten auch immer eine tiefere, wennschon oft sehr verborgene Weisheit, wie wir solches vor zehn Jahren in Babylon aus den Büchern entnahmen, die wir dort bei einem Manne eures Stammes zur Einsicht bekamen.

14. Sie waren freilich in der althebräischen Zunge geschrieben, die uns nicht so geläufig ist wie die, welche ihr da redet; aber sie hatte eine große Ähnlichkeit mit unserer Altzunge, und so verstanden wir sie und konnten die Schriftzeichen auch ganz gut lesen, weil sie mit den unsrigen eine große Ähnlichkeit hatten.

15. Wir fanden aber darinnen auch eine Prophezeiung, daß eben euch von dem Geiste Gottes ein Messias (Vermittler) zwischen Gott und euch Juden verheißen ist. Wir fragten den Mann sehr inständig darum. Aber er konnte uns wenig Bescheid erteilen; denn er sagte uns, daß die Zeit und Stunde sehr dunkel und unbestimmt ausgedrückt sei, und es stehe auch geschrieben, daß vor Gott tausend Jahre gerade kaum einen Tag ausmachten. So dürften die Juden auf den verheißenen Mittler wohl noch lange warten. Er selbst aber glaube, daß der Prophet in seiner Bildersprache etwas ganz anderes als eine wirkliche Ankunft eines künftigen, gottähnlichen Mittlers gemeint habe.

16. Da wir aber hier schon einmal darauf zu reden gekommen sind und wir uns anderseits auch bis jetzt in wenigen Stunden zur Genüge überzeugt haben, daß ihr hier wahrlich ganz unbegreiflich grundweise Menschen seid, und du schon sicher ganz besonders, so möchte ich nun auch von dir eine Meinung über den euch verheißenen Mittler vernehmen. Was ist's damit? Wie ist des alten Sehers Schrift und Weissagung zu verstehen?“

118. Kapitel. Die Beratung der Magier.

1. Sagte Ich: „Es sind bei der Geburt des Mittlers ja ohnehin Weise aus eurem Lande schon vor dreißig Jahren hier gewesen und haben Ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen zum Geschenk gebracht. Habt ihr denn von jenen nichts erfahren?“

2. Sagte der Magier: „Ja, ja, du hast ganz recht. Wir waren damals noch jung und waren auch noch Lehrlinge, die sich um derlei Dinge wenig kümmerten, und zudem haben jene Weisen nur sehr wenigen ihres hohen Gleichen davon eine Kunde gegeben, die aber bei ihnen sicher nicht den Eindruck gemacht hat, den sich die drei Hauptweisen etwa erhofft haben, und wir haben davon auch nur sehr Weniges erfahren können. Bei uns sagte man nur, daß dem einst so großen und mächtigen Volke im Westen ein neuer König geboren worden sei, dessen Arm des Volkes Feinde und Bedrücker bändigen und vertreiben werde; aber von dem, daß jener neugeborene König zugleich der verheißene Mittler sein solle, haben wir wenig oder nichts vernommen.

3. Daß jene drei Weisen etliche Jahre darauf sich wieder irgendwohin auf Reisen begaben, das wissen wir; aber seitdem haben wir nichts mehr von ihnen vernommen, wohin sie gekommen sind, und von welchen Wirkungen ihre abermaligen Reisen begleitet waren. Nur das wissen wir, daß sie dem Außenschein nach ganz bestimmt als nichts anderes wie wir gereist sind und als Magier sehr geschickt sein sollen.

4. Was ich dir, du lieber, hochweiser Mann, hier kundgab, ist eine volle und reine Wahrheit, und du wirst darin eine Entschuldigung finden, weshalb wir uns wegen eures euch verheißenen Mittlers nun an dich gewendet haben. Wenn du uns davon etwas Näheres sagen willst, so werden wir sicher in unseren Herzen sehr dankbar sein.“

5. Sagte Ich: „Nun, so höret denn! Eben jener von euch gemeinte neugeborene König war jener verheißene Mittler, der in die Welt gekommen ist, um nicht nur den Juden, sondern allen Menschen der Erde, die eines guten Geistes sind, ein wahres Licht des Lebens aus Gott zu bringen.

6. Von Ihm und durch Ihn werden alle Völker beglückt werden und werden sagen: ,Heil Dem, der da kommt, angetan mit dem Kleide der ewigen Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit; denn Er hat unserer Gebrechen Sich erbarmt und hat uns erlöst vom harten Joche des Gerichtes und des Todes!‘

7. Wer Ihn hören wird und tun nach Seiner Lehre, der wird in sich ernten das ewige Leben! Sehet, wir sind da, und vor uns liegt enthüllt die große Verheißung! Die Sonne der Himmel und des ewigen Lebens ist den Völkern aufgegangen, und viele Tausende wärmen sich schon an ihren allbelebenden Strahlen, und ihr seid gekommen aus dem fernen Morgenlande, weil ihr in euch auch einen Schein, von dieser Sonne ausgehend, vernommen habt.

8. Aber da euer Herz noch blind ist, so forschet ihr noch nach der Lebenssonne und vermöget nicht zu erkennen, wo sie steht; aber es hat euch euer schwacher Schein ihr doch schon näher gebracht, und so öffnet das Auge eures Herzens und fraget eure Sterne, damit sie euch zeigen den Stand jener Sonne!“

9. Sagte der Magier zu seinen Gefährten: „Höret, der Mensch spricht wundersam! Er muß es wissen, wie die Sachen stehen. Der kann und wird uns darüber noch einen näheren Aufschluß zu geben imstande sein, was er mit dem uns nahen Stande der gewissen Lebenssonne gemeint hat. Darinnen scheint alles zu liegen!

10. Die Sterne sollten wir fragen, damit sie uns anzeigeten den Stand jener Sonne, der wir nahe gekommen seien, von der wir aber doch nichts zu merken vermögen ob der Blindheit unseres Herzens. Was werden uns die stummen Sterne sagen? Wir können sie ewigfort fragen und werden von ihnen dennoch keine Antwort bekommen! Ich meine, daß wir von dem sonderbar weisen Manne eher etwas Bestimmteres über den Stand jener von ihm bezeichneten Lebenssonne erfahren dürften als von den Sternen, die uns noch nie etwas angezeigt haben, obschon wir bei unseren Produktionen von den Menschen oft um Dinge und Verhältnisse gefragt wurden, um die wir schon lange früher wußten, und dann mit ernstweisen Mienen dem Volke sagten, daß wir das aus den Sternen gelesen hätten. Ja, das blinde Volk glaubte das wohl, nur wir selbst nicht, und diese würden es uns auch um so weniger glauben, weil sie im vollsten Wahrheitslichte sich befinden.

11. Mit der Sternenfragerei ist es somit nichts, da wir nur zu wohl wissen, was es mit den Sternen für eine Bewandtnis hat; aber mit der Fragerei an diese Weisen kann etwas sein, – nur müßten wir es höchst klug anstellen, ansonst wir am Ende von ihnen ebensoviel erführen wie von den Sternen!“

12. Sagte ein zweiter Magier: „Klug anstellen wäre schon recht, wenn wir das nur auch vermöchten! Was wollen wir denn mit aller unserer blinden Klugheit? Diese Weisen wissen schon lange eher darum, als sie, die Klugheit nämlich, uns in den Sinn gekommen ist. Ich aber meine, daß es für uns nun am klügsten wäre, so wir uns mit dem begnügten, was wir bis jetzt erfahren haben, und das Weitere ihrem guten Willen überließen; denn mit einer gewissen Nötigung werden wir aus ihnen nicht gar zuviel herausbringen. Und zudem sehe ich es jetzt selbst schon ganz klar ein, daß wir für höhere und tiefere Wahrheiten über das einige und allein wahre Gottwesen und über des Menschen innerstes Geistesleben noch lange nicht reif sind.

13. Wohl aber können wir sie bitten, daß sie uns den möglich kürzesten Weg zur Erreichung des inneren Wahrheits- und Lebenslichtes gütigst anzeigen möchten. Denn wir wissen das ja aus unserer eigenen Erfahrung, daß es ein Mensch durch eigenes Denken und Suchen auch zu manchen und großen Fertigkeiten bringen kann; aber mit der Hilfe eines weisen und wohlerfahrenen Führers wird er sicherer und eher zu allerlei Kenntnissen und Fertigkeiten gelangen. Und so meine ich denn auch hier, daß uns eine ganz kurze, aber ganz gründliche Anweisung mehr nützen würde als eine Menge unnütz aufgestellter Fragen, deren Beantwortung, wenn sie noch so gut und wahr ist, uns wenig nützen kann, weil wir sie nicht verstehen. Wir können sogar um das nicht fragen, was uns not tut, weil wir uns selbst nicht kennen, und somit auch das nicht, was uns eigentlich fehlt. Diese Weisen kennen das sicher besser als wir, und so bin ich der Meinung, daß wir das ihrer viel weiseren Einsicht überlassen sollen.“

14. Sagte der erste Magier: „Du bist wahrlich in deiner mir lange bekannten Einfachheit weiser denn ich mit all meinem vielen Wissen und Können! Bei deiner Ansicht und Meinung wollen wir denn auch verbleiben; denn durchs Bitten kommt man allzeit weiter als durch ein gewisses Fordern. Aber nun kommt es noch auf etwas an, und das besteht darin, ob wir uns hier noch länger aufhalten oder uns in die Stadt hinabbegeben sollen.“

15. Sagte der vorher redende Magier: „Nach der von dem weisen Jungen ausgesprochenen Meinung sollten wir eigentlich bleiben, weil unsere Angehörigen schon wissen, daß wir für heute versorgt sind; doch du bist unser Oberhaupt und hast das Recht, zu bestimmen, was wir in diesem Falle tun sollen.“

16. Sagte der erste Magier: „Da soll allein unsere Vernunft bestimmen, was wir tun sollen! Wenn die Unsrigen daheim versorgt sind, so können wir trotz der schon ziemlich empfindlichen Kühle hier verbleiben – und das wenigstens so lange, bis diese Weisen sich selbst zur Ruhe ihrer Glieder begeben werden –, und wir können bei ihnen noch manches gewinnen in dieser Zeit.“

17. Sagten die andern zwei: „Dieser Meinung sind auch wir; aber nur um nichts mehr fragen, sondern bei schicklicher Gelegenheit bitten, daß sie uns andeuten möchten, was uns zur Erkenntnis der reinen Wahrheit not tut!“

18. Damit waren nun alle drei völlig einverstanden und begaben sich zur Ruhe.

119. Kapitel. Die vulkanischen Vorgänge in der Gegend des Toten Meeres.

1. Es ward aber das zeitweilige Lichtauftauchen in der Gegend des Toten Meeres stets stärker und heftiger und wiederholte sich öfter als im Beginne. Es glich diese Naturszene einem fernen und starken Wetterleuchten. Es gab darum viel Stoff zu allerlei Besprechungen.

2. Lazarus selbst meinte, daß er so etwas in solcher Heftigkeit noch nicht gesehen habe; auch die Judgriechen behaupteten das gleiche. Die armen Knechte und Arbeiter mit der noch immer anwesenden Ehebrecherin und die schöne Helias mit ihren Angehörigen sagten dasselbe und wunderten sich alle sehr über diese Erscheinung.

3. Nur die Römer betrachteten diese Naturszene mit ganz gleichgültigen Augen, und Agrikola sagte zu Mir: „Herr, diese Naturszene ist nicht übel anzusehen; aber unsere brennenden Berge sind doch noch ganz etwas anderes!“

4. Sagte Ich: „O ja, das ganz sicher, – doch denkwürdiger sind sie nicht als dieser See; denn in diesem See liegt eine große und sehr traurige Menschengeschichte begraben, gleichwie in dem euch Römern schon gar wohlbekannten Kaspischen Meere. Und darum sind diese Erscheinungen um vieles denkwürdiger denn jene eurer brennenden Berge, die Ich gar wohl kenne und auch gar wohl weiß, daß erst vor wenigen Dezennien durch den heftigen Ausbruch eures Vesuvs ein paar Städte gänzlich verschüttet worden sind.

5. Aber darum ist diese Erscheinung dennoch um vieles denkwürdiger; denn bei diesem Naturkampfe sind viele Tausende Menschenseelen mit beteiligt und werden von den Naturgeistern zum eitlen Kampfe gegen Mich mitgerissen, während bei euren Brennbergen bloß die Naturgeister gegen die Gesetze Meiner Ordnung kämpfen. Und sieh, darin besteht ein großer Unterschied!

6. Damit du das aber noch genauer merkst, so will Ich dir die innere Sehe auf einige Augenblicke öffnen, und du wirst gar sonderbare Dinge zu sehen bekommen!“

7. In diesem Augenblick hatte Agrikola schon das zweite Gesicht und schrie bald laut auf: „Herr, erlöse mich von dieser Anschauung; denn ich schaue da ja Gräßliches über Gräßliches! Oh, welche Gestalten! Was wären unsere eingebildeten Furien dagegen! Da ist ja der ganze See und die Luft bis weit über die Wolkenregion mit zahllosen Zerrbildern der schauderhaftesten Art voll angefüllt! Oh, da gibt es ja einen gar verheerenden Krieg, und das von einer solch nie erhörten Grausamkeit, wie auf der Erde unter Menschen noch nie einer geführt worden ist! Ja, was wollen denn diese Wesen damit bezwecken?

8. Ich sehe aber auch eine ebenso große Menge weißer und ernst-schöner Wesen dahin eilen, und jene wahren Scheusale fliehen vor ihnen. Wer sind denn diese weißen Menschengestalten, die dahereilen zu der Stätte der Greuel über Greuel?“

9. Sagte Ich: „Die gräßlichen Gestalten sind die einstigen Sodomiten. Durch solchen Kampf, den sie gegen Mich führen wollen, werden sie mehr und mehr gesänftet, wie auch durch die nach ihnen eilenden weißen Geister, die wir die Geister des Friedens und der Ordnung nennen wollen, in eine größere Ordnung gebracht.

10. Der Wind aber, der nun für das Außengefühl ganz kühl von Norden her weht, ist eben nichts anderes als jene vielen weißen Geister, vor denen die grimmigen und bösen Feuergeister, die aus dem See kommen, fliehen. Wenn du dich nun satt geschaut hast, so sei wieder naturwach!“

11. Hier ward Agrikola gleich wieder im ganz natürlichen Zustande und sagte zu Mir: „Herr, Herr, seitdem Sodom und Gomorra mit den anderen zehn Städten unterging, werden wohl schon über anderthalbtausend Jahre vorübergegangen sein, und jene damals gelebt habenden Seelen sollen im Reiche der Geister noch zu keiner lichteren Erkenntnis gekommen sein?“

12. Sagte Ich: „Ja, du Mein Freund, da hast du nun einen ganz kleinen Beweis tatsächlich selbst geschaut, wie schwer es ist, jenseits eine gänzlich verdorbene Seele nur insoweit zu bessern, daß sie dahin zu einer geringen Einsicht und Erkenntnis kommt, daß sie so böse ist und als solche nie in einen freien und seligen Zustand kommen kann.

13. Wenn eine Seele das einmal einzusehen anfängt, so wird sie ihrer alten Bosheit selbst feind und fängt an, sie zu verachten und zu verabscheuen und sucht in sich selbst besser zu werden. Fällt sie dann und wann auch noch in eine alte Sünde zurück, so verharrt sie in derselben nicht, sondern bereut sie und hat keine Sehnsucht, sie wieder zu begehen. So werden nach und nach ihre bösen Leidenschaften vermindert und abgekühlt, und es wird also denn auch lichter und heller in einer solchen Seele.

14. Und weil für solch eine Besserung einer bösen Seele zuerst die von dir gesehenen weißen Friedensgeister sorgen, so geht dann solch eine in sich gebesserte Seele zuerst zu diesen Geistern über und übt sich da in der Geduld und guten Ordnung und Ruhe.

15. Ist sie darin bald selbst ganz lebensfest geworden, so kann sie dann auch in einen noch besseren Zustand übergehen, der ihr aber nicht als irgendein Lohn für ihr Besserwerden erscheinen darf, sondern als eine ganz natürliche Folge ihrer inneren Ordnung. Denn würde eine auf diese Art ganz unvermerkt besser gewordene Seele inne, daß ihr besserer Zustand als ein Lohn für ihre Mühe in sich von Mir ihr gegeben ward, wie es der Wahrheit nach auch also ist, so würde bald die alte Selbstsucht in ihr erwachen. Sie würde sonach wohl sich noch mehr bestreben, besser und lichter zu werden, aber das nur darum, um bald noch einen besseren Lohn zu erhalten, nicht aber darum, um in sich um des Guten selbst willen reiner und besser zu werden.

16. Aus diesen leicht begreiflichen Gründen geht es denn mit der wahren Besserung einer entarteten Seele jenseits wahrlich sehr langsam vor sich. Denn so eine Seele im Dasein erhalten werden soll, da darf Meine Allmacht nur insoweit auf sie einwirken, daß sie in solche Zustände ihres Lebens gerät, die ihr als eine notwendige Folge ihrer bösen Handlungen erscheinen müssen. Und nur eben dadurch ist es möglich, eine solche Seele in und aus sich wahrhaft und lebendig zu bessern. Ob früher oder später, das ist am Ende doch gleich vor Mir und gleich im Vergleiche mit der Ewigkeit, in der sich alle vergangenen und zukünftigen Zeitenläufe völlig ausgleichen, und wie es vor Mir auch gleich ist, ob ein Mensch um viele tausend Jahre auf dieser Erde früher oder später im Leibe gelebt hat; denn in der Ewigkeit wird der erste Mensch dieser Erde vor dem nichts voraushaben, der als letzter in diese Welt geboren worden ist.

17. Aber für die Seele selbst ist es dennoch um unaussprechlich vieles besser, so ihre Lebensvollendung sobald als möglich erfolgt, weil sie dabei erstens sicher weniger zu erleiden hat, und zweitens, weil eine eifrige Seele notwendig vieles vor einer trägen und hinkenden voraushaben muß, gleichwie auch schon hier auf Erden der Wanderer, der seine Wanderung mit allem Eifer viele Tage eher beginnt denn ein anderer saumseliger und träger Mensch, der sich zu einer solchen Wanderung lange nicht entschließen kann. Während der Eifrige schon lange die großen Vorteile seines Eifers und Fleißes im Vollmaße genießt, hat der Träge noch kaum den ersten Schritt auf dem weiten Wanderwege versucht und sich dabei auch noch immer umgesehen und überlegt, ob er wohl auch den zweiten Schritt machen oder vielleicht doch noch länger daheim verweilen soll. Ja, wenn solch ein träger Unternehmungsgeist dann lange in großer Armut darben und schmachten muß, während sein eifriger Nachbar ihm vorangeeilt ist und sich in den Besitz großer Güter setzte, so ist dabei der Träge gegen den Eifrigen sicher in keinem irgend beneidenswerten Vorteile, sondern gerade umgekehrt; denn wer einmal voraus ist, der bleibt dann auch schon für ewig voraus und wird von den Nachhinkern nimmer eingeholt werden.

18. Vor Mir Selbst ist das freilich einerlei – denn Ich bin und bleibe Der, der Ich ewig war –; aber zwischen den Seligkeitsgraden der Geister wird es gar endlos große Unterschiede geben. – Verstehest du, Mein Freund, dieses?“

120. Kapitel. Agrikolas Fragen nach der Führung der Menschen.

1. Hier machte Agrikola große Augen und sagte: „Herr, nur Du als das selbständigste und das allerfreieste Wesen der ganzen Unendlichkeit kannst uns Menschen gegenüber solche Worte reden! Es ist wahr; wenn ich nach undenkbar langen Zeiten in einem gewissen Grade selig werde und dann dennoch eine ewige selige Zukunft vor mir habe, so ist das unselige Sein von einer Unzahl von Erdjahren Dauer am Ende doch soviel wie nichts; aber ein elender Tag, der mich gepeinigt und gemartert hat, ist denn auch ein Etwas für den endlichen Menschen, und es ist dann bei der zurückgebliebenen Erinnerung sehr die Frage, ob mir eine Ewigkeit ganz als Ersatz für die ausgestandenen Leiden dienen kann oder wird.

2. Denn man ward ein elender Bürger dieser Welt bloß durch Deinen allmächtigen Willen. Man kam unter reißende Tiere von Menschen, bekam keine Erziehung außer der eines selbst- und herrschsüchtigen Heidentums, einen Trug von einer Unzahl von Lügen und Betrügereien aller Art und Gattung, die man als heilige Wahrheiten annehmen mußte, und hätte man sie bei einer reifer und heller gewordenen Vernunft nicht angenommen und etwa dagegen gestritten, so wäre man wie ein elendes Ungeziefer vertilgt worden; denn Tausende von derlei schreiendsten Beispielen sind mir nur zu wohl bekannt.

3. Bei solch einer allergeist- und gottlosesten Erziehung aber kann ich am Ende doch selbst nichts anderes als ein wildes, reißendes Tier in einer Menschengestalt werden. Nun, weil ich aber das geworden bin und eigentlich unmöglich etwas anderes werden konnte, so bin ich darum von Dir auf eine undenkbar lange Zeit völlig verworfen und habe aber auch keine Mittel, um mir in meiner großen Not helfen zu können.

4. Da läßt sich denn doch Dir als dem einen, wahren Gott die sehr gewichtige Frage aufwerfen, warum ich denn durch Deinen allmächtigen Willen ein Mensch auf dieser Erde habe werden müssen. Ich war ja vorher ein volles Nichts, habe niemals bestanden und habe auch nie bestehen wollen. Warum bin ich denn geworden?

5. Und weil ich denn schon einmal geworden bin – nicht durch meinen, sondern lediglich durch Deinen allmächtigen Willen –, so frage ich, warum ich denn durch Deine allerweiseste Fürsorge nicht gleich in solchen Verhältnissen in diese Welt kam, durch die ich sogleich zu einem wahren Menschen nach Deiner Ordnung bin gebildet und gestellt worden. Warum mußte ich denn früher ein reißendes Tier werden, ärger denn alle Löwen, Panther, Tiger und Hyänen?

6. Siehe, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage! Es ist wohl wahr, daß alle Menschen einmal den Tod des Fleisches verkosten müssen; aber das Traurigste des Allertraurigsten dabei ist das, daß wir dann jenseits dafür einen nahe endlos langen Seelentod zu erdulden haben, der uns armen Sterblichen durch Deine Allmacht unwiderruflich beschieden ist. Meiner noch höchst kurzsichtigen Weisheit kommt das wahrlich höchst sonderbar vor! Denn ich als ein oberster Richter in Rom könnte nach meinen Vernunftprinzipien kein Kind, das sich irgend gegen seine Eltern vergangen hat, völlig verdammen, und das um so weniger, weil es sicher nicht am Kinde liegt, so es schuldlos eine schlechte und oft sehr elende Erziehung bekam. Hätten es die Eltern nur anders und – sage – gerecht erzogen, so würde das Kind gegen sie auch sicher anders handeln! Aber am Ende können auch die armen Eltern wenig oder nichts dafür; denn sie haben ja selbst nie eine bessere Erziehung genossen und können also ihren Kindern unmöglich etwas Besseres geben, als was sie selbst besitzen.

7. Aber Du, mein Herr und mein Gott, besitzest von Ewigkeit her das endlos Beste und könntest den armen Menschen, Deinen Geschöpfen, Deinen Kindern, auch das Allerbeste für ihr Herz und für ihre Seele geben; doch das tust Du wohlweislich nicht, sondern die Menschen müssen vorher zu den gräßlichsten Raubtieren werden, dann erst suchst Du sie mit Deinen scharfen Gerichten heim, und nur sehr wenige können sagen: ,Der Herr Himmels und der Erde hat sich unser endlich doch wieder einmal erbarmt!‘

8. Herr, vergib mir, daß ich nun so ganz frei von der Leber weg geredet habe; aber es hat mich wahrlich Dein geheimnisvolles Benehmen gegen die drei Magier dazu verleitet! Können sie dafür, daß sie also sind, wie sie sind?! Sie suchen Dich schon eine geraume Zeit und können Dich nicht finden, und nun sind sie in Deiner Nähe, und Du offenbarest Dich ihnen noch immer nicht! O Herr, sage es mir doch, warum das, von Deiner unbegrenzten Weisheit ausgehend, also sein muß, da anderseits Deine väterliche Liebe, Milde und Güte denn doch will, daß alle Menschen glücklich, weise und selig werden sollen! Denn bei diesem fortwährenden Wüten und Toben der Menschen gegeneinander ist es ja doch unmöglich denkbar, daß sie je den Lebenszweck erreichen können, den Du ihnen gestellt hast. – Herr, da bitte ich Dich um eine Erklärung!“

121. Kapitel. Die Führung der Menschheit.

1. Sagte Ich: „Wenn dein Gedächtnis stärker wäre, als es ist, so würdest du dich noch gar wohl entsinnen, daß eben dieser Punkt schon öfter angezogen und von Mir auch allzeit auf eine leichtverständliche Weise erklärt wurde. Aber es ist dein Gedächtnis schon etwas schwächer geworden, als es einstens war, und so ist dir das entfallen, was Ich über derlei Fragen schon öfter gesagt habe. Aber es macht das nichts; wir haben ja noch Weile, und Ich kann euch allen noch einmal etwas darüber sagen. Und so höret denn!

2. Wer noch nie eine Sonne, einen Mond, eine bewohnbare Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen hat, der weiß auch sicher nicht, wie alle diese Geschöpfe zu leiten, zu erhalten und ihrer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen sind. Ich aber weiß um alles das und habe eine ewige Ordnung festgestellt, außerhalb derer niemand je etwas erreichen und bezwecken kann.

3. Der Mensch aber als Mein vollstes Ebenmaß muß auch einen vollkommen freien Willen haben, mit dem er sich selbst in seinem geistigen Teile umgestalten, festen und von Meiner Allmacht frei machen muß, um dereinst als ein starkes, freies, selbständiges und selbstmächtiges Wesen selig neben Mir dazustehen, zu leben und zu handeln.

4. Siehe, alle Geschöpfe bestehen unter Meinen Mußgesetzen, und auch der Mensch seinem Leibe nach, – nur des Menschen Seele und Geist nicht, das heißt, was da betrifft den Willen und das freie Erkennen! Die Form und die Lebenseinrichtung der Seele in allen ihren Teilen ist natürlich auch ein Mußwerk, von Mir ausgehend, doch aber nur also, daß sie eben durch den freien Willen im Menschen entweder sehr veredelt und befestigt oder auch sehr verunedelt und geschwächt werden kann.

5. Es würde aber dem Menschen der freie Wille wenig oder nichts nützen ohne die Fähigkeit eines freien Erkennens und den aus dem Erkennen abgeleiteten Verstand, der dem Willen erst zeigt, was gut und wahr und was falsch und böse ist.

6. Erst so der Mensch sich Erkenntnisse gesammelt und seinen Verstand geschärft und geweckt hat, kommt die Offenbarung des göttlichen Willens hinzu, die dem Menschen die rechten Wege zum ewigen Leben und zu Gott zeigt. Der Mensch kann dann eine solche Offenbarung annehmen oder nicht, da er einen vollkommen freien Willen auch Gott gegenüber haben muß, ohne den er kein Mensch, sondern ein Tier wäre, das keinen eigenen freien Willen, sondern nur einen Trieb hat, dem es nicht widerstehen kann.

7. Es ward im Anfange aber nur ein Menschenpaar auf die Erde gesetzt, und es hieß der Mann ,Adam‘ und das Weib ,Eva‘. Dieses erste Menschenpaar ward von Gott aus mit allen Fähigkeiten ausgerüstet. Es hatte tiefe Erkenntnisse, einen höchst klaren Verstand und einen machtvollsten freien Willen, vor dem sich alle anderen Geschöpfe beugen mußten.

8. Zu diesen Fähigkeiten bekam es auch aus dem Munde Gottes eine hellste und wohlverständliche Offenbarung, die ihm ganz frei und offen zeigte, was es zu tun habe, um die Bestimmung, die ihm von Gott gestellt wurde, auf dem kürzesten und leichtest wandelbaren Wege zu erreichen. Aber daneben zeigte ihm Gott auch an, daß es ganz frei sei und dem geoffenbarten Willen Gottes auch zuwider handeln könne, so es nach dem Triebe des Fleisches und der Materie der Welt handeln wolle; aber dann werde es sich dadurch selbst ein Gericht und mit demselben auch den Tod bereiten.

9. Ja, es ging das eine Zeitlang ganz gut; aber nur zu bald siegte die sinnliche Begierde unter dem von Moses aufgestellten Sinnbilde einer Schlange über die Erkenntnis des Guten und Wahren aus der göttlichen Offenbarung, und es übertrat das Gebot, um zu erfahren, was daraus werde.

10. Und siehe, was das erste Menschenpaar tat, das tun nun beinahe alle Menschen!

11. Gott hat es noch nie an großen und kleineren Offenbarungen mangeln lassen, aber darum dennoch nie einen Menschen genötigt, dieselben zu beachten. Wohl aber dem, der sie beachtet und sein Leben danach einrichtet!

12. Das erste Menschenpaar hatte von Gott aus sicher die reinste und beste Erziehung erhalten und konnte diese auch auf alle seine Nachkommen unverfälscht übertragen; aber schaue dir die Menschen zweitausend Jahre später zur Zeit Noahs an, und du siehst sie in die bösesten Teufel verwandelt!

13. Haben der Erde erste Menschen etwa je Mangel an einer besten Erziehung gehabt? O nein! Haben sie solche etwa nicht auch ihren Kindern gegeben? O ja, und im stets reinsten Sinne! Aber es fühlten die Menschen in sich auch den Trieb, den Geboten Gottes zuwiderzuhandeln, weil das ihrem Fleische behagte, und sie sanken dadurch in eine größte Lebensverderbnis und in die größte Gottvergessenheit. Und wenn Gott ihnen Männer zusandte und sie gar väterlich ermahnte, daß sie sich zu Ihm wieder zurückkehren sollten, so wurden diese Männer alsbald geächtet, vertrieben und etliche sogar oft auf die grausamste Weise getötet.

14. Am Ende machten sich die von Gott abgefallenen Menschen sogar über die Zerstörung der Erde her, und da ward ihr Maß voll. Sie selbst öffneten die Schleusen der unterirdischen großen Gewässer, die sich dann über die Frevler ergossen und sie alle ersäuften.

15. Das war aber nicht etwa ein aus dem Willen Gottes strikte hervorgegangenes Gericht, sondern nur ein zugelassenes, das infolge der inneren Einrichtung der Erde also erfolgen mußte; denn wenn du von einer hohen Felswand herunterspringst, dich zerschellst und den Tod überkommst, so ist das auch ein über dich ergangenes Gericht, aber nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus der Einrichtung und Beschaffenheit der Erde, woraus der Mensch infolge seines Verstandes gar wohl erkennen kann, daß alles Schwere in den Grund hinabstürzen muß.

16. Es ist sonach kein Mensch auf der Erde so verlassen, daß er sich nicht helfen könnte, so er nur recht wollte; aber so er das schon gleich von seinen Kinderjahren an nicht will, so muß er es sich ja doch selbst zuschreiben, wenn er in ein Elend kommt. Und was Ich da sage von einem Menschen, das gilt auch von einem ganzen Volke.

17. Es gibt kein Volk auf der ganzen Erde, das sich nicht ganz gut helfen könnte, wenn es nur wollte. Aber wo ist der Wille?! Ja, zum Bösen und Schlechten hat es des Willens in Übergenüge; aber zum reingeistig Guten und Wahren fehlt es ihm am guten Willen, weil dieses den Sinnen des Fleisches nicht frönt, und es geht die Seele eines solchen guten Willens baren Menschen gleich wie die Seelen eines ganzen Volkes in das Gericht und in den Tod der Materie über und kann und mag dann nichts mehr vernehmen, fassen und begreifen von dem, was da ist des Geistes, seines Lichtes und Lebens. Und so man solche Fleischseelen aus ihrem Schlafe aufrütteln will, so werden sie toll, grimmig wild, fallen über die Erwecker wie die Wölfe über die Lämmer her und erwürgen und zerreißen sie ohne alle Schonung und Erbarmung.

18. Ist dann etwa auch Gott schuld daran, wenn solche Menschen aus oben angeführten Gründen in die größte und gottloseste Seelenblindheit geraten und in derselben dann Jahrtausende lang verharren? Wenn Gott über derlei Menschen ein mahnendes Gericht zuläßt, so ist das gewiß väterlich gut und weise; denn nur eine große Not des Fleisches vermag die Seele der Materie abwendig und dem Geistigen zuwendig zu machen. – Verstehst du das?“

19. Sagte Agrikola: „Ja, Herr, das ist mir nun ganz klar geworden; ich bitte Dich aber um Vergebung, daß ich zuvor es gewagt habe, Dich also zur Rede zu stellen, denn ich war noch sehr blind.“

20. Sagte Ich: „Ich liebe Menschen deines Charakters; denen ist es ernst um die Wahrheit! – Jetzt aber betrachten wir wieder die Feuer!“

21. Da trat wieder Ruhe ein; die drei Magier aber zogen etwas abseits und besprachen sich über Mich.

122. Kapitel. Die Magier erkennen Jesus.

1. Der Hauptmagier sagte zu den andern: „Seien wir ruhig, denn es kommt mir vor, daß wir in dem weisen Manne den Geist Gottes gefunden haben; denn wie er hat noch nie ein Mensch aus sich geredet.“

2. Und also redeten sie noch eine Weile unter sich von Mir. Wir aber ruhten und betrachteten die stets abwechselnden Feuerszenen.

3. Als Ich dann wieder zu reden begann über so manches, da kamen die Magier wieder und horchten auf Meine Worte von der Einrichtung der Erde und den mannigfachen Erscheinungen auf und in ihr.

4. Als Ich aber solche schon öfter vorgekommenen Erklärungen beendet hatte, da sagte der Magier zu seinen Gefährten: „Das kann nur Der wissen in solcher Klarheit, der die Erde erschaffen hat und sie daher sowohl von innen wie von außen kennt!“

5. Es hätte sich aber nun der Magier gerne mit mehreren Fragen an Mich gewandt; aber er hatte nun den Mut nicht. Ich aber berief ihn zu Mir und gab ihm die Erlaubnis, Mich zu fragen, um was er wolle, und Ich werde ihm antworten.

6. Da trat er voll Ehrfurcht zu Mir und sagte (der Magier:) „Herr, Herr, um was soll, um was könnte ich Dich nun noch fragen?! Alle meine früheren Fragen gingen nur dahin, den einen, wahren Gott zu finden, zu erkennen und Ihn sodann anzubeten im Herzen. Ich aber meine, nun eben in Dir den lange vergebens Gesuchten gefunden zu haben, und so habe ich um Weiteres nicht mehr zu fragen, wohl aber Dich zu bitten, daß Du auch uns Fremdlingen Deinen Willen offenbaren möchtest. Ihn auf das strengste zu befolgen, wird unsere heiligste Lebensaufgabe sein.

7. Was sollen wir tun, um uns Deines Erbarmens und Deiner Gnade würdig zu machen und sodann teilhaftig zu werden des ewigen Lebens unserer Seelen nach dem Tode des Leibes? O Herr, nur um das bitten wir Dich!“

8. Sagte Ich: „Seid ihr denn dessen wohl schon gar so sicher, daß in Mir Der ist, den ihr schon so lange suchtet und doch nicht finden konntet?“

9. Sagte der Magier: „Mir hat das schon ehedem mein Gefühl gesagt, als Du in Deiner heiligen Rede mit dem Manne neben Dir Selbst offen aussprachst, wer Du seist. Und so waltet in mir nun gar kein Zweifel mehr ob, daß Du auch Der bist, als den wir Dich nun in unseren Herzen anbeten.

10. Nicht umsonst hat uns Dein junger Diener schon ehedem darauf aufmerksam gemacht, daß wir der großen und lichten Wahrheit nahegekommen sind! Du Selbst bist die große und lichtvollste Wahrheit und bist der Mittler Selbst zwischen Deinem Geiste und den Menschen. Wer Dich hat, der hat alles: Licht, Leben, Weisheit und Kraft!

11. Dich aber kann man nur dadurch haben, daß man Deinen Willen erkannt hat und nach demselben tätig geworden ist. Denn Dein Wesen kann nie ein geschaffener, endlicher Mensch haben, weil Du in Dir Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit bist; aber Deinen heiligen, ihm geoffenbarten Willen kann der Mensch haben und aus allen seinen Kräften nach ihm tätig sein. Ist der Mensch das, so hat er Dich Selbst in sich, erkennt Dich, liebt Dich und betet Dich an.

12. Und so bitte ich Dich noch einmal flehentlichst, daß Du uns offenbaren möchtest Deinen heiligen Willen, damit wir dann in uns lebendig sagen können: O Herr und Vater von Ewigkeit, Dein heiliger Wille geschehe auch in uns, durch uns und für uns, damit Dein heiliges Auge ein Wohlgefallen finden möge an uns, Deinen Geschöpfen und Kindern Deiner Liebe!“

13. Sagte Ich: „Ja, ja, Mein lieber Freund, da hast du ganz wahr und richtig gedacht und nun auch ebenso richtig gesprochen; aber du siehst Mich, einen dir ganz ähnlichen irdischen Menschen, für den allein wahren Gott an! Merkst du denn nicht, daß Ich auch geboren wurde und bin aus Fleisch und Blut und Seele ein dir gleicher Mensch? Hat denn Gott jemals einen Anfang gehabt, und konnte Er je als ein Mensch geboren werden?“

14. Sagte der Magier: „Der ewige Gott, dessen Geistes Machtfülle in Dir offenbar wohnt, hat freilich wohl nie und niemals einen Anfang gehabt und konnte nie als ein Mensch aus einem Weibe in die Welt geboren werden; aber dieser Gott hat Dich dennoch mit einem Leibe angetan, als einen rechten Mittler in diese Welt gesandt und hat Dich erfüllt mit der Fülle Seines Geistes.

15. Wer demnach nun Dich sieht und erkennt, der sieht auch Den, der in Dir ist; und wer Deinen Willen tut, der wird Ihn auch bald erkennen in sich selbst. Du bist schon ganz Derjenige, den wir drei so lange vergeblich gesucht haben, und wir stehen von dieser Annahme nicht mehr ab.

16. Zudem hast Du zuvor mit dem Freunde, der ein Römer zu sein scheint – weil wir derlei Männer mit dem Namen Römer auch in anderen Orten gesehen haben –, also geredet, wie da nur allein ein Gott reden kann, und das bestätigt noch mehr die Wahrheit unserer Annahme und stellt ihre lichteste Wahrheit nun außer allen Zweifel. Du wirst Deinen wohlweisesten Grund haben, demzufolge Du Dich vor uns noch nicht völlig enthüllen willst. Aber wir verlangen das nun auch nicht, da wir uns dessen noch lange nicht zur Genüge würdig erachten, und wir verlangen von Dir, o Herr, auch kein Zeichen, durch das wir etwa noch ins klarere kommen möchten, daß eben Du der von uns so lange Gesuchte und völlig Gefundene bist.

17. Es ist Zeichen genug, was Dein junger Diener vor uns geredet und getan hat; aber das größte und für uns allergültigste Zeichen sind Deine mehr als heiligen Worte, die wir aus Deinem Munde vernommen haben. Denn diese sagten uns klar und deutlich: Also kann kein Mensch, sondern nur ein Gott aus Sich sprechen!

18. Da wir aber solches nun ganz hell einsehen, so bitten wir Dich trotz unserer großen Unwürdigkeit, daß Du uns offenbaren möchtest, was wir tun sollen, damit wir des ewigen Lebens unserer Seelen und Deiner Gnade uns teilhaftig machen können.“

19. Sagte Ich: „Nun denn, so ihr schon durchaus des Glaubens seid, daß Ich der Herr sei, so tut, was euch ehedem Mein Diener gesagt hat, so werdet ihr leben und selig werden! Liebet Gott über alles und eure Nächsten wie euch selbst, und lehret dasselbe auch euren Kindern und Angehörigen; haltet euch als Menschen nicht für höher denn eure Nächsten eurer großen Erdenschätze wegen; tut ihnen das, von dem ihr vernünftig wollen könnet, daß sie euch desgleichen entgegen tun sollen, – und ihr werdet leben, und Gottes Gnade wird bei euch bleiben immerdar!

20. So ihr aber schon das Gesetz Mosis kennet, so beachtet es in allen seinen Teilen; denn in diesem Gesetze ist dem Menschen die beste und allerreinste Lebensordnung angezeigt. Wenn er die befolgt, so liebt er auch Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst. In diesen Gesetzen aber ist alle Lebensweisheit geboten, von der andere und ältere Weise den Menschen nur teilweise etwas zum Verkosten vorgesagt (gegeben) haben.

21. Da euch das Wort als das höchste Zeichen Meiner göttlichen Sendung gilt, so bleibet denn auch bei dem Worte und werdet Täter desselben, so werdet ihr leben! Ich meine aber kein zeitliches, sondern ein ewiges Leben eurer Seelen. – Verstehet ihr das wohl?“

123. Kapitel. Die Aufnahme von Jesu Wort in Indien.

1. Sagte der Magier: „Weil Du, o Herr, es uns gesagt hast, so glauben wir das nun auch fest und werden, vielleicht wie kein anderes Volk der Erde, strenge danach tätig sein! Aber es kommt nun denn doch eine andere Frage zum Vorschein, und diese besteht darin: Sollen wir nun wieder nach Indien uns zurückziehen, oder sollen wir dieses alte Lasterland meiden wie unsere ärgsten Todfeinde, oder sollen wir wieder heimkehren und den Blinden das Licht zeigen, das wir durch unser langes Suchen endlich einmal gefunden haben? Wir hatten zwar beschlossen, unser Heimatland, dessen Verhältnisse wir nur zu gut kennen, für immer zu meiden und unser Leben unter fremden Völkern zu vollenden; aber da wir in Dir nun Den gefunden haben, dessentwegen wir unser Land schon lange verlassen haben, so ändert das unseren ersten Entschluß, und wir möchten auch darin Deinem Willen vollkommen nachkommen.“

2. Sagte Ich: „Merket euch das: Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande! Ihr seid euren Gefährten als etwas überspannte Menschen bekannt. Sie haben euch darum auch auf die weiten Reisen ausgesandt, weil ihr ihnen manches Mal ein wenig zu sehr ins Gewissen geredet habt. So ihr nun mit einem rechten Licht nach Hause kommen würdet, so würdet ihr bei ihnen einen schlechten Anklang finden und bei dem überaus verdummten Volke einen noch schlechteren. Daher ist es für euer Seelenheil besser, so ihr bei eurem einmal gefaßten Entschlusse verbleibet. Sendet eure Diener hinein in euer Land, damit sie eure Sachen in eurem Namen abmachen und dann wieder zu euch zurückkehren! Um ein Weiteres kümmert euch nicht; denn euer Land ist für Mein Licht noch um nahe zweitausend Jahre zu jung, das heißt, zu blind und zu dumm. Ihr werdet aber im Westen Menschen treffen, die für Mein Licht mehr eingenommen sein werden denn euer Volk daheim; denen könnet ihr mitteilen, was ihr hier empfangen habt!

3. Es wird in der Zukunft also sein, daß das alte Morgenland, dem einst das helle Licht gegeben ward, sich in lange anhaltender Nacht wird herumzutreiben haben, und das Licht des Lebens wird gegen den Westen ausgegossen werden. Auch selbst dieser Ort, in dem nun das Licht des Lebens aufgegangen ist, wird noch in die äußerste Nacht und Finsternis hinausgestoßen werden; denn auch dieses Volk mit Ausnahme von nur wenigen Menschen erkennt die Zeit seiner höchsten und heilsamsten Heimsuchung nicht. Darum wehe ihm, so das Licht ihm genommen und den Heiden gegeben wird!

4. Ihr seid Fremdlinge vom weiten Morgenlande her, und ihr habt Mich gefunden und erkannt; und es waren auch Fremdlinge aus eurem Lande, die Mich, als Ich Mich mit dem Fleische dieser Welt umkleidet habe, bei Meinem ersten Eintritt in diese Welt als erste Menschen aufgesucht und schon im neugeborenen Kinde erkannt haben. Aber von diesem alterwählten Volke haben Mich nur sehr wenige noch erkannt, aber desto mehr bis zu dieser Zeit her verfolgt, wie und wo sie Mich nur verfolgen konnten; darum aber wird von ihnen das Licht auch genommen und den Heiden gegeben werden.

5. Eher aber, als dieses Licht wieder in diese Gaue dringen wird, wird es in euer Land am großen Meere gelangen. – Verstehet ihr das alles?“

6. Sagte der Magier: „Ich verstehe das, o Herr; aber wunderbar (wunderlich) kommt es mir vor, daß Dich die Kinder dieses Landes nicht erkennen, und wir Fremden haben Dich doch gar leicht und gar bald erkannt! Du wirst vor den Kindern dieses Landes gar sicher schon große Zeichen gewirkt haben, – und sie erkannten Dich nicht?! Oh, da wären meine dümmsten Landsleute wahrlich nicht so blind! Bei vielen hätte, wie bei uns, Dein Wort allein genügt! Und sähe selbst unser oberster Priester auch ein Zeichen, wie zuvor Dein Diener ein paar gewirkt hat, so hätte er auch dieses Licht angenommen, obwohl er es dem Volke kaum weiter je hätte zukommen lassen; denn das Volk ist schon seit undenklichen Zeiten in seinem blinden Glauben begründet und ist darum wohl nicht fähig, ein solches Licht anzunehmen. Allein, da sind nicht wir schuld, sondern die Zeit und eine große Menge unserer höchst selbstsüchtigen Vorgänger. Kurz, die Blindheit unseres Volkes ist erklärlich, da in seiner Mitte wohl kaum je ein solches Licht geleuchtet hat; aber die Blindheit dieses Volkes ist unerklärlich, denn es hat die höchste Sonne am Zenit und sucht dabei die Nacht, die nur in den großen Höhlen der Berge der Erde anzutreffen ist.

7. Wir suchten das Licht mit aller Mühe und sind nun überfroh, daß wir es endlich einmal gefunden haben, – und diese haben es im Lande vor ihren Augen und fliehen, verachten und verfolgen es! Oh, das müssen doch sehr böse und auch gar stockblinde Menschen sein, die wahrlich den Namen Mensch nicht verdienen! Weil die Sache also mit diesen Menschen steht, so ist es auch ganz billig, daß Du, o Herr, ihnen alles Licht nimmst und es den offenbar würdigeren Heiden gibst; denn da sieht Deine ewige Gerechtigkeit voll des hellsten Lichtes heraus, und das ist für uns wieder ein neuer Beweis, daß Du eben Der bist, den wir so lange vergebens gesucht haben.“

8. Sagte Ich: „Ja, ja, also ist es leider wohl mit diesem Meinem Volke! Ich werde Mir darum andere Völker erwecken, jetzt schon und noch mehr in der Folge; aber es wird immer der Fall sein, daß sich unter den vielen Berufenen nur wenige Auserwählte vorfinden werden.“

9. Sagte der Magier: „O Herr, wie sollen wir das verstehen? Der Berufenen wird es stets viele, aber der Auserwählten nur wenige geben?! Das klingt als Wort aus Deinem Gottesmunde fürs künftige Heil der Menschen eben nicht sehr erfreulich, wenn man es also nimmt, wie es ausgesprochen ist; denn ich verstehe unter wenigen Auserwählten jene Menschen, denen das wahre Lebenslicht gleichfort hell leuchten wird, unter den vielen Berufenen aber alle Menschen, die zwar auch zum Lichte kommen sollen, aber durch tausenderlei Umstände und Ursachen daran verhindert werden und somit gleich unseren Landsleuten nie zum wahren Lichte gelangen.

10. Wir höchst wenigen können uns denn nun auch also betrachten, als wären wir auserwählt; aber die große Zahl unseres Volkes, des leider unglücklichen, gehört nicht einmal in die Reihe der Berufenen! Was wird dereinst nach dem sicheren Abfalle des Leibes sein Los sein?

11. Dieses Volk hier gehört offenbar zu den Berufenen und hat unter sich doch stets etliche Auserwählte, bei denen es sich Rates holen kann, wenn es dessen bedarf; aber bei uns gibt es keine Auserwählten und auch keine Berufenen, und es ist darum das Los des großen indischen Volkes ein sehr bedauerliches, das heißt, wenn Dein letzter Ausspruch so zu verstehen ist, wie er gewisserart für alle Orte und für alle Zeiten von Dir ausgesprochen worden ist.“

12. Sagte Ich: „Du hast Meinen bestimmenden Ausspruch nicht richtig aufgefaßt, und so muß Ich ihn dir schon näher erklären.“

124. Kapitel. Berufene und Auserwählte.

1. (Der Herr:) „Siehe, die Sache ist also aufzufassen und zu begreifen: Berufen und zum Licht und zum Leben bestimmt ist ein jeder Mensch auf dieser ganzen Erde; aber auserwählt zum Lehrer der Menschen kann nicht ein jeder sein, da das für die Menschen auch gar nicht gut wäre. Wäre es für die Menschen – deren Hauptbestimmung darin besteht, sich gegenseitig zu dienen – gut, so ein jeder Mensch für sich alles besäße und alles zu machen imstande wäre? Dadurch würde ein Mensch dem andern ganz entbehrlich, und die Nächstenliebe wäre dabei nichts als ein eitles, leeres Wort, wie Ich das Meinen Jüngern auch schon zu öfteren Malen gezeigt habe. Ja, die Menschen bedürften dabei sogar der Sprache nicht! Wozu sollte ihnen diese dienen, wenn keiner dem andern irgendein Bedürfnis vorzubringen hätte?!

2. Ich sage es dir, daß sich die Menschen bei solch einer völligen Gleichstellung ihrer Talente, Fähigkeiten, ihrer Gestalten, Wohnorte und Besitztümer bei aller ihrer gleichen Lichtklarheit dennoch völlig auf der Stufe der Tiere und eigentlich noch unter derselben befänden!

3. Damit die Menschen aber Menschen und keine Tiere sind, so haben sie unter sich alles höchst verschieden verteilt. Der eine hat das und der andere jenes, und so muß einer zum andern kommen und einer in diesem oder jenem des andern Meister oder Helfer sein.

4. Und so muß es auch in der Sphäre der Erkenntnis des inneren Lebenslichtes etliche besonders Erwählte geben, die den vielen Berufenen das wahre Lebenslicht zeigen, und die Berufenen haben dann zu hören, zu glauben und danach zu handeln, was ihnen von den auserwählten Lichtbesitzern gelehrt wird.

5. Wenn die Berufenen aber das gläubig annehmen, was ihnen gelehrt wird, so sind sie dann ebensogut und oft noch besser daran als die Auserwählten; denn solch ein Auserwählter, der in sich das lebendige Licht trägt, aber nicht genau nach diesem wandelt, wird dereinst eine strengere Rechnung über seine schlecht verwendeten Talente abzulegen bekommen als der bloß Berufene, der nur zu hören, zu glauben und danach willig zu handeln hat.“

6. Siehe, die Auserwählten sind Meine Knechte, und die Berufenen Meine Diener und Kinder!

7. Auf daß du aber noch klarer sehen magst, daß ein Auserwählter auf dieser Erde durchaus nicht besser daran ist denn ein Berufener, so will Ich dir das noch durch ein Gleichnis klarer machen. Und so höre Mich!

8. Es war ein König, der zehn Hauptknechte für seinen Haushalt hatte. Dieser König aber mußte einmal in die Ferne ziehen, um dort ein neues ihm zugefallenes Reich zu übernehmen.

9. Bevor er aber abreiste, beschied er die zehn Knechte zu sich, übergab ihnen zehn Pfunde und sprach: ,Handelt damit gut, bis ich wiederkomme!‘

10. Als seine Bürger (Berufene) aber davon Kunde erhielten, da murrten sie, wurden dem Könige feind, weil er sie verließ und ihnen bei seiner Abreise nicht auch Pfunde und Talente zur Verwaltung übergab.

11. Sie sandten dem Könige sogar Boten nach und ließen ihm sagen: ,Wir wollen nicht, daß dieser König fürder über uns herrsche; denn warum sollen wir ihm minder sein denn seine Knechte, da wir ihm doch auch gleich den Knechten gedient haben!‘

12. Es begab sich aber, daß der König, nachdem er das neue Reich eingenommen hatte, wiederkam. Als er in seine Burg eingezogen war, da ließ er alsbald dieselben Knechte zu sich fordern, welchen er bei seiner Abreise das Geld anvertraut hatte, um zu sehen, was ein jeder damit gewonnen hatte.

13. Da trat der erste zu ihm und sagte: ,Herr, siehe hier! Dein Pfund hat mir zehn Pfunde getragen!‘

14. Da sprach zu ihm der König: ,Ei du frommer Knecht! Weil du mir im geringsten treu gewesen bist, so sollst du nun Macht haben über zehn Städte!‘

15. Darauf kam ein anderer und sagte: ,Herr, dein Pfund hat mir fünf Pfunde getragen!‘

16. Und der König sprach zu ihm: ,Darum sollst du über fünf Städte gestellt sein!‘

17. Da kam aber ein dritter und ein letzter der zehn Knechte und sagte: ,Herr, sieh, dein mir anvertrautes Pfund habe ich im Schweißtuche aufbewahrt, bis du wiederkämest! Ich fürchtete mich vor dir, dieweil du ein harter Mann bist; denn du nimmst, was du nicht hingelegt hast, und erntest, wo du nicht gesät hast.‘

18. Da aber sagte der König zu ihm: ,Höre, aus deinem Munde richte ich dich! Du bist ein Schalk! So du wußtest, daß ich ein harter Mann sei und nehme, dahin ich nichts gelegt, und ernte, wo ich nichts gesät habe, – warum hast du denn mein Geld nicht in die Wechselbank gegeben, damit ich, so ich gekommen wäre, mein Geld wieder mit Wucher zurückerhalten hätte?!‘

19. Darauf sprach der König weiter zu denen, die als Diener bei ihm waren: ,Nehmet diesem trägen Schalk das Pfund ab und gebet es dem ersten, der schon zehn Pfunde hat!‘

20. Und die Diener sprachen zum Herrn: ,O König, der hat ja schon ohnehin zehn Pfunde! Wozu ihm noch dies eine Pfund überantworten?‘

21. Ich Selbst aber sage nun euch allen darauf: Wer da hat, dem wird noch mehr hinzugegeben werden, daß er es dann in der Fülle habe; wer da aber nicht hat, dem wird auch genommen werden, was er hatte. Die aber da nicht wollten, daß der König über sie herrsche, die haben gesündigt, und sie sollen darum erwürgt werden mit aller Nacht und Finsternis des Gerichtes und des Todes der Seele!

22. Siehe, du Mein Freund, so stehen die Sachen bei Mir unabänderlich! Wer da hat, dem wird noch viel mehr gegeben werden, daß er in der Fülle habe! Wer aber da nicht hat, dem wird auch das wenige Anvertraute genommen werden, und es wird dem gegeben, der da schon ohnehin viel hat.

23. Die vielen Berufenen aber, die auf die Stimme der Knechte nicht merken wollten und den Herrn des Lichtes und des Lebens nicht haben wollten, daß Er allbelebend über sie herrsche, die werden erwürgt werden durch die Nacht ihres eigenen Herzens; der faule Knecht aber wird lange darauf warten können, bis ihm wieder ein Pfund anvertraut wird.

24. Und nun sage du Mir, wie dir dieses Gleichnis behagt! – Bist du mit dem König einverstanden oder nicht?“

125. Kapitel. Des Magiers Zweifel über das Gleichnis von den Pfunden.

1. Sagte der Magier: „Herr, da bin ich nun auf einem Punkte, bei dem der Verstand einem Menschen die Dienste versagt und sich sogar dem Geduldigsten die Haare gen Berge zu sträuben anfangen! Du bist doch der König nicht, der da als ein Tyrann nimmt, dahin er nichts gelegt, und ernten will, wo er nicht gesät hat?! Denn mir kommt es nun vor, daß eben von Dir alles herstammt, und daß eben Du allenthalben gesät hast und darum auch überall nehmen und ernten kannst, weil alles Dein ist und auch Dein sein muß.

2. Daß die Frevler gezüchtigt werden, das finde ich ganz in der besten Ordnung; denn es ist da eben die göttliche Langmut unerträglich, durch die der Böse immer mehr Zeit und Raum für die Zustandebringung seiner Greuel gewinnt, während der ganz ordentliche Mensch in ein stets größeres Elend versinkt, am Ende allen Glauben verliert und genötigt ist, das ihm anvertraute Pfund im Schweißtuche seiner Not dem strengen und unbarmherzigen Herrn unbeschädigt und ehrlich wieder zurückzustellen. Ja, in solcher Hinsicht und Beziehung ist es freilich wohl besser, ein Berufener denn ein Knecht zu sein!

3. Es ist schon ganz recht, daß der tätige Knecht auch nach seiner Tat belohnt wird; aber daß der etwas trägere und furchtsamere Knecht für die unbeschädigte Rückgabe seines Pfundes ganz leer ausgehen muß, das kommt mir von Deinem Könige sehr hart vor!

4. Ich bin ein Menschenfreund und kann niemanden leiden sehen, besonders wenn er seine Leiden nicht als irgendein Erzbösewicht wohl verdient hat. Der Knecht mit dem einen Pfunde, der es im Schweißtuche wieder also dem Herrn anheimstellte, wie er es empfangen hatte, hat offenbar nicht die Einsicht und den Verstand des ersten gehabt, auch nicht einmal des zweiten, der mit dem einen Pfunde die fünf Pfunde gewonnen hat. Denn hätte auch er den gleichen Verstand gehabt, so hätte auch er zehn oder wenigstens fünf Pfunde gewinnen können; aber aus Mangel an Licht, an rechtem Verstande und am dazu geeigneten Mute hat er sich aus dem einen Pfunde nichts anderes zu machen getraut, als es seinem Herrn ganz unversehrt wieder zurückzustellen. Ich finde in diesem Handeln wahrlich noch nichts Verbrecherisches, und ich möchte Dich sehr fragen, was dann weiter mit diesem Knechte, den sein König einen Schalk nannte, geschehen ist.“

5. Sagte Ich: „Der blieb denn, was er ehedem war: ein ganz einfacher und gewöhnlicher Knecht, weil er aus sich heraus für eine höhere Dienstaufgabe keine Fähigkeit besaß! Denn auch ein Auserwählter bekommt nur gleich einem jeden andern Menschen die Fähigkeit oder das Talent, das er dann selbst auszubilden hat, damit sein freier Wille keinen Schaden leide.

6. Wer ein solches ihm verliehenes Talent mit allem Fleiße ausbildet, der hat dann auch den rechten Schatz, zu dem ihm noch immer mehr hinzugegeben wird; wer es aber nicht ausbildet und sich von seiner Trägheit nicht losreißen will, der hat es sich dann nur selbst zuzuschreiben, wenn er am Ende samt seinem im Schweißtuch aufbewahrten Pfunde noch dümmer wird als jene, die da nicht wollten, daß der König des Lichtes über sie herrsche.

7. Darin liegt dann der Grund, daß solche trägen Knechte nicht weiterkommen und die berufenen Diener in ihrer Nacht liegenbleiben und es für sie am Ende nichts Ärgeres geben kann, als wenn sie der Lärm des hellsten Tages aus ihrem trägsüßen Schlafe weckt. Oder sollte etwa die Sonne vorher Boten zu den Langschläfern senden und sie fragen, ob es ihnen angenehm sei, daß sie über die Berge heraufsteige?! Sieh, das wird die Sonne infolge der allgemeinen die Welten erhaltenden Ordnung ebensowenig tun, als es der König des Lichtes und des Lebens tun wird!

8. Wer das Pfund überkommt, der hat schier auch die Ordnung des Königs überkommen. Das Sich-danach-Richten liegt im freien Willen des Knechtes, und der König ist da nicht schuld an der Trägheit des Knechtes, sondern der Knecht selbst, weil der König des Lichtes es nur zu gut weiß, welche Fähigkeiten er einem Knechte verliehen hat. Und so ist da allzeit der König und nie ein fauler und träger Knecht in seinem wahren und durchaus nicht etwa eingebildeten Rechte.

9. Denke du nun darüber reiflich nach, fasse das Bild wohl auf und sage Mir dann, ob der König hernach noch ein unbarmherziger Tyrann ist! – Hast du Mich aber nun auch wohl verstanden?“

10. Sagte der Magier: „Ja, das o Herr, habe ich nun wohl verstanden, und Dein aufgestelltes Gleichnis hat dadurch eine volle Lichtseite erhalten, während es als ein pures Bild schwer zu verstehen war. Wer demnach irgendein besonderes Talent in sich verspürt, der soll es mit allem Fleiß ausbilden, und das einmal wie durch und aus sich selbst. Hat er das getan, so wird er das Weitere schon von dem Könige des Lichtes erhalten und wird sodann ein wahrer Lehrer vieler Menschen, die Du als Berufene bezeichnet hast, werden können. Denn wer einmal schon für sich ein rechter Lehrer war, der wird es dann auch für viele andere leicht werden und sein; wer aber schon für sich selbst träge war, der wird es dann auch um so mehr für andere sein, und er wird auch nichts haben, was er seine Nebenmenschen irgend lehren könnte, und es ist darum höchst wahr und richtig, daß dem, der da hat, noch vieles hinzugegeben wird, auf daß er dann in der Fülle habe. Wer aber nicht hat, dem wird auch noch das, was er hatte, genommen werden. Das ist mir nun völlig klar, – doch steckt dahinter noch ein gewisses Etwas, das mir noch nicht so recht einleuchten will, und ich nehme mir darum die Freiheit, vor Dir, o Herr, solchen meinen noch dunklen Anstand auszusprechen.

11. Siehe, es ist der rechte Fleiß und Eifer in allem Guten und Wahren eine nie genug zu lobende Tugend und die Trägheit ein Fundament aller möglichen Laster! Aber wer gibt einem Menschen den Fleiß und den Eifer und wer einem andern die Trägheit? Ich meine, daß weder das eine noch das andere vom Menschen selbst errungen, sondern ihm das nur von einer höheren, göttlichen Willensmacht gegeben werden kann.

12. Ich selbst habe mehrere Kinder und habe bei ihnen die Erfahrung gemacht, daß ein paar unter ihnen, und das mein ältester Sohn und eine Tochter, ohne mein Antreiben im Erlernen der Künste und Wissenschaften außergewöhnlich fleißig sind, während die anderen Kinder faul und träge sind und zum Lernen mit allem Ernste angehalten werden müssen. Es sind das ja doch Kinder von gleichen Eltern, haben alle eine gesunde Natur, genießen auch den gleichen Unterricht, und dennoch ist sowohl in ihren Talenten und noch mehr in ihrem Erlernungseifer ein großer Unterschied. Wo liegt denn da der Grund? An uns Eltern kann es nicht liegen, weil wir ein jedes unserer Kinder ganz gleich behandeln und keines irgend verzärteln; an unserer und der Kinder natürlichen Leibesgesundheit kann es auch nicht liegen, denn – nun Dir, o Herr, allen Dank! – wir sind vollkommen gesund und kräftig, und wir alle genießen auch stets die gleiche Kost: und doch diese sehr merklichen Unterschiede in ein und derselben Familie! Wie soll ich mir nun das erklären?“

126. Kapitel. Die allgemeine Vorbildung der Kinder.

1. Sagte Ich: „Nichts leichter als das, und das daraus, was Ich dir früher gezeigt habe, daß es nämlich unter den Menschen allerlei Unterschiede geben muß, damit einer dem andern notwendig wird und einer dem andern in diesem oder jenem dienen kann.

2. Wenn alle Menschen gleich fleißig wären und auch die gleichen Talente hätten, so würden sie sich gegenseitig bald völlig entbehrlich werden; aber so haben schon Kinder ein und desselben Elternpaares verschiedene Talente und verschiedene Fähigkeiten. Der Erzieher aber muß sie wohl beurteilen können und dann den Kindern auch nach ihren Talenten und Fähigkeiten den Unterricht erteilen, und sie werden dann alle dem rechten Ziele zugeführt werden.

3. Aber wenn du bei den verschiedenen Talenten und Anlagen deiner Kinder willst, daß sie zum Beispiel lauter Kleidermacher oder lauter Weber werden sollen, da wirst du freilich nur bei jenen einen rechten Fleiß und Eifer gewahren, die zu dem, was sie lernen, auch ein Talent haben. Die dafür wenig oder gar kein Talent haben, die werden dafür auch wenig Eifer zeigen. Solche Kinder werden, wenn sie später zu selbständigen Menschen werden, auch wenig Ersprießliches zum Wohle ihrer Nebenmenschen leisten, weil sie ohne das rechte Talent das mühsam Erlernte nie so recht gründlich und fertig innehaben können wie jene, die eben für das Erlernte schon von Geburt an ein rechtes Talent haben.

4. Also der Grund des größeren oder geringeren Eifers der Kinder liegt sonach – was mit Händen zu greifen ist – hauptsächlich bei den Eltern und anderen Lehrern der Jugend. Die Rebe bringt die Traube und der Feigenbaum die Feige als Frucht hervor, und beide Früchte schmecken süß; aber so du den Feigenbaum ebenso behandelst wie den Weinstock, da wird dir der Feigenbaum wenig Früchte tragen, und läßt du den Weinstock so unbeschnitten fortwachsen, wie da der Feigenbaum fortwächst, so wird der Weinstock bald verkümmern und dir wenig Trauben geben. – Hast du das nun wohl verstanden?“

5. Sagte nun der Magier: „O Herr, ich danke Dir für diese große und gar überherrliche Aufklärung! Ja, da kann der Mensch erst erkennen, wie blind und dumm er bei aller seiner angemaßten Weisheit ist! Was bildet sich so mancher Weltweise ein und sieht am Ende doch den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es liegt das dem Menschen, wenn er nur ein wenig die Augen aufmachen wollte, gar so nahe! Jedes Kind hat offenbar eine andere Gestalt; eins ist oft größer als ein anderes, das eine ist schroffer, ein anderes ganz sanft und zart, und so gibt es ja unter den Kindern ein und desselben Elternpaares gar große Unterschiede schon äußerlich. Welche Unterschiede wird es dann erst innerlich geben!

6. Sollten die äußeren Merkmale denn einem denkenden Menschen nicht genügen, nach ihrer Verschiedenheit auch auf die Verschiedenheit der im Menschen vorhandenen Talente und Fähigkeiten zu schließen, damit ein weise sein sollender Lehrer und Meister den Menschen auf seine Talente aufmerksam machen würde und ihm mit Rat und Tat behilflich wäre, die vorhandenen Talente auf eine edle und erfolgreiche Weise auszubilden? O nein, das genügt dem blinden Weisen, so wie ich selbst einer war und noch bin, durchaus nicht! Er will die Menschen alle gleich haben; sie sollen alle denken und handeln wie er und sollen sich willig Lasten aufbürden, zu deren Tragung ihnen die Kraft mangelt, und so werden die Menschen nicht selten statt zu wahren Weisen nur zu Narren gebildet, die weder sich noch jemand anderem einen Nutzen zu bereiten imstande sein können. Für diese Belehrung danke ich Dir, o Herr, nochmals aus dem tiefsten Grunde meines Herzens; denn diese werden wir zuerst bei unseren Kindern in eine sicher fruchtbare Anwendung bringen.“

7. Sagte hierauf Agrikola: „Ja, das ist wahrlich wahr eine Goldlehre, und auch wir Römer werden sie uns zunutze machen, und ich schon ganz besonders; denn fürs erste habe ich selbst Kinder, und fürs zweite werden die jungen Menschen, die ich von hier nach Rom mitnehme, ebenso gebildet werden, wie es mir ihre Talente zeigen werden. Natürlich muß eine gewisse Grundbildung bei allen gleich vorangehen als: das Lesen der Schriften, das Schreiben und das Rechnen, wie auch das Verstehen der Sprachen, die im ganzen römischen Reiche von den Menschen gesprochen werden; denn ohne diese notwendigen Vorkenntnisse läßt sich aus den Menschen nicht viel machen. Dann aber soll ein jeder Mensch nach seinem hervorragendsten Talente gebildet werden. – Herr, ist es recht also?“

8. Sagte Ich: „Allerdings; denn es müssen alle Menschen zuvor gehen, mit den Händen greifen, mit den Augen schauen und mit den Ohren hören können, bevor sie zu irgendeiner Verrichtung einer Tat fähig werden. Und so sind die gewissen von dir angezeigten Vorkenntnisse dem Menschen auch nötig, um mit ihrer Hilfe leichter zur wahren Lebensweisheit gelangen zu können. Aber es soll dabei dennoch wohl darauf gesehen werden, daß die Menschen diese Vorkenntnisse und ihre Erlernung nicht zur Hauptsache machen und nicht ihr Leben lang sich mit dem Studieren der Schriften und Sprachen abgeben und dabei die innere, geisterweckende Bildung vergessen, in der am Ende doch ganz allein aller Wert des Lebens besteht. Denn was nützte es einem Menschen, so er alle Schriften der Welt schreiben und verstehen und aller Menschen Zungen reden könnte, an seiner Seele aber Schaden litte?!

9. Daher suchet vor allem das Reich Gottes auf Erden, suchet es in euch, – alles andere wird euch dann schon mit dem Gottesreiche in euch gegeben werden; aber ohne dasselbe hat der Mensch – und besäße er auch alle Schätze der Erde und hätte die Wissenschaften aller Weltweisen in sich – soviel wie nichts.

10. Ein Besitzer des Reiches Gottes in seinem Herzen aber hat alles. Er hat alle, und zwar die höchsten und tiefsten Wissenschaften in sich und hat das ewige Leben und dessen Kraft und Macht, und das ist doch sicher mehr als alles, was die Menschen auf dieser Welt je als groß und wertvollst anerkannt haben.

11. Ihr werdet euch morgen in Emmaus alle überzeugen, was das heißt, ein vollkommener Mensch sein. Ich sage es euch: Ein wahrhaft vollkommener Mensch vermag mehr denn alle andern unvollkommenen Menschen auf der ganzen Erde.

12. Darum befleißiget euch vor allem, daß ihr vollkommene Menschen werdet! Seid ihr das, dann seid ihr alles und habt alles.

13. Aber das sage Ich euch auch, daß die Erreichung des Reiches Gottes nun Gewalt braucht. Die es haben wollen, müssen es mit Gewalt ordentlich an sich reißen; die das nicht tun werden, die werden es auch schwerlich hier auf Erden schon vollkommen in ihren lebendigen Besitz bekommen.“

127. Kapitel. Das Reich Gottes.

1. Sagte darauf der Magier: „O Herr, wie kann denn das geschehen, – wie kann der schwache und nichtige Mensch dem Reiche Gottes Gewalt antun und es ordentlich an sich reißen? Dann fragt sich's noch, wo das wahre Reich Gottes sich befindet, daß der Mensch es anfassen und an sich reißen kann!“

2. Sagte Ich: „Du hast nun in der kurzen Zeit von etlichen Stunden doch schon so manches vernommen und hast sogar Mich erkannt und weißt nun noch nicht, was das Reich Gottes ist, und worin es besteht?!

3. Die vollkommene Befolgung des erkannten Willens Gottes ist das wahre Reich Gottes in euch! Aber die Befolgung des erkannten Willens Gottes ist nun eben nicht so leicht, wie du dir das vorstellst; denn die Weltmenschen stemmen sich sehr dagegen und verfolgen die wahren Bewerber ums Reich Gottes. Darum muß derjenige, der das Reich Gottes sich völlig aneignen will, vor denen keine Furcht haben, die nur des Menschen Leib töten, aber der Seele nicht schaden können; der Mensch aber fürchte vielmehr Gott, der nach Seiner ewig unwandelbaren Ordnung auch die Seele in die Hölle verstoßen kann!

4. Wer Gott mehr fürchtet als die Menschen und trotz der Verfolgung, die ihm die Menschen antun können, den erkannten Willen Gottes tut, der ist es, der das Reich Gottes mit Gewalt an sich reißt; und wer das tut, der wird es auch unfehlbar überkommen.

5. Dazu aber kommt noch etwas, das da auch zur gewaltigen Ansichziehung des Reiches Gottes gehört, und das besteht darin, daß der Mensch sich in allen Dingen der Welt möglichst tief selbst verleugne, allen seinen Beleidigern von Herzen verzeihe, auf niemanden einen Groll oder Zorn habe, für die bete, die ihm fluchen, denen Gutes erweise, die ihm Übles antun, sich über niemanden erhebe, die dann und wann über ihn kommenden Versuchungen geduldig ertrage und sich enthalte von dem Fraße, Völlerei, Hurerei und Ehebruche. Wer das bei sich ausübt, der tut dem Reiche Gottes auch Gewalt an und reißt es mit Gewalt an sich.

6. Aber wer wohl auch Gott erkennt, Ihn über alles achtet und liebt und auch seinen Nächsten wie sich selbst, aber dabei doch die Welt auch achtet und fürchtet und sich nicht getraut, offen Meinen Namen zu bekennen, weil ihm das irgendeinen weltlichen Nachteil bringen könnte, der tut dem Reiche Gottes keine Gewalt an und wird es sogestaltig auf dieser Welt auch nicht völlig überkommen und dann jenseits noch manche Kämpfe zu bestehen haben, bis er vollendet wird.

7. Wer da nun weiß und glaubt, daß Ich der verheißene Messias bin, der muß auch das tun, was Ich lehre, gelehrt habe und noch fürder lehren werde, ansonst ist er Meiner nicht wert, und Ich werde ihm bei der Ausbildung seines inneren Lebens nicht sonderlich behilflich sein. Ich aber bin das Leben der Seele durch Meinen Geist in ihr, und dieser heißt die Liebe zu Gott. Wer sonach Gott über alles liebt und darum auch allzeit Seinen Willen tut, dessen Seele ist erfüllt mit Meinem Geiste, und dieser ist die Vollendung und das ewige Leben der Seele.

8. So aber da jemand Mich kennt, aber dabei dennoch die Welt fürchtet und bei sich sagt: ,Ja, ich erkenne den Messias wohl gar sehr und glaube heimlich an alles, was Er lehrt, und tue es auch; aber weil die Welt schon einmal also ist und man doch mit ihr leben muß, so lasse ich äußerlich vor der Welt nichts von dem merken, was ich in mir geheim bekenne, auf daß mir niemand etwas Arges nachreden kann!‘, der ist kein rechter Bekenner Meines Wesens und Namens und hat die wahre und ganz lebensvolle Liebe zu Gott noch nicht und wird sogestaltig in diesem Erdenleben schwer in sich die Fülle des Reiches Gottes überkommen; denn die Fülle des Reiches Gottes besteht ja eben in der höchsten Liebe zu Gott, und diese hat keine Furcht oder Scheu vor der Welt.

9. Wer Mich vor der Welt bekennt, so es not tut, den werde auch Ich bekennen vor dem Vater im Himmel; wer Mich aber nicht bekennt auch vor der Welt, wenn es not tut, den werde auch Ich nicht bekennen vor dem Vater im Himmel.“

10. Fragte hier sogleich der Magier, sagend: „Herr, wer ist denn Dein Vater, und wo ist der Himmel? Kannst denn auch Du als der Herr der Ewigkeit einen Vater haben?“

11. Sagte Ich: „Die ewige Liebe in Gott ist der Vater, und Seine unbegrenzte Weisheit ist der Himmel.

12. Wer Gott über alles liebt, der bekennt Gott und somit Mich vor aller Welt, und Ich bekenne auch ihn in Meiner Liebe, und darin besteht das wahre ewige Leben der Seele des Menschen. Und weil der Mensch eben durch solche lebendige Liebe zu Gott auch zur höchsten Weisheit gelangt und gelangen muß – solche aber ist der Himmel oder das Reich Gottes –, so hat der Mensch dadurch auch das Reich Gottes in sich überkommen, das ihm dann ewig nicht mehr wird genommen werden können. Solches habe Ich euch nun erklärt; behaltet es, schreibet es euch in eure Herzen und tuet danach, so werdet ihr das ewige und wahre Leben in euch haben! – Nun aber gönnet Mir eine kleine und kurze Ruhe, und überdenket das euch nun Gesagte und Gezeigte!“

128. Kapitel. Die Örtlichkeit der Himmel.

1. Hier trat dann eine allgemeine, aber nur kurz dauernde Ruhe ein. Aber bei so vielen Menschen kann eine längere Ruhe nicht leichtlich erzielt werden, besonders in einer Nacht, in der es allerlei zu sehen gibt, und so fingen die gewissen Judgriechen untereinander bald zu wörteln an, und ein jeder wollte Mich am besten verstanden haben.

2. Einer darunter sagte zu den Wortwechslern: „Höret! Wer da sagt, daß er des Meisters Worte und Lehren am besten verstanden habe, der hat Ihn am wenigsten verstanden; denn in Seinen Worten kam es auch vor, daß sich nicht einer über den andern erheben, sondern in allem demütig und bescheiden sein soll. Wer da aber zu seinem Bruder sagt: ,Siehe, das verstehst du nicht!‘ oder ,Das hast du unrichtig verstanden!‘, der erhebt sich ja gerade gegen die Lehre des Herrn über seinen Bruder und zeigt, daß eben er die Lehre schlecht oder gar nicht verstanden hat.

3. Etwas ganz anderes ist es, so einer zu seinem Bruder sagt: ,Höre, diese und jene Worte habe ich nicht so recht begriffen! Wie hast denn du sie aufgefaßt?‘ Wenn dieser nun in aller Liebe und Bescheidenheit dem Bruder sagt, wie er eine Sache aufgefaßt hat, so ist das dann sicher keine Erhebung des eigenen, helleren Verstandes über den des Bruders, sondern ein Werk der wahren Nächstenliebe. Aber mit euren Disputationen bin ich nicht einverstanden und kann es nicht sein.“

4. Auf diese recht gute Zurechtweisung hin wurde die Ruhe wieder hergestellt, und die Judgriechen sahen ein, daß der Redner ganz recht hatte, und sie konnten sich nachher um vieles leichter verständigen.

5. Die drei Magier hatten auch noch etwas, das ihnen nach Meiner Lehre nicht eingehen wollte, und das war die Örtlichkeit der Himmel; denn sie sagten: „Daß die volle Erkenntnis Gottes, Seines Willens und Seiner Liebe und Weisheit und das Leben und Handeln nach dem erkannten Willen Gottes in sich das Reich Gottes ausmacht, das ist nach der Lehre des Herrn nun wohl klar, wie auch, daß ein Mensch, der das alles in sich zustande gebracht hat, sich seiner Seele nach völlig im Reiche Gottes befindet und das ewige Leben hat und somit als ein vollendeter Mensch dasteht; aber wo ist der Ort, an dem sich die Seele befinden wird, wenn sie einmal entleibt wird?“

6. Der erste Magier wollte sich darum mit dieser Frage an Mich wenden.

7. Ich aber kam ihm zuvor und sagte: „Ich weiß schon, was euch drückt, und was du wissen möchtest! Das würdest du nun noch nicht fassen, weil deine Seele noch viel zuwenig von der Materie des Fleisches frei ist; wenn sie aber einiger wird mit dem Geiste Meiner Liebe in dir, dann wird dir schon dein eigener Geist zeigen die Örtlichkeit desjenigen Reiches, in dem deine Seele dann ewig in ihrer höchsten Freiheit leben, sein, schalten und walten wird. Aber dein Fleisch kann solches jetzt noch nicht fassen.

8. Wo bin Ich Selbst denn nun? Sieh, in der aus Mir Selbst erschaffenen Welt! Wenn du aber zur wahren, inneren Vollendung des Lebens gelangt sein wirst und dir der Leib als Mein Gericht oder als Mein dich zum Behufe des inneren Lebens ausbildendes Muß genommen wird, da wirst du dir dann gleich Mir alles aus dir erschaffen können und wirst gleich Mir in der Welt und Örtlichkeit leben und sein, die du dir aus dir selbst erschaffen haben wirst.

9. Daß sogar in deiner noch sehr materiellen Seele schöpferische Kraft wohnt, das kannst du ganz leicht deinen Träumen entnehmen. Denn wo ist denn die Welt, die du in deinen lebhaften Träumen bewohnst? Sie besteht nur in der Intelligenz und in dem Willen deiner Seele, die auch im Traume will, obwohl du am Tage in deinem Fleische die Sache mehr als etwas Zufälliges ansiehst. Überdenke das, und es wird in dir dann schon auch in dieser Hinsicht etwas heller werden! – Doch für diesen Tag ist nun Meine Arbeit zu Ende, und wir werden uns nun bis zum Morgen zur vollen Ruhe nicht ins Haus, aber in die gut hergerichteten Zelte begeben. Morgen werden dann erst größere Enthüllungen folgen.“

10. Mit dem erhob Ich Mich mit Meinen Jüngern. Wir nahmen ein Nachtlager in einem großen Zelte, und alles begab sich zur nächtlichen Ruhe.

129. Kapitel. Das jenseitige Wirkungsfeld der Apostel und der Kinder Gottes.

1. Wir ruhten in den Zelten alle recht gut, und der Morgen des werdenden Tages war ein heiterer. Ich und Petrus, Johannes und Jakobus machten uns schon eine gute halbe Stunde vor dem Aufgange der Sonne auf die Beine und machten unsere Betrachtungen über die aus ihrem Schlafe erwachende Natur. Die Vögel waren schon sehr geschäftig und begrüßten mit ihrem mannigfaltigen Gesange die bald aufgehende Sonne; im Osten prangten rosige, mit Goldrändern verbrämte Wölkchen; die Spitzen der Hochgebirge glühten, und im Jordantale lagen weiße Nebel, die sich nach und nach zu erheben begannen. Auch ein ganz wohlgeordneter Zug von Kranichen kam von Galiläa her, bog aber bald nach Westen um; denn der Geruch vom Toten Meere, das noch sehr gewaltig dampfte, zwang die sehr scharfsinnigen Lufttiere, sich nach Westen dem Meere zuzuwenden. Und so gab es noch mehrere, einen schönen Herbstmorgen begleitende Szenen und Erscheinungen, von denen die Längerschläfer nichts sahen, da dergleichen gewöhnlich nur der aufgehenden Sonne voranzugehen pflegt.

2. Johannes sagte, ganz entzückt über den herrlichen Morgen: „Herr, wird es dereinst in Deinen Himmeln auch solche herrliche Morgen geben?“

3. Sagte Ich: „Solche eben wohl nicht, aber noch unaussprechlich herrlichere und dauerndere; denn diesen Morgen kannst du nicht verlängern, – der himmlische aber kann und wird ein ewiger sein. Denn Ich sage es euch, was Ich euch schon oft gesagt habe: Kein fleischlich Auge hat es je geschaut und kein Herz empfunden, was Gott denen, die Ihn lieben, alles für Seligkeiten bereitet hat. Ihr würdet in diesem eurem irdischen Zustande auch nicht eine kleinste zu ertragen vermögend sein; aber wenn einmal Mein Geist euch ganz durchdrungen haben wird, dann werdet ihr schon vermögend sein, auch den Morgen Meiner Himmel mit überschwenglicher Wonne zu ertragen!“

4. Sagte Johannes: „Herr, werden wir auch im Himmel diese Erde zu sehen bekommen?“

5. Sagte Ich: „Nicht nur diese, sondern endlos viele andere auch noch; denn ihr als Meine Kinder und dem Fleische nach Brüder werdet die ganze unendliche Schöpfung mit Mir zu regieren überkommen und werdet das offenbar sehen müssen, was ihr regieren werdet!“

6. Sagte noch Johannes: „Herr, was für Geister, als von Dir aus beordert, regieren denn jetzt die Unendlichkeit Deiner Schöpfungen? Der Haupt- und Urregent bist offenbar Du; aber an Deiner Seite stehen gleich unserem Raphael zahllose Legionen mächtigster Engel. Sind diese es, die Dir in der Besorgung Deiner endlosen Schöpfungen dienen nach Deinem Willen, oder gibt es noch endlos viele andere? Was werden die dann machen, so dereinst wir die Gnade haben werden, an Deiner Seite die unendliche Schöpfung mit zu besorgen?“

7. Sagte Ich: „O du Mein liebster Johannes, du bist noch schwach und so recht kindisch in den Dingen des Reiches Gottes! Ist denn nicht der Geist Meines Vaters, der in Mir ist, der Regent der Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Alle die Engel sind erfüllt von diesem Geiste, der überall alles in allem ist und sein muß! So ihr vollendet sein werdet, werdet ihr etwa durch einen andern als nur durch Meinen Geist vollendet werden können?!

8. Seht, es gibt wohl eine endlose Menge der geschaffenen Seelen; aber alle vollendeten Seelen durchdringt nur ein Geist, und sie haben durch ihn das ewige Leben, die Weisheit, die Liebe, die Macht und die Kraft, durch die sie dann gleich wie Ich wirken in den Himmeln, wie als Mitleiter der Welten und ihrer Geschöpfe in den materiellen und endlosen Raumgebieten.

9. Doch das alles und noch endlos vieles andere wirst du erst dann einsehen und klar begreifen, wenn du vollendet sein wirst, was bald nach dem geschehen wird, wenn Ich von dieser Welt aufgefahren sein werde in Mein völlig Göttliches und auch in euer Göttliches oder zu und in Meinen Gott und zu und in euren Gott.

10. Denn Ich Selbst muß zuvor völlig in Mir als in Gott als dem Vater von Ewigkeit sein, damit Ich euch dann Meinen Geist senden und geben kann. Wenn der kommen wird, so wird er euch erst in alle für euch jetzt noch unbegreiflichen Wahrheiten leiten, und ihr werdet dann das und noch Größeres tun, als was Ich Selbst nun tue. Wie aber das möglich sein wird, das wird euch eben Mein Geist, der eure Seelen verklären wird, lehren.

11. Nun aber fangen auch die andern hier Anwesenden an, sich zu regen und werden sich auch bald auf die Beine machen, und die Sonne taucht soeben über den Horizont herauf; darum verhalten wir uns nun ein wenig in der Ruhe und betrachten die Erscheinungen, die sich bei Gelegenheit der aufgehenden Sonne zwar oftmals zu ereignen pflegen, aber dabei doch den Charakter der Neu- und Seltenheiten in sich tragen wie kaum eine andere Erscheinung in der Natur dieser Erde!

12. Da von unten herauf kommen auch schon die drei Magier, die in der Nacht, als wir uns zur nötigen Ruhe begeben hatten, sich dennoch hinab zu den Ihrigen in die Stadt begeben und ihnen noch ein paar Stunden lang von dem erzählt haben, was sie hier alles gesehen, erfahren und gehört haben. Die drei Menschen werden uns heute gegen etliche blinde Pharisäer, die heute nachmittag als ungeladene Gäste von Jerusalem nach Emmaus kommen werden, noch ganz gute Dienste leisten und werden mit dem vollkommenen Menschen aus dem tiefen Hinterägypten ganz gute Freunde werden. Doch nun eine kleine Ruhe!“

13. Wir verhielten uns nun ganz ruhig, und die anderen Gäste wurden immer wacher und unruhiger.

130. Kapitel. Der Abzug nach Emmaus.

1. Es kam nun auch unser Lazarus in Gesellschaft Raphaels aus dem Hause. Er ging nun gleich auf uns zu und wollte reden; aber Raphael gab ihm einen Wink und sagte, daß Ich noch ein wenig ruhen wolle. Da hielt Lazarus inne und wartete ab, bis es Mir genehm sein würde. Aber es dauerte Meine Ruhe nur noch etliche Augenblicke, und Ich berief dann Selbst den Lazarus zu Mir und sagte zu ihm ganz einfach, daß er nun vor allem für ein gutes und ganz reines Morgenmahl Sorge tragen möge. Solches tat er auch auf der Stelle und setzte sein ganzes Haus in vollste Bewegung. Es dauerte natürlich keine volle Stunde, und das Morgenmahl war bereitet.

2. Raphael hatte ihn bei dieser Gelegenheit sehr unterstützt, doch diesmal auf eine viel natürlichere Weise denn sonst, und so ging es Lazarus auch schneller vonstatten als sonst irgendwann, da er ganz auf dem natürlichen Wege solch ein bedeutendes Mahl herstellte.

3. Doch ganz auf dem übersinnlichen Wege durfte das heute der Magier wegen nicht geschehen, da sie nun auf alles ein scharfes Auge richteten, wo sie merkten, daß die Sache irgend hintergründlich von Mir ausgehen dürfte.

4. Als sich das Morgenmahl in der besten Ordnung auf den Tischen befand, da kam der Wirt des Lazarus und winkte ihm, daß das Morgenmahl bereits auf den Tischen stehe.

5. Lazarus aber gab Mir den Wink; aber Ich sagte zu ihm: „Bruder, das hätte Ich auch ohne deinen Wink verstanden; aber es war der Wink dennoch gut der Fremden wegen, und so erheben wir uns und gehen ins Haus, um das Morgenmahl einzunehmen!“

6. Als Ich das gesagt hatte, erhob Ich Mich denn auch sogleich mit den drei vorbenannten Jüngern, ging in den großen Speisesaal, und alle Anwesenden folgten auf den Ruf des Lazarus Meinem Beispiel.

7. Einige Meiner Jünger meinten unter sich, was Ich denn heute etwa doch vorhaben möge, daß da nun alles so mit einer gewissen Eile vor sich gehe. Doch sie bekamen auf solche leeren Fragen von Mir durchaus keine Antwort, – kurz, Ich saß am Tische, aß und trank und gab niemandem eine Antwort auf was immer für eine Frage.

8. Als Ich bald mit dem Morgenmahle fertig war, da fragte Mich denn auch unser Agrikola, sagend: „Aber, Herr und Meister, ich begreife Dich heute gar nicht! Sonst warst Du stets so gelassen und geduldig, doch heute geht bei Dir alles mit einer solchen Hast vor sich, daß Du Dir gar nicht einmal die Zeit nimmst, Dein Morgenmahl mit Deiner mir schon bekannten Ruhe zu genießen! Was hast Du denn heute so ganz eigentlich vor?“

9. Sagte Ich: „Ich habe es euch ja doch schon gestern gesagt, daß Ich heute bei Nikodemus in Emmaus sein will und aus Mir allein bekannten Gründen auch sein muß. Aber es ist der Weg dahin für so viele, wie wir nun da beisammen sind, ein wenig beschwerlich; denn wir dürfen aus klugen Rücksichten nur auf verschiedenen Wegen in Gruppen von höchstens zehn Personen dahin gehen. Ziehen wir auf einmal in einer Karawane dahin, so wird das den Templern bald verraten, und Ich bin gestört, heute das zu wirken, was Ich zu wirken habe. Ich werde darum mit Meinen Jüngern, aber nur mit den dreien, vorausgehen, und das auf einem ganz ungewöhnlichen Wege, um von diesen Templern sicher nicht bemerkt zu werden; ihr aber teilet euch in Gruppen ab, wie Ich es euch angezeigt habe, und ziehet auf verschiedenen Wegen dahin, und nach Verlauf von zwei Stunden sind wir alle im Hause des Nikodemus beisammen.

10. Ich wiederhole es euch allen noch einmal und sage: Seid klug wie die Schlangen, aber dabei im Herzen dennoch sanft wie die Tauben; denn da unten haust eine wahre Schlangenbrut und ein Natterngezüchte, und die müssen mit ihresgleichen gebändigt werden! Verstehet und begreifet das alle wohl, und richtet euch alle danach, und ihr sollet heute einen segenvollsten Tag durchlebt haben zum größten Segen für eure Seelen! Aber Ich werde nun sogleich abgehen. Mit Mir gehen Petrus, Jakobus und Johannes. Mein Diener Raphael und Lazarus aber geleiten unsere Sklavenjungen dahin. Wenn ihr drei Indier nun auch gleich mit Mir gehen wollet, so könnet ihr euch gleich auf den Weg machen!“

11. Als die drei solches vernahmen, standen sie freudigst von ihren Sitzen auf und machten sich mit Mir sogleich auf den Weg.

12. Als Agrikola das sah, fragte er Mich, ob es etwas ausmache, so auch er gleich mit Mir nach Emmaus zöge; die anderen Römer aber würden allein dahin eines andern Weges gehen.

13. Sagte Ich: „Wie es dir genehm ist; aber dann ist unsere Anzahl auch schon groß zur Genüge.“

14. Darüber hatte Agrikola eine große Freude.

15. Wir gingen nun sogleich ab, zogen vom Ölberge hinab und befanden uns bald auf der großen nach Emmaus führenden Straße, die an diesem Tage als an einem Freitage sehr wenig begangen ward.

131. Kapitel. Auf dem Wege nach Emmaus.

1. Als wir Jerusalem völlig hinter dem Rücken hatten und nahe an die Säule gekommen waren, die von Raphael dahin gestellt worden war, da begegneten uns zwei arme Menschen, die nach Jerusalem gingen, um sich dort ein Almosen zu erbetteln. Von diesen beiden war der eine stockblind, der andere aber war sehend und führte den Blinden. Beide aber sahen sehr elend aus und baten uns, ob wir nicht geneigt wären, ihnen ein Almosen zu geben; denn sie seien gar sehr arm und elend.

2. Sagte Ich zu ihnen: „Saget Mir: Was wäre euch denn lieber, Gesundheit und Kraft, daß ihr dann anstatt des Bettelns wieder arbeiten und euch euer Brot verdienen könntet, oder: wir geben euch ein angemessenes Almosen?“

3. Sagten beide: „Herr, wir kennen dich nicht! Wenn du imstande wärest, uns das erste zu geben, so wäre uns das um gar vieles lieber; aber weil das wohl sicher ganz unmöglich ist, so bitten wir euch denn doch um ein Almosen nach eurem Belieben.“

4. Sagte Ich: „So ihr glauben könntet, da wäre bei euch wohl auch das erste möglich!“

5. Sagte der Blinde: „Daß bei Gott alle Dinge möglich sind, das wissen und glauben wir beide; aber Gott wirket nun keine Wunder mehr, weil die Menschen zu schlecht und boshaft geworden sind, vom Hohenpriester angefangen bis auf uns herab. Denn Gottes Gebote hat man verworfen und andere, schlechte und elende, dafür gemacht und gegeben; sind aber die Gesetze schlecht, so werden auch also die Menschen, die die schlechten Gesetze beachten müssen, schlecht, – denn wie die Lehre, so der Glaube und so auch die Erkenntnisse der Menschen. Die Menschen haben sonach Gott verworfen und verehren nun wieder das goldene Kalb, und so hat sie auch Gott verworfen und wird bald über sie ein böses Gericht ergehen lassen; denn dieser mein Führer, der sehend ist, hat mir die Zeichen der vorgestrigen Nacht beschrieben, und diese deuteten wahrlich auf nichts Gutes für die von Gott völlig abgefallenen Menschen. Und so siehe, du nach deiner Stimme freundlicher Mann, wie Gott nun in dieser bösen Zeit wohl sicher gar keine Wunder mehr wirken mag, kann und will!“

6. Sagte Ich: „Mensch, du hast zwar das Licht deiner Augen schon vor zehn Jahren durch die Bosheit deines eifersüchtigen Nachbarn verloren, wie auch durch seine bösen Ränke dein Hab und Gut, doch das Licht deines Herzens hast du wohl bewahrt, und so sollst du nun auch das Licht deiner Augen wieder erhalten! Ich will, daß du wieder sehest und deine volle Körperkraft besitzest!“

7. In diesem Augenblick ward der Blinde vollkommen sehend und hatte auch seine volle Manneskraft wieder. Er war aber derart überrascht, daß er sich kaum zu fassen imstande war.

8. Nach einigen Augenblicken fiel er vor Mir auf die Knie nieder und sagte mit sehr gerührter, aber doch männlicher Stimme (der geheilte Blinde): „Herr, wer du auch sonst seiest, das weiß ich nicht; aber daß du mich nun sehend gemacht hast, das weiß ich! Dazu aber gehört mehr, als nur ein Arzt nach unserer Menschenweise zu sein. Du hast keiner Salbe benötigt, rührtest meine Augen auch mit gar keinem Finger an, sondern du wolltest bloß, und ich ward sehend. Herr, das heißt soviel als: mit dem Geiste Gottes gleich den alten und größten Propheten erfüllt sein! Ja, Herr, du hast mir nun das wunderbar getan; was soll ich dir aber als ein Armer entgegentun?“

9. Sagte Ich: „Sonst nichts als: Halte die Gebote Gottes, und gehe hin und arbeite, bleibe im Lande, und ernähre dich redlich! Und du, sein gewesener Führer, tue desgleichen, und werde darum kräftig und gesund!“

10. Auch dieser, der etwas lahm war, fühlte sich plötzlich völlig gesund und kräftig, dankte Mir auch auf den Knien und fragte Mich dann, sagend (der geheilte Lahme): „Herr, du wunderbar großer Prophet, da du so Wunderbares wirkest und wohl gewußt hast, wie mein Gefährte um sein Augenlicht gekommen ist, so wirst du uns auch anzeigen können, wohin wir uns nun wenden sollen, um gegen einen mäßigen Lohn eine Arbeit zu bekommen; denn es ist bei diesen Zeiten nun schwer, bald irgendwo eine Arbeit zu bekommen!“

11. Sagte Ich: „So ziehet nach Bethania zu Lazarus, und saget seinen nun allein daheim seienden beiden Schwestern, was euch begegnet ist, und daß Ich euch hinsende, und ihr werdet darauf sofort aufgenommen und bedienstet werden! Nun aber erhebet euch und tut, was Ich euch geraten habe!“

12. Darauf dankten die beiden noch einmal, erhoben sich vom Boden und zogen weiter.

13. Auf dem Wege nach Bethania berieten sie sich sehr über Mich, wie auch über die, welche mit Mir waren, wer etwa doch Ich, und was und wer die andern wären. Von Mir hielten sie, daß Ich ein großer Prophet, etwa der wiedergekommene Elias sei. Doch über das sehr charakteristische Was-sein Meiner Gefährten kamen sie nicht ins klare und verschoben alles auf die Ankunft in Bethania.

14. Ich aber hatte nun eine rechte Not mit den drei Magiern; denn für sie war das das erste Zeichen, das sie Mich wirken sahen.

15. Und der erste Magier sagte: „Herr, nun sehe ich, daß Du ein Gott sein mußt; denn solch eine Tat ist allein nur einem Gott möglich!“

16. Ich aber sagte auf dem Wege nach Emmaus: „Seid ruhig doch, ihr redet nun also, dieweil ihr nicht wisset, was im Menschen ist; doch in Emmaus werdet ihr heute das schon noch näher kennenlernen!“

17. Da fragten die drei um nichts Weiteres.

132. Kapitel. Jesus und die Bettlerin.

1. In der Nähe von Emmaus kam uns wieder eine Bettlerin entgegen und fing an, ganz jämmerlich zu schreien, daß sie, wie wir sähen, eine höchst arme Witwe und Mutter von zwei Kindern sei, die sie schwer auf ihren Armen, von Ort zu Ort bettelnd, herumtragen müsse, um doch so viel Almosen zu bekommen, um sich und den zwei Kindern nur die allernotdürftigste Nahrung zu verschaffen. Wir möchten sie doch nicht unbeteilt weiterziehen lassen.

2. Sagte Ich zu ihr: „Aber warum schreist du denn gar so unbändig? Wir sind ja nicht taub und können dir auch dann etwas tun, wenn du bescheidener und stiller deine Bitte vorbringst!“

3. Sagte das Weib: „Herr, das habe ich auch getan; aber es sind nun bei den meisten Menschen die Herzen steinhart und taub geworden und achten der Bescheidenheit der Armut nimmer. Nur mit einem lärmenden Ungestüm schreckt man manchmal doch noch jemandem ein karges Almosen heraus, und das ist der Grund, warum ich meine Bitte an euch so laut vorgebracht habe.“

4. Sagte Ich: „Du gefällst Mir als eine wirklich Arme zwar wohl, aber so ganz recht doch noch lange nicht, und das darum, weil dir das Herumbetteln lieber ist als das Arbeiten. Denn siehe, du hast noch lange keine dreißig Jahre Alters, bist stark und gesund und könntest wohl noch arbeiten und dir und deinen Zwillingen das Brot erwerben; aber dir gefällt das Betteln besser als das Arbeiten, und so hast du dich in dein Gewerbe ganz gut einstudiert, um den gewöhnlichen Weltmenschen ein Almosen herauszulocken. Aber bei Mir gelten jedoch derlei Armutsanzeigekünste gar nichts, sondern ganz allein nur die lichte Wahrheit. Zudem muß Ich dir aber noch etwas sagen!“

5. Sagte das Weib: „Na, mein bester Freund, da wüßte ich wahrlich nicht, was du mir noch zu sagen hättest!“

6. Sagte Ich mit einer freundlich ernsten Stimme: „O Meine Liebe, wohl noch so manches und recht vieles! Ich will dir zwar helfen, wenn du dich besserst und von deinem Sündigen ablässest, – tust du aber das nicht, so helfe Ich dir auch wahrlich nicht! Und würdest du noch hundertmal ärger schreien, als du diesmal geschrien hast, so würde Ich dich doch nie mehr anhören! Verstehe Mich ja wohl, was Ich dir nun sagen werde!

7. Sieh, du trägst auf dem Rücken ein Bündel! Was ist darinnen verborgen? Sieh, da hast du ein ganz schönes Kleid aus persischer Seide, das dich ein Pfund reinen Silbers gekostet hat, zur Zeit, als du noch vermögend warst! Wenn du in eine Herberge kommst, da legst du deine Zwillinge zur Ruhe, ziehst dann das schöne Kleid an, erscheinst dann als ein sehr reizendes und üppiges Weib und suchst dich als eine Fremde an jemanden zu verkaufen. Wenn aber dann der neue Tag erwacht, dann siehst du wieder gerade so aus wie jetzt und schreist alle Menschen um ein Almosen an. Sage nun selbst, ob das vor Gott und den Menschen je recht sein kann! Ich verdamme dich aber darum noch nicht, sondern Ich frage dich um dein ganz eigenes Urteil. Rede! Was kannst du Mir darauf erwidern?“

8. Auf diese Meine Anrede ward die unverschämte Bettlerin ganz verlegen und wußte nicht, was sie darauf hätte erwidern sollen.

9. Nach einer kleinen Weile der Fassung ihres etwas schlüpfrigen Gemütes sagte sie (die Bettlerin): „Aber, Herr, ich habe dich noch nie gesehen oder irgendwo gesprochen! Wie kannst du wohl darum wissen? Ich muß bei dir nur durch ein paar geheime, eben bei dir seiende Kundschafter verraten worden sein! Ja ja, es ist wohl leider also; aber was kann eine arme, verlassene Witwe darum, wenn sie manchmal in der Not sich zu Sachen herbeiläßt, die freilich vor Gott nicht in der Ordnung sein können? Aber darum ist die arme Witwe in meiner Person auch noch lange nicht schlecht; denn man sehe sich die Weiber der Pharisäer, der Schriftgelehrten und auch sogar der Leviten an, die doch vor Gott stets alle rein sein sollen, und man wird ganz andere Gründe bekommen, sie zurechtzuweisen denn mich, die ich oft von der Not derart geplagt werde, wie du dir nicht leichtlich einen Begriff machen kannst! Übrigens gestehe ich das ganz offen ein, daß du über mich die volle Wahrheit geredet hast; doch hilf mir, und ich werde wohl niemals mehr zu solch elenden Erhaltungsmitteln meine Zuflucht nehmen! Freund, richten und auch strafen ist leicht; aber helfen will niemand!“

10. Sagte Ich: „Wahrlich, Ich will dich weder richten und noch weniger strafen, obwohl Ich sehr die Macht dazu hätte; aber es ist an dir der Fehler, daß dir die etwas schwerere Arbeit nicht ebenso schmeckt wie solch ein mehr liederliches und bestimmungsloses Leben! Und darin liegt hauptsächlich der Grund, daß du nun so arm und dürftig bist, und Ich habe dir das eben darum vorgehalten, daß du dich einmal ernstlich bessern sollst; denn so unschlüssigen Gemütern hilft Gott nicht. Hast du denn Gott noch nie so recht ernstlich und vertrauensvoll gebeten, daß Er dir helfen möge?“

11. Sagte die Bettlerin: „Ach, Freund, höre mir mit dem tauben und unbarmherzigen Gott der Juden nur gleich auf; denn eher erhört unsereins noch ein Stein als dein Gott! Wenn ich zu den oft noch so unbarmherzigen Menschen um ein Almosen schreie, so werden sie auf mich doch aufmerksam und schenken mir irgendeinen Zehrpfennig; aber dein Gott ist ja tauber denn ein Stein!“

12. Sagte Ich: „O mitnichten, das ist Gott durchaus nicht; aber du hast Gott noch nie irgend recht erkannt, an Ihn nicht geglaubt und Ihn noch weniger je geliebt und hast dich darum auch nie ernstlich mit einer rechten Bitte an Ihn gewandt, daß Er dir helfe aus deiner Not. Gott aber hat dich eben darum mit der Not heimgesucht, damit du in der Not Gott suchen sollst; und wo du es am wenigsten denkst, kommt dir Gott entgegen, um dir wahrhaft zu helfen, – und dennoch sagst du, daß Gott härter und tauber sei denn ein Stein!

13. Sieh, da tust du Gott ein Unrecht an, und Er richtet dich darum dennoch nicht, sondern Er will dir wahrhaft helfen – leiblich und seelisch –, damit du nicht zugrunde gehest für immerdar auch an deiner Seele!

14. Als du noch ledigen Standes warst und deine Eltern noch lebten, da warst du ein recht braves und auch recht gläubig gottesfürchtiges Kind, und Gott und deine Alten hatten eine rechte Freude an dir. Du wurdest reif, und ein recht braver Mann freite um dich und nahm dich zum Weibe. Doch als Weib warst du nur zu bald nicht mehr das, was du ehedem als Mädchen warst.

15. Deinen Mann liebtest du nicht, wurdest auch gegen deine Eltern hart und machtest ihnen Vorwürfe, weil sie dich einem Manne zum Weibe gaben, den du nicht lieben konntest. Dadurch härmten sich deine schon ohnehin alten und kranken Eltern so sehr ab, daß sie starben. Du warst dann noch schroffer gegen deinen Mann, so daß er dadurch auch zu siechen begann, sich dem Trunke ergab, dadurch auch in Verarmung kam, in eine Krankheit fiel und starb, und du wurdest dadurch eine arme Witwe.

16. Diese drückende Armut aber ließ Gott darum über dich kommen, weil du fürs erste das Gebot Gottes brachst, das da den Kindern gebietet, daß sie ihre Eltern ehren und lieben, damit sie lange leben und es ihnen wohl gehe auf Erden, und fürs zweite, weil du den dir von den Eltern bescherten braven Mann nicht liebtest und ihm eine bittere Stunde um die andere bereitetest.

17. Seitdem ist nun schon ein Jahr verflossen, und du hast noch nicht daran gedacht, deine Fehler einzusehen und zu bereuen und Gott um Vergebung derselben zu bitten. Und dennoch sagst du, daß Gott härter und tauber sei denn ein Stein und Sich des Menschen nicht erbarme, wenn dieser auch noch so anhaltend zu Ihm bete. – Nun, was meinst du jetzt über die Unbarmherzigkeit Gottes?“

18. Sagte ganz zerknirscht die Bettlerin: „Herr, wer du auch sein magst, dich hat wahrlich Gott mir entgegengesandt! Du hast mir nun ein rechtes Licht angezündet, und ich weiß nun, was ich tun werde: Dies elende Kleid in meinem Bündel werde ich verkaufen und mir um Geld ein Büßergewand kaufen; denn bis ich nicht solche meine Sünden werde abgebüßt haben, kann Gott von mir keine Bitte erhören!“

19. Sagte Ich: „Das Bußkleid wird deine Sünden nicht tilgen; aber dein Seidenkleid kannst du schon verkaufen und dir dafür Brot anschaffen. Dein Bettelgewand ist ohnehin schon ein mehrfaches Bußkleid; bereue du nur in ihm deine Sünden und enthalte dich von künftigen, so werden dir auch deine alten, die du nicht mehr ungeschehen machen kannst, von Gott schon vergeben werden!“

20. Sagte die Bettlerin: „Sage mir, du Freund, aber nun auch, wer du bist, daß du meinen Lebenslauf gar so genau zu erkennen vermochtest! Sage mir aber auch hinzu, was ich tun soll, damit mir von Gott meine Sünden vergeben werden! Bist du etwa ein Priester oder irgendein Prophet oder etwa gar ein Essäer, von denen die Rede ist, daß sie von jedem Menschen, der zu ihnen kommt, genau wissen, was er getan und gemacht hat, daß sie den Menschen auch von allen seinen Sünden lossprechen, die Kranken heilen und sogar die Toten erwecken können? Ich möchte das darum wissen, damit ich dir die gebührende Ehre geben kann!“

21. Sagte Ich: „Dessen bedarf Ich von dir nicht! Tue du nur das, was Ich dir geraten habe, so wirst du Mich dadurch am besten ehren, sei Ich dann, was Ich sei! Und nun ziehe in Frieden weiter!“

22. Hier bedankte sie sich für die Lehre; darauf beschenkten sie unser Agrikola und auch die drei Magier, und sie zog gen Jerusalem. Wir aber gingen auch weiter und kamen den Mauern von Emmaus nahe.

133. Kapitel. Die Bettelkinder aus Emmaus.

1. Als wir uns nahe dem Eingangstore befanden, da kamen uns aus dem Orte sieben beinahe ganz nackte Kinder von sechs bis elf Jahren Alter entgegen und baten uns um Brot, weil sie gar sehr hungrig seien.

2. Ich aber sagte zu ihnen: „Ja, ihr Meine lieben Kleinen, woher sollen wir da auf offener Straße Brot nehmen, um es euch zu geben?“

3. Sagte das älteste Kind, ein Knabe: „O du lieber, guter Vater, wenn du dich unser nur erbarmen wolltest, so könntest du uns schon auch hier ein Brot und auch ein Gewand verschaffen! Im Orte gibt es Brot in großer Menge; aber so wir zu jemandem gehen und um Brot bitten, so treibt er uns mit Ruten weg und gibt uns kein Brot. Aber du und diese, die mit dir sind, sehen so gut aus, und so bitten wir euch, daß ihr uns Brot verschaffen möchtet!“

4. Sagte Agrikola: „Meine lieben Kleinen, habt ihr denn keine Eltern, die euch Brot geben?“

5. Sagte der Knabe: „Eltern haben wir, einen Vater und auch eine Mutter; aber sie sind beide sehr krank und können sich nichts verdienen, und so müssen wir für uns und für sie herum bitten gehen, damit wir und sie nicht ganz verhungern. O ihr lieben Väter, es ist wohl sehr traurig, gar so arm zu sein! Keine Wohnung, kein Brot und keine Kleidung!“

6. Sagte Agrikola: „Wo halten sich denn eure kranken Eltern dann auf, wenn ihr keine Wohnung habt?“

7. Sagte der Knabe: „Dort hinter dem Orte steht eine alte Schafhirtenhütte, die einem Bürger von hier gehört; der benützt sie nicht mehr, weil er sich eine neue erbaut hat, und er hat uns erlaubt, die alte zu bewohnen. Kommet nur mit uns und überzeuget euch selbst von unserer großen Not!“

8. Sagte wieder Agrikola: „Aber es wohnt hier ja ein gewisser Nikodemus, der ein guter Vater sein soll! Waret ihr noch nie bei ihm?“

9. Sagte der Knabe: „Ja, den kennen wir wohl und haben schon viel Gutes von ihm gehört; aber wir getrauen uns nicht hin, weil er ein gar zu hoher und großer Herr ist. Es befinden sich noch mehrere so große Herren hier, die sicher auch recht gute Väter sein werden; aber es nützt uns das nichts, weil wir uns nicht zu ihnen zu gehen getrauen.“

10. Sagte Agrikola: „Ja, wir könnten ja auch große Herren sein, und ihr habt euch dennoch getraut, uns anzureden!“

11. Sagte der Knabe: „Dazu hat uns der große Hunger getrieben und weil ihr ein sehr mildes und barmherziges Aussehen habt! Wenn wir den Nikodemus nur einmal auch auf der Straße antreffen könnten, so möchten wir ihn schon auch anreden; aber er ist ja meistens in der Stadt, und da wissen wir seine Wohnung nicht und getrauen uns in unserer Nacktheit auch nicht in die Stadt, denn es könnte uns darin ein Leid geschehen.“

12. Sagte Ich zu den Kindern: „Seid getrost, Meine Kleinen, es soll euch geholfen werden! Führet uns aber nun zu euren kranken Eltern hin! Ich werde ihnen helfen, und wir werden auch für Brot und für eine rechte Bekleidung sorgen!“

13. Sagten alle Kinder: „Wir haben zu Gott gebetet alle Tage, daß Er uns helfen möge, und als wir heute morgen wieder gebetet haben, da kam es uns vor, als ob wir eine Stimme vernommen hätten, die da sagte: ,Heute noch soll euch geholfen werden!‘ Das erzählten wir den kranken Eltern, und diese sagten: ,Bei Gott ist alles möglich; doch uns wird nur der Tod am sichersten helfen!‘ Wir vertrösteten unsere armen Eltern, so gut wir nur immer konnten, und gingen auf unser Betteln aus. Und seht, ihr lieben, guten Väter, wir haben nicht umsonst gebetet, denn euch hat der große, heilige und liebe Vater im Himmel zu uns geschickt! Oh, wir müssen aber nun gleich, bevor wir noch einen Schritt zurück zu unseren Eltern tun, dem lieben Vater im Himmel danken, daß Er Sich unser so gnädig erbarmt hat!“

14. Hier knieten die Kleinen nieder und beteten mit aufgehobenen Händen also zum Himmel empor: „O Du großer, lieber, guter und heiliger Vater im Himmel, wir danken Dir, daß Du uns in diesen uns von Dir zugesandten Vätern aus unserer Not geholfen hast! Nimm diesen unsern Dank gnädig an, o Du lieber, guter, heiliger Vater!“

15. Danach standen sie auf und baten uns, ihnen folgen zu wollen.

16. Wir gingen, selbst tief gerührt von dem kurzen Dankgebet der Kleinen, ihnen nach und erreichten bald die vorbezeichnete Hütte, die sich unter einem stark vorspringenden Felsen befand. Allda angelangt, fanden wir die beiden Alten auf dem blanken Boden zusammengekauert und beinahe bis auf die Knochen abgemagert.

17. Als Agrikola diese zwei Menschen im größten Elend ersah, ward er ganz erregt und sagte: „Nein, so etwas findet man bei uns als hart und unbarmherzig verschrienen Heiden nicht! Hätten denn diese trägen Juden nicht so viel Zeit, sich dann und wann herauszubemühen und nachzusehen, ob sich da nicht irgendein elender und der Hilfe bedürftiger Mensch aufhält? Es gibt ja auch Hirten in der Nähe; könnten wenigstens diese nicht einmal nachsehen kommen, was diese Menschen hier machen, da sie ja doch diese Kinder oft aus und ein gehen gesehen haben müssen? Ach, so eine Gefühllosigkeit ist mir ja doch noch nie vorgekommen!“

18. Sagte Ich: „Weißt du, Freund, jetzt werden wir diesen Menschen zuerst helfen und dann erst das Weitere besprechen!“

134. Kapitel. Jesus bei der armen Familie.

1. Hierauf wandte Ich Mich zu den Kranken und sagte zu ihnen: „Wie seid ihr in solches Elend geraten? Saget es derentwegen, die hier mit Mir gekommen sind!“

2. Sagte der von der Gicht ganz verkrüppelte Mann: „Herr, wir sind allzeit arme Menschen gewesen und verdienten uns unser Brot mit der Arbeit unserer Hände, und es ging uns dabei ganz gut; aber vor drei Jahren kamen wir zu der Gicht, ich zuerst, dann später auch dies mein Weib, weil sie sich mit der Arbeit zu sehr anstrengen mußte. Bis zu den Osterfesten dieses Jahres hatten wir eine Unterkunft im Orte; aber unser Wohltäter starb, und es kam ein anderer Herr ins Haus, der uns als ihm nutzlose Menschen nicht länger im Hause behalten wollte. Wir versuchten, bei anderen Menschen eine Unterkunft zu erbetteln; aber es wollte uns niemand unserer Krankheit und der Kinder wegen nehmen. Es blieb uns nichts übrig, als diese uns eingeräumte Hütte zu beziehen, um nicht ganz im Freien zu sein und nicht einmal einen Schutz gegen Regen und andere Ungewitter zu haben. Daß sich unsere Krankheit in dieser Hütte nicht gebessert, sondern nur von Tag zu Tag verschlimmert hat, das zeigt unser Aussehen. Daß wir beinahe ganz aller Kleidung ledig sind, rührt daher, weil wir das wenige, was wir noch hatten, verkaufen mußten, um uns ein wenig Brot anschaffen zu können. Aber jetzt sind wir mit allem fertig geworden und sind dem Hungertode ausgestellt, wenn keine Hilfe kommt. Gott dem Allweisesten und Allmächtigen sei das alles aufgeopfert; Er wird es wohl wissen, warum Er uns in ein solches Elend hat kommen lassen!

3. Hiob hat nach der Beschreibung viel auszustehen gehabt, aber wir sicher noch mehr! Denn leiden haben wir schon von Kindheit an müssen und der frohen Tage wenige erlebt; und nun, da wir schon etwas älter geworden sind und mühseliger von Natur aus, sind wir erst so recht auf die höchste Stufe alles irdischen Unglücks gelangt! Wenn ihr, liebe Herren, uns nur in etwas helfen könnet, so erbarmet euch unser und helfet uns! Der Herr im Himmel wird es euch sicher vergelten.“

4. Sagte Ich: „Darum sind wir ja eben hierher gekommen, um euch die von euch ersehnte Hilfe zu bringen! Merket euch aber das: Die Gott liebhat und zu großen Dingen bestimmt hat im Reiche der Geister, die prüft Er auch mächtiger und stärker als irgendeinen andern Menschen, den Er nur für kleine Dinge bestimmt hat.

5. Aber ihr habt nun die Zeit eurer irdischen Prüfung vollendet und sollet nun denn auch einmal glücklich sein auf dieser Erde noch und wohl erziehen eure sieben Kinder, die nun noch engelrein sind, damit sie als Männer in späterer Zeit nicht unrein werden. Mit dem aber sage Ich euch nun auch: Stehet auf und wandelt!“

6. Im Augenblick erhoben sich die beiden Eltern als ganz vollkommen gesunde Menschen und bekamen auch gleich ein ganz natürlich gutes Aussehen.

7. Sie staunten ungemein, und der Mann sagte: „O du wunderbarer Mann! Was hast du denn nun mit uns getan? Denn so gesund und kräftig waren wir ehedem ja ohnehin noch nie! Oh, wer und was bist du denn so ganz eigentlich, daß du solches vermagst? Du bist entweder ein großer von Gott gesandter Prophet, oder du bist ein verkörperter Engel; denn das ist bisher in Israel noch nicht erhört worden. Was für Arzneien haben schon so manche Gichtbrüchige gebraucht, und es wurde ihnen dennoch nicht besser, – und du sagtest zu uns bloß: ,Stehet auf und wandelt!‘, und wir sind im Augenblick vollkommen geheilt gewesen. Oh, lobet alle den Gott Israels, daß Er einem Menschen solch eine rein göttliche Macht gegeben hat!“

8. Die sieben Kinder weinten auch vor Freude, als sie ihre Eltern so vollkommen gesund vor sich sahen wie vormals noch nie, und der älteste Knabe sagte: „O seht, ihr lieben Eltern, ich habe es ja gehört und euch auch oft gesagt: Wenn die Not am höchsten ist, dann ist auch die Hilfe Gottes für jene, die sie bei Ihm suchten, am nächsten gekommen. Und gerade heute hatte unsere irdische Not den höchsten Gipfel erreicht, – und die Hilfe von Gott ist auch schon da! Ihm, dem lieben, guten und heiligen Vater im Himmel, allen Dank, alles Lob und alle Ehre! Auf das Glück, daß unsere lieben Eltern nun wieder gesund und kräftig geworden sind, ist uns ordentlich unser früher so großer Hunger vergangen! Oh, wenn wir jetzt noch Kleidung von der dürftigsten Art hätten, so könnten wir uns ja recht bald wieder ein gutes Stück Brot verdienen!“

9. Sagte Ich zum Knaben: „Gehe du hinter den Felsen, dessen grottenartiger Vorsprung euch bis jetzt zu einer Wohnung gedient hat! Dort wirst du drei Bündel finden; die bringe herein, und ihr werdet euch sogleich ganz gut bekleiden können!“

10. Als der Knabe das vernommen hatte, da eilte er hinaus, begleitet von seinen Geschwistern, und sie brachten drei Bündel in die Hütte herein. Die Eltern lösten sie leicht auf und fanden darin Kleider für sich und für ihre Kleinen. Da gab es des Dankes, Lobes und der Freudentränen in Hülle und Fülle, und an Verwunderung von allen Seiten hatte es auch keinen Mangel.

11. Aber diese Menschen hatten auch schon beinahe zwei Tage nichts gegessen und waren sonach hungrig.

12. Und Ich sagte abermals zu den Kindern: „Kindlein, gehet nun noch einmal dorthin, wo ihr ehedem die Bündel mit den Kleidern gefunden habt! Alldort werdet ihr nun auch Brot und Wein finden; bringet alles herein, und stärket und sättiget euch damit!“

13. Da eilten die Kleinen abermals hinaus und fanden in einem Korbe mehrere Laibe besten Brotes und mehrere Krüge voll eben auch des besten Weines. Sie brachten den Fund auch bald in die Hütte und sättigten und stärkten sich damit. Die Eltern sagten unter vielen Freudes- und Dankestränen, daß sie solch ein gutes Brot noch nie verkostet und solch einen guten Wein noch nie getrunken hätten. Es müßte Brot und Wein rein aus den Himmeln Gottes durch die Engel herbeigeschafft worden sein; denn auf Erden wachse und gedeihe so etwas rein himmlisch Gutes niemals, weil dazu die Menschen schon zu schlecht und gottvergessen seien.

14. Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Kinder, esset und trinket nun nur ganz sorglos und seid frohen Mutes; denn Gott hat euch stark geprüft, und ihr habt ohne Murren in voller Ergebung in den Willen Gottes alles, was da über euch gekommen ist, ertragen. Gott hat euch aber auch nun, wo eure Not das Vollmaß erreichte, auf eine wunderbare Art schnell geholfen, und diese Hilfe wird bei euch verbleiben nicht nur zeitlich bis ans Ende eures irdischen Lebens, sondern auch über das Grab hinaus für ewig! Warum ihr aber auf dieser Erde von Gott so stark geprüft worden seid, das werdet ihr im andern Leben erst zur Einsicht bekommen.“

135. Kapitel. Agrikola und die Hirten.

1. Als Ich solches zu diesen Armen geredet hatte, da kamen einige Hirten zu der Hütte, um nachzusehen, ob die Kranken etwa schon verstorben seien.

2. Da sie aber unser ansichtig wurden, so wollten sie sich bald wieder entfernen; aber unser Agrikola trat schnell aus der Hütte, redete die Hirten an und sagte: „Habt ihr etwa diesen Armen Speise und Trank gebracht, oder wolltet ihr ihnen sonst helfen oder sie trösten?“

3. Sagten die Hirten: „Herr, weder das eine, noch das andere, sondern wir kommen als Diener unseres Herrn, der ein strenger Mann ist! Er hat uns befohlen, heute nachzusehen, ob diese Familie noch darin hause, oder ob sie etwa schon gestorben sei. In jedem Falle müsse diese alte Hütte noch heute geräumt werden, da er für den ersten Tag nach dem Sabbat schon Bauleute bestellt habe, die diese alte Hütte umbauen sollen, darum dieses arme und nackte Gesindel hinausgeschafft werden müsse.“

4. Sagte Agrikola: „Daß ihr nach dem Willen eures Dienstgebers handelt, das kann ich euch nicht verargen; aber ihr wußtet doch, welche Not diese Familie gelitten hat! Warum tatet ihr dieser armen Familie denn nie etwas Gutes?“

5. Sagten die Hirten: „Herr, wir haben für uns zu sorgen genug, um unser Leben durchzubringen! Wie sollen wir da noch für andere Arme sorgen? Unser Dienstherr ist ein zu karger Mensch, als daß er uns, seinen Dienern, so viel zukommen ließe, daß wir davon noch andern Armen etwas zukommen lassen könnten. Wir selbst haben kaum zu leben, – wie könnten wir da noch andere leben lassen?!“

6. Sagte Agrikola: „Tut mir recht leid um euch! Sieh, du Wortführer, dieser Familie ist nun auf einmal mehr denn königlich geholfen – und jedem ihrer Wohltäter wäre desgleichen für immer geholfen gewesen! Aber da ihr gleich eurem Dienstherrn harten und gefühllosen Herzens waret, so habt ihr auch von uns aus keinen Lohn zu gewärtigen. Übrigens saget das auch eurem Dienstherrn, daß ich als ein höchster, reichster und mächtigster Römer aus Rom, so er diese arme Familie besser versorgt hätte, ihm hier anstatt eine neue Hütte einen königlichen Palast hätte erbauen lassen und ihm dazu noch zehntausend Morgen Land geschenkt hätte! Nun aber mag und kann er für seine Barmherzigkeit mit euch den Lohn teilen, den ihr nun überkommen habt. Schämet euch, ihr Juden, die ihr euch ,Kinder Gottes‘ nennet, daß wir Heiden euch an der Barmherzigkeit himmelhoch übertreffen! Wie heißt denn euer sauberer Herr, und was ist er denn?“

7. Sagte ganz verdutzt der eine Hirte: „Unser Herr ist ein überreicher Bürger von Jerusalem und heißt Barabe; sonst ist er nichts.“

8. Sagte Agrikola: „Ganz gut! Saget ihm, daß diese arm gewesene Familie nun sogleich mit uns fortziehen wird, und ihr und euer schöner Herr könnet dann mit dieser Hütte machen, was ihr wollet; daß ihr aber damit kein Glück haben werdet, dafür stehe ich euch gut! Und nun wartet noch ein wenig, damit ihr die arme Familie fortziehen sehet und eurem schönen Dienstherrn die Nachricht geben könnet, daß die Hütte völlig geräumt ist!“

9. Agrikola trat nun wieder in die Hütte, und die Hirten sahen einander groß an, und einer sagte: „Da sehet nun! Ihr habt mich meines euch erzählten Traumes dieser armen Familie wegen verlacht und habt über mich noch geschmollt, als ich ein paarmal mein karg zugemessenes Brot mit den nackten Kindern geteilt habe, und habt sie später, wenn sie wieder zu mir kommen wollten, bedroht und davongetrieben. Da habt ihr's nun! Ich habe es immer gesagt: Mit dieser Familie geschieht noch einmal ein Wunder, und es wäre gut, ihr nun etwas Gutes zu tun! Aber da lachtet ihr; und nun lache ich bloß darum, weil ihr für euren glänzenden Verstand einen so guten Lohn bekommen habt!“

10. In dieser Weise redeten die Hirten noch eine Weile, bis wir uns samt der nun ganz wohl gekleideten Familie aus der Hütte auf den Weg machten. Als die Hirten der nun ganz wohl und stattlich aussehenden Familie ansichtig wurden, da verwunderten sie sich sehr; denn es fiel ihnen die volle Genesung auf.

11. Der älteste Knabe aber ging zu dem einen gutherzigen Hirten hin und sagte: „Was du in der Hütte antreffen wirst, das gehört dir!“

12. Es verblieb nämlich in der Hütte der Korb mit noch einem Laib Brot und mit einem Kruge voll Wein, und in den Tüchern, in denen die Kleider eingebunden gewesen waren, waren etliche Goldstücke von großem Wert eingewickelt.

13. Als wir einige Schritte fürbaß waren, wollten auch die anderen Hirten in die Hütte mitgehen und mit ihm das Hinterlassene teilen.

14. Agrikola merkte das, kehrte schnell um und sagte zu den kecken Hirten: „So ihr es waget, diesem einen Gutherzigen nur einen Brosamen wegzunehmen, so lasse ich euch heute noch kreuzigen! Verstehet mich wohl! Ein Römer hält sein Wort!“

15. Als die Hirten diese Sentenz vernahmen, flohen sie von dannen.

16. Zu dem einen Hirten aber sagte Agrikola: „Nimm, was du finden wirst, und ziehe in den Ort; denn fortan wirst du nicht mehr zu dienen nötig haben!“

17. Mit dem begab sich Agrikola wieder zu uns, und wir zogen nun in den Ort. Am Tore warteten schon viele, die uns vom Ölberge nachgekommen waren, und begrüßten uns.

18. Agrikola aber sagte, gleich auf die arme Familie hindeutend: „Des Herrn Schritte sind stets voll Wunder und Wohltaten!“

136. Kapitel. Das Gespräch Jesu mit Nikodemus über die Armen.

1. Hier ersahen uns auch Nikodemus und sein Freund Joseph von Arimathia, und sie eilten uns entgegen.

2. Als die beiden zu Mir kamen, da begrüßten sie Mich auf das freundlichste, und Nikodemus sagte: „O Herr, welch ein Segen für diesen Ort, daß auch Du ihn besuchst! Ich hatte wohl eine Ahnung, als möchtest Du heute hierher kommen, – und siehe, meine Ahnung ist in Erfüllung gegangen! O Herr, dürfte ich Dich zu mir in mein Haus laden, um bei mir das Mittagsmahl einzunehmen?“

3. Sagte Ich: „Freund, wir sind unser viele und könnten in deinem Hause kaum Raum in rechter Genüge finden; zudem wirst du am Nachmittage wieder von ein paar Pharisäern besucht werden, mit denen Ich nicht zusammenkommen möchte, und so werde Ich in der großen Herberge, die auch dir gehört, einkehren. Dahin kannst auch du kommen mit deinem Freunde Joseph von Arimathia und mit dem alten, biederen Rabbi, wie auch mit deinem Weibe und deinen Kindern, damit auch sie mögen das Heil der Welt sehen. Die beiden Römer aber wohnen ohnehin in ihrem eigenen Hause gleich neben deiner Herberge und werden auch sicher zu Mir kommen, da Ich hauptsächlich ihretwegen hierher gekommen bin.“

4. Sagte Nikodemus: „O Herr, Du hast da in allem recht; aber ich möchte dennoch, daß Du auch mein Wohnhaus mit Deinen heiligen Füßen betretest, damit es auch gesegnet wäre durch die Tritte Deiner Füße!“

5. Sagte Ich: „Darum wird dein Haus nicht gesegneter, – und würdest du das glauben, so wäre das ein eitler Aberglaube. Aber Ich werde dennoch auch dein Haus betreten, aber erst, nachdem die Pharisäer nachmittags wieder heimgekehrt sein werden. Nun aber heißt es, hier die Nachkommenden zu erwarten, auf daß sie wissen, wo Ich verweilen werde den heutigen Tag.“

6. Fragte Nikodemus, wer da alles noch nachkommen werde.

7. Sagte Ich: „Bis auf die Zöllner, die vorgestern auch auf dem Ölberge waren, alle, die du dort gesehen hast! Auch Lazarus und Raphael mit den vielen Sklavenjungen werden bald hier eintreffen, nur auf einem andern Wege! Und so werden sich binnen einer Stunde etliche hundert Menschen hier in Emmaus befinden, die in deinem Wohnhause wohl nicht leichtlich untergebracht werden könnten, wohl aber in deiner Herberge, die gut für ein paar tausend Menschen Raum hat; und so lassen wir es dabei bewendet sein!“

8. Hierauf erkundigte sich Nikodemus um die Familie, die sich nun bei uns befand, und Ich sagte zu Nikodemus: „Freund, diese Familie hätte das Recht, sich bitter wider euch Emmauser zu beklagen; denn da es euren Augen nicht entgangen sein kann, daß sicher schon zu öfteren Malen nackte und vor Hunger weinende Kinder hier im Orte herum die Menschen um Brot baten, so hättet ihr euch wohl erkundigen können, von woher solche Kinder kommen, und was da wohl die Ursache sein könne, daß solche Kinder gar so sehr verlassen umherziehen. Aber das tatet ihr nicht, und das gereicht euch wahrlich zu keiner besonderen Ehre und Auszeichnung vor Mir! Du kannst zwar weniger dafür, weil du nun zumeist in der Stadt lebst, gleichwie auch dein Freund Joseph von Arimathia, aber es gibt hier noch eine Menge Bürger, die auch nicht arm sind, und diese hätten eine arme Familie schon ganz leicht versorgen können. Doch sie taten das nicht, und so werde auch Ich ihnen nichts tun, obwohl sich viele hier befinden, denen Meine Hilfe sicher sehr zustatten käme.

9. Du kennst da draußen die alte, verfallene Schafhütte eines gewissen Barabe, der in Jerusalem ist. Siehe, in der bezeichneten Hütte traf Ich eben diese Familie im wahrlich größten Elende! Mann und Weib kauerten am feuchten Boden ganz voll Gichtbrüchigkeit und konnten sich leichtbegreiflichermaßen nichts mehr verdienen; die sieben Kinder nur bettelten ganz nackt bei den unbarmherzigen Emmausern um Brot. Sie bekamen in den letzten zwei Tagen auch kein Brot mehr, und heute ist ihnen von dem reichen Barabe noch dazu angezeigt worden, daß sie auch die alte Hütte verlassen sollen. Wenn Ich nicht hierhergekommen wäre und ihnen geholfen hätte, da frage Ich euch, was da bei eurer Hartherzigkeit diese Familie angefangen hätte. Nun ist ihr freilich für immer geholfen; aber den unbarmherzigen Emmausern soll darum nicht geholfen werden. – Nun weißt du, was es mit dieser Familie für eine Bewandtnis hat!“

10. Sagte, ganz traurig geworden, Nikodemus: „O Herr, hätte ich davon nur eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich dieser Familie ja gerne augenblicklich angenommen! Aber ich bin ja nun bereit, für sie alles zu tun, um den Fehler nur einigermaßen wieder gutzumachen!“

11. Sagte Ich: „Du hast keinen Fehler gutzumachen, weil du im Grunde keinen begangen hast! Doch diese Familie ist bereits versorgt und soll keinem Emmauser je mehr zur Last fallen; doch so du später nachforschen lassen willst, so wirst du in der Nähe von hier, wie auch von Jerusalem, noch gar manche Familien antreffen, denen deine Hilfe sicher sehr willkommen sein wird. – Doch nun von etwas ganz anderem!

12. Wie sieht es mit den beiden hier lebenden Römern aus? Hast du eine Gelegenheit, sie zu benachrichtigen, daß der Römer Agrikola hier ist, und daß auch seine Gefährten bald eintreffen werden, so tue das! Sage ihnen aber auch, daß jene Oberägypter, mit denen sie schon einmal an Ort und Stelle zu tun hatten, in einer Stunde auch eintreffen werden! Doch von Mir und von Meinem Wesen sage ihnen vorderhand noch nichts; denn dafür habe Ich Meinen geheimen Grund, der euch aber nachher schon von selbst bekannt werden wird! Aber nun mache, daß die beiden Römer bald zu uns kommen; denn Ich möchte mit ihnen zuvor noch etwas ganz Offenes besprechen!

13. Es soll der heutige Tag noch ein Tag großer und von euch gar nie geahnter Offenbarungen werden; darum gehe hin und bringe alles in die rechte Ordnung!“

14. Mit dem ging unser Nikodemus schnell zu den Römern und benachrichtigte sie von allem, was Ich ihm gesagt hatte, und die beiden Römer hatten nun denn auch nichts Eiligeres zu tun, als sich mit Nikodemus zu uns zu begeben.

137. Kapitel. Die neugierigen Bürger von Emmaus.

1. Als die beiden Römer zu uns kamen und des ihnen wohlbekannten Agrikola ansichtig wurden, da wußten sie sich vor lauter Freude kaum zu helfen. Denn sie hatten all ihr irdisches Glück rein dem Agrikola zu verdanken und waren auch darum ins Judenland gekommen, um allda den wahren Gott und Seinen Willen näher kennenzulernen. Sie erzählten ihm natürlich gleich eine Menge Dinge, die sie bereits schon erfahren hatten; aber Agrikola sagte ihnen, daß das alles soviel wie gar nichts sei gegen das, was sie noch heute hören, sehen und erfahren würden. Das machte die beiden Römer natürlich höchst stutzig, und sie fragten ihn nun, ob er denn wohl wisse, daß eben heute die etlichen Oberägypter hierher kommen würden.

2. Agrikola aber sagte weiter nichts als: „Meine schon alten Freunde, was euch heute gesagt wird, das glaubet ehern fest; denn da wird alles genauest in Erfüllung gehen, und ihr werdet euch davon nur zu bald überzeugen, wenn nun bald die sonderbaren Oberägypter hier eintreffen werden!“

3. Sagten die beiden Römer: „Nein, wir hätten uns heute wohl alles eher einbilden und vorstellen können, als daß uns eben heute so etwas höchst überraschend Merkwürdiges begegnen werde!“

4. Es ward hier auf dem freien Platze noch so manches gesprochen; aber es kam nun auch die Zeit, in der die Nachkommenden, eine Partie um die andere, einzutreffen begannen und es begann auf dem freien Platze sehr lebhaft zu werden. Endlich kam auch unser Lazarus mit Raphael und mit den vielen Sklavenjungen an, deren Anmut und Schönheit die beiden Römer nicht genug bewundern konnten; den Raphael hielten sie gar für einen Gott.

5. Aber Agrikola und nun auch die andern schon anwesenden Römer sagten: „Es hat das wohl den Anschein, – aber die Sache verhält sich ganz anders! Fraget aber nun um gar nichts; denn ihr werdet über alles noch zur rechten Zeit aufgeklärt werden!“

6. Die beiden Römer gaben sich in das, fragten aber dennoch, ob es nicht füglicher wäre, sich nun in irgendeine Herberge zurückzuziehen; denn so viele Menschen im Freien zur ungewöhnlichen Zeit mache zu viel Aufsehen in einem kleinen Ort. Es wäre daher rätlicher, sich in eine große Herberge zu begeben.

7. Dieser Vorschlag war gut, und wir begaben uns in die große Herberge des Nikodemus.

8. Es bemerkten aber dennoch mehrere Bürger, daß wir uns in die große Herberge begeben hatten, und sie kamen deshalb auch so einer nach dem andern dahin, um zu sehen, was es da gäbe.

9. Aber unser Nikodemus sagte zu ihnen: „Freunde, heute ist da nichts für euch; denn ihr sehet, daß die höchstgestellten Römer allda eine große und wichtige Beratung halten wollen, bei der wohl ich und noch etliche der ersten Juden dabei sein dürfen! Und so ziehet euch nur gleich alle bescheiden zurück, sonst könntet ihr Anstände bekommen, und das um so eher, weil die Römer eines ihnen bekannten Umstandes wegen – soviel ich vernommen habe – euch durchaus nicht gewogen sind! Und so ziehet euch nur eiligst zurück, und lasset euch ja den ganzen Tag nirgends sehen!“

10. Auf diese Mahnrede des Nikodemus zogen die Neugierigen so behende wie möglich ab, und wir waren vom Zudrange der Neugierigen für den ganzen Tag frei; denn sowie die Emmauser von den hohen Römern etwas hörten, da zogen sie sich sicher derart zurück, daß sie sogar auf den ganzen Tag nach auswärts verreisten und erst spät in der Nacht wieder heimkehrten.

11. Als Nikodemus also die neugierigen Bürger von Emmaus verscheucht hatte, kam er zurück und sagte: „Nun können wir uns hier schon freier bewegen; denn diese Neugierigen sind nun schon für den ganzen Tag entfernt, und es wird sich keiner auch nicht einmal von ferne her blicken lassen. Ob ich aber ganz recht getan habe, sie mehr durch eine kluge List als durch die reine Wahrheit für den ganzen Tag entfernt zu haben, nun, das ist freilich eine ganz andere Frage! Aber ich bin da bei mir der Meinung: Wenn man durch ein eben durchaus nicht ganz schlechtes Mittel einen guten Zweck erreichen kann, so soll man es ohne alles Bedenken nur gleich anwenden; denn wie oft müssen vernünftige und weise Eltern ihre eigenen Kinder durch allerlei Listen und Finten leiten, wenn sie aus ihnen wahre Menschen bilden wollen! Mit der ganz reinen und nackten Wahrheit würde man bei den Kindern schlecht fahren!“

12. Sagte Ich: „Dein Mittel war da aber ja ohnehin ganz gut und auch wahr, und du hast dadurch auch einen für den heutigen Tag ganz guten Zweck erreicht! Wer zum vollen Lebenslichte der Wahrheit gelangen will, muß zuvor das Feld der Lüge und der Täuschungen durchwandern; ohne dieses kommt niemand zur vollen Wahrheit.

13. Siehe, die ganze Welt, ja sogar der Leib des Menschen und alles Körperliche ist für Seele und Geist eine Täuschung und somit auch eine Lüge; aber ohne sie könnte keine Seele zur vollen Wahrheit des Lebens gelangen! Aber im tieferen Grunde ist auch die Körperwelt wiederum keine Täuschung und keine Lüge, sondern ebenfalls volle Wahrheit; aber sie liegt nicht offen, sondern ist innen verborgen und kann durch Entsprechungen gefunden werden.

14. So war denn auch deine vermeinte List im Grunde keine Lüge, sondern Wahrheit; denn es handelt sich hier ja hauptsächlich um die Gewinnung der Heiden und nicht um die Gewinnung der Juden, die ohnehin schon von Moses aus das rechte Licht haben. So sie es nicht benützen wollen, so sind nur sie selbst schuld, wenn sie in ihrer eigenwilligen Nacht verderben. Und sieh, demnach hast du recht gesprochen, wenn du den Bürgern sagtest, daß es sich hier um eine Rathaltung der Römer handle, und hast somit deine Sache ganz gut ausgerichtet. Aber soeben sind auch die Tiefoberägypter, sieben an der Zahl, hier im Orte angekommen; sage das den Römern, daß sie sich auf ihren Empfang vorbereiten sollen!“

15. Nikodemus ging nun sogleich zu den Römern, die sich an einem Tische gelagert hatten, und sagte ihnen das. Die beiden Römer aber erhoben sich eiligst und fragten den Nikodemus, wer ihm das angezeigt habe.

16. Und Nikodemus sagte: „Der, der um das und noch um endlos vieles anderes weiß, und den auch ihr noch heute werdet näher kennenlernen! Aber nun fraget um nichts Weiteres, sondern gehet hinaus und empfanget die Kommenden!“

138. Kapitel. Die Ankunft der sieben Oberägypter. Die erkenntnistiefe Rede des Ägypters an Jesus. Vom rechten Genießen der Nahrung.

1. Auf das hin eilten die beiden Römer hinaus, und als sie an die Türschwelle traten, da standen auch schon die sieben Oberägypter an der Flur des großen Herbergshauses, und der erste, der, wie bekannt, die römische Expedition vor mehreren Jahren nicht weiter vordringen ließ, trat auf die ihm wohlbekannten Römer zu, reichte ihnen seine dunkelbraune Hand und sagte (der Ägypter): „Ich grüße euch nun als meine Freunde, so wie ich euch auch vor mehreren Jahren im tiefen Oberägypten als Freunde entließ. Ihr habt euch meiner wohl recht oft erinnert und seid auch aufgrund dessen, was ihr von mir vernommen habt, hierher gezogen, um das Wesen eines wahren Menschen tiefer zu erforschen und in euch selbst kennenzulernen; doch davon hattet ihr keine Ahnung, daß ihr auch mich einmal in diesem Lande sehen werdet.

2. Ich aber bin nun nicht so sehr euretwegen als vielmehr eines Menschen wegen, den ihr noch nicht kennet, hierher gekommen, auf daß Er auch uns taufe mit dem Feuer der ewigen Wahrheit Seines Geistes. Der allein hat uns Seinen vielen Jüngern schon gestern angesagt, daß wir kommen und Ihm ein wahres Zeugnis geben werden. Und Er kam auch heute mit Seinen Jüngern darum hierher, weil Er wohl wußte, daß wir deshalb hierher kommen würden, weil Er uns mit Seinem allmächtigen Willen eben hierher beschieden hat. Lasset uns daher in diese Herberge treten und uns tief verbeugen vor Dem, dessen noch sehr ohnmächtige Kinder wir sind!“

3. Sagten die beiden Römer: „Meinst du etwa gar den berühmten Heiland aus Galiläa, von dem wir wohl gar Seltsames vernommen, obwohl wir ihn persönlich noch nicht gesehen haben?“

4. Sagte der Ägypter: „Ja ja, Freunde, Den meinen wir! Lasset uns daher nur zu Ihm hineineilen!“

5. Hierauf öffneten die Römer die Tür des großen Speisesaales, und die sieben Ägypter traten mit großer Ehrerbietung in den Saal, gingen gleich auf Mich zu, verneigten sich tief vor Mir, und der erste sagte: „So, o Herr von Ewigkeit, war es Dir wohlgefällig, Dich mit dem Fleische Deiner Menschen zu umhüllen! Sei darum gepriesen in Ewigkeit von aller Kreatur, der Du nun das große Tor geöffnet hast, einzugehen in Dein ewig großes Reich des Lebens!

6. Als Du in Deinem urewigen Geiste mächtig die ganze Unendlichkeit erfülltest und Wesen aus Dir schufst ohne Zahl und ohne Maß, da war kein Geschöpf Deiner Weisheit und Macht frei, sondern es war gefesselt durch Deinen Willen. Nun aber hast Du Dich Selbst mit dem Fleische der Menschen, Deiner Geschöpfe, gefesselt, auf daß Du Selbst alle Kreatur frei machst und sie in das Reich Deines ewig freiesten Gottlebens einführen kannst. Darum sei Du, o Herr von Ewigkeit, wieder über alles hochgepriesen und gebenedeiet!

7. So frei und selbständig hast Du nun Deine Geschöpfe gezeihet (gestellt), daß sie Dein Wort hören und Du als ihr Schöpfer ihnen sogar ein Lehrer bist und sie die Wege lehrest, auf denen wandelnd sie Dir völlig ähnlich werden können. Oh, darum preise Dich ewig jedes Atom Deiner ewigen Unendlichkeit; denn es ist nun auch berufen, in ein freies Leben einstens einzugehen!

8. Nun aber lasse uns, Du großer, ewiger Gott, Herr und Schöpfer, eine Zeitlang uns weiden an Deinem Antlitze! Denn höret, ihr Geschöpfe, ihr Menschen alle: Ewigkeiten zu Ewigkeiten verrannen, und zahllose Geschöpfe sind aus Ihm hervorgegangen, die Er als Seine Gedanken beschaute, und flossen wieder in Ihn zurück. Doch nie hatte eines Geschöpfes Auge seinen unendlichen und ewigen Schöpfer geschaut, und jetzt, da es Ihm nach Seinem ewigen Ratschlusse gefallen hat, Sich Selbst in Seiner ganzen ewigen Wesenheit Seinen Geschöpfen schaubar und begreifbar zu machen, ist Er, der Ewige, Unendliche, ohne Veränderung Seiner Macht und Größe als schaubarer Gott in Menschengestalt unter euch, und ihr sehet Ihn und redet mit Ihm – und begreifet und fasset es dennoch nicht, Wen ihr in eurer Mitte habt! Oh, bedenket das, was ich euch nun gesagt habe, und dann saget alle: O Herr, ich bin aus mir ewig unwürdig, daß ich mit Dir unter einem Dache stehe; aber sprich Du zu mir nur ein Wort, und meine Seele hat aus Deinem einen Worte das ewige Leben!“

9. Hierauf legte der Ägypter seine Hände kreuzweise über seine Brust und betrachtete Mich, übergroßer Gedanken voll, vom Haupte bis zu den Füßen, und seine Gefährten taten dasselbe. In diesem Momente getraute sich kein Mensch, auch nur eine Silbe zu reden, und es waren aller Augen fest auf Mich gerichtet.

10. Nach einer Weile aber sagte Ich zu den Ägyptern: „Seid Mir herzlich willkommen, ihr Meine Freunde, vom fernen Lande hierher kommend! Ihr sollet und werdet Mir heute zur tieferen Belehrung dieser eurer Brüder und zur Kräftigung ihrer Seelen noch sehr ersprießliche Dienste leisten! Doch ihr seid schon nahe zwei Tage lang ohne Speise gewandert und wurdet nur vom Geiste aus genährt; aber nun muß euer Leib auch einmal eine wirkliche Stärkung von den Früchten dieser Erde erhalten, und diese soll euch alsbald im Brote und Weine gereicht werden!“

11. Der Ägypter entschuldigte sich zwar sehr und sagte, daß ihn Mein Anblick mehr als hinreichend gestärkt habe.

12. Aber Ich sagte: „Das weiß Ich gar wohl, daß eine vom Geiste erfüllte Seele den Hunger des Leibes nicht fühlt; aber dessenungeachtet muß der Leib seine natürliche Nahrung bekommen, weil er sonst der Seele mit der Zeit kein vollkommenes Werkzeug abgeben könnte. Und so müsset nun auch ihr zuvor eine ordentliche Nahrung zu euch nehmen, damit ihr darauf desto kräftiger werdet, Mir die guten Dienste eurer Brüder wegen zu leisten!“

13. Auf diese Meine Worte hin willigten sie endlich gern ein, Nahrung zu sich zu nehmen, und Nikodemus sorgte auch augenblicklich dafür, daß sofort ein bester Wein und auch ein bestes Brot und Salz herbeigeschafft wurden.

14. Als sich nun Brot und Wein und Salz auf einem eigenen Tische befanden, da sagte wieder Ich: „Da, Kinder aus der Ferne, setzet euch, esset und trinket!“

15. Da setzten sich die sieben alsogleich an den Tisch und aßen und tranken ganz wohlgemut; denn nun erst fingen sie an zu verspüren, daß sie wirklich hungrig und durstig waren. Sie konnten die Güte des Brotes und des Weines nicht genug loben und erklärten sie für eine Lebensspeise aus dem Himmel.

16. Der erste sagte, indem er noch aß und von Zeit zu Zeit auch trank: „In meiner Seele habe ich oft solch ein Brot und solch ein Getränk geschmeckt, doch über meine Fleischeszunge ist solch eine Leibeskost noch niemals gekommen! Darin sind wahrlich alle Lebensstoffe in der äußersten Form vereint und stärken nicht nur den Leib, sondern auch die Seele!

17. Oh, wie weit und wie tief könnten es die Menschen in der Sphäre des inneren Lebens bei solch einer Kost bringen, wenn sie wüßten, was sie genießen, und was diese Kost enthält; aber sie wissen das nicht und sehen den Tag auch vor lauter Licht nicht. Aber sie werden nach und nach schon noch einsehen, daß sie in dieser Kost Gottes lebendiges Wort und Seinen Willen genießen. Könnten sie das in sich auflösen und begreifen, dann erst wären sie wieder vollkommene Menschen; aber weil sie das noch lange nicht vermögen, so müssen sie so lange Jünger sein und verbleiben, bis sie das in sich begreifen und in ihr Leben übertragen werden.“

18. Alle Anwesenden stutzten gar sehr über diese Bemerkungen des Ägypters, der das alles auf eine ganz schlichte und alleranspruchsloseste Weise vorbrachte. Selbst Meinen alten Jüngern fing dabei manches ganz neue und helle Licht an aufzugehen; aber es hatte keiner von ihnen den Mut anzufangen, mit dem Ägypter Worte zu wechseln.

19. Unsere drei Magier sagten bei sich: „Da sehen wir nun erst recht klar, was alles uns noch abgeht! Oh, welch ein Unterschied zwischen uns und diesen sieben Menschen!“

20. Lazarus kam von rückwärts zu Mir und sagte: „O Herr, die Weisheit dieses einen macht mich ganz kleinmütig! Wir sind nun an der urersten Quelle, und wie ungeheuer weit ist der vor uns!“

21. Sagte Ich: „Mache dir nichts daraus, ihr werdet schon auch dahin und noch weiter kommen; aber ihr müsset Geduld und Eifer haben, denn mit einem Streiche fällt kein Baum im Walde! Ich habe diese rechten, aber wohl sehr wenigen Menschen ja nicht zu eurer Beschämung, sondern nur zu eurer wahren Belehrung hierher kommen lassen. Da werdet ihr sehen, was wahre Menschen vermögen, und was dann auch ihr vermögen werdet, so ihr durch die Beachtung Meiner Lehre zu wahren Menschen werdet umstaltet worden sein.

22. Aber nun lassen wir sie noch essen und trinken; denn sie haben wahrlich bei zwei Tage lang nichts gegessen und auch wenig getrunken. Nikodemus aber möchte nun schon dafür zu sorgen anfangen, daß auch wir bald etwas zu essen und zu trinken bekommen, und also auch unsere Jungen im Nebengemache, wo Raphael und du sie untergebracht haben.“

23. Als Ich solches dem Lazarus sagte, da war er bald bei Nikodemus und hinterbrachte ihm das, und dieser setzte sogleich das ganze große Herbergshaus in die größte Tätigkeit.

139. Kapitel. Die beiden Römer erkennen Jesus. Jesu Mahnung, Ihn nicht voreilig vor der Welt zu bekennen.

1. Es kamen aber nun auch die beiden Römer namens Agrippa und Laius, von Agrikola begleitet, zu Mir, verneigten sich tief, und Agrippa, der auch ein gar vornehmer Römer wie von königlicher Abkunft war, sagte zu Mir: „Herr, uns wurde gar sonderbar zumute, als wir die Preisung vernahmen, die Dir die uns wohlbekannten Tiefoberägypter dargebracht haben! Wahrlich, wenn es andere Ägypter wären als gerade jene, die wir vor mehreren Jahren dort in ihrer höchst kargen Heimat kennengelernt haben, so hätten wir gemeint – was in der Welt zur Täuschung der Menschen wohl auch möglich ist –, Du seist irgend mit ihnen einmal beisammen gewesen und habest sie nun gegen guten Lohn als gute Zeugen für Dich hierher bestellt! Doch mit diesen Menschen wäre ein solcher Kontrakt unmöglich zu schließen gewesen; denn sie sind Herren der Natur, die ihnen alles geben muß, dessen sie bedürfen, und sie verachten jeden gemeinen Lohn von seiten der Menschen.

2. Ich selbst habe sie gestern, als die etlichen blinden Pharisäer über Dich sehr böse und Dich verfolgerische Worte und Gesinnungen nur zu offen an den Tag legten, als Muster höher begabter und vollkommener Menschen dargestellt, weil ich ihnen (d.h. den Pharisäern) aus dem Bereiche meiner Erfahrungen begreiflich machen wollte, daß Du ganz gut auch so ein vollkommener Mensch sein kannst, gegen den wir Menschen mit unseren Waffen nichts vermögen. Dadurch brachte ich und dieser mein Bruder Laius die Schwarzen (d.h. die Pharisäer) doch wenigstens zu irgendeinem Nachdenken, was sicher gut war. Aber wann hätte ich mir das je einbilden können, diese Menschen bei uns hier in Emmaus wiederzusehen, noch weniger daran zu denken, daß Du Selbst – nach uns nun gemachter Mitteilung von seiten unseres wertesten Freundes Agrikola – unsere ganze hier den Pharisäern gemachte Mitteilung über diese vollkommenen Menschen Deinen Jüngern zu Jerusalem auf dem Ölberge wortgetreu in demselben Augenblick erzählt hast, als ich sie hier in Emmaus den Pharisäern erzählte?!

3. Aus dem aber haben nun auch wir beide den Schluß gezogen, daß Du trotz Deiner nun ganz menschlichen Form und Gestalt in Deinem inwendigen Geiste unwiderlegbar der wahre Gott und Schöpfer aller Wesen von Ewigkeit her sein mußt. Denn wärest Du nicht Selbst in Deinem Geiste von Ewigkeit, also völlig ohne Anfang dagewesen, so müßte ein anderer, aus dem Du Selbst hervorgegangen wärest, dagewesen sein, was dann einen urewigen und einen in der Zeit gewordenen Gott abgäbe, was uns jedoch unmöglich dünkt, weil das Ursein des wahren Gottes auch allein die Bedingung einer Ur- und Allkraft und – macht in sich faßt, die in Dir aber nach dem, was wir schon über Dich in gute Erfahrung gebracht haben, unleugbar vorhanden ist. Und weil sich diese wunderbare Sache also verhält und auch diese vollkommenen Menschen sie gleich also mit aller Schärfe ihres Geistes erkannt haben, so sind denn nun auch wir beide hierher zu Dir geeilt, um Dich als den ewigen Herrn, Gott, Schöpfer und Vater der Sonnen- und Geisterwelt zu begrüßen und unser lebendig wahres Bekenntnis vor Dir und allen Anwesenden dahin abzulegen, daß wir das völlig glauben, was wir von Dir nun offen ausgesagt haben. Herr, vergib uns, wenn wir nun vielleicht doch irgendeinen Fehler begangen haben!“

4. Sagte Ich mit freundlicher Miene: „O ihr Meine lieben Freunde, wer zu Mir kommt, wie ihr nun gekommen seid, der begeht vor Mir ewig keinen Fehler, und Ich habe ihm dann sicher auch keinen zu vergeben! Aber was ihr als Männer nun wisset, das behaltet vorderhand noch bei euch; denn die Welt ist noch nicht reif, solch tiefe Wahrheiten zu begreifen. So man so etwas sagete, da würde sie dadurch nur in einen großen Ärger verfallen und darauf finsterer und böser werden.

5. Wenn ihr aber hören werdet, daß Ich wieder in Meine ewigen Himmel aufgefahren sein werde, dann werde Ich auch über euch Meinen Geist ausgießen, und ihr möget dann laut allen Menschen das verkünden, was ihr nun hier vor Mir offen bekannt habt!

6. Jetzt aber reden wir als ganz natürliche Menschen miteinander also, als wäre zwischen uns kein Unterschied als nur der, daß ihr Meine Jünger seid, und Ich euer Meister bin! Es ist aber kein Jünger, solange er noch lernen muß, so vollkommen, als wie vollkommen da ist sein Meister; wenn der Jünger aber vom Meister alles erlernt hat, so wird er dann auch so vollkommen wie sein Meister. Ich aber bin eben darum in diese Welt gekommen, damit die Menschen es von Mir lernen sollen, so vollkommen zu werden, als wie vollkommen der Vater im Himmel ist.

7. Denn wenn die Menschen dieser Erde bestimmt und berufen sind, Kinder Gottes zu werden, so müssen sie auch in allem Gott völlig ähnlich sein; denn wer Gott nicht in allem völlig ähnlich wird, der wird auch kein Gotteskind und kommt nicht zu Gott, solange er nicht Gott völlig ähnlich wird.

8. Darum aber ist nun Meine Lehre ein wahres Evangelium, weil sie den Menschen verkündet und die Wege zeigt, wie sie zur Gottähnlichkeit gelangen können. Wer demnach Mein Wort hört, an dasselbe glaubt, es in sich behält und danach tut, der wird dadurch zur Gottähnlichkeit gelangen, das ewige Leben in sich haben und ewig allerseligst sein.“

140. Kapitel. Die Bestimmung des Menschen. Der Zweck der Menschwerdung Jesu.

1. (Der Herr:) „Ihr müsset euch aber das nicht also vorstellen, als sei das etwa überaus schwer zu erlangen, sondern gerade umgekehrt, – also ganz leicht; denn Mein Joch, das Ich euch durch Meine Gebote an den Nacken lege, ist sanft, und seine Bürde ist leicht zu ertragen. Aber in den Tagen dieser finsteren Zeit leidet das Reich Gottes Gewalt, und die es besitzen wollen, die müssen es auch mit Gewalt an sich reißen, was so viel sagen will, daß es nun ein Schweres ist, sich aller alten und verrosteten Gewohnheiten, die aus den Anreizungen und Verlockungen der Welt im Menschen Wurzel geschlagen haben, zu entschlagen, also den alten Menschen ganz auszuziehen wie ein altes, zerrissenes Gewand und aus Meiner Lehre einen ganz neuen Menschen anzuziehen.

2. Wenn aber in der späteren Zeit schon Kinder in Meiner Lehre wohl erzogen werden, dann werden sie als Männer voll guten und kräftigen Willens an Meiner Lehre ein leichtes Joch zu tragen haben.

3. Meine Lehre aber ist in sich ganz kurz und leicht zu fassen; denn sie verlangt vom Menschen nichts, als daß er an einen wahren Gott glaube und Ihn als den guten Vater und Schöpfer über alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, das heißt, ihm alles das tue, von dem er vernünftigermaßen wünschen kann, daß ihm auch sein Nebenmensch dasselbe tue. Nun, so viel Selbstliebe hat denn doch sicher ein jeder Mensch, daß er nicht wünschen werde, daß ihm sein Nebenmensch etwas Böses antun soll, – und so tue er dasselbe auch seinem Nebenmenschen nicht!

4. Vergeltet niemals Böses mit Bösem, sondern tut sogar euren Feinden Gutes, und ihr werdet in der Ähnlichwerdung Gottes, der auch Seine Sonne über Gute und Böse gleich aufgehen und leuchten läßt, einen großen Fortschritt gemacht haben! Zorn und Rache muß aus euren Herzen weichen; an ihre Stelle muß Erbarmung, Güte und Sanftmut treten. Wo das der Fall ist, da ist die volle Gottähnlichkeit auch nicht mehr ferne, und diese ist das Ziel, nach dem allein ihr alle zu streben habt.

5. Aber wie schon gesagt, diese Sache ist nun eben in dieser Zeit nicht gar so leicht, wie sich jemand das vorstellen möchte. Es wird das einen jeden eine gewisse und unausbleibliche Anstrengung kosten! Doch wer da mutig kämpft, der wird auch seines Sieges sicher sein, und des Siegers Lohn wird wahrlich nicht unterm Wege verbleiben; wer sich aber als ein mutloser Feigling erweisen wird, der wird auch den Lohn eines Feiglings ernten. Da wird es dann auch heißen: Hättest du gekämpft, so hättest du auch gesiegt; weil du aber den Kampf scheutest, so kannst du auch auf den Lohn eines Siegers keinen Anspruch machen und hast es dir selbst zuzuschreiben, daß du als ein Feigling ohne Lohn vom Felde des Lebens abziehen mußt.

6. Ich aber meine, daß da niemand den Kampf scheuen sollte, wo der Preis des Sieges ein so hoher ist.

7. Ich bin es, der euch das sagt, und bin der Meinung für euch, daß ihr wohl keines höheren Beweises bedürfet, so ihr in euch glaubet, daß Ich Der bin, für den ihr Mich selbst anerkannt habt.“

8. Sagten die beiden Römer: „Herr, es mag wohl Feiglinge geben, und wir kennen deren selbst mehrere; aber wir, die wir schon so oft mit dem Tode gerungen haben, haben alle Furcht vor ihm verloren! Wer in den Krieg zieht und den Tod fürchtet, der ist ein schlechter Krieger; wer aber den Tod und seinen Schmerz verachtet, der ist ein rechter Held, wird zumeist siegen, und sein Lohn wird ihm nicht unterm Wege verbleiben. O Herr und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste, haben wir recht geredet oder nicht?“

9. Sagte Ich: „Ganz vollkommen recht; aber es gibt gar viele in der Welt, die den Tod des Leibes sehr fürchten und daher lieber an der Lüge und an dem Truge der Welt hangenbleiben, damit nur ihrem Leibe ein Heil widerfahre! Sie fürchten die, welche ihren Leib töten, aber dann der Seele weiter nichts mehr antun können; aber Den fürchten sie nicht, der auch ihre Seele in die Hölle oder in den wahren, ewigen Tod stürzen kann.

10. Doch lassen wir das; denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um allda ein Gericht zu halten, sondern um selig und lebendig zu machen jeden, der an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt. Aber es wird dereinst dennoch viele geben, die zu Mir ,Herr, Herr!‘ rufen werden; aber Ich werde zu ihnen in ihren Herzen sagen: ,Was rufet ihr Fremden? Ich kenne euch nicht! Wußtet ihr, daß Ich der Herr bin und kanntet Meinen Willen – warum tatet ihr denn nicht danach?‘

11. Darum sage Ich nun zu euch: Es ist nicht genug, daß man Mich erkennt und glaubt, daß Ich der Herr bin, sondern man muß das auch tun, was Ich euch lehre; durch die Tat erst wird der Mensch zur vollen Gottähnlichkeit gelangen.

12. Das Tun nach Meiner Lehre aber wird für den sicher nicht schwer sein, der Mich wohl erkannt hat und Mich liebt mehr denn alles in der Welt; wer Mich aber also liebt, der trägt Mich geistig auch schon in seinem Herzen und somit auch des Lebens Vollendung, also die volle Gottähnlichkeit, und in aller Seligkeit das ewige Leben.

13. Seht, da habe Ich euch nun ganz kurz gezeigt, wie sich die Sachen verhalten um Mich und um euch Menschen! Wer danach tun wird, der wird in sich haben das ewige Leben! – Aber jetzt vor dem Mittagsmahle nichts Weiteres mehr davon!“

141. Kapitel. Gottes herablassende Liebe zu den Menschen. Des Menschen Stellung zu Gott. Die wahre Demut. Die wahre Anbetung Gottes. Sündenvergebung.

1. Sagte Agrippa: „O Herr, Du endlos weiser Meister von Ewigkeit, wie groß muß Deine Liebe zu uns Menschen, Deinen Geschöpfen, sein, daß Du Dich so tief erniedrigen mochtest, in unserer Menschengestalt von Deinen Himmeln zu uns Würmern auf diese schmutzige Welt herabzukommen und uns zu lehren und zu zeigen die Wege, auf denen wir zu wandeln haben, so wir das ewige Leben erreichen wollen?!“

2. Sagte Ich: „Lieber Freund, der Ausdruck in dieser deiner Frage ist die Ergießung deines Herzens und ist gut, weil auch dein Herz gut ist; aber es hat in deinem Verstande nun erst so ein wenig zu tagen angefangen, und es kommt dir die Liebe Gottes zu euch Menschen darum als etwas unbegreifbar Wundersames vor, weil ihr euch Gott wie einen allergrößten und allermächtigsten Kaiser vorstellet, der sich nur zu den seltensten Malen den gemeinen Menschen zeigt und noch seltener mit irgendeinem geringen Menschen spricht.

3. Wenn ihr Gott von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, so irret ihr euch gewaltig; denn Gott ist der Schöpfer aller Dinge und Wesen und kein endlos stolzer Kaiser, auf einem goldenen Throne sitzend, der alle seine Untertanen für lauter eklige und verächtliche Würmer ansieht und jeden mit dem Tode bedroht, der es wagte, sich ohne vorher erbetene und gegebene Erlaubnis dem Throne des Kaisers zu nahen.

4. Wenn aber alle Wesen sicher Gottes Werke sind, so sind sie auch Werke Seiner Liebe, die ihr Sein ist, und Werke der höchsten, göttlichen Weisheit, die ihnen die entsprechende Form gibt und sie auch erhält. So aber ohne die Liebe und Weisheit Gottes wohl ewig nie ein Geschöpf bestehen würde, wie kommt es dir dann gar so wundersam vor, wenn Gott euch Menschen gar so sehr liebt?

5. Ihr seid ja selbst nur pur Liebe aus Gott und in Gott, und euer Dasein ist in sich durch den Willen der Liebe Gottes selbst ja nur verkörperte Liebe Gottes! Wenn aber unwiderlegbar das der Fall ist, wie ist es euch dann so wundersam, daß Gott euch so sehr liebt, daß Er Selbst in Menschengestalt zu euch gekommen ist und euch nun die Wege lehrt zum freien und wie aus euch selbst hervorgehenden gottähnlich selbständigen Leben? Seid ihr denn nicht Gottes Werke? Ja, das seid ihr sicher!

6. Gott aber ist von Ewigkeit ein vollkommenster Meister im Größten wie im Kleinsten, ist niemals ein Pfuscher und Stümper gewesen und hat Sich somit Seiner Werke nicht zu schämen. Der Mensch aber ist das vollkommenste der zahllos vielen und endlos verschiedenen Geschöpfe, der Kulminationspunkt der göttlichen Liebe und Weisheit, und bestimmt, selbst ein Gott zu werden. Wie sollte Sich da Gott solch Seines vorzüglichsten Werkes schämen und es für zu unwürdig halten, Sich demselben zu nahen?!

7. Siehe, du Mein lieber Freund, solche rein außenweltlichen Ideen von Gott mußt du fahren lassen! Sie sind erstens falsch, und zweitens dienen sie nicht dazu, daß du dich durch sie Gott mehr und mehr nahen könntest, sondern solche falschen Ideen würden dich von Gott nur stets mehr und mehr entfernen, und das mit der Zeit also, daß du dich vor lauter falscher Ehrfurcht gar nicht mehr getrauen würdest, Ihn zu lieben, – wie es nun solcher Menschen und Völker auf der Erde eine übergroße Menge gibt, die, als selbst doch sichtbare Werke der göttlichen Liebe und Weisheit, des freilich grundfalschen Glaubens und der ebenso falsch begründeten Ansicht sind, daß Gott über Seine Geschöpfe so endlos erhaben sei, daß da nur ein allerhöchster Priester zu gewissen Zeiten Ihm mit gewissen Gebeten unter den allerglänzendsten und prunkvollsten Zeremonien nahen dürfe. Und nach einer solchen Annäherung hält sich der Oberpriester schon für so endlos erhaben und geheiligt, daß sich ihm nicht einmal ein Unterpriester – geschweige ein anderer, ungeweihter Mensch – nahen darf, weil man der Meinung ist, daß sich nichts Unheiliges der höchsten Heiligkeit Gottes nahen dürfe und könne, weil dadurch die höchste Heiligkeit Gottes entheiligt würde, – woraus man für den armen und blinden Menschen eine derartige Sünde geschaffen hat, die mit dem Feuertode zu bestrafen sei. O der freiwilligen und überdummen Blindheit der Menschen!

8. Da sehet her! Ich allein bin der Herr von Ewigkeit, – wie bin Ich denn nun unter euch? Sehet, Ich nenne euch Kinder, Freunde und Brüder, und was ihr zu Mir seid, das ist der Bestimmung nach ein jeder Mensch, und es gibt da kein Minder und kein Mehr! Denn jeder Mensch ist Mein vollendetes Werk, das sich als das auch erkennen und gerecht achten, aber nicht gänzlich verkennen und unter alle Scheusale hinab verachten soll; denn wer sich, als doch erkennbar Mein Werk, verachtet, der verachtet notwendig ja auch Mich, den Meister. Und wozu sollte denn das hernach gut sein?

9. Freunde, die Demut des Menschen im Herzen ist eine der notwendigsten Tugenden, durch die man zuvörderst zum inneren Lichte des Lebens gelangen kann! Aber diese Tugend besteht eigentlich nur in der rechten Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sie ist die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl erkennt, sich aber über seine noch viel schwächeren Brüder nie herrscherisch erhebt, sondern sie nur mit desto mehr Liebe umfaßt und zur eigenen erkannten höheren Vollendung durch Lehre, Rat und Tat zu erheben trachtet. Darin besteht die eigentliche und allein wahre Demut; aber in der Verachtung seiner selbst besteht sie ewig nie.

10. Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig, und Meine Geduld übersteigt alle Grenzen; aber das werdet ihr an Mir noch nie erlebt haben, daß Ich Mich vor den Menschen je Selbst verachtet habe. Wer sich selbst nicht gerecht als ein Werk Gottes achtet, der kann auch seinen Nächsten nicht achten und auch Gott nicht der Wahrheit nach, sondern nur nach irgendeiner ganz grundfalschen Begründung.

11. So gefehlt es also ist, so sich ein Mensch überschätzt und also bald und leicht zu einem Verfolger und Bedrücker seiner Nebenmenschen wird und dabei der Liebe als des göttlichen Elementes des Lebens bar wird, ebenso gefehlt ist es aber auch, so ein Mensch sich unterschätzt. Den Grund dessen habe Ich euch gezeigt, und so bleiben wir nur so hübsch gleich und seien frohen Mutes; denn so ihr euch nun vor Mir, da ihr Mich erkannt habt, zu sehr ehrfürchtig und zu kleinmütig zu benehmen anfinget, so wäret ihr ja gar nicht mehr fähig, von Mir noch eine Belehrung zu ertragen.

12. Darum betrachtet Mich als einen vollkommenen Menschen, der die Fülle des Geistes Gottes in sich birgt und darum nun euer Meister und Lehrer ist, so werdet ihr mit Mir am allerbesten und für euch am nützlichsten auskommen! – Habt ihr das alles wohl verstanden?“

13. Sagte Agrippa: „Herr und Meister, das haben wir ganz sicher verstanden; denn da ist überall die ganz schlichte und nackte Wahrheit. Aber was sollen wir denn zu den vielen Gebeten und Psalmen, die bei den Juden gang und gäbe sind, denken? Willst Du als der nun erkannte allein wahre Gott denn nicht angebetet werden?“

14. Sagte Ich: „Es heißt von Moses aus wohl: ,Der Sabbat ist ein Tag des Herrn, an dem sollst du dich der schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und zu Gott deinem Herrn mit reinem Herzen beten!‘ Ich aber sage nun, daß von jetzt an sicher ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, an dem der rechte Mensch nach Meiner Lehre Gutes tun soll! Wer aber nach Meiner Lehre Gutes tut, der begeht die wahre Sabbatfeier und betet wahrhaft zu Gott ohne Unterlaß, und Ich werde Mein Wohlgefallen an ihm haben.

15. Ist jemand sich bewußt, daß er gesündigt hat, so vergleiche er sich mit dem, gegen den er gesündigt hat, und sündige in der Folge nicht wieder, so werden ihm seine Sünden auch vergeben werden; aber durch ein gewisses Beten, Kasteien und Fasten werden niemandem seine Sünden nachgelassen, solange er selbst von seinen Sünden nicht nachläßt.

16. Solange aber jemand in den Sünden steckt, ist er nicht fähig, in Mein Reich der Wahrheit aufgenommen zu werden, weil die Sünde stets in den Bereich der Lüge und des Betrugs gehört. Sehet, also verhält sich diese Sache! – Aber nun kommt das Mittagsmahl; das wollen wir zu uns nehmen und darauf erst auf dem Wege der Wahrheit fortschreiten!“

142. Kapitel. Form und Geist der Geschöpfe.

1. Hier wurden wohlzubereitete Speisen auf die Tische gebracht. Alle setzten sich in guter Ordnung an die Tische und aßen und tranken. Die sieben Oberägypter saßen an Meinem Tische nach Meinem Willen und aßen auch mit. Hier hatten wir wieder einmal Fische, und zwar von der edelsten Art aus dem Flusse Jordan, die besonders gut und geschmackvoll zubereitet waren und allen Gästen sehr wohl schmeckten. Die sieben Ägypter konnten diese Zubereitung nicht genug loben und aßen die Fische mit rechter Lust, obwohl sie schon zuvor etwas Brot und Wein genossen hatten.

2. Als wir so eine kleine Weile aßen und tranken, da kam auch Lazarus mit Raphael an Meinen Tisch, und beide aßen und tranken ganz wacker mit; denn sie hatten unsere Jungen versorgt und begaben sich sodann zu uns.

3. Der erste Oberägypter hatte ein großes Wohlgefallen an Raphael, betrachtete ihn vom Kopfe bis zum Fuße und sagte dann zu Mir: „Herr und Meister von Ewigkeit! Als dieser Dein Diener vor viertausend Erdenjahren noch im Fleische auf der Erde wandelte, da sah er der Gestalt nach nicht so unbegreiflich schön aus wie jetzt in seinem rein geistigen Zustande. Wenn ich dereinst auch für würdig befunden werde, in Dein Reich zu kommen, werde ich dann wohl auch eine edlere Gestalt überkommen? Ich muß es bekennen, daß meine Gestalt gegen solch eine, wie dieser Dein Diener sie besitzt, eine wohl unaussprechbar häßliche ist; sie taugt zwar für unser Klima, doch schön und edel ist sie nicht. Ich weiß auch, daß in dieser Welt an der äußeren Gestalt gar nichts liegt, sondern alles nur an der Vollendung der Seele; aber in Deinem Reiche muß denn doch auch vieles an der Gestalt und Außenform liegen, ansonst die reinen Geister nicht in solch edelsten und schönsten Formen zu erschauen wären! Auf dieser Welt hat die Farbe der Haut und die Außengestalt für den inneren Wert eines Menschen freilich keine Bedeutung; aber in Deinem Himmelreiche wird sie gar vieles zu bedeuten haben. Ich aber möchte nun auch das wissen. Ich habe davon wohl schon so eine kleine Ahnung, aber ganz ins klare habe ich es in dieser Sphäre doch noch nicht bringen können.

4. Ich sehe in meiner Seele wohl stets die ganze Erde, ihre Geschöpfe und ihre Verhältnisse, ich kenne das lose Tun und Treiben der Menschen, sehe alles bis in den Mittelpunkt der Erde, und die Myriaden der Geister in allen Elementen sind mir nicht unbekannt, sowie das Einfließen Deines ewigen Geistes in alle Wesen; aber den Grund der so verschiedenen Formen in Deiner materiellen und ganz besonders in Deiner rein geistigen Schöpfungssphäre habe ich bis jetzt noch nicht herausfinden können. Wenn Du, o Herr und Meister, uns auch darüber ein kleines Lichtlein zukommen lassen wolltest, so würde das unsere Seelen wohl sehr beruhigen.“

5. Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, euch hat das Suchen und Finden der Wahrheit viel Mühe und Arbeit gekostet; aber mutigen Kampfes habt ihr das gesuchte Ziel trotz der vielen Schwierigkeiten, mit denen ihr zu kämpfen hattet, zum größten Teile glücklich erreicht, und das ist des Lebens eigentliche Hauptsache.

6. Was die anderen Dinge betrifft, besonders die, um die du ehedem gefragt hast, so liegt das Heil der Seele eben nicht daran, und es wird solches alles der Seele klargemacht werden, wenn sie völlig im Geiste aus Mir wiedergeboren und mit ihm eins werden wird. Aber Ich will euch dennoch einen Wink darüber geben; das Weitere wird euch dann schon von selbst hell werden.

7. Seht, es haben sich die Menschen von uralters her gewisse Töne erzeugende Werkzeuge gemacht, – wie bei uns die Harfe, die Flöte (Schalmei), die Posaune und die Zimbel, bei den Griechen die Lyra, die Pfeife und die Äolsharfe! Wenn diese und noch andere solche Tonwerkzeuge wohl und rein gestimmt sind, so geben sie auch beim Gebrauch eine reine Melodie und dazu eine überaus wohlklingende Harmonie; sind diese Tonwerkzeuge aber verstimmt, das heißt, stehen die Töne nicht in guten Verhältnissen zueinander, so kann man darauf weder eine Melodie und noch weniger eine reine Harmonie hervorbringen.

8. Nun denke dir des Menschen Seele! Steht diese in guten und wahren Verhältnissen zu ihrem Körper, so befindet sie sich auch in der rechten Lebensharmonie, und diese Harmonie gibt dann der Seele ihre Schönheit, die natürlich erst dann im Vollmaße ersichtlich wird, wenn sich die Seele außerhalb des Leibes in Meinem Reiche befinden wird. Wer aber auch schon im Leibe auf dieser Welt einen aufmerksamen Blick auf gute und daneben auch auf böse Menschen richtet, der wird bald und leicht gewahr werden, daß ein guter Mensch stets auch ein anmutiges und freundliches Äußeres der Form nach zur Schau trägt, während ein böser Mensch schon von weitem dem ihm Begegnenden etwas Abstoßendes, Unfreundliches und somit auch Häßliches aufweist und sich vor ihm nicht leicht verbergen kann. Der Grund davon liegt in der inneren Seelenharmonie oder – bei argen Menschen – – disharmonie.

9. Solche Unterschiede kannst du auch schon im Reiche der Tiere und sogar im Reiche der Pflanzen finden. Natürlich treten alle diese Gestalt- und Formenunterschiede erst im Reiche der Geister in der abgemarktesten Weise in Erscheinung, während sie in der Körperwelt nur andeutungsweise vorhanden sind. Wenn ihr das in euch bei Gelegenheiten so recht durchprüfen wollet, so werdet ihr auch leicht alles Weitere von selbst finden. Ihr seid weise und mit den Kräften der Naturwelt und ihrer Elemente ja ohnehin wohlvertraute Menschen und könnet auch in dieser Sphäre der inneren Seelenintelligenz die Ursachen und Wirkungen leicht finden, so ihr euch damit irgend befassen wollet. Doch vollkommen wird das und endlos vieles andere ein jeder Mensch erst dann einsehen, wenn er im Geiste aus Mir in seiner Seele wird völlig wiedergeboren sein.

10. Und so wollen wir darüber denn auch kein Wort mehr verlieren, sondern jetzt essen und trinken wir noch unser Mahl zu Ende, und nach dem Mahle wird es sich dann schon zeigen, was wir da weiterhin machen werden!“

11. Auf diese Meine Belehrung waren die sieben in sich ganz zufrieden, und der erste sagte: „O Herr und Meister, wir danken Dir für diese Deine Belehrung; sie genügt uns vollkommen, und wir wissen nun ganz gut, wie wir auch in dieser Sphäre daran sind, und wie wir diese Sache zu prüfen und zu erforschen haben.“

12. Hierauf aßen und tranken wir noch den Rest unseres Mahles, erhoben uns darauf von den Tischen, und Ich segnete alle hier Anwesenden.

143. Kapitel. Auf dm Hügel bei Emmaus.

1. Es fragte Mich aber Lazarus, was Ich nun beginnen werde.

2. Sagte Ich: „Wir werden nun alle hinausgehen und uns auf dem Hügel lagern, der von hier gegen Morgen zu liegt; dort werden wir heute noch ganz außerordentliche Dinge erleben und durchmachen nach unserer diesseitig menschlichen Art und Weise.“

3. Mit diesem Bescheide waren alle bis auf Nikodemus völlig zufrieden; denn er wußte es ja, daß ihn nachmittags zwei Pharisäer besuchen würden.

4. Er wandte sich darum an Mich und sagte (Nikodemus): „Herr und Meister, Du siehst in mein Herz und weißt es, wie endlos gerne ich dabei und von allem Augen- und Ohrenzeuge wäre! So Du nun schon hinausziehst auf den Hügel, der freilich wohl auch noch mein Eigentum ist – das heißt, so lange ich leben werde –, so möchte ich mitziehen; aber nun muß ich der angesagten zwei Pharisäer wegen daheim verbleiben und verliere für meine Seele unberechenbar vieles. Herr, was ist nun da zu machen? Auf der einen Seite ist es mir zwar recht, daß Du Dich den schwarzen Menschen (Pharisäern) aus den Augen ziehst, aber daß Dich darum auch meine Augen nicht sehen und meine Ohren nicht mehr hören können zum Heile meiner Seele, das ist mir wahrlich gar nicht recht!

5. Ich frage darum noch einmal, was da Rechtens zu machen wäre. Soll ich die beiden Pharisäer am Ende gar nicht abwarten und mit euch hinaus auf den Hügel ziehen, oder soll ich hier verweilen, um zu erfahren, mit was für einem Anliegen sie hierherkommen werden? Aber das letztere deucht mir durchaus nicht nötig zu sein; denn Dir, o Herr, ist ja ohnehin alles bekannt und somit auch, was heute nachmittag etwa die beiden Pharisäer zu mir heraus führen könnte. Wenn es sich um nichts besonders Wichtiges handeln würde, so ließe ich die zwei Pharisäer wohl kommen – und wieder nach Hause gehen! Handelt es sich da aber um etwas auf Dich Bezug Habendes, so wäre es doch wieder gut, wenn ich daheim bliebe. – Was sagst Du, o Herr und Meister, dazu?“

6. Sagte Ich: „Du gehst mit uns; die beiden Pharisäer werden schon erfahren, wohin wir gegangen sind, und werden uns dann bald nachkommen! An Ort und Stelle werden sie schon erfahren, wie es mit dem auf Mich Bezug Habenden aussieht; denn Ich will es eben also haben, daß sie sehen sollen, was es dort draußen am bequemen Hügel alles geben wird, und ihr Mund wird ihnen auf eine gar sonderbare Weise gebunden werden. Ich Selbst werde da wenig oder nichts tun und werde die beiden bloß durch die beiden ihnen schon bekannten Römer, durch Raphael und durch die sieben Oberägypter bearbeiten lassen, und die beiden werden schweigen wie eine Mauer. Mich aber werden sie nicht erkennen und nach Mir auch wenig fragen; denn unter etlichen hundert Menschen findet man einen nicht so bald heraus.

7. Du brauchst daheim in deinem Hause aber auch nicht einmal eine Kunde zu hinterlassen, wohin du gezogen bist; sie werden das in diesem Flecken gar bald von den Kindern, Knechten und Mägden erfahren, wohin du gezogen sein wirst, und sie werden dir bald auf den Fersen folgen. Aber sei du ihretwegen gänzlich ohne alle Furcht; sie werden an dir wahrlich keine Verräter machen! Die aber an Meiner Statt reden und handeln werden, denen wird es schon eingegeben werden, was sie zu reden und was zu tun haben, und so sei du nun gänzlich ohne alle Furcht und Sorge, und gehe nun mit uns ganz guten Mutes hinaus auf den schönen Hügel, den Ich ehedem vorgeschlagen habe!“

8. Als Nikodemus das von Mir vernommen hatte, da wurde er ganz heiter und befahl seinen Leuten, nach etwa drei Stunden in gerechter Menge Brot und Wein auf den Hügel zu bringen.

9. Hierauf fragte auch Lazarus, was unterdessen mit den Jungen geschehen solle.

10. Sagte Ich: „Auch diese müssen mit uns auf den Hügel; denn Ich will es, daß nun auch diese Jungen höhere Erfahrungen machen sollen, und so sollen sie uns in guter Ordnung folgen!“

11. Nun war zum Aufbruch alles bereitet, und wir erhoben uns und gingen, nur von einigen Kindern bemerkt, hinaus an den bestimmten Ort, den wir gar bald erreichten, da er nicht weit von dem Flecken entfernt war.

12. Der Hügel war im ganzen nur bei dreißig Mannshöhen über den Flecken Emmaus erhoben, hatte aber auf seiner Höhe einen großen und freien Platz, der recht reichlich mit Gras bewachsen und gegen Norden hin etwas bewaldet war. Nahe in der Mitte des oberen Hügelraumes ragte eine Felsengruppe über den Grasboden empor, und die Felsen hatten eine Höhe zwischen einer bis zwei Mannslängen und waren von allen Seiten gut zu besteigen. Zuoberst dieser Gruppe war von Nikodemus eine nach dem Geschmacke der Zeit und des Ortes recht zierliche und geräumige Hütte erbaut, von der aus man gleich wie vom Ölberg eine gar schöne Fernsicht genoß.

13. Ich bezog mit einigen Meiner Jünger alsbald die erwähnte Hütte, die nach allen Seiten hin eine freie Aussicht bot; alle andern lagerten sich um die Felsengruppe herum und achteten wohl auf alles, was sich etwa irgendwo ereignen möchte oder könnte, oder was Ich etwa machen oder reden würde.

14. Nach einer kleinen Weile, als sich alle Anwesenden um die Felsengruppe herum mehr und mehr geordnet hatten, berief Ich Nikodemus zu Mir und sagte zu ihm: „Gib nun wohl acht; denn die beiden Erzpharisäer, begleitet von zwei Leviten, werden nun auch gleich bei uns sein! Was du, Lazarus, die Römer, Raphael und die sieben Oberägypter zu reden und zu tun haben werdet, das wird euch in den Mund und in den Sinn eures Herzens gelegt werden; doch von Mir redet vorderhand nichts zu den Blinden!“

15. Damit begab sich Nikodemus wieder auf seinen Platz, den er mit Joseph von Arimathia, mit Lazarus, den Römern, mit Raphael und den sieben aus Oberägypten einnahm, und erwartete die Angesagten, die nun auch schon auf der Fläche des Hügels in einer mürrischen Stimmung ankamen.

144. Kapitel. Pharisäer besuchen Nikodemus.

1. Als sie (die vier Pharisäer) des Nikodemus ansichtig wurden, gingen sie sogleich auf ihn zu und redeten ihn also an: „Da du wußtest, daß wir dich heute nachmittag in einer wichtigen Angelegenheit besuchen würden, so hättest du uns ehrgebührlichermaßen daheim im Hause erwarten können! Doch dieweil wir wohl sehen, daß du eine große Menge fremder Gäste um dich hast, denen du hier offenbar einen frohen Nachmittag bereiten willst, so wollen wir dich denn vor uns auch für entschuldigt halten. Wer sind aber alle die vielen Fremden? Die andern, die von hier, von Jerusalem und von der Umgegend hier sind, die kennen wir wohl; aber wer und woher sind die vielen Fremden? Gibt es heute hier in Emmaus ein Fest, von dem uns nichts angezeigt worden ist?“

2. Sagte Nikodemus: „Es gibt hier hohe Römer, Griechen, Ägypter und Indier, die heute in meiner Herberge angekommen sind, und die ich nun alle auf diesen meinen Lieblingshügel geführt habe, damit sie da an diesem schönen Tage die Aussicht genießen und sich in dieser freien Luft erheitern können. Wollt ihr aber noch ein mehreres wissen, so redet selbst mit ihnen; denn sie sind aller Zungen kundig!“

3. Hier trat Agrikola vor und sagte: „So ihr schon als Spione des Tempels hierher gekommen seid, da liegt es euch auch sicher sehr am Herzen, hier soviel als nur immer möglich Neues und Außerordentliches zu erfahren, und das sollet ihr auch!

4. Sehet, ich, der ich hier nun mit euch rede, heiße Agrikola, bin aus Rom und ein erster Diener des Kaisers und bin versehen mit aller Vollmacht! Ich kann nun im Namen des Kaisers alles mögliche anordnen und verfügen, und es muß geschehen, was ich im Namen des Kaisers gebiete. Die, die da hinter uns uns umgeben, sind meine Begleiter und auch mächtige Diener des Kaisers. Meine beiden Freunde hier, Agrippa und Laius, kennet ihr ohnehin. Da hinter der Felsengruppe sehet ihr etliche hundert junge Menschen beiderlei Geschlechts; die gehören zu Meiner Leibgarde, und die andern Männer halte ich ebenfalls zu meinem Schutz. Da vorn sehet ihr drei Weise aus Indien, deren großes Gefolge in der Nähe der Stadt untergebracht ist; auch diese gehören nun zu mir. Dahier ist ein Jüngling, der mit seinem Willen mehr vermag als alle Mächte der Erde. Und hier gleich neben uns stehen eben dieselben wundermächtigen Oberägypter, von deren Kraft euch gestern mittag die beiden Römer ganz sonderbare Dinge erzählt haben; sie kamen, die beiden Römer hier zu besuchen.

5. Und so wisset ihr nun, unter welcher Gesellschaft ihr euch befindet, und wer und woher wir sind, und was wir vermögen. Wollet ihr aber die merkwürdigen und vollkommenen Menschen selbst näher kennenlernen, so wendet euch an sie selbst; denn denen kann und darf ich nichts gebieten, weil sie selbst völlig Herren sind und alle Macht in ihrem Willen haben. Ich habe nun geredet, und nun kommt die Reihe wieder an euch!“

6. Darauf sahen die beiden Pharisäer nach der Hütte, die zuoberst der Felsengruppe erbaut war, und fragten Nikodemus, wer denn in der Hütte sich befände.

7. Nikodemus aber sagte: „Es steht geschrieben, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch um gar alles wisse, und so könnet ihr diesen Grundsatz nun auch bei euch in Anwendung bringen, wenn es euch darum zu tun ist, diese höchsten Römer nicht wider euch zu erbittern; denn soviel ich aus ihren Worten entnommen habe, so steht der Tempel eben nicht im besten Ansehen bei ihnen.“

8. Auf diese Antwort fragten die Pharisäer nicht mehr, wer sich etwa in der Hütte befände. Aber sie wandten sich nun an den ersten der sieben Oberägypter und fragten ihn, ob er wohl derselbe Mensch wäre, von dem ihnen gestern die beiden Römer so wunderbare und kaum glaubliche Dinge erzählt hätten.

9. Sagte der Oberägypter mit gar kräftiger Stimme: „Ja! Was wollet ihr von mir, ihr jedes Funkens des göttlichen Geistes bare Verfolger aller jener Menschen, die vom Geiste Gottes erfüllt waren und den anderen Menschen die Wege der lichten und lebendigen Wahrheit gezeigt haben? Redet, was ihr von mir wollet, das ich euch tun soll!“

10. Diese sehr ernste Sprache des Oberägypters wollte den beiden hohen Pharisäern eben nicht am besten behagen. Sie dachten nun nach, ob es rätlich wäre, ihn um die Wirkung eines Zeichens anzugehen.

11. Nach einer Weile erst sagten sie zum Oberägypter (die Pharisäer): „Lieber Mann, wir haben dich nur bitten wollen, ob es dir nicht genehm wäre, auch hier vor uns ein Zeichen, hervorgehend aus der Macht deines Glaubens und Willens, zu wirken. Denn wenn wir von dir schon so Wunderbares von glaubwürdigen Zeugen vernommen haben und du selbst nun hier zugegen bist, da möchten wir uns denn auch von deiner inneren Macht eine tatsächliche Überzeugung verschaffen. Wirke darum ein Zeichen vor uns!“

12. Sagte der Oberägypter: „Ja, ja, ich werde wohl eins wirken; aber ihr müsset mir zuvor kundgeben, aus welchen wichtigen Gründen – wie ihr selbst das gleich anfangs dem Nikodemus eröffnet habt – ihr mit euren Gehilfen heute hierher gekommen seid, da ihr des morgigen Sabbats wegen doch daheim hättet bleiben sollen, um für den morgigen Tag allerlei Vorbereitungen zu treffen, weil ihr an eurem Sabbat nichts tun dürfet. Saget mir den wichtigen Grund eurer heutigen Hierherkunft nur ganz klar und wahr heraus, und ich werde euch dann ein Zeichen wirken; aber kommt mir ja mit keiner Lüge! Denn so ihr mir mit einer Lüge kommt, da werde ich euch auch ein Zeichen wirken, – aber nicht zu eurem Heile, sondern zu eurem Verderben!“

13. Sagte darauf der eine Pharisäer: „Ich sehe es schon, daß man mit dir nicht hinterhältig reden kann, und so scheue ich mich auch gar nicht, hier die volle Wahrheit offen auszusprechen.

14. Sieh, in Galiläa, das auch den Juden gehört und unter Jerusalem steht, ist ein Prophet aufgestanden, der wirkt auch allerlei Zeichen und streut eine neue Lehre aus wider den Tempel und wider uns! Er verführt das Volk und wiegelt es gegen uns auf. Ja, wir wissen es, daß er sich für einen Sohn Gottes ausgibt, sich als den verheißenen Messias anpreisen läßt und uns, die wir bei der alten Lehre Mosis sind, allenthalben feindlichst begegnet. Wir aber wissen es nur zu gut, daß er der Sohn eines alten Zimmermanns ist, der samt seinem Weibe ein ganz natürlicher Mensch war. Weil der erwähnte Prophet uns aber allenthalben verfolgt, so ist es hoffentlich auch ganz in der Ordnung, daß auch wir ihn verfolgen und nach ihm fahnden.

15. Wir aber haben durch einige unserer ausgesandten Kundschafter noch in der vergangenen Nacht erfahren, daß er sich mit seinen vielen Jüngern nun noch in der Gegend von Jerusalem herumtreibe und sein uns feindliches Wesen treibe, was uns durchaus nicht gleichgültig sein kann. Man versicherte uns, daß Nikodemus, als unser Amtsgenosse, sichere Kunde von seinem Aufenthalte habe, und wir sind eben darum herausgekommen, um uns darüber mit Nikodemus zu besprechen und zu beraten, wie sich diese Sache verhalte, und was da Rechtens zu machen sei. Das, sieh, ist der ganz wichtige Grund, aus dem wir herausgekommen sind!“

16. Sagte mit sehr ernster Miene der Oberägypter: „Was würdet ihr denn dann mit dem Propheten machen, so er sich von euch irgend fangen ließe?“

17. Sagte der Pharisäer: „Wir würden ihn sofort dem Gerichte überantworten, strenge untersuchen lassen und wider ihn zeugen und ihm bezeigen, welcher Verbrechen er sich gegen uns schuldig gemacht hat. Hat er zu gewaltig gegen uns, gegen den Tempel und gegen die Satzungen verstoßen – wovon wir zum größten Teile schon völlig überzeugt sind –, so müßte er offenbar nach dem Gesetze zum Tode verdammt werden.“

145. Kapitel. Der Oberägypter enthüllt die Gedanken der Pharisäer.

1. Sagte der Oberägypter: „Seht, ich bin möglichst ein noch ganz vollkommener Naturmensch und besitze noch jene Gaben von Gott aus, durch die der Mensch als der Schluß- und Vollendungspunkt der ganzen Schöpfung zum eigentlichen Herrn der ganzen Natur, ihrer Geister und Elemente wird, und ich vermag vieles und weiß um alle menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen Dinge der ganzen Erde, von ihrer Entstehung bis zu ihrer einstigen gänzlichen Vernichtung hin, und kenne sogar alle eure moralischen, theosophischen und staatlichen Verhältnisse und verstehe auch alle Zungen, sogar die der Tiere, ohne sie je aus irgendeiner Schrift gelernt zu haben; denn alles das lehrte mich mein Geist, der mir von Gott gegeben wurde, schon in meinem neunzehnten Jahre.

2. Und somit kann ich euch sagen, daß ihr selbst euren Moses schon seit lange her vollkommen zerstört habt und habt aus zu großem Hange, über eure Nebenmenschen zu herrschen, und aus zu großem Hange zur Trägheit, zum Wohlleben und zur Hurerei und Ehebrecherei euch selbst Satzungen gemacht, durch die ihr eure Nebenmenschen quälet und peiniget. Ihr leget ihnen unerträgliche Bürden auf, die ihr selbst mit keinem Finger um Gottes willen anrühret, weil ihr bei euch an keinen Gott mehr glaubet. Denn glaubtet ihr noch an einen Gott, wie einst euer Stammvater Abraham geglaubt hat, so hättet ihr Mosis Gesetze sicher nicht zerstört, seine ihm von Gott gegebenen Gesetze nicht verdreht und nicht mit Steinen getötet die Propheten, die Gott unter euch erweckt hatte, damit sie euch allzeit anzeigeten, wie weit ihr von Seinen Wegen abgewichen seid.

3. Nun ist wahrlich der höchste und für euch auch der letzte Prophet gerade in der Zeit aufgestanden, wie sie euch durch eure Propheten geweissagt ward. Er lehrt die Wahrheit und zeigt euch, daß ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder des Teufels seid infolge eurer großen und groben Sünden gegen den Willen Gottes. Das erfüllt euch wohlbegreiflichermaßen mit Grimm und Wut gegen Ihn, und ihr trachtet, Ihn darum zu fangen und zu töten.

4. Ich als ein fremder Weiser aber sage es euch, daß auf Seine Zulassung ihr solches auch noch zur Ausführung bringen könnet und nach eurem ganz grundbösen Willen auch werdet. Aber ihr werdet nur Seinen Leib auf drei Tage lang zerstören; aber Sein ewiger und allmächtiger Geist, den ihr nicht mit dem Leibe werdet zerstören können, wird Ihn wieder, und das schon in drei Tagen, erwecken. Dann wohl allen, die an Ihn geglaubt haben; aber tausendfaches Wehe euch argen Heuchlern, Betrügern und Bedrückern der Menschen! Es wird mit euch geschehen, was euch in der vorgestrigen Nacht am Firmament gezeigt ward! – Habt ihr mich verstanden?“

5. Sagte mit einem ganz erbosten Gesichte der Pharisäer: „Wie wagst du, ein Fremdling, uns solches ins Gesicht zu sagen?! Kennst du unsere Macht? Weißt du bei deiner Allwissenheit unsere Macht nicht?“

6. Sagte der Oberägypter: „Ich sagte euch das aus eben dem Grunde, weil ich die volle Nichtigkeit eurer und die vollste Wahrheit meiner Macht, die vor tausendmal tausend Kriegern nicht beben würde, nur zu klar und zu wohl kenne! Ich sagte euch nur die Wahrheit. Warum wollet ihr sie zu eurem noch immer möglichen Heile nicht hören? Weil ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder eures höchsteigenen Teufels seid! Darum ärgert euch nun das, was ich euch gesagt habe, und darum auch wollet ihr den Heiligen Gottes töten! Aber glaubet es mir, daß ich wirklich keine Furcht vor euren zornglühenden Gesichtern habe; den Grund davon soll euch gleich ein von mir zu wirkendes Zeichen aufdecken! Sehet ihr da oben hoch in den Lüften mehrere Riesenadler umherschweben?“

7. Die Pharisäer und auch die Leviten sahen empor und erblickten auch gleich zwölf dieser gefürchteten Riesenadler, und ein Pharisäer sagte: „Und was sollen diese Tiere bedeuten?“

8. Sagte der Ägypter: „Diese Tiere habe ich eben zu dem Behufe hierher gerufen, um euch zu zeigen, wie ein vollkommener Mensch ein Herr der gesamten Natur ist. Ich rufe sie aber nun auch sogleich alle herab, damit ihr sie in eurer vollen Nähe genauer beobachten könnet!“

9. Hierauf machte der Ägypter mit seiner rechten Hand nur einen Zug, und die Riesenadler schossen wie Pfeile herab und umstellten die Templer. Diese erschraken gewaltig und baten den Ägypter, daß er diesen gar wild und grimmig sich gebärdenden Tieren denn auch gebieten solle, daß sie ihnen nichts zuleide täten!“

10. Sagte der Ägypter: „Fürchtet ihr euch schon gar so gewaltig vor diesen Tieren? Wie kommt es denn, daß ihr Den, nach dem ihr fahndet, und der endlos mehr vermag denn ich, nicht fürchtet?

11. Seht, wie gar entsetzlich blind, dumm und blöde ihr seid und dadurch auch im höchsten Grade böse und rachgierig! Ein wahrhaft Weiser ist das nie; er wird den Narren ihre Unart wohl strenge verweisen und sie erst dann in ein sie züchtigendes Gericht stürzen, wenn sie schon einmal so verstockt, arg und böse geworden sind, daß ihnen zu ihrer Besserung mit keiner Vernunft mehr beizukommen ist, wie das bei euch Templern vollkommen der Fall ist. Was könnte mir denn geschehen, so ich euch nun von diesen mir sehr gehorsamen Tieren zerfleischen ließe? Ich sage es euch: nicht das Geringste!

12. Ihr meinet freilich, daß ich mit euch vieren bald fertig würde, – aber was dann, wenn ein bewaffnetes Heer mich umringte und mit scharfen Pfeilen nach mir schösse? Dann würde ich mit dem ganzen Heere das machen, was ich nun, um euch einen Beweis zu liefern, bloß mit meinem Willen auf einige Augenblicke mit euch machen werde und nun schon gemacht habe! Versuchet nun, weiterzugehen oder von euren Händen Gebrauch zu machen! Nur eurer Zunge lasse ich die volle Freiheit, sonst aber gleichet ihr der Salzsäule, zu der Lots Weib durch ihren Ungehorsam geworden ist.“

13. Hierauf versuchten die viere, die Füße vom Boden zu heben und die Hände zu bewegen, was aber unmöglich war. Daher baten sie den Ägypter inständigst, daß er sie von diesem qualvollsten Zustande befreien möchte; denn sie seien gesonnen, ihre Gesinnung zu ändern.

14. Sagte der Ägypter: „Das werdet ihr schwerlich; aber ich lasse euch dennoch frei!“

15. Hier konnten sie wieder ihre Füße und Hände frei bewegen, und der eine Pharisäer sagte: „Weil dir solch eine unbegreifliche Macht eigen ist, so könntest du ja schon lange irgendein allermächtigster Herrscher über die ganze Welt werden. Wer könnte dir einen Widerstand leisten?“

16. Sagte der Ägypter: „Ich bin aber kein blinder Weltnarr, wie ihr es seid; mir liegt alles nur an der wahren Erkenntnis des einen, wahren Gottes, an Seiner lebendigen Gnade und Liebe, und daß ich genau erkenne den heiligen Willen des ewigen Vaters, um strenge nach demselben zu handeln, – und seht, das ist endlos mehr denn alle Schätze der Erde!

17. Würdet ihr als sein sollende Priester auch dasselbe tun, so würde euch das mehr nützen denn all euer vieles Gold und Silber und alle eure Edelsteine.

18. Solange euer einstiger König Salomo nicht auf einem goldenen Throne saß und goldene Gemächer bewohnte, war er weise, und in seinem Willen lag eine große Macht; als er aber bald nachher mit des Goldes Glanz umgeben war, verlor er Weisheit und Macht und fiel aus der großen Gnade Gottes. Was nützten dann dem Schwächlinge seine unermeßlichen Weltschätze, so er am Ende sogar am Dasein Gottes zu zweifeln begann?!

19. Aber Salomo war bei allen seinen Zweifeln in seiner letzten Zeit dennoch um vieles besser, als ihr nun seid. Seine Pracht- und seine große Weibergier also haben Salomo dem Herrn mißfällig gemacht, weil Salomo Seiner nicht achtete, obschon Er ihm zweimal erschienen war, mit ihm geredet hatte und ihn warnte, je von Seinen Wegen abzuweichen. Die Folge davon war, daß sein großes Reich geteilt und seinem Sohne nur das kleine Gebiet um Jerusalem belassen wurde; und selbst diese Gnade wurde dem Salomo nur um seines Vaters David willen erteilt. Euch aber wird gar keine Gnade mehr erteilt werden, sondern ihr werdet untergehen im Pfuhle eurer zahllos vielen Sünden und eurer gänzlichen Unverbesserlichkeit!“

146. Kapitel. Die Züchtigung des reichen Barabe.

1. Sagte der eine Pharisäer: „Wie kannst du denn das von uns so bestimmt behaupten? Warum sollen denn wir, so wir denn schon gar so große Sünder sein sollen, uns nicht auch bessern können? Laßt uns nur die volle Wahrheit sehen und erkennen, daß der Prophet aus Galiläa im Ernste das Heil der Juden ist, und wir wollen an ihn glauben!“

2. Sagte der Ägypter, auf die zwölf Adler hindeutend: „Da sehet hin! Diese wilden Raubvögel werden eher an Ihn glauben denn ihr! Hat Er denn nicht schon zu öfteren Malen bei euch im Tempel gelehrt, und hat Er nicht vor euren Augen die größten Zeichen gewirkt? Warum glaubtet ihr Ihm denn nicht?! Je mehr Er lehrte, und je größere Zeichen Er wirkte, desto mehr stieg euer Zorn und eure Rachgier gegen Ihn! Wenn aber das bei euch unbestreitbar der Fall ist, wie könnet ihr da sagen, daß ihr das nur tut, um die volle Wahrheit zu erkennen und dessen gewiß zu werden, daß Er der Heilbringer für Israel ist, an den ihr glauben würdet? Ich aber frage euch, wer in der Welt Ihn euch wohl noch besser soll kennen lehren als gerade Er Selbst. Glaubet ihr Ihm nicht, – wem wollet ihr dann glauben und euch darum bessern?“

3. Sagte der Pharisäer: „Man glaubt oft einem Zeugen eines Propheten eher als dem Propheten selbst!“

4. Sagte der Ägypter: „Auch an denen hattet ihr keinen Mangel; denn erstens zeugten von Moses an alle Propheten für Ihn, und dann habt ihr in dieser Zeit lebende Zeugen genug gehabt. Warum glaubtet ihr denn ihnen nicht? Sie haben Ihn vor euch verkündet, und ihr habt sie mit Steinen erschlagen, und dem letzten ließet ihr mit dem Beile den Kopf vom Leibe schlagen. Und ihr saget: ,Wir wollen den Zeugen eher glauben als dem Propheten selbst!‘ Wo der Meister nichts ausrichtet, was sollen da Seine schwachen Zeugen tun?

5. Ja, ja, vor mir habt ihr nun eine Höllenfurcht, weil ich als ein völlig Fremder euch gezeigt habe, was ein vollkommener Mensch vermag; aber vor dem ersten und größten Menschen, der ein Gott ist, habt ihr keine Furcht, weil Er euch nach Seiner unermeßlichen Liebe, Geduld und Erbarmung bis jetzt noch immer als Seine ersten Kinder behandelt hat. Aber ich sage es euch, daß ich als ein vollkommener Mensch das allereigentlichste Garnichts gegen Ihn bin; denn Er allein ist der Herr meines und eures Lebens und Heiles. Das ist und bleibt eine ewige Wahrheit.

6. Euer Zorn und Grimm gegen Ihn wird sich ewig nicht mindern. Da sehet hier meine Tiere an! Sooft ich Seiner nur erwähne, neigen sie ihre Köpfe bis zur Erde hinab, – und in eurer Brust vermehrt sich dabei der unauslöschbare Groll! Diese Tiere beschämen sonach eure Weisheit und Würde; ihr aber sinket stets tiefer in den Pfuhl eures Verderbens hinab. Und ihr saget noch, daß ihr euch bessern könntet, so ihr die Wahrheit erkennen würdet? Wie kann aber ein Blinder das Licht schauen und begreifen, so in ihm kein Licht waltet und walten kann, weil er ein Stockblinder ist? Ebensowenig könnet ihr eine Wahrheit begreifen, weil in euch noch nie eine Wahrheit bestanden hat.

7. Wer die Wahrheit fassen und begreifen will, der muß zuvor selbst aus der Wahrheit hervorgegangen sein. Ihr aber seid schon von euren Ureltern her Kinder der Lüge gewesen, – wie wollet ihr nun die größte und heiligste aller Wahrheiten auf einmal fassen und begreifen?! Kurz, ihr bleibet in euren alten Sünden und werdet auch den Lohn für eure Werke erhalten!“

8. Hier fingen die Riesenadler an, um die Pharisäer sehr zweideutige Bewegungen zu machen, und diese bekamen große Angst und baten den Ägypter abermals, daß er vermitteln möchte, daß sie ihnen nichts zuleide täten.

9. Sagte der Ägypter: „Wahrlich, euer elendes Fleisch wäre für diese edlen Tiere zu schlecht! Aber sehet, da unten weidet eine Herde Schafe bis zum Fuße dieses Hügels! Diese gehören einem gewissen Barabe, einem äußerst reichen Bürger von Jerusalem, der eine höchst arme Familie, die einst sogar in seinen Diensten stand, dort in jener schon sehr verfallenen Schafhütte vollends hat zugrunde gehen lassen. Er gab ihr wohl auf eine kurze Zeit das Recht, in jener schlechten Hütte zu wohnen; da aber ihre arge Krankheit zu lange andauerte und in dieser Zeit so arg wurde, daß für ihn gar keine Aussicht mehr vorhanden war, daß sie einmal sowieso enden werde, so wurde ihm die Sache zu langweilend und sogar sehr bedenklich, weshalb er denn auch unter dem Vorwande, daß jene Hütte wegen der Zunahme seiner Herden ganz neu in einen guten Zustand gebracht werden müsse, den Befehl gab, daß die arme Familie sich noch am heutigen Tage als halbtot aus der ohnehin elendsten Hütte zu entfernen habe. Oh, welch ein edler und barmherziger Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs!

10. Da aber kam der allwissende und von euch so sehr verhaßte Prophet aus Galiläa zu der besagten höchst armen und gänzlich verlassenen Familie, deren Kinder nackt um Brot bettelten und keins bekamen, obschon dieser Ort der Brotbackofen von beinahe ganz Jerusalem ist, gab den Eltern durch Seinen allmächtigen Willen Gesundheit, dann Brot, Wein und eine ganz anständige und gute Bekleidung und führte sie durch jenen hohen Römer aus jener elendsten Herberge.

11. Dort, inmitten der besagten hohen Römer, stehen die Eltern und ihre armen Kinder und sind nun schon bestens versorgt. Und sehet, das alles tat euer verhaßter Prophet!

12. Ihr als sein sollende Priester Gottes aber habt nun nichts Eifrigeres und Notwendigeres zu tun, als Tag und Nacht in eurer Räuberhöhle und Mördergrube von einem Gottestempel Rat zu halten, wie ihr diesen größten Wohltäter der armen Menschheit töten und vernichten könntet!

13. Saget es selbst: Mit welchen reißenden Wald- und Wüstenbestien seid ihr da wohl zu vergleichen? Wahrlich, der Bürger Barabe ist elend und schlecht; aber ihr seid noch um viele tausend Male schlechter! Denn Barabe wird dem großen Propheten sogar noch dankbar sein, daß er ihm seine Hütte geräumt hat; doch in euch wächst der geheime Grimm nur noch mehr, weil euch der große Prophet zu unendlich in eurer nichtigsten Kraft, Macht und Erbarmung übertrifft! Und so soll nun der Barabe auch mäßiger gezüchtigt werden für seine große Unbarmherzigkeit!

14. Da sehet die Riesenadler an! Sie sollen, weil ihr ihnen zur Speise – wie ich schon bemerkt habe – viel zu elend und schlecht wäret, sich an der Herde des gar so gutherzigen Barabe sättigen, und damit sie mit der Herde leichter fertig werden, so sollen sie von ebensoviel Wölfen und Bären unterstützt werden! Ich will es, und so geschehe es!“

15. Als der Ägypter solches ausgesprochen hatte, da erhoben sich plötzlich die Riesenadler, stürzten sich hinab auf die unten weidenden Schafe, und ein jeder hob eins, es in seinen Krallen festhaltend, empor und flog damit den Bergen zu. Zugleich aber bemerkte man auch unten auf der Weide schon eine Menge Wölfe und Bären, durch die dann die ganze große Herde völlig zerstört und mit Gier aufgefressen wurde, – bei welcher Gelegenheit die Hirten wohl die eiligste Flucht ergriffen haben.

16. Da schauten die vier Templer ganz verblüfft in das Tal hinab, und keiner getraute sich, sich darüber auch nur mit einem Worte weder dafür noch dawider zu äußern.

147. Kapitel. Das Versprechen der Pharisäer.

1. Der Ägypter aber fragte sie, sagend: „Nun, wie gefallen euch zum Beispiel diese nun von mir gewirkten Zeichen?“

2. Keiner getraute sich mehr, diesem Wundermann eine Antwort zu geben; denn sie hatten, ihrer Frevel sich bewußt, eine zu große Angst und Furcht vor ihm!

3. Er aber sagte: „O ihr elenden Heuchler! Vor mir habt ihr nun wohl Furcht, weil ihr solches von mir gesehen und erfahren habt; aber Den suchet ihr zu fangen und zu töten, durch dessen allmächtigen Willen, den ich kenne, ich nun das alles gewirkt habe! O ihr elend blinden Narren! Wer ist denn mehr: der Herr oder der Knecht, der Meister oder der schwache Jünger? Bebet ihr nun vor mir schon so sehr, wie werdet ihr denn vor Seinem Angesichte bestehen?!“

4. Sagten mit einer ganz verzagten Stimme die Pharisäer: „Ja, ja, du überaus mächtiger Mann, du hast nun ganz richtig und wahr gesprochen; aber wir können denn am Ende und im Grunde des Grundes doch nicht dafür, daß der Tempel sich gegen den Propheten aus Galiläa gar so feindlich stellt! Der Tempel mit seinen Einrichtungen ist ein noch immer weltlich mächtiger Strom; wir befinden uns inmitten dieses Stromes und können unmöglich gegen seine Wogen schwimmen! So aber schon der mächtige Prophet den Tempel nicht umwandeln mag oder will, was sollen dann wir ohnmächtigen Mitglieder desselben gegen ihn vermögen?! Ja, hätten wir deine uns unerklärliche Macht, da wollten wir den hohen Priesterrat bald umgestimmt haben; aber allein mit puren Worten ist das unmöglich. Wir können uns in der Folge höchstens einer Mitstimmung gegen den großen Propheten enthalten oder den Tempel auch verlassen, das heißt, wir können uns in ein mehr privates Leben mit unseren Mitteln zurückziehen, – aber umändern können wir den Tempel nicht, was du mit deiner wahrlich großen Weisheit gar wohl einsehen wirst. Aber du und noch mehr der große Prophet könntet den Tempel und seine Diener mit solchen Zeichen schon umändern; aber wir allein können das nicht.“

5. Sagte der Ägypter: „Das, was ihr da zu eurer Entschuldigung nun vorgebracht habt, weiß ich nur zu gut; aber ich weiß auch, daß eben ihr, streng an der Seite eures Hohenpriesters, es seid und waret, die den eigentlichen Kern der grellsten Feindschaft gegen den größten Propheten, den je die Erde getragen hat, bildetet, – und das ist arg und böse von euch.

6. Ich aber sage es euch nach der ewigen Weisheit Gottes in mir: Der große Meister, voll des Geistes Gottes und aller Seiner Kraft und Macht, will die Menschen nicht durch pure Zeichen, sondern vielmehr durch Seine reinste und weiseste Lehre auf den Weg des Lichtes und des Lebens setzen, weil die Zeichen die Menschen wohl nötigen, an Ihn und Sein Wort zu glauben, – aber sie verschaffen niemandem eine innere freie und lebendige Überzeugung von der großen Wahrheit; solange aber dem Menschen diese fehlt, die er sich nur durch das genaue Handeln nach der Lehre verschaffen kann, so lange ist er der Seele nach auch noch als ein Toter anzusehen. Denn der pure, blinde und genötigte Glaube gibt dem Menschen kein inneres, wahres Leben, sondern nur der lichtvolle und durch das Handeln lebendige Glaube, und dieser wird nie und nimmer durch äußere Wunderzeichen, sondern nur durch das lebendige Wort der ewigen Wahrheit aus Gott von jenem Menschen erreicht, der es als solche Wahrheit annimmt und danach tätig wird.

7. Da aber das der große Meister aus Galiläa wohl am allerklarsten weiß und einsieht, was Seinen Menschen zum wahren Heile gereicht, so wirkt Er Selbst offen vor der Welt auch nur wenige Zeichen, sondern lehrt sie nur den Willen Gottes der vollen Wahrheit nach erkennen und muntert sie auf, denselben auch zu erfüllen; Zeichen aber wirkt Er nur, wo Er es wohl einsieht, daß sie niemandem an seiner Seele schaden können.

8. Er will darum aber auch dem Tempel keinen Zwang antun und läßt ihn frei walten; wenn aber der Tempel nicht nachlassen wird, so wird der Tempel samt seinem ganzen Anhange dem Gericht und seinem Untergange überlassen werden. Das merket euch wohl und schreibet es euch hinter die Ohren! Denn Gott, der ist, ewig war und ewig sein wird, läßt mit Sich nicht scherzen, da Er Selbst in Seinem höchsten göttlichen Ernste die Menschen für eine wahre, ewige Seligkeit bestimmt hat.

9. Denn wenn es um den Menschen so etwas ganz Geringfügiges wäre, so würde ihn Gott erstens nicht wunderbar weise und kunstvoll eingerichtet haben, so daß er schon seinem Leibe nach ein höchstes Meisterwerk der gesamten materiellen Schöpfung ist, und zweitens würde Er ihm nicht eine Seele gegeben haben, die Ihm, dem Schöpfer, selbst in allem ähnlich werden kann, wenn sie das nur ernstlich will, – und drittens würde Er nicht schon so oft zu den Menschen Selbst geredet und sie belehrt haben, was Sein Wille ist, welche Absichten Er mit ihnen hat, und was sie erreichen können.

10. Wenn ihr nun das wohl bedenket und euer ganz verkehrtes Leben dagegen betrachtet, so werdet ihr es doch einsehen, wie sehr ihr stets mit Wort und Tat dem göttlichen Willen zuwiderhandelt, und ihr müsset daraus auch das erkennen, daß ihr eben aus dem Grunde, daß ihr dem göttlichen Willen allzeit widerstrebt habt, nun auch den großen Meister aus Galiläa also hasset und verfolget! Der zeigt euch nur zu klar, daß alle eure Werke wider den Willen Gottes und somit vollends böse sind! – Habt ihr mich wohl verstanden?“

11. Sagten die Pharisäer: „O ja, verstanden haben wir dich schon, und du hast auch ganz wahr geredet; aber wir sehen auch leider ein, daß wir im Tempel dadurch keine große Änderung bewirken werden, wenn wir im Rate auch alles das, was wir hier erlebt haben, getreu kundgeben werden. Übrigens werden wir uns vom hohen Rate die Zungen nicht binden lassen und werden ihm unser Bedenken ganz offen dartun. Wir für uns aber werden fortan keine Gegner des großen Galiläers mehr